ICD- 10
literarisch
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Ein Lesebuch
ßir die Psychiatrie
Prof. Dr. Gerhard Köpf
Mil einem Vorwon und Kommentaren
von Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller
ICD- 1 0 literarisch
ICD- 10
literarisch
Prof. Dr. Gerhard Köpf
Mit einem Vorwort und Kommentaren
von Profi Dr. Hansjürgen Möller
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
ICD- 1 0 literarisch / Gerhard Köpf (Hrsg.)
Wiesbaden: DUy Dt. Univ. -Verlag, 2006
(DUV: Medizin)
ISBN 3-8350-6035-X
Herausgeber: Gerhard Köpf
Mit einem Vorwort und Kommentaren von Hans-Jürgen Möller
1 . Auflage Mai 2006
Alle Rechte Vorbehalten
© DUV /GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006
Der Deutsche Universitäts- Verlag ist ein Unternehmen der
Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer.
www.duv.de
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zeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der
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wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
ISBN 3-8350-6035-X
Qiaellenverzeichnis
© 2000 by C.H. Beck, München. John Bayley. Elegie für Iris. Aus
dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk
© 2002 by Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Jonathan Franzen. Das Gehirn meines Vaters. Aus: Anleitung zum
Einsamsein. Essays. Deutsche Übersetzung von Chris Hirte
© 1963, 1974, 1984 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Ham-
burg. Malcolm Lowry. Unter dem Vulkan. Deutsche Übersetzung
von Susanna Rademacher und Karin Graf
© 1 988 by Manesse Verlag, Zürich, in der Verlagsgruppe Random
House GmbH, München. Charles Baudelaire. Die künstlichen Para-
diese. Aus: Die Dichtung vom Haschisch. Aus dem Französischen über-
setzt von Hannelise Hinderberger. S. 23-25, 28- 30, 37-38, 42-46, 55
© 1982 by Medusa, Wien, Berlin. Thomas de Quincey. Bekenntnisse
eines englischen Opiumessers. Übertragen von Walter Schmiele
© 1995 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Italo
Svevo. Über das Rauchen. Aus: Die Kunst, sich das Rauchen nicht
abzugewöhnen. Von Greisen, Dichtern und letzten Zigaretten. Copy-
right für die deutsche Übersetzung von Ragni Maria Gschwend
© 1983 by Carl Hanser Verlag, München - Wien. Italo Calvino. In
einem Netz von Linien, die sich verknoten. Aus: Wenn ein Reisender
in einer Winternacht. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
© 1964 by Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart. Guy de
Maupassant. Der Schmuck, Der Teufel, Der Horla. Novellen. Über-
setzung aus dem Französischen und Nachwort von Ernst Sander
© 2001 by Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart. Johann
Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werthers. Nachwort
von Ernst Reuter
© 1947, 1992 by Sammlung Dieterich, Verlagsgesellschaft mbH, Ber-
lin. Anton Tschechow. Ein Fall aus der Praxis: Aus: Meisterer-
5
Quellenverzeicimis
Zählungen. Aus dem Russischen von Reinhold Trautmann, eingelei-
tet von Rudolf Marx, Sammlung Dieterich 54
© 2000 by Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart. Hugo von
Hofmannsthal. Ein Brief Aus: Der Brief des Lord Chandos
© 1987 by Diogenes Verlag AG, Zürich. Patrick Süskind. Die Taube
© 2004 by Matthes & Seitz, Verlagsgesellschaft mbH, Berlin. Friede-
rike Kempner. Gedichte. Noctorno
© 1984 by Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main. Brüder Grimm:
Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm in
drei Bänden. Mit Zeichnungen von Otto Ubbelohde und einem Vor-
wort von Ingeborg Weber-Kellermann
© 1982 by Armin Ayren, Wunderhch, Tübingen. Armin Ayren. Buhl
oder Der Konjunktiv
© 1982 by Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Ernst Weiß. Der
Augenzeuge
© 1991 by Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Gees Nooteboom.
Die folgende Geschichte. Aus dem Niederländischen von Helga von
Beuningen
© 1986 by Heyne, München. Robert Louis Stevenson. Henry Jekylls
vollständige Erklärung. Aus: Unheimhche Geschichten Bd. 1 . Ausge-
wählt und herausgegeben von Manfred Kluge
© 1901 by S. Fischer Verlag, Berhn. Thomas Mann. Buddenbrooks
© 1 98 1 by Philipp Reclam jun. GmbH & Go., Stuttgart. Moliere. Der
eingebildete Kranke. Komödie in drei Aufzügen. Übersetzung und
Nachwort von Doris Distelmaier-Haas
© 1986 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Franz Kaf-
ka. Die Verwandlung. Aus: Erzählungen. Hrsg, von Max Brod
© 1975 by Luchterhand, Darmstadt und Neuwied. Franz Hohler.
Bedingungen für die Nahrungsaufnahme. Aus; Der Rand von
Ostermundigen. Geschichten
© 1963 by Carl Hanser Verlag, München - Wien. Jean Paul. Sämt-
liche Werke. Bd. 6. Herausgegeben von Norbert MiUer. Nachwort
von Walter Hollerer
© 1920 by Georg Müller Verlag, Münehen. August Strindberg. In-
ferno. Aus: Werke. Deutsche Gesamtausgabe. Inferno. Legende.
Deutsch von Emil Schering
© 1956 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Heinrich
von Kleist. Michael Kohlhatis. Aus einer alten Chronik. Aus: Die Er-
zählungen. Mit einer Einleitung von Thomas Mann
6
Qmlknverzeichnis
© 1980 by Paul Zsolnay Verlag, Wien. Graham Greene. Dr. Fischer
aus Genf oder Die Bomben-Party. Roman. Aus dem Englischen von
Peter Michael und Hans W. Polak
© 1963 by Verlag C.H. Beck, München. Heimito von Doderer. Die
Heilungen. Aus: Die Merowinger oder Die totale Familie. Die erste
Auflage dieses Werkes ist im Biederstein Verlag erschienen
© 1961 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Arthur
Schnitzler. Die erzählenden Schriften. 2. Band
© 1992 by Philipp Reclam jun. GmbH & Go., Stuttgart. Fjodor M.
Dostojewskij. Der Spieler. Aus den Aufzeichnungen eines jungen
Mannes. Übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Markstein
© 2005 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Gerhard
Roth. Das Labyrinth
© 2002 by Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg, Bombay,
Friesland. Leopold Günther-Schwerin. Der Kleptomane. Mit freund-
licher Genehmigung der Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Mirko
Schädel
© 1990 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Virginia
Woolf Orlando. Gesammelte Werke. Prosa 7. Deutsch von Brigitte
Walitzek
© 2000 by F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.
Pauline Reage. Geschichte der O. Rückkehr nach Roissy. Aus dem
Französischen von Simon Saint Honore
© 2002 by Diogenes Verlag A(j, Zürich. Patricia Highsmith. Der
Schrei der Eule. Aus dem Amerikanischen von Irene Rumler
© 1968 by Insel Verlag, Frankfurt am Main. Leopold von Sacher-
Masoch. Zwei Verträge. Aus: Venus im Pelz. Mit einer Studie über
den Masochismus von Gilles Deleuze
© 1993 by Steidl, Göttingen. Günter Grass. Die Blechtrommel.
Werkausgabe Bd. 3. Erstausgabe September 1959
© 1992 by Paul Zsolnay Verlag, Wien. John Steinbeck. Von Mäusen
und Menschen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth
Rotten
© 1983, 2003 by Piper Verlag GmbH, München. Sten Nadolny. Das
Dorf Aus: Die Entdeckung der Langsamkeit
© o. J. by Xenos Verlagsgesellschaft, Hamburg. Heinrich Hoffmann.
Die Geschichte vom Zappel-PhUipp. Aus: Der Struwwelpeter. Lustige
Geschichten
7
Inhaltsverzeichnis
Quellenverzeichnis 5
Vorwort Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller 15
Einleitung Prof Dr. Gerhard Köpf 21
FO: Dementielle Erkrankungen 33
Einführung zu John Bayley 37
John Bayley; Elegie für Iris 38
Kommentar 43
Einführung zu Jonathan Franzen 45
Jonathan Franzen: Das Gehirn meines Vaters 46
Kommentar 70
Fl: Psychische Verhaltensstörungen durch psychotrope
Substanzen 73
Einführung zu Malcolm Lowry 77
Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan 78
Kommentar 84
Einführung zu Charles Baudelaire 85
Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese 86
Kommentar 92
Einführung zu Thomas de Quincey 93
Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers 94
Kommentar 103
Einführung zu Italo Svevo 104
Italo Svevo: Über das Rauchen 105
9
Inhaltsverzeichnis
Kommentar 110
F2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen 113
Einführung zu Italo Calvino 117
Italo Calvino: In einem Netz von Linien 1 18
Kommentar 124
Einführung zu Guy de Maupassant 126
Guy de Maupassant: Der Horla 127
Kommentar 153
F3: Depression und Suizidalität 155
Einführung zu Johann Wolfgang von Goethe 159
J. W. von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers 160
Kommentar 169
Einführung zu Anton Tschechow 171
Anton Tschechow: Ein FaU aus der Praxis 172
Kommentar 183
Einführung zu Hugo von Hofmannsthal 185
Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief 186
Kommentar 196
F4; Angststörungen, dissoziative Störungen, somatoforme
Störungen, Somatisierungsstörung, hypochondrische
Störung, Depersonalisationssyndrom 199
Einführung zu Patrick Süskind 201
Patrick Süskind: Die Taube 202
Kommentar 205
Einführung zu Friederike Kempner 207
Friederike Kempner: Finster und stumm 208
Kommentar 209
Einführung zu den Brüdern Grimm 210
Brüder Grimm: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen .211
Kommentar 219
10
Inhaltsverzeichnis
Einführung zu Armin Ayren 220
Armin Ayren: Buhl oder Der Konjunktiv 221
Kommentar 222
Einführung zu Ernst Weiß 224
Ernst Weiß; Der Augenzeuge 225
Kommentar 230
Einführung zu Gees Nooteboom 231
Gees Nooteboom: Die folgende Geschichte 232
Kommentar 234
Einführung zu Robert Louis Stevenson 236
Robert Louis Stevenson: Henry Jekylls vollständige Erklärung..,. 237
Kommentar 253
Einführung zu Thomas Mann 255
Thomas Mann: Buddenbrooks 256
Kommentar 262
Einführung zu Möllere 264
Moliere: Der eingebildete Kranke 265
Kommentar 267
Einführung zu Franz Kafka 268
Franz Kafta: Die Verwandlung 269
Kommentar 274
F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen
und Faktoren 275
Einführung zu Franz Hohler 277
Franz Hohler: Nahrungsaufnahme 277
Kommentar 281
Einführung zu Jean Paul 283
Jean Paul: Die Kunst, einzuschlafen 284
Kommentar 288
Einführung zu August Strindberg 290
II
InhaUsmzeickms
August Strindberg: Inferno 291
Kommentar 296
F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen 297
Einführung zu Heinrich von Kleist 301
Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas 302
Kommentar 308
Einführung zu Graham Greene 310
Graham Greene: Doktor Fischer aus Genf 311
Kommentar 32 1
Einführung zu Heimito von Doderer 322
Heimito von Doderer: Die Merowinger 323
Kommentar 329
Einführung zu Arthur Schnitzler 330
Arthur Schnitzler: Fräulein Else 331
Kommentar 355
Einführung zu Fjodor M. DostojewskiJ 356
Fjodor M. Dostojewskij: Der Spieler 357
Kommentar 368
Einführung zu Gerhard Roth 369
Gerhard Roth: Das Labyrinth 370
Kommentar 372
Einführung zu Leopold Günther-Schwerin 373
Leopold Günther-Schwerin: Der Kleptomane 374
Kommentar 388
Einführung zu Virginia Woolf 390
Virginia Woolf: Orlando 391
Kommentar 393
Einführung zu Pauline Reage 394
Pauline Reage: Geschichte der O 395
Kommentar 401
12
Inhaltsverzeichnis
r
Einführung zu Patricia Highsmith 402
Patricia Highsmith: Der Schrei der Eule 403
Kommentar 409
Einführung zu Leopold Sacher-Masoch 410
Leopold Sacher-Masoch: Zwei Verträge 411
Kommentar 413
Einführung zu Günter Grass 414
Günter Grass: Die Blechtrommel 415
Kommentar 417
F7: Intelligenzminderung 419
Einführung zu John Steinbeck 421
John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen 422
Kommentar 433
F8: Entwicklungsstörungen 435
Einführung zu Sten Nadolny 437
Sten Nadolny: Das Dorf 438
Kommentar 439
F9: Verhaltensstörungen 441
Einführung zu Heinrich Hofimann 443
Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom Zappel-Phüipp 444
Kommentar 447
13
/
Vorwort
Die literarische Darstellung von psychischen Erkrankungen ist offen-
sichtlich für viele Schriftsteller von Interesse, wie die große Anzahl
diesbezüglicher Elemente in Erzählungen und Romanen zeigt. Na-
türlich spielen diese Darstellungen nicht immer die Hauptrolle in lite-
rarischen Werken, sondern sind z.T. nur ein Nebenaspekt im Rah-
men eines größeren Werkes. Von den in der Literatur so zahlreichen
Publikationen konnten hier aus Platzgründen nur einige wenige zu-
sammengestellt werden. Insofern ist das Buch eher als eine Beispiel-
sammlung anzusehen.
Doch was bringt Schriftsteller dazu, eine psychische Krankheit als Su-
jet zu wählen? Wahrscheinlich gibt es eine Vielzahl von Motivatio-
nen. Unter anderem könnte es darum gehen, am Beispiel psychischer
Erkrankungen Grenzerfahrungen menschlicher Existenz darzustel-
len. Auch mag bei einigen Darstellungen die Fremdheit oder die
Skurrilität der Symptomatik einer bestimmten psychischen Erkran-
kung den Schriftsteller faszinieren. Das Interesse der Schriftsteller an
psychischen Erkrankungen steht offensichtlich auch im Zusammen-
hang mit der Entwicklung der Psychiatrie und den immer genaueren
Beschreibungen und verbesserten ätiopathogenetischen Vorstellun-
gen über psychische Erkrankungen. So ist zu beobachten, dass im 19.
Jahrhundert, als sich erstmals eine wissenschaftlich orientierte Psy-
chiatrie entwickelt insbesondere verkörpert durch die französische
Psychiatrie mit den Autoren Pinel und Esquirol - Depressionen, Sui-
zid und Wahnerkrankungen zu einem viel beachteten Sujet der Lite-
ratur wurden und dann von dort z.T. in Opernlibretti übernommen
wurden, die dann wiederum die Komponisten zu interessanten musi-
kalischen Kompositionen verleiteten.
Eine interessante Frage ist, wie die Autoren mit dem Krankheitsbild
umgehen. Bilden sie es genau ab, oder bleiben sie eher im Ungenau-
15
Vorwort
en, Vagen, Allgemeinen? Wie berichten sie über Symptome psychi-
scher Erkrankungen bzw. über Krankheitsursachen: eher fachmän-
nisch oder laienhaft? Steht die Darstellung der Krankheit im Zen-
trum oder ist sie nur ein Beiwerk des Romans bzw. Mittel zum Zweck?
Wird sie vielleicht nur eingefiihrt, um daran die besondere Bezie-
hungsstruktur zweier Menschen darzustellen? Diese und andere Fra-
gen stellen sich, wenn man Darstellungen psychiatrischer Erkrankun-
gen in der Literatur aus psychiatrischer Sicht kommentiert.
Der Titel »ICD- 10 literarisch« beschreibt ein Programm, das eigent-
lich aus psychiatrischer Sicht von vornherein zum Scheitern verurteilt
ist, da sich die ICD- 10 erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte.
Wenn man wirklich das Thema so stringent nehmen wollte, wie es
formuliert ist, könnte man eigentlich nur Literatur aus der Zeit wäh-
len, die nach der Entwicklung der ICD- 10 publiziert wurde. Ein
schneller Blick in das Inhaltsverzeichnis macht aber deutlich, dass die
für das Buch zusammengestellten Beispiele weit vor die Zeit der ICD-
10 zurückgehen und u.a. Werke aus dem 19. Jahrhundert miteinbe-
ziehen. Die ICD- 1 0 ist zwar das von der Weltgesundheitsorganisation
international vorgeschriebene Klassifikationssystem psychiatrischer
Erkrankungen, sie stellt aber keine »Neuerfindung« von Krankheits-
konzepten dar. Die in der ICD- 10 dargestellten bzw. definierten
psychiatrischen Krankheitskonzepte gehen auf eine ältere Systematik
psychiatrischer Erkrankungen zurück, die z.T. noch aus dem 19. Jahr-
hundert stammt und insbesondere durch die systematisierende Arbeit
Kraepelins vor ca. 100 Jahren eine wichtige Neugliederung erfuhr.
Auch andere Autoren in der ersten Hälfte der letzten 1 00 Jahre haben
sehr wesentlich zur Ausformung der Systematik der Klassifikation
psychiatrischer Erkrankungen beigetragen, wie z.B. Eugen Bleuler,
Karl Leonhardt, Kurt Schneider. Hinsichtlich einer feinsinnigen dif-
ferenzierten psychopathologischen Beschreibung von Krankheits-
symptomen ist insbesondere Karl Jaspers zu nennen. Kurzum; Die
ICD- 10 fasst etwas in operationalisierender und für alle Welt verbind-
licher Weise zusammen, was in wesentlichen Vorstufen schon vorher
als Tradition der psychiatrischen Diagnostik und Klassifikation be-
standen hat.
In diesem Zusammenhang sei kurz auf die Entwicklung des psychia-
trischen Teüs der International Classification of Diseases (ICD- 10)
eingegangen. Bis 1970 existierten zwischen verschiedenen Ländern
und sogar verschiedenen psychiatrischen Schulen eines Landes teil-
te
Vorwort
weise erhebliche Diskrepanzen in der psychiatrischen Klassifikation.
Die Schaffung einer international akzeptierten Systematik psychi-
scher Störungen, die im Rahmen der ICD-8 von der Weltgesund-
heitsorganisation (WHO) erarbeitet wurde, ermöglichte eine interna-
tionale Vereinheitlichung der psychiatrischen Klassifikation. Der
psychiatrische Teil dieser ICD-8 basierte, von Modifikationen abgese-
hen, auf dem nosologischen System, das Kraepelin um 1 900 geschaf-
fen hatte. Die Gliederung erfolgte vorwiegend nach ätiologischen und
syndromatologischen sowie nach Verlaufscharakteristika. Während
bei Kraepelin die Einteilung der Erkrankungshauptgruppen nach ur-
sächlichen Faktoren erfolgte, wurden in der ICD-8 psychische Stö-
rungen primär syndromatologisch eingeteilt. Mängel, wie z.B. ein
Wechsel in den Einteilungsprinzipien, sind grundsätzlich auch heute
noch bei allen derzeit verfügbaren psychiatrischen Klassifikations-
systemen vorhanden und spiegeln die Unvollkommenheit des Wis-
sens über psychische Störungen wider. Die 1979 eingeführte ICD-9
unterscheidet sich von der ICD-8 insbesondere durch die Einführung
einer multikategorialen Diagnostik. Der Patient kann hier u.a. gleich-
zeitig durch mehrere Nummern der Krankheitssystematik charakte-
risiert werden. So kann z.B. eine erste Diagnose aus dem Kapitel der
psychiatrischen Erkrankungen das klinische Erscheinungsbild be-
zeichnen, eine zweite Nummer aus einem anderen Kapitel der ICD
die zugrunde liegende organische Erkrankung. Die weitere Entwick-
lung zur ICD- 10 wurde gekennzeichnet durch die zwischenzeitlich
stattgefundene Entwicklung des amerikanischen Diagnosesystems,
des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, das
von der American Psychiatric Association 1 980 in der revidierten Fas-
sung als DSM-111 System herausgegeben wurde. Das Besondere dieses
DSM-111 Systems und seiner Nachfolgesysteme - heute ist das DSM-
IV System in der amerikanischen Psychiatrie gebräuchlich - ist der
Versuch, eine möglichst präzise Definition der Krankheitskonzepte
unter Verwendung von Ein- und Ausschlusskriterien, also eine Ope-
rationalisierung diagnostischer Begriffe, zu erreichen. Diesem Ansatz
folgte die 1 99 1 von der WHO eingeführte, seit 2000 auch in Deutsch-
land verbindliche ICD- 10. Durch die Angabe diagnostischer Leitlini-
en zu den allgemeinen Krankheitsbeschreibungen sollte eine mög-
lichst gute Reliabilität der klinischen Diagnostik erreicht werden. Es
wurde zudem versucht, die ICD- 10 so weit wie möglich mit dem
DSM-IV kompatibel zu machen. Die Charakterisierung der einzel-
17
Voru)(yrt
nen Störungen weicht in den neueren Diagnosesystemen zum Teil
nicht unbeträchtlich von der traditionellen Krankheitslehre der
deutschsprachigen Psychiatrie ab. Das hängt einerseits mit der Not-
wendigkeit präziserer Konzepte im Rahmen der Operationalisierung
zusammen, andererseits mit der stärkeren Einbeziehung neuerer em-
pirischer Forschungsergebnisse.
Die Einführung der ICD- 10 führte eine Umbruchsituation in der
psychiatrischen Diagnostik herbei und wurde von vielen Psychiatern
mit Skepsis aufgenommen. Sie hatten vorübergehend große Schwie-
rigkeiten, sich von den hergebrachten Konzepten zu lösen, die in der
deutschsprachigen Psychiatrie und Medizin sehr verbreitet waren.
Diese Konzepte erschienen vielen Kollegen, die in dieser Tradition
aufgewachsen sind, am einfachsten und plausibelsten. Ein einseitiges
Festhalten an dieser theoretischen Tradition hätte aber den erhebli-
chen Validitäts- und Reliabilitätsproblemen dieser Diagnostik nicht
Rechnung getragen und wäre deswegen dem diagnostischen Fort-
schritt nicht förderlich gewesen. Auch bekommen bestimmte Sach-
verhalte aus dieser traditionellen Sicht einen zu hohen Stellenwert,
wie z.B. die Unterscheidung zwischen endogener und neurotischer
Depression, die ihr aus der Sicht neuerer Forschung nicht zukommt.
Andere Störungen, wie z.B. die Angststörungen, wurden in der tradi-
tionellen Systematik nur sehr globtJ dargestellt und erfuhren nicht die
aus heutiger Sicht notwendige Differenzierung, z.B. in Panikerkran-
kungen und generalisierte Angststörungen. Die ICD- 1 0 versucht, den
neueren Ansätzen in der psychiatrischen Klassifikation gerecht zu wer-
den und dabei ein möglichst hohes Maß an diagnostischer Übereinstim-
mung zwischen verschiedenen Ärzten herzustellen. Das vorliegende
Buch folgt in seiner Gliederung den Hauptkapiteln der ICD- 10.
Was ist der Sinn einer Zusammenstellung von literarischen Texten,
die sich mit psychiatrischen Erkrankungen beschäftigen, für den
Psychiater? Neben dem literaturhistorischen Aspekt, dass psychiatri-
sche Konzepte immer wieder auch in die Literatur einbezogen wor-
den sind, und neben der interessanten Frage, in welchem Ausmaß
und mit welchem Kenntnisstand das geschieht (s.o.), ist wahrschein-
lich für den Psychiater der wichtigste Nutzen, dass er sich mit der zum
Teil subtilen bzw. sensiblen Darstellung psychiatrischer Symptome
bzw. der möglichen Ursachen psychiatrischer Erkrankungen in der
Literatur beschäftigt und dadurch seine eigene Sensibilität für die
psychischen Veränderungen seiner Patienten und sein Einfühlungs-
18
— Vorwort
vermögen im Hinblick auf mögliche Verursachungen verbessert.
Auch die differenzierte sprachliche Umsetzung psychopathologischer
Phänomene und Verursachungsprozesse, wie sie in den literarischen
Darstellungen zu finden sind, kann im Sinne einer Verbesserung der
sprachlichen Präzision in der Darstellung komplexer psychischer
Phänomene Vorbildcharakter haben.
Das Buch wendet sich aber nicht nur an den Psychiater, sondern auch
an interessierte Laien, die sich mit dieser Thematik beschäftigen wol-
len und vielleicht über den Umweg der literarischen Darstellung ei-
nen besseren und verständnisvolleren Einblick in psychiatrische Er-
krankungen bekommen.
Die Texte sind jeweils vom Herausgeber, dem Germanisten und Lite-
raturwissenschaftler Prof Gerhard Köpf mit einer kurzen Einfüh-
rung versehen worden, um zu vermitteln, aus welchem inhaltlichen
Gesamtkontext die jeweilige Textstelle entnommen ist und um ein
paar Hinweise zum Stellenwert des jeweiligen Werkes und des Autors
zu machen. Im Anschluss werden die dort publizierten literarischen
Beispiele im Hinblick auf psychiatrisch relevant erscheinende Aspek-
te kommentiert. Es sei ausdrücklich betont, dass diese kurzen Kom-
mentierungen keine über die psychiatrischen Sachverhalte hinausge-
hende Interpretation der jeweiligen Textes beabsichtigen. Jedem der
Kapitel FO bis F9 ist ein einführender Text mit der Darstellung des
jeweiligen psychiatrischen Krankheitskonzeptes vorangestellt.
Prof Dr. Hans-Jürgen Möller
München, im Januar 2006
19
Einleitung
Ich habe keine Lehre.
Ich ßhre ein Gespräch.
Martin Buber
Ein Titel wie »ICD- 10 literarisch« ist durchaus geeignet, sowohl
psychiatrische wie literaturwissenschaftliche Einwände und Missver-
ständnisse zu provozieren. Um diese als »Lesebuch für die Psychia-
trie« konzipierte und kommentierte Textsammlung aber jenseits aller
wissenschaftstheoretischen Diskussion genießen zu können, soll mög-
lichen Irritationen gleich zu Beginn mit einer kleinen Lese-Spiel-An-
leitung begegnet werden:
Der Leser lehne sich bequem zurück und setze sich eine Brille aus
jenen psychopathologischen und psychiatrischen Kriterien auf, die
ihm fachlich kompetent aus berufenem Munde vom Direktor der Kli-
nik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität
München, Prof Dr. Hans-Jürgen Möller, freundlich bereitgestellt
werden.
Durch diese Brille lese er dann die literarischen Texte, ziehe seine
eigenen Schlüsse, vergesse aber keinen Augenblick, dass es sich nicht
um Menschen aus Fleisch und Blut handelt, sondern um erdachte
literarische Gestalten, die anderen Gesetzen unterliegen - nämlich
jenen der Literatur.
Was hier vorliegt, ist ausdrücklich keine literarische Kasuistik zur
ICD- 1 0. Heinrich Heine zufolge hat die Literatur zwar die »Fähigkeit
zur rückwärtsgewandten Prophetie«, sie kann sich aber dennoch
durchaus auch irren. Vor- und Fehlurteilen aufsitzen und zeitgeistig
gebundene Stereotypien und Klischees verbreiten.
Schließlich wird dem aufmerksamen Leser nicht entgehen, dass etli-
che literarische Zeugnisse erheblich älter sind als die Kriterien, durch
die man sie heute betrachten kann. Im Sinne von Schillers »republi-
kanischer Freiheit des lesenden Publikums« ist solches aber durchaus
legitim.
Mitunter geht es zu wie im Märchen von Hase und Igel: Wo die Wis-
21
Einleitung
senschaft hin will, ist die Literatur nicht selten schon da. Literatur und
Medizin verbindet ein langes Verhältnis, dessen Grundlagen in der
Antike gelegt wurden. Medizinische Kenntnisse können helfen, litera-
rische Texte zu verstehen, wie andererseits die Literatur die Medizin
stets daran erinnert, dass sie es mit biologischen, psychischen, sozialen
und intellektuellen Entitäten zu tun hat. »Literatur fördert schließlich
allgemein, was als genuine Funktion der literarisierten Medizin be-
griffen werden kann, das Verständnis für den Kranken und die
Krankheit, für den Arzt und die Therapie - beim Kranken wie beim
Gesunden, in der Öffendichkeit wie in der Politik« (Engelhardt).
In diesem Sinne verweist der Kritiker Reich-Ranicki in einem Aufsatz
über Medizin und Literatur auf Schopenhauer, der gesagt habe, der
Jurist sehe den Menschen in seiner ganzen Schlechtigkeit, der Theo-
loge in seiner ganzen Dummheit und der Arzt in seiner ganzen
Schwäche. »Der Arzt und der Schriftsteller - sie haben unterschiedli-
che Aufgaben und Möglichkeiten, doch die einen wie die anderen
sind Fachleute für menschliche Leiden. (...) So darf man denn sagen,
dass sie Geschwister sind - die Medizin und die Literatur« (Reich-
Ranicki).
In der Literaturwissenschaft ist man dieser geschwisterlichen Verbin-
dung bisher überwiegend auf den Spuren der Metaphorik (z.B. das
Herz), der vergleichenden Thematik (z.B. Krankheit als Metapher)
oder der Motivgeschichte (z.B. die Figur des Arztes) nachgegangen.
Im hier vorliegenden Lesebuch soll eine andere Form der Annähe-
rung vorgeschlagen werden: Die von der WHO herausgegebene
zehnte Fassung der Internationalen Klassifikation psychischer Stö-
rungen (ICD- 10) umfasst im Kapitel V (Buchstabe F) neun große
Kategorien von den organischen, einschließlich symptomatischer
psychischer Störungen (FO) bis hin zu den nicht näher bezeichneten
organischen oder symptomatischen psychischen Störungen (F9).
Hierzu werden jeweils die für Forschung und Praxis relevanten dia-
gnostischen Kriterien aufgeführt.
Der Leitgedanke des vorliegenden Lesebuches ist, den entsprechen-
den Kategorien von FO bis F9 literarische Beispiele zuzuordnen. Was
zunächst wie ein spielerischer Einfall anmutet, nämlich fachmedizini-
sche Kriterien gewissermaßen auf die Literatur zu übertragen und zu
sehen, wie sie sich unter den Bedingungen der Fiktion in literarischen
Texten spiegeln, verweist schließlich auf jene vielfältigen Beziehun-
gen zwischen Psychiatrie und Literatur, wie sie in ihrer gesamten
22
Einleitung
Tragweite bisher kaum erforscht wurden. Das soeben vorgelegte ver-
dienstvolle Lexikon »Literatur und Medizin« (2005) ermuntert zur
Erschließung eines bisher vernachlässigten Terrains.
Im dem vorliegenden Lesebuch soll mit ehrgeiziger Bescheidenheit
ein erster Schritt gewagt werden in Richtung einer Annäherung zwi-
schen einer sich als biopsychosozial definierenden medizinischen Dis-
ziplin und der nicht weniger komplexen Welt der Literatur.
Im Konzert der wechselseitigen Erhellung der Wissenschaften kommt
der Verbindung von Psychiatrie und Literatur seit jeher eine heraus-
ragende Bedeutung zu. So sind die ältesten Zeugnisse von Literatur
immer auch schon von erheblichem psychiatrischen Interesse. Das
mag zum einen an der Sonderbegabung der Literatur liegen, im Indi-
viduellen das Allgemeine erkennen, benennen und ins Gleichnis he-
ben zu können. Zum anderen ist es das genuine Interesse von Litera-
tur und Psychiatrie gleichermaßen, das (Psycho-)Pathologische in Ur-
sprung, Verlauf und Auswirkung zur Sprache zu bringen.
Nun kann es freilich nicht darum gehen, mit positivistischem Funda-
mentalismus die Kriterien der ICD- 10 den literarischen Beispielen
überstülpen zu wollen, um schließlich wenig erstaunt festzustellen,
dass da jeweils ein großer Rest an Inkongruenz bleibt. Das wäre auch
ein methodisch fragwürdiges Vorgehen.
Hier geht es um andere Schnittmengen. Der Reiz von »ICD- 10 lite-
rarisch« besteht darin, spielerisch zu überprüfen, wo sich Annäherun-
gen und wo sich Abweichungen beim Zusammendenken von Diag-
nosekriterien und narrativ-reflektorischen Texten ergeben. Lesen ist,
so hat es Dieter Wellershof einmal formuliert, »Probehandeln in Si-
mulationsräumen bei herabgemindertem Risiko«. Wer bereit und ge-
willt ist, dies als Grundregel anzuerkennen, der wird auf erstaunliche
Zusammenhänge zwischen Psychiatrie und Literatur stoßen.
Jeder Psychiater weiß, wie wichtig die Rolle des Erzählens schon bei
der Anamnese ist. Die Exploration eines Patienten lebt nicht zuletzt
von der Narration. Die »narratio« ist eine anthropologisch universale
humane Grundkonstante und als solche dem Forschungsinteresse all
jener Disziplinen ausgesetzt, die sich mit dem Erzählen alltäglicher,
fiktiver oder »realer« Geschichten auseinander setzen. Eine Welt
ohne »narratio« ist kaum vorstellbar, denn allein das Gewahrwerden
der eigenen Biographie ist an die »narratio« gebunden. Das autobio-
graphische Gedächtnis definiert sich ebenso über die »narratio« wie
das allgemeine und das kulturelle Geschichtsbewusstsein. Jeder
23
Einleitung
Mensch besitzt eine gewisse narrative Kompetenz. Wird diese durch
eine Störung eingeschränkt, büßt damit der Mensch eine seiner
grundlegenden Qualitäten und Fähigkeiten ein, denn es ist die »nar-
ratio«, in welcher sich das Individuum selbst zum Gegenstand der
Reflexion und des Erzählens machen kann. Schließlich erfährt das
Individuum über die »narratio« auch die Dimension Zeit, und in der
dialogisch-interaktiven Identitäts-»narratio« ist für das Ego die Stif-
tung von Sinn und Kohärenz eines der obersten Ziele.
Zahlreiche Störungen, mit denen sich die Psychiatrie beschäftigt, sind
an eine Reduzierung dieser narrativen Kompetenz gekoppelt. So ist
es beispielsweise möglich, bestimmte Krankheitsbüder am Verhältnis
von Kohäsion und Kohärenz in der »narratio« festzumachen. Nicht
erst die Artikulation, sondern bereits die kognitive Elaboration in
Form kohärenter narrativer Elementarteilchen organisieren die Netz-
werk-Basis von Gedächtnis und Erinnerung - und stellen somit eine
große neuropsychiatrische Herausforderung dar. Die Kompetenz, Er-
innertes in Form narrativ kohäsiver Teile abzurufen oder zum »ab-
stract« einzuschmelzen, verweist auf das weite Feld neuropsychiatri-
scher Narrationsforschung. Narrative Sinnbüdungsprozesse setzen
eine neurophysiologisch vernetzte narrative Grammatik voraus, die
in theoretischen Modellen bislang meist idealtypisch beschrieben
wurde.
Warum die »narratio« für die Psychiatrie so bedeutsam ist, dokumen-
tiert sich nicht zuletzt durch die Tatsache, dass der narrative Ansatz die
theoretische Modellbildung und die empirische Untersuchung der
Entwicklung des Gedächtnisses erlaubt, »indem er nahe legt, dieselbe
an den sozialisatorisch vermittelten Erwerb narrativer Kompetenz zu
binden. Narrative Kompetenzen und die damit verwobenen mnesti-
schen Fähigkeiten bilden sich schrittweise aus; von prosodischen
Wortspielen, dem bloßen Aufzählen isolierter Ereignisse und soge-
nannter Thema- und Variationen-Geschichten über die zunehmend
elaborierte Verwendung temporaler Markierungen und Verknüpfun-
gen sowie logischer, finaler (einschließlich intentionaler/ motivationa-
ler) und kausaler Konnektoren bis hin zur Produktion von sequenziell
kohärent geordneten Geschichten mit einem regelrechten Plot, in
dessen Mittelpunkt eine Komplikation steht, die den oder die Prota-
gonisten sowie den Erzähler/Rezipienten emotional berührt«
(Pethes/Ruchatz 2001, 401).
Eine Reihe psychoanalytischer Arbeiten erforscht die unbewussten
24
Einleitung
Motive und Funktionen des Firzählens. Die psychologische Bedeu-
tung narrativer Sinnbildung wird schließlich in jenen Theoremen der
Psychoanalyse hervorgehoben, die im Homo sapiens den »storytel-
1er« entdecken und dessen »Selbsterzählungen« als identitätsbildend
einstufen. Daraus hat sich eine eigene Konzeption von Gedächtnis-
psychologie entwickelt.
Eine die »narratio« erforschende Psychiatrie freilich wird dem Fak-
tum Rechnung tragen müssen, dass sich in der Epoche des Digitalen
auch die Formen des historisch vertrauten Erzählens verändern und
verändert haben. Als Leidinie kann dabei die Einsicht helfen, dass die
»Narration der Illusion anthropomorpher Erinnerung dient, gegen-
über dem Gedächtnis als Speicher einen Raum des Unmaschinisier-
baren aufrechtzuerhalten.« Mit anderen Worten: Der Computer ver-
mag allein in Zuständen zu kalkulieren und zu zählen; erzählen aber
kann er nicht.
Die Frage, die sich aus dem vorliegenden »Lesebuch für die Psychia-
trie« ergibt, ist nun, ob die Literatur als die Domäne der »narratio«
nicht auch dem Psychopathologen bei seiner Arbeit behilflich sein
kann. Johann Glatzel hat 1990 in seinem Buch »Melancholie und
Wahnsinn« darauf aufmerksam gemacht, wie die Psychopathologie
durchaus nicht auf ihre Funktion als psychiatrische Hilfsdisziplin be-
schränkt ist. Ihre Eigenständigkeit liegt nicht allein im Methodischen
begründet, sondern auch in ihrem Gegenstand, über dessen Vermitt-
lung sie etwa zur Psychologie, Soziologie, Theologie und Literatur-
wissenschaften in Beziehung tritt: »Die Psychopathologie darf überall
dort ein Mitspracherecht beanspruchen, wo psychische Abwegigkeit
begegnet. Insoweit ist ihr Kompetenzbereich ungleich weiter ge-
spannt als derjenige der Psychiatrie« (Glatzel, 2).
Ist also die Literatur ein geeignetes Instrument zur Erkenntnisgewin-
nung in der Hand des Psychiaters? Ist es nicht an der Zeit, neben der
von der Psychiatrie aus guten Gründen hoch geschätzten »Zahl«
auch einmal einen Blick auf die Kehrseite der Münze, also gewisser-
maßen den »Kopf«, zu werfen? Oder gibt es - im Gegenteil - nicht
eine Menge vernünftiger Gründe für einen Psychiater, die Finger von
der Literatur zu lassen?
1) Belletristik ist für die Praxis eines Mediziners irrelevant. Literatur
hat bisher keinen wesentlichen Einfluss auf den Fortschritt der Medi-
zin genommen. Psychiatrie ist nun einmal eine naturwissenschaftliche
Disziplin. In einer Welt des Labors, der biochemischen Versuchsrei-
25
Einleitung
hen, der Mikroskope, der Neurotransmitter, der Synapsen oder der
statistisch fundierten Epidemiologie hat die schöngeistige Literatur
nichts verloren und deshalb nichts zu suchen. Was hätte sie auch
schon groß anzubieten? Was Psychiater über den Patienten wissen
müssen, das lehren die »Neurosciences«.
2) Die Literatur arbeitet nicht kategorial oder quantitativ, sondern
assoziativ, in der Regel qualitativ unkoordiniert, bisweilen chaotisch,
meist unsystematisch, ihre Gesetzmäßigkeiten scheinen da zu sein,
um über den Haufen geworfen zu werden, d.h., sie ist unzuverlässig,
erlaubt weder exakte Diagnosen noch Prognosen. Sie taugt besten-
falls für eine geistreiche Unterhaltung. Aber das leistet Whiskey auch.
3) William Somerset Maugham, ein ebenso erfolgreicher wie aner-
kannter Schriftsteller, übrigens ausgebildeter Mediziner, betonte im-
mer wieder, dass uns das Lesen nicht automatisch zu besseren Men-
schen macht: Es möge zwar den intellektuellen Horizont erweitern,
deshalb aber noch lange nicht zum Altruismus führen. Er verweist
dabei auf Tolstois Geschichte über jene aristokratische Dame, die im
Theater bittere Tränen vergoß angesichts der Tragödie auf der Büh-
ne, indes draußen ihr treuer Kutscher in der Eiseskälte erfror.
4) Das Lesen von Belletristik ist kein Ersatz für Erfahrung. Im Ge-
genteil. Exzessive Lektüre führt zu psychiatrischen Erkrankungen. Im
Zeitalter von Pisa-Studien ist es kaum mehr vorstellbar, dass Lese-
sucht einst gefährlicher eingestuft wurde als das »gelbe Fieber« von
Philadelphia: »Die Lesesucht ist ein schädlicher und törichter Miss-
brauch«, verkündeten die Mächtigen des 18. Jahrhunderts.
Miguel de Cervantes erzählt in seinem »Don Quixote« nichts anderes
als die Geschichte eines Mannes namens Alonso Quijano, dem über
der zur Sucht gewordenen Lektüre alter Ritterromane die Grenzen
von Tag und Nacht, von Realität und Fiktion derart verschwimmen,
dass sich der biedere Landadelige selbst als Ritter wähnt und mit sei-
nem Schlachtross Rosinante aufbricht, um in heldenhaft-närrischen
Taten als Beschützer der Armen und Unterdrückten seinen Idealen
von Gerechtigkeit und Liebe zum Sieg zu verhelfen. Obgleich Don
Quixote als der Ritter vom Stamme Sisyphos immer wieder Schiff-
bruch erleidet und kräftig Prügel bezieht, bleibt er siegesgewiss und
zuversichtlich, solange ihn die Liebe zur unbekannten Dulcinea im-
mer wieder aufrichtet. Im Widerspiel von Ideal und Wirklichkeit aber,
von Narrheit und Vernunft wird die tragische Unerfüllbarkeit von
Idealen immer mehr zur Gewissheit. Die Umwelt treibt so lange ein
26
Einleitung
grausames Spiel mit seiner Narrheit, bis seine Trugwelt zusammen-
bricht. Seine grenzenlose Enttäuschung schlägt um in eine Krank-
heit, die zum Tode führt. Doch indem er die entzauberte und trübse-
lige Wirklichkeit erkennt, kehrt er zurück zu sich selbst und stirbt in
heiterer Gelassenheit wieder als Alonso Quijano.
Es war kein Geringerer als Dostojewskij, der nach der Lektüre des
»Don Quixote« meinte, dieser Roman über die Pathologie des Lesens
reiche aus, um angesichts des Jüngsten Gerichtes vor dem Allmächti-
gen der gesamten Menschheit zur Generalabsolution zu verhelfen.
Goethes »Werther« ist ebenso ein Fall von Lesepathologie wie jene
Emma Bovary, die sich die Welt gerne nach dem Muster ihrer roman-
tischen Schullektüre träumt und deshalb kläglich scheitert.
5) Angesichts von Mord und Totschlag, Betrug, Verrat und Enttäu-
schung, angesichts all der Katastrophen, welche die Literatur seit der
Antike in immer neuen Variationen erzählt, ist deren Lektüre weder
erbaulich, aufbauend noch klinisch oder therapeutisch hilfreich. Os-
car Wilde famously declared: »All art is quite useless, and resisted any
suggestions that it was educational or morally uplifting.«
Kurz gesagt: Lauter vernünftige Gründe, die aus der Sicht eines
Psychiaters gegen die Lektüre von Belletristik sprechen - aber sind es
deshalb auch gute Gründe?
Trotz aller einleuchtender Gegenargumente wird es immer wieder
Psychiater geben, die gerne »Fiction« lesen und darin sogar einen
Wert sehen. An der University of Durham gibt es immerhin eine »Fa-
culty of Arts and Medicine«. Man hört mit Staunen von Interessen-
gruppierungen zu »Arts and Psychiatry im Royal College of Psychia-
trists«. Der englische Schriftsteller David Lodge dramatisiert auf
amüsant polemische Weise in seinem Roman »Thinks« (2000) den
Konflikt zwischen einem Neurophysiologen mit dem vielsagenden
Namen »Messenger« und einer Schriftstellerin namens Helen
»Reed«. »They argue over whether Science or imaginative literature
offers the best way of unlocking the mysteries of the mind.«. Beruhigt
stellen wir fest, dass am Ende dieses Diskurses die Literatur die Ober-
hand behält. Kein Wunder: Der Autor ist befangen.
Ist nicht der Arztberuf von Anbeginn an mit kultureller, ja literari-
scher Bildung verbunden? Warum genießen heute die »humanities«
so wenig Ansehen in der Ausbildung unserer Ärzte und Psychiater?
Schließlich muss es doch auch Argumente geben, die für eine Be-
schäftigung der Psychiater mit Literatur sprechen.
27
Einleitung
Die allmähliche Annäherung von Psychiatrie und Literatur über die
Jahrhunderte spiegelt sich nicht zuletzt in etlichen psychiatrischen
Fachbegriffen wie etwa dem »Werther-Effekt« oder dem »Othello-
Syndrom«, denen ihre literarische Herkunft mühelos anzumerken ist.
Suchen wir also nach Argumenten, die aus der Sicht eines Psychiaters
für die Lektüre von Fiction sprechen; Angesichts der zeitgenössischen
Vorherrschaft der biologischen Psychiatrie stellte Allan Beveridge im
Frühjahr 2003 im »British Journal of Psychiatry« eine durchaus ket-
zerische Frage: »Should psychiatrists read fiction?«
Feinsäuberlich wie in einer Geschäftsbilanz führt der englische Psy-
chiater die Argumente pro und contra auf Für jede Position findet er
je sechs Begründungen, wobei die Rhetorik des Aufbaus dieses Essays
nicht ohne Hintergedanken sein mag, zumal zuerst die Argumente
pro, dann aber die contra kommen. Der (Psychiater als) Leser ist da-
her geneigt, aufgrund dieser Dramaturgie zu einer negativen Beant-
wortung der Ausgangsfrage zu kommen.
Richtig interessant wird die Sache freilich erst im Unterpunkt Discus-
sion. Dort heißt es nämlich abschließend: »However, one of the Claims
in favour of reading is the notion that books about ülness and suffe-
ring help doctors better understand the inner experience of their pa-
tients and, as a consequence, develop greater empathy. It is here that a
suggested reading list may be of value ... It is important that such
reading lists are offered in the spirit of Suggestion rather than as com-
pulsory texts. It will then be left to the individual psychiatrist to decide
whether they are worth exploring. A medical culture that takes a posi-
tive approach to the humanities will gready encourage such explorati-
ons« (Beveridge, 386j.
Für wie relevant im psychiatriewissenschaftiichen Diskurs letzüich die
Fragestellung, ob Psychiater nun »Fiction« lesen sollten oder nicht,
insgesamt gehalten wird, zeigt die Angabe zu dem Essay unter der
Rubrik »Declaration of Interest«; Die Antwort »NONE« kann
durchaus als ironisch-sarkastischer Kommentar zum Primat der bio-
logischen Psychiatrie verstanden werden.
Halten wir uns mit Blick auf unser »Lesebuch für die Psychiatrie« also
an die ebenso unprätentiösen wie pragmatisch nachvollziehbaren Ar-
gumente »für« eine Lektüre von »Fiction«, wie sie von Beveridge auf-
gelistet werden:
»(a)We can explore the lives and inner worlds of a wide variety of
individuals by imaginatively engaging with them in novels.
28
Einleitung
(b) There is some evidence that medical students who have a back-
ground in the humanities and Science, rather than Science alone,
go on to perform better in important areas of practice.
(c) Reading literature helps to develop empathy. One can see the
World from another person’s viewpoint.
(d) The techniques involved in understanding and analysing a novel
can be applied to the understanding of patient discourse. One
can become more sensitive to the nuances and subtexts of a
patient’s communication.
(e) The >ethical< approach teaches ethical reflection and how to ap-
proach moral quandaries and decision-making.
(f) The additive view is that medicinc can be >softened< by exposing
its practitioners to the humanities; the integrated view is more
ambitious, aiming to shape the nature, goals and knowledge base
itself.«
Worauf der britische Kollege abzielt, ist nichts weiter als eine Vor-
schlagsliste, die es dem einzelnen Psychiater überlässt, welche
Schlussfolgerungen und Konsequenzen er daraus ziehen will. Leider
verrät uns Dr. Beveridge aber mit keinem Wort, welche Bücher Psy-
chiater lesen sollten.
Das vorliegende »Lesebuch für die Psychiatrie« macht hierzu Vor-
schläge. Es geht dabei weder um einen Kanon psychiatrisch relevan-
ter Belletristik noch um eine literarische Illustration einzelner Kate-
gorien der ICD- 10. Literatur ist per se nicht geeignet, wissenschaftli-
che Kriterien und Kategorien nur zu illustrieren; vielmehr verhält es
sich im günstigsten Falle umgekehrt.
Und noch etwas ist beiden scheinbar einander so fremden Disziplinen
Literatur und Psychiatrie gemeinsam: ihr hermeneutischer Anteil.
Aller Bedeutung und Dominanz einer biologischen Psychiatrie zum
Trotz bleibt die Relevanz der »Kunst des Verstehens und des Deu-
tens« auf der feinen Grenze zwischen naturwissenschaftlichen Er-
kenntnisbereichen einerseits und den »seelisch-geistigen Rätseln« an-
dererseits, wie Hans-Georg Gadamer dies genannt hat. Denn psy-
chiatrisches Handeln ist stets mehr als nur die Anwendung von
fachmedizinischem Wissen.
Mit der vorliegenden Liste von Vorschlägen, die keine Vorschriften
sein können oder wollen, bietet sich dem Psychiater die Chance, aus
unterschiedlichem Erkenntnisinteressc und je nach individuellem Le-
setemperament über die komplexen und multifaktoriellen Verbin-
29
Einteilung
düngen seiner medizinischen Fachdisziplin in literarischen Texten
von Rang nachzudenken.
Es darf jedoch nicht von der vorliegenden Textauswahl erwartet wer-
den, die Kategorien und Kriterien der ICD- 10 jeweils bis ins Detail
»erfüllt« zu sehen, denn die Literatur kümmert sich nicht um derlei
Kategorialitäten. Wohl aber darf von einem »Lesebuch« dieser be-
sonderen Art erwartet werden, dass es »Vorschläge« für Denk- und
Vorstellungsrichtungen geben kann. Die hier versammelten Textbei-
spiele laden ein zur streunenden Lektüre; der Zusammenhang einzel-
ner Textbeispiele erschließt sich je nach individueller Lektüre immer
wieder neu. Ein durchaus hehres, nichtsdestoweniger realistisches
Ziel dieser Anthologie aber ist die Sensibilisierung des lesenden Psy-
chiaters: für Sprache und VorsteUungswelten, wie sie exemplarisch an
einzelnen handelnden und leidenden Personen der Literatur entwi-
ckelt und veranschaulicht werden. Nicht zuletzt ist dabei auch an die
Studierenden der Psychiatrie gedacht, deren dominant naturwissen-
schaftliche Ausbildung durchaus ein sanftes hermeneutisches Gegen-
gewicht verträgt.
Der Medizinhistoriker von Engelhardt sagt trotz der Irrtümer, denen
Schriftsteller sehr wohl aufsitzen können und die die Literatur natur-
gemäß durchaus auch verbreiten kann: »Im Medium der Literatur
wird die Grundsituation der Medizin in ihrer Konkretheit und Sym-
bolik dargestellt.«
So gesehen geht es keinesfalls um eine literarische Alphabetisierung
der Psychiatrie, so wenig wir es mit einer Psychiatrisierung der Litera-
tur zu tun haben. Denn über all den Abgründen zwischen den Diszi-
plinen und den zarten transdisziplinären Annäherungsversuchen
steht die leuchtende Gewissheit: Literarisch gebildete, d.h. lesende
Psychiater haben einen weiteren Horizont und sind deshalb zuletzt
vielleicht die besseren Ärzte!
Wie gesagt: Mitunter geht es zu wie im Märchen von Hase und Igel.
Wo die Wissenschaft hin will, ist die Literatur nicht selten schon da.
Mögen Psychiatrie und Literatur also freundlich aufeinander zuge-
hen und sich die Hand reichen. Sie müssen ja nicht gleich heiraten,
denn wichtig ist in unserem Zusammenhang nicht so sehr die Lehre,
sondern vielmehr das Gespräch.
Prof Dr. Gerhard Köpf
München, im Frühjahr 2006
30
Einleitung
Zitierte Literatur:
Beveridse, Allan: Should psychiairists read fktion? In: British Journal of Psychia-
try 182/2003, 385-387
Engelhardt, Dietrich von: Geleitwort. In: Bettina von Jagow/ Florian Sieger
(Hrsg): Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht
2005, S. 2-6
Friederici, Angela (Hrsg.): Sprachrezßpüan. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle:
Hogrefe 1999 (= Enzyklopädie der P^chob^, Serie III, Band 2 )
Gadamer, Hans-Georg: Über die Verborgenheit der Gesundheit. Franifurt/M.:
Suhrkamp 1993
Glatzel, Johann: Melancholie und Wahnsinn. Beiträge zur Psychopathologie und
ihren Grenzgebieten. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschafi 1990
Jagow, Bettina von/ Sieger, Florian (Hrsg.): Literatur und Medizin. Ein Lexikon.
Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 2005
Pethes, Mcolas und Ruchatz,Jens (Hrsg.) unter Mitarbeit von Martin Körte und
Jürgen Straub: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon. Ro-
wohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg, 2001
Reich-Ranicki, Marcel: Herz, Arzt und Fteratur. Jwei Aufsätze. Zürich: Am-
mann 1998, 33
Schäfer, Roy: Erzähltes Leben. Narratwn und Diabg in der Psychoanalyse. Mün-
chen: J. Lfeiffer Verlag 1995
31
t
FO: Dementielle Erkrankungen
Dementielle Erkrankungen sind häufig, insbesondere im hohen Le-
bensalter. Die Prävalenz steigt mit dem Alter. Bei 65-Jährigen liegt sie
in der Größenordnung von 5 Prozent, bei 80-Jährigen in der Größen-
ordnung von 20 Prozent. Die häufigste Demenzform im Alter ist die
Alzheimer-Demenz. Häufig kommt sie in Kombination mit der vas-
kulären Demenz vor. Der Anteil der vaskulären Demenz bei allen de-
mentiellen Erkrankungen im Alter beträgt ca. 20 bis 30 Prozent.
Nachfolgend wird auf die Alzheimer-Demenz fokussiert.
Dabei handelt cs sich um eine primär degenerative, zerebrale Erkran-
kung mit typischen neuropathologischen Kennzeichen (Hirnatro-
phie, pathologische Fibrillenveränderungen, amyloide Plaques). Das
Krankheitsbild wurde 1 906 von Alois Alzheimer erstmals als präseni-
le Demenz (beginnende Erkrankung vor dem 65. Lebensjahr) klinisch
und neuropathologisch beschrieben. Da psychopathologisch und
morphologisch kein Unterschied zwischen seniler Demenz und Alz-
heimer-Demenz (beginnende Erkrankung nach dem 65. Lebensjahr)
besteht, werden die beiden Formen heute als ein Krankheitsbild an-
gesehen. Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Ursache für eine
Demenz im Alter. Ihr Anteil an den Altersdemenzen beträgt 60 Pro-
zent. Etwa 5 Prozent der über 60-Jährigen und etwa 20 Prozent der
über 80-Jährigen leiden an einer Demenz.
In faszinierender Weise werden zentrale Details der Atiopathogenese
der Alzheimer-Demenz in jüngster Zeit mit den Möglichkeiten der
modernen Molekularbiologie aufgeklärt. Im Zentrum steht dabei das
Amyloid-Precursor-Protein (APP), das durch eine falsche enzymati-
sche Aufspaltung zu den Amyloidablagerungen (amyloide Plaques)
führt. Der damit einhergehende Neuronenverlust führt zu Defiziten
in den durch den Transmitter Acetylcholin vermittelten kognitiven
Prozessen. Die Patienten oder Angehörigen bemerken meist als erstes
33
FO
Symptom eine schleichend zunehmende Vergesslichkeit, die häufig
zunächst noch auf das fortgeschrittene Alter zurückgeführt wird. All-
mählich werden Gedächtnisstörungen und Störungen der höheren
geistigen Funktionen immer deutlicher. Die Erkrankung kann außer-
dem zu Beginn durch ein depressives Bild geprägt sein, was die Dia-
gnose erschwert. Dieser Zustand äußert sich in Interesselosigkeit, An-
triebsstörungen und Leistungseinbußen. Im weiteren Verlauf können
alle möglichen neuropsychologischen Symptome (z.B. Sprachstörun-
gen, Alexie, Akalkulie, Apraxie, Agnosie) und psychopathologischen
Symptome (z.B. Wahn, Halluzinationen, Unruhezustände, Weglauf-
tendenzen) hinzutreten. In den späteren Stadien der Demenz können
zudem auch neurologische Symptome (z.B. Pyramidenbahnzeichen,
Primitivreflexe) auftreten. Die Patienten selbst reagieren ganz unter-
schiedlich auf die Erkrankung. Manche bemerken die vorliegenden
Störungen selbst nicht, andere wiederum erkennen die eigenen Defi-
zite und reagieren depressiv bis hin zur Suizidalität. Eine weitere Pa-
tientengruppe erkennt zwar die Defizite, überspielt diese aber und
erscheint eher unangemessen fröhlich.
Neben einer ausführlichen psychiatrischen Befunderhebung, Fremd-
anamnese und einer neurologischen Untersuchung, bei der man zu-
mindest im Anfangsstadium meist keine Auffälligkeiten entdeckt, ist
eine neuropsychologische Testuntersuchung zur Früherkennung un-
verzichtbar. Durch sie werden die Bereiche Intelligenz, Sprache, ver-
bales und visuelles Gedächtnis und Psychomotorik überprüft, zudem
wird auf apraktische Störungen, Akalkulie, Alexie und Agnosie ge-
achtet.
Der Morbus Alzheimer ist bis heute eine Ausschlussdiagnose. Aus
diesem Grunde müssen alle notwendigen laborchemischen Untersu-
chungen zum Ausschluss anderer entzündlicher oder internistischer
Erkrankungen durchgeführt werden, die eine Demenz verursachen
können oder als Risikofaktoren z.B. für vaskuläre Erkrankungen ei-
nen Hinweis auf eine andere Genese geben können. Ebenso sollten
eine CCT oder MRT zum Nachweis Alzheimer-typischer strukturel-
ler Veränderungen und zum Ausschluss anderer Demenzursachen
durchgeführt werden. Zurzeit werden verschiedene Liquormarker
wissenschaftlich erprobt, u.a. Tau-Protein-Fragmente.
Die Therapie der Alzheimer-Krankheit setzt sich aus mehreren Be-
standteilen zusammen, die in den einzelnen Verlaufsabschnitten un-
terschiedlich kombiniert werden müssen; die Pharmakotherapie kog-
34
nitiver und nicht kognitiver Symptome, das kognitive Training und
die Beratung der Bezugspersonen. Der Versuch einer kognitiven Lei-
stungssteigerung durch Acetylcholinesterase-Hemmer und die Beein-
flussung der Krankheitsprogression sind im frühen und mittleren Sta-
dium besonders sinnvoll. Die Behandlung von unspezifischen Verhal-
tensänderungen rückt im mittleren und fortgeschrittenen Stadium in
den Vordergrund.
Die Beratung der Angehörigen ist in allen Verlaufsabschnitten not-
wendig, allerdings verlagert sich ihr Schwerpunkt mit zunehmender
Dauer der Krankheit von der Informationsvermittlung auf die Be-
wältigung praktischer Probleme in der Pflege. In jüngster Zeit zeich-
nen sich darüber hinaus Möglichkeiten der Präventation ab. Im frü-
hen Krankheitsstadium brauchen die Angehörigen ebenso wie die
Patienten eine Aufklärung über die Art der vorliegenden Krankheit
und die Prognose. Für die Leistungsdefizite und Verhaltensänderun-
gen muss eine medizinische Erklärung gegeben werden. Dies wirkt
der Krankheitsverleugnung auf beiden Seiten entgegen und hilft,
Missverständnisse, Konflikte und Schuldzuweisungen zu vermeiden.
In späteren Krankheitsstadien müssen die pflegenden Angehörigen
lernen, die zunehmende Hilfsbedürftigkeit des Patienten aufzufangen
und mit den unspezifischen Symptomen wie Aggressivität, Wahn,
Sinnestäuschungen, Unruhe oder Schltifstörungen zurechtzukom-
men. Die für das Zusammenleben mit einem Alzheimer-Kranken
nötigen Kenntnisse und Erfahrungen lassen sich am besten in Ange-
hörigengruppen erwerben, die von vielen örtlichen Gruppierungen
der Deutschen Alzheimer Gesellschaft durchgeführt werden. In meh-
reren methodisch sorgfältigen Untersuchungen ist mittlerweile nach-
gewiesen worden, dass eine intensive Beratung der Angehörigen die
Tragfähigkeit der Familie erhöht und die Häufigkeit von Heimunter-
bringungen reduziert. Da keine ursächliche Therapie möglich ist,
versterben die Patienten im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Jahre
nach Ausbruch der Alzheimer-Krankheit meist an interkurrenten Er-
krankungen (z.B. Pneumonie). Der präsenil auftretende Subtyp führt
in der Regel schneller zum Tod. Bei schweren, manchmal auch schon
bei mittelschweren Demenzstadien ist in vielen Fällen eine Heimun-
terbringung erforderlich. Der Zeitpunkt der Heimunterbringung ist
stark von den psychosozialen Rahmenbedingungen abhängig.
John Bayley
Elegie für Iris
aus: Ekgiejur Iris. Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk.
© 2000 by Verlag C.H. Beck, München
Einführung
Der englische Literaturwissenschafller, Schrjbklkr und Kritiker
John Bayky Jahrgang 1925), eine Kapazität an der Oxford
University, Chairman des Booker Prize Committee, erzählt in
»Ekgie fir Iris« (2000) die Geschichk seiner 43 Jahre währen-
den Ehe mit der umfassend gekhrten, persönlich aber zeitkbens höchst eigenwilligen
und komplizierten Philosophiedozentin, Schriftstelkrin und Pulitzerpreis-Trägerin
IrisMurdoch (1919-1999), deren deutlich vom Existenzialismus Sartres gepräg-
tes wissenschaflliches und literarisches Werk zum Kanon der englischen Literatur
des 20. Jahrhunderts zählt.
Im Mittelpunkt stehen dabei die letzten Jahre, als Iris Murdoch 1994 an Alzhei-
mer erkrankt. Bayky pflegt sk aufopferungsvoll, bis sk zuktzt in einem Oxforder
Pflegeheim stirbt. Takt, Aufrichtigkeit und Lebensweisheit kennzeichnen den Be-
richt. Das von Warmherzigkeit und gelassen-vertrauensvoller .Juneigung bestimm-
te, Tragik und Komik auch in der Erkrankung weder verschweigende noch beschöni-
gende Erinnerungsbuch »Elegy for Iris« wurde zur Grundlage für du eindrucks-
volle Verfilmung unter dem Titel »Iris« (2000) mit einer brillanten Dame Judi
Dench in der Titelrolle, wobei erstmals Verlauf und Auswirkungen von Morbus
Alzheimer zum zentralen Thema eines Hollywood-Formates wurden. Baykys
zweites Erinnerungsbuch »Das Haus des Witwers« (2002) haben einige Kritiker
als literarische Entwertung von »Elegie fir Iris« gesehen, da er sich selbst zu sehr in
den Mittelpunkt stelle.
Weiterfihrende Literatur:
Hans Förstl (Hrsg.): Demenzen. Perspektiven in Forschung und Praxis. Elsevier 20
37
John Bayky
Elegie für Iris
Wenn sie einmal für einen kurzen, friedlichen Mo-
ment aulwacht, dann blickt sie verständnislos auf
die »Tropical Olivetti«, die, mit einem ihrer Pull-
over als Unterlage, auf meinen Knien ruht. Als
ich sie vor nicht allzu langer Zeit einmal fragte, ob
das Tippen sie störe, meinte sie, sie höre dieses ko-
mische Geräusch morgens gerne. Sie muß sich
daran gewöhnt haben, obwohl sie vor ein paar
Jahren um diese Zeit - sieben Uhr - aufgestanden
wäre und sich angeschickt hätte, ihren eigenen Arbeitstag zu begin-
nen. Heute liegt sie ganz ruhig da, schläft und gibt nur manchmal ein
leises Grunzen oder Murmeln von sich. Oft schläft sie bis lange nach
neun Uhr. Dann wecke ich sie und ziehe sie an. Diese Fähigkeit, wie
eine Katze zu schlafen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, muß eine der
segensreichen Begleiterscheinungen der Krankheit sein - im Gegen-
satz zu den Beklemmungen, die im Wachzustand auftreten und sich
in besorgten Fragen wie »Wann gehen wir?« ausdrücken. Das Anzie-
hen ist an den meisten Tagen eine ziemlich vergnügte und komische
Angelegenheit. Ich selbst bin alles andre als sicher, wie herum ihre
Unterhose gehört. Für gewöhnlich einten wir uns darauf, daß es egal
ist. Bei langen Hosen ist es einfacher. Ihre haben hinten drin ein
schmuddeliges weißes Etikett. Ich sollte Iris baden oder besser irgend-
wie waschen, da Baden schwierig ist, aber ich verschiebe das gern von
einem Tag auf den anderen. Aus irgendeinem Grund ist es einfacher,
die Sache in aller Ruhe im späteren Verlauf des Tages zu erledigen,
wenn gerade sonst nichts anliegt. Iris hat nichts dagegen. Sie scheint
es auf seltsame Weise für etwas ganz Normales und gleichzeitig für
eine absolute Ausnahme zu halten, so als ob für sie zwischen den bei-
den Vorstellungen kein Unterschied mehr bestünde. Vielleicht kann
sie deshalb auch ihren täglichen Zustand hinnehmen, weil sie sich
ihres früheren nicht bewußt ist und auch nicht damit rechnet, daß ein
anderer sie irgendwie verändert finden könnte. Ganz so, wie meine
Erinnerung sie jetzt immer zeigt, wie sie ist und wie sie - so scheint die
Erinnerung anzunehmen - immer gewesen sein muß.
Da ist es wohl ganz normal, daß ihr die alltäglichen Verrichtungen
von früher, wie etwa Waschen und Anziehen, entschwunden sind, so
als hätte es sie nie gegeben. Wenn sie sich an sie erinnern könnte, was
38
Ele^ fiir Iris
nicht der Fall ist, dann würde sie vielleicht denken: Habe ich mich
wirklich jeden Tag diesen unnötigen Ritualen unterzogen? Ich selbst
mag meiner Erinnerung schließlich auch kaum glauben, daß ich mich
einmal verliebt habe mit all den üblichen Begleiterscheinungen wie
Erregung, Verzückung und Verzweiflung - in gewisser Weise auch
alles Rituale.
Zur gleichen Zeit sind Iris' gesellschaftliche Reflexe noch sehr gut,
was irgendwie unheimlich ist. Wenn Jemand vor der Tür steht (der
Briefträger, der Mann, der die Gasuhr abliest), und ich gerade be-
schäftigt bin, dann empfängt sie ihn mit einem liebenswürdigen Lä-
cheln und ruft mich dann in jenem gelassenen, ein wenig »huldvol-
len« Ton, den Ehepaare in der Gegenwart Fremder automatisch be-
nutzen. »Schatz, ich glaube, hier ist der Mann, der die Gasuhr
ablesen will.« Auch mit komplexeren Situationen geht sie ganz in-
stinktiv genauso um, scheint der Unterhaltung zu folgen, lächelt und
überbrückt bereitwillig eine Gesprächspause mit einer Frage. Für ge-
wöhnlich immer mit derselben: »Woher kommen Sie?« oder »Was
machen Sie jetzt?« - Fragen, die im Verlauf eines solchen Beisam-
menseins viele Male wiederholt werden. Die anderen, zu Besuch ge-
kommene Fremde oder Freunde, stellen sich, sobald sie begriffen ha-
ben, was los ist und was hinter diesen Wiederholungen steht, gut auf
sie ein, und für gewöhnlich gelingt es ihnen, der Rolle, die Iris spielt,
zu entsprechen.
Wie ich feststelle, mache ich von den noch vorhandenen Verhaltens-
mustern durchaus Gebrauch. Wenn früher einmal etwas schiefgegan-
gen oder nicht ordentlich erledigt worden war, etwas, für das ich zu
Recht oder zu Unrecht Iris verantwortlich machte, dann bekam ich
manchmal einen kindischen Wutanfall. Sie reagierte in einem solchen
Fall ganz gelassen und beruhigte mich auf fast mütterliche Weise. Das
geschah nicht überlegt, sondern war eine völlig unbewußte weibliche
Reaktion, für die cs normalerweise keinen Auslöser gab, was der Fall
gewesen wäre (und das fast täglich), wenn wir Kinder gehabt hätten.
Im allgemeinen war Iris überhaupt nicht »weiblich«, eine Tatsache,
für die dankbar zu sein mir dann und wann einfiel. Inzwischen habe
ich gelernt, von diesem Reflex Gebrauch zu machen. Wenn sie mir
den ganzen Tag folgt wie Marys Bär und mich immer wieder bei ei-
ner lästigen Arbeit oder beim Briefeschreiben (sehr oft Briefe an ihre
Fans) unterbricht, dann fange ich - selbst für mein Gefühl - hem-
mungslos an zu toben, stampfe mit dem Fuß auf, schleudere die Pa-
39
John Bajlgi
piere und Briefe auf den Boden und fuchtele mit den Händen in der
Luft herum. Es funktioniert immer. Iris sagt: »Entschuldige ... ent-
schuldige . . . « und tätschelt mich, bevor sie still weggeht. Sie wird
bald wieder da sein, aber das macht nichts. Mein Wutanfall hat sie in
einer Weise beruhigt, wie ich es weder durch meine Fürsorglichkeit
noch durch Versuche, auf sie einzugehen, hätte erreichen können.
Die Dame, die auf ihre bewußt fröhliche Art zu mir gesagt hatte, mit
einem Alzheimer-Kranken zu leben sei, als wäre man an einen Leich-
nam gekettet, steigerte sich zu einem noch größeren Ausbruch ver-
zweifelten Spaßens, indem sie bemerkte: »Und wie Sie und ich wis-
sen, ist es ein Leichnam, der sich in einem fort beschwert.«
Ich weiß das nicht. Trotz ihrer unaufhörlichen, ängstlichen Fragerei
scheint Iris gar nicht zu wissen, wie man sich beklagt. Das hat sie auch
früher nicht gewußt. Die Krankheit, die Wesenszüge so sehr betonen
kann, daß es fast einer teuflischen Parodie gleicht, hat es in ihrem Fall
nur geschafft, ihre natürliche Güte zu verstärken.
An einem guten Tag hat ihr Bedürfnis nach liebevoller Nähe, gegen-
seitigem Streicheln und zärtlichem Gemurmel etwas Engelhaftes an
sich, und sie selbst scheint etwas von dem zu haben, was unsichtbar in
einer Ikone anwesend ist. Noch wichtiger aber ist diese Nähe für sie
an den Tagen voll stiller Tränen, einem Kummer, der scheinbar
nichts von der geheimnisvollen Welt des Schöpfertums, die sie verlo-
ren hat, weiß und doch spürt, daß etwas fehlt. Die »Kleine-Stier-Sei-
te« an ihr, wenn sie mit gesenktem Kopf entschlossen auf ihr Ziel
losging, kam früher ganz besonders heraus, wenn sie morgens auf-
stand und ins Badezimmer strebte. Nachdem sie sich angezogen hat-
te, kam sie und stattete mir, der ich noch im Bett war und arbeitete,
einen kurzen Besuch ab und ging dann hinunter in den Garten, um
nachzuschauen, wie es draußen so aussah. Das Wetter und die Vögel,
Bilder und Klänge - all das notierte sie manchmal in ihr Tagebuch,
wenn sie sich an die Arbeit setzte. Sie frühstückte dann nie. Allerdings
brachte ich ihr, wenn ich zu Hause war, später am Morgen Kaffee
und einen Schokoladenkeks.
Jetzt ist diese einstmals gute Morgenzeit die schlimmste Zeit. Wie für
die Soldaten beider Weltkriege das In-Bereitschaft-Stehen in den
Schützengräben. Schwarzer Humor ist darauf die natürliche Ant-
wort, selbst wenn man den trüben Scherz nur insgeheim machen
kann, denn schon der Versuch, ihn zu dieser einstmals so viel-
versprechenden Stunde mit dem Opfer teilen zu wollen, wäre herzlos.
40
Elegk fiir Iris
Während ich mir also den Kopf darüber zerbreche, wie man am be-
sten den Tag herumbringen könnte, hege ich durchaus kamerad-
schaftliche Gefühle gegenüber der Frau, die sich dadurch ein wenig
Erleichterung verschafft hatte (ich hoffe es jedenfalls), daß sie über
sich und ihren kranken Mann Witze machte. Obwohl mir nicht da-
nach zumute gewesen war, aus vollem Herzen mitzuwitzeln, wäre es
doch sehr viel schlimmer gewesen, wenn ich auf feierlich-teilnahms-
volle, »korrekte« Art und Weise aus einer ähnlichen Situation heraus
Mitgefühl hätte zeigen müssen. Überhaupt haben ja Menschen, die
im gleichen Boot sitzen, den natürlichen Wunsch, Erfahrungen aus-
zutauschen. Ein gepflegt aussehender, grauhaariger Mann, den ich
gekannt hatte, als wir beide achtzehn und Soldaten waren, schrieb
mir, um mir sein Mitgefühl auszudrücken. Abgesehen von seinem
Beruf - er war Börsenmakler ~ hatte er sich hauptsächlich für Frauen
und Oldtimer interessiert. Als seine Frau, die jünger war als er, Alz-
heimer bekam und ihr Zustand sich rapide verschlechterte, pflegte er
sie mit beispielloser Hingabe. Er berichtete über den Fortschritt der
Krankheit gern in eindrucksvollen kleinen Briefchen. Einmal schrieb
er: »Früher habe ich des Weibes göttliche Form in einem etwas ande-
ren Licht gesehen. Jetzt, so stelle ich fest, spritze ich sie einfach jeden
Morgen mit dem Schlauch ab.«
Ich tue das bei weitem nicht so oft. Aber wenn mir der Scherz in den
Sinn kommt, während ich Iris zwischen den Beinen wasche und mir
dann das Übrige ihrer »göttlichen Form« vornehme, dann muß ich
innerlich kichern. Woher hatte mein alter Kriegskamerad bloß dieses
unerwartete Beispiel altmodischer Schalkhaftigkeit, dieses komische,
aber zugleich auch irgendwie poetische Gliche, an dem auch James
Joyce einmal Gefallen gefunden hatte? Ganz sinnlos, den Scherz mit
Iris teilen zu wollen. Nicht daß sie Anstoß nehmen würde, aber das
Schnodderig-Absurde dieses Satzes würde ihr inzwischen entgehen.
Kürzlich stieß ich auf eine Sammlung von Palindromen, die uns je-
mand Vorjahren geschickt hatte - geniale und surrealistische Sätze
mit dementsprechenden Illustrationen. Eines davon, dessen tele-
graphische Knappheit uns ebenso wie seine Illustration amüsiert hat-
te, hieß: »Sex at noon taxes.« (»Sex zur Mittagszeit strengt an.«) Ich
zeigte es Iris zusammen mit einigen anderen, die wir damals beson-
ders gut gefunden hatten, und sie lächelte und lachte ein bißchen, um
mir eine Freude zu machen, aber ich wußte, daß sie sie nicht verstand.
Andererseits schaut sie sich die Trickfilme im Kinderfernsehen mit an
41
John Bayl^
Entzücken grenzender Freude an. Sie können zwischen zehn Uhr -
der schwierigsten Zeit - und elf Uhr morgens eine große Erleichte-
rung sein. Für gewöhnlich gucke ich mir mit ihr zusammen die Tele-
tubbies an, und ihre seltsame kleine, sonnenbeschienene Welt mit, wie
es scheint, echten Kaninchen, echtem Himmel und echtem Gras
nimmt auch mich gefangen. Sind diese Wesen tatsächlich irgendwie
menschlich? Schlaue kleine Zwerge? Jedenfalls sieht es so aus, und die
Illusion, wenn es denn eine ist, fesselt uns immer wieder.
Wir haben erst seit ein paar Monaten Fernsehen - vorher sind wir nie
auf die Idee gekommen. Jetzt lausche ich auf die Geräusche aus der
Küche und hoffe, daß der Fernseher angestellt bleibt. Wenn es still ist,
weiß ich, daß Iris ihn ausgemacht hat und reglos dasitzt. An nach-
lassendem Konzentrationsvermögen kann es nicht liegen. Sie verfolgt
gebannt Fußballspiele, Cricket, Bowling oder auch Tennis, ohne das
Spiel oder den Spielstand zu kennen, aber völlig von der Atmosphäre
gefangengenommen. Meine an den Leichnam gekettete Freundin
sagte jeden Abend zu ihrem Mann: »Heute gibt‘s Poolbülard im
Fernsehen.« Dann spielte sie ihm ein altes Video vor. Es sei jedesmal
neu für ihn, sagte sie.
Da ich kein sechsjähriges Kind zur Hand habe, das mit so etwas um-
gehen kann, ist es mir leider nie gelungen, das Videogerät zu pro-
grammieren. Aber Iris stellt den Kasten ohnehin nicht ab, weil sie
sich langweilt (Langeweile scheint bei ihr einfach nicht vorzukom-
men), sondern aus jenem instinktiven Drang heraus wegzukommen,
der sie auch sagen läßt: »Wann gehen wir?« oder »Muß aber weg.«
Aus demselben Grund hat sie Beschäftigungen, die ich ihr anbot und
an denen sie sich auch versuchte, abgebrochen - ich habe so etwas
inzwischen stillschweigend wieder aufgegeben. Wann lassen sie uns
hier raus?
Vom ersten Tag unserer Ehe an haben wir uns nie groß um Hausar-
beit gekümmert. Täglich immer wieder zu erledigende Dinge gab es
nie. Keiner von uns hatte das Bedürfnis, das Haus sauberzuhalten,
und der Gedanke, daß jemand anders kommen und es für uns tun
könnte, störte uns. Inzwischen hat der Zustand des Hauses einen
Punkt erreicht, von dem es wirklich kein Zurück mehr gibt. Früher
kam es uns unnötig vor, etwas zu unternehmen, und jetzt ist es zu
spät. Falls unsere Freunde bemerken, wie es bei uns aussieht (ausge-
sprochen gemütlich, finde ich), dann sagen sie es nicht. Nichts-
destoweniger habe ich hin und wieder das Gefühl, daß wir, hätten wir
42
Kommentar
es uns rechtzeitig angewöhnt, zusammen irgendwelche Hausarbeiten
zu verrichten, jetzt damit fortfahren könnten. Selbstdisziplin. Und
eine Methode, sich die Zeit zu vertreiben. Aber wie der Tramp in
Warten auf Godot in etwa sagt, irgendwie scheint die Zeit trotzdem zu
vergehen.
Nicht daß wir ein ausgesprochenes Staubmuseum unser eigen nen-
nen - wie Dickens“ Miss Havisham. Wenn man den Staub in Ruhe
läßt, scheint er sich mit Leichtigkeit in die allgemeine Kulisse einzufü-
gen. Wie die Kleidungsstücke, Bücher, alten Zeitungen, Briefe, Papp-
kartons. Das eine oder andere kann man vielleicht noch einmal ge-
brauchen. Aber Iris hat sowieso nie etwas wegwerfen können. Sie hat
mit aufgerissenen Briefumschlägen oder verschlußlosen Plastikfla-
schen schon immer Mitleid gehabt, das inzwischen allerdings zwang-
haft geworden ist. So werden trockene Blätter gerettet, Stöcke und
Stummel von Zigaretten, die nicht sehr heimlich von den Schülerin-
nen der Oberschule hier in der Nähe geraucht worden sind. Heutzu-
tage ist das Rauchen ja zu einer Outdoor-Aktivität geworden. Ganz
gesund, denke ich manchmal.
Es ist wunderbar friedlich, hier so im Bett zu sitzen, während Iris ne-
ben mir beruhigend schläft und leise schnarcht. Ich werde selber wie-
der ganz schläfrig, und mir ist, als ob ich den Fluß hinabtriebe und
zusähe, wie das ganze Zeug hier aus dem Haus und aus unserem Le-
ben - das gute wie das schlechte - Itingsam im dunklen Wasser ver-
sinkt, bis es in der Tiefe nicht mehr zu sehen ist. Iris treibt oder
schwimmt ruhig neben mir. Krautige Pflanzen oder größere Blätter
schwanken und recken sich unter der Wasseroberfläche. Blaue Libel-
len schießen am Ufer hin und her oder stehen in der Luft. Und plötz-
lich der leuchtende Blitz eines Eisvogels.
/f Kommentar
In dem Erinnerungstext von John Bayky »Elegie für Ms« werden
einige zentrale Symptome der Demenz in sehr subtiler und in einer
durch große Verstehensbereitschaß getragenen Weise geschildert, ohne
dass das Gesamtbild der Demenz beschrieben wird. Der Erzähler
berichtet in der »Ich- Form« über die Krankheitssymptome und die Veränderungen
seiner Frau in einer Weise, die die große emotionale Nähe zu ihr, die eigene Betrof-
fenheit durch die Erkrankung und den Versuch, sich nicht zu sehr durch die
43
Kommentar
Krankheitssymptome beeinträchtigen zu lassen, erkennbar werden lässt. Es handelt
sich also nicht um einen sachlichen, objektioen Bericht über die Krankheitssympto-
me, sondern um einen Versuch, diesen Krankheitssymptomen, obwohl sie so schwer
sind und das partnersclrnftlkhe Leben beeinträchtigen, möglichst viel von ihrer
schicksalhafien Tragßc dadurch zu nehmen, dass immer wieder auch versucht wird,
die „positiven“ Aspekte der Krankheits^mptome zu sehen. In ofl z-T. subtil hu-
morvoller Weise wird die fiappierend »gute Fassade« der Demenzkranken in be-
stimmten sozialen Routinekontexten, die fiir den nicht eingeweihten Außenstehen-
den die Krankheit manchmal völlig verschleiern kann, dargestellt. Der Erzähler
beschreibt auch eindrucksvolle Versuche, mit den jeweiligen Krankheitssymptomen
so umzugehen, dass möglichst wenig Demütigungen ßir die erkrankte Ehefiau ent-
stehen und dass gleichzeitig die emotionale Belastungjur ihn so weit wie möglich
reduziert werden kann. Auch berichtet er, wie er sich auf das veränderte Verhalten
seiner Ehefiau einstellt, um möglichst wenig korfiikthcifle Situationen entstehen zu
lassen. Die ßr den Ehemann aufiommenden Ifiegeaufgaben und Belastungen wer-
den in einem sehr vorsichtigen Ton und ohne Klagen geschildert. Der Erzähler stellt
seine Bemühungen dar, eine intensive Beziehung zu seiner Ehefiau beizubehalten,
wenn auch unter den durch die Demenzerkrankung völlig veränderten Ausgangsbe-
dingungen.
Die trafische Realität, die die Demenzerkrankung eines Partners mit sich bringt,
wird vom Erzähler in einer sehr eindrucksvollen Weise poetisch gestaltet, ohne dass
dadurch ein falsches Bild von der Erkrankung gegeben wird. Eine ivichtige Strate-
gie, die Belastung der Demenzerkrankung der Ehefiau nicht zu exzessiv werden zu
lassen, ist dabei der z. T humorvolle Umgang mit den Demenzsymptomen.
Der Beitrag gjbt mit seiner Darstellung Anlass zu der Hoffnung, dass bei einer
guten und tragfdhigen Partnerschqfi auch ein so schweres und tragisches Schicksal
gemeinsam getragen und positiv bewältigt werden kann.
44
Jonathan Fmnzen
Das Gehirn meines Vaters
aus: Jonathan Fmnzen. Anleitung zum Einsamsein. Essays.
Deutsch von Chris Hirte.
© 2002 by Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg
Einführung
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen Jahrgang
1959), derzeitweise an der FU Berlin studierte, wird bereits jetzt
international zu den Twenly Writers for the 21st Century ge-
zählt. Für seinen drillen Roman »Die Korrekturen« erhielt er
2001 den National Book Award.
In seiner Essaysammlung »Anleitung zum Einsamsein« (2002), der auch der
nachfolgende Text entnommen ist, setzt sich der Autor mit der Alltagswelt der Ge-
genwart auseinander und sieht in den verschiedenen Formen von Einsamkeit eine
der letzten Möglichkeiten, sich der medialen und ideologischen Rdzüberflutung zu
entziehen. Einer der eindrucksvollsten Texte ist der zwar stark autobiographisch
gefärbte, kompositorisch und erzählstrate^sch dennoch literarisch überhöhte Text
über die Alzheimer- Erkrankung seines Vaters.
Unter Rückgriff auf das literalurgeschichtlich konventionalisierte Muster des An-
teil nehmenden Beobachters daf gerade dieser Essay über den an Demenz erkrank-
ten Vater nicht ausschließlich durch eine bloß autobiographische Brille gelesen wer-
den. Es geht hier nicht um eine Homestory zur Befriedigung voyeuristischer Blicke
ins Privatleben eines berühmten Schrißstelkrs, sondern durchaus um das literari-
sche und ästhetische Bestreben, in der Darstellung des Individuellen das A llgemeine
zu akzentuieren. Was sich teilweise als schier erschreckende Offenheit tarnt, wird in
erster Linie von kunstgestalterischem Willen, nicht von journalistischem Exhibitio-
nismus geleitet, fu beachten ist außerdem der Werkkontext, zumal bereits in dem
Roman »Die Korrekturen« Albert Lambert, eine der zentralen Figuren, an der
Krankheit leidet.
Weiterführende Literatur:
Hans Färstl (Hrsg): Demenzen. Perspektiven in Forschung u. Praxis. Ebevier 2005
45
Jonathan Franzpi
Das Gehirn meines Vaters
Eine Erinnerung: An einem trüben Februarmor-
gen des Jahres 1996 bekam ich von meiner in St.
Louis lebenden Mutter ein Päckchen zum Valen-
tinstag, das eine kitschig rosa Glückwunschkarte,
zwei große Schokoriegel (Mr. Goodbars), ein ro-
tes Filigranherz mit Schleife und die Kopie eines
neuropathologischen Berichts über die Gehirn-
autopsie meines Vaters enthielt.
Ich entsinne mich des hellgrauen Winterlichts jenes Vormittags. Ich
weiß noch, dass ich die Schokoriegel, die Karte und das Herz im
Wohnzimmer liegen ließ, mit dem Autopsiebericht ins Schlafzimmer
ging, mich hinsetzte und las. Das Gehirn (so begann der Bericht) wog
1255 Gramm und zeigte parasagitale Atrophien mit Furchenerweiterungen. Ich
weiß noch, dass ich Gramm in Pfund übersetzte und Pfund in die
vakuumverpackten Fleischklumpen im Kühlregal des Supermarkts.
Ich weiß noch, dass ich nicht weiterlas und den Bericht in den Um-
schlag zurückschob.
Ein paar Jahre vor seinem Tod hatte mein Vater an einer Studie der
Washington University zum Thema Gedächtnis und Altern teilge-
nommen, und eine der Draufgaben war die kostenlose Gehirnautop-
sie nach dem Tod des Probanden gewesen. Ich vermute, dass meine
Mutter, die auf alles flog, was es umsonst gab, meinen Vater wegen
der ebenfalls kostenlosen Betreuung und Behandlung zur Teilnahme
an dieser Studie gedrängt hatte. Sparsamkeit war vermutlich auch
das einzige bewusste Motiv dafür, dass sie den Autopsiebericht in
mein Valentinspäckchen gesteckt hatte. Sie sparte zweiunddreißig
Cent Porto.
Meine klarsten Erinnerungen an diesen Februarmorgen sind visueller
und räumlicher Art: die gelben Mr. Goodbars, der Wechsel vom
Wohnzimmer ins Schlafzimmer, das Vormittagslicht einer Jahreszeit,
die vom Winteranfang genauso weit entfernt war wie vom Frühlings-
beginn. Ich weiß jedoch, dass selbst diesen Erinnerungen nicht zu
trauen ist. Den neuesten Theorien zufolge, die auf einer Vielzahl
neurologischer und psychologischer Forschungen der letzten Jahr-
zehnte aufbauen, ist das Gehirn kein Album, in dem jede Erinnerung
einzeln aufbewahrt wird wie ein Foto. Der Psychologe Daniel L.
46
Das Gehirn meines Vaters
Schächter beschreibt eine Erinnerung vielmehr als »temporäre Kon-
stellation« der Gehirntätigkeit - eine naturgemäß unscharf begrenzte
Erregung neuronaler Schaltkreise, die eine Reihe von Wahrneh-
mungsbildern und semantischen Daten in die temporäre Wahrneh-
mung eines erinnerten Ganzen einbindet. Diese Bilder und Daten
sind selten das exklusive Eigentum einer bestimmten Erinnerung.
Schon während die Erlebnisse jenes Valentinstags in mir aufsteigen,
bedient sich mein Gehirn der viel älteren Begriffe »rot«, »Herz« und
»Mr. Goodbar«, der graue Himmel vor den Fenstern ist mir von tau-
send anderen Wintertagen vertraut, und ich habe bereits Millionen
von Neuronen auf das Bild meiner Mutter verwandt - ihren Geiz in
Portofragen, die Liebesbeweise für ihre Kinder, ihre unterdrückte
Wut auf meinen Vater, ihren grotesken Mangel an Takt und so weiter.
Meine Erinnerung an diesen Morgen besteht also nach neuesten Er-
kenntnissen aus einer Reihe fester neuronaler Verbindungen zwi-
schen den zuständigen Gehirnregionen und einer Prädisposition für
die Gesamtkonstellation, die sich chemoelektrisch aktiviert, wenn ein
Teilbereich stimuliert wird. Man sage »Mr. Goodbar« und bitte mich
um freie Assoziation.
Wenn ich nicht auf »Diane Keaton« komme, dann ganz bestimmt
auf »Gehirnautopsie«.
Meine Valentinserinnerung würde auch so funktionieren, wenn ich
sie jetzt zum ersten Mal ans Licht zöge. Dieser Februarvormittag ist
mir aber seitdem unzählige Male in den Sinn gekommen. Ich habe
die Geschichte meinen Brüdern erzählt. Ich habe sie Freunden, die
auf solche Dinge stehen, als mütterliche Entgleisung erzählt und be-
schämenderweise auch Leuten, die ich kaum kenne. Jede neue Akti-
vierung und Wiedergabe verstärkt die Konstellation der Bilder und
der Fakten, aus denen die Erinnerung besteht. Auf Zellebene be-
trachtet, wird die Erinnerung nach Aussage der Neurowissenschaftler
jedes Mal ein wenig tiefer eingebrannt, wird die Vernetzung der
Komponenten weiter befestigt, das Feuerwerk der betreffenden Sy-
napsen kräftiger geschürt. Eine der größten Anpassungsleistungen
des Gehirns, die unsere grauen Zellen um so vieles raffinierter ma-
chen als jede bislang erdachte Maschine (die verstopfte Festplatte mei-
nes Laptops oder ein World Wide Web, das sich stur und bis ins letzte
Detail die »Beverly Hills 902 1 0«-Fan-Site merkt, last updated 20. 1 1.
98), ist die Fähigkeit, fast alles zu vergessen, was uns je widerfahren ist.
Ich bewahre weitgehend verallgemeinerte Erinnerungen an die Ver-
47
Jomthan Fran2:fn
gangenheit auf (ein Jahr in Spanien, mehrere Besuche in den indi-
schen Restaurants der East Sixth Street), aber verhältnismäßig wenig
konkrete Episoden. Indem ich auf diese Erinnerungen zurückgreife,
stärke ich sie. Sie werden wortwörtlich ~ morphologisch, chemoelek-
trisch - zum Teil meiner Gehirnarchitektur.
Dieses Gedächtnismodell, das ich hier ziemlich laienhaft wiedergebe,
begeistert den Amateurwissenschaftler in mir. Es bietet mir eine Er-
klärung sowohl für die Unschärfe als auch für die Vielfalt meiner Er-
innerungen und erregt meine Ehrfurcht, wenn ich mir die neuronalen
Netzwerke vorstelle, die sich mühelos und in unabsehbarer Paral-
lelität selbst organisieren, um mein phantomhaftes Bewusstsein und
mein ziemlich robustes Ichgefühl zu erzeugen. Eine hübsche, postmo-
derne Vorstellung. Das menschliche Gehirn ist ein Gespinst aus hun-
dert, vielleicht auch zweihundert Milliarden Nervenzellen, aus Billio-
nen Nervenfasern und Dendriten, die Billiarden von Botschaften
übermitteln und sich dazu mindestens fünfzig verschiedener Trans-
mitter bedienen. Das Organ, mit dem wir das Universum beobachten
und deuten, ist der mit großem Abstand komplexeste Gegenstand,
der uns in diesem Universum begegnet.
Und zugleich ist er ein Klumpen Körpermasse. Irgendwann, viel-
leicht im weiteren Verlauf des Valenrinstags, zwang ich mich, den
ganzen Pathologiebericht zu lesen. Er enthielt den »mikroskopischen
Befund« des Gehirns, das meinem Vater gehört hatte:
Sektion der Stirn-, Scheitel-, Hinterhaupts- und Schläfenlappen zeig-
te zahlreiche senile Plaques vom marktmten und gestreuten Typus mit
geringer neurofibrillarer Lockenbildung. Kortikale Levy'sche Kör-
perchen ließen sich in der H & E-gefarbten Substanz leicht nachwei-
sen. Der Mandelkern wies Plaques auf, vereinzelte Locken und leich-
ten Zellschwund.
Neun Monate zuvor, beim Aufgeben der Todesanzeige, hatte meine
Mutter auf der Formulierung bestanden, mein Vater sei »nach langer
Krankheit« verstorben. Ihr gefiel daran das Förmliche und Verhalte-
ne, aber der Groll, der im Wort »lang« mitschwingt, ist kaum zu über-
hören. Die bei der Obduktion entdeckten senilen Plaques bestätigten,
womit mein Vater viele Jahre Tag für Tag zu kämpfen hatte: Wie Mil-
lionen anderer Amerikaner litt er an der Alzheimer-Krankheit.
48
Das Gehirn meines Vaters
Das war seine Krankheit, aber auch, so könnte man sagen, seine Ge-
schichte. Doch lassen Sie mich erzählen.
Alzheimer ist eine Krankheit mit schleichendem Verlauf. Da auch ge-
sunde Menschen mit dem Alter vergesslich werden, lässt sich nicht
feststellen, wann eine Gedächtnisleistung erstmals dem Morbus Alz-
heimer zum Opfer fällt. Bei meinem Vater war es besonders kompli-
ziert, weil er nicht nur depressiv, introvertiert und schwerhörig war,
sondern auch starke Medikamente wegen anderer Krankheiten nahm.
Lange Zeit war es möglich, seine inadäquaten Antworten auf die
Schwerhörigkeit zu schieben, seine Vergesslichkeit auf die Depression,
seine Halluzinationen auf die Medümmente, und genau das taten wir.
Meine Erinnerungen an die Jahre seines beginnenden Verfalls befas-
sen sich lebhaft mit anderen Dingen. Ich bin sogar ein bisschen ent-
setzt, welch großen Raum ich in ihnen einnehme und wie peripher
meine Eltern sind. Aber in jenen Jahren war ich weit weg von zu Hau-
se. Mein Wissen bezog ich vor allem aus den Klagen meiner Mutter
über meinen Vater, und diese Klagen nahm ich nicht ganz ernst,
denn mein Leben lang hatte ich nichts anderes von ihr gehört.
Die Ehe meiner Eltern war, man kann es so sagen, alles andere als
glücklich. Sie blieben wegen der Kinder zusammen und weil sie nicht
glaubten, durch eine Scheidung glücklicher zu werden. Solange mein
Vater arbeitete, hatte jeder seinen eigenen Bereich, sie den Haushalt,
er den Beruf, aber 1981, nach seiner Pensionierung mit 66 Jahren,
begannen sie in ihrem gemütlich eingerichteten Vorstadthaus mit der
Ganztagsdarbietung des Ehedramas »No Exit«. Ich reiste zu
Kurzbesuchen an wie eine UN-Friedenstruppe und hörte mir die er-
bitterten Vorwürfe beider Seiten an.
Im Unterschied zu meiner Mutter, die in ihrem Leben fast dreißigmal
im Krankenhaus lag, war mein Vater bis zu seiner Pensionierung
kerngesund. Seine Eltern und Onkel hatten es auf über achtzig oder
neunzig Jahre gebracht, und er, Earl Franzen, war fest davon über-
zeugt, dass er mit neunzig noch leben würde, um, wie er gern sagte,
»zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln«. (Sein anagrammatischer
Namensvetter Lear stellte sich das Greisenalter ganz ähnlich vor: Er
wollte mit Cordelia dem Hofklatsch lauschen und erfahren, »wer
siegt und wer verliert, wer drin ist und wer draußen«.) Mein Vater
hatte keine Hobbys, seine Freuden beschränkten sich aufs Essen, auf
die Besuche seiner Kinder, aufs Bridgespiel, aber er hatte ein episches
Interesse am Leben, Unermüdlich sah er die Fernsehnachrichten.
49
Jonathan Franzen
Sein Altersehrgeiz war es, die Entwicklung der Nation und seiner
Kinder zu verfolgen, solange es nur ging.
Das Passive dieses Ehrgeizes und die Gleichförmigkeit seines Alltags
machten ihn weitgehend unsichtbar für mich. Aus den Anfängen sei-
ner Demenz am Ende der achtziger Jahre ist mir nur ein einziger
konkreter Vorfall im Gedächtnis: Beim Besuch des Restaurants schei-
terte er trotz aller Bemühungen an der Aufgabe, anhand der Rech-
nung das Trinkgeld zu ermitteln.
Glücklicherweise war meine Mutter eine großartige Briefschreiberin.
Die Passivität meines Vaters, die ich bedauerlich fand, aber nicht als
mein Problem betrachtete, war für sie eine Quelle bitterer Enttäu-
schung. Bis zum Herbst 1989, als mein Vater, wie ich ihren Briefen
entnehme, noch Golf spielte und die wichtigsten Hausreparaturen
selbst vornahm, blieben ihre Klagen strikt auf den familiären Bereich
beschränkt:
Es ist extrem schwierig, mit einem unglücklichen Menschen zu leben,
wenn man weiß, dass man die Hauptursache seines Unglücks ist.
Schon vor Jahrzehnten, als Dad mir erzählte, dass es so was wie Liebe
nicht gibt (dass Sex eine »Falle« ist) und dass es ihm nicht vergönnt
war, glücklich zu sein, hätte ich so klug sein müssen zu erkennen, dass
es keine Hoffnung auf eine Beziehung gab, die mich erfüllte. Aber ich
war mit den Kindern und den Menschen, die ich gern hatte, ausgelas-
tet und habe mir wahrscheinlich wie Scarlett 0‘Hara gesagt: »Sorgen
mache ich mir später.«
Der Brief stammt aus einer Zeit, als sich das elterliche Ehedrama auf
das Thema seiner Schwerhörigkeit verlagert hatte. Meine Mutter
klagte, es sei rücksichtslos von ihm, keine Hörhilfe zu tragen, mein
Vater klagte, die anderen seien rücksichtslos, weil sie nicht laut genug
sprächen. Die Auseinandersetzung kulminierte in einem Pyrrhussieg:
Er kaufte eine Hörhilfe, ohne sie zu benutzen. Und wieder machte
ihm meine Mutter »Sturheit«, »Eitelkeit« und »Fatalismus« zum Vor-
wurf Aber im Rückblick ist kaum zu übersehen, dass die schlechten
Ohren als Staffage für weit ernstere Probleme herhalten mussten.
Ein Brief vom Januar 1990 enthält den ersten schriftlichen Hinweis
auf diese Probleme:
50
Das Gehirn meines Vaters
r
Letzte Woche hat er seine morgendlichen Pillen weggelassen, weil er
zum Fahrtauglichkeitstest an der Washington University musste, wo
er an der Studie zu Alter und Gedächtnis teilnimmt. In der Nacht
wurde ich von seinem elektrischen Rasierer geweckt, ich schaute auf
die Uhr, es war halb drei, und er war im Bad und rasierte sich.
Wenige Monate später machte mein Vater schon so viele Fehler, dass
meine Mutter andere Erklärungen bemühen musste:
Entweder ist er überanstrengt oder zerstreut oder hat irgendeine geis-
tige Störung, aber es gab eine ganze Menge Vorfälle, die mir wirklich
Sorgen machen. Er lässt die Wagentür offen oder die Scheinwerfer
brennen, und innerhalb einer Woche mussten wir zweimal den Pan-
nendienst rufen und die Batterie aufladen lassen. (Jetzt habe ich Zettel
in der Garage aufgehängt, und das scheint zu helfen.) ... Mir ist wirk-
lich nicht wohl beim Gedanken, ihn für längere Zeit allein im Haus zu
lassen.
Die Angst, ihn allein zu lassen, gewann im Lauf des Jahres immer
mehr an Gewicht. Ihr rechtes Knie war abgenutzt, und weil sie be-
reits eine Stahlplatte von einer früheren Fraktur im Bein hatte, stand
ihr eine komplizierte Operation mit langer Genesung und Rehabilita-
tion bevor. Ihre Briefe von Ende 1990 und Anfang 1991 sind durch-
setzt von quälenden Zweifeln, ob sie die Operation riskieren konnte
und was in diesem Fall mit meinem Vater geschehen sollte.
Wäre er nur eine Nacht allein im Haus und ich im Krankenhaus,
würde ich durchdrehen, weil er das Wasser laufen lässt, manchmal
den Herd nicht abstellt, überall Licht macht und so weiter . . . Ich prü-
fe in letzter Zeit alles nach, sooft ich kann, aber selbst dann herrscht
bei uns ein heilloses Durcheinander, und was mich am härtesten an-
kommt, ist sein Vorwurf der Einmischung - »Halt dich aus meinen
Angelegenheiten raus!!!«. Er sieht oder akzeptiert nicht, dass ich ihm
helfen will, und das ist das Allerschwerste für mich.
Zu der Zeit hatte ich gerade meinen zweiten Roman beendet, deshalb
bot ich ihr an, während ihres Klinikaufenthalts auf meinen Vater auf-
zupassen. Um seinen Stolz nicht zu verletzen, einigte ich mich mit ihr
darauf, so zu tun, als wäre ich ihretwegen und nicht seinetwegen ge-
51
Jonathan Franzfn
kommen. Das Seltsame war jedoch, dass ich das nur halbherzig tat.
Was meine Mutter über die Fehlleistungen meines Vaters schrieb, war
nicht zu bezweifeln, aber genauso glaubhaft beschrieb mein Vater
meine Mutter als nörgelnde Schwarzseherin. Ich fuhr nach St. Louis,
weil seine Defizite für sie absolut real waren; doch als ich dort war,
verhielt ich mich so, als existierten sie überhaupt nicht.
Wie befürchtet, blieb meine Mutter fast fünf Wochen im Kranken-
haus. Obwohl ich nie so lange mit meinem Vater allein gewesen war
und es auch nie wieder sein sollte, habe ich heute keine ausgeprägten
Erinnerungen mehr an unser Zusammensein. Mein heutiger Ein-
druck ist, dass er ein wenig zu ruhig, aber insgesamt völlig normal
war. Das, könnte man meinen, stand in direktem Widerspruch zu
den Briefen meiner Mutter. Doch ich kann mich nicht erinnern, dass
mir dieser Widerspruch aufgefallen wäre. An einen Freund schrieb
ich damals lediglich, dass die Medikation meines Vater angepasst
wurde und dass nun alles in Ordnung sei.
Wunschdenken? Ja, zu einem gewissen Grad. Aber die Neigung, aus
Bruchstücken ein Ganzes zu konstruieren, ist eine Grundeigenschaft
unseres Verstandes. Wir haben einen blinden Fleck im Sehfeld, wo
der Sehnerv auf die Netzhaut trifft, aber das Gehirn liefert uns ein
lückenloses Bild der Außenwelt. Wir fangen Wortfragmente auf und
hören die Wörter vollständig. Wir sehen dämonische Fratzen in Blu-
mentapeten. Ständig füllen wir Leerstellen aus. Wohl in ähnlicher
Weise war ich geneigt, sein Schweigen und seine geistigen Absenzen
umzudeuten und ihn unverändert als den alten, völlig intakten Earl
Franzen zu erleben. Ich brauchte ihn noch als Akteur in der Ge-
schichte meiner selbst. Im Brief an meinen Freund beschreibe ich
eine morgendliche Generalprobe des St. Louis Symphony Orchestra,
die wir auf Geheiß meiner Mutter besuchen mussten, damit die Frei-
karten nicht verfielen. In der Pause nach dem Violinkonzert von Sibe-
lius und dem fulminanten Solo der sehr jungen Midori sprang mein
Vater mit greisenhafter Unrast von seinem Sitz auf. »So«, sagte er,
»jetzt gehen wir.« Ich war klug genug, ihm nicht auch noch die nach-
folgende Charles-Ives-Sinfonie zuzumuten, aber wütend auf das, was
ich für sein Spießertum hielt. Auf der Heimfahrt fiel ihm zu Midori
und Sibelius nicht mehr ein als das: »Ich verstehe diese Musik nicht.
Was machen die damit? Auswendig lernen?«
Im selben Frühjahr wurde bei meinem Vater eine kleine, langsam
52
Das Gehirn meines Vaters
wachsende Prostatageschwulst festgestellt. Seine Ärzte meinten, sie
müsse nicht behandelt werden, aber er bestand auf einer Strahlen-
therapie. Offenbar auf indirekte Weise über seinen Geisteszustand im
Bilde, packte ihn die Angst, dass in ihm etwas Schreckliches vorging,
dass er seinen neunzigsten Geburtstag vielleicht doch nicht mehr erle-
ben würde. Meine Mutter, die noch sechs Monate nach der Operati-
on innere Blutungen im Knie hatte, brachte wenig Geduld mit der
von ihr unterstellten Hypochondrie auf Im September 1991 schrieb
sie:
Ich bin froh, dass Dad mit seiner Strahlentherapie angefangen hat,
die ihn zwingt, jeden Tag aus dem Haus zu gehen (hier ist ein Smiley
eingefügt) - ein großes Plus. Er war an dem Punkt, wo er so nervös, so
gequält, so depressiv wirkte, dass er irgendwie zu einer Entscheidung
kommen musste. Und da er so passiv ist (praktisch gar nichts tut), hat
er genug Zeit, sich den Kopf zu zerbrechen und über sich nach-
zugrübeln. - Er braucht dringend Ablenkung! . . . Mehr und mehr glau-
be ich, die wertvollsten Eigenschaften, die man haben kann, sind 1 .
eine positive Einstellung und 2. Sinn für Humor - nichts davon bei
Dad.
Es folgten ein paar relativ optimistische Monate. Die Geschwulst war
verbannt, das Knie meiner Mutter wurde endlich besser, und ihre
angeborene Zuversicht kehrte in die Briefe zurück. Sie berichtete,
dass mein Vater bei einer Bridgepartie gewonnen hatte. »Wenn er
seine Zerstreutheit in den Griff kriegt und nicht so konservativ ans
Spiel herangeht, schlägt er sich bemerkenswert gut. Es ist ungefähr
das Einzige, was ihm Spaß macht (und ihn wach hält!).« Aber seine
Ängste blieben; er hatte Magenschmerzen, die, wie er glaubte, durch
Krebs verursacht waren. Allmählich verschob sich der Akzent ihrer
Mitteilungen vom Persönlichen und Moralischen ins Psychiatrische.
»Es ist beunruhigend, wie viele Freunde wir in den vergangenen sechs
Monaten verloren haben - teilweise sicher wegen Dads Nervosität
und Depression«, schrieb sie im Februar 1992. Und weiter:
Dads Internist, Dr. Rouse, hat in etwa meinen Eindruck bestätigt, was
seine Magenbeschwerden betrifft. (Er hat alle klinischen Ursachen
ausgeschlossen.) Dad ist 1 . schrecklich nervös, 2. schrecklich depres-
siv, und ich hoffe, Dr. Rouse verschreibt ihm ein Antidepressivum. Es
53
Jonathan Franzen
muss einfach ein Mittel dagegen geben ... Im letzten Jahr sind viele
bedrückende, beunruhigende Dinge passiert, das weiß ich sehr wohl,
aber Dads seelischer Zustand verursacht ihm körperliche Schmerzen,
und wenn er schon nicht zur Beratung geht (vorgeschlagen von Dr.
Weiss), wird er jetzt vielleicht zumindest bereit sein, Tabletten zu neh-
men oder was immer man gegen Nervosität und Depression tut.
Eine Weile lang blieb »Nervosität und Depression« eine feste Wendung
in ihren Briefen. Dank Prozac schien mein Vater aufzuleben. Aber die
Wirkung war von kurzer Dauer. Im Juli 1992 fand er sich endlich - und
zu meiner Überraschung - bereit, zum Psychiater zu gehen.
Der Psychiatrie hatte er immer gründlich misstraut. Psychotherapie
betrachtete er als Verletzung der Intimsphäre, seelische Gesundheit
als Frage der Selbstdisziplin und die zunehmend spitzzüngigen Vor-
schläge meiner Mutter, »mal mit jemandem zu reden«, als Akte der
Aggression, als böswillige Schuldzuweisungen für ihre unglückliche
Ehe. Es war ein Ausdruck seiner tiefen Verzweiflung, dass er sich frei-
willig in die Praxis eines Psychiaters begab.
Im Oktober, bei einem Zwischenstopp in St. Louis auf dem Weg nach
Italien, fragte ich ihn nach der Behandlung. Er machte eine resignier-
te Geste. »Ein äußerst fähiger Arzt«, sagte er. »Aber ich fürchte, er hat
mich abgeschrieben.«
Der Gedanke, dass jemand meinen Vater abschrieb, war mir uner-
träglich. Aus Italien schickte ich dem Psychiater einen dreiseitigen
Brief mit der Bitte, den Fall noch einmal zu überprüfen, aber wäh-
renddessen ging es zu Hause drunter und drüber. »Ich muss dir leider
mitteilen, dass Dad einen fürchterlichen Rückschlag erlitten hat«, fax-
te meine Mutter nach Italien. »Das Medikament für sein urologisches
Problem hat in Kombination mit den Mitteln gegen Nervosität und
Depression neue Anfälle ausgelöst, das Halluzinieren usw. war
schrecklich.« Sie hatten ein Wochenende bei meinem Onkel in India-
na verbracht, wo mein Vater, aus der vertrauten Umgebung gerissen,
ein nächtliches Spektakel vollfiihrte, das darin gipfelte, dass mein On-
kel ihm ins Gesicht schrie: »Mensch, Earl, ich bin dein Bruder Erv,
wir haben im selben Bett geschlafen!« Wieder in St. Louis, begehrte
er gegen Mrs. Pryble auf, eine ältere Dame, die meine Mutter für zwei
Vormittage die Woche engagiert hatte, damit sie ihre Besorgungen
machen konnte. Er sah nicht ein, dass er eine Pflegerin brauchte, und
wenn, warum dann eine Fremde und nicht seine Frau? Er war ein
54
Das Gehirn meines Vaters
typisches »Nachtgespenst« geworden. Am Tag dämmerte er vor sich
hin, nachts stellte er das Haus auf den Kopf.
Es folgte unser unglückseliger Besuch, als meine Frau und ich endlich
für meine Mutter tätig wurden und eine Altenpflegerin suchten. Mei-
ne Mutter drängte uns, ihn so zu ermüden, dass er nachts ohne psy-
chotische Ausbrüche durchschlief Er saß mit versteinertem Gesicht
am Kamin und erzählte Schauergeschichten aus seiner Kindheit,
während meine Mutter über die Kosten, die untragbaren Kosten der
Altenpflege schimpfte. Aber wenn ich mich recht erinnere, fiel nie das
Wort »Demenz«. In den Briefen meiner Mutter kommt das Wort
»Alzheimer« nur ein einziges Mal vor - in Bezug auf eine alte deut-
sche Frau, für die ich als Teenager gearbeitet hatte.
Ich weiß noch, wie misstrauisch und ablehnend ich vor fünfzehn Jah-
ren reagierte, als das Wort »Alzheimer« plötzlich in aller Munde war.
Ein weiteres Beispiel für die Pathologisierung des Menschlichen,
dachte ich, die neueste Bereicherung der ständig wachsenden Opfer-
Nomenklatur. Meiner Mutter erwiderte ich auf ihre Mitteilung: »Was
du beschreibst, klingt ganz nach der alten Erika, nur um einiges
schlimmer. Aber so funktioniert doch Alzheimer nicht, oder? Jeden
Monat schimpfe ich ein paar Minuten darüber, dass normale Geistes-
krankheiten mit dem modischen Etikett >Alzheimer< behängt wer-
den.«
Heute schimpfe ich jeden Monat ein paar Minuten darüber, wie
selbstgerecht ich mit dreißig war, und verstehe das damalige Wider-
streben, die Bezeichnung »Alzheimer« auf meinen Vater anzuwen-
den, als Versuch, die individuelle Einzigartigkeit von Earl Franzen vor
der Generalisierung durch einen benennbaren Befund zu schützen.
Befunde stützen sich auf Symptome; Symptome verweisen auf die
organische Grundlage unseres Seins, auf den fleischlichen Ursprung
des Verstandes. Aber dort, wo die Einsicht stattfinden müsste, dass das
Gehirn aus Körpermasse besteht, habe ich einen blinden Fleck, den
ich mit Geschichten vom seelischen Charakter der Persönlichkeit
überdecke. Meinen kranken Vater als ein Bündel organischer Symp-
tome zu sehen könnte mich dazu verleiten, den gesunden Earl Fran-
zen (und mich in meiner Gesundheit) ebenftills nach organischen Kri-
terien zu beurteilen - unser geliebtes Selbst auf ein begrenztes En-
semble neurochemischer Koordinaten zu reduzieren. Wer möchte
schon eine solche Lebensgeschichte haben?
55
Jonathan Franzfn
Selbst jetzt ist mir unwohl, wenn ich mich über die Alzheimer-Krank-
heit informiere. Zum Beispiel erinnert mich die Lektüre von David
Shenks Buch The Forgetting. Akheimer‘s. Portrait of an Epidemie daran,
dass mein Vater, wenn er sich in seinem angestammten Wohnviertel
verirrte oder vergaß, die Klospülung zu drücken, die gleichen Symp-
tome hatte wie Millionen andere Betroffene. Eine solche Gemein-
schaft kann auch trösdich sein, aber es tut weh, wenn bestimmte Feh-
ler, die mein Vater gemacht hat, ihres persönlichen Charakters be-
raubt werden - wie etwa die Verwechslung meiner Mutter mit seiner
Schwiegermutter, die mir damals unerhört und mysteriös vorkam
und aus der ich alle möglichen Einsichten über die Ehe meiner Eltern
gewann. Meine Vorstellung von der Autonomie der Persönlichkeit
stellte sich als Illusion heraus.
Altersdemenz gibt es, seit es die Möglichkeit gibt, sie zu diagnos-
tizieren. Solange die Lebenserwartung gering war und hohes Alter
eine Ausnahme, wurde die Senilitat als natürliche Begleiterscheinung
des Alterns betrachtet, vielleicht als Ausdruck der Arteriosklerose.
Der junge deutsche Neuropathologe Alois Alzheimer glaubte sich mit
einer völlig neuen geistigen Erkrankung konfrontiert, als er 1901 die
einundfünfzigjährige Auguste D. in seine Praxis aufnahm. Sie litt un-
ter bizarren Stimmungsschwankungen, schwerem Gedachtnisverlust
und gab bei der Aufnahmeuntersuchung problematische Antworten:
»Wie heißen Sie?«
»Auguste.«
»Ihr Nachname?«
»Auguste.«
»Wie heißt Ihr Mann?«
»Auguste, glaube ich.«
Als Auguste D. vier Jahre später in einer Anstalt starb, machte sich
Alzheimer die neuesten Fortschritte der Mikroskopie und Gewebefär-
bung zunutze und entdeckte die frappierende Doppelsymptomatik
ihrer Krankheit: In den Gehirnproben fanden sich viele klebrig ausse-
hende Klümpchen, »Plaques«, und zahllose Nervenzellen, die von
gekringelten Fibrillen, »Locken«, umgeben waren. Für diesen Fund
interessierte sich Alzheimers Mentor EmU Kraepelin, damals das
Oberhaupt der deutschen Psychiatrie. Kraepelin, der erbittert gegen
Sigmund Freud und dessen psycho-literarische Theorien der see-
56
Das Gehirn meines Vaters
lischen Erkrankung zu Felde zog, sah in Alzheimers Plaques und Lo-
cken willkommene Belege für seine Überzeugung, dass seelische Er-
krankungen primär organischer Natur seien. In seinem Handbuch der
Psychiatrie taufte er die Krankheit der Auguste D. Morbus Alzheimer.
Auch in den sechzigJahren nach der Autopsie der Auguste D., als der
medizinische Fortschritt die Lebenserwartung in den entwickelten
Ländern um fünfzehn Jahre erhöhte, betrachtete man die Alzheimer-
Krankheit als medizinische Rarität, vergleichbar der Huntington-
Chorea. David Shenk erzählt die Geschichte der amerikanischen
Neuropathologin Meta Naumann, die in den frühen fünfziger Jahren
210 Gehirne von altersdementen Personen obduzierte und in einigen
Fällen Arteriosklerosen feststellte, Plaques und Locken jedoch in der
Mehrzahl der Fälle. Das war der felsenfeste Beleg, dass die Krankheit
weit häufiger war als allgemein angenommen, aber Naumanns Arbeit
vermochte niemanden zu überzeugen. »Sie haben geglaubt, dass
Meta Unsinn redet«, erinnerte sich ihr Ehemann.
Die Wissenschaft war einfach nicht reif für den Gedanken, dass die
Altersdemenz mehr sein könnte als eine natürliche Begleiterschei-
nung des Alterns. Zu Anfang der fünfziger Jahre waren die »Senio-
ren« noch keine soziologische Kategorie, gab es noch keine Senioren-
clubs, das explosive Wachstum der Seniorensiedlungen hatte noch
nicht eingesetzt - und das wissenschaftliche Denken war ein Aus-
druck dieser sozialen Verhältnisse. Erst in den siebziger Jahren setzte
eine Neubewertung der Altersdemenz ein. Um diese Zeit gab es, so
Shenk, »schon so viele langlebige Menschen, dass die Senilität nicht
mehr als normal oder akzeptabel empfunden wurde«. Der amerika-
nische Kongress schuf 1974 die gesetzliche Grundlage für die Erfor-
schung des Alters und rief dtis National Institute on Aging ins Leben,
für das bald reichlich Gelder flössen. Gegen Ende der achtziger Jahre,
auf dem Höhepunkt meiner Empörung über den klinischen Termi-
nus und seine plötzliche Allgegenwart, hatte die Alzheimer-Krank-
heit denselben sozialen und medizinischen Stellenwert erreicht wie
Gefäßkrankheiten und Krebs - und die Forschung wurde entspre-
chend gefördert.
Was da in den Siebzigern und Achtzigern passierte, war nicht einfach
ein medizinischer Paradigmenwechsel. Die Zahl der Neuerkrankun-
gen ist tatsächlich stark im Steigen begriffen. Da immer weniger
Menschen am Herzinfarkt oder an Infektionskrankheiten sterben,
werden sie alt genug, um im Altersschwachsinn zu enden. Alzheimer-
57
Jonathan Frampi
Patienten in Pflegeheimen leben viel länger als andere Patienten - bei
jährlichen Kosten von mindestens vierzigtausend Dollar pro Person.
Bevor sie in eine Pflegeeinrichtung kommen, beeinträchtigen sie in
wachsender Zahl das Leben ihrer Angehörigen. Gegenwärtig sind
fünf Millionen Amerikaner von der Krankheit betroffen; bis zum
Jahr 2050 könnte die Zahl auf fünfzehn Millionen steigen.
Weil so viel Geld in chronische Krankheiten fließt, investieren die
Pharmafirmen fieberhaft in die eigene Alzheimer-Forschung, wäh-
rend die öffentlich finanzierte Forschung bedeutend weniger Patente
einreicht. Aber da das Wesen der Krankheit im Dunkeln bleibt (das
lebende Gehirn ist etwa so leicht zugänglich wie der Mittelpunkt der
Erde oder der Rand des Universums), weiß niemand, welche For-
schungsrichtung zu einer wirksamen Behandlung führt. Bei den For-
schern scheint man davon auszugehen, dass Menschen unter fünfzig
gute Aussichten haben, ein wirksames Alzheimer-Medikament vorzu-
finden, wenn sie es eines Tages brauchen sollten. Jedoch hat so man-
cher Krebsforscher vor zwanzigJahren behauptet, in zwanzig Jahren
sei der Krebs besiegt.
Der noch nicht fünfzigjährige David Shenk gibt in seinem Buch aller-
dings zu bedenken, dass der Sieg über die Altersdemenz nicht nur
segensreiche Folgen haben könnte. Eine auffällige Besonderheit der
Krankheit sei es zum Beispiel, dass die Betroffenen in ihrem Verlauf
immer weniger unter ihr zu leiden hätten. Die Pflege eines Alzhei-
mer-Patienten besteht in der monotonen Wiederholung immer glei-
cher Verrichtungen, weil der Patient die Fähigkeit verloren hat, ihren
Wiederholungscharakter zu erkennen. Shenk zitiert Patienten, die
das Vergessen »als etwas Köstliches« empfinden und eine Steigerung
ihres Wohlbefindens bekunden, seit sie nur noch in einem ewigen
Jetzt leben. Wenn eine Patientin mit zerstörtem Kurzzeitgedächtnis
an einer Rose riecht, weiß sie nicht, dass sie schon den ganzen Vor-
mittag an dieser Rose riecht.
Der Psychiater Barry Reisberg hat vor zwanzigJahren als Erster fest-
gestellt, dass der geistige Verfall eines Alzheimer-Patienten die spie-
gelbildliche Umkehrung der geistigen Entwicklung im Kindesalter
darstellt. Die ersten Fähigkeiten, die ein Säugling erwirbt - das Kopf-
heben (im ersten bis dritten Lebensmonat), das Lächeln (im zweiten
bis vierten Monat), das selbständige Aufrichten (sechster bis zehnter
Monat) -, sind die Fähigkeiten, die der Alzheimer-Patient als letzte
verliert. Die Gehirnentwicklung vom dritten Embryonalmonat bis
58
Das Gehirn meines Valers
zum vierten Lebensjahr wird durch den Prozess der Myelinisation
oder Markreifung bestimmt, die allmähliche Umhüllung der noch
nackten und nicht funktionsfähigen Nervenfasern durch die fettartige
Substanz Myelin. Da aber die tds letzte gereiften Hirnregionen offen-
bar am wenigsten mit Myelin versorgt wurden, sind sie am anfällig-
sten für den Zugriff der Alzheimer-Krankheit. Der Hippokampus,
der Sinneswahrnehmungen in Langzeiterinnerungen umwandelt,
wird sehr spät von der Markreifung erfasst. Aus diesem Grund haben
wir keine Erinnerungen an die Zeit vor unserem dritten oder vierten
Lebensjahr, und aus demselben Grund setzen sich die ersten Alzhei-
mer-Plaques im Hippokampus fest. Damit erklärt sich das gespensti-
sche Phänomen, dass Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung
normal gehen oder essen, aber nicht mehr wissen, was sie kurz zuvor
getan haben. Das Kind, das sie einmtd waren, meldet sich zurück.
Neurologisch betrachtet, sehen wir ein einjähriges Kleinkind vor uns.
Obwohl sich Shenk wacker bemüht, in der Verkindlichung der Alz-
heimer-Patienten eine Gnade zu sehen, eine Befreiung von der Last
des Erwachsenseins, eine Beschränkung auf das Hier und Jetzt,
möchte ich dagegenhalten, dass mein Vater alles andere wollte, als
sich wieder in ein Kleinkind zu verwandeln. Die Geschichten, die er
aus seiner Kindheit im nördlichen Minnesota erzählte, waren (wie so
oft bei Depressiven) überwiegend furchtbar; brutaler Vater, ungerech-
te Mutter, endlose Pflichten, ländliche Armut, Familientragödien,
grässliche Unfälle. Mehr als einmal erzählte er mir nach seiner Pen-
sionierung, die größte Freude in seinem Leben sei es gewesen, dass er
als Erwachsener mit anderen Männern Zusammenarbeiten konnte,
die seine Fähigkeiten zu schätzen wussten. Mein Vater war ein sehr
verschlossener Mensch, und die Verschlossenheit hatte für ihn den
Sinn, sein beschämendes Innenleben vor fremden Blicken zu verber-
gen. Konnte es für ihn etwas Schlimmeres geben als die Alzheimer-
Krankheit? In ihren frühen Stadien löste sie die persönlichen Bindun-
gen auf, die ihn vor den gravierendsten Folgen des depressiven Rück-
zugs bewahrt hatten. Später raubte sie ihm die Panzerungen des
Erwachsenseins, die er brauchte, um das Kind in sich zu verbergen.
Ich wünschte, er hätte stattdessen einen Herzinfarkt bekommen.
Mag Shenks Plädoyer für die trösüichen Seiten der Alzheimer-
Krankheit auf wackligen Füßen stehen - seine Kernthese ist weit
schwerer zu entkräften: SenUität ist nicht nur eine Auslöschung von
Sinn, sondern auch eine Quelle von Sinn. Für meine Mutter führte
59
JmaÜian Franzßi
die Krankheit dazu, dass alte Konstellationen ihrer Ehe sowohl ver-
stärkt als auch umgedreht wurden. Mein Vater hatte sich immer ge-
weigert, sich ihr zu öffnen, und nun, in zunehmendem Maße, konnte er
es nicht mehr. Für sie blieb er dabei derselbe Earl Franzen, der in
seinem Zimmer vor sich hin dämmerte und nicht verstand, was sie
sagte. Paradoxerweise war sie diejenige, die langsam, aber sicher ihrer
Persönlichkeit verlustig ging. Sie lebte mit einem Mann, der sie mit
ihrer Mutter verwechselte, der alles vergaß, was er je über sie gewusst
hatte, und schließlich auch ihren Namen nicht mehr kannte. Er, der
immer auf der Rolle des Familienoberhaupts bestanden hatte, des
Entscheidungsträgers, des erwachsenen Beschützers seiner kindlichen
Frau, verfiel nun wieder in das Verhalten eines Kindes. Jetzt kamen
die ungehörigen Gefühlsausbrüche von ihm, nicht mehr von meiner
Mutter. Jetzt lotste sie ihn durch die Stadt, wie sie einst mich und mei-
ne Brüder durch die Stadt gelotst hatte. Schritt für Schritt übernahm
sie seine Führungsrolle. Einerseits war die »lange Krankheit« meines
Vaters eine schreckliche Belastung und Enttäuschung für sie, anderer-
seits bot sie ihr die Möglichkeit, eine Autonomie zu entwickeln, die
ihr nie zuvor vergönnt gewesen war - und ein paar sehr alte Rech-
nungen zu begleichen.
Und ich? Als ich das Ausmaß des Unglücks akzeptiert hatte, zwang
mich die unabsehbare Dauer der Alzheimer-Krankheit zu einem en-
geren und überraschend wohltuenden Kontakt zu meiner Mutter. Ich
lernte - was anders vielleicht nicht geschehen wäre -, dass ich mich
auf meine Brüder verlassen konnte und sie sich auf mich. Und seltsa-
merweise verlor ich, der ich immer größten Wert auf meine Intelli-
genz, meinen gesunden Verstand, mein Selbstwertgefühl gelegt hatte,
ein wenig von der Angst, dass es mir wie meinem Vater ergehen könnte,
dem alle diese Fähigkeiten abhanden gekommen waren. Auch sonst
war ich nun weniger ängstlich. Eine Tür, vor der ich mich gefürchtet
hatte, war aufgegangen, und ich fand den Mut zum Eintreten.
Besagte Tür befand sich im vierten Stock des Barnes Hospital von St.
Louis. Etwa sechs Wochen nachdem wir, meine Frau und ich, meiner
Mutter eine Pflegekraft vermittelt hatten und nach Osten zurückge-
reist waren, ließ sich mein Vater von seinen Ärzten und meinem ältes-
ten Bruder überreden, eine Weile zur Beobachtung ins Krankenhaus
zu gehen. Sinn der Sache war es, alle Medikamente abzusetzen und
zu sehen, was sich unter der Oberfläche tat. Meine Mutter half ihm
bei der Einweisung, blieb auch am Nachmittag bei ihm und richtete
60
Das Gehirn meines Vaters
ihm das Krankenzimmer ein. Er war wie immer halb abwesend, als
sie zum Essen nach Hause ging, aber am Abend setzten die Anrufe
aus dem Krankenhaus ein. Der erste kam von meinem Vater, der ver-
langte, dass sie ihn aus »diesem Hotel« abholte. Dann meldeten die
Schwestern, er sei aufsässig geworden. Als sie am Morgen ins Kran-
kenhaus kam, war er völlig weggetreten - er tobte und hatte jede
Orientierung verloren.
Eine Woche später flog ich nach St. Louis zurück. Meine Mutter
brachte mich vom Flughafen direkt ins Krankenhaus. Während sie
mit den Schwestern sprach, ging ich in sein Zimmer und fand ihn
hellwach. Ich sagte hallo zu ihm. Er machte aufgeregte Gesten, ich
solle leise sein, und winkte mich nahe heran. Ich beugte mich über
ihn, worauf er mir zuflüsterte, ich solle ganz leise sprechen, weil »sie«
alles hörten. Ich fragte ihn, wer »sie« seien. Er konnte es nicht sagen,
aber er blickte angstvoll in alle Ecken, als hätte er »sie« gerade noch
gesehen und wunderte sich nun über ihr Verschwinden. Als meine
Mutter hereinkam, vertraute er mir mit noch leiserer Stimme an: »Ich
glaube, jetzt haben sie deine Mutter am Wickel.«
Meine Erinnerungen an die nachfolgende Woche sind nebelhaft, aber
durchsetzt von ein paar Szenen, die mein Leben verändert haben. Ich
ging jeden Tag ins Krankenhaus und saß so viele Stunden bei mei-
nem Vater, wie ich es aushalten konnte. Kein einziges Mal brachte er
zwei sinnvolle Sätze zusammen. Die Erinnerung, die mir im Nach-
hinein die bedeutsamste zu sein scheint, ist eine sehr merkwürdige.
Die Szene spielt sich in einem traumartigen Zwielicht ab, in einem
engen Krankenzimmer, das in keiner anderen Erinnerung wieder-
kehrt, und sie ist nicht mit den Zeitmarkierungen versehen, die ich
sonst von meinen Erinnerungen gewöhnt bin. Ich bin nicht einmal
sicher, ob sie aus der ersten Woche meiner Krankenhausbesuche da-
tiert. Und doch weiß ich genau, dass es sich nicht um eine Traumerin-
nerung handelt. Alle Erinnerungen, sagen die Neuropathologen, sind
Erinnerungen an Erinnerungen, aber normalerweise merkt man das
nicht. Bei dieser ist es anders, ich erinnere sie als Erinnerungsbild:
mein Vater im Bett, meine Mutter neben ihm auf dem Stuhl, ich an
der Tür stehend. Wir führen eine erregte Debatte, möglicherweise
geht es darum, wohin mein Vater nach der Entlassung aus dem Kran-
kenhaus gebracht wird. Obwohl er der Debatte kaum folgen kann,
hält er sie nicht aus. Schließlich, als hätte er genug von diesem Un-
sinn, ruft er unter Aufbietung aller Gefühle: »Ich habe deine Mutter
61
Jonathan Framjen
immer geliebt. Immer!« Meine Mutter schlägt schluchzend die Hände
vors Gesicht.
Es war das einzige Mal, dass ich meinen Vater das sagen hörte. Ich
bin sicher, dass die Erinnerung echt ist, weil mir die Szene schon da-
mals äußerst bedeutsam vorkam. Gleich darauf schilderte ich sie mei-
ner Frau und meinen Brüdern, und ich fügte sie in das BUd ein, das
ich mir von meinen Eltern zurechtgemacht hatte. In späteren Jahren,
als meine Mutter behauptete, mein Vater hätte ihr nie seine Liebe
bekundet, fragte ich sie nach der Szene im Krankenhaus. Ich
wiederholte, was er gesagt hatte, und sie schüttelte zweifelnd den
Kopf. »Vielleicht«, sagte sie. »Vielleicht stimmt es. Ich kann mich
nicht erinnern.«
Abwechselnd mit meinen Brüdern fuhr ich alle paar Monate nach St.
Louis. Jedes Mal erkannte mich mein Vater als jemanden, über dessen
Besuch er sich freute. Sein Leben im Pflegeheim schien ein endloser,
bedrückender Traum zu sein, bevölkert von Phantomen seiner Ver-
gangenheit, von seinen deformierten und hirngeschädigten Mitbe-
wohnern; die Pflegeschwestern waren nicht so sehr Akteure in diesem
Traum als vielmehr unwillkommene Störenfriede. Im Unterschied zu
vielen Patientinnen, die wie Säuglinge weinten und im nächsten Mo-
ment vor Freude strahlten, weil sic mit Eiskrem gefüttert wurden, sah
ich meinen Vater nie weinen, und die Freude am Eisessen hörte nicht
auf, der Freude eines Erwachsenen zu gleichen. Bedeutsam nickend
und wehmütig lächelnd vertraute er mir wirres Zeug an, und ich tat,
als würde ich ihn verstehen. Das beständigste Thema war sein fast
vernünftiger Wunsch, aus »diesem Hotel« wegzukommen - er könne
doch in einer kleinen Wohnung leben und sich von meiner Mutter
versorgen lassen.
Zu Thanksgiving holten wir ihn nach Hause. Meine Mutter, meine
Frau und ich fuhren ins Pflegeheim und verstauten den Rollstuhl in
meinem Volvo-Kombi. Seit seiner Einweisung zehn Monate zuvor
war er nicht zu Hause gewesen. Wenn meine Mutter gehofft hatte,
ihm damit eine Freude zu machen, wurde sie bitter enttäuscht. Der
Ortswechsel beeindruckte ihn nicht im Geringsten, auch darin ähnel-
te er nun einem einjährigen Kind. Wir setzten uns an den Kamin.
Aus Gedankenlosigkeit und schlechter Gewohnheit machten wir Fo-
tos von einem Mann, den nichts mehr zu bewegen schien - außer
dem Wissen, welch trauriges Fotomotiv er abgab. Die Bilder sind
furchtbar geworden: Mein Vater hängt schief im Rollstuhl wie eine
62
Das Gehirn meines Vaters
/
abgelegte Marionette mit starrem Irrsinnsblick und hängendem Kie-
fer, die spiegelnde Brille droht ihm von der Nase zu rutschen. Das
Gesicht meiner Mutter ist eine Maske von halbwegs beherrschter
Verzweiflung, meine Frau und ich strecken die Hand nach meinem
Vater aus und machen den grotesken Versuch, dabei in die Kamera
zu lächeln. Beim Essen breitete meine Mutter anstelle der Serviette
ein Badetuch über ihn und schnitt seinen Truthahn in kleine Häpp-
chen. Ständig fragte sie ihn, ob er sich nicht freue, zum Thanksgiving-
Dinner zu Hause zu sein. Er reagierte mit Schweigen, unruhigen Bli-
cken, ab und zu mit schwachem Schulterzucken. Meine Brüder riefen
an, um ihm einen schönen Feiertag zu wünschen - und da plötzlich
gelang ihm ein Lächeln und eine muntere Erwiderung; er konnte ein-
fache Fragen beantworten, er dankte beiden für den Anruf.
Auch das war nicht untypisch für einen Alzheimer-Patienten. Weil
soziale Fähigkeiten schon in frühestem Lebensalter erworben werden,
sind viele Alzheimer-Patienten noch zu Höflichkeitsgesten und vagen
Dankbarkeitsbekundungen in der Lage, wenn ihr Gedächtnis längst
erloschen ist. Dass mein Vater (irgendwie) mit den Glückwünschen
meiner Brüder umgehen konnte, war also nicht weiter bemerkens-
wert. Wohl aber, was danach passierte, bei der Rückkehr ins Pflege-
heim. Während meine Frau einen Krankenstuhl aus dem Heim holte,
saß mein Vater neben mir und musterte das Portal, das ihn nun zu-
rückerwartete. »Lieber gar nicht erst raus«, sagte er mit kräftiger, kla-
rer Stimme, »als hinterher wieder rein.« Das war keine wirre Äuße-
rung, sie bezog sich direkt auf seine Situation und erweckte stark
den Eindruck, dass er nicht nur sein Leiden wahrnahm, sondern
auch sein Eingebundensein in Vergangenheit und Zukunft. Es war
die Bitte, ihm die schmerzhafte Rückkehr in die Erinnerung und ins
Bewusstsein zu ersparen. Und es kam, was kommen musste: Am
Morgen darauf und für die restliche Zeit unseres Besuches tobte er,
wie ich es noch nicht erlebt hatte. Er brüllte wirres Zeug und drosch
wütend um sich.
David Shenk meint, das wichtigste »Sinnfenster«, das sich der Alzhei-
mer-Krankheit abgewinnen lässt, sei die Verlangsamung des Ster-
bens. Er vergleicht die Krankheit mit einem Prisma, das den Tod in
ein Spektrum aus Vorgängen zerlegt, die normalerweise zusammen
stattfinden - erst stirbt die Autonomie, dann das Gedächtnis, dann
die Selbstwahrnehmung, dann die Persönlichkeit, am Ende der Kör-
per -, und bestätigt damit ein verbreitetes Urteil über die Krankheit:
63
Jonathan Franzen
Sie sei deshalb besonders traurig und schrecklich, weil die Persön-
lichkeit lange vor dem Körper stirbt.
Das scheint mir im Wesentlichen richtig zu sein. Als das Herz meines
Vaters stehen blieb, trauerte ich schon seit Jahren um ihn. Und doch
frage ich mich beim Betrachten seiner Geschichte, ob man die ver-
schiedenen Tode wirklich voneinander trennen kann, ob Gedächtnis
und Bewusstsein tatsächlich und unangefochten der Hort der Persön-
lichkeit sind. Ich kann nicht aufhören, in den zwei Jahren, die dem
Verlust seiner »Persönlichkeit« folgten, einen Sinn zu suchen - und zu
finden.
Vor allem imponiert mir, dass ihm der Wüle erhalten blieb. Ich kann
mich des Glaubens nicht erwehren, dass er einen Körperrest seiner
einstmaligen Selbstdisziplin, eine Kraftreserve jenseits von Gedächt-
nis und Bewusstsein in sich aktivierte, als er sich vor dem Pflegeheim
mit seiner Bitte an mich wandte. Ich kann mich des Glaubens nicht
erwehren, dass sein Zusammenbruch am nächsten Morgen wie auch
die Krise in der allerersten Krankenhausnacht auf eine Kapitulation
dieses Willens hinauslief, dass es sich um ein Loslassen handelte, eine
Flucht in den Wahnsinn angesichts unerträglicher Empfindungen.
Obwohl wir den Ausgangs- und Endpunkt des Verfalls fixieren kön-
nen (körperliche und geistige Gesundheit auf der einen Seite, Erlö-
schen und Tod auf der anderen), war sein Gehirn nicht einfach eine
Rechenmaschine, die sich fortschreitend und immer heilloser verhed-
derte. Während der Abbauprozess der Alzheimer-Krankheit eine ste-
tige Abwärtsbewegung nahe legt.
stellt sich der Verfall meines Vaters eher so dar:
Für mein Empfinden hielt er sich länger, als es ihm seine nervliche
Ausstattung erlaubt hätte. Dann brach er zusammen und stürzte tie-
fer ab, als es der Krankheitsverlauf gefordert hätte, und er zog es fast
immer vor, in diesem Zustand zu verharren. Was er wollte (unbehelligt
bleiben in den frühen Jahren, loslassen in den späteren Jahren), ge-
hört zum Kern dessen, was er war. Und was kh will (Geschichten über
64
Das Gehirn meines Vaters
das Gehirn meines Vaters, die nicht von Biomasse handeln), gehört
zum Kern dessen, was ich Festhalten und wiedergeben möchte.
Eine dieser Geschichten habe ich mir eigens erdacht, um mir zu ver-
zeihen, dass ich so lange blind für seinen Zustand war, und sie besagt,
dass er seine ganze Charakterstärke daransetzte, diesen Zustand zu
verbergen. Über bemerkenswert lange Zeit ist ihm das gelungen.
Meine Mutter war bereit zu schwören, dass es sich so verhielt. Der
Frau, mit der er lebte, konnte er nichts vormachen, mochte er sie
noch so drangsalieren, aber er konnte sich zusammenreißen, solange
er Söhne in der Stadt oder Gäste im Haus hatte. Dass er sich, als
meine Mutter operiert wurde, unter meiner Obhut so unauffällig ver-
hielt, ist wohl weniger auf meine Blindheit als auf seine verstärkte
Willensanstrengung zurückzuführen.
Nach dem so traurig verlaufenen Thanksgiving, als uns klar wurde,
dass er nie wieder nach Hause kommen würde, half ich meiner Mut-
ter beim Ordnen seines Schreibtischs (eine Freiheit, die man sich nur
bei Kindern oder bei Toten nimmt). In einer Schublade fanden wir
Belege für seinen verdeckten Kleinkrieg gegen das Vergessen - einen
Haufen Zettel, auf denen er die Adressen seiner Kinder vermerkt
hatte, jede Adresse einzeln und auf mehreren Zetteln wiederholt. Auf
einem anderen Zettel standen die Geburtstage seiner zwei ersten
Söhne - »Bob, 13. 1 . 48« und »Tom, 15. 10. 50«- und darunter hatte
er meinen Geburtstag schreiben wollen fl 7. August 1959), ihn aber
vergessen und mit Hilfe der vorhandenen Daten konstruiert: »Ton, 13.
10. 49«.
Denkwürdig auch seine vermutlich letzten Worte an mich, drei Mo-
nate vor seinem Tod. Ein paar Tage lang war ich für pflichtgemäße
neunzig Minuten bei ihm im Heim gewesen, hatte mir das Gemurmel
über meine Mutter und die Mutmaßungen über die kleinen Dinger
angehört, die er an seinen Ärmeln und auf seinen Hosenbeinen zu
sehen glaubte. Als ich am letzten Tag vorbeikam, war er unverändert,
auch als ich seinen Rollstuhl ins Zimmer zurückschob und ihm sagte,
dass ich abreisen würde. Aber dann blickte er zu mir auf und fand
unvermittelt zu seiner klaren, kräftigen Stimme zurück:
»Danke für dein Kommen und dass du dir die Zeit für mich genom-
men hast.«
Eine leere Höflichkeitsphrase? Ein Fenster zu seinem tieferen Selbst?
Für mich gibt es da kaum eine Wahl.
Indem ich den Verfall meines Vaters mit Hilfe der Briefe rekonstruie-
65
Jomthan Franzfn
re, die mir meine Mutter geschrieben hat, wird mir der Schatten der
undokumentierten Jahre nach 1992 deutlich, als wir länger und häu-
figer telefonierten und sich die Briefe auf kurze Botschaften be-
schränkten. Platon hat in seinem Phaidros das Schreiben sehr treffend
als »Krücke des Erinnerns« bezeichnet. Ohne die Briefe meiner Mut-
ter könnte ich die Geschichte meines Vater nicht erzählen. Aber wo
Platon den Verfall der mündlichen Überlieferung und den durch das
Schreiben bewirkten Gedächtnisschwund beklagt, beeindruckt mich,
der ich mich am anderen Ende des Schriftzeitalters befinde, die Be-
ständigkeit und Verlässlichkeit von Wörtern, die auf Papier geschrie-
ben sind. Die Briefe meiner Mutter sind wahrer und umfassender als
meine selbstbezogenen und voreingenommenen Erinnerungen. In
ihrem geschriebenen Satz: »Er braucht dringend Ablenkung!« ist sie
mir lebendiger als in Stapeln von Fotos und Videoaufnahmen.
Der Wunsch, Dinge aufzuzeichnen, Geschichten in bleibenden Wor-
ten festzuhalten, scheint mir mit der Überzeugung verwandt, dass wir
mehr sind als die Summe unserer biologischen Funktionen. Ich frage
mich, ob die gegenwärtige Empfänglichkeit für den Zauber des Mate-
rialismus, unsere zunehmende Bereitschaft, die Psychologie als einen
Zweig der Chemie zu betrachten, Individualität als Ausdruck der
Gene, Verhalten als Produkt evolutionärer Anpassungsprozesse, nicht
aufs Engste mit der postmodernen Konjunktur des Oralen und dem
Niedergang der Schriftkultur zusammenhängt: mit unserem unabläs-
sigen Telefonieren, unseren flüchtigen E-Mail-Kontakten, unserer
permanenten Hinwendung zum flimmernden Bildschirm.
Habe ich erwähnt, dass mein Vater ebenfalls Briefe schrieb? Meist mit
der Maschine und eingeleitet mit den üblichen Entschuldigungen für
seine Rechtschreibung. Sie kamen viel seltener als die meiner Mutter.
Einer der letzten stammt vom Dezember 1987:
Diese Jahreszeit ist immer schwierig für mich. Mir macht die ganze
Schenkerei zu schaffen. Zwar besorge ich gern Geschenke, aber mir
fehlt die Phantasie, das Richtige zu finden. Mir graut vor dem Kauf
von Dingen, die nicht passen, die falsche Farbe haben oder gar nicht
gebraucht werden, und schon sehe ich den Ärger beim Umtausch vor
mir. Ich kaufe gern Werkzeuge, aber Bob meinte, er hätte Probleme
damit, denn irgendwann habe ich ihm einen hübschen kleinen Ham-
mer geschenkt, der gut in der Hand liegt, und sein Kommentar dazu
war, das sei nun schon der zweite oder dritte Hammer und mehr
Hämmer brauche er nicht, vielen Dank. Dann das Problem mit den
66
Das Gehirn meines Vaters
Geschenken für deine Mutter. Sie ist so sentimental, dass es mir weh-
tut, wenn ich ihr nichts Nettes besorge, aber sie hat freien Zugang zu
meinem Konto. Ich sage ihr, sie soll sich selbst etwas kaufen und sa-
gen, es ist von mir, sodass sie zu Weihnachten mit den anderen mithal-
ten kann: «Seht, was ich von meinem Mann bekommen habe!» Aber
sie macht diesen Betrug nicht mit. Also muss ich zur Weihnachtszeit
leiden.
1989, als seine Konzentrationsfähigkeit mit wachsender »Nervosität
und Depression« nachließ, blieben die Briefe ganz aus. Meine Mutter
und ich waren daher erstaunt, in der Schublade mit den Adressen
und Geburtsdaten auch einen nicht abgeschickten Brief vom 22. Ja-
nuar 1993 zu finden - unvorstellbar spät geschrieben, nur wenige
Wochen vor seinem endgültigen Zusammenbruch. Der Brief steckte
in einem Umschlag und war an meinen sechsjährigen Neffen Nick
adressiert, der gerade angefangen hatte, Briefe zu schreiben. Viel-
leicht hat sich mein Vater geschämt, einen Brief abzuschicken, der
nicht ganz perfekt war; wahrscheinlicher ist, dass er ihn, bedingt
durch seinen Zustand, einfach vergessen hat. Der Brief, für mich das
Symbol einer unsichtbaren heroischen Willensanstrengung, besteht
aus Bleistiftzeilen in winziger Schrift, die ständig aus dem Lot geraten:
Lieber Nick, wir haben deinen Brief vor ein paar Tagen erhalten und
waren erfreut zu sehen, wie gut du in der Schule vorankommst, be-
sonders in Mathe. Es ist wichtig, gut zu schreiben, da die Fähigkeit,
Gedanken auszutauschen, darüber bestimmt, was ein Land aus den
Gedanken anderer Länder machen kann. Die meisten in unserer Fa-
milie sind gute Schreiber und haben mir auf diese Weise die Arbeit
abgenommen. Ich hätte besser schreiben lernen müssen, aber es ist so
bequem zu sagen: Lass Mom das machen. Ich weiß, dass meine
Schrift nicht leicht zu entziffern ist, aber ich habe ein Problem mit
meinen Beinnerven, und meine Hände zittern. Wenn ich mir ansehe,
was ich geschrieben habe, glaube ich, dass du Schwierigkeiten beim
Lesen haben wirst, aber mit ein bisschen Glück halte ich mit dir
Schritt. Das nasskalte Wetter hat sich geändert, jetzt ist es trocken,
und wir haben einen schönen blauen Himmel. Ich hoffe, es wird so
bleiben. Sei weiterhin fleißig.
Alles Liebe, dein Großvater
PS: Ich danke dir für die Geschenke.
67
Jonathan Franzen
Mein Vater hatte ein starkes Herz und kräftige Lungen, und meine
Mutter machte sich auf zwei oder drei weitere Jahre gefasst, als er
eines Tages, im April 1995, aufhörte zu essen. Möglicherweise hatte
er Schluckbeschwerden. Oder er hatte mit dem letzten Rest seines
Willens beschlossen, seiner ungewollten zweiten Kindheit ein Ende
zu setzen.
Sein Blutdruck war stark gesunken, als ich nach St. Louis kam. Wie-
der fuhr mich meine Mutter direkt vom Flughafen ins Pflegeheim.
Ich fand ihn zusammengekrümmt auf der Seite liegend, unter einer
dünnen Decke, mit flachem Atem und nicht ganz geschlossenen Au-
gen. Er war ausgezehrt, aber sein Gesicht war ruhig, entspannt und
fast faltenfrei; seine Hände, die sich überhaupt nicht verändert hat-
ten, wirkten merkwürdig groß. Ich weiß nicht, ob er meine Stimme
erkannte, aber schon Minuten nach meiner Ankunft kletterte sein
Blutdruck auf 120/90. Ich fragte mich damals und frage mich heute,
ob ich es ihm durch meinen Besuch schwerer gemacht habe; ob er
den Punkt erreicht hatte, wo er bereit zum Sterben war, und sich nun
schämte, einen solchen intimen und enttäuschenden Akt im Beisein
eines seiner Söhne zu vollziehen.
Meine Mutter und ich wechselten uns im festen Rhythmus mit Wa-
chen und Schlafen ab. Stunde um Stunde lag mein Vater bewegungs-
los da und arbeitete sich an den Tod heran, aber wenn er gähnte, war
es sein Gähnen. Sein Körper, ausgezehrt, wie er war, war ebenfalls
und mit aller Klarheit seiner. Selbst als das, was noch von ihm vorhan-
den war, immer kleiner und fragmentarischer wurde, blieb ich dabei,
ihn als ein Ganzes zu sehen. Noch immer liebte ich ihn, ihn im Beson-
deren, wie er da im Bett lag und gähnte. Und wie sollte ich dieser
Liebe keine Geschichten abgewinnen? Geschichten von einem
Mann, dessen Wille noch immer so intakt war, dass er den Kopf ab-
wandte, wenn ich ihm mit einem feuchten Schwamm den Mund aus-
wischte? Bis ins Grab werde ich darauf beharren, dass mein Vater
entschlossen war zu sterben - und das, so gut er konnte, nach seinem
eigenen Willen.
Wir hingegen waren entschlossen, dass er nicht allein sterben sollte.
Vielleicht war genau das falsch, vielleicht wartete er nur darauf, allein
gelassen zu werden. Dennoch wachte ich in der sechsten Nacht nach
meiner Ankunft bei ihm und las einen Roman von vorn bis hinten,
während er dalag und ab und zu gähnte. Eine Schwester kam herein,
kontrollierte seine Atmung und sagte, er habe wohl nie geraucht. Sie
68
Das Gehirn mdnes Vaters
r
wollte mich zum Schlafen nach Hause schicken und bot mir an, eine
bestimmte Schwester zu holen, die sich um ihn kümmern würde. Of-
fenbar gehörte ein Todesengel zum Personal des Pflegeheims, eine
Schwester, die den Beinahe-Toten nach dem Weggang der Angehöri-
gen beibrachte, dass sie nun ungestört ans Sterben denken konnten.
Ich lehnte das Angebot ab und übernahm die Rolle selbst. Ich beugte
mich über meinen Vater, der leicht nach Essig roch, aber ansonsten
sauber und warm vor mir lag. Ich gab mich zu erkennen und sagte
ihm, er könne nun tun und lassen, was er wolle, ich würde ihn nicht
daran hindern. Er könne loslassen und tun, was er für nötig halte.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages kam ein früh-
sommerlicher Sturm über St. Louis auf. Ich machte mir Spiegeleier,
als meine Mutter aus dem Pflegeheim anrief, ich solle kommen. Ich
weiß nicht, warum ich glaubte, ich hätte jede Menge Zeit, aber ich aß
die Eier mit Toast, bevor ich losfuhr, und auf dem Parkplatz des Pfle-
geheims blieb ich noch eine Weile im Auto sitzen, weil im Radio ein
Song von Blues Traveler kam, der Ohrwurm der Saison. Kein Song
hat mich je glücklicher gemacht. Die großen Weißeichen rings um
das Pflegeheim schwankten unter den Sturmböen. Mir war, als würde
ich vor Glück davonfliegen.
Und er starb noch immer nicht. Am Abend beschädigte der Sturm
das Pflegeheim, der Strom fiel aus bis auf die Notbeleuchtung, und
ich saß mit meiner Mutter im Dunkeln. Ich denke ungern daran, wie
ungeduldig ich darauf wartete, dass mein Vater zu atmen aufhörte,
wie sehr ich bereit war, auf ihn zu verzichten. Ich stelle mir ungern
vor, was er dachte, als er da lag, wie lahm oder lebhaft der Kampf der
Gefühle oder Wahrnehmungen in seinem Kopf ablief Aber ich glau-
be auch ungern, dass überhaupt nichts in ihm vorging.
Gegen zehn, kurz nachdem das Licht wieder brannte, standen wir in
der Tür und sprachen mit einer Schwester, als ich sah, dass er sich mit
beiden Händen an die Kehle griff. »Ich glaube, es passiert etwas«,
sagte ich. Es war die Agonie. Er reckte das Kinn, um Luft zu bekom-
men, nachdem sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Er schien ganz
langsam und mit tiefer Bereitschaft zu nicken. Dann nichts mehr.
Nachdem wir ihn zum Abschied geküsst und die Formulare für die
Gehirnautopsie unterschrieben hatten, nachdem wir durch über-
schwemmte Straßen nach Hause gefahren waren, setzte sich meine
Mutter in die Küche und ließ sich gegen ihre Gewohnheit zu einem
69
Kommentar
Jack Daniels pur überreden. »Jetzt weiß ich es«, sagte sie. »Wenn man
tot ist, ist man richtig tot.« Wohl wahr. Aber wegen des schleichenden
Verlaufs der Alzheimer-Krankheit war mein Vater nun nicht toter als
zwei Stunden, zwei Wochen oder zwei Monate zuvor. Wir hatten ein-
fach die letzten Überreste von ihm verloren, aus denen wir ein leben-
des Ganzes hatten konstruieren können. Es würde keine neuen Erin-
nerungen mehr geben. Die einzigen Geschichten, die wir nun erzäh-
len konnten, waren die Geschichten, die wir schon kannten.
(2001)
Kommentar
Dieser Essay ist in der Darstellung wesentlich distanzierter, eher
»wissenschafllicher» und erinnert in der Detailtreue eher an einen pro-
tokollarischen Bericht. Die Alzheimer-Erkrankung des Vaters wird in
den einzelnen Entwicklungsstadien geschildert. Die eigene emotionale
Betroffenheit wird bei dieser sachlichen Schilderung weitgehend verschleiert, obwohl
sie zwischen den Zeilen spürbar ist. Der Erzähler geht auch auf die genaue Diag-
nose einer Alzheimer-Demenz ein, die mit den entsprechenden neuropathologischen
Befimden unterstrichen wird, während in dem Beitrag von Bayley Detaib der Dif-
ferentialdiagnostik des Demenzsyndroms unklar bleiben.
Der fast wbsenschqftliche Eindruck der Abhandlung entsteht u.a. dadurch, dass
bereits zu Beginn der Erzählung der neuropathologische Bericht über die Gehirn-
autopsie des Vaters eingebracht wird und auch erwähnt wird, dass der Vater an
einer wissenschqßlichen Verlaufsstudie zur Erforschung von Gedächtnb und Altern
teilgenommen hat. Überhaupt wird in diesem Beitrag sehr stark auf neurobiologi-
sche Aspekte rekurriert, die normalen Prozesse von Gedächtnb und Bewussbein
werden dargestellt, um auf diese Weise die durch du Alzheimer-Erkrankung be-
dingten Veränderungen besser erklären zu können. In dem Z>*^timmenhang wird
auch die genaue Neuropathologie und Histopatholofe der Alzheimer-Erkrankung
dargestellt.
Der Essay berichtet über den allmählichen, schleichenden Beginn der Erkrankung,
das Nicht- Wahrhaben- Wollen der Symptome durch den Patienten selber wie auch
durch seine Angehörigen und schließlich die zwingende Notwendigkeit, die bittere
Realität anzuerkennen, nachdem du Symptomatik immer schwerer wird. Ein-
drucksvoll wird das klinische Gesamtbild der Alzheimer-Erkrankung im Wesentli-
chen geschildert, mit den Störungen der Gedächtnislebtungen und sonstiger kogniti-
70
Kommentar
ver Einbußen, mit Veränderungen im Bereich des Verhaltens, zunächst im Sinne
einer Persönlichkeitsakzentuierung und später im Verlauf der Erkrankung auch mit
halluzinatorischem Erleben, Aggressivität und anderen schweren Veränderungen.
Eindrucksvoll wird auch der Einsatz von »Coping-Mechanismen» des an Demenz
Erkrankten geschildert, so z-B. der Versuch, mit zahlreichen fettein die drohenden
Erinnerungslücken zu vermeiden. Die plastisch dargestellten Konsequenzen ßir die
Beziehung zur Ehefrau wie aber auch zu den Kindern macht deutlich, in welch
gravierender Weise eine solche schwere psychische Erkrankung das partnerschaftli-
che und familiäre fusammenleben beeinträchtigt. Wichtig ist auch die Beobach-
tung, dass das Ertragen einer solchen schweren psychischen Veränderung eines Part-
ners die traditionellen Gleichgewichte äncr seil langem eingespielten Beziehung in
erheblicher Weise verändert und dass frühere konßikthafte Konstellationen der Part-
nerschaft den Umgang mit dem kranken Partner erheblich prägen. Der Essay ver-
mittelt beiläufig eine ganze Reihe von wissenschqfllichen Erkenntnissen über die
Alzheimer-Demenz, beginnend mit der Erstbeschreibung der Erkrankung durch
Alzheimer im Jahre 1 906 sowie Forschungsergebnissen aus den letzten 20 Jahren,
so unter anderem der Hypothese des amerikanischen Alzheimer- Forschers Reisberg,
der den geistigen Verfall der Alzheimer- Erkrankung ab spiegelbildliche Umkehrung
dergeutigen Entwicklung im Kindesalter darstellt. Fragwürdige, selbst in der wis-
senschaftlichen Literatur zu findende Sinninterpretationen der Alzheimer-Erkran-
kung, wie z-B. die von Shenk, der in der Verkindlichung der Alzheimer-Patienten
eine Gnade .sieht, in dem Sinne einer Bfieiung von der Last des Erwachsenseins
und einer Beschränkung auf das »Hier undJetzK, werden erwähnt und zu Recht
kritisch zurückgewiesen. Gleichzeitig versucht der Erzähler eigene Sinninterpreta-
tionen zu gehen und u.a. zu hinterfragen, oh Gedächtnu und Bewusstsän tatsäch-
lich der unangefochtene Hort der Persönlichkeit sind und ob solche nicht darüber
hinaus bei dem »langsamen Tod« des Alzheimer- Kranken zu suchen und zu finden
sind.
Insgesamt eine sehr differenzierte, imssenschafilkhe Fakten und Sinnaspekte einbe-
ziehende Darstellung der Krankheilsgeschichte des demenzkranken Vaters, die trotz
der nüchternen Art des Erzähbtib betroffen macht.
Beide Geschichten sowohl die von Bayley ab auch die von Franzen - beziehen
.sich auf die Efahrungsherichte über eine Demenzerkrankung eines engen Angehö-
rigen. Die jeweilige literarische Ausgestaltung fokussiert auf unterschiedliche
A.spekte und bleibt im Stil der ersten Darstellung emotionaler und verstehensbereiter,
in der zweiten Darstellung eher wbsensduftlich objektiver und voll größeren De-
tailreichtums. Insofern ergänzen sich beide Darstellungen .sehr gut und man liest sie
mit Gewinn miteinander. Die Erzählungen erinnern an die Darstellung Betroffener,
wie .sie mehrfach publiziert morden sind, z-B. an das eindrucksvolle Buch, in dem
71
Kommentar
die Ehefiau und die Tochter des bekannten Geigers Helmut ^acharias, der an einer
Demenz erkrankt war, ihre diesbezüglichen Erfahrungen schildern, sowohl die Er-
fahrung mit der Veränderung des Ehepartners /Vaters, also die Beschreibung der
Krankheitssymptome, wie aber auch der Versuche, mit diesen Veränderungen in ei-
ner Weise umzugehen, die dem Erkrankten möglichst viel an persönlicher Würde
lässt (Sylvia facharias: »Diagnose Alzheimer, Helmut facharias«. Ein Bericht.
Hirnliga e. V Köln 2000).
t
Fl: Psychische Verhaltensstörungen durch
psychotrope Substanzen
Sucht ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, ver-
ursacht durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder
synthetischen Substanz, die für das Individuum oder die Gemein-
schaft schädlich ist. Psychische Abhängigkeit ist definiert als über-
mächtiges, unwiderstehliches Verlangen, eine bestimmte Substanz/
Droge wieder einzunehmen (Lusterzeugung und/oder Unlustver-
meidung). Physische (körperliche) Abhängigkeit ist charakterisiert
durch Toleranzentwicklung (Dosissteigerung) sowie das Auftreten
von Entzugserscheinungen. Abusus oder Missbrauch beinhaltet den
unangemessenen Gebrauch einer Substanz/Droge, d.h. überhöhte
Dosierung und/ oder Einnahme ohne medizinische Indikation. Wie-
derholtes Einnehmen führt zur Gewöhnung, psychisch durch Kondi-
tionierung, körperlich in der Regel mit der Folge durch Dosissteige-
rung.
Durch das Suchtmittel wird vorübergehend eine als unbefriedigend
empfundene Situation scheinbar gebessert (Flucht in eine Schein-
welt). Die anschließende »Ernüchterung« durch die Konfrontation
mit der Realität lässt einen Circulus vitiosus entstehen, dessen Haupt-
elemente das unbezwingbare Verlangen nach dem Suchtmittel (Cra-
ving) und der Kontrollverlust, das Nicht-Aufhörenkönnen (»Abhän-
gigkeit«), sind.
Folgende Prägnanztypen der Abhängigkeit werden unterschieden:
Morphintyf), Barbiturat-/ Alkoholtyp, Kokaintyp, Cannabistyp, Am-
phetamintyp und Hallozinogentyp. Die Zahl der Abhängigen beträgt
ca. 5 bis 7 Prozent der deutschen Bevölkerung. Die größte Bedeutung
kommt dabei der Alkohol-Abhängigkeit zu, deren Zahl in Deutsch-
land bei 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung (ca. 2,5 Millionen) liegt. Die
Zahl der Drogenabhängigen beträgt etwa 150.000, die Zahl der Me-
dikamentenabhängigen etwa 1 Million.
73
Fl
Ganz allgemein sind für die Entstehung und Entwicklung von Ab-
hängigkeit drei Faktoren von Bedeutung; Droge, Individuum und so-
ziales Umfeld. Die meist missbräuchlich benutzten Drogen steigern
die Dopamin-Freisetzung und lösen so Euphorie und Wohlbehagen
aus. Dieses wirkt wiederum verhaltensverstärkend. Drogen aktivieren
direkt oder indirekt die dopaminergen Neurone im Mittel- und End-
hirn. Neben Dopamin wird u.a. auch Glutatmat eine wesentliche
Rolle für Lernprozesse zugeschrieben, die am »Suchtgedächtnis« be-
teiligt sind. Heute steht zudem fest, dass eine genetische Prädisposi-
tion für Abhängigkeitserkrankungen existiert. Die Suchterkrankung
kann als gelernte Reaktion verstanden werden, die durch ein »Dro-
gengedächtnis« gesteuert wird. Intensität und Progredienz der Ab-
hängigkeitsentwicklung sind unterschiedlich, je nach Abhängigkeits-
typ, konsumierter Substanz, vorliegender Persönlichkeitsstruktur und
sozialem Umfeld. Als primäre Suchtmotive sind u.a. Lösung von Ver-
stimmungszuständen, Leistungssteigerung, Einsamkeit, Langeweile
und Erlebnissuche bei innerer Leere (Flucht aus dem frustierend er-
lebten Alltag), Schmerzlinderung sowie der Wunsch nach Betäubung
zu erwähnen.
Je nach Suchtstoff und Abhängigkeitsmuster treten psychische, kör-
perliche und soziale Folgen auf. Zu den psychischen Symptomen zäh-
len u.a. Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, Depressivität,
Suizidalität, Apathie und Störungen des Kritikvermögens. Körperli-
che Symptome sind u.a. Schlafstörungen, Gewichtsverlust sowie spe-
zielle Symptome, die durch körperliche und neurologische Folgeer-
krankungen bedingt sind. Zu den sozialen Auswirkungen gehören be-
ruflicher Abstieg, soziale Isolierung, Kriminalität und Dissozialität
sowie Suizidgefährdung.
Neben der akuten Intoxikation durch die jeweilige Droge und deren
spezifische pharmakodynamische Effekte sind insbesondere bei der
Alkoholerkrankung eine Reihe anderer psychopathologischer Er-
scheinungsbilder bekannt, wie z.B. das Alkoholdelir (»Delirum tre-
mens«), die Alkoholhalluzinose, der alkoholische Eifersuchtswahn
und die verschiedenen Bilder der alkoholbedingten amnestischen
Störungen (Wernicke-Enzephalopathie, Korsakow-Syndrom) bis hin
zum Syndrom der Alkoholdemenz. Das Alkoholdelir ist die häufigste
psychiatrische Folgekrankheit des Alkoholismus und tritt bei etwa 15
Prozent aller Alkoholabhängigen meist als Entzugsdelir, manchmal
aber auch als Kontinuitätsdelir (also bei fortdauerndem Trinken) auf
74
Auslöser sind häufig akute Erkrankungen oder Operationen. Es dau-
ert in der Regel 3 bis 7 Tage, beginnend zumeist am 3. oder 4. Tag der
Abstinenz. Etwa die Hälfte der Deliren beginnt mit einem zerebralen
Krampfanfall. Ein Teil der Patienten weist Prodromalerscheinungen
wie Schlaflosigkeit, Unruhe, Angst und Aufmerksamkeitsstörungen
auf Dieses Bild wird als Alkohol-Entzugssyndrom, Prädelir oder ve-
getatives Syndrom bezeichnet. Typisch für das Delir sind neben Des-
orientiertheit und Unruhe optische Halluzinationen - v'or allem von
kleinen bewegten Objekten (»weiße Mäuse«), illusionären Verken-
nungen und szenischen Halluzinationen sowie einer hohen Suggesti-
bilität (»vom weißen Blatt lesen«). Daneben stehen Zeichen der vege-
tativen Entgleisung (Tremor, Schwitzen, Tachykardie) als Leitsymp-
tome im Vordergrund. Typische Symptome der eher seltenen
Alkoholhalluzinose sind akustische Halluzinationen beschimpfenden
Charakters. Eine Bewusstseinsstörung oder Desorientiertheit ist
nicht vorhanden. Bei konsequenter Abstinenz tritt die akute Halluzi-
nose im Verlauf von Wochen oder Monaten ab. Beim Eifersuchts-
wahn Alkoholkranker kommt es zu einem isolierten Wahn, der sich
auf die vermeintliche Untreue der Ehefrau bezieht.
In der Therapie von Suchtkranken geht es darum, langjährige Absti-
nenz zu erreichen. Entscheidende Elemente sind die Motivierung
des Suchtkranken sowie Maßnahmen zur Rückfallprophylaxc (u.a.
Selbsthilfegruppen). Allgemeine Behandlungsziele, die das primäre
Therapieziel erreichen helfen, sind zum einen die Nachreifung und
die Stabilisierung der Persönlichkeit, zum anderen die psychosoziale
Rehabilitation. Die Therapie lässt sich im Allgemeinen in folgende
Phasen gliedern: Kontakt- und Motivierungsphase, Entgiftungsphase
(körperlicher Entzug), Entwöhnungsbehandlung sowie Nachsorge
und Rehabilitationsphase.
Malcolm Lowry
Unter dem Vulkan
aus: Malcolm Lowry. Unter dem Vulkan.
Deutsche Übersetzung von Susanna Rademacher und Karin Graf.
© 1984 by Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg
Einführung
Der englische Schriftsteller Malcolm lowry (1909-1957) reiste
nach seinem Schulabschluss als Schiffsjunge nach China, studier-
te dann in Cambridge Philosophie, schrieb einen Seefahrer-Ro-
man (»Ultramarin«, 1933), durchquerte Frankreich, Russland
und China, lebte zwei Jahre in Mexiko und vierzehn Jahre in der kanadisehen
Provinz Bntish Columbia.
Mit seinem stark autobiographisch geprägten Trinker-Roman »Unter dem Vulkan«
(1947), Teil eines geplanten, nie vollendeten Jyklus mit dem Titel»Die Reise, die
nie zu Ende geht«, gebührt ihm ein unbestrittener Platz in der Weltliteratur. Jur
Darstellung von Identitätsverlust, Einsamkeit und Hoffhungslosigkät bediente sich
lowry eines erzähltechnisch experimentellen Stils voller Assoziationsketten, Alle-
gorien, innerer Monologe, fremdsprachlicher Einschübe, loutmalereien, Slogans,
enigmatischer Symbole., Jeitsprünge, Ampielungen und Allusionen an Joyces
»Ulysses«, Dantes »Göttliche Komödie«, Goethes »Faust« und Shakespeares »loar«,
ohne dabei in den Bildern von physischem Elend und psychischer Jerstörung durch
alkoholgetränkte Delirien auf die suggestiv realistische Schreibweise eines Ernest
Hemingway zu verzwhtm. Die trotz aller Alkoholabstürze bis zuletzt aufrechter-
haltene Beschwörung der menschlichen Würde beruft sich auf die Philosophie von
Albert Camus.
Erzählt wird in »Unter dem Vulkan« die Geschichte des britischen Ex-Konsuls und
notorischen Trinkers Geoffrey Firmin, der am Allerseelentag 1938 ein mexikani-
sches .Nest auf der Suche nach einem weiteren Drink durchstreift. Er säuft zusam-
men, was er bekommt: Whisky, Wodka, Tequila, Meskalin, sogar Strychnin, das
ihn, wie er prophezeit, am Tag der Toten umbringen wird. Seiner Frau Yvonne und
seinem Halbbruder gelingt es allen schier unmenschlichen Anstrengungen zum
Trotz nicht mehr, den restlos an den Alkohol Verlorenen, einst ein gebildeter, würde-
77
Malcolm Loivty
voller und liebenswerter Mann, zu retten. Am Ende landet der Ex-Konsul in einer
schäbigen Kneipe. Weil er keinen Ausweis hat, nimmt ihn eine Faschistenbande
gefangen und erschießt ihn wie einen räudigen Hund.
»Unter dem Vulkan» wurde 1984 von John Huston mit Albert Finney in der
Hauptrolle vejilmt, nachdem Anthony Burgess (»Clockwork Orange», 1962) den
Roman als eines der wenigen wirklichen Meisterwerke dieses Zeitalters gewürdigt
hatte.
Malcolm Lowry starb 1957 nach psychiatrischer Behandlung schwer alkohol-
süchtig an einer Überdosis Schlaflabletten in seiner englischen Heimat.
Weiteflihrende Literatur:
Donald W. Goodwin: Alkohol & Autor. Edition Epoca 1995
Unter dem Vulkan
»Mescal«, sagte der Konsul.
Die Hauptbar des Farolito war menschenleer. Aus
einem Spiegel hinter der Theke, der auch die
zum Platz hin offene Tür spiegelte, starrte ihm
stumm sein Gesicht entgegen, streng, vertraut
und unheilverkündend.
Aber das Lokal war nicht stumm. Es war erfüllt
von diesem Ticken - dem Ticken seiner Uhr, sei-
nes Herzens, seines Gewissens, einer Wanduhr ir-
gendwo. Dazu kam ein fernes Geräusch aus der Tiefe, wie rauschen-
des Wasser, wie ein unterirdischer Einsturz, und außerdem hörte er
sie noch immer, die bitter verletzenden Anklagen, die er gegen sein
eigenes Elend geschleudert hatte, die Stimmen wie in einem Streit,
die seine lauter als die übrigen, und die sich jetzt mit jenen anderen
fern klagenden, schmerzlichen Stimmen mischten: »Borracho, Bor-
rachön, Borraaaacho!<
Aber eine dieser Stimmen klang wie Yvonnes flehende Stimme. Er
fühlte noch immer ihren Blick, ihren und Hughs Blick im Salon
Ofelia hinter sich. Absichdich schob er alle Gedanken an Yvonne von
sich. Er trank rasch hintereinander zwei Mescals: die Stimmen ver-
stummten.
An einer Zitrone lutschend machte er Bestandsaufnahme von seiner
Umgebung. Der Mescal wirkte zwar beruhigend, verlangsamte je-
78
Unter dem Vulkan
doch das Denken; jeder Gegenstand sickerte erst nach einer Weile in
ihn ein. In einer Ecke des Raumes saß ein weißes Kaninchen, das an
einem Maiskolben nagte. Es knabberte mit so selbstvergessener Mie-
ne an den schwärzlichvioletten Körnern, als spielte es ein Musikin-
strument. Hinter der Theke hing in einem Drehgestell eine schöne
Kürbisflasche aus Oaxaca mit Mescal de olla, aus der sein Glas abge-
füllt worden war. Zu beiden Seiten standen Flaschen mit Tenampa,
Berreteaga, Tequila Anejo, Anis doble de Mallorca, eine violette Ka-
raffe mit Henry Mallets >delicioso licor<, eine flache Flasche Pepper-
mint Cordial und eine große gerillte Flasche Anis del Mono mit ei-
nem Etikett, auf dem ein Teufel eine Mistgabel schwang. Vor ihm auf
der breiten Theke standen Schalen mit Zahnstochern, Peperoni, Zit-
ronen, ein Glas mit Strohhalmen und ein Glaskrug mit gekreuzten
langen Löffeln. Am einen Ende der Theke waren große, bauchige
Kruken mit verschiedenfarbigen Aguardiente-Sorten aufgestellt,
unverdünnter Alkohol mit verschiedenen Aromen, in dem Schalen
von Zitrusfrüchten schwammen. Sein Blick fiel auf eine neben dem
Spiegel an die Wand geheftete Ankündigung für den gestrigen Ball in
Quauhnahuac: Hotel Bella Vista Gran Balle a Beneficio de la Cruz Roja. Los
Mepres Aristas del raelio en accion. .No falte IJd. Ein Skorpion klammerte
sich an das Plakat. Das alles registrierte der Konsul sorgfältig. Unter
langen Seufzern eisiger Erleichterung zählte er sogar die Zahnsto-
cher. Hier war er sicher; dies war der Ort, den er liebte - Zuflucht, das
Paradies seiner Verzweiflung.
Der >Barmann< der Sohn des Elefanten bekannt unter dem Na-
men Eine Handvoll Flöhe, ein kränklich aussehender, dunkler kleiner
Junge, betrachtete kurzsichtig durch eine Hornbrille eine Witzserie El
Hijo del Diablo in einer Knabenzeitschrift Ti-to. Er murmelte beim
Lesen vor sich hin und aß Schokolade. Als er dem Konsul ein weiteres
frischgefülltes Glas Mescal zuschob, ließ er etwas überschwappen. Er
wischte es aber nicht weg, sondern las murmelnd weiter und stopfte
sich mit Schokoladenschädeln und Schokoladenskeletten, sogar mit
Leichenwagen aus Schokolade voll, die für den Tag der Toten gekauft
waren. Der Konsul wies auf den Skorpion an der Wand, und der
Junge wischte ihn mit einer ärgerlichen Bewegung herunter - er war
tot. Eine Handvoll Flöhe kehrte zu seiner Zeitschrift zurück und mur-
melte laut mit vollem Mund: »De pronto, Dalia vuelve en Sigrita
llamando la ateneiön de un guardia que pasea. Suelteme! Suelteme!«
Rette mich, dachte der Konsul vage, als der Junge plötzlich hinaus-
79
Malcolm Lowty
ging, um Geld zu wechseln, suelteme, zu Hilfe! Aber vielleicht hatte
der Skorpion gar nicht gerettet werden wollen und sich selbst totge-
stochen. Er schlenderte durch den Raum. Nach einem fruchdosen
Versuch, sich mit dem weißen Kaninchen anzufreunden, trat er an
das offene Fenster zur Rechten. Darunter ging es fast senkrecht zum
Grund der Schlucht hinunter. Was für ein düsterer, melancholischer
Ort! In Pariän hatte Kublai Khan ... Und die Felsspitze war auch
noch da ” genau wie bei Shelley oder Galderon oder beiden die
Felsspitze, die, obwohl schon gespalten, so sehr am Leben hing, daß
sie sich nicht zum endgültigen Zerbröckeln entschließen konnte. Die
schiere Höhe war erschreckend, dachte er, während er sich hinaus-
lehnte, den gespaltenen Fels von der Seite betrachtete und versuchte,
sich auf die Stelle in The Cenci zu besinnen, wo der riesige Felsblock
geschildert wird, der sich an die Erdmasse klammert, als ruhe er auf
dem Leben selbst, der sich nicht vor dem Sturz fürchtet, aber trotz-
dem die Stelle verfinstert, in die er fiele, falls er fiel. Bis zum Grund
der Schlucht war es ungeheuer, furchtbar weit. Aber er merkte, daß
auch er sich nicht vor dem Sturz fürchtete. In Gedanken verfolgte er
den abgrundtiefen, gewundenen Weg der Barranca zurück durch das
Land, durch verfallene Bergwerke bis zu seinem Garten. Dann sah er
sich wieder mit Yvonne heute morgen vor dem Druckereischaufen-
ster stehen und das Bild von dem anderen Felsen, La Despedida, an-
starren, den Eiszeitfelsen, der zwischen den Heiratsanzeigen im La-
denfenster zerbröckelte, und dahinter das rotierende Schwungrad. So
lange schien das her zu sein, so seltsam, so traurig und fern wie die
Erinnerung an erste Liebe, ja, sogar an den Tod seiner Mutter. Wie
eine gelinde Trauer verschwand Yvonne wieder aus seinen Gedan-
ken, diesmal ohne Anstrengung.
Durchs Fenster ragte Potocatepetl auf, die mächtigen Flanken zum
Teil hinter sich heranwälzenden Gewitterwolken verborgen; sein
Gipfel versperrte den Himmel, als wäre er fast senkrecht über dem
Konsul, als lägen die Barranca und das Farolito unmittelbar an sei-
nem Fuße. Unter dem Vulkan! Nicht umsonst hatten die Alten den
Tartarus unter dem Ätna angesiedelt oder den Typhon in seinem In-
nern, das Ungeheuer mit den hundert Köpfen und den - einigerma-
ßen - furchtbaren Augen und Stimmen.
Der Konsul wandte sich ab und ging mit seinem Glas zu der offenste-
henden Tür. Hinten im Westen ein anilinroter Todeskampf Er blickte
auf Pariän hinaus. Dort hinter einem Rasenfleck lag der unvermeid-
80
Unter (km Vulkan
liehe Platz mit dem kleinen öffentlichen Park. Links am Rande der
Barranca schlief ein Soldat unter einem Baum. Auf der Anhöhe
rechts halb gegenüber stand ein Bauwerk, das auf den ersten Blick
wie ein verfallenes Kloster oder ein Wasserwerk aussah. Es war die
graue, mit Türmen geschmückte Kaserne der Militärpolizei, die er
Hugh gegenüber als das berüchtigte Hauptquartier der Union Mili-
tär erwähnt hatte. Das Gebäude, in dem sich auch das Gefängnis be-
fand, starrte ihn finster aus einem Auge an, das über einem Torbogen
in die Stirn seiner niedrigen Fassade eingesetzt war: eine Uhr, die jetzt
sechs zeigte. Zu beiden Seiten des Torbogens blickten die vergitterten
Fenster in dem Comisario de Policia und dem Policia de Seguridad
auf eine Gruppe Soldaten nieder, die, ihre Signalhörner an leuchtend
grünen Schnüren über die Schülter gehängt, plaudernd zusammen-
standen. Andere Soldaten mit flatternden Gamaschen stolperten zur
Wachablösung. Unter dem Torbogen, im Eingang zum Hof, saß ein
Korporal arbeitend an einem Tisch, auf dem eine unangezündete
Petroleumlampe stand. Der Konsul wußte, daß er mit gestochen
scharfer Handschrift irgendwelche Eintragungen machte, denn auf
seinem ziemlich unsicheren Weg hierher - freilich nicht so unsicher
wie vorhin auf dem Festplatz in Quauhnahuac, aber immer noch bla-
mabel genug -, hätte er ihn fast umgerannt. Durch den Torbogen
konnte der Konsul die rund um den Hof verteilten Gefängniszellen
mit Holzgittern wie Schweineställe erkennen. In einer gestikulierte
ein Mann. Weiter links standen verstreut einige Hütten mit dunklen
Palmstrohdächern; sie verschmolzen mit dem Wald, der die Stadt auf
allen Seiten umgab und jetzt im unnatürlich bleiernen Licht des auf-
ziehenden Gewitters glühte.
Eine Handvoll Flöhe war zurückgekommen, und der Konsul ging an
die Theke, um sein Kleingeld in Empfang zu nehmen. Der Junge, der
ihn anscheinend nicht verstanden hatte, ließ aus der schönen Kürbis-
flasche Mescal in sein Glas laufen. Als er es dem Konsul reichte, warf
er die Zahnstocher um. Der Konsul sagte im Augenblick weiter nichts
über das Kleingeld, nahm sich jedoch vor, das nächste Mal etwas zu
bestellen, was mehr kostete als die fünfzig Centavos, die er bereits be-
zahlt hatte. Auf diese Weise würde er sein Geld nach und nach wie-
derbekommen. Er wiegte sich in der lächerlichen Vorstellung, daß er
schon deswegen unbedingt hierbleiben müsse. Er wußte, daß es noch
einen anderen Grund gab, auf den er jedoch nicht den Finger legen
konnte. Jedesmal, wenn ihm Yvonne einfiel, war ihm das bewußt. Es
81
Malcolm Lowry
sah also wirklich so aus, als müßte er um ihretwillen hier bleiben,
nicht weil sie ihm hierher folgen würde - nein, sie war fort, er hatte sie
jetzt endgültig gehen lassen. Hugh würde vielleicht kommen, aber sie
niemals, diesmal nicht; bestimmt würde sie nach Hause zurückkeh-
ren, und über diesen Punkt hinaus reichten seine Gedanken nicht -
sondern für irgend etwas anderes. Er sah sein Wechselgeld auf der
Theke liegen, der Mescal war nicht abgezogen. Er steckte es ein und
kam wieder zur Tür. Die Situation hatte sich jetzt verkehrt; der Junge
mußte auf ihn aufpassen. Selbstquälerisch vertrieb er sich die Zeit, zur
Unterhaltung von einer Handvoll Flöhe, obgleich ihm klar war, daß
der in seine Zeitschrift vertiefte Junge ihn überhaupt nicht beobachte-
te, mit der Vorstellung, er habe den melancholischen Ausdruck eines
bestimmten Trinkertyps angenommen, der nach zwei murrend auf
Kredit gewährten Schnäpsen halb nüchtern aus einer leeren Kneipe
auf die Straße hinausstarrt, einen Ausdruck, der die Hoffnung auf
Hilfe vorzuspiegeln sucht, auf eine irgendwie geartete Hilfe, die viel-
leicht unterwegs ist, auf Freunde, irgendwelche Freunde, die vielleicht
kommen und ihn retten. Für ihn ist das Leben immer hinter der näch-
sten Straßenecke in Form eines weiteren Drinks in einer neuen Knei-
pe. Aber in Wirklichkeit erhofft er nichts von alledem. Seine Freunde
haben ihn aufgegeben so wie er sie, und er weiß, daß nichts als der
vernichtende Blick eines Gläubigers hinter der nächsten Ecke lauert.
Auch hat er sich nicht genügend gestärkt, um mehr Geld zu borgen
oder um neuen Kredit bitten zu können, und der Schnaps von neben-
an sagt ihm ohnehin nicht zu. Warum bin ich hier, sagt die Stille, was
habe ich getan, echot die Leere, warum habe ich mich willentlich zu-
grunde gerichtet, kichert das Geld in der Ladenkasse, wieso bin ich so
heruntergekommen, fragt schmeichlerisch die Straße, und die einzige
Antwort darauf war . . . Der Platz gab ihm keine Antwort. Die kleine
Stadt, die so leer erschienen war, belebte sich mit dem fortschreiten-
den Abend. Dann und wann stolzierte schweren Schrittes ein
schnurrbärtiger Offizier vorüber, mit dem Spazierstock an die Gama-
schen schlagend. Leute kehrten von den Friedhöfen zurück, aber die
Prozession würde vielleicht erst nach einiger Zeit vorüberkommen.
Eine undisziplinierte Abteilung Soldaten marschierte über den Platz.
Signalhörner schmetterten. Auch eine starke Belegschaft Polizei war
erschienen - diejenigen, die nicht streikten oder angeblich auf den
Friedhöfen Dienst getan hatten, oder auch die Ersatzpolizei - Polizei
und Militär waren sowieso nicht leicht auseinanderzuhalten. Zweifel-
82
Unter dem Vuüsm
los insgeheim Freunde der Deutschen. Der Korporal saß noch immer
schreibend an seinem Tisch, was den Konsul merkwürdig beruhigte.
Zwei oder drei Trinker drängten sich an ihm vorbei ins Farolito; sie
hatten quastenbesetzte Sombreros auf den Hinterkopf geschoben,
und Pistolentaschen schlugen an ihre Oberschenkel. Zwei Bettler wa-
ren eingetroffen und bezogen ihre Posten vor der Kneipe unter dem
Gewitterhimmel. Der eine hatte keine Beine und schleppte sich wie
ein armer Seehund durch den Staub. Aber der andere, der sich eines
Beines rühmen konnte, stand steif und stolz an die Mauer der Canti-
na gelehnt, als wartete er darauf, erschossen zu werden. Dann beugte
dieser Bettler mit einem Bein sich vor: er ließ ein Geldstück in die
ausgestreckte Hand des Beinlosen fallen. Dem ersten Bettler standen
die Tränen in den Augen. Jetzt bemerkte der Konsul ganz rechts auf
dem Waldweg, den er gekommen war, eine Anzahl ungewöhnlicher,
gänseähnlicher Tiere, die aber so groß waren wie Kamele, und Men-
schen ohne Haut und ohne Köpfe, die auf Stelzen gingen und deren
Gedärme sich selbständig zuckend über den Boden bewegten. Er
schloß die Augen vor diesem Anblick, und als er sie wieder aufschlug,
sah er weiter nichts als einen Mann, der wie ein Polizist aussah und
ein Pferd am Halfter führte. Trotz des Polizisten mußte er lachen,
brach aber plötzlich ab. Denn er sah, daß das Gesicht des halb liegen-
den Bettlers sich langsam in dasjenige der Senora Gregorio verwan-
delte und dann in das seiner Mutter, auf dem ein unendlich mitleids-
voller, flehender Ausdruck erschien.
Er schloß die Augen wieder, und während er, das Glas in der Hand,
dastand, dachte er einen Augenblick mit gefrierender, gleichgültiger,
fast amüsierter Ruhe an die furchtbare Nacht, die ihn - ob er noch
mehr trank oder nicht - unausweichlich erwartete, an sein von dämo-
nischen Orchestern erbebendes Zimmer, die Fetzen eines angstge-
quälten tumultuösen Schlafes, unterbrochen von Stimmen, die in
Wirklichkeit Hundegebell waren, oder von eingebildeten Besuchern,
die unausgesetzt seinen Namen riefen, das gräßliche Brüllen, das
Klimpern, das Knallen, das Bumsen, der Kampf gegen unverschäm-
te Erzfeinde, die Lawine, unter der die Tür zusammenbrach, die Sti-
che von unten durch das Bett, und draußen fortwährend das Schrei-
en, das Klagen, die schreckliche Musik, die Spinette der Finsternis.
Er ging zur Theke zurück.
83
Kommmtar
Kommentar
^ In dm Auszug von Makom Lowrys Roman »Unter dm Vulkan«
tC werden der soziale Abstieg, die partnerschaftliche und finanzielle Pro-
blmatik eines Trinkers, einer ehemals sehr hoch angesehenen Persön-
lichkeit, eines Konsuls, in eindrücklkher Weise geschildert. Im Zen-
trum der Darstellung steht die eindrucksvolle und plastische Schilderung von starker
Unruhe und vielgestaltigen Halluzinationen in verschiedenen Sinnesgebieten (u.a.
szenenhafie Halluzinationen).
Die genaue Differentialdiagnose, ob es sich dabei um ein Alkoholdelir oder eher um
eine Alkoholhalluzinose handelt, ist wegen des Fehlens diesbezüglicher differential-
diagnostischer Detailirformationen rächt möglich. Die Vielgestaltigkeit der Hallu-
zinationen, in denen neben akustischen auch optische Halluzinationen - z-T. als
szenenartige Erlebnisse kombiniert - auflreten sowie die Bereitschaft zu illusionä-
ren Verkennungen lässt eher an ein Delir denken, allerdings scheint die dafür typi-
sche Desorientierung nicht vorzuliegen. Wenn man aber darauf abstellt, dass vor-
rangig akustische Halluzinationen das Symptombild beherrschen, könnte man eher
an eine Alkoholhalluzinose denken, zumal die alkoholtypische Desorientiertheit of-
fenbar nicht vorliegt.
84
Charks Baudelaire
Die künstlichen Paradiese
aus: Charks Baudelaire. Die Dichtung vom Haschisch.
Aus dem Französischen übersetzt von Hannelise Hinderberger.
©1988 by Manesse Verlag, Zürich, in der Verlagsgruppe
Random House GmbH, München
Einführung
Mit »Les Fleurs du Mah< (dt: »Die Blumen des Bösen«) (1857),
dem Hauptwerk des französischen Dichters Charks Baudelaire
(1821-1867), beginnt die Lyrik der literarischen Moderne.
Kindheit und Jugend Baudelaires sind überschatkt vom fiühen
Tod des Vaters und der Wiederverheiratung der Mutkr mit einem strengen Offizier.
Das zur Depression neigende, sich ungeliebt fühlende Kind verbringt unglückliche
Jäten im Internat, stößt nach abgebrochenem Jurastudium als junger Mann zur
Pariser Boheme und führt mit den bald aufgebrauchten Mitteln des väterlichen Erbes
an verschwenderisches Leben als Dandy, macht Schulden, unterhält an Verhältnis mit
einer Prostituierkn, unternimmt eine Schiffsreise bis Rätnion, steckt sich mit Syphi-
lis an, bis ihn die Familie unter eine demütigende Vormundschaft stellt. 1845
misslingt ein Suizidversuch. Der einstmals begeisterte Revolutionär zieht sich nach
der gescheiterten Revolution 1848 völlig auf die Kunst zurück und arbeitet als
Kunsttheoretiker, Kritiker und Übersetzer (u.a. der Werke von Edgar Allan Poe).
Der exzessive Konsum von Opium, Haschisch und Alkohol fuhrt zu ständigen
finanziellen Schwierigkeiten. »Die Blumen des Bösen« wird von der bürgerlichen
Kritik als obszön und blasphemisch empfunden und trägt dem Dichter wie sänem
Verleger einen Strafprozess wegen »Bekidigung der öffentlichen Moral« an. Baude-
laire, der die gesamte moderne Lyrik nachhaltig bennflussk, stirbt mit 46 Jahren,
halbsätig gelähmt und sprechunßhig, betreut von seiner alkn Mutier, in einem
Pariser Pflegeheim.
Weiterfllhrende Literatur:
Jean-Paul Sartre: Baudelaire. Rowohlt 1997
85
Charles Baudelaire
Die künstlichen Paradiese
Was empfindet man? Was sieht man? Wunderbare
Dinge, nicht wahr? Außergewöhnliche Schauspie-
le? Ist es wirklich schön? Und wirklich schrecklich?
Und wirklich gefahilich? — Dies sind die gewohnten
Fragen, welche die Unerfahrenen mit einer gewis-
sen, mit Furcht vermischten Neugier an die
Eingeweihten richten. Man könnte sagen, es sei
eine kindhche Ungeduld, etwas zu erfahren, wie sie
beispielsweise bei Leuten, die ihre Ecke am Kamin
nie verlassen haben, vorkommt, wenn sie sich einem Menschen ge-
genübersehen, der aus fernen und unbekannten Ländern zurück-
kehrt. Sie stellen sich den Haschischrausch wie ein wunderbares
Land, ein unermeßliches Gaukler- und Taschenspielertheater vor, wo
alles bewundernswürdig und unvorhergesehen ist. Dies ist ein Vorur-
teil, ein vollständiger Irrtum. Und da das Wort Haschisch für den gro-
ßen Haufen der Leser und Fragenden die Vorstellung von einer frem-
den und wirren Welt und die Erwtutung wunderbarer Träume zuläßt
(man würde besser Halluzinationen sagen, welche übrigens weniger
häufig sind, als man vermutet), werde ich sogleich auf den wichtigen
Unterschied hinweisen, der die Wirkungen des Haschischs von den
Phänomenen des Schlafs trennt. Im Schlaf, dieser allabendlichen,
abenteuerlichen Reise, liegt etwas ausdrücklich Wunderbares. Er ist
ein Wunder, dessen pünktliches Eintreffen alles Geheimnisvolle abge-
stumpft hat. Die Träume des Menschen sind von doppeltem Rang.
Die einen sind erfüllt von seinem gewöhnlichen Leben, seinen Be-
sorgnissen, seinen Wünschen und seinen Lastern und verbinden sich
auf mehr oder weniger seltsame Weise mit den im Lauf des Tages
wahrgenommenen Gegenständen, die sich auf der breiten Leinwand
des Gedächtnisses zudringlich festgesetzt haben. Dies ist der natürli-
che Traum. Er ist der Mensch selber. Aber dann die andere Art des
Traums! Der sinnlose, unvorhergesehene Traum, ohne Beziehung
und Verbindung zum Charakter, zum Leben und den Leidenschaften
des Schläfers! Dieser Traum, den ich hieroglyphisch nennen will,
stellt augenscheinlich die übernatürliche Seite des Lebens dar. Und
gerade weil er widersinnig ist, haben die Alten geglaubt, er sei göttli-
chen Ursprungs. Da der Traum aus natürlichen Gründen unerklär-
lich ist, haben die Alten ihm einen außerhalb des Menschen liegen-
86
Die künstlichen Paradiese
den Grund beigemessen. Auch heute noch gibt es, ohne von den
Traumdeutern zu sprechen, eine philosophische Schule, die in dieser
Art Träume bald einen Vorwurf und bald einen Ratschlag sieht. Mit
einem Wort, ein symbolisches und moralisches Bild, das im Geist des
schlafenden Menschen entstanden ist. Dies ist ein Wörterbuch, das
man studieren sollte, eine Sprache, zu der die Weisen den Schlüssel
erlangen könnten.
Nichts von all dem im Haschischrausch. Wir treten aus dem natürli-
chen Traum nicht heraus. Der Rausch ist in seiner ganzen Dauer,
dank der Intensität der Farben und der Schnelligkeit der Einfälle, in
der Tat nur ein unendlicher Traum. Immer aber bewahrt er die spezi-
elle Tonlage des Individuums. Der Mensch wollte träumen, nun wird
der Traum den Menschen beherrschen. Aber dieser Traum wird
wohl der Sohn seines Vaters sein. Der Müßiggänger hat sich den
Kopf darüber zerbrochen, wie er das Übernatürliche künstlich in sein
Leben und Denken einführen könnte. Aber er bleibt, nach allem und
trotz der zufälligen Kraft seiner Eindrücke, doch nur derselbe, wenn
auch übersteigerte Mensch, dieselbe zu höchster Potenz erhobene
Zahl. Er ist unterjocht. Doch zu seinem Unglück ist er es nur durch
sich selbst, das heißt durch den schon dominierenden Teil seiner
selbst. Er wollte den Engel spielen, und er ist ein Tier geworden, ein augen-
blicklich sehr mächtiges Tier, wenn man eine übermäßige Sensibilität
ohne beherrschende Gewalt, die sie mäßigen oder ausnutzen könnte,
überhaupt Macht nennen kann.
(...)
Im Haschischrausch kommen im allgemeinen drei leicht voneinander
zu unterscheidende Phasen vor, und gerade die ersten Symptome der
ersten Phase sind bei Neulingen recht seltsam anzusehen. Ihr habt
von der wunderbaren W'irkung des Haschischs undeutlich reden ge-
hört. Eure Einbildungskraft hat einen besonderen Gedanken, so et-
was wie ein Ideal des Rausches, vorweggenommen. Es verlangt euch
danach, zu wissen, ob die Wirklichkeit entschieden auf der Höhe eu-
rer Hoffnungen sein wird. Das genügt, euch von Anfang an in einen
Angstzustand zu versetzen, welcher für die erobernde und euch über-
fallende Laune des Giftes recht günstig ist. Die meisten Neulinge be-
klagen sich auf der ersten Stufe der Einweihung über die Langsam-
keit der Wirkungen. Sic erwarten sie mit einer kindischen Ungeduld,
und da die Droge ihrer Meinung nach nicht schnell genug wirkt,
prahlen sie mit ihrer Ungläubigkeit, was für die alten Eingeweihten,
87
Charles Baudelaire
die wissen, wie Haschisch sich verhält, recht vergnüglich ist. Die er-
sten Anwandlungen tauchen wie die Anzeichen eines lange zögern-
den Gewitters auf und vervielfachen sich mitten in dieser Ungläubig-
keit. Zunächst ist da eine gewisse abgeschmackte und unwidersteh-
liche Heiterkeit, die sich eurer bemächtigt. Die unmotivierten Anfälle
von Fröhlichkeit, deren ihr euch beinah schämt, wiederholen sich im-
mer häufiger und unterbrechen Augenblicke voller Bestürzung, in de-
nen ihr euch umsonst aufzufangen sucht. Die einfachsten Worte, die
einfältigsten Gedanken erhalten ein neues und sonderbares Gepräge.
Ihr wundert euch sogar darüber, daß ihr sie bis dahin so einfach ge-
funden habt. Ungehörige Anspielungen und Vergleiche, die unmög-
lich vorauszusehen waren, endlose Wortspiele, schwache Versuche
zur Komik sprudeln ununterbrochen aus eurem Gehirn hervor. Der
Dämon hat euch überfallen. Es ist aussichtslos, sich dieser Heiterkeit,
die schmerzhaft ist wie ein Kitzel, zu widersetzen. Dann und wann
lacht ihr über euch selbst, über eure Albernheiten und Torheiten; und
eure Kameraden, falls ihr welche habt, lachen ebenfalls über euren
und ihren eigenen Zustand. Doch da sie ohne Bosheit sind, grollt ihr
ihnen nicht.
Diese Fröhlichkeit, die abwechselnd matt und peinlich ist, das Unbe-
hagen in der Freude, die Unsicherheit, die Unentschlossenheit dau-
ern in der Regel nur kurze Zeit. Bald werden die gedanklichen Zu-
sammenhänge so unbestimmt, der Faden, der eure Einfälle verbindet,
wird so dünn, daß nur eure Verbündeten euch noch verstehen kön-
nen. Und doch besteht bei diesen Dingen und von dieser Seite her
keine Möglichkeit, das alles zu überprüfen. Vielleicht glauben alle
nur, euch zu verstehen, und diese Einbildung beruht auf Gegenseitig-
keit. Der Mutwille und das schallende Gelächter, das Explosionen
gleicht, erscheinen jedem, der sich nicht im selben Zustand befindet
wie ihr, als tatsächliche Verrücktheit oder wenigstens als die Narrhei-
ten eines Wahnsinnigen. Ebenso belustigen euch die Besonnenheit
und der gesunde Menschenverstand, die Regelmäßigkeit der Gedan-
ken beim vorsichtigen Zeugen, der nicht berauscht ist, und sie erhei-
tern euch wie eine besondere Art von Wahnwitz. Die Rollen sind ver-
tauscht. Seine Kaltblütigkeit veranlaßt euch zu äußerstem Spott. Ist
es nicht eine auf geheimnisvolle Weise komische Situation, wenn ein
Mensch sich einer Fröhlichkeit erfreut, die für jeden, der nicht in der-
selben Lage ist wie er, unverständlich bleibt? Der Verrückte hat Mit-
leid mit dem Besonnenen, und von da an beginnt sich sein Uberle-
88
Die künstlichen Paradiese
genheitsgefühl bemerkbar zu machen. Bald wächst es, wird größer
und mächtiger und wird wie ein Meteor zerstieben.
(•■•)
Auf diese erste Phase kindlicher Fröhlichkeit folgt so etwas wie eine
momentane Beruhigung. Doch bald künden sich durch ein Kältege-
fühl in den Gliedmaßen neue Ereignisse an. (Die Kühle kann bei eini-
gen Individuen zu einer sehr intensiven Kälte werden.) Dann folgt
eine große Schwäche in allen Gliedern. Ihr habt Hände, die so weich
sind wie Butter, und in eurem Kopf, in eurem ganzen Sein fühlt ihr
verwirrende Bestürzung und Betroffenheit. Eure Augen werden groß;
es ist, als würden sie von unerbittlicher Ekstase nach allen Richtungen
auseinandergezogen. Euer Gesicht überzieht sich mit Blässe. Die Lip-
pen stülpen sich mit jener Bewegung der Kurzatmigkeit einwärts,
welche den Ehrgeiz eines Menschen charakterisiert, der großen Plä-
nen zum Opfer gefallen ist und von weitreichenden Gedanken be-
drängt wird oder der seinen Atem anhält, um einen Anlauf zu neh-
men. Die Kehle ist sozusagen zugeschnürt. Der Gaumen ist von
Durst ausgetrocknet. Es wäre unendlich angenehm, diesen Durst zu
stillen, wenn nicht die Wonnen der Trägheit noch wohltuender wären
und sich der kleinsten Lageveränderung des Körpers widersetzten.
Rauhe und tiefe Seufzer dringen aus eurer Brust, als ob euer alter
Körper das Verlangen und die Aktivität eurer neuen Seele nicht ertra-
gen könnte. Von Zeit zu Zeit ergreift euch ein Schütteln, das eine un-
freiwillige Bewegung auslöst, wie dieses Zusammenzucken, das am
Ende eines Arbeitstages oder in einer stürmischen Nacht dem defini-
tiven Schlaf vorausgeht.
(...)
Gerade in dieser Periode des Rausches tut sich ein neuer Scharfsinn,
eine äußerste Wachheit aller Sinne kund. Der Geruchssinn, der Ge-
sichtssinn, der Gehörsinn und der Tastsinn beteiligen sich gleicher-
maßen an dieser Steigerung. Die Augen spähen nach dem Unendli-
chen aus. Das Ohr nimmt, mitten im vielseitigsten Getümmel, beinah
unhörbare Töne wahr. Hier beginnen die Halluzinationen. Die äu-
ßern Gegenstände nehmen langsam und nacheinander ein eigentüm-
liches Aussehen an. Dann folgen die Zweideutigkeiten, die Mißver-
ständnisse und die Umstellungen der Ideen. Die Töne bekleiden sich
mit Farben, und die Pärben enthalten Musik. Man wird mir entgeg-
nen, das sei etwas ganz Natürliches und jedes poetische Gehirn ersin-
ne auch in gesundem und normalem Zustand solche Übereinstim-
89
Charles Baudelaire
mungen leicht. Aber ich habe den Leser schon darauf aufmerksam
gemacht, daß im Haschischrausch nichts tatsächlich Übernatürliches
vorkommt. Allein - die Übereinstimmungen sind ungewöhnlich leb-
haft. Sie durchdringen, überfallen und überwältigen den Geist mit
ihrem eigenmächtigen Wesen. Die Musiknoten werden zu Zahlen,
und wenn ihr mathematisch begabt seid, verwandelt sich die Melodie,
die vernommene Harmonie - ihren wollüstigen und sinnlichen Cha-
rakter durchaus bewahrend - in eine umfassende arithmetische Re-
chenaufgabe, in der die Zahlen wiederum Zahlen hervorbringen, de-
ren Wandlung und Entstehung ihr mit unerklärlicher Leichtigkeit
und einer Gewandtheit verfolgt, die derjenigen eines Vortragenden
Künstlers gleicht.
Manchmal geschieht es, daß die Persönlichkeit entschwindet und daß
die Objektivität, die pantheistischen Dichtern eigen ist, sich in euch
so regelwidrig entfaltet, daß die Betrachtung der äußern Gegenstände
euch eure eigene Existenz vergessen läßt und daß ihr euch alsbald mit
ihnen verwechselt. Euer Auge richtet sich auf einen vom Wind har-
monisch hin und her gebogenen Baum. In einigen Sekunden wird
das, was im Hirn eines Dichters nur ein ganz natürlicher Vergleich
wäre, in eurem Geist zu einer Tatsache. Zunächst leiht ihr dem Baum
eure Leidenschaften, euer Verlangen und eure Melancholie. Ihr
macht euch sein Ächzen und sein Sich-hin-und-her-Bewegen zu ei-
gen, und bald seid ihr der Baum. Ebenso stellt der Vogel, der im tief-
sten Himmelsblau schwebt, zunächst nur das unsterbliche Verlangen
dar, über allen menschlichen Belangen zu schweben. Aber schon seid
ihr der Vogel selbst. Ich stelle mir euch sitzend und rauchend vor.
Eure Aufmerksamkeit richtet sich ein wenig zu lange auf die bläuli-
chen Wolken, die aus eurer Pfeife aufsteigen. Da bemächtigt sich eu-
rer der Gedanke einer langsamen, sukzessiven, ewigen Verflüchti-
gung, und alsbald werdet ihr diese Idee auf eure eigenen Gedanken,
euer denkendes Sein anwenden. Durch eine sonderbare Zwei-
deutigkeit, eine Art Übertragung oder geistiges Quiproquo fühlt ihr,
wie ihr euch verflüchtigt. Dann werdet ihr eurer Pfeife (in der ihr euch
wie Tabak zusammengekauert und versammelt fühlt) die sonderbare
Fähigkeit zugestehen, euch zu rauchen.
Zum Glück hat diese endlose Einbildung nur eine Minute gedauert,
denn ein lichter Augenblick hat es euch erlaubt, mit großer Anstren-
gung auf die ühr zu schauen. Doch schon reißt euch eine andere
Gedankenströmung mit sich fort. Sie wird euch nochmals eine Minu-
90
Die künstlichen Paradiese
r
te lang in einem lebhaften Strudel herumwirbeln, und diese weitere
Minute wird eine zusätzliche Ewigkeit dauern. Denn die Ausmaße
der Zeit und des Seins sind von der Vielfalt und Dichte der Empfin-
dungen und Gedanken vollständig durcheinandergebracht. Man
könnte sagen, man lebe in einer einzigen Stunde mehrere Menschen-
leben. Seid ihr jetzt nicht einem phantastischen Roman vergleichbar,
der lebendig und nicht nur geschrieben ist? Zwischen den Organen
und den Genüssen sind keine Gleichungen mehr möglich. Und vor
allem aus dieser Erkenntnis erwächst der Vorwurf, der auf diese ge-
fährliche Übung, bei der die Freiheit entschwindet, anwendbar ist.
Wenn ich von Halluzinationen spreche, soll man das Wort nicht in
seinem engsten Sinn auffassen. Eine sehr wichtige Nuance unter-
scheidet die reine Halluzination, welche die Ärzte oft zu studieren
Gelegenheit haben, von der Halluzination oder besser der geistigen
Sinnestäuschung, die vom Haschisch veranlaßt wird. Im ersten Fall
tritt die Halluzination plötzlich, vollkommen und verhängnisvoll auf
Außerdem findet sie in der Außenwelt keinen Vorwand und keine
Entschuldigung. Der Kranke sieht dort eine Form und hört Töne, wo
keine vorhanden sind. Im zweiten Fall aber tritt die Halluzination
nach und nach, fast freiwillig auf und wird nur durch die Tätigkeit
der Einbildungskraft vollkommen ausgereift. Kurz - sie hat einen
Vorwand. Der Ton wird sprechen, wird deutliche Dinge aussagen,
aber es ist ein Ton vorhanden. Das trunkene Auge des vom Haschisch
erfaßten Menschen sieht sonderbare Formen. Doch diese Formen
waren, bevor sie sonderbar und ungeheuerlich wurden, einfach und
natürlich. Die Kraft, die wahrhaft sprechende Lebhaftigkeit der Hal-
luzination im Rausch entkräftet diesen ursprünglichen Unterschied
durchaus nicht. Jene hat im umgebenden Milieu und in der gegen-
wärtigen Zeit ihre Wurzeln. Diese ist nirgends verwurzelt.
(■•■)
Ihr glaubt, eine wundervolle Leichtigkeit des Geistes zu verspüren.
Kaum aber seid ihr aufgestanden, verfolgt euch ein Überrest des
Rausches und hält euch fest wie eine Schleifkugel eurer früheren
Sklaverei. Eure schwachen Beine tragen euch nur mühsam. Jeden Au-
genblick glaubt ihr, ihr müßt wie ein zerbrechlicher Gegenstand zer-
splittern. Eine große Mattigkeit (gewisse Leute sagen, sie sei nicht
ohne Reiz) bemächtigt sich eures Geistes und breitet sich über eure
Fähigkeiten aus wie Nebel über eine Landschaft. Noch einige Stun-
den lang seid ihr zu jeder Arbeit, jeder Tat und Anstrengung unfähig.
91
Kommentar
Das ist die Strafe für die ruchlose Art, mit der ihr Nervenkräfte ver-
geudet habt. Ihr habt eure Persönlichkeit in alle vier Winde verstreut,
und jetzt - wieviel Mühe kostet es euch jetzt, sie wieder zu sammeln
und zu konzentrieren!
Kommentar
Die Erzählung von Charles Beaudelaire »Die künstlichen Paradie-
se« gibt eine sehr subtile Beschreibung aller Aspekte des Haschisch-
rausches. Dabei werden drei Phasen des Haschischrauchens be-
schrieben. Als Konsequenz des Haschischrausches werden insbeson-
dere die kognitiven Veränderungen herausgearbätet. Geschildert werden u.a. das
synästhetische Erleben, die erhöhte Kreativität, das veränderte .^eiterleben und das
Geßhl der Transzendenz. Insgesamt eine sprachlich sehr subtile Darstellung aller
Aspekte des Haschischrausches, wie sie sicherlich in dieser Differenziertheit und der
poetischen Ausmalung in keinem psychiatrischen Lehrbuch zu finden ist.
In Lehrbuchtexten wird als Hauptwirkung der Cannabis-Intoxikation Euphorie,
Entspannung, psychomotorische Verlangsamung, Ideenfiucht, Dehnung des Zdter-
lebens und Konzentrationsstörung dargestellt.
92
Thomas de Quincey
Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
aus: Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers.
Übertragen von Walter Schmiele.
© 1982 by Medusa, Wien, Berlin
Einführung
Der englische Essayist Thomas de Quincey (1785-1859) bril-
lierte in seiner Jugend in Latein und in Griechisch, wurde aber der
Schule verwiesen und führte zeitweise ein unstetes, von Armut ge-
zeichnetes Leben in Wales und London, bis er 1803 wieder das
Worcester College in Oxford besuchte. Er zog stets die Gesellschcift von Büchern
jener von Menschen vor, war .sehr schüchtern und litt unter .starker Neuralgie, was
ihn seit 1804 zum Konsum von Opium brachte. Obgleich er die englischen Roman-
tiker William Wordsworth (1770-1850) und Samuel Taylor Coleridge (1772
bis 1834) tief verehrte, verhinderte seine Schüchternheit zunächst eine persönliche
Begegnung. Kurz vor dem Examen brach er scheinbar grundlos sein Studium ab,
zog in die .Nähe von Wordsworth nach Grasmere, erkrankte erneut und steigerte
seinen Opiumkonsum. Nach seiner von seinen Freunden missbilligten Heirat mit
der Bauerntochter Margaret Simpson, mit der er acht Kinder zeugte, entfremdete er
.nch dem Kreis der Romantiker und .'steigerte seinen Opiumkonsum weiter. Geldnot
zwang ihn zu journalistischer Arbeit ßr das London Magazine, in dem er Essays
über Goethe, Jean Paul und Kant veröffentlichte.
Sein erfolgreichstes Werk wurden die »Bekenntnisse eines englischen Opiumessers«
(1821), das ihn zwar berühmt, aber nicht reich machte. Trotz enormen Fleißes
musste er zeitweise ins Schuldgfdngnis und lebte mit seiner Familie in bitterer
Armut. Nach seiner Übersiedlung nach Edinburgh und dem Tod seiner Frau
(1837) erhöhte .sich sein Opiumkonsum noch einmal ins Bedrohliche. Dennoch
begann er ab 1853 mit der Edition seiner gesammelten Werke, ehe er verarmt und
fast vergessen in geistiger Umnachtung 1859 in Edinburgh starb.
Weiterjührende Literatur:
Matthias Sefelder: Opium. Eine Kulturgeschichte. DTV 1990
93
Thomas de Qmncey
Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
Ich bin oft gefragt worden, wie und durch welche
Folge von Schritten ich zum Opiumesser gewor-
• 1 den bin. Geschah es langsam, zunächst nur ver-
suchsweise und mißtrauisch, wie man einen ab-
^ A schlissigen Strand in eine immer tiefer werdende
See hineingeht, und von Anfang an in Kenntnis
der Gefahren, die auf diesem Wege liegen, eigent-
^ lieh ein bißchen mit ihnen kokettierend, während
man ihnen scheinbar die Stirn bietet? Oder ge-
schah es vielmehr in völliger Unkenntnis dieser Gefahren, von ge-
winnsüchtiger List verleitet? Denn oft ist es so, daß sich die Wirkung
von Pastillen gegen Atembeschwerden einzig und allein auf ihren
Opiumgehalt gründet, obwohl sie solch verdächtige Verbindung laut-
hals abstreiten, und diese hinterhältige Tarnung hat schon viele zur
Abhängigkeit von einer ihnen bis dahin nicht bekannten Droge ge-
führt, die sie nicht vorhersehen konnten - zur Abhängigkeit von einer
Droge, die sie vorher weder dem Namen nach noch vom Sehen kann-
ten. Oft geschieht es daher, daß sie die Kette tiefster Sklaverei über-
haupt erst wahrnehmen, wenn sie sich bereits unlösbar um die ge-
samte körperliche Verfassung geschlungen hat. Oder geschah es
schließlich auf dem dritten möglichen Weg (in leidenschaftlicher Vor-
wegnahme antworte ich schon >Ja!«, bevor die Frage beendet ist), war
es ein plötzlicher, übermächtiger Impuls, der körperlicher Qual ent-
sprang? Laut wiederhole ich »Ja!«, laut und unwillig - wie als Antwort
auf eine vorsätzliche Verleumdung. Opium war einfach als schmerz-
stillendes Mittel meine einzige Zuflucht, als mich der größte Schmerz
bezwang; und genau dieselbe Qual oder eine ihrer Varianten ist es
auch, wodurch die meisten Leute dazu getrieben werden, mit diesem
heimtückischen Mittel Bekanntschaft zu schließen. So geschah es
also, durch diesen unglücklichen Zufall. Indessen hätte es auch anders
gewesen sein können, ohne daß ich mich dessen hätte schämen müs-
sen. Hätte ich schon früher die dieser starken Droge eigenen raffinier-
ten Kräfte erkannt, die (wenn besonnen angewendet) erstens die
Kraft haben, alle Erregungen des Nervensystems zu beruhigen, zwei-
tens die Kraft, alle Lustempfindungen zu steigern, drittens die Kraft,
bei außergewöhnlichen Anforderungen (vor die alle Menschen zuzei-
ten gestellt sind) vierundzwanzig Stunden hintereinander die sonst
94
Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
schwindende physische Energie aufrechtzuerhalten - hätte ich all das
gewußt oder vermutet, hätte ich unfehlbar mit Opiumessen auf der
Suche nach besonderer Kraft und besondererljasX, nicht jedoch nach Be-
freiung von besonderer Qual begonnen. Und warum auch nicht? Wenn
das ein Fehler wäre, wäre es dann nicht derselbe Fehler, den die mei-
sten von uns jeden Tag in bezug auf Alkohol begehen? Dürfen wir
denn auch ihn nur als Medizin benutzen? Ist Wein unzulässig, wenn er
nicht als schmerzstillendes Mittel benutzt wird? Ich hoffe nicht, denn
sonst müßte ich heucheln und ein unnormales Zucken in meinem
kleinen Finger vorschützen, und damit würde ich, der ich gegenwär-
tig ein wahrheitsliebender Mensch bin, wie in einer Ovidschen Meta-
morphose allmählich Zoll um Zoll zum Simulanten. Nein, die gesam-
te Menschheit betrachtet es als zulässig, Wein zu trinken, ohne die
Berechtigung dafür durch ein ärzdiches Attest nachweisen zu müssen.
Dieselbe Freiheit erstreckt sich aber auch auf den Gebrauch von Opi-
um. Was ein Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er
gerechterweise ohne Zweifel auch im Opium finden. Das trifft auf die
vielen Fälle (zu denen auch der meinige gehört) besonders zu, in de-
nen Opium die physische Verfassung weit weniger beeinträchtigt als
die entsprechende Menge Alkohol. Coleridge war daher doppelt im
Irrtum, als er sich gestattete, meine angebliche Wollust beim Ge-
brauch von Opium mit höchst unfreundlichen Hieben zu bedenken:
im Irrtum hinsichtlich des Prinzips, und im Irrtum hinsichtlich der
Tatsache. Einer seiner Briefe, von dem ich annehmen will, daß er ihn
nicht für die Veröffentlichung geschrieben hat, obwohl er veröffent-
licht worden ist, lenkt die Aufmerksamkeit des Empfängers auf einen
deutlichen Unterschied, der meinen Fall als Opiumesser von seinem
eigenen Fall abgrenzen soll. Während er entschuldbar (weil unver-
meidlich) der Gewohnheit des Opiumessens - als des einzigen verfüg-
baren therapeutischen Mittels gegen seine spezielle Krankheit - ver-
fallen sei, müsse ich Elender, der von guten Feen offensichtlich vor
allen Schmerzen geschützt wird, in der widerwärtigen Art eines aben-
teuersüchtigen Wollüstlings, der in allen Ecken nach neuen Vergnü-
gungen sucht, zum Opium gegriffen haben. Goleridge hat in jeder
nur möglichen Weise unrecht - in seiner Tatsache und in seiner
Theorie, in der kleinen Tatsache und in der großen Theorie. Ich tat
nicht, was er mir vorwirft, und wenn ich es getan hätte, würde es mich
nicht wie einen Bewohner von Sybaris oder Daphne verdammen.
Keine Unterscheidung war je so grundlos und eingebildet wie jene.
95
Thomas de Quirw^
die er zwischen meinen und seinen Motiven zu machen beliebte.
Coleridge kann auch nicht durch irgendwelche falschen Informatio-
nen zu diesen Behauptungen gelangt sein; denn was meine per-
sönliche Erfahrung angeht, so kann niemand behaupten, besser in-
formiert zu sein als ich selbst. Oder wenn es doch jemanden geben
sollte, dann wird er es nicht für zu beschwerlich halten, diese Be-
kenntnisse von Anfang bis Ende neu zu schreiben und ihre unzähli-
gen Fehler zu korrigieren. Und da gegenwärtig gerade einige Teile
der noch unveröffentlichten Abschnitte fehlen, könnte er sie dann
freundlicherweise ersetzen - die vielleicht verblaßten Farben auffri-
schen, die vielleicht ermattete Inspiration wieder entfachen, alle jene
Lücken füllen, die sonst wahrscheinlich mein kleines Werk auf die
Dauer verunstalten würden? Der Leser, den solche Frage interessiert,
wird allerdings feststellen, daß ich (der ich in diesen Dingen nicht nur
die beste, sondern die einzige Autorität bin) ohne auch nur den Schat-
ten einer Abweichung immer anders von dieser Angelegenheit be-
richtet habe. Völlig der Wahrheit entsprechend habe ich dem Leser
erzählt, daß es nicht die Suche nach einem Vergnügen, sondern ein-
fach die ungeheure Qual rheumatischer Zahnschmerzen und nichts
anderes war, was mich zuerst zum Gebrauch von Opium trieb. Cole-
ridges körperliches Leiden war lediglich Rheumatismus. Was in mir
zehn Jahre lang in Abständen tobte, war dagegen Gesichtsrheuma in
Verbindung mit Zahnschmerzen. Diese Schmerzen hatte ich von
meinem Vater geerbt - oder, besser gesagt, von meiner eigenen hoff-
nungslosen Unwissenheit, denn eine winzige Dosis von Koloquinthe
oder einem ähnlichen Medikament, dreimal wöchentlich eingenom-
men, hätte mich sicherer als Opium von jenem furchtbaren Fluch
befreit. In dieser Unwissenheit, die mich dazu verleitete, die Zahn-
schmerzen erst zu bekämpfen, nachdem sie herangereift und manifest
geworden waren, anstatt bereits gegen ihre Keime und verschiedenen
Ursachen anzugehen, folgte ich allerdings der übrigen Welt. Dem
Übel schon in den frühen Stadien seiner Herausbildung den Weg zu
verlegen wäre die richtige Methode gewesen, wogegen ich in meiner
Blindheit das bereits herausgebildete Übel ein wenig zu lindern such-
te, als es nicht mehr aufzuhalten war. In diesem Stadium des vollstän-
dig herausgebildeten Leidens war ich zufälligem Rat ausgeliefert, und
als natürliche Folge geriet ich an Opium - ist es doch das einzige
schmerzstillende Mittel, das als solches überall bekannt ist und in die-
ser wichtigen Funktion allgemein geschätzt wird.
96
Bekejintnisse eines englischen Opitimessers
In bezug auf unsere Einführung in den Gebrauch dieser mächtigen
Droge befinden sich also Goleridge und ich in genau derselben Lage.
Wir sitzen im selben Boot, und selbst engelsgleiche Haarspalterei
kann nicht nachweisen, daß der dunkle Schatten, den unsere ver-
schiedenen Sünden auf seinen und meinen Weg geworfen haben sol-
len, sich auch nur um die Breite einer Stecknadelspitze unterscheidet.
Sünde gegen Sünde (wenn es überhaupt Sünde war), Schatten gegen
Schatten (wenn diese Sünde wirklich einen Schatten auf das schnee-
weiße Rund reiner strenger Moral wirft) - auf jeden Fall hätte die Tat
bei jedem von uns dieselbe Bedeutung, zählte sie in gleichem Maße
als Schuld, würde sie als Vergehen zu derselben Last an Verantwor-
tung führen. Wirklich vergeblich versucht Goleridge, zwischen zwei
absolut identischen Fällen zu differenzieren, die sich nur insoweit
unterscheiden, als Rheumatismus etwas anderes ist als Zahn-
schmerzen. Unter Coleridges Bewunderern stand ich immer in der
ersten Reihe; um so erstaunter war ich, so oft als Zeuge für seine Sorg-
losigkeit bei der Behandlung strittiger Fragen und für seine teuflische
Ungenauigkeit bei der Wiedergabe von Tatsachen aufgerufen zu wer-
den. Um so stärker fühlte ich auch Coleridges grobe Ungerechtigkeit
in bezug auf mich selbst. Coleridges höchst falsche Darstellung von
Tatsachen in Hinsicht auf unsere verschiedenen Erfahrungen mit
Opium hatten ihren Ursprung manchmal im flüchtigen Lesen,
manchmal im zusammenhanglosen Lesen von Ausschnitten, manch-
mal in anschließender Vergeßlichkeit, und jede dieser laxen Ange-
wohnheiten (so wird es dem Leser Vorkommen) ist eine läßliche
Schwäche. Sicherlich ist es eine - jedoch dann nicht mehr läßlich,
wenn sie sich nachteilig auf die Selbstbeherrschung auswirken darf,
wo es um einen Mitmenschen geht, der von ihm nie anders als im
Geist enthusiastischer Bewunderung gesprochen hat, jener Bewunde-
rung, die seine ausgezeichneten Werke so umfassend hervorrufen.
Wenn man sich vorstellt, ich hätte wirklich irgend etwas Unrechtes
getan, so wäre es dennoch wenig edelmütig gewesen - mich hätte es,
wie ich offen zugebe, sehr betrübt, wenn Goleridge meinen Fehler
öffentlich so ausgebreitet hätte: >Möge jedermann daraus ersehen,
daß ich, S. T. C., ein bedeutender Mann mit großen grauen Augen, ein autori-
sierter Opiumesser bin, während jener andere Mann ein Freibeuter,
ein Pirat, ein Flibustier ist, der nichts als eine gefälschte Autorisation
in seiner unwürdigen Tasche haben kann. Im Namen der Tugend
nehmt ihn fest!< Aber die Wahrheit ist, daß Ungenauigkeit in bezug
97
Thomas de Qyinc^
auf Tatsachen und Zitate aus Büchern bei Coleridge geradezu ein
Wesensmerkmal war. Gerade vor drei Tagen las ich einen kurzen
Kommentar des früheren Archidiakons Hare (>Mutmaßungen über
das Wahre<) zu einer kühnen (völlig grundlosen) Spekulation, die
Coleridge über das dramatische Kunstmittel der lateinischen Verse
von Eton angestellt hatte. Dabei fand ich meine alten Gefühle für sein
Vorgehen durch ein Detail wiederaufgefrischt, das unsagbar komisch
ist, denn alles, was Coleridge als ein Zitat aus einem Buch anführt, um
seine Hypothese zu stützen, ist nichts als ein Produkt seiner Träume;
allerdings unterliegt es keinem Zweifel (und gerade das macht den
Fall besonders interessant), daß dies geschieht, ohne daß er selbst ge-
gen seine Fabulierkunst Mißtrauen empfindet. Das gutmütige Lä-
cheln des Archidiakons über jene Eton-Geschichte erinnerte mich na-
türlich an unser jetziges Thema, was unsere angeblich unterschied-
liche Entwicklung zum Opiumesser angeht. Über dieses Thema
brauche ich nichts mehr zu sagen, denn inzwischen ist dem Leser klar,
daß alles, was Coleridge dazu sagt, nichts als Unsinn ist - wie die
Bilder auf der Hängelampe in Coleridges >Christabel<:
>geschnitzt nach des Schnitzers Phantasie<.
Diese Angelegenheit kann also als erledigt betrachtet werden; und das
Vergnügen, das sie vielleicht bereiten konnte, ist erschöpft. Inzwi-
schen wird bei weiterer Überlegung ein anderes und viel größeres
Versehen von Coleridge deutlich; und da dies einen Aspekt berührt,
der die Grundlage für die nachfolgenden Bekenntnisse liefert, kann es
nicht gänzlich vernachlässigt werden. Nach kurzer Überlegung wird
es jeder aufmerksame Leser erkennen: Was auch immer der zufällige
Anlaß für Coleridges oder meine Hinwendung zum Opiumessen ge-
wesen ist, es kann nicht auch der ständige Grund dafür gewesen sein,
daß das Opiumessen für uns zur Gewohnheit wurde. Weder Rheu-
matismus noch Zahnschmerzen sind eine chronische Erkrankung des
menschlichen Körpers. Beides sind von Zeit zu Zeit auftretende
Krankheiten, die keine ständige Gewöhnung an das Opiumessen be-
wirken können, denn dazu braucht es einige Monate. Unter Berück-
sichtigung der Unterschiede in der körperlichen Konstitution möchte
ich sagen, daß in weniger als hundertzwanzig Tagen sich keine Gewohnheit
des Opiumessens herausbilden kann, deren Aufgabe, ja, selbst deren
plötzliche Aufgabe, eine außergewöhnliche Selbstüberwindung erfor-
dern würde. Am Sonnabend ist man noch Opiumesser, am Sonntag
schon nicht mehr. Was war es dann, was Coleridge schließlich zum
98
Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
r
Sklaven des Opiums machte, zu einem Sklaven, der seine Kette nicht
zerbrechen konnte? Er glaubt in seiner unbesonnenen Sorglosigkeit,
daß er diese Gewohnheit und diese Sklaverei ausreichend begründet
hätte; dabei hat er in der Zwischenzeit überhaupt nichts begründet,
wonach gefragt worden war. Er sagt, der Rheumatismus habe ihn
dem Opium in die Arme getrieben. Nun gut - aber bei entsprechen-
der medizinischer Behandlung hätte der Rheumatismus bald nachge-
lassen, und selbst ohne jede medizinische Behandlung unter den ge-
wöhnlichen Veränderungen der Natur. Und wenn der Schmerz auf-
hört, hätte auch das Opium abgesetzt werden .sollen. Warum geschah
das nicht? Weil Coleridge das anregende Vergnügen des Opiums zu
schmecken begonnen hatte; und so fällt gerade die Anklage, der er
auf mysteriöse Weise entflohen zu sein glaubte, mit unverminderter
Kraft auf ihn zurück. Der rheumatische Anfall wäre vorbei gewesen,
bevor der Gewohnheit die Zeit geblieben wäre, sich auszubilden. An-
genommen nun, ich unterschätze die Macht der möglichen Gewöh-
nung - so spricht das ebenfalls zu meinen Gunsten, und Coleridge ist
nicht berechtigt gewesen, in meinem Fall ein Argument zu vergessen,
an das er sich in seinem eigenen Fall erinnerte. In der Geschichte der
menschlichen Selbsttäuschung ist es wirklich bemerkenswert, daß
Coleridge angesichts solcher Tatsachen solche Sprache führen konn-
te. Ich, der ich keineswegs mit meinem Sieg über mich selbst prahle
und keinerlei moralisches Argument gegen den freien Gebrauch von
Opium besitze, durchbrach dennoch aus reinen Klugheitsgründen
mehr als einmal die Knechtschaft, und zwar mit Anstrengungen, die
ich als Formen übernatürlicher Leiden geschildert habe. Coleridge
gibt vor zu glauben, daß Opiumessen verbrecherisch sei (wofür er kei-
ne Gründe nennt), und zwar in einem geheimnisvollen Sinne verbre-
cherischer, als Wein oder Porter zu trinken, und hätte also die stärk-
sten moralischen Motive dafür, sich dessen zu enthalten - doch läßt er
sich in die Knechtschaft ebendieses verruchten Opiums fallen, das
tödlicher als alles ist, wovon man je gehört hat, ohne daß er uns den
Zwang irgendwie erklärt, der ihn dazu gebracht hat. Er war ein Skla-
ve dieser mächtigen Droge, nicht weniger abhängig als Caliban von
Prospero, seinem verabscheuten und doch despotischen Herrn. Wie
Caliban zerreibt er die Fasern seines Herzens an seinen Kettenglie-
dern. Zwischen den düsteren Nachtwachen seines Gefängnisses hört
man von Zeit zu Zeit das murmelnde Grollen einer ohnmächtigen
Meuterei, die sich über den Wind erhebt:
99
Thomas de Quincey
>Irasque leonum
Vincla recusantum< -
recusantum - das trifft zu: noch immer widerstrebend und dennoch
hinnehmend, ständig gegen die grimmige, übermächtige Zaumkette
protestierend und dennoch ständig bereit, sie im Munde zu dulden.
Es ist allgemein bekannt, daß er in Bristol (von dort weiß ich es genau,
vermutlich aber auch an anderen Orten) so weit ging, sich Männer -
Träger, Droschkenkutscher und andere - zu mieten, die ihn mit Ge-
walt daran hindern sollten, den Laden eines Drogisten zu betreten.
Doch da die Autorität, ihm das Betreten zu verwehren, allein von ihm
selbst stammte, gerieten diese armen Männer in eine metaphysische
Klemme, für die nicht einmal Thomas von Aquino oder der Fürst der
jesuitischen Kasuisten eine Lösung parat haben. Und in diesem
schauderhaften Dilemma konnten sich Szenen wie die folgende ab-
spielen:
»Ach, mein Herr«, würde der demütige Träger bitten — demütig und
zugleich halb befehlend (denn ob der arme Mann energisch wurde
oder nicht, auf jeden Fall schien sein Tageslohn von fünf Shilling in
Gefahr) -, »Sie dürfen wirklich nicht; bedenken Sie, mein Herr, Ihre
Frau und ...»
Erhabener Philosoph: »Meine Frau!! Was für eine Frau? Ich habe kei-
ne Frau!«
Träger: »Aber wirklich, mein Herr, Sie dürfen nicht. Sagten Sie nicht
erst gestern ...«
Erhabener Philosoph: »Pah! Gestern ist lange her. Ist dir klar, Mann,
daß es schon Leute gab, die tot umgefallen sind, weil ihnen eine Zeit-
lang das Opium fehlte?«
Träger: »Aber Sie haben mir doch gesagt, ich sollte nicht darauf hö-
ren ...«
Erhabener Philosoph: »Ach, Unsinn. Ein Notfall, ein entsetzlicher
Notfall ist aufgetreten - völlig unerwartet. Egal, was ich dir irgend-
wann in der Vergangenheit einmal gesagt habe. Aber jetzt sage ich dir
folgendes: Wenn du deinen Arm nicht vom Eingang dieses höchst eh-
renwerten Drogisten wegnimmst, werde ich dich mit gutem Grund
wegen Gewalttätigkeit und Körperverletzung belangen.«
Bin ich der Mann, Coleridge seine Abhängigkeit vom Opium vorzu-
werfen? Bewahre! Als einer, der unter demselben Joch gestöhnt hat,
bemiüeide ich ihn und beschimpfe ihn nicht. Aber ohne Zweifel muß
eine solche Abhängigkeit freiwillig und bewußt durch die eigene Be-
100
Bekenntnisse eines englischm Opiumessers
gierde entwickelt worden sein, nachdem man die belebende Stimulie-
rung erfahren hat. Ich werfe dies niemandem vor, doch Coleridge tat
es. Was mich betrifft, so habe ich das Opium zu dem Zeitpunkt aufge-
geben, als die Qual nachließ, gegen die ich zum Opium gegriffen hat-
te; es war nicht das Ergebnis rühmenswerter Anstrengungen zur
Selbstüberwindung - dergleichen will ich keineswegs behaupten
mich warnte einfach ein vernünftiger Instinkt davor, mit einem Mittel
zu spielen, das eine so ungeheure Tröstung und Hilfe sein kann, und
für ein momentanes Unwohlsein zu verschwenden, was sich einmal in
Zeiten alles vernichtender Stürme als mächtiges Elixier der Rettung
erweisen konnte. Was war es dann eigentlich, was mich zum Opium-
esser machte? Was für ein Einfluß trieb mich schließlich zum geivohn-
heitmäßigen Opiumgenuß? War es Schmerz? Nein, sondern Elend.
War es die gelegentliche Bewölkung des Himmels? Nein, sondern völ-
lige Verlassenheit. War es eine Düsternis, die wieder gewichen wäre?
Nein, sondern eine bleibende, beständige Dunkelheit.
>Tiefe Finsternis der Nacht,
ohne Hoffnung auf den Morgen.<
Doch woher? Was war die Ursache? Wie ich offen sagen wül, verur-
sacht durch jugendliche Leiden in London. Doch zu diesen Leiden
kam es durch meine eigene, unverzeihliche Torheit, und auf solche
Torheit ist manches Verderben zurückzuführen. Oh, Geist der barm-
herzigen Auslegung, Engel der Vergebung jugendlicher Irrtümer, der
du stets wie einem süßen Chor ferner Fürsprecherinnen lauschest:
Mögest du, Chor der Fürsprecherinnen, dich mit dem Engel der Ver-
gebung vereinen, möget ihr jenes mächtige Phantom wegzaubern,
das - geboren in den aufziehenden Nebeln der Reue - mich als Erbe
vergangener Tage \'erfolgt, sich zu immer gewaltigerer Größe auf-
türmt und meinen Kopf überragt und überschattet, als stünde es di-
rekt hinter mir, obwohl es seinen Ursprung Stunden verdankt, die
mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen sind. O Himmel! Daß ein
Kind von noch nicht siebzehn Jahren aus momentaner Blindheit, ei-
ner ganz falschen Einflüsterung seines eigenen verwirrten Herzens
folgend, durch einen einzigen falschen Schritt, eine Wendung hier-
oder dorthin den Lauf seines Schicksals ändern, die Quellen seines
Friedens vergiften und im Handumdrehen das Fundament einer le-
benslangen Knechtschaft legen kann! Doch ach, ich muß bei der
Wahrheit der Umstände bleiben. Denn eines ist klar: solch bittere
Selbstvorwürfe, wie sic mir jetzt die Qual meiner Erinnerungen ab-
101
Thomas de Quincey
ringt, können nicht dazu dienen, einleuchtende Entschuldigungen zu
ersinnen oder der Schande zu entfliehen, indem ich den Anfang mei-
nes unbestrittenen Opiumessens auf eine Notwendigkeit zurückfüh-
re, die meinen frühen Leiden in den Straßen Londons entsprang. Es
trifft zwar zu, daß in späteren Jahren die Nachwirkung jener Londo-
ner Leiden meinen Opiumverbrauch vermehrte, doch genauso trifft es
zu, daß jene Leiden selbst meiner eigenen Torheit entsprangen. Was
wirklich Entschuldigung verdient, ist nicht die Zuflucht zum Opium,
als es das einzige verfügbare Mittel gegen die Krankheit war, sondern
jene Torheiten, die Ursache dieser Krankheit waren.
Ich für mein Teü, nachdem ich regelmäßiger Opiumesser geworden
und durch Mißbrauch in elende Ausschweifungen beim Genuß von
Opium verfallen war, kämpfte dennoch viermal erfolgreich gegen die
Herrschaft dieser Droge an; viermal sagte ich mich davon los, und
zwar jedes Mal für längere Zeit. Wenn ich das Opiumessen schließ-
lich wiederaufnahm, dann geschah es, weil meine bewußte wohler-
wogene Entscheidung dafür bürgte, daß es von zwei Übeln das bei
weitem geringere sei. Insofern kann ich nichts anerkennen, was Ent-
schuldigung fordert. Ich wiederhole immer wieder, daß nicht die
Anwendung von Opium mit seiner tief beruhigenden Kraft zur Lin-
derung des Unglücks, das von meinen Londoner Nöten herrührte,
berechtigte Sorge weckt, sondern das Übermaß kindischer Torheit,
das mich in Situationen stürzte, die natürlicherweise solche Nöte be-
wirkten.
Ich bin jetzt aufgerufen, die Erinnerung an diese Situationen wieder-
zufinden. Vielleicht sind sie auch um ihrer selbst willen interessant
genug, um eine kurze Erwähnung zu rechtfertigen; im Augenblick
und an dieser Stelle sind sie jedoch als Schlüssel zum richtigen Ver-
ständnis alles Folgenden unentbehrlich. Denn in diesen Ereignissen
meiner Jugend findet sich das ganze Substrat und das geheime, unter-
schwellige Motiv jener prunkvollen Träume und Traumszenen, die
in Wirklichkeit das wahre - erste und letzte - Anliegen sind, mit dem
sich diese Bekenntnisse beschäftigen.
102
Kommentar
Kommentar
In den »Bekenntnissen eines englischen Opiumessers« erörtert Thomas
de Quing verschiedene Gründe fiir den Opiatkonsum und die Opiat-
sucht, u.a. auch die iatrogenen Aspekte, dass Opium als Schmerzmittel
verschrieben wird und der Patient dann von dem Suchtstoff nicht mehr
wegkommt. In eindringlichen Worten wird die außerordentliche Macht des Opiums
über den Menschen dargestellt, u.a. das schnelle Entstehen der Abhängigkeit und
die vergeblichen Versuche, Abstinenz Zu erreichen. Auch die starke psychische Ab-
hängigkeit wird betont. In großer Offenheit wird zugegeben, dass Opium ein faszi-
nierendes Suchtmittel ist und dass der Einstieg keinesfalls immer nur über die me-
dizinische Anwendung als Schmerzmittel geschieht. In gesellschaftskritischer Weise
wird Opium dem Alkohol als Suchtmittel gleichgesetzt und für das Opium die
gleiche Berechtigung gefordert wiefir den Alkohol. Es wird sogar betont, dass Opi-
um die physische Verfassung weit weniger beeinträchtige als die entsprechende Men-
ge Alkohol. Andererseits wird an drastischen Beispielen verdeutlicht, dass das süch-
tige Verlangen nach Opium offensichtlich besonders übermächtig sein kann.
Opiate besitzen unter den Drogen das höchste Abhängigkeitspotenzial und sind
gekennzeichnet durch eine ausgeprägte psychische und physische Abhängigkat mit
rascher Toleranzentwicklung. Die Opiatsucht ist aus psychiatrischer Sicht die
meistgefürchtete Sucht, da es meist außerordentlich schwer fällt, den Patienten von
seiner Opiatsucht zu befräen. Auch sind die sozialen und die gesundheitlichen Fol-
gen extrem gravierend, und Tod durch akzidenzielle oder suizidale Überdosis ist
häufig. Deswegen ist auch die gesellschaftliche und gesundheitspolitische Besorgt-
heit über die Opiatsucht und die Drogensucht generell verständlicherweise sehr groß.
Andererseits ist zu betonen, dass die gesellschaftlich viel besser akzeptierte Alkohol-
sucht durch wesentlich höhere Prävalenzzahlen eigentlich von größerer gesundheits-
politischer Relevanz ist.
103
Italo Svevo
Über das Rauchen
aus: Italo Svevo. Die Kunst, sich das Rauchen nicht abzugewöhnen.
Von Greisen, Dichtern und letzten Zigaretten.
Copyright ßir die deutsche Übersetzung von Ragni Maria Seidl-Gschwend.
© 1995 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Einführung
Der Triestiner Schrißsteller Italo Svevo (1861-1928), der ei-
gentlich Hecter Aron Schmitz hieß und Ettore gerufen wurde,
wählte seinen Namen („der italienische Schwabe“), um auf sein
eigenes Grenzgängertum sowie auf die deutsch-italienische Her-
kunfl seiner Eltern hinzuweisen. Seinen literarischen Weltruhm verdankte der bis
dahin vollkommen erfolglose und ignorierte Autor nicht zuletzt seinem Englischleh-
rer, den sein Schwiegervater ßir ihn organisiert hatte, um die englischsprachige Ge-
schäftskorrespondenz in dessen Laclrfabrik für Unterwasserfarben zu führen. Der
Hauslehrer der Berlitz School hieß James Joyce. Svevo gilt seit seinem Werk »La
coscienza di Zeno« (1923; dt. »Zeno Cosini«, 1928) als erster Repräsentant des
von der Forschung so genannten psychoanalytischen Romans, dessen Nachwort mit
dem Titel Psychoanalyse eine brillante Polemik gegen den Psychiater und gegen die
Psychoanalyse nach Freud darstellt. Der Roman wird eingeleitet von einem Psych-
iater, der als Motiv für die Aufzeichnungen Zeno Cosinis nichts anderes als Rache
für die abgebrochene Therapie angibt. Dabei wollte sich Zeno eigentlich nur das
Rauchen abgewöhnen.
Auch die Protagonisten von Svevos anderen Romanen (»Ein Leben«, 1892 und
»Ein Mann wird älter«, 1898) sind liebenswürdige, introvertierte,Jur eine bürger-
liche Erfolgskarriere gänzlich untaugliche Antihelden. Ein novellistisches Meister-
werk ist die Erzählung »Die Geschichte vom guten alten Herrn und vom schönen
Mädchen«.
Der literarische Erfolg nahm bei Svevo den Umweg über Frankreich, doch bald
wurde er in Europa in einem Atemzug mit Kafka und Joyce genannt und als Weg-
bereiter der literarischen Moderne gefiiert.
Das Motiv des Nikotinmissbrauchs zieht sich von Anfang an durch sein gesamtes
Werk, durch die Briefe und Aufzeichnungen, denn Svevo war selbst ein exzessiver
104
Uber das Rauchen
Raucher, der sich seine Sucht immer wieder neu abgewöhnen wollte und seiner
liebevoll nachsichtigen Frau Lima Veneziam (literarisch verewigt als Anna Livia
Plurabelle bei James Joyce) stets von neuem schwor, dies sei nun die ultimativa: die
letzte Jigarette.
Svevo starb an den Folgen eines Auiourjalles und verlangte noch auf dem Sterbebett
seine nunmehr wirklich letzte Jigarette.
Weiterfiihrende Literatur:
Francois Bondy/ Ragni Maria Gschwend: Italo Svevo. Rowohlt 1995
Über das Rauchen
Wie ich sehe, hat Jules Clarctie einen Roman ver-
öffentlicht mit dem Titel Die Zigarette. Ich werde
ihn nicht lesen, weil ich vermute, daß es sich, so-
weit ein guter Roman dies liefern kann, um eine
Demonstration der Schäden handelt, die das
Rauchen dem Menschen zufügt. Ich werde ihn
nicht lesen, weil wir, die Raucher, bereits samt
und sonders davon überzeugt sind, daß uns das
Rauchen nicht guttut, und wir es daher nicht nö-
tig haben, uns davon überzeugen zu lassen, aber wir rauchen trotz-
dem weiter, weil - oder auch ohne weil. Wenn man das Laster hat und
weiß, daß es sich in vielen stolzen Schlachten behauptet hat, spricht es
wenig für die Intelligenz eines Menschen, hinzugehen und sich am
Schauspiel der eigenen Schwäche zu betrüben.
Claretie wird mich nicht mehr überzeugen als der Doktor Beard, der
berühmte Analytiker sämtlicher verschiedener Formen von Neur-
asthenie, der in einem seiner Werke völlig kühl und unter Verwerfung
anderer Untersuchungen behauptet, das Nikotin als solches genüge
bereits, eine Art Neurasthenie hervorzurufen. Als ich das las, warf ich
die Zigarette weit von mir, um sie gleich wieder zu holen und eine
weitere anzuzünden. Wäre ich verpflichtet, den Roman von Claretie
zu lesen, würde ich mich ungefähr so fühlen, wie sich Coupeau fühlen
müßte, wenn er sich gezwungen sähe, eine lebendige Schilderung des
Deliriums tremens zu lesen, an dem er eines Tages sterben muß.
Bei dem schönen und sicher guten Vortrag von Doktor Lorenzutti
gegen das Rauchen fühlte ich mich weniger schlecht, aber nur weil
105
Itah Sveso
man bei Vorträgen nie raucht, und während ich zuhörte, konnte ich
mir einbilden, ich hätte von der Lektion profitiert; doch einen Roman
lesen, ohne zu rauchen, das ist nicht möglich, und rauchend einen
gegen das Rauchen zu lesen ist wenig erquicklich.
Es ist nur natürlich, daß man gegen sich selbst wesentiich nachsichti-
ger sein muß als gegen andere, und wenn einem klar wird, daß man
sich andauernd, zu allen Stunden des Tages, gegen die eigene Ge-
sundheit und gegen die eigene Intelligenz versündigt (der oben er-
wähnte Beard droht den Rauchern auch mit einer zerebralen Neu-
rasthenie), so ist es unnötig, sich Vorwürfe zu machen und sich auch
noch die Verdauung (gemächlich und sanft, weil geräuchert) mit
Selbstgesprächen - beziehungsweise Zwiegesprächen zwischen den
beiden Ichs, die die Philosophen dem sittlichen Menschen zuschrei-
ben - zu ruinieren. Wenn man schon raucht, dann ist es besser, fröh-
lich zu rauchen, denn das schadet weniger. Sollten irgendwelche grö-
ßeren Beschwerden auftreten, so werden wir auf die Rezepte des
Doktor Beard zurückgreifen. Doch nachdem man fröhlich geraucht
hat, kann man mit aller Seriosität einen Artikel gegen das Rauchen
schreiben, einen sehr glaubwürdigen, stammt er doch von einer Auto-
rität in Sachen Rauchen.
Vor einiger Zeit kam es einem Schöngeist in den Sinn, nachzufor-
schen, welchen Anteil das Rauchen an der modernen französischen
Literatur habe, und es fiel ihm nichts Besseres ein, als die größten
Schriftsteller zu befragen, welchen Anteil sie dem Rauchen an der
Entwicklung ihres künstlerischen Charakters beimäßen. Die Antwor-
ten, die er bekam, bewiesen ihm lediglich, daß es den französischen
Schriftstellern - gleich, ob Raucher oder Nichtraucher - nicht an Es-
prit fehlt, sonst gar nichts.
Nur einer, Nichtraucher, gab eine Meinung von sich, die es verdient,
zitiert und diskutiert zu werden: Emile Zola. Angenommen, sagte der
berühmte Romancier in etwa, daß das Rauchen Neurosen hervorru-
fe, so habe es einen positiven Einfluß auf die moderne Literatur, und
wir könnten uns dazu nur beglückwünschen; er selbst rauche nur des-
halb nicht, weil es ihm sein Arzt wegen irgendwelcher Anzeichen ei-
ner Herzkrankheit verboten habe.
Es mag Leute geben, die, um eine solche Ansicht zu widerlegen,
schlicht und einfach behaupten werden, daß, wenn das Rauchen
Neurosen hervorrufe, es keinen positiven Einfluß auf die Literatur
haben könne, und sie werden sagen, daß sie es vorzögen, einen kla-
106
über das Rauchen
ren, gesunden Verstand zu besitzen, fällig, die Krankheiten der ande-
ren zu beobachten, als einen getrübten und mit dem eigenen Übel
beschäftigten.
Aber so zu argumentieren wäre zu einfach, und es wäre auch etwas
unlauter, nur um recht zu haben, die ganze Kraft zu vergessen, die
einem Gehirn aus der am eigenen Organismus gemachten Erfahrung
einer Krankheit oder zumindest eines anomalen Zustandes erwach-
sen kann. Außerdem ist es nur allzu bekannt, daß sich die nervöse
Feinheit fast nie bei einem völlig gesunden und robusten Menschen
findet, und der Spruch, der unseren Vätern soviel Vertrauen und Ge-
lassenheit einflößte:
»Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«, wirkt heutzutage
ziemlich antiquiert.
Doch zugegeben, ist es deswegen nötig, daß sich der Mensch selbst
seine Neurosen künstlich schafft? Genügt es denn nicht, daß der harte
Kampf ums Dasein sie ihm produziert und der Mangel an Muskel-
übung, wenn er sich den Studien hingibt, oder die ungesunde Luft
unserer großen Städte?
Und dann kann eine Neurose leicht ein der Wissenschaft oder der
Kunst nützliches I,cben abkürzen. Ich erinnere nur an zwei berühm-
te, vom Rauchen getötete Männer, für die Kunst mag das genügen.
Der geistreiche Autor des Eustache Martin starb vom Rauchen dahin-
gerafft, und Mazzini verstarb, wie erst jetzt einer seiner engen Freunde,
ein englischer Arzt, schrieb, an Dyspepsie, verursacht durch Rauchen.
Es ist sicher irrig zu behaupten, daß das Rauchen die Arbeit erleichte-
re. Es unterbricht sie lediglich. Mag sein, daß es sie einem, der kein
echter Raucher ist, erleichtert, aber der echte Raucher tut, wenn er
raucht, nichts anderes. Ein französischer Journalist behauptete, daß
man einen Raucher durch Blenden von seinem Laster befreien kön-
ne; das ist falsch. Andererseits täuscht sich auch Mantegazza, wenn er
glaubt, er könne dem Raucher mit irgendeiner pharmazeutischen
Rezeptur helfen, sein Laster loszuwerden. Das Laster des Rauchens
ist so komplex, daß die Apotheke dagegen machtlos ist. Beim echten
Raucher rauchen die Augen, der Magen, die Lunge und das Gehirn;
jedes einzelne Organ des vom Laster Befallenen ist lasterhaft.
Es bleibt ihm kein Teil, mit dem er sich einer anderen Sache widmen
könnte, es sei denn, er macht es ohne Energie und in Intervallen. Das
Rauchen unterstützt nur die Arbeit dessen, der raucht, um etwas in
der Hand zu halten oder um mehr mechanische Bewegungen
107
Italo Svevo
vollführen zu können oder schließlich Nebelschwaden in der Luft zu
produzieren und mit Vergnügen zuzusehen, wie sie sanft aufstei-
gen und sich dann ganz langsam verflüchtigen, gleich einem le-
bendigen Wesen, das ohne Hast der Umarmung eines anderen ent-
flieht.
Doch schon dieser Vergleich ist der eines Rauchers, denn wer kein
echter Raucher ist, versteht vom Rauchen gar nichts. Der Amateur-
Raucher blickt nicht hinter dem Rauch her, den er ausatmet. Er be-
freit sich von ihm, vergißt ihn und kehrt zu seiner Arbeit zurück.
Und auch wenn er es uns nicht gesagt hätte, würde man merken, daß
Emde Zola kein Raucher ist: Er arbeitet zuviel, und er ist sich selbst
gegenüber zu konsequent. Der Raucher ist in erster Linie ein Träu-
mer, es ist die unmittelbarste Wirkung seines Lasters, die ihn dazu
macht; ein schrecklicher Träumer, der seinen Verstand in einem Dut-
zend Träumen vergeudet und wenn er wieder zu sich kommt, nur ein
einziges Wort notiert hat.
Die Träume mögen ja kühn und genial sein, aber sie hinterlassen eine
unverhältnismäßig geringe Spur im Vergleich zu ihrem Ausmaß; es
mag eine ganze Welt erträumt worden sein, und zurück bleibt eine
Wolke, eine Tragödie und ein Epos erträumt, und aufgeschrieben ein
Vers. Der Träumer ist sich selbst gegenüber nie konsequent, denn der
Traum trägt ihn weit fort, und zwar nicht in gerader Linie, während
der Mensch, der sich selbst gegenüber konsequent ist, sich in einem
begrenzteren und symmetrischeren Raum bewegt.
Der echte Träumer - auch wenn er nicht so ist wie der von Bulwer
beschriebene, der beim Einschlafen den in der Vornacht unterbro-
chenen Traum weiterträumt - führt immer ein Doppelleben, und bei-
de Leben sind einander an Intensität gleich. So speist sich seine Inspi-
ration aus zwei Quellen: reine Beobachtung und Traum, ausschwei-
fender Traum durch zerrüttete Nerven.
Ich weiß es nicht, aber ich vermute, daß Gustave Flaubert mit Lei-
denschaft geraucht hat, und ich habe eine Anzahl Belege dafür gefun-
den. Die schrecklichen von Maxime du Camp beschriebenen Kämp-
fe am Spieltisch, dieser Widerwille gegen die Feder, für dessen Über-
windung Stunden nötig sind, das spricht ganz für einen Raucher.
Außerdem ist es eines Opiumrauchers würdig, zehn Jahre lang über
Salammbo geträumt zu haben, nachdem man die literarische Welt mit
Madame Bovary erschüttert hatte, eine Erschütterung, deren Auswirkung
wir auch heute noch in unserer Literatur spüren. Schließlich beachte
108
über das Rauchen
man den Unterschied zwischen den beiden Werken, und es wird leicht
sein, die beiden verschiedenen Inspirationsquellen auszumachen.
Ein Biograph Flauberts beklagt sich bitter, daß das gewöhnliche Pub-
likum Madame Bovary mehr schätze als Salammbo! Oh, wie gewöhnlich
fühle ich mich, und mit welcher Wollust!
Ich glaube, die Leser haben aus diesen Prämissen bereits begriffen,
daß ich zu keiner Schlußfolgerung kommen kann.
Den Rat zu geben, nicht zu rauchen, wäre naiv.
Wer einen einzigen Tag eines Rauchers kennt, der sich vorgenommen
hat, nicht zu rauchen, gibt keine solchen Ratschläge mehr. Ein sol-
cher Raucher erhebt sich am Morgen mit dem eisernen Vorsatz,
beißt sich auf die Lippen, und bis zu einer bestimmten Stunde des
Tages sagt er sich immer wieder die große Gesundheitsmaxime des
Carlo Dossi vor: »Überwache dich!«, und er sagt sie auch noch, wenn
er zum erstenmal an diesem Tag ein Streichholz anzündet, übrigens
eine angenehmere Handlung, als man meinen mochte. Ein solcher
Raucher kennt aus Erfahrung die ganze Physiologie des Lasters, diese
eisernen Vorsätze, unterbrochen von verdrossenen Rückfällen oder
auch allmählich zerstört von feigen Transaktionen, schließlich verges-
sen mit einer fröhlichen philanthropischen Argumentation:
»Was ist das Leben wert?« -- »Nichts.« Und sind Gesundheit und In-
telligenz nicht Teil des Lebens? Rauchen wir also in Frieden.
Sicher ist, daß es Wege gäbe, um ein solches Laster zu verringern oder
um seine zu große Verbreitung zu verhindern.
Einstweilen verbieten uns unsere Damen, in ihrer Gegenwart zu rau-
chen. Eine ansonsten wenig zartfühlende Person, Casanova de Sein-
galt, duldete nicht, daß man in seiner Gegenwart rauchte, weil ihn
der Rauch, den er einatmete, allzu deutlich daran erinnerte, daß seine
Lunge die Luft aufnahm, die von anderen Lungen ausgestoßen wurde.
In aller Bescheidenheit erlaube ich mir, den Gesetzgebern vorzu-
schlagen, ein eigenes Gesetz zu verabschieden, mit dem sie den Er-
wachsenen erlauben, alle Minderjährigen, die sie beim Rauchen er-
wischen, gehörig zu verhauen; in dem Gesetz soll aber auch darauf
hingewiesen werden, daß der Erwachsene, der sich zu diesem hu-
manitären Akt hergibt, nicht verpflichtet ist, bei dessen Durchfüh-
rung seine Zigarette fortzuwerfen.
Keine Schlußfolgerung, aber eine Belohnung für die Leser, die die
Geduld hatten, mir bis hierher zu folgen: eine unveröffentlichte Fabel
von Riccardo Pitteri.
100
Kommentar
Kurz vor der VeröfTendichung seiner Fiabe las Pitteri sie mir vor, aber
dann veröfTenÜichte er sie nicht. Ich begehe eine Indiskretion, aber es
ist nur recht, wenn eine gute Sache dem geraubt wird, der sie nicht zu
nutzen versteht.
Ich fürchte, sie wurde aus dem wunderschönen Fabelbuch verbannt,
weil sie - einen anderen Grund kann ich mir nicht denken -, trotz
ihrer anscheinend ruhigen Objektivität, dem Dichter sehr persönlich
erschien und ihm nicht daran lag, sie dem Publikum preiszugeben.
Der Einfall selbst ist so persönlich, daß nicht alle seinen Sinn erfassen
können. Spucke, Viperngift und Wüste, aber Spucke des Propheten!
Die Fabel ist die Erfahrung eines Tages als Raucher. Da ist sie:
Durch Arabiens Wüste wandert Mahomet
eines Tags, gedankenvoll, allein;
da, aus des Sandes heißem Bett
fährt eine Viper hoch nach seinem Bein.
Doch vergeblich ist die Tücke: Voller Haß
spritzt sie die Todestropfen in den Sand,
und auf die Stelle, die vom Gift noch naß,
spuckt der Prophet, von Abscheu übermannt.
Und da, aus dem beschmutzten Staub,
ergebt sich wunderbar des Tabaks Blüte:
Langsames Gift, das uns das Leben raubt,
götdicher Trost dem Herzen und Gemüte.
Kommentar
/Der Beitrag von Italo Soevo »Uber das Rauchen« beschäftigt sich
u.a. mit der Mkotinsucht als schleichende Gefahr Jur die Gesund-
heit. Auch heutige Erfahrungen zeigen, dass es offenbar nicht wirk-
sam ist, durch Androhung körperlicher Folgeschäden im Rahmen
der in Deutschland vorgeschriebenen Aufdrucke auf Zis<^‘^^ttenschachteln, die über
lebensgefährliche Nebenwirkungen des Rauchens irrformieren, den süchtigen Rau-
cher davon abzuhalten, sich seiner Mkotinsucht hinzugeben. Nikotin ist neben Al-
kohol das häufigste Suchtmittel in unserer Gesellschqfl, von dem bekanntermaßen
enorme gesundheitliche Folgeschäden ausgehen. Obwohl seitens der gesundheitspoli-
110
Kommentar
tischen Institutionen immer wieder auf die gesundheitsschädlichen Konsequenzen
des Rauchens ~ und sogar des Passivrauchens - hingewiesen wird, verhält sich der
Staat, wenn es um die Steuereinnahmen aus dem figarettenverkauf geht, fast wie
ein »Dealer«, der sieh nicht um die Gesundheitsrisiken kümmert, sondern mit einsei-
tigen Interessen auf die finanziellen Einkünfte achtet. Es war bemerkenswert, dass
in dem Moment, als in der letzten Regierungsperiode in Deutschland die Einnah-
men aus der Tabaksteuer unter das vorherige Niveau der früheren Steuererträge
sanken (die als Ge.sundheitsmaßnahme gerechtfertigte Erhöhung der Tabaksteuer im
Sinne eines präventiven Effektes), die Regierung die geplante weitere Erhöhung der
Tabaksteuer nicht vollzog, mit der zwar außerordentlich ehrlichen, aber doch unter
den dargestellten Gesichtspunkten höchst problematischen Begründung, der Staat
benötige die Einnahmen aus der Tabaksteuer.
111
t
F2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte
Störungen
Die schizophrenen Psychosen gehören zur Hauptgruppe der nicht
organischen Psychosen. Im Einzelfall nachweisbare körperliche Ursa-
chen, die die Krankheitssymptome erklären könnten, fehlen. Deshalb
ist der Ausschluss solcher nachweisbarer körperlicher Ursachen eine
Vorbedingung für die Diagnose. Die komplexen klinischen Erschei-
nungsbilder dieser Erkrankung sind schon lange bekannt, wurden al-
lerdings früher, jeweils bestimmte Symptome in den Vordergrund
stellend, unter verschiedenen Krankheitsbezeichnungen beschrieben.
Kraepelin fasste 1898 diese Erscheinungsbilder unter dem Krank-
heitsbegriff »Dementia praecox« zusammen und stellte auf diese
Weise den ungünstigen Verlauf der Erkrankung im Sinne eines
schweren Residualsyndroms ins Zentrum des Krankheitskonzepts.
Bleuler, der 1911 die Erkrankung als »Schizophrenie« bezeichnete,
bezog sich mit dieser Bezeichnung mehr auf das psychopathologische
Erscheinungsbild, das u.a. durch eine eigenartige Spaltung des psy-
chischen Erlebens gekennzeichnet ist.
Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Schizophrenie
zu erkranken, beträgt für die Durchschnittsbevölkerung etwa ein Pro-
zent. Heute wird von einer multifaktoriellen Entstehung der Erkran-
kung ausgegangen, wobei eine genetisch bedingte Vulnerabilität auf
der Basis diskreter Hirnveränderungen eine wichtige Rolle spielt. Die
mit der Erkrankung einhergehenden komplexen Transmitterverän-
derungen geben die Möglichkeit, mit fünf Antagonisten, den Neuro-
leptika (u.a. dopamin-antagonistisch), zu therapieren. Neben diesen
und anderen biologischen Faktoren sind auch psychosoziale Faktoren
für die Auslösung der Erkrankung von Bedeutung. Die schizophrenen
Psychosen bieten ein sehr buntes und heterogenes Erscheinungsbild.
Über die pathognomonische Bedeutung der Symptome gibt es unter-
schiedliche Auffassungen. In der deutschsprachigen Psychiatrie sind
die Lehre Bleulers von den Grundsymptomen (Störungen der Affekti-
vität, formale Denkstörung, Ich-Störung) und den akzessorischen
113
F2
Symptomen (Wahn, Halluzinationen, katatone Symptome) sowie die
Lehre Schneiders von den Symptomen ersten Ranges (Wahnwahr-
nehmungen, Gedankenentzug, Gedankenlautwerden, dialogisieren-
de bzw. interpretierende Stimmen, etc.) und zweiten Ranges (andere
Sinnestäuschungen, Wahneinfälle etc.) dominierend. Aufgrund neue-
rer Untersuchungen scheint aber diese Bewertung der Symptome,
insbesondere unter prognostischem Aspekt, fraglich. Das Konzept
der Schizophrenie im ICD-lO-System basiert im Wesentlichen auf
diesen traditionellen Wurzeln. Die ursprünglichen Konzepte wurden
durch internationale Konsensfindung und die Einbeziehung moder-
ner empirischer Untersuchungsergebnisse modifiziert. Es gibt keine
eindeutigen pathognomonischen Symptome der Schizophrenie, man
kann aber mehr oder weniger charakteristische Symptome bzw.
Symptombereiche hervorheben. Dazu gehören u.a. akustische
Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Ich-Störungen, formale Denk-
störungen, katatone Symptome und Negativsymptomatik. Im Ge-
gensatz zu Wahnideen anderer Genese haben schizophrene Wahnge-
danken oft etwas Bizarres oder einen magischen-mystischen Charak-
ter im Gegensatz zum eher bodenständigen Wahn organisch Kranker
und sind oft uneinfühlbar. Im Hinblick auf Halluzinationen sind für
Schizophrenie akustische Halluzinationen in Form des Stimmen-Hö-
rens besonders charakteristisch. Dabei hört der Kranke Stimmen, die
ihn ansprechen oder ihm Befehle erteilen (imperative Stimmen), sein
Verhalten kommentierende Stimmen (kommentierende Stimmen)
oder auch sich untereinander über ihn unterhaltende Stimmen (dia-
logisierende Stimmen). Ich-Störungen spielen in der Symptomatolo-
gie schizophrener Psychosen eine wichtige Rolle. Die Grenzen zwi-
schen Ich und Umwelt werden als durchlässig empfunden, Gedanken
und Gefühle oder Teile des Körpers werden als fremd (Depersonali-
sation) bzw. ihr Umfeld wird als andersartig (Derealisation) erlebt. Die
ich-fremden Gedanken und Handlungen werden als von außen ge-
macht empfunden im Sinne von hypnotischer Beeinflussung, Fremd-
steuerung und Ähnlichem (Fremdbeeinflussung, Gedankeneinge-
bung). Der Patient hat das Gefühl, dass sich die eigenen Gedanken im
Raum ausbreiten, mitgehört oder entzogen werden (Gedankenaus-
breitung, Gedankenentzug). Er fühlt sich verwandelt oder ist zugleich
er selbst und eine andere Person oder lebt zugleich in der wirklichen
und in der wahnhaften Welt: (»doppelte Buchführung«). Zudem ver-
strickt er sich in seine psychotisch veränderte Innenwelt und kapselt
114
sich von der realen Welt ab (Autismus). Das sind nur einige der bei
Schizophrenen zu findenden Symptome, die hier aus Platzgründen
nicht in allen Details dargestellt werden können. Im Verlauf der Er-
krankung kommt es meistens zu mehreren akuten Krankheitsepiso-
den und über kurz oder lang zu einem Residualsyndrom mit deutli-
cher Negativsymptomatik. Ein Großteil der Patienten wird im Ver-
lauf der Erkrankung in so großem Ausmaß in ihren sozialen
Funktionen eingeschränkt, dass sie z.B. nicht mehr arbeitsfähig sind.
Durch psychopharmakologische Behandlungsansätze - im Vorder-
grund steht dabei die Therapie mit Neuroleptika unter gleichzeitiger
Einbeziehung psychosozialer Therapieverfahren - lässt sich die Er-
krankung heute wirksam behandeln, so dass die akuten Episoden
schnell zum Abklingen gebracht werden können und die Wahrschein-
lichkeit von Rezidiven weitgehend reduziert werden kann.
Neben den schizophrenen Psychosen gibt es noch eine Reihe nicht
organischer Störungen, die der Schizophrenie verwandt sind, aber so
viele Besonderheiten aufweisen, dass man sie nicht in die Gruppe der
Schizophrenien einordnet. Zu nennen ist hier u.a. die wahnhafte Stö-
rung. Bei der wahnhaften Störung handelt es sich um eine Wahner-
krankung, bei der der Wahn (meist im Sinne einer Wahnentwicklung)
das wesentliche pathopsychologische Symptom darstellt, während die
sonstigen Symptome einer Schizophrenie fehlen. Vorwiegend han-
delt es sich um Erscheinungsbilder mit einem systematisierten Wahn.
Wahnsyndrome dieser Art sind im Vergleich zu schizophrenen Psy-
chosen relativ selten, die genaue Häufigkeit ist nicht bekannt. Die
Ätiopathogenese ist nicht ausreichend geklärt. Eine Häufung von
schizophrenen und anderen Psychosen gibt Hinweise auf genetische
Faktoren. Mehr Gewicht bei der Entstehung haben offensichtlich
psychosoziale Faktoren: eine auffällige Persönlichkeitsstruktur - mit
vorwiegend schwacher Kontaktfähigkeit -- im Zusammenhang mit
sozialer Isolation, Milieuwechsel und schweren Konflikten im inter-
aktionalen Bereich. Die Wurzel des Wahns ist auf eine überwertige
Idee (z.B. mangelnde Anerkennung), die sich kompensatorisch zum
katathymen (aus affektiven Erlebniskomplexen entspringendem)
Wahn weiterentwickelt. Insbesondere expansive (szenische Kampfna-
turen) und sensitive (besonders kränkbare Persönlichkeiten) neigen
zur Ausbildung einer wahnhaften Störung.
Ein berühmtes Konzept in diesem Kontext ist der von Kretschmer
beschriebene »sensitive Beziehungswahn«, bei der der Ausgangs-
F2
punkt ein demütigendes, kränkendes Erlebnis ist, das überall Anspie-
lungen auf die erlebte Niederlage vermuten lässt (Kretschmer 1918).
116
Italo Calüirw
In einem Netz von Linien, die sich verknoten
aus: Italo Calvino. Wmn ein Reisender in einer Winternacht. Roman.
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber.
© 1983 by Carl Hanser Verlag, München-Wien
Einführung
Der auf Kuba geborene, italienische Agrar- und Literaturwissen-
schaftler, Philosoph, Verlagslektor, Journalist und Schriftsteller
Italo Calvino ( 1 923-1 985) schuf mit dem Roman »Se una not-
te d’inverno un viaggatore« (1979, dt: »Wenn ein Reisender in einer
Winternachta, 1983) eines der faszinierendsten, formal anspruchsvollsten und zu-
gleich unterhaltsamsten Prosaexperimente der literarischen Postmoderne.
Auf der Grundlage eines zunächst scheinbar trocken theoretischen Diskurses über
die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Erzählens angesichts der weltweiten
intellektuellen Debatte über die Po.stmoderne wird bä dem spielerisch unbekümmer-
ten, dabei aber hochrefleklierten Calmno der Leser zum Held jener Geschichten, die
er sich soeben amschickt. selbst zu lesen. Was als Verwirrspiel beginnt, endet in
einer köstlichen ironischen Volte, wenn Ludmilla, die eberfalls gleichzeitig im
Schlafzimmer lesende Ehefrau das Licht löschen will, der Leser sie aber bittet:
»Einen Moment noch. Ich beende grad >Wenn ein Reisender in einer WinternachU
von Italo Calvino.»
Der Autor integriert insgesamt zehn Romananfdnge in eine Rahmenhandlung und
spielt somit zehn verschiedene Variationen der Erzählbarkeit einer Geschichte
durch. Das Schreibexperiment des Autors, Reflex auf das Verdikt gegen die Postmo-
derne, bleibt aber nicht blutleere Laborarbeit, sondern ist unterhaltsam, lehrreich,
voller Spannung und suggestiv, wdl es diejewäls individuelle psychische Disposi-
tion des Lesers sowie dessen verschiedenartige Erwartungshorizonte spielerisch auf-
greift und in einer Geschichte erzählerisch auf höchstem stilistischen Niveau um-
setzt.
Das vorliegende Kapitel »In anem Netz vcm Linien, die sich verknoten« demons-
triert der urrfassend gebildete Autor Calmno nicht nur sane hervorragenden Kennt-
nisse in Psychopathologie, sondern zeigt auf anschauliche Weise, wie mit ärfachen
narrativen Mitteln vor einem scheinbar unverfänglich banalen Hintergrund das
117
Italo Catsino
Entstehen einer paranoiden Schizophrenie darstellbar und nachvollziehbar ist. Ita-
lo Calvino starb 1985 an den Folgen eines Gehirnschlages.
Weitetßihrende Literatur:
Italo Calvino: Kybernetik und Gespenster. Überlegungen zu Literatur und Gesell-
schaft. Hanser 1984
In einem Netz von Linien, die sich verknoten
Als ersten Eindruck müßte das Buch vermitteln,
was ich empfinde, wenn ich ein Telefon klingeln
höre. Ich sage »müßte«, weil ich bezweifle, daß ge-
schriebene Worte auch nur einen Bruchteil davon
wiedergeben können; Es genügt keineswegs zu er-
klären, daß meine Reaktion eine Ablehnung ist,
eine Flucht vor diesem aggressiven und bedrohli-
chen Rufen, aber auch ein Gefühl von Dringlich-
keit, von unerträglichem Druck, ja von Nötigung,
das mich drängt, dem Befehl des Klingeltons zu gehorchen und hin-
zustürzen, um zu antworten, selbst wenn ich sicher bin, dadurch
nichts als Unannehmlichkeiten und Ärger zu bekommen. Auch glau-
be ich nicht, daß es mehr als lediglich ein Versuch zur Beschreibung
meiner Gemütslage wäre, wenn ich eine Metapher nähme, bei-
spielsweise das stechende Brennen eines ins nackte Fleisch meiner
Seite eindringenden Pfeils, und dies nicht, weil es unmöglich wäre,
zur Wiedergabe einer bekannten Empfindung auf eine vorgestellte
Empfindung zurückzugreifen - denn obwohl heutzutage niemand
mehr weiß, was man empfindet, wenn man von einem Pfeil getroffen
wird, glauben wir ja doch alle, daß wiPs uns ziemlich leicht vorstellen
können: das Gefühl, wehrlos zu sein, ohne Schutz, während plötzlich
etwas von draußen aus fremden Räumen zu uns hereinbricht (und
dies gilt ja zweifellos auch für das Schrillen des Telefons) -, sondern
vielmehr weil die peremptorische, modulationslose Unerbittlichkeit
des Pfeils all jene unterschwelligen Intentionen, Implikationen und
Schwankungen ausschließt, die in der Stimme eines Anrufers liegen
können, den ich zwar nicht sehe, aber bei dem ich schon, bevor er was
sagt, voraussehen kann, wenn nicht, wtis er sagen wird, so doch zu-
mindest, wie ich auf das, was er sagen will, reagieren werde. Ideal
118
In einem Metz von Linien, die sich verknoten
wäre es, wenn das Buch damit anfinge, ein bestimmtes Raumgefühl
zu vermitteln: einen Raum, der ganz von meiner Präsenz erfüllt wird,
denn um mich herum sind nur leblose Dinge, einschließlich des Tele-
fons, der Raum scheint nichts anderes enthalten zu können als mich,
isoliert in meiner inneren Zeit, und dann zerbricht die zeitliche Dau-
er, der Raum ist nicht mehr derselbe wie zuvor, denn nun wird er
erfüllt vom Schrillen des Telefons, auch meine Präsenz ist nicht mehr
dieselbe, denn nun wird sie konditioniert durch den Willen dieses Ge-
genstandes, der da ruft. Das Buch müBte damit beginnen, dies alles
nicht als etwas Einmaliges darzustellen, sondern als eine Streuung in
Raum und Zeit, ein Sichausbreiten und Vervielfachen dieses Schril-
lens, das die Kontinuität von Raum und Zeit und Willen zerreißt.
Vielleicht liegt der Fehler in dem Gedanken, am Anfang seien wir
beide, ich und das Telefon, in einem endlichen, abgeschlossenen
Raum wie etwa in meiner Wohnung; ein zu enger Gedanke, denn was
ich vermitteln muß, ist meine Lage im Verhältnis zu einer Vielzahl
von Telefonen, die alle klingeln, die vielleicht gar nicht mich rufen,
gar keine Beziehung zu mir haben, doch es genügt der Umstand, daß
ein Telefon mich rufen kann, um möglich oder zumindest denkbar zu
machen, daß sie alle mich rufen. Zum Beispiel wenn das Telefon in
einer Nachbarwohnung neben der meinen klingelt und ich einen Mo-
ment lang denke, es könnte bei mir klingeln, ein Verdacht, der sich
sogleich als unbegründet herausstellt, aber es bleibt ein Rest, denn es
könnte ja sein, daß der Anruf tatsächlich mir gilt und nur durch ein
falsches Wählen oder durch eine Fehlschaltung bei meinem Nach-
barn gelandet ist, um so mehr, als dort keiner rangeht und das Telefon
weiterklingelt, und in der irrationalen Logik, die das Klingeln unwei-
gerlich in mir auslöst, denke ich dann: Vielleicht ist es ja wirklich für
mich, vielleicht ist der Nachbar zu Hause, geht aber nicht ran, weil
er‘s weiß, vielleicht weiß auch der Anrufer, daß er eine falsche Num-
mer anruft, tut es aber mit Absicht, um mich in diese Lage zu bringen,
wissend, daß ich nicht antworten ktmn, mir aber bewußt bin, daß ich
antworten müßte.
Oder auch das Erschrecken, wenn ich gerade das Haus verlassen will
und höre ein Telefon klingeln; es könnte bei mir sein oder in einer
anderen Wohnung, ich eile zurück, erreiche die Wohnungstür keu-
chend, weil ich die Treppen hinaufgestürmt bin, und da schweigt das
Telefon, und ich werde niemals erfahren, ob der Anruf mir galt.
Oder auch auf der Straße, wenn ich unterwegs bin und höre Telefone
119
Itak) Calvino
in fremden Häusern klingeln; sogar wenn ich in fremden Städten bin,
in Städten, wo niemand von meiner Anwesenheit weiß, sogar dann
denke ich, wenn ich‘s irgendwo klingeln höre, für den Bruchteil einer
Sekunde, der Anruf könnte für mich sein, und im nächsten Sekun-
denbruchteü sage ich mir erleichtert, daß ich einstweilen von jedem
Anruf ausgeschlossen bin, unerreichbar, in Sicherheit, doch diese Er-
leichterung währt nur den Bruchteil einer Sekunde, denn gleich da-
rauf denke ich, daß es ja nicht nur jenes fremde Telefon gibt, das dort
klingelt, sondern viele Kilometer entfernt, Hunderte oder gar Tau-
sende von Kilometern entfernt gibt es auch das meine, das sicher ge-
rade in diesem Moment durch die verlassenen Räume schrillt, und
wieder bin ich zerrissen zwischen der Notwendigkeit und der
Unmöglichkeit zu antworten.
Jeden Morgen vor meinem KoUeg mache ich eine Stunde Jogging,
das heißt ich ziehe meinen Olympiadress an und gehe hinaus, um zu
laufen, weil ich das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung habe, weil
die Ärzte es mir verordnet haben gegen die Fettleibigkeit, die mir zu
schaffen macht, und weil‘s auch ein bißchen die Nerven beruhigt.
Wenn man hier tagsüber nicht auf den Campus geht, in die Biblio-
thek oder zu den Vorlesungen der Kollegen oder in die Cafeteria,
weiß man nicht, was man tun soll; das einzige, was einem bleibt, ist
kreuz und quer über den Hügel zu laufen zwischen den Ahornbäu-
men und Weiden, wie es viele Studenten tun und auch viele Kollegen.
Wir begegnen einander auf den tätschelnden Laubwegen und sagen
manchmal »Hü«, manchmal gar nichts, weil wir den Atem sparen
müssen. Auch das ist ein Vorzug des Laufens vor anderen Sportarten;
Jeder macht es für sich und braucht den anderen keine Rechenschaft
abzulegen.
Der Hügel ist dicht bebaut, ich laufe an kleinen Häusern vorbei, alle
aus Holz, zweistöckig und mit Garten, alle verschieden und alle ähn-
lich, und dauernd höre ich irgendwo ein Telefon klingeln. Das macht
mich nervös, ich laufe unwillkürlich langsamer, spitze die Ohren, um
zu hören, ob jemand rangeht, und werde ungeduldig, wenn es weiter-
schrillt. Ich laufe weiter, komme an einem anderen Haus vorbei, in
dem ein Telefon klingelt, und denke; »Da ist ein Anruf, der mich ver-
folgt, da sucht sich jemand im Straßenverzeichnis alle Nummern der
Chestnut Lane raus und ruft ein Haus nach dem anderen an, um zu
sehen, wo er mich erreicht.«
Manchmal liegen die Häuser ganz still und verlassen da, Eichhörn-
120
In einem Netz von Linien, die sich verknoten
chen huschen die Stämme hinauf, Elstern flattern herab, um die Kör-
ner zu picken, die in Holzschalen für sie ausgelegt worden sind. Ich
laufe und spüre, wie sich ein vages Alarmgefühl in mir regt, und noch
bevor ich den Ton mit den Ohren auffange, registriert schon mein
Geist die Möglichkeit eines Klingeins, ruft es gleichsam herbei, saugt
es förmlich aus seinem Nichtsein hervor, und im gleichen Moment
erreicht mich aus einem Haus, erst gedämpft und dann immer lauter,
das Schrillen der Glocke, dessen Schwingungen wohl schon lange, be-
vor mein Gehör sie wahrnahm, von einer Antenne in meinem Innern
aufgefangen worden sind, und ich stürze Hals über Kopf in einen
absurden Wahn, bin gefangen in einem Kreis, dessen Zentrum
das klingelnde Telefon in dem Haus dort ist, ich laufe, ohne vom Fleck
zu kommen, ich trete auf der Stelle, ohne den Trab zu verlangsamen.
»Wenn so lange keiner rangeht, heißt das doch, daß niemand zu Hau-
se ist ... Aber warum läßt der Anrufer es dann weiterklingeln? Was
erwartet er sich davon? Wohnt da vielleicht ein Schwerhöriger, bei
dem man sehr lange insistieren muß, bis er‘s hört? Wohnt da vielleicht
ein Gelähmter, dem man sehr viel Zeit lassen muß, bis er sich an den
Apparat geschleppt hat . . . Wohnt da vielleicht ein Selbstmörder, bei
dem man hofft, er werde, solange ihn noch jemand anruft, vor dem
Allerletzten zurückschrccken ...« Ich denke, ich sollte vielleicht ver-
suchen, mich irgendwie nützlich zu machen, gehen und nachsehen,
ob ich jemandem helfen kann, dem Schwerhörigen, dem Gelähmten,
dem Selbstmörder ... Und zugleich denke ich (in der absurden Logik,
die mich bewegt), dann könnte ich ja auch gleich mal nachsehen, ob
der Anruf nicht etwa zufällig mir gilt . . .
Ohne im Laufen innezuhalten, stoße ich die Gartentür auf, betrete
das Grundstück, trabe ums Haus, erkunde den hinteren Teil des An-
wesens, laufe bis hinter die Garage, den Geräteschuppen, die Hunde-
hütte. Alles scheint verlassen zu sein, wie ausgestorben. Durch ein of-
fenes Hinterfenster sieht man in ein unaufgeräumtes Zimmer, das Te-
lefon steht auf dem Tisch und klingelt. Der Fensterladen schlägt an,
die Fensterflügel verfangen sich in den zerfetzten Vorhängen.
Schon dreimal bin ich ums Haus gelaufen; ich mache weiter die Jog-
gingbewegungen, hebe die Ellenbogen und Fersen, atme im Rhyth-
mus des Laufens, damit man sehen kann, daß ich kein Einbrecher
bin; wenn man mich hier jetzt ertappen würde, hätte ich
Schwierigkeiten zu erklären, daß ich bloß hereingekommen bin, weil
ich das Telefon klingeln hörte. Ein Hund bellt, nicht hier, ein Hund in
121
Itah) Calvino
der Nachbarschaft, ich sehe ihn nicht; doch einen Moment lang über-
wiegt in mir das Signal »Hund hellt« über das Signal »Telefon klin-
gelt«, und das genügt, um den magischen Kreis zu sprengen, der
mich hier gefangengehalten hat: Schon bin ich draußen, laufe wieder
zwischen den Bäumen die Straße entlang und lasse das Schrillen hin-
ter mir, das allmählich verklingt.
Ich laufe weiter, bis keine Häuser mehr kommen. Auf einer Wiese
halte ich an, um zu verschnaufen. Ich mache ein paar Kniebeugen
und Liegestütze, massiere mir die Beinmuskeln, damit sie nicht zu
sehr abkühlen. Ich schaue auf die Uhr. Es ist spät, ich muß rasch
zurück, wenn ich meine Studenten nicht warten lassen wUl. Das fehlte
grad noch, daß es von mir heißt, ich liefe im Wald herum statt Vorle-
sungen zu halten . . . Ich haste los, laufe die Straße hinunter, ohne
nach rechts oder links zu blicken, das Haus da werde ich gar nicht
mehr wiedererkennen, ich werde vorbeilaufen, ohne es überhaupt zu
bemerken. Schließlich ist es ein Haus wie die anderen, in jeder Hin-
sicht, von den anderen nur unterscheidbar, wenn das Telefon klingeln
würde, was ja unmöglich ist ...
Je länger mir diese Gedanken im Kopf herumgehen, während ich so
bergab laufe, desto deutlicher meine ich, wieder das Klingeln zu hö-
ren, immer lauter und schriller, da ist schon wieder das Haus, und das
Telefon klingelt noch immer. Ich öffne die Gartentür, laufe nach hin-
ten, trete ans Fenster. Ich brauche nur die Hand auszustrecken, um
abzunehmen. Keuchend sage ich in die Muschel: »Hier ist nicht . . .«,
da ertönt aus dem Hörer eine Stimme, ein bißchen ungeduldig, aber
nur ein bißchen, denn am eindrucksvollsten an dieser Stimme ist ihre
Kälte, die Ruhe, in der sie sagt: »Hör genau zu: Marjorie ist hier, sie
wird bald aufwachen, aber sie ist gefesselt und kann nicht weg. Merk
dir die Adresse: 115 Hillside Drive. Wenn du sie holen kommst, okay.
Wenn nicht, im Keller ist ein Kanister mit Kerosin und eine Plastik-
bombe mit einem Timer. In einer halben Stunde steht das Haus hier
in Flammen.«
»Aber ich bin gar nicht . . .«, wUl ich sagen.
Er hat schon aufgelegt.
Was mache ich jetzt? Sicher, ich könnte die Polizei anrufen, die Feuer-
wehr, von diesem Telefon aus, aber wie soll ich erklären, wie rechtfer-
tigen . . . ich meine, was habe ich, der ich nichts damit zu tun habe,
damit zu tun? Ich setze mich wieder in Trab, laufe noch einmal ums
Haus herum, dann hinaus und weiter die Straße hinunter.
122
— In einem Netz von Linien, die sich verknoten
Tut mir ja leid, für Marjorie, aber sie muß in weißgott was für wilde
Geschichten verwickelt sein, wenn sie Jetzt so in der Tinte sitzt, und
wenn ich mich da einmische, um sie zu retten, wird mir doch keiner
mehr glauben, daß ich sie nicht kenne, es wird einen Riesenskandal
geben, ich bin ein Dozent von einer anderen Uni, hierher eingeladen
als Visiting Professor, das Prestige zweier Hochschulen steht auf dem
Spiel ...
Sicher, wenn‘s um ein Menschenleben geht, müssen solche Rücksich-
ten wohl hintanstehen . . . Ich laufe langsamer. Ich könnte in eins die-
ser Häuser gehen, bitten, daß man mich die Polizei anrufen läßt und
gleich in aller Klarheit sagen, nein, ich kenne diese Marjorie nicht,
ich kenne überhaupt keine Marjorie ...
Um die Wahrheit zu sagen, hier an der Uni gibt es eine Studentin, die
Marjorie heißt, Marjorie Stubbs. Ich habe sie gleich bemerkt unter
den Mädchen in meinem Kolleg. Sie hat mir, wie soll ich sagen, nun
ja, gefallen, nur schade, daß sich dann damals, als ich sie eingeladen
hatte zu mir nach Hause, um ihr ein paar Bücher zu leihen, diese
peinliche Situation ergab. Es war ein Fehler gewesen, sie einzuladen:
Ich war neu hier, man wußte noch nicht, was ich für einer bin, sie
konnte meine Absichten mißverstehen, und so ergab sich das Mißver-
ständnis, ein unangenehmes Mißverständnis, sicher auch jetzt noch
schwer aus der Welt zu schaffen wegen dieser ironischen Art, in der
sie mich seither ansieht, mich, der ich nicht weiß, wie ich sie anspre-
chen soll, ohne zu stammeln, auch die anderen Mädchen sehen mich
immer mit diesem ironischen Grinsen an . . .
Klar, natürlich darf dieses Unbehagen, das der Name Marjorie in mir
weckt, kein Hindernis für mich sein, einer anderen Marjorie, die in
Lebensgefahr schwebt, zu Hilfe zu eilen ... Wenn's nicht dieselbe
Marjorie ist ... Wenn dieser Anruf nicht tatsächlich mir gegolten hat
. . . Eine mächtige Gangsterbande hält mich im Auge, sie wissen, daß
ich jeden Morgen hier Jogging mache, vielleicht haben sie auf dem
Hügel einen Beobachter mit Teleskop, der meine Schritte genau ver-
folgt, und wenn ich an das verlassene Haus komme, rufen sie an, mich,
weil sie Bescheid wissen über meine Blamage mit Marjone, damals in
meiner Wohnung, und mich nun erpressen wollen . . .
Ohne es recht gemerkt zu haben, bin ich zum Campuseingang ge-
langt, immer noch laufend, in Sportdress und Joggingschuhen, ich
war gar nicht erst zu Hause, um mich umzuziehen und meine Bücher
zu holen, was tue ich jetzt? Ich laufe über den Campus, ein paar Mäd-
123
Kommentar
eben kommen mir auf dem Rasen entgegen, es sind meine Studentin-
nen, schon auf dem Weg zu meiner Vorlesung, sie sehen mich an mit
diesem ironischen Grinsen, das ich nicht ausstehen kann.
Ich wende mich im Vorbeitraben an die Lorna Clifford, frage sie:
»Stubbs gesehen?«
Die Clifford blinzelt: »Marjorie? Seit zwei Tagen ist die nicht mehr
aufgetaucht ... Wieso?«
Schon laufe ich wieder. Haste zum Campus hinaus. Nehme die Gros-
venor Avenue, dann Cedar Street, dtum Maple Road. Bin ganz außer
Atem, laufe nur noch, weil ich den Boden unter den Füßen gar nicht
mehr spüre, auch nicht die Lunge in meiner Brust. Da endlich kommt
Hillside Drive, 11, 15, 27, 51 ... Gottseidank geht's rasch voran mit
den Hausnummern. Da ist die 1 15. Die Tür steht offen, ich jage die
Treppe hinauf, stürze in ein halbdunkles Zimmer. Auf dem Sofa liegt
Marjorie, gefesselt, geknebelt. Ich binde sie los. Sie übergibt sich.
Sieht mich voller Verachtung an.
»Du Bastard!« sagt sie.
/Kommentar
In der Erzählung von Calvino »In einem Netz von Linien, die sich
verknoten« wird die Entstehung eines sensitiven Beziehungswahns
dargestellt. Ein amerikanischer Hochschulprofessor, der sich bei ei-
ner Party einer Studentin genähert hat, hat seitdem das Gefühl, dass
andere davon wissen und sein Verhalten missbilligen. Er ßhlt sich dadurch zuneh-
mend gepeinigt. Beim Joggen hat er immer wieder das Gefühl, dass das Telefon-
klingeln, welches er aus verschiedenen Häusern hört, sich auf ihn bezieht und dass
ihm jemand eine wickle Nachricht mitteilen will.
Schließlich hört er an einem fremden Telefon, dass eine junge Frau mit dem Namen
der Studentin, der er sich angenähert hat, in einer Wohnung gefesselt ist und in
großer Gefahr schwebt. Es bleibt im Unklaren, ob es sich bei diesem Anruf um ein
reales Phänomen, vielleicht emen Studentenstreich, oder ob es sich dabei um ein
halluzinatorisches Erleben handelt, das eigentlieh nicht zum sensitiven Bezie-
hungswahn gehört. U.a. hat er auch das GJuhl, dass sich die Studenten sehr mit
der Geschichte beschäfiigen, so z-B. sieht er ironisches Grinsen in den Gesichtern
der Studenten, als ob alle Bescheid wüssten über den Vofall mit der Studentin. Es
wären auch psychodynamische Deutungen im Rahmen der dargestellten Schuldge-
fühle des Protagonisten denkbar. Gepeinigt jagt er in das angegebene Haus, wo die
124
Kommentar
Studentin in Lebensgefahr schweben soll, und in der Tat findet er sie dort gefesselt
und geknebelt. Sie sieht ihn voller Verachtung an und spricht ihn als »Bastard« an.
Seine Schuldgefühle bekommen so die Entsprechung in der realen Welt.
Gi^ de Maupassant
Der Horla
aus: Guy de Maupassant. Der Schmuck. Der Teufel. Der Horla. Novellen.
Übersetzung aus dem Französischen und Nachwort von Ernst Sander.
© 1964 ly Philipp Reclamjun. Verlag GmbH, Stuttgart
Einführung
Der aus dem normannischen Landadel stammeruie französische
Schriflsteller Guy de Maupassant (1850-1893) ist einer der
Gründerväter der modernen Novellenkunst und zugleich neben
Balzac, Zola und Flaubert einer der großen französischen Erzäh-
ler des 19. Jahrhunderts. Bereits mit 17 Jahren wurde er wegen eines frechen
Gedichtes der Schule verwiesen. Nach abgebrochenem Jurastudium und Kriegs-
dienst im Deutsch- Französischen Krieg 1871 lebte Maupassant bis 1878 als
kleiner Ministerialbeamter, der allerdings freundschaftlichen Kontakt zur literari-
schen Avantgarde um Gustave Flaubert hielt. Die ersten literarischen Erfolge ver-
buchte er mit Fortsetzungsgeschichten fiir Tageszeitungen, bis ihm 1880 mit der
Novelle »Fettklößchen« der Durchbruch gelang und ihm einen großbürgerlichen Le-
bensstil ermöglichte (u. a. Kauf einer Yacht). Er unterhielt Beziehungen zu mehre-
ren Geliebten, mit denen er auch Kinder hatte. Mit enormem Fleiß und schier uner-
schöpflicher Schreiblust schuf der Autor mehr als 300 Erzählungen und Romane,
in deren Mittelpunkt meist die gehobene Gesellsdurft seiner Zeit, aufstrebendes Bür-
gertum und Neureiche standen, denen er genüsslich seinen oft scharfen satirischen
Spiegel vorhielt. Gnadenlos deckte er menschliche Schwächen auf, entlarvte heimli-
che Amouren, Verlogenheit, Blendwerk und Hochstapelei, bürgerliche Doppelmoral
und skrupelloses Karrierestreben. Sein besonders geschulter Blick sowie sein gestei-
gertes Interesse galt zunehmend dem Psychopathologischen, wobei er sich stets um
das Ideal der »impassibilite« (Unparteilichkeit) bemühte, das ihn an Flaubert fas-
zinierte. In »Der Horla« (1887), Titelgeschichte einer Novellensammlung, lässt
der Autor seinen Protagonisten Tagebuch über dessen Besessenheit führen. Fieber,
Wahnvorstellungen und Depressionen suggerieren die Existenz eines schließlich be-
herrschend werdenden übernatürlichen Wesens, eben des Horla, das ihm alle Le-
benskraft zu nehmen droht. Um sich von der Obsession zu befreien, zündet der
Gepeinigte das Haus an, in der Hoffnung, dadurch auch seinen Inkubus zu ver-
126
Der Horla
nickten. Doch nach dem Brand keinen die Angstattacken erneut. Nur noch der
Selbstmord scheint Erlösung zu bringen. In der einschlägigen Forschung herrscht
Einigkeit darüber, dass Maupassant nicht nur von den Untersuchungen des fianzö-
sischen Neurologen Jean Martin Charcot über Geisteskrankheiten, sondern auch
von den Novellen E.T.A. Hojfmanns und Edgar Allan Poes inspiriert wurde.
Der ebenso eindringlichen wie suggestiv präzisen Beschreibung der Wahnvorstel-
lungen und Halluzinationen liegen jedoch auch autobiographische Erfahrungen
zugrunde. Psychosen, Traumata, Wahn und Schwermut waren Maupassant selbst
durchaus nicht fiemd, wenngleich sie zugleich Jur ihn von größter literarischer At-
traktivität waren. Bereits in jungen Jahren irifizierte er sich mit Syphilis (1877)
und hatte eine lebenslange Angst davor, wie sein Bruder Herve verrückt zu werden.
1 892 unternahm er einen Suizidversuch, wurde in eine psychiatrische Klinik in
Passy bei Paris eingeliefert und starb 1893 in geistiger Umnachtung.
Weiterjührende Literatur:
Stefanie Fröschen: Die Krankheit im Leben und Werk Guy de Maupassants. Die
Bedeutung seiner Syphilis-Erkrankungßir seine Dichtungen. Mainz 1999
Der Horla
8. Mai. — Wie schön es heute war! Den ganzen
Morgen habe ich im Grase gelegen, vor meinem
Hause, unter der riesigen Platane, die es völlig
überdacht, schirmt und beschattet.
Ich habe diese Gegend sehr gern, und es freut
mich, daß ich hier leben kann, weil ich in diesem
Lande wurzle, mit jenen tiefreichenden, zarten
Wurzeln, die den Menschen an die Scholle bin-
den, auf der seine Vorfahren geboren wurden
und gestorben sind; die ihn verknüpfen mit dem, was dort gedacht
und verehrt wird, mit den Bräuchen und Speisen, den heimischen
Örtlichkeiten, dem Dialekt der Landleute, dem Ruch der Äcker und
sogar mit der Luft.
Ich hänge an dem Hause, darin ich aufgewachsen bin. Von meinen
Fenstern aus vermag ich die Seine zu erblicken, die längs meines Gar-
tens vorüberströmt, jenseits der Landstraße, fast unmittelbar an mei-
nem Grundstück, die mächtige, breite Seine, die von Rouen nach Le
Havre fließt, und auf der die Schiffe dahinziehen.
127
Guy de Maupassanl
Dort unten, zur Linken, liegt Rouen, die ausgedehnte Stadt mit den
blauen Dächern unter der Schar der spitzen gotischen Kirchtürme.
Man kann sie nicht zählen, so viele sind es, schlanke und gedrungene;
aber sie alle überragt die eiserne Spitze der Kathedrale. Glocken hän-
gen in jedem, deren Geläut an schönen Morgen die blaue Luft durch-
hallt und als ein zartes metallisches Summen bis zu mir her dringt, als
ein luftiger Gesang, vom Winde getragen, bald stärker, bald schwä-
cher, je nachdem der Wind sich erhebt oder erstirbt.
Wie schön es heute morgen war!
Gegen elf Uhr zog ein langer Schleppzug an meinem Hause vorüber;
ein fliegenhaft anmutender Dampfer zog ihn; er keuchte vor Mühe
und stieß eine dicke Rauchwolke aus.
Erst kamen zwei englische Schoner, deren rote Flaggen vor dem
Himmel flatterten, und dann ein wunderschöner brasilianischer
Dreimaster, ganz weiß, makellos, leuchtend. Ich winkte hinüber, wa-
rum, weiß ich nicht, solche Freude empfand ich beim Anblick dieses
Schiffes.
1 1 . Mai. - Seit ein paar Tagen habe ich ein bißchen Fieber; ich fühle
mich nicht wohl, oder besser: ich fühle mich traurig.
Woher rühren jene geheimnisvollen Einflüsse, die unser Glück in
Mutlosigkeit und unsere Zuversicht in Verzweiflung wandeln? Man
könnte meinen, die Luft, die unsichtbare Luft, sei erfüllt von unbe-
greiflichen Mächten, deren geheimnisvoller Nähe wir uns beugen
müssen. Ich wache fröhlich auf, und mir ist, als müsse ich singen. -
Warum? - Ich gehe am Ufer entlang, und urplötzlich, nach ein paar
Schritten, kehre ich in schmerzlicher Betrübnis um, als warte meiner
daheim irgendein Unglück. - Warum? - Hat ein erkältender Schauer,
der mich überrieselte, meine Nerven erschüttert und meine Seele ver-
düstert? Hat die Form der Wolken, haben die Tagesfarben, hat die
wandelbare Farbe der Dinge, da ich sie wahrnahm, mein Denken ver-
stört? Wer weiß? AUes, was uns umgibt, alles, was wir von ungefähr
sehen, ohne recht hinzuschauen, alles, was wir streifen, ohne es zu
erkennen, alles, woran wir rühren, ohne es zu betasten, alles, was uns
zustößt, ohne daß wir gewahren, was es recht eigentlich ist, übt auf
uns, auf unseren Organismus und, durch diesen, auf unsere Gedan-
ken, ja sogar auf unser Herz schnelle, überraschende und unerklärli-
che Wirkungen aus.
Wie tief ist doch das Geheimnis des Unsichtbaren! Mit unsern elen-
den Sinneswerkzeugen vermögen wir es nicht zu durchdringen: mit
128
Der Horh
den Augen, die weder das allzu Kleine noch das allzu Große, weder
das allzu Nahe noch das allzu Ferne, weder die Lebewesen auf den
Sternen noch die Lebewesen im Wassertropfen wahrnehmen können
. . . mit unsern Ohren, die uns betrügen; denn sie übermitteln uns blo-
ße Luftschwingungen als klingende Töne; Feen sind sie, die ein Wun-
der vollbringen, indem sie jene Bewegung in ein Geräusch verwan-
deln und durch diese Metamorphose die Geburt der Musik zuwege
bringen, die das stumme Schwingen der Natur zu Gesang umformt
. . . mit unserm Geruchssinn, der dem eines Hundes nachsteht . . . mit
unserm Geschmackssinn, der kaum das Alter eines Weines zu bestim-
men imstande ist!
Ach! Hätten wir doch andere Organe, die neue Wunder für uns er-
schüfen; wie vieles vermöchten wir dann rings um uns wahrzuneh-
men!
1 6. Mai. - Ich bin krank, ganz sicher! Und im letzten Monat hatte ich
mich so wohl befunden! Ich habe Fieber, wütendes Fieber, oder, rich-
tiger, ich leide an einer fiebrigen Erschöpfung, die meine Seele in glei-
chem Maße in Mitleidenschaft zieht wie meinen Körper. Ohne Un-
terlaß habe ich das grausige Gefühl einer drohenden Gefahr, die Vor-
ahnung künftigen Unheils oder nahenden Todes, ein Vorgefühl, das
zweifellos erstes Anzeichen eines mir noch unbekannten Übels ist; es
keimt in meinem Blut und meinem Fleisch.
18. Mai. - Eben komme ich von meinem Arzt; ich hatte nämlich kei-
nen Schlaf mehr gefunden. Er konstatierte beschleunigten Puls-
schlag, Erweiterung der Pupille, starke Nervosität, fand indes keiner-
lei beunruhigende Symptome. Ich soll Duschen und Bromkali neh-
men.
25. Mai. - Nicht die geringste Veränderung! Wahrhaftig, mein Zu-
stand ist bizarr. Je mehr es Abend wird, desto mehr bemächtigt sich
meiner eine unbegreifliche Unruhe, als berge die Nacht eine mir
fürchterliche Gefahr. Ich esse in aller Hast und versuche dann zu le-
sen; aber ich verstehe kein Wort; kaum vermag ich die Buchstaben
auseinanderzuhalten. Ich gehe in meinem Zimmer auf und ab, wobei
eine wirre und unbezwingbare Furcht mich bedrückt, Furcht vor dem
Schlaf und Furcht vor dem Bett.
Gegen zwei gehe ich hinauf in mein Schlafzimmer. Kaum bin ich
eingetreten, so drehe ich den Schlüssel zweimal herum und schiebe
den Riegel vor; ich habe Angst . . . wovor nur? Bislang habe ich keine
Furcht gekannt . . . Ich mache meine Schränke auf, ich sehe unter
129
Guy de Mempassant
mein Bett; ich horche . . . ich horche . . . worauf nur? . . . Wie merkwür-
dig, daß ein leichtes Unwohlsein, eine Verdauungsstörung vielleicht,
die Reizung eines Nervenfädchens, ein unbedeutender Blutandrang
im Gehirn, eine winzige Störung in den so unvollkommenen und
dennoch so empfindlichen Funktionen der lebendigen Maschine, die
wir sind, den Fröhlichsten zum Melancholiker und den Tapfersten
zum Feigling machen kann! Dann lege ich mich nieder und warte des
Schlafes, wie einer, der des Henkers harrt. Ich warte seiner und emp-
finde zugleich Entsetzen ob seines Nahens, mein Herz pocht, trotz
der warmen Decken — bis zu dem Augenblick, da ich in Schlaf falle,
wie ein Selbstmörder in ein totes Wasserloch stürzt. Früher war das
ganz anders; jetzt hockt er unsichtbar hinter mir, dieser hinterlistige
Schlaf, und lauert mir auf, und dann packt er mich beim Kopfe, preßt
mir die Lider zu und löscht mich aus.
Ich schlafe - lange - zwei oder drei Stunden - dann ein Traum - nein,
ein Nachtmahr erdrosselt mich. Dabei fühle ich ganz genau, daß ich
im Bette liege und schlafe . . . Ich fühle es und ich sehe es . . . und dabei
fühle ich zugleich, wie jemand auf mich zukommt, mich anstarrt,
mich betastet, auf mein Bett steigt, auf meiner Brust kauert, meinen
Hals mit seinen Händen umspannt und mich würgt . . . würgt . . . mit
aller Kraft, und mich erdrosseln will.
Und ich, ich wehre mich, aber mich fesselt die grausige Ohnmacht,
die uns im Traume lähmt; ich will schreien - kann nicht - ich will
mich bewegen - kann nicht - mit fürchterlicher Anstrengung, keu-
chend, versuche ich mich umzudrehen und das Wesen abzuschütteln,
das mich zermalmt und erwürgt - kann nicht!
Und jäh wache ich auf, betäubt, schweißgebadet. Ich mache Licht.
Ich bin allein.
Nach dieser Krisis, die sich jede Nacht wiederholt, schlafe ich dann
endlich ruhig, bis zum Morgen.
2. Juni. - Mein Zustand hat sich noch verschlimmert. Was mag mir
fehlen? Das Bromkali hilft nicht; die Duschen helfen nicht. Dennoch
habe ich, um meinen ohnehin schon so schwachen Körper zu ermü-
den, einen Ausflug zum Roumarer Wald gemacht. Anfangs glaubte
ich, die frische, leichte, liebliche, vom Duft des Grases und des Laubes
geschwängerte Luft würde das Blut in meinen Adern erneuern und
meinem Herzen frische Kraft geben. Ich ging einen breiten Jagdweg
und dann in der Richtung auf La Bouille durch eine enge Allee, zwi-
schen zwei Heerreihen über die Maßen hoher Bäume, die ein dichtes.
130
Der Horla
grünes, nahezu schwarzes Dach zwischen den Himmel und mich
schoben.
Plötzlich durchrieselte mich ein Schauer, kein Frostschauer, sondern
ein merkwürdiger Angstschauer.
Ich ging schneller, ich fühlte Unruhe, ohne Begleitung in diesem Wal-
de zu sein; die tiefe Einsamkeit flößte mir unvernünftige, törichte
Furcht ein. Mit einem Male war mir, als folge mir jemand, ginge hin-
ter mir, ganz dicht, zum Greifen nahe.
Ich wandte mich jäh um. Ich war allein. Hinter mir war nichts als die
gerade, langgestreckte Allee, leer, hoch, grauenhaft leer; und nach der
anderen Seite dehnte sie sich ebenso unabsehbar, ganz genau so, ent-
setzlich.
Ich schloß die Augen. Warum nur? Und ich fing an, mich auf den
Hacken um mich selbst zu drehen, sehr schnell, wie ein Kreisel. Ich
strauchelte; ich schlug die Augen auf; die Bäume tanzten, der Boden
schwankte, ich mußte mich hinsetzen. Dann, ah! wußte ich nicht
mehr, von welcher Seite ich gekommen war! Bizarre Idee! Bizarr! Bi-
zarre Idee! Ich wußte überhaupt nichts mehr. Ich ging einfach nach
der Seite, die rechts von mir war, und dann kam ich wieder auf den
großen Weg, der mich mitten in den Wald geführt hatte.
3. Juni. - Die Nacht war grausig. Ich will für ein paar Wochen fort von
hier. Eine kleine Reise wird mich wohl wieder gesund machen.
2. Juli. - Wieder daheim. Und genesen. Es war übrigens ein reizender
Ausflug. Ich war auf dem Mont Saint-Michel, den ich noch nicht
kannte.
Welche Schau, wenn man, wie ich, gegen Sonnenuntergang in Av-
ranches anlangt! Die Stadt liegt auf einem Hügel; ich wurde zum
Stadtpark gewiesen, der am äußersten Ende des Ortes gelegen ist. Ich
stieß einen Schrei der Überraschung aus. Vor mir breitete sich, so
weit das Auge reichte, eine unendlich weite Bucht, zwischen zwei ge-
schwungenen Küsten, die sich in der Ferne im Dunst verloren; und
mitten in dieser ungeheuren gelben Bucht, die ein leuchtender Gold-
himmel überwölbte, stieg aus dem Sande ein seltsamer, düsterer, spit-
zer Berg empor. Die Sonne war gerade untergegangen, und auf dem
noch flammendroten Horizonte zeichneten sich schwarz die Umrisse
des phantastischen Felsens ab, dessen Gipfel ein phantastisches Bau-
werk krönt.
Ums Frührot ging ich hin. Das Meer stand tief, wie am Vorabend,
und je näher ich kam, desto höher stieg die wundersame Abtei vor
131
Guy de Maupassant
mir auf. Nach ein paar Wanderstunden kam ich bei dem ungeheuren
Felsblock an, der die kleine, von der großen Kirche überragte Stadt
trägt. Nachdem ich die enge, steil ansteigende Straße erklommen hat-
te, betrat ich das herrlichste gotische Gebäude, das für Gott auf Er-
den errichtet ward, ausgedehnt wie eine ganze Stadt, eine Unzahl
niedriger Hallen, erdrückt nahezu von Gewölben und hohen Ga-
lerien, die von schlanken Säulen getragen werden. Ich trat ein in die-
sen gigantischen granitenen Schrein, der leicht und licht anmutet wie
ein Spitzengewebe; Türme und zierliche Glockentürmchen, zu de-
nen Wendeltreppen emporsteigen, erheben sich darauf; in den blau-
en Taghimmel und den schwarzen Nachthimmel strecken sie ihre bi-
zarren, stachelig mit Schimären, Teufelsfratzen, Fabelwesen und
monströsen Blumen bedeckten Häupter, und zierlich gemeißelte Bö-
gen verbinden sie untereinander.
Als ich ganz oben stand, sagte ich zu dem mich geleitenden Mönche:
»Wie wohl müssen Sie sich hier fühlen, mein Vater!«
Er antwortete: »Es ist sehr stürmisch, mein Herr«; und wir begannen
zu plaudern und schauten dabei auf das Meer hinaus, das über den
Sand lief und ihn mit einem stählern schimmernden Küraß bedeckte.
Und der Mönch erzählte mir Geschichten, all die alten Historien die-
ser Stätte, und Legenden, immer neue Legenden.
Eine darunter fesselte mich ganz besonders. Die Leute dieser Ge-
gend, die vom Berge, behaupten, nachts sei im Sande Geflüster zu
hören, und dann das Gemecker zweier Ziegen, die eine laut, die an-
dere schwach. Ungläubige Gemüter sagen zwar, es sei das Geschrei
der Seevögel, das bald wie Meckern, bald wie menschliche Klagelau-
te klinge; allein die spät heimkehrenden Fischer schwören darauf, sie
hätten in der Umgebung des weltabgelegenen Städtchens, zwischen
den Gezeiten, einen alten, in den Dünen umherstreifenden Hirten
getroffen, dessen Gesicht keiner jemals erblickt hätte, weil er es mit
dem Mantel verhülle; und der hätte einen Bock mit einem Männer-
antlitz und eine Ziege mit Frauenantlitz geführt, beide mit langem,
weißem Haar und unaufhörlich in einer unbekannten Sprache
schwatzend und streitend, und plötzlich hätten sie aufgehört zu
schreien und aus Leibeskräften gemeckert.
Ich fragte den Mönch: »Glauben Sie daran?«
Er murmelte: »Ich weiß es nicht.«
Ich sprach weiter: »Wenn es auf Erden noch andere Wesen außer uns
gäbe, wie kommt es dann, daß wir sie nicht schon seit langem erkannt
132
Der Hmla
haben? Wie kommt es dann, daß Sie sie noch nicht gesehen haben?
Warum habe ich sie noch nicht gesehen?«
Er antwortete: »Sehen wir denn auch nur den hunderttausendsten
Teil von dem, was ist? Denken Sie doch an den Wind, der die gewal-
tigste Naturkraft ist, der Menschen zu Boden schleudert, Gebäude
umstürzt, Bäume entwurzelt, das Meer zu Wassergebirgen aufwühlt
und auftürmt, Küsten zerstört und große Schiffe in die Brandung
schmettert, den Wind, der da mordet, pfeift, seufzt, brüllt - aber ha-
ben Sie ihn je gesehen, und vermag man ihn zu sehen? Und dennoch
ist er.«
Gegenüber diesen schlichten Worten verstummte ich. Dieser Mann
war ein Weiser oder vielleicht auch ein Narr. Welches von beiden,
wußte ich nicht genau; doch ich schwieg. Was er da sagte, habe ich im
stillen oft gedacht.
3. Juli. - Ich habe schlecht geschlafen; sicherlich liegt hier eine fieberi-
ge Ansteckung in der Luft, denn mein Kutscher leidet an dem glei-
chen Übel wie ich selbst. Gestern bereits, bei der Rückkunft, fiel mir
seine merkwürdige Blässe auf.
Ich fragte ihn: »Was ist mit Ihnen los, Jean?«
»Ich finde keine Ruhe mehr, gnädiger Herr; meine Nächte fressen
meine Tage. Seit der Abreise des gnädigen Herrn liegt es auf mir wie
ein Verhängnis.«
Aber die übrige Dienerschaft befindet sich wohl; indes fürchte ich nur
zu sehr, daß es mich, mich wieder packen wird.
4. Juli. - Ganz sicher, nun hat es mich wieder. Das Alpdrücken von
damals kommt wieder. Heute nacht fühlte ich, wie etwas auf mir kau-
erte, seinen Mund auf den meinen preßte und mein Leben aus mei-
nen Lippen sog. Ja, und dann sog es an meiner Kehle, als hafte ein
Blutegel daran. Dann erhob es sich und war satt, und ich erwachte
dermaßen zermalmt, zerschlagen und kraftlos, daß ich mich kaum zu
regen vermochte. Wenn das noch ein paar Tage so weitergeht, werde
ich auf jeden Fall wieder fortreisen.
5. Juli. - Habe ich den Verstand verloren? Was mir letzte Nacht wi-
derfuhr, ist dermaßen seltsam, daß mir ganz wirr wird, wenn ich dar-
an denke!
Wie ich jetzt allabendlich zu tun pflege, hatte ich meine Tür abge-
schlossen; dann trank ich, weil ich durstig war, ein halbes Glas Wasser,
und zufällig sah ich, daß meine Karaffe bis zum kristallenen Stöpsel
gefüllt war.
133
Guy de Maupassant
Unmittelbar danach ging ich zu Bett und fiel wieder in jenen entsetz-
lichen Schlaf, aus dem ich nach ungefähr zwei Stunden durch eine
noch grauenhaftere Erschütterung geweckt wurde.
Man stelle sich einen Menschen vor, der im Schlaf ermordet wird und
mit einem Messer in der Lunge aufwacht und blutüberströmt röchelt
und nicht mehr atmen kann und fühlt, daß er sterben muß und von
alledem nichts begreift - so war mir.
Endlich kam ich wieder zu mir; wiederum war ich durstig; ich zünde-
te eine Kerze an und ging zu dem Tische, wo meine Karaffe stand.
Ich hob sie und neigte sie über mein Glas ~ es floß nichts heraus. - Sie
war leer! Sie war leer, vollkommen leer! Zunächst begriff ich nichts;
dann, mit einem Male, kam eine so furchtbare Aufregung über mich,
daß ich mich hinsetzen mußte, oder vielmehr, daß ich in einen Sessel
taumelte! Dann sprang ich mit einem Satz auf und blickte um mich!
Dann setzte ich mich wieder hin, schwindlig vor Ratlosigkeit und
Furcht, und starrte auf die durchsichtige Kristallflasche! Ich schaute
sie mit starren Blicken an und suchte nach einer Erklärung. Meine
Hände bebten! Das Wasser war also ausgetrunken? Von wem?
Von mir? Natürlich, von mir! Von wem sonst sollte es getrunken wor-
den sein? Dann war ich also Schlafwandler, ich lebte, ohne es zu wis-
sen, jenes geheimnisvolle Doppelleben, das zu der Mutmaßung ver-
leitet, wir trügen zwei Wesen in uns, oder ein fremdes, unerkennbares,
unsichtbares Wesen, das bisweilen, wenn unsere Seele starr und ge-
fühllos ist, unsern gefesselten Körper belebt, der dann jenem Wesen
gehorcht wie uns selbst, mehr als uns selbst.
Ah! Wer begreift meine erbärmliche Angst? Wer begreift die Aufre-
gung eines geistig gesunden, vollkommen wachen, vernünftigen Men-
schen, der furchtgeschüttelt eine leere Glaskaraffe anstarrt, aus der,
während er schlief, ein wenig Wasser verschwand? Und so saß ich, bis
der Morgen graute, und wagte nicht, wieder zu Bett zu gehen.
6. Juli. - Ich werde wahnsinnig. Auch diese Nacht ist meine Karaffe
ausgetrunken worden: oder vielmehr ich habe sie ausgetrunken!
Aber war ich es denn? War ich es denn? Wer sonst? Wer? Oh! Mein
Gott! Ich werde wahnsinnig! Wer hilft mir?
10. Juli. - Ich habe überraschende Proben angestellt.
Ganz sicher, ich bin wahnsinnig! Und dennoch!
Am 6. Juli habe ich vor dem Schlafengehen Wein, Milch, Wasser, Brot
und Erdbeeren auf meinen Tisch gestellt.
Man hat - ich habe - das ganze Wasser getrunken, und ein bißchen
134
Der Horla
Milch. Weder der Wein noch die Erdbeeren sind angerührt wor-
den.
Am 7. Juli habe ich die gleiche Probe angestellt und bin zu dem glei-
chen Ergebnis gekommen.
Am 8. Juli habe ich Wasser und Milch fortgclassen. Alles blieb unbe-
rührt.
Schließlich habe ich am 9. Juli nichts als Wasser und Milch auf mei-
nen Tisch gestellt, nachdem ich zuvor die Karaffen sorglich mit wei-
ßen Mullbinden umwickelt und die Stöpsel festgebunden hatte. Dann
habe ich mir Lippen, Bart und Hände mit Graphit geschwärzt und
bin schlafen gegangen.
Der unbezwingliche Schlummer packte mich, und bald folgte ihm
das entsetzliche Erwachen. Ich hatte mich nicht bewegt; meine Laken
zeigten keinerlei Flecken. Ich schoß in die Höhe, zum Tische. Der die
Flaschen einhüllende Stoff war fleckenlos geblieben. Ich löste die
Knoten, zitternd vor Furcht. Das ganze Wasser war ausgetrunken!
Ah! Mein Gott!
Noch in dieser Stunde reise ich nach Paris.
12. Juli. - Paris. Also hatte ich während der letzten Tage wirklich
den Kopf verloren! Ich muß der Spielball meiner überhitzten Phan-
tasie gewesen sein, sofern ich nicht tatsächlich Schlafwandler bin
oder einem jener notorischen, indes einstweilen noch unerklärlichen
Einflüsse unterstehe, die man Suggestionen nennt. Jedenfalls aber
grenzte meine Aufregung schon hart an Dementia; jedoch vier-
undzwanzig Stunden Paris haben genügt, mich mir selbst wiederzu-
geben.
Nach verschiedenen Besuchen und Gängen, die meine Seele mit fri-
scher und belebender Luft durchströmten, habe ich den gestrigen
Abend im Theätre Frangais beschlossen. Es wurde ein Stück des jün-
geren Alexandre Dumas gegeben, und dieser regsame und kraftvolle
Geist machte mich wohl vollends gesund. Natürlich ist Einsamkeit
gefährlich für Geistesarbeiter. Wir müssen denkende und sprechende
Menschen um uns haben. Wenn wir lange allein sind, bevölkern wir
die Leere mit Phantomen.
Heiterster Laune ging ich über die Boulevards zum Hotel zurück. Im
schiebenden Gewühl der Menge gedachte ich, nicht ohne Ironie,
meiner Ängste und Befürchtungen der verflossenen Woche; denn ich
hatte geglaubt, ja, wahrhaftig, ich hatte geglaubt, ein unsichtbares
Wesen hause unter meinem Dache. Wie schwach und verstört ist
135
Guy de Maupassant
doch unser Sinn, wie leicht geht er in die Irre, wenn nur ein winziges
unbegreifliches Ereignis uns verblüfft!
Anstatt mit simplen Worten den Schluß zu ziehen:
»Ich verstehe es nicht, weil sich die Ursache meiner Kenntnis ent-
zieht«, phantasieren wir sogleich von entsetzlichen Geheimnissen
und übernatürlichen Kräften.
14. Juli. - Fest der Republik. Ich schleuderte durch die Straßen. An
den Kanonenschlägen und Fahnen hatte ich kindliche Freude. Indes-
sen ist es recht blöd, an einem festgesetzten Tage auf Anordnung der
Regierung fröhlich zu sein. Das Volk ist eine Hammelherde, bald ge-
duldig bis zum Stumpfsinn, bald aufrührerisch bis zum Rasen. Man
sagt ihm: »Amüsiere dich!« Und es amüsiert sich. Man sagt ihm:
»Schlag dich mit deinem Nachbar!« Und es schlägt sich. Dann sagt
man ihm: »Stimme für die Republik!« Und es stimmt für die Repu-
blik.
Die es leiten, sind genau so dumm; nur daß sie nicht Menschen Ge-
folgschaft leisten, sondern Prinzipien, die von vornherein albern, ste-
ril und falsch sein müssen, eben weil sie Prinzipien sind, das heißt
Ideen, die in dem Ruf der Unbedingtheit und Unveränderlichkeit ste-
hen in dieser Welt, darinnen nichts unbedingt und sicher ist; denn
selbst das Licht ist nur eine Illusion; denn selbst der Schall ist nur eine
Illusion.
16. Juli. - Gestern habe ich Dinge gesehen, die mich arg verwirrt ha-
ben.
Ich dinierte bei Frau Sable, meiner Cousine, deren Gatte Komman-
deur des 76. Jägerregiments in Limoges ist. Außer mir waren zwei
junge Damen dort, deren eine mit einem Arzt verheiratet ist, einem
Doktor Parent. Er hat sich besonders mit Nervenkrankheiten und je-
nen absonderlichen Erscheinungen befaßt, die jüngst bei hypnoti-
schen und Suggestionsexperimenten zutage getreten sind.
Er erzählte des langen und breiten von den wunderbaren Ergebnis-
sen, zu denen englische Gelehrte und die Mediziner der Schule von
Nancy gelangt sind.
Die von ihm vorgebrachten Tatsachen erschienen mir dermaßen bi-
zarr, daß ich rund heraus erklärte, ich glaubte von alledem kein Wort.
»Wir stehen«, so versicherte er, »unmittelbar vor der Lösung eines der
wichtigsten Rätsel der Natur oder, besser gesagt, eines der wichtigsten
Rätsel dieser Erde; denn gewiß gibt es noch andere, wichtigere, über
den Sternen. Seit der Mensch zu denken und seinen Gedanken durch
136
Der Hork
Wort und Schrift Ausdruck zu geben vermag, fühlt er sich von einem
Geheimnis umgeben, das seine plumpen und unvollkommenen Sin-
neswerkzeuge nicht durchdringen können, und dann versucht er
durch den Verstand wettzumachen, was die Organe ihm versagen.
Solange der Verstand noch sozusagen in den Kinderschuhen steckte,
hat die Qual, welche jene unsichtbaren Phänomene auslösten, wahr-
haft erschreckende Formen angenommen. So entstand der Volksglau-
be an übernatürliche Dinge, so entstanden die Märchen von schwei-
fenden Geistern, Feen, Gnomen, Wiedergängern oder Gongern, ja,
ich möchte sagen: so entstand das Märchen von Gott; denn unsere
Begriffe vom Weltenschöpfer, mögen sie stammen aus welcher Religi-
on sie wollen, sind nichts als höchst armselige, höchst törichte und
unzulängliche Ausgeburten schreckgeschlagener Menschenhirne.
Voltaires Wort ist nur zu wahr: »Gott schuf den Menschen nach sei-
nem Bilde, aber der Mensch hat es ihm heimgezahlt. «<
Doch seit einem Jahrhundert, oder eigentlich schon seit etwas länge-
rer Zeit, ist man, wie mich dünkt, etwas durchaus Neuem auf der
Spur. Mesmer und dieser und jener andere haben uns ungeahnte
Wege gewiesen, und tatsächlich sind wir, und zumal während der letz-
ten vier oder fünf Jahre, zu überraschenden Ergebnissen gekommen.
Meine gleichfalls recht ungläubige Cousine lächelte. Da sagte Doktor
Patent zu ihr: »Soll ich einmal versuchen, Sie einzuschläfern, gnädige
Frau?«
»O ja, gern.«
Sie nahm auf einem Sessel Platz, und er begann mit der Behexung,
indem er sie starr ansah. Unvermittelt fühlte ich mich ein wenig ver-
wirrt, mein Herz pochte heftig, die Kehle war mir wie zugeschnürt.
Ich sah, wie Frau Sables Lider schwer wurden, wie ihr Mund sich
zusammenzog, wie sie schwerer und schwerer atmete.
Nach zehn Minuten schlief sie.
»Setzen Sie sich hinter sie«, sagte der Arzt.
Und ich setzte mich hinter sie. Er gab ihr eine Visitenkarte in die
Hand und sagte dabei: »Hier haben Sie einen Spiegel; was sehen Sie
darin?«
Sie antwortete: »Meinen Vetter sehe ich.«
»Was tut er?«
»Er dreht seinen Schnurrbart.«
»Und jetzt?«
»Er nimmt eine Photographie aus der Tasche.«
137
Gu)> de Maupassant
»Wen stellt diese Photographie dar?«
»Ihn selbst.«
Und das stimmte. Jene Photographie war mir am nämlichen Abend
erst ins Hotel geschickt worden.
»Welche Haltung hat er auf der Photographie?«
»Er steht und hält den Hut in der Hand.«
So sah sie also wirklich in dieser Karte, diesem Stückchen weißen Pa-
piers, als wäre es ein Spiegel.
Die jungen Damen waren entsetzt und flüsterten:
»Aufhören! Aufhören! Aufhören!«
Doch der Doktor befahl ihr; »Sie werden morgen früh um acht Uhr
aufstehen; dann werden Sie zu Ihrem Herrn Vetter ins Hotel gehen
und ihn inständig bitten. Ihnen fünftausend Franken zu leihen; Ihr
Herr Gemahl fordere sie von Ihnen; er brauche sie für seine nächste
Reise.«
Dann ließ er sie aufwachen.
Als ich zum Hotel zurückging, überdachte ich die Geschehnisse bei
dieser merkwürdigen Seance, und plötzlich stiegen allerlei Zweifel in
mir auf Zwar setzte ich keinerlei Mißtrauen in die absolut über jeden
Verdacht erhabene Gutgläubigkeit meiner Cousine, die ich seit Kind-
heitstagen kenne wie eine Schwester; aber ein hinterlistiger Streich
des Doktors schien mir durchaus im Bereich der Möglichkeit zu lie-
gen. Konnte er nicht vielleicht einen Spiegel in der Hand gehabt und
ihn der Schlafenden zugleich mit der Visitenkarte gezeigt haben? Be-
rufszauberkünstler bringen noch weit schwierigere Dinge zuwege.
Unter solcherlei Erwägungen kam ich heim und legte mich schlafen.
Aber heute morgen um halb neun Uhr weckte mich mein Diener und
sagte: »Frau Sable wünscht den gnädigen Herrn sogleich zu spre-
chen.«
Ich kleidete mich schleunigst an und ließ sie eintreten. Mit allen Zei-
chen der Verwirrung nahm sie Platz, hielt den Blick gesenkt, hob den
Schleier nicht auf und sagte: »Lieber Vetter, ich möchte dich um eine
sehr große Gefälligkeit bitten.«
»Um was handelt es sich denn?«
»Es ist mir sehr peinlich, dir damit zu kommen; aber ich weiß keinen
Rat. Ich brauche, und zwar um jeden Preis, fünftausend Franken.«
»Nanu!«
»Ja, ja, das heißt: nicht ich, sondern mein Mann. Er hat mir befohlen,
sie aufzutreiben.«
138
Der Horla
Ich war dermaßen verblüfft, daß ich irgendeine Antwort stotterte. Ich
fragte mich, ob sie sich nicht dennoch im Einverständnis mit Doktor
Parent über mich lustig mache, ob das Ganze nicht eine im voraus
abgekartete und äußerst geschickt in Szene gesetzte Komödie sei.
Aber als ich sie dann aufmerksam anschaute, zerstoben meine Zwei-
fel. Sie zitterte vor Angst, solche Qual bereitete ihr dieses Unterfan-
gen, und ich sah deutlich, daß sie dem Weinen nahe war.
Ich wußte, daß sie sehr reich war, und so erwiderte ich: »Wie, dein
Mann hat nicht lumpige fünftausend Franken flüssig? Überleg doch
einmal! Weißt du wirklich ganz genau, daß er dich beauftragt hat,
mich darum zu bitten?«
Einige Sekunden war sie unschlüssig, und es war, als dächte sie unter
Qualen nach; dann antwortete sie:
»Ja ... ja ... ich weiß es ganz genau.«
»Hat er dir denn geschrieben?«
Abermals zögerte sie und dachte nach. Ich sah förmlich, wie ihr ge-
martertes Gehirn arbeitete. Sie wußte es nicht. Sie wußte einzig, daß
sie für ihren Gatten fünftausend Franken von mir leihen sollte. Und
da bediente sie sich sogar einer Lüge: »Ja, er hat geschrieben.«
»Wann denn? Gestern hast du mir kein Wort davon gesagt.«
»Der Brief ist erst heute morgen angekommen.«
»Dürfte ich ihn wohl sehen?«
»Nein . . . nein ... es steht zu Intimes . . . allzu Persönliches darin ... ich
habe ihn ... ich habe ihn verbrannt.«
»Dann macht dein Mann also Schulden?«
Wiederum zögerte sie, um dann ganz leise zu sagen:
»Ich weiß es nicht.«
Da erklärte ich barsch: »Liebe Cousine, ich habe im Augenblick keine
fünftausend Franken bei der Hand.«
Sie schrie gequält auf
»Oh, bitte, bitte, verschaff sie mir doch ...«
Sie wurde ganz aufgeregt, sie rang die Hände und streckte sie mir
gleichsam flehend entgegen! Ihre Stimme klang mit einem Male völ-
lig verändert; sie weinte und stammelte, gemartert, unter dem Zwan-
ge des ihr zuteil gewordenen unabweislichen Befehls.
»Oh! Oh! Ich flehe dich an ... wenn du wüßtest, was ich leiden muß
. . . ich muß das Geld heute haben.«
Ich empfand Mitleid mit ihr.
»Du sollst es bald bekommen; ich verspreche es dir.«
139
Guy de Maupassant
Sie rief: »Oh! Danke! Danke! Wie gut du doch bist.« Ich fragte sie:
»Weißt du eigentlich noch, was gestern bei dir geschehen ist?«
»Ja.«
»Erinnerst du dich, daß Doktor Parent dich hypnotisiert hat?«
»Ja.«
»Nun, und da hat er dir befohlen, heute morgen zu mir zu kommen
und fünftausend Franken von mir zu borgen, und jetzt stehst du ganz
einfach unter dem Zwange dieser Suggestion.«
Sie dachte ein paar Augenblicke nach und erwiderte dann: »Aber
mein Mann fordert ja doch das Geld!«
Eine geschlagene Stunde lang versuchte ich, sie zu überzeugen; allein
ich hatte nicht den geringsten Erfolg.
Als sie fort war, eilte ich zu Doktor Parent. Er wollte gerade ausgehen;
nachdem er mir lächelnd zugehört hatte, sagte er: »Sind Sie nun be-
kehrt?«
»Ja, es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«
»Dann wollen wir zu Ihrer Verwandten gehen.«
Sie lag erschöpft, im Halbschlaf, auf einem Ruhebett. Der Arzt fühlte
ihr den Puls, sah sie eine Weile an und streckte seine Hand gegen ihre
Augen aus, die sich unter dem unwiderstehlichen Einfluß der magne-
tischen Kraft langsam schlossen.
Als sie schlief, sagte er: »Ihr Gatte braucht die fünftausend Franken
nicht mehr. Nun müssen Sie vergessen, daß Sie sie von ihrem Herrn
Vetter haben leihen wollen, und wenn er danach fragt, ist Ihnen das
ganz unverständlich.«
Dann ließ er sie aufwachen. Ich zog meine Brieftasche: »Hier, liebe
Cousine, ist, was du heute morgen von mir erbeten hast.«
Sie war dermaßen überrascht, daß ich nicht weiter in sie zu dringen
wagte. Allein ich versuchte, ihrem Gedächtnis nachzuhelfen; doch sie
leugnete auf das hartnäckigste, glaubte, ich triebe meinen Scherz mit
ihr und wurde schließlich sogar ärgerlich.
Ja, da sitze ich denn wieder im Hotel, und ich habe nicht einmal früh-
stücken können, so sehr hat mich dieses Experiment aus der Fassung
gebracht.
19. Juli. - Viele Leute, denen ich diese Abenteuer erzählt habe, haben
mich ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Der Weise
sagt: »Vielleicht!«
2 1 . Juli. - Ich habe in Bougival diniert und war nachher auf dem
140
Der Horla
Rudererball. Ganz sicher hängt alles von Ort und Umständen ab.
Auf der Grenouillere-Insel an Übernatürliches glauben, das wäre der
Gipfel der Narrheit . . . aber oben auf dem Saint-Michel? . . . oder in
Indien? Es ist entsetzlich, wie abhängig wir von unserer Umgebung
sind. Nächste Woche will ich heimreisen.
30. Juli. - Seit gestern wieder in meinem Hause. Alles in Ordnung.
2. August. - Nichts Neues; das Wetter ist über die Maßen schön. Den
ganzen Tag sitze ich und schaue auf die vorüberfließende Seine.
4. August. - Stänkereien unter den Dienstboten. Sie behaupten,
nachts würden in den Schränken die Gläser zerbrochen. Der Diener
gibt der Köchin die Schuld, die sagt, die Waschfrau sei es gewesen,
und die schiebt es auf jemand anders. Wer hat es nun getan? Ach,
hol‘s dieser und jener!
6. August. - Diesmal bin ich nicht wahnsinnig. Ich hab‘s gesehen . . .
ich hab‘s gesehen ... ich hab‘s gesehen ...I Nun ist kein Zweifel mehr
möglich ..., ich hab‘s gesehen ...1 Noch überläuft es mich kalt bis in
die Fingerspitzen . . . noch schaudert mich bis ins Mark - ich hab‘s
gesehen . . . !
Im vollen Sonnenschein schleuderte ich um zwei Uhr zwischen mei-
nen Rosenbeeten . . . durch die Herbstrosenallee; sie fangen gerade an
zu blühen.
Als ich stehenblieb und einen Stock »Geant des Batailles« betrachte-
te, der drei herrliche Blüten trug, sah ich, sah ich ganz deutlich, un-
mittelbar vor meinen Augen, daß der Stengel einer der Rosen sich
bog, wie wenn eine unsichtbare Hand an ihm zerrte, und dann knick-
te, wie wenn ebenjene Hand die Rose pflückte! Dann stieg die Blume
in die Höhe und beschrieb dabei einen Bogen, als führe ein Arm sie
an einen Mund, und dann hing sie in der durchsichtigen Luft, ganz
frei, unbeweglich, ein schauerlicher roter Fleck, drei Schritte vor mei-
nen Augen.
Außer mir stürzte ich mich auf sie und griff nach ihr! Nichts; sie war
verschwunden. Da wütete ich wild wider mich selbst, denn ein ver-
nünftiger, ernsthafter Mensch darf doch nicht dergleichen Halluzina-
tionen haben!
Aber war es auch wirklich eine Halluzination? Ich wandte mich und
suchte nach dem Stengel, und sogleich entdeckte ich ihn an dem
Stückchen, frisch gebrochen, zwischen den beiden andern Rosen, die
noch an ihren Zweigen saßen.
Dann ging ich, verstört bis ins Innerste, ins Haus; denn jetzt weiß ich
141
Guy de Maupassant
bestimmt, so bestimmt wie Tag und Nacht einander ablösen, daß in
meiner Nähe ein unsichtbares Wesen existiert, das sich von Milch und
Wasser nährt, das Dinge zu berühren, zu ergreifen und fort-
zubewegen vermag; und deshalb muß es körperlicher Natur sein, ob-
wohl es für unsere Sinne nicht wahrnehmbar ist, und es hat eine Woh-
nung, wie ich, es wohnt unter meinem Dache.
7. August, - Ich habe ruhig geschlafen. Es hat Wasser aus meiner
Karaffe getrunken, aber meinen Schlaf hat es nicht gestört.
Ich überlege, ob ich wahnsinnig bin. Bei einem Spaziergang am Fluß-
ufer, im hellen Sonnenschein, habe ich an meiner Vernunft zu zwei-
feln begonnen, nicht nur von ungefähr, wie bislang, sondern ganz klar
und deutlich. Ich habe Wahnsinnige gesehen; ich habe Wahnsinnige
gekannt, die vernünftig, scharfsichtig, klarblickend waren in allen Le-
bensdingen, bis auf einen Punkt. Über alles mögliche redeten sie
ganz klar, beweglich oder tiefsinnig; aber wenn ihre Gedanken dann
plötzlich auf die Klippe ihrer Wahnvorstellung stießen, dann zer-
schellten sie und trieben hin auf jenem fürchterlichen, wüsten Ozean
voll brausender Wogen, Nebel und Wirbelstürme, »Dementia« gehei-
ßen.
Sicherlich müßte ich mich für wahnsinnig, für völlig wahnsinnig hal-
ten, wenn ich meiner nicht bewußt, wenn ich mir nicht durchaus klar
wäre über meinen Zustand, wenn ich ihn nicht mit schärfster Deut-
lichkeit zu sondieren und zu analysieren vermöchte. Also litte ich im
Grunde wohl doch nur an Halluzinationen und wäre im übrigen ver-
nünftig. Irgendeine unbekannte Störung wäre in meinem Gehirn vor
sich gegangen, eine jener Störungen, welche die heutige Psychiatrie
auf das genaueste festzustellen und zu kontrollieren bemüht ist; und
diese Störung hätte in meinem Geist, in der logischen Folge meiner
Ideen einen tiefen Riß verursacht. Ähnliche Phänomene vollziehen
sich im Traume, der uns zwischen den unwahrscheinlichsten Gaukel-
bildern hindurchgeleitet, ohne daß uns das im geringsten wundert,
weil der Kontrollapparat, weil der nachprüfende Sinn ausgeschaltet
ist, wohingegen die Phantasiekräfte wach sind und arbeiten. Könnte
es nicht sein, daß eine der nicht wahrnehmbaren Tasten meiner
Gehirnklaviatur lahmgelegt ist? Bisweilen verlieren Leute durch ei-
nen Unfall das Gedächtnis für Eigennamen oder Zeitwörter oder Zif-
fern oder bloß für Jahreszahlen. Die einzelnen Gebiete des Denkens
sind lokalisiert; das gilt heute als bewiesen. Da wäre es doch nicht
weiter absonderlich, wenn meine Fähigkeit, mir über das Unwirkliche
142
Der Horla
gewisser Halluzinationen Rechenschaft abzulegen, in diesem Augen-
blick abgedrosselt wäre!
Über all das dachte ich nach, während ich am Flußufer entlangging.
Die Sonne leuchtete auf dem Wasser; ihr Licht verwandelte die Erde
zu etwas Köstlichem; es machte, daß ich mit Blicken der Liebe auf das
Leben schaute, auf die Schwalben, deren Behendigkeit mich erfreut,
auf das Gras am Ufer, dessen Rauschen meinem Ohre Wohltat ist.
Doch allmählich kroch ein unerklärliches Unbehagen in mir hoch.
Eine Gewalt, so schien es mir, eine okkulte Gewalt würgte mich, hielt
mich fest, hinderte mich am Weitergehen, wies mich zurück. Ich
empfand ein schmerzliches Bedürfnis umzukehren, wie es uns über-
kommt, wenn wir daheim einen geliebten Kranken wissen und ah-
nen, daß sein Leiden sich verschlimmert habe.
So kehrte ich denn wider Willen um, in der festen Meinung, daheim
eine unwillkommene Nachricht vorzufinden, einen Brief oder ein
Telegramm. Natürlich war das nicht der Fall, und das machte mich
noch unruhiger, noch bestürzter, als wäre mir abermals eine phanta-
stische Vision zuteil geworden.
8. August. “ Der gestrige Abend war fürchterlich. Es manifestiert sich
nicht mehr; aber ich fühle es neben mir, wie es mich ausspioniert,
mich anblickt, mich durchdringt, über mich Gewalt gewinnt, was, da
es im Verborgenen geschieht, noch weit grauenhafter ist, als wenn es
durch übernatürliche Phänomene seine unsichtbare, beständige Ge-
genwart ankündigte.
Aber dennoch habe ich geschlafen.
9. August. - Nichts, aber ich habe Angst.
10. August. - Nichts; ob es wohl morgen kommt?
1 1 . August. - Noch immer nichts; aber ich vermag es hier nicht länger
auszuhalten mit den Ängsten und Gedanken, die in meiner Seele
wühlen; ich will verreisen.
1 2. August. - Zehn Uhr abends. — Den ganzen Tag über habe ich
fortgehen wollen; allein ich konnte es nicht. Ich habe diesen so leich-
ten, so einfachen Akt der Befreiung vollziehen wollen - hinausgehen
- in meinen Wagen steigen - nach Rouen fahren - allein ich konnte es
nicht. Warum?
1 3. August. Wenn man an gewissen Krankheiten leidet, scheinen alle
Hilfsmittel unseres Körpers erschöpft, alle Energien gelähmt, alle
Muskeln erschlafft, alle Knochen weich wie Fleisch und das Fleisch
flüssig wie Wasser. In meinem moralischen Sein vollzieht sich das
143
Guy de Maupassant
nämliche in seltsamer und trostloser Weise. Ich habe keine Kraft, kei-
nen Mut, keine Selbstbeherrschung mehr, nicht einmal die Fähigkeit,
meinen Willen zu betätigen. Ich kann nicht mehr wollen; aber irgend
etwas in mir will statt meiner; und ich gehorche.
1 4. August. - Ich bin verloren! Irgendjemand hat Besitz ergriffen von
meiner Seele und beherrscht sie! Irgend jemand schreibt mir jede
Handlung, jede Bewegung, jeden Gedanken vor. Ich bin nicht mehr
ich selbst, ich bin nur noch ein versklavter Zuschauer; ich bin entsetzt
über alles, was ich tue. Ich möchte hinausgehen. Ich kann es nicht. Er
will es nicht; und so bleibe ich denn, fassungslos, schlotternd, in dem
Sessel, wo er mir zu sitzen befiehlt. Nur aufstehen möchte ich, mich
erheben, um zu glauben, daß ich noch Herr meiner selbst bin. Ich
kann es nicht! Ich bin an den Stuhl gebannt; und der Stuhl haftet am
Boden, und keine Macht der Welt vermöchte uns von der Stelle zu
bewegen.
Dann, ganz plötzlich, muß, muß, muß ich in den Garten gehen und
Erdbeeren pflücken und sie essen. Und ich gehe auch. Und ich pflük-
ke Erdbeeren und ich esse sie! Oh! Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!
Gibt es einen Gott? Wenn du bist, Gott, befreie mich! Hilf mir! Rette
mich! Gnade! Mitleid! Erbarmen! O diese Qual, diese Marter, diese
Angst!
15. August. - Ja, so ist es. Genauso war meine arme Cousine besessen,
als sie kam und fünftausend Franken von mir leihen wollte. Sie unter-
stand einem fremden Willen, der in sie gedrungen war wie eine zweite
Seele, wie eine zweite schmarotzende, gewalttätige Seele. Steht der
Weltuntergang bevor?
Aber der mich beherrscht, wer ist er, der Unsichtbare, der Unerkenn-
bare, der Schweifende übernatürlichen Geschlechtes?
Denn die Unsichtbaren leben! Aber warum haben sie sich dann nicht
schon seit der Erschaffung der Welt auf eine so untrügliche Weise
kundgetan wie jetzt bei mir? Niemals habe ich etwas gelesen wie das,
was mir in meiner Wohnung geschehen ist. Oh! Könnte ich sie doch
verlassen, könnte ich fortziehen, fliehen, ohne wiederzukehren! Dann
wäre ich gerettet - aber ich kann es nicht.
16. August. - Heute habe ich für zwei Stunden entwischen können,
wie ein Gefangener, der zufällig die Tür seines Kerkers offen findet.
Ich habe plötzlich gefühlt, daß ich frei, daß er fort war. Ich habe
schnell anspannen lassen und bin nach Rouen gefahren. Ach, die
Lust, einem, der gehorcht, sagen zu können: »Nach Rouen!«
144
— Der Horla
Ich ließ vor der Bibliothek halten und entlieh die umfangreiche Ab-
handlung des Doktors Hermann Herestauß über die unbekannten
Weltbewohner in Altertum und Neuzeit.
Dann, in dem Augenblick, wo ich wieder in meinen Wagen stieg,
wollte ich sagen:, »Zum Bahnhof!« und statt dessen schrie ich - ich
sagte nicht: ich schrie -, und zwar so laut, daß die Vorübergehenden
sich umwandten: »Nach Hause!«, und dann taumelte ich, halb ver-
rückt vor Angst, in die Wagenpolster. Er hatte mich gefunden und
aufs neue gepackt.
1 7. August. - Ach, diese Nacht! Diese Nacht! Und dennoch müßte ich
mich eigentlich freuen. Bis ein Uhr nachts las ich! Hermann
Herestauß, Doktor der Philosophie und Theogonie, hat Geschichte
und Seinsbekundungen aller unsichtbaren Wesen beschrieben, die
den Menschen umschweben oder seinen Träumen entsprungen sind.
Er schildert ihre Herkunft, ihren Machtbereich, ihre Kräfte. Aber un-
ter ihnen allen ist kein einziges dem ähnlich, was mich peinigt. Man
möchte meinen, daß der Mensch, solange er denkt, ein neues Wesen
geahnt und gefürchtet habe, eins, das stärker ist als er, das hienieden
seine Nachfolge antreten wird; und der Mensch, der das Nahen seines
Meisters fühlt, ohne dessen Natur erkennen zu können, hat nun in
seinem Entsetzen das ganze phantastische Volk okkulter Wesen, ne-
belhafter Phantome geschaffen, die nichts sind als Ausgeburten der
Furcht,
Nachdem ich also bis ein Uhr nachts gelesen hatte, setzte ich mich ans
offene Fenster und kühlte meine Stirn und erfrischte meine Gedan-
ken im ruhevollen Nachtwind.
Die Nacht war schön und lau. Wie habe ich früher Nächte gleich
dieser geliebt!
Kein Mondschein. Funkelnd und zitternd standen die Sterne auf
einem schwarzen Himmel. Wer mag auf diesen Welten wohnen?
Welche Gestalten, welche Lebewesen, welche Tiere, welche
Pflanzen gibt es dort oben? Und die auf jenen fernen Sternen
denken: worin ist ihr Wissen dem unsrigen überlegen? Worin
übersteigt ihr Können das unsrige? Was vermögen sie zu sehen,
ohne daß wir es erkennen? Und wird nicht heute oder morgen
ihrer einer den Wcltenraum durchqueren und auf dieser unserer
Erde erscheinen, um sie zu erobern, so wie einstmals die Nor-
mannen das Meer durchkreuzten und sich schwächere Völker
dienstbar machten?
145
Gu)> de Maupassant
Wie haldos, wehrlos, unwissend und nichtig sind wir Menschen auf
diesem Stäubchen im Wassertropfen!
Ich seufzte tief und träumte, und der kühle Nachtwind wehte.
So schlief ich etwa vierzig Minuten; dann schlug ich die Augen auf,
ohne mich zu regen; irgendeine verworrene, bizarre Aufwallung hatte
mich erweckt. Zunächst sah ich nichts, dann aber, ganz plötzlich, war
mir, als hätte sich in dem Buche, das aufgeschlagen auf dem Tische
liegengeblieben war, eine Seite von selbst umgeblättert. Nicht der ge-
ringste Luftzug war durch das Fenster geweht. Überrascht wartete
ich. Nach ungefähr vier Minuten sah ich, sah ich, ja, sah ich, wie die
nächste Seite sich aufhob und auf die vorhergehende legte, wie wenn
ein Finger sie umgeblättert hätte. Mein Sessel war leer, schien leer;
doch ich wußte, daß er, er da war, daß er auf meinem Platze saß, daß
er las. Mit einem wütenden Satz, einem Satz, wie ein ausbrechendes
Tier ihn tut, das seinen Bändiger zerfleischen wUl, stürzte ich durch
mein Zimmer und wollte ihn fassen, ihn würgen, töten . . . ! Aber mein
Sessel stürzte um, noch ehe ich dort war, als wenn einer vor mir flüch-
tete . . . der Tisch schwankte, die Lampe fiel um und erlosch, das Fen-
ster schlug zu, als wenn ein überraschter Übeltäter sich hinaus in die
Nacht geschwungen und mit aller Kraft die beiden Fensterflügel hin-
ter sich zusammengeschlagen hätte.
Also hatte er sich in Sicherheit gebracht! Er hatte Angst gehabt, vor
mir Angst gehabt, er, er hatte Angst gehabt!
Dann aber . . . dann aber . . . morgen . . . oder später . . . irgendwann . . .
werde ich ihn also mit diesen meinen Fäusten packen und zu Boden
schmettern können! Nicht wahr, manchmal beißen und würgen doch
die Hunde ihre Herren?
18. August. - Den ganzen Tag über habe ich überlegt. O ja, ich will
ihm gehorchen, will allen seinen Einflüsterungen Folge leisten, alle
seine Wünsche erfüllen, mich demütigen, feige unterwerfen. Er ist
der Stärkere. Doch es wird eine Stunde kommen . . .
1 9. August. - Ich weiß . . . ich weiß . . . ich weiß alles! Eben habe ich in
der »Revue du Monde Scientifique« folgendes gelesen: »Aus Rio de
Janeiro wird uns etwas sehr Merkwürdiges gemeldet. Eine Wahn-
sinnsepidemie, die nur mit den ansteckenden Wahnvorstellungen der
europäischen Völker im Mittelalter verglichen werden kann, wütet
augenblicklich in der Provinz Säo Paolo. Die von der Krankheit er-
griffenen Einwohner verlassen ihre Häuser, flüchten aus den Dörfern,
lassen ihre Plantagen liegen und behaupten, sie wurden verfolgt, be-
146
Der Horla
sessen, getrieben wie menschliches Vieh von unsichtbaren, indes
spürbaren Wesen, einer Art Vampire, die ihnen während des Schlafes
die Lebenskraft aussaugten und sich sonst von Wasser und Milch
nährten, ohne andere Nahrungsmittel anzurühren.
Professor Don Pedro Henriquez ist in Begleitung mehrerer hervorra-
gender Ärzte nach der Provinz Säo Paolo abgereist, um an Ort und
Stelle Ursache und Symptome dieses eigenartigen Wahnes zu studie-
ren und dem Kaiser geeignete Maßregeln vorzuschlagen, um die ra-
sende Bevölkerung wieder zur Vernunft zu bringen.«
Ah! Ah! Ich besinne mich, ich entsinne mich des schönen brasiliani-
schen Dreimasters, der am 8. Mai unter meinen Fenstern die Seine
hinauffuhr! Ich fand ihn so schmuck, so weiß, so heiter! Das Wesen
war darauf; es war von drüben gekommen, wo sein Geschlecht seinen
Ursprung hat! Und da gewahrte es mich! Und es sah auch mein wei-
ßes Haus, und da ist es vom Schiff ans Ufer gesprungen. Oh, mein
Gott!
Und nun weiß ich es, errate ich es. Mit der Herrschaft des Menschen
ist es vorbei!
Er ist gekommen. Er, den schon die ersten Schreckensregungen nai-
ver Völker fürchteten. Er, den besorgte Priester als Teufel austrieben.
Er, den Zauberer in düsteren Nächten beschworen, ohne daß er ih-
nen bislang jemals erschienen wäre; Er, dem die Menschen, die vor-
übergehend die Welt beherrschten, ungeheuerliche oder liebliche Ge-
stalten als Gnom, Luftgeist, Genius, Fee oder Kobold liehen. Nach
solcherlei plumpen Ausgeburten primitiver Furcht haben Menschen
mit klarerem Blick ihn deudicher vorgeahnt. Mesmer hat ihn erraten,
und bereits seit zehn Jahren haben die Ärzte mittels exakter Metho-
den seine Macht und deren Natur festgestellt, noch ehe Er selbst sich
ihrer bedient hat. Gespielt haben sie mit der Waffe des neuen Herrn,
der Macht eines geheimnisvollen Willens über die zum Sklaven er-
niedrigte Menschenseele. Und das haben sie dann Magnetismus,
Hypnotismus, Suggestion genannt ... oder so ähnlich. In kindischer
Dummheit hatten sie, wie ich selbst gesehen habe, ihre Freude an die-
ser furchtbaren Macht! Weh uns! Weh dem Menschen! Er ist gekom-
men, der . . . der . . . wie heißt er doch . . . der . . . mir ist, als riefe er mir
seinen Namen zu, und ich kann ihn nicht verstehen . . . der ... ja ... er
ruft ihn . . . Ich . . . verstehe nicht . . . noch einmal . . . der . . . Horla . . .
Jetzt habe ich verstanden . . . der Horla ... Er ist es .. . der Horla ... er
ist gekommen . . .
147
Guy de Maupassant
Ah! Der Geier hat die Taube gefressen, der Wolf das Lamm; der
Löwe hat den Büffel verschlungen, den Büffel mit spitzigen Hörnern;
der Mensch hat den Löwen getötet, getötet mit dem Pfeil, mit dem
Schwert, mit Pulver und Blei; aber der Horla wird mit dem Menschen
tun, was wir mit dem Pferd und dem Stier getan haben: er macht uns
zu seinem Eigentum, seinem Diener, seiner Nahrung, und das einzig
durch die Macht seines Willens. Weh uns!
Doch bisweilen empört sich das Tier wider den, der es zähmte, und
tötet ihn . . . und so will auch ich tun . . . ich möchte . . . aber da muß ich
ihn zuvor kennen, ihn anrühren, ihn erblicken! Die Gelehrten be-
haupten, die Augen der Tiere seien anders als die unsrigen, hätten
nicht das gleiche Unterscheidungsvermögen . . . Und so ist es auch mit
meinen Augen: sie sehen nicht den Ankömmling, der mich unter-
drückt.
Warum? Oh, jetzt fallen mir die Worte des Mönchs vom Saint-Michel
ein: »Sehen wir denn auch nur den hunderttausendsten Teil von dem,
was ist? Denken Sie doch an den Wind, der die gewaltigste Naturkraft
ist, der Menschen zu Boden schleudert, Gebäude umstürzt, Bäume
entwurzelt, das Meer zu Wassergebirgen aufwühlt und auftürmt, Kü-
sten zerstört und große Schiffe in die Brandung schmettert, den
Wind, der da mordet, pfeift, seufzt, brüllt - aber haben Sie ihn je
gesehen? Und dennoch ist er!«
Und weiter dachte ich: mein Auge ist so schwach, so unvollkommen;
es vermag ja nicht einmal einen festen Körper zu sehen, wenn er
durchsichtig wie Glas ist . . . Wenn ein Spiegel ohne Folie mir den Weg
versperrt, so tappe ich hinein, wie ein Vogel, der sich in ein Zimmer
verflogen hat und sich den Kopf an den Fensterscheiben zerschmet-
tert. Und läßt sich mein Auge nicht durch tausend andere Dinge täu-
schen und irreführen? Also ist es doch nicht weiter verwunderlich,
wenn es einen ihm neuen Körper, der lichtdurchlässig ist, nicht so-
gleich zu erspähen vermag!
Ein neues Wesen! Und warum nicht? Wahrlich, es mußte kommen!
Warum sollten gerade wir die letzten sein? Ob wir es wohl ebensowe-
nig werden erkennen können wie alle vor uns Geschaffenen? Das hät-
te dann seine Ursache in seiner größeren Vollkommenheit, seinem
feineren, vollendeteren Körper, und in der Schwäche des unsrigen,
der so ungeschickt geformt, so überladen mit Organen ist, die stets
erschöpft, stets überreizt sind wie zu kompliziert gearbeitete Federn,
unseres allzu schwachen Körpers, der wie eine Pflanze oder wie ein
148
Der Horla
Tier lebt und sich von Luft, Kräutern und Fleisch kümmerlich nährt,
eine animalische Maschine, der Krankheit, der Verkrüppelung, der
Verwesung preisgegeben, engbrüstig, ungeregelt, naiv und bizarr,
eine geniale Pfuscherei, ein plumpes und dennoch empfindliches
Werk, eine mißratene Skizze, aus der etwas Gescheites und Wunder-
volles hätte werden können.
Es gibt auf dieser Welt im Grunde nur ein paar Geschöpfe, allzu we-
nige, zwischen Auster und Mensch.
Warum nicht noch ein Wesen mehr, wenn doch die Frist ver-
strichen ist, welche die Abfolge all der mannigfachen Gattungen
scheidet?
Warum nicht ein Wesen mehr? Warum nicht neue Bäume mit unge-
heuer großen Blüten, die ganze Länder mit ihrem Leuchten und ih-
rem Duft erfüllen? Warum nicht neue Elemente außer Feuer, Luft,
Erde und Wasser? - Es sind ihrer vier, lediglich vier der Urväter aller
Wesen! Wie armselig! Warum gibt es nicht vierzig, vierhundert, vier-
tausend?! Wie armselig, kümmerlich und erbärmlich ist das alles! Wie
karg bemessen, wie dürftig erfunden, wie plump gestaltet! Ah! Ele-
fant, Nilpferd - wie sind sie voller Anmut! Und das Kamel - wie ist es
elegant!
Aber der Schmetterling, sagt ihr, die fliegende Blume! Ich schaffe mir
einen, größer denn hundert Welten, mit Flügeln, deren Form, Schön-
heit, Farbe und Bewegung ich nicht zu schildern vermag. Aber ich
sehe ihn ... er fliegt von Stern zu Stern und labt jeden und macht ihn
duften durch seines Fluges leichten, harmonischen Hauch ...! Und
die Sternenvölker sehen, wie er vorübergleitet, und sind berauscht
und hingerissen!
Was habe ich nur? Er ist es, er, der Horla; er sucht mich heim; er gibt
mir diese Wahngedanken ein! Er ist in mir, er wird zu meiner Seele!
Ich muß ihn töten!
19. August. - Ich muß ihn töten. Ich habe ihn gesehen! Gestern
abend saß ich an meinem Tische! Und ich tat, als schriebe ich auf-
merksam. Ich wußte sehr wohl, daß er mich dann umschleichen wür-
de, ganz dicht, so nahe, daß ich ihn vielleicht berühren, ihn packen
konnte! Und dann...? Dann hätte ich die Kraft der Verzweiflung ge-
habt, mit Händen, Knien, Brust, Stirn, Zähnen hätte ich ihn erwürgt,
erdrosselt, zerrissen, zerfleischt.
Und ich lauerte auf ihn mit fieberhaft angespannten Sinnen.
Beide Lampen hatte ich angesteckt, und außerdem die acht Kerzen
149
Guy de Maupassant
auf dem Kamin, als hätte ich seiner bei dem hellen Lichte leichter
gewahr werden können.
Mir gegenüber mein Bett, ein tiltes eichenes Bett mit Säulen; rechts
der Kamin; links die Tür, die ich sorgfältig geschlossen hatte, nach-
dem ich sie lange hatte offenstehen lassen, um ihn anzulocken; hinter
mir ein sehr hoher Spiegelschrank, vor dem ich mich täglich rasiere
und ankleide, und in dem ich mich von Kopf bis Fuß zu betrachten
pflege, wenn ich daran vorübergehe.
Ich tat also, als ob ich schriebe, um ihn irrezuführen; denn er belauer-
te mich ja doch; und plötzlich fühlte ich, ich wußte es ganz genau, daß
er mir über die Schulter sah und mitlas, daß er da war, daß er mein
Ohr streifte.
Mit ausgestreckten Händen fuhr ich hoch, schnellte ich herum, so
hastig, daß ich fast gestürzt wäre. Ha! Nun . . .? Man konnte sehen wie
am hellen, lichten Tage, und dabei sah ich mich nicht im Spiegel ...I
Er war leer, klar, tief, hell beleuchtet! Mein Spiegelbild war nicht dar-
in .. . und dabei stand ich unmittelbar davor! Ich sah das schimmern-
de Glas von oben bis unten. Und ich starrte es an mit irren Blicken.
Und ich wagte nicht, weiter nach vorn zu gehen, ich wagte keine Be-
wegung; denn ich fühlte nur zu gut, daß er da war, daß er mir jedoch
wiederum entkommen würde, er, dessen unsichtbarer Körper mein
Spiegelbild verschlungen hatte.
Oh, die Angst! Dann, plötzlich, fing ich an, mich nebelhaft wahrzu-
nehmen, im Spiegelgrunde, nebelhaft, als stünde ich hinter einem
Wasserfall; und mir war, als glitte dieses Wasser von links nach rechts,
langsam, während mein Bild immer deutlicher wurde, von Sekunde
zu Sekunde. Wie das Schwinden einer Sonnenfinsternis war es. Was
mich verhüllte, schien keine scharf begrenzten Umrisse zu besitzen;
es war dunkel und dennoch durchsichtig und wurde allmählich im-
mer matter.
Schließlich konnte ich mich wieder deuüich wahrnehmen, wie tag-
täglich beim Hineinschauen.
Ich habe ihn gesehen! Noch sitzt mir die Angst in den Gliedern und
macht mich schaudern.
20. August. - Ihn töten. Aber wie? Ich kriege ihn ja doch nicht zu
fassen! Mit Gift? Aber er sähe ja, wenn ich es ins Wasser mischte. Und
überdies: würden unsere Gifte denn auf seinen unsichtbaren Körper
wirken? Nein . . . nein . . . auf keinen Ftdl . . . Aber wie dann . . .?
21. August. - Ich habe einen Schlosser aus Rouen kommen lassen
150
Der Horla
und ihn beauftragt, in meinem Schlafzimmer eiserne Jalousien anzu-
bringen, wie sie die Erdgeschosse mancher Privathäuser in Paris zum
Schutz gegen Einbrecher haben. Überdies soll er mir eine ent-
sprechende Tür anfertigen. Es sieht aus, als ob ich feige wäre, aber
das ist mir gleichgültig . . . !
10. September. - Rouen, Hotel Continental. Es ist vollbracht ... Es ist
vollbracht . . . Aber ist er wirklich tot? Meine Seele ist aufgewühlt von
dem, was ich habe sehen müssen.
Gestern also hat der Schlosser die eisernen Jalousien und die Eisentür
angebracht; bis Mitternacht habe ich alles offengelassen, obwohl es
bereits anfmg, kühl zu werden.
Plötzlich fühlte ich, daß er da war, und Freude, irrsinnige Freude
packte mich. Ich stand auf und ging eine ganze Weile im Zimmer hin
und her, damit er nichts merkte; dann zog ich meine Stiefel aus und
schlüpfte lässig in meine Hausschuhe; darauf schloß ich die Eisen-
jalousien, ging ruhig zur Tür, machte sie ebenfalls zu und drehte zwei-
mal den Schlüssel herum. Dann trat ich wiederum zum Fenster, ließ
das Vorhängeschloß einschnappen und steckte den Schlüssel in die
Tasche.
Plötzlich merkte ich, wie er mich unruhig umschlich, wie er seinerseits
Angst hatte und mir befahl, ihm zu öffnen. Fast hätte ich nachgege-
ben - aber ich gab nicht nach, sondern lehnte mich mit dem Rücken
gegen die Tür und öffnete sie spaltbreit, just weit genug, daß ich hin-
auszuschlüpfen vermochte, rückwärts; ich bin sehr groß, mein Kopf
berührte den oberen Querbalken. Ich war sicher, daß er mir nicht
hatte entwischen können, und nun schloß ich ihn ein; er blieb ganz
allein drinnen, ganz allein! Ha, wie ich mich freute! Ich hatte ihn!
Dann eilte ich nach unten, in aller Hast; im Salon, der genau unter
dem Schlafzimmer liegt, langte ich mir die beiden Lampen her und
goß das ganze Petroleum auf den Teppich, auf die Möbel, überallhin;
dann warf ich ein Streichholz hinein, brachte mich in Sicherheit und
schloß hinter mir die große Haustür doppelt ab.
Und dann verbarg ich mich hinten im Garten in einem Lorbeerge-
büsch. Wie lange es dauerte! Wie lange es dauerte! Alles blieb dunkel,
stumm, regungslos; kein Lufthauch, kein Stern, nur Wolkengebirge,
die ich nicht sehen konnte, die aber schwer auf meiner Seele lasteten,
ach, so schwer.
Ich sah nach meinem Hause hinüber und wartete. Wie lange es dau-
151
Guy de Maupaussant
erte! Schon glaubte ich, das Feuer sei von selber wieder ausgegangen,
oder Er habe es gelöscht; da platzte, von der Hitze gesprengt, ein Fen-
ster des unteren Stochwerkes, und eine Flamme, eine große, rote, gel-
be, züngelnde, geschmeidige, schmeichelnde Flamme leckte an der
weißen Mauer entlang und stieg bis zum Dache hinauf. Ein Leucht-
glanz rieselte über die Bäume, durch die Zweige, durch das Blät-
terwerk, und ein Erschauern, ein furchtsames Erschauern schien sie
zu durchrinnen! Die Vögel erwachten, ein Hund begann zu heulen;
mir war, als dämmere der Morgen! Nun aber zerknallten zwei weitere
Fenster, und ich sah, daß das untere Stockwerk meines Hauses nur
noch ein fürchterliches, waberndes Glutmeer war. Und ein Schrei, ein
entsetzlicher, überschriller, schneidend scharfer Schrei, ein Frauen-
schrei gellte in die Nacht, zwei Mansardenfenster taten sich auf! Ich
hatte meine Dienerschaft vergessen! Ich sah ihre wahnwitzig verzerr-
ten Gesichter und ihre wirbelnden Arme . . . !
Da lief ich, von Grauen geschüttelt, ins Dorf und brüllte: »Hilfe! Hil-
fe! Feuer! Feuer!« Ich stieß auf Leute; sie kamen mir entgegenge-
rannt; ich kehrte mit ihnen um, ich wollte sehen.
Nun war das Haus nichts als ein fürchterlich prächtiger Scheiterhau-
fen, ein ungeheuerlicher Scheiterhaufen, der die ganze Erde überhell-
te, ein Scheiterhaufen, darin Menschen verbrannten, darin auch Er
verbrannte. Er, Er, mein Gefangener, das Neue Wesen, der Neue
Herr, der Horla!
Mit einem Male brach das ganze Dach zwischen den Mauern nieder,
und ein Feuerberg lohte zum Himmel.
Sämtliche Fenster waren in der Glut gesprungen, und durch ihre offe-
nen Höhlen sah ich den Brandherd, und mir fiel ein, daß Er dort
drinnen sei, in den Flammen, tot . . .
- Tot? Vielleicht . . .? Sein Körper? Sein Körper, der lichtdurchlässige,
war er wohl durch Mittel zu zerstören, die unsern Leibern tödlich
sind?
Wenn er nun nicht tot wäre ...? Vielleicht hat einzig die Zeit Gewalt
über das furchtbare, unsichtbare Wesen. Warum wäre sein Körper
durchsichtig, unfaßbar, geisterhtift, wenn auch Er Krankheit, Wun-
den, Wandel, vorzeitige Vernichtung zu befürchten hätte?
Vorzeitige Vernichtung? Sie ist es, die der Menschheit ganze Furcht
verursacht! Und nach dem Menschen kommt der Horla. - Nach
dem, der alle Tage sterben kann, in jeder Stunde, jeder Minute, den
jeder Zufall hinwegzuraffen vermag, ist Er gekommen, der erst zu
152
Kommentar
sterben braucht, wenn sein Tag herangenaht ist, seine Stunde, seine
Minute; denn dann erst hat er seines Daseins Grenze erreicht!
Nein . . . nein . . . auf keinen Fall, auf keinen Fall ... Er ist nicht tot . . .
Aber dann ... aber dann ... muß ich mich töten ... muß ich mich
töten ...!
/Kommentar
In der M)velk vom »Horla« von Guy de Maupassant wird in sehr
eindrucksvoller Weise eine Fülle produktiv-psychotischer Phänomene
geschildert, wie sie bei schizophrenen Patienten Vorkommen können,
die aber auch im Rahmen exogener Psychosen denkbar sind. Eine
genaue DiJfeientialdiagno.se ist aufgrund der Darstellung nicht möglich, da nur die
Phänomene geschildert werden, nicht aber die mögliche Verursachung. De Maupas-
sant hat selber an einer Syphilis gelitten, in deren Verlauf er psychotische Symptome
erlebte und an der er im Alter von 43 Jahren gestorben ist. Offenbar hat der Autor
durch seine Selbsterfahrung eine genaue Kenntnis von psychotischer Symptomatik
erlangt, die ihm hilfreich bei der Abfassung dieser Erzählung war. Der Erzähler
teilt mit, dass die Krankheit arjanglich mit Fieber und körperlicher Schwäche be-
gonnen habe, was uns denken lassen könnte, dass es sich nicht um eine schizophrene
Psychose im engeren Sinne, .sondern um eine körperlich bedingte Psychose handelt
Die produktiv-psychotische Symptomatik wird in vielen Facetten geschildert, wobei
ruhen den produktiv-psychotischen Erlebnissen auch Schlafstörungen, Krafllosig-
keit und Erschöpfung, Unruhezustände, Angstzustände, Stimmungsschwankungen
und Verwirrtheit geschildert werden. Es spielen produktiv-psychotische Erlebnisse
und Vejblgungsideen sowie andere Wahnvorstellungen eine große Rolle.
Daneben sind auch synä.sthetische Empfindungen von Bedeutung, funehmend wer-
den die psychotischen Einzelerlebnisse in einen systematischen Zusammenhang ge-
bracht im Sinne eines systematischen Waknes. Der Protagonist ist schließlich von
der Gegenwart eines anderen Wesens überzeugt, einer Art Geistwesen mit dem Jla-
men Horla, den er als akustische Halluzination wahrnimmt. »Horla« wird als eine
Art übermemchliches, gottähnliches Wesen interpretiert. Der Protagonist kommt
immer mehr in Bedrängnis und sperrt dm »Horla« in sein eigenes Haus ein, das er
anzündet, um ihn zu verbrennen. Dabei vergisst er, dass auch andere Mitbewohner
im Hause sind. Er stellt damit u.a. auch die schwere konsequenzenreiche Alltagsre-
levanz psychkchftr Symptomatik in allen Facetten dar. Auffallend ist, dass der
Protagonist ver.sucht, sich selber die Phänomene zu erklären, mit .Namen verschiede-
ner theoretischer Ansätze. So führt er mit einem Mönch Gespräche über unsichtbare
153
Kommentar
Wesen und wird durch den Mönch darin bestätigt, dass es unsichtbare Wesen gibt.
Insbesondere aber eigene Eifahrungen mit Hypnose-Experimenten fiihren dazu, die
Jur ihn an sich unfassbaren psychischen Erlebnisse zu erklären.
154
i
F3: Depression und Suizidalität
Unter den affektiven Störungen kommt den depressiven Erkrankun-
gen bei weitem die größte Bedeutung zu, sie gehören zu den häufigs-
ten psychischen Erkrankungen. Zwischen 10 und 20 Prozent der Be-
völkerung (8-12 % der Männer und 10-20 % der Frauen) erkranken
im Laufe des Lebens an einer Depression. Die Ätiopathogenese der
Depression ist multifaktoriell. Neben genetischen Faktoren, biologi-
schen und anderen Faktoren kommen psychosozialen Faktoren eine
große Rolle zu.
Das klinische Bild der Depression kann vielgestaltig sein. Als Leit-
symptome gelten depressive Verstimmung, Hemmung von Antrieb
und Denken sowie Schlafstörungen. Das Ausmaß der Depressivität
kann von leichterer Verstimmung bis zum schwermütigen, scheinbar
ausweglosen, versteinerten Empfinden reichen. Der Antrieb ist typi-
scherweise gehemmt, die Kranken können sich zu nichts aufraffen,
sind interesse- und initiativlos und können sich nur schwer oder gar
nicht entscheiden. Häufig finden sich vegetative Symptome wie
Appetitlosigkeit, Obstipation und Libidomangel. Die Leibnähe der
Depression kann sich in leiblichen Missempfindungen, wie z.B.
Druck- und Schweregefühle in Brust oder Bauchraum bzw. der Ex-
tremitäten sowie Schmerzen äußern. Manchmal kommt es auch zu
Entfremdungserleben. Der Depressive sieht sich selbst und die ihn
umgebende Welt negativ. Häufig ist ein sozialer Rückzug infolge der
depressiven Symptomatik zu beobachten. Ein Teil der Patienten kann
aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes mit ernstem Gesichtsaus-
druck, erstarrter Mimik und Gestik, gesenktem Blick und leiser zö-
gernder Stimme erkannt werden. In anderen Fällen muss der Arzt die
depressive Symptomatik gezielt explorieren. Im Rahmen der negati-
ven Sichtweisen der depressiven Patienten kann es bei schweren De-
pressionen zur Entstehung depressiver Wahnideen kommen. Dies
155
F3
sind Verarmungs- und Schuldwahn, hypochondrischer oder nihilisti-
scher Wahn. Man spricht dann von einer psychotischen Depression.
Wegen Schwierigkeiten der querschnittsmäßigen und differentialdi-
agnostischen Abgrenzung von endogener und neurotischer Depressi-
on und insbesondere dem Zweifel an der Hypothese, dass diesen bei-
den Erkrankungsformen völlig unterschiedliche ätiopathogenetische
Faktoren zugrunde liegen, wird in der ICD- 10 diese Unterscheidung
nicht vorgenommen, sondern stattdessen vorwiegend nach der Inten-
sität der Symptomatik sowie Verlaufscharakteristika unterschieden.
Damit soll u.a. erreicht werden, dass leichtere Depressionsformen
nicht als neurotische und somit als psychogene Depressionen inter-
pretiert werden. Obwohl die in der ICD- 10 verwendeten Diagnostik-
gruppen nicht deckungsgleich sind mit den traditionellen diagnosti-
schen Konstrukten bzw. der neurotischen Depression, sind aber
durchaus enge Beziehungen erkennbar, insbesondere die schwere de-
pressive Episode lässt die Beziehung zur endogenen Depression (Me-
lancholie) deutlich werden. Einen gewissen Bezug zur traditionellen
Diagnose der depressiven Neurose hat die Kategorie Dysthymie, die
eine langdauernde depressive Verstimmung bezeichnet, die aber in
der Regel nicht das Ausmaß einer depressiven Episode erreicht.
Die depressiven Störungen lassen sich heute relativ wirkungsvoll be-
handeln. Bei der depressiven Episode steht dabei die Therapie mit
Antidepressiva im Vordergrund. Bei den anderen Depressionsformen
kommt eher die psychosoziale Therapie in Frage.
Zu dem Spektrum depressiver Störungen gehört auch die depressive
Anpassungsstörung, die nach entscheidenden Veränderungen im Le-
ben oder auch als Folge eines belastenden Lebensereignisses auftreten
kann. Zu depressiven Anpassungsstörungen kommt es insbesondere
nach Trennung von engen Bezugspersonen durch Tod oder gezielte
Entscheidung. Die individuelle Prädisposition oder Vulnerabilität
spielt eine große Rolle, die eigentliche Ursache ist aber die psychoso-
ziale Belastung. Die Symptome sind unterschiedlich und umfassen
depressive Stimmung, Angst, Besorgnis, ein Gefühl, dass es unmög-
lich ist zurechtzukommen und anderes. Der Beginn der Störung steht
meistens in unmittelbarem Zusammenhang mit dem belastenden Er-
eignis. Die Symptome dauern selten länger als sechs Monate an.
Bei depressiven Patienten besteht ein ausgeprägtes Suizidrisiko. 15
Prozent der Patienten mit schweren depressiven Störungen begehen
Suizid, 20 bis 60 Prozent weisen Suizidversuche in ihrer Krankheits-
156
F3
geschichte auf, 40 bis 80 Prozent leiden während einer Depression an
Suizidideen. Die Suizidalität und das damit verbundene Risiko eines
Suizidversuchs oder eines Suizids ist bei der Behandlung Depressiver
besonders zu beachten. Wegen dieses Risikos kann jede Depression
eine »tödliche Krankheit« sein. Dem Suizidversuch bzw. Suizid geht
oft ein präsuizidales Syndrom mit den folgenden Elementen voraus:
Erleben von Ausweglosigkeit, sozialer Rückzug, ständiges Sich-Be-
schäftigen mit Todesgedanken. Zu beobachten ist oft nach vorheriger
Verzweiflung und Unruhe der Eintritt plötzlicher Ruhe oder sogar
friedvoller Gelöstheit (»Ruhe vor dem Sturm«). Die Veränderungen
machen meistens deutlich, dass der Patient seine Entscheidung für
den Suizid getroffen hat und aus der vorangegangenen Ambivalenz
befreit ist.
157
Johann Wbygang von Goethe
Die Leiden des jungen Werthers
aus: Johann Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werthers.
© 1991 by Wunderlich, Tübingen
Einführung
Der Briefroman »Die Laden des jungen Werthers« (1774) machte
den promovierten Juristen Johann Wo f gang von Goethe (1749
bis 1832) mit einem Schlag in ganz Europa berühmt, denn er
faszinierte aifgrund einer identifikatorischen Lektüre damit eine
ganze Generation von hauptsächlich jungen Lesern mit seiner kompromisslosen,
dem Sturm und Drang verpflichteten Darstellungsweise. Nicht wenige Jünglinge
der feit kleideten sich sogar wie Werther.
Der Stoff basiert auf einem eigenen schmerzlichen Liebeserlebnis in seiner feit als
Referendar am Reichskammergericht in Wetzlar. Goethe warb vergeblich um Char-
lotte Buff, die Braut seines Freundes Kestner, verliebte sich kurz darauf in die junge
Maximiliane La Roche, die wiederum vom Franlfurter Kaufmann Peter Brentano
geheiratet wurde. Als sich schließlich der unglücklich verliebte Legationsrat Carl
Wilhelm Jerusalem mit einer Pistole erschoss, die er sich von Kestner ausgeliehen
hatte, .schrieb Goethe den Roman innerhalb von vier Wochen nieder und milderte
erst in einer Neufassung von 1787 die leidenschcftliche Impulsivität durch das
Einarbeiten neuer Erfahrungen etwas ab. Auf der Grundlage der an pietistischer
Erbauungsliteratur orientierten Fehlentwicklung einer Lesart, in der die Grenzen
zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, entwickelte sich bei den feitgenos-
sen das sog. Werther- Fieber, in dessen Folge es angeblich europaweit zu Imitations-
suiziden kam, womit u. a. das zeitweilige Verbot des Romans am Druckort Leipzig
legitimiert werden sollte. Goethe musste sich sein Lebtag gegen entsprechende Vor-
würfe der »Anstiftung zum Selbstmord« wehren, obgleich er schon der 2. Auflage
(1775) den eindringlichen Rat an seine Leser hinzugefügt hatte: »Sei ein Mann
und folge mir nicht.«
Während vor allem Theologen vor einer literarischen Glorifizierung des Suizids
warnten, setzten sich zahllose Kritiker und Imitatoren in sog. Wertheriaden teils
bloß modisch, teils spöttisch parodistisch, teils nachiffend mit dem Roman ausein-
ander. Die internationale Literaturgeschichte kennt etliche Rückgriffe auf den
159
Johann Wolfgang von Goetiw
Werther, am überzeugendsten bei Thomas Mann (»Lotte in Weimar«, 1939) und
bei Ulrich Plenzdorf (»Die neuen Leiden des jungen W.«, 1972).
Jur Richtigstellung der um den Roman entstandenen Mythen stellt der Kompara-
tist A. Hölter fest: »Das Bild vom Werther-Fieber suggeriert eine epidemische Zu-
nahme von Suiziden unter direktem, nachweisbarem Einfluss der Lektüre des Ro-
mans als Nachahmungstaten liebeskranker junger Männer, aber auch Frauen. Tat-
sächlich lässt sich international etwa ein Dutzend Selbsttötungen nachweisen, die
zumindest von den Jei^enossen mit Goethes Briefroman in Verbindung gebracht
wurden, doch ist dies zu keiner Jeit ein Massenphänomen gewesen, wie die literar-
historische Legendenbildung will. Da jedoch Goethes Erfolgs- und Skandalroman
den Modellfall fir die negative Wirkung von Medienrezeption darstellt, wird in der
Soziologie bei der Untersuchung solcher Fälle inzwischen weltweit vom Werther-
Effekt gesprochen.«
Weiterführende Literatur:
Mario Leis: Die lAden des jungen Werther. I^ktüreschlüssel Jur Schüler. Reclam
2002
Die Leiden des jungen Werthers
Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen
brach und ihrem gepressten Herzen Luft machte,
hemmte Werthers Gesang. Er warf das Papier
hin, fasste ihre Hand und weinte die bittersten
Tränen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg
ihre Augen ins Schnupftuch. Die Bewegung bei-
der war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend
in dem Schicksale der Edlen, fühlten es zu-
sammen und ihre Tränen vereinigten sie. Die
Lippen und Augen Werthers glühten an Lottens Arme; ein Schauer
überfiel sie; sie wollte sich entfernen und Schmerz und Anteil lagen
betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete, sich zu erholen, und bat ihn
schluchzend fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels!
Werther zitterte, sein Herz wollte bersten, er hob das Blatt auf und las
halb gebrochen.
»Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ich
betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist
160
Die Lddm des jungen Werthers
nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der
Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit,
ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich nicht
finden. -«
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen. Er warf
sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, fasste ihre Hände,
drückte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ah-
nung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre
Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände, drückte sie wider ihre
Brust, neigte sich mit einer wehmütigen Bewegung zu ihm, und ihre
glühenden Wangen berührten sich. Die Welt verging ihnen. Er
schlang seine Arme um sie her, presste sie an seine Brust und deckte
ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden Küssen. - Wer-
ther! rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend, Werther! - und
drückte mit schwacher Hand seine Brust von der ihrigen; - Werther!
rief sie mit dem gefassten Tone des edelsten Gefühles. - Er wider-
stand nicht, ließ sie aus seinen Armen und warf sich unsinnig vor sie
hin. Sie riss sich auf und in ängsdicher Verwirrung, bebend zwischen
Liebe und Zorn, sagte sie: Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn
mich nicht wieder. - Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den
Elenden eilte sie ins Nebenzimmer und schloss hinter sich zu. Wer-
ther streckte ihr die Arme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er
lag an der Erde, den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung
blieb er über eine halbe Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst
rief Es war das Mädchen, das den Tisch decken wollte. Er ging im
Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein sah, ging er zur Türe
des Kabinetts und rief mit leiser Stimme: Lotte! Lotte! nur noch ein
Wort! ein Lebewohl! - Sie schwieg. Er harrte und bat und harrte;
dann riss er sich weg und rief: Lebe wohl, Lotte! auf ewig lebe wohl!
Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren, lie-
ßen ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und
Schnee, und erst gegen eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte,
als Werther nach Hause kam, dass seinem Herrn der Hut fehlte. Er
getraute sieh nicht, etwas zu sagen, entkleidete ihn, alles war nass.
Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange
des Hügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihn
in einer finstern feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.
Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schrei-
161
Johann Wolfgang von Goethe
bend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee
brachte. Er schrieb Folgendes am Briefe an Lotten.
»Zum letzten Male denn, zum letzten Male schlage ich diese Augen
auf Sie sollen ach! die Sonne nicht mehr sehen, ein trüber neblichter
Tag hält sie bedeckt. So traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund,
dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühl ohne-
gleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am näch-
sten, zu sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich
habe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da in meiner
ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am Bo-
den. Sterben! was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode
reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt ist die
Menschheit, dass sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn
hat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einen Augenblick -
getrennt, geschieden - vielleicht auf ewig? - Nein, Lotte, nein - Wie
kann ich vergehen? wie kannst du vei^ehen? Wir sind ja! - Vergehen!
- Was heißt das? Das ist wieder ein Wort! ein leerer Schall! ohne Ge-
fühl für mein Herz. — Tot, Lotte! eingescharrt der kalten Erde, so
eng! so finster! - Ich hatte eine Freundin, die mein Alles war meiner
hülflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrer Leiche, und stand an
dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterließen und die Seile schnurrend
unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die erste Schaufel
hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton wie-
dergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt war!
- Ich stürzte neben das Grab hin - ergriffen, erschüttert, geängstet,
zerrissen mein Innerstes, aber ich wusste nicht, wie mir geschah - wie
mir geschehen wird - Sterben! Grab! ich verstehe die Worte nicht!
O vergib mir! vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick
meines Lebens sein sollen. O du Engel! zum ersten Male, zum ersten
Male ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte
mich das Wonnegefühl: Sie liebt mich! sie liebt mich! Es brennt noch
auf meinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen strömte,
neue warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! vergib mir!
Ach ich wusste, dass du mich liebtest, wusste es an den ersten seelen-
vollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ich wie-
der weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich wie-
der in fieberhaften Zweifeln.
Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in jener
162
Die Leiden des jungen Werthers
fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konn-
test? o ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten
mir deine Liebe. Aber ach! diese Eindrücke gingen vorüber, wie das
Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich wieder aus der Seele des
Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle in heiligen sicht-
baren Zeichen gereicht ward.
Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühende Leben
auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoss, das ich in mir
fühle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfasst, diese Lippen haben
auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen ge-
stammelt. Sie ist mein! du bist mein! ja, Lotte, auf ewig.
Und was ist das, dass Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für
diese Welt - und für diese Welt Sünde, dass ich dich liebe, dass ich
dich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut,
und ich strafe mich dafür; ich habe sie in ihrer ganzen Himmels-
wonne geschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in
mein Herz gesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! mein, o
I.otte! Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem
will ich‘s klagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich
fliege dir entgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Ange-
sichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen.
Ich träume nicht, ich wähne nicht! nahe am Grabe wird mir es heller.
Wir werden sein! wir werden uns Wiedersehen! Deine Mutter sehen!
ich werde sie sehen, werde sie finden, ach und vor ihr mein ganzes
Herz ausschütten! Deine Mutier, dein Ebenbild.«
Gegen cilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albert zurück-
gekommen sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd dahin
führen sehen. Drauf gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchen des
Inhalts:
»Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen lei-
hen? Leben Sie recht wohl!«
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie ge-
fürchtet hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die sie
weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht flie-
ßendes Blut war in einer fieberhaften Empörung, tausenderlei
Empfindungen zerrütteten das schöne Herz. War es das Feuer von
163
Johann Wojfgang von Goethe
Werthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? war es Unwil-
le über seine Verwegenheit? war es eine unmutige Vergleichung ihres
gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener freier
Unschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie ihrem
Manne entgegengehen? wie ihm eine Szene bekennen, die sie so gut
gestehen durfte und die sie sich doch zu gestehen nicht getraute? Sie
hatten so lange gegeneinander geschwiegen, und sollte sie die Erste
sein, die das Stillschweigen bräche und eben zur Unrechten Zeit ih-
rem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte? Schon fürchte-
te sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch werde ihm einen un-
angenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete Kata-
strophe! Konnte sie wohl hoffen, dass ihr Mann sie ganz im rechten
Lichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen würde? und konnte sie
wünschen, dass er in ihrer Seele lesen möchte? Und doch wieder,
konnte sie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie ein
kristallhelles Glas offen und frei gestanden, und dem sie keine ihrer
Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können?
Eins und das andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit;
und immer kehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für sie
verloren war, den sie nicht lassen konnte, den sie leider! sich selbst
überlassen musste, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehr
übrig blieb.
Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich
machen konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt
hatte! So verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisser heim-
licher Verschiedenheiten untereinander zu schweigen an, jedes dach-
te seinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und die Ver-
hältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, dass es unmög-
lich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von dem
alles abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit sie früher
wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsicht wechsels-
weise unter ihnen lebendig worden, und hätte ihre Herzen aufge-
schlossen, vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen.
Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus
seinen Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er
sich, diese Welt zu verlassen, sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten,
auch war zwischen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede da-
von gewesen. Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen gegen
die Tat empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlich-
164
Die Leiden des jungen Werthers
keit, die sonst ganz außer seinem Charakter lag, zu erkennen gege-
ben, dass er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln
Ursach finde, er hatte sich sogar darüber einigen Scherz erlaubt, und
seinen Unglauben Lotten mitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von ei-
ner Seite, wenn ihre Gedanken ihr das traurige Bild vorführten, von
der andern aber fühlte sie sich auch dadurch gehindert, ihrem Manne
die Besorgnisse mitzuteilen, die sie in dem Augenblicke quälten.
Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastig-
keit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht vollbracht,
er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen klein-
sinnigen Menschen gefunden. Der üble Weg auch hatte ihn ver-
drießlich gemacht.
Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit Überei-
lung: Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob Briefe ge-
kommen, und er erhielt zur Antwort, dass ein Brief und Pakete auf
seiner Stube lägen.
Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes,
den sie liebte und ehrte, hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz ge-
macht. Das Andenken seines Edelmuts, seiner Liebe und Güte hatte
ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einen heimlichen Zug, ihm zu
folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein Zimmer, wie sie mehr
zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, die Pakete zu erbrechen und
zu lesen. Einige schienen nicht das Angenehmste zu enthalten. Sie tat
einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und sich an den Pult
stellte zu schreiben.
Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen und
es ward immer dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihr
werden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor
wäre, das zu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag: sie verfiel in eine
Wehmut, die ihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verber-
gen und ihre Tränen zu verschlucken suchte.
Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größte Verle-
genheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der sich gelassen
nach seiner Frau wendete und sagte; Gib ihm die Pistolen. - Ich lasse
ihm glückliche Reise wünschen, sagte er zum Jungen. - Das fiel auf
sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte aufzustehen, sie wusste nicht,
wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand, zitternd nahm sie
das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und zauderte und hätte
noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick
165
Johann Wolfgang von Goethe
sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben,
ohne ein Wort Vorbringen zu können, und als der zum Hause hinaus
war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihr Zimmer, in dem
Zustande der unaussprechlichsten Ungewissheit. Ihr Herz weissagte
ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriße, sich zu den Füßen ihres
Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geschichte des gestri-
gen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dann sah sie wieder
keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte sie hoffen,
ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tisch
ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragen kam,
gleich gehen wollte - und blieb, machte die Unterhaltung bei Tische
erträglich; man zwang sich, man redete, man erzählte, man vergaß
sich.
Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit Ent-
zücken abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließ sich
Brot und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tische gehen und setzte
sieh nieder, zu schreiben.
»Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon ge-
putzt, ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt: und du, Geist des
Himmels, begünstigst meinen Entschluss! und du, Lotte, reichst mir
das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen
wünschte, und ach! nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausge-
fragt. Du zittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebewohl!
- Wehe! wehe! kein Lebewohl! — Solltest du dein Herz für mich ver-
schlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dich
befestigte? Lotte, keinjahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen!
und ich fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht.«
Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerriss vie-
le Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er
kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des
Regens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend um-
her und kam mit anbrechender Nacht zurück und schrieb.
»Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Him-
mel gesehen. Lebe wohl auch du! liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste
sie, Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung.
Lebt wohl! wir sehen uns wieder und freudiger.«
166
Die Läden des jungen Werthers
»Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe den
Frieden deines Hauses gestört, ich habe Misstrauen zwischen euch
gebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O dass ihr glücklich wäret
durch meinen Tod! Albert! Albert! mache den Engel glücklich! Und
so wohne Gottes Segen über dir!«
Er kramte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriss vieles und
warf es in den Ofen, versiegelte einige Packe mit den Adressen an
Wilhelm. Sie enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, de-
ren ich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr
Feuer hatte nachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen,
schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzim-
mer der Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann
in seinen Kleidern niederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn
sein Herr hatte gesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus
kommen.
»Nach eilfe.
Alles ist so stUl um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke dir,
Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft
schenkest.
Ich trete an das Fenster, meine Beste! und sehe und sehe noch durch
die stürmenden, vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewi-
gen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! der Ewige trägt euch an
seinem Herzen, und mich. Ich sehe die Deichselsterne des Wagens,
des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich nachts von dir ging, wie
ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir über. Mit welcher Trun-
kenheit habe ich ihn oft angesehen! oft mit aufgehabenen Händen
ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen Se-
ligkeit gemacht! und noch - O Lotte, was erinnert mich nicht an dich!
umgibst du mich nicht! und habe ich nicht, gleich einem Kinde, unge-
nügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heilige berührt
hattest!
Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zurück, Lotte, und bitte
dich, es zu ehren. Tausend, tausend Küsse habe ich drauf gedrückt,
tausend Grüße ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause
kam.
Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu
schützen. Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten in der
Ecke nach dem Felde zu; dort wünsche ich zu ruhen. Er kann, er wird
167
Johann Wojfgang von Goethe
das für seinen Freund tun. Bitte ihn auch. Ich will frommen Christen
nicht zumuten, ihren Körper neben einen armen Unglücklichen zu
legen. Ach ich wollte, ihr begrübt mich am Wege, oder im einsamen
Tale, dass Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich seg-
nend vorübergingen und der Samariter eine Träne weinte.
Hier, Lotte! Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu
fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest
mir ihn und ich zage nicht. All! all! So sind alle die Wünsche und
Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, so starr an der ehernen
Pforte des Todes anzuklopfen.
Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu ster-
ben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich wollte
freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wie-
der schaffen könnte. Aber ach! das ward nur wenigen Edeln gegeben,
ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen und durch ihren Tod ein neues
hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen.
In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie berührt,
geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. Meine Seele
schwebt über dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen.
Diese blassrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum
ersten Male unter deinen Kindern fand - O küsse sie tausendmal und
erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen Freundes. Die Lie-
ben! sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloss! seit
dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte! - Diese Schleife soll
mit mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du mir
sie! Wie ich das alles verschlang! - Ach ich dachte nicht, dass mich der
Weg hierher führen sollte! — Sei ruhig! ich bitte dich, sei ruhig! - Sie
sind geladen - Es schlägt zwölfe! So sei es denn! - Lotte! Lotte, lebe
wohl! lebe wohl!«
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuss fallen;
da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er fin-
det seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er fasst ihn
an; keine Antwort, er röchelte nur noch. Er läuft nach den Ärzten,
nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle
ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente
bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmächtig
vor Alberten nieder.
168
Kommentar
Als der Medicus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde
ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Über
dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Ge-
hirn war herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überfluss eine Ader am
Arme, das Blut lief, er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er
habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er
heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumge-
wälzt. Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in
völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Fiaus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat
herein. Werthern hatte man auf das Bette gelegt, die Stirn verbun-
den, sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die
Lunge röchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man
erwartete sein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. »Emilia Galotti« lag
auf dem Pulte aufgeschlagen.
Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küsste
den Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne
kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder im
Ausdrucke des unbändigsten Schmerzens, küssten ihm die Hände
und den Mund, und der ältste, den er immer am meisten geliebt, hing
an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit
Gewalt wegriss. Um zwölfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amt-
mannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf Nachts gegen eil-
fe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte. Der
Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht. Man
fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistli-
cher hat ihn begleitet.
/r Kommentar
Der berühmte Roman von Johann Wolfgang von Goethe »Die Lei-
den des jungen Werthers« schildert die Beziehung zwischen Werther
und Lotte als sehr schmerzliche Liehe. Nachdem die verheiratete Lot-
te ihm mitgeteilt hat, dass ihre Liebe keine Jukunft hat und dass sie
sich endgültig von ihm trennen muss, sieht Werther nur noch den Suizid als Ausweg
169
Kommentar
aus seiner Verzweiflung. Über die depressioe Verstimmung wird in dem Text wenig
Detailinformation gegeben, außer dass Werther, wie auch Lotte, sehr traurig sind,
viel weinen und Schlafstörungen haben. Es handelt sich von der Symptomatik eher
um eine depressive Reaktion bzw. Anpassungsstörung, nicht um das Vollbild einer
depressiven Episode. Allerdings ist die Suizidalität bei Werther sehr ausgeprägt
Sein Denken und Handeln engt sich im Sinne eines präsuizidalen Syndroms immer
mehr darauf ein. Dabei sind gewisse sentimentalische i^üge unverkennbar, z-B.
dass er die Pistolen des Ehemannes von Lotte ausborgt und dass er sich in dem
Gedanken wohl fihlt, dass Lotte diese Pistolen in den Händen gehabt hat. Bemer-
kenswert ist, dass Werther schon früher über eigene suizidale Tendenzm gesprochen
hat. Wie so viele Suizidenten schreibt Werther einen Abschiedsbrief an seine Ge-
liebte, der aber erst aufgejimden wird, nachdem ersieh bereits getötet hat Der Wert-
her-Roman hat in der damaligen ffit viel Aufsehen erregt, weil sich offenbar viele
junge verliebte Menschen, deren eigene Liebe ebenfalls unglücklich verlief, mit
Werther identifizierten und sich suizidierten. Man hat das als »Werther-Epidemie«
bezeichnet und das Phänomen als »Werther-Effekt«. Der Werther- Effekt ist auch
heute noch in der Suizidologie ein Terminus technicus, und die »p^chologische An-
steckung» zur Suizidalität besteht auch heute noch. So wurde vor etwa 10 bis 20
Jahren nach Ausstrahlung des Fernsehfilms »Tod eines Schülers» das Phänomen
von Suiziden junger Menschen beobachtet, die in gleicher schulischer (oder sonsti-
ger) Problemsituation den Tod durch einen Sprung vor die Eisenbahn wählten. Das
Fernsehen hatte diesen Film in guter Absicht entstehen lassen, um auf die Probleme
der zu starken leistungsanforderung von Schülern hinzuweisen. Dieser Film, der
als Aufklärungsfilm im besten Sinn gedacht war, entwickelte aber leider die Sogwir-
kung im Sinne eines »Werther-Effektes».
170
Anton Tschechow
Ein Fall aus der Praxis
aus: Anton Tschechow: Meistererzahlungm. Aus dem Russischen von Reinhold
Trautmann, eingeleikt von Rudolf Marx. Sammlung Dieterich 54.
1992 by Sammlung Dieterich Verlagsgesellschqft mbH, Berlin
Einführung
Der russische .Novellist und Dramatiker Anton Pawlowitsch
Tschechow (1860-1904) war der Sohn eines Kolonialwaren-
händlers, der bald Bankrott ging. Der Großvater war noch Leibei-
gener des Zßren und halte sich fieigekauß. Von 1879 bis 1884
studierte Tschechow dank eines Stipendiums Medizin in Moskau. Mach Abschluss
seines Examens schrieb n an seinen Onkel: >Meine Medizin läuft allmählich. Ich
habe sehr viele Bekannte, folglich auch nicht wenig Patienten. Die Hälfte von ihnen
muß ich gratis behandeln ...» Das Schreiben betreibt Anton Tschechow deshalb
nicht als Privatvergnügen, sondern es wird ihm zunehmend zur lebensnotwendigen
Zusatzeinnahme. Gestört wird es durch ge.sundheitliche Probleme des Autors. Im-
mer wieder hindern ihn Lungenhlutungen an seiner literarischen und medizinischen
Arbeit. Der engagierte Arzt ist selbst ein schlechter Patient, der sich nicht kurieren
las.sen will: Wasser und Chinin werde ich nehmen, aber mich abzuhorchen werde
ich nicht gestatten. 1901 heiratete Tschechotv die Schauspielerin OlgaKnipper, die
er vier Jahre zuvor kennen gelernt und gegen deren Heiratsabsichten er sich bisher
standhaft gesträubt hatte. Sie fihrten eine merkwürdige Ehe, lebten wegen der
Theaterverpflichtungen Olgas meist getrennt, schrieben .sich aber zahllose Briefe. Je
nach psychischer oder phy.sischer Verfassung neigte Ischechow dazu, den einen oder
anderen Beruf aufgeben zu wollen. Die Ambivalenz zwischen der Existenz als
Arzt und als Schriftsteller beschreibt er treffsicher in einem Bonmot: »Die Medizin
ist meine gesetzliche Ehefrau, die literatur meine Geliebte. Wenn mir die eine auf
die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen.« Ständige Geldsorgen und Krankhei-
ten zermürbten den efolgreichen und bereits zu Lebzeiten viel gespielten und hoch
geschätzten Dramatiker. Im Sommer 1904 hielt sich Anton Tschechow in einem
Kurhotel in Badenweiler auf, wo er sich Linderung seiner Schmerzen und Genesung
erhoffte. Verbissen arbeitete er an seiner Komödie »Der Kirschgarten«. Kurz nach
der triumphalen Uraufführung starb der Dichter und Arzt am 15. Juli 1904 in
171
Anion Tschechow
Badenweiler. Seine letzten Worte waren: »Ich habe so lange keinen Champagner
mehr getrunken.» Maxim Gorki (1868—1936) sagte über Tschechow: »Ich über-
nehmees, alle, die Tschechow kritisieren, eigenhändig umzubringen . . .<< Es ist ganz
einfach so, dass hier ein Arzt seine Diagnose als Dichtung niederschreibt. Immer
wieder wird der messerscharfe, analytische Stil gewürdigt und auf die ärztliche
Tätigkeit zurückgejuhrt. Doch das Poetische daran erklärt am schönsten Vladimir
Nabokov (1899-1977) mit den Worten: »Was wir sehen, in allen Geschichten
Tschechows, ist ein Straucheln, doch ist es das Straucheln eines Menschen, der
strauchelt, weil er zu den Sternen außlickt.»
Weiterfihrende Literatur:
Frank R. Scheck: Anton Cechow. DTV 2004
Ein Fall aus der Praxis
Der Professor erhielt ein Telegramm von der Lja-
likowschen Fabrik: man bat ihn, so rasch wie
möglich zu kommen. Die Tochter der Frau Ljali-
kow, wahrscheinlich der Besitzerin der Fabrik,
war krank. Näheres aber ließ sich aus dem lan-
gen, unklar abgefaßten Telegramm nicht erse-
hen. Und der Professor reiste nicht selber hin,
sondern schickte seinen Oberarzt Koroljow.
Von Moskau aus mußte er zwei Stationen mit
dem Zuge und dann etwa vier Werst mit dem Wagen fahren. Man
hatte für Koroljow eine Troika auf die Station geschickt; der Kutscher
trug einen Hut mit einer Pfauenfeder und antwortete laut und solda-
tenmäßig auf alle Fragen: »Nein, durchaus nicht« oder »Genau so!«
Es war Samstagabend, die Sonne sank. Aus der Fabrik gingen die
Arbeiter in ganzen Scharen zur Station und grüßten den Wagen, in
dem Koroljow fuhr. Und ihn bezauberten der Abend und die Land-
güter und die Häuschen zu seiten des Weges und die Birken und die
ganze geruhsame Stimmung ringsum, da sich, so schien es, Feld und
Wald und Sonne jetzt am Vorabend des Feiertages gemeinsam mit
den Arbeitern vorbereiteten, auszuruhen - auszuruhen und vielleicht
zu beten . . .
Er war in Moskau geboren und aufgewachsen und kannte das Dorf
nicht. Für Fabriken hatte er sich niemals interessiert, war auch nie in
172
Ein Fall aus der Praxis
ihnen gewesen. Aber es geschah öfters, daß er über Fabriken etwas las
oder bei Fabrikanten zu Gast weilte und sich mit ihnen unterhielt;
und wenn er von weitem oder aus der Nähe eine Fabrik sah, dann
dachte er jedesmal daran, daß von außen alles still und friedlich sei,
innen aber wahrscheinlich eine undurchdringliche Unwissenheit und
der stumpfe Egoismus der Besitzer, die langweilige, ungesunde Müh-
sal der Arbeiter herrsche, Gezänk, Schnaps, Ungeziefer. Und jetzt, da
die Arbeiter ehrerbietig und schreckhaft der Kutsche auswichen, er-
riet er aus ihren Gesichtern, Mützen und ihrer Art zu gehen physische
Unreinheit, Trunksucht, Nervosität, Zerfahrenheit.
Sie fuhren ins Fabriktor hinein. Zu beiden Seiten tauchten die Fläus-
chen der Arbeiter auf, Gesichter von Frauen, Wäsche und Decken
auf den Veranden. »Vorsicht!« rief der Kutscher, der die Pferde nicht
anhielt. Vor ihnen war ein weiter Flof ohne Gras, auf ihm fünf ge-
waltige Gebäude mit Schornsteinen, ein wenig voneinander getrennt,
Warenlager, Baracken - und auf allem lag eine graue Schicht wie von
Staub. Hie und da, wie Oasen in der Wüste, klägliche Gärtchen und
grüne oder rote Hausdächer, in denen die Verwalter wohnten. Der
Kutscher zügelte plötzlich die Pferde, und der Wagen hielt vor einem
Hause, das mit grauer Farbe frisch gestrichen war; dort befand sich
ein Gärtchen mit staubbedeckten Fliederbüschen, und auf der gelb-
gestrichenen Veranda roch es stark nach Farbe.
»Bitte, Herr Doktor«, sagten Frauenstimmen im Flur und im Vorzim-
mer, und dabei vernahm man Seufzer und Geflüster. »Bitte, wir ha-
ben Sie sehnlichst erwartet . . . Was für ein Jammer! Bitte, hier her-
ein.«
Frau Ljalikow, eine stark bejahrte Dame in schwarzem Seidenkleid
mit modischen Ärmeln, ihrem Gesichtsausdruck nach eine einfache,
wenig gebildete Frau, blickte unruhig den Doktor an und konnte sich
nicht entschließen, ihm die Hand zu reichen, wagte es nicht. Neben
ihr stand eine Person mit kurzgeschnittenem Haar und Pincenez, in
bunter geblümter Jacke, hager und nicht mehr jung. Die Dienstboten
nannten sie Christina Dmitrijewna, und Koroljow erriet, daß es die
Gouvernante sei. Wahrscheinlich hatte man es ihr als der gebildetsten
Person im Hause aufgetragen, den Doktor zu empfangen und zu be-
grüßen, weil sie sofort hastig die Ursachen der Krankheit mit kleinen,
aufdringlichen Details darzulegen begann, ohne jedoch zu sagen, wer
die Kranke sei und worum es sich handele.
Der Doktor und die Gouvernante saßen und sprachen miteinander,
173
Anton Tschechow
die Hausherrin aber stand unbeweglich an der Tür und wartete. Aus
der Unterhaltung verstand Koroljow, daß Lisa, die einzige Tochter
des Hauses, die Erbin der Fabrik, ein zwanzigjähriges Mädchen,
krank sei; sie kränkelte schon lange und wurde von verschiedenen
Ärzten behandelt, doch in der vergangenen Nacht hatte sie von
abends bis morgens so starkes Herzklopfen gehabt, daß niemand im
Hause schlief, und man fürchtete, sie könnte sterben.
»Sie kränkelte, kann man wohl sagen, von Kind an«, erzählte Christi-
na Dmitrijewna mit singender Stimme und wischte sich immerfort
mit der Hand den Mund.
»Die Ärzte sagen, daß es die Nerven seien, aber als sie klein war, ha-
ben ihr die Ärzte die Skrofeln in den Körper getrieben, und davon
kann das wohl kommen, wie ich glaube.«
Sie gingen zur Kranken hinein. Völlig erwachsen, groß, von gutem
Wuchs, aber unschön, der Mutter ähnlich, mit ebenso kleinen Äugen
und einer breiten, übermäßig entwickelten unteren Gesichtspartie,
unfrisiert, bis zum Kinn zugedeckt, machte sie im ersten Augenblick
auf Koroljow den Eindruck eines armen, unglücklichen Geschöpfes,
das man aus Mitleid hier aufgenommen habe, und man wollte nicht
glauben, daß sie die Erbin von fünf gewaltigen Fabrikgebäuden sei.
»Nun, ich komme zu Ihnen«, begann Koroljow, »ich bin gekommen.
Sie zu behandeln. Guten Tag.«
Er stellte sich ihr vor und drückte ihre Hand - eine große, kalte, häß-
liche Hand. Sie setzte sich hin und, offensichtlich längst schon an Ärz-
te gewöhnt, gleichgültig dagegen, daß Schulter und Brust bloß waren,
ließ sie sich untersuchen.
»Ich habe Herzklopfen«, sagte sie. »Die ganze Nacht war es entsetz-
lich . . . ich starb fast vor Schreck! Geben Sie mir irgend etwas.«
»Ich werde es tun. Beruhigen Sie sich.«
Koroljow untersuchte sie und zuckte die Achseln.
»Das Herz ist, wie es sein soll«, sagte er, »alles ist in Ordnung, alles
steht gut. Die Nerven sind Ihnen wahrscheinlich ein wenig durch-
gegangen, aber das ist so das Übliche. Der Anfall, muß man anneh-
men, ist schon zu Ende, legen Sie sich schlafen.«
In dem Augenblick brachte man die Lampe ins Schlafzimmer. Die
Kranke blinzelte in das Licht und umfaßte auf einmal mit den Hän-
den den Kopf und brach in Schluchzen aus. Der Eindruck eines
armen und unschönen Wesens war plötzlich verschwunden, und Ko-
roljow bemerkte nicht mehr die kleinen Äugen, nicht die grob entwik-
174
Ein Fall aus der Praxis
kelte untere Gesichtspartie; er erblickte den weichen Ausdruck einer
Leidenden, der so vernünftig und rührend war, und sie schien ihm
ganz ebenmäßig, weiblich, schlicht, und es kam ihn die Lust an, sie
nicht mit Medikamenten, nicht mit Ratschlägen, sondern mit einem
einfachen zärtlichen Wort zu beruhigen. Die Mutter umfaßte ihren
Kopf und drückte ihn an sich. Wieviel Verzweiflung, wieviel Leid lag
auf dem Antlitz der Alten! Sie, die Mutter, hatte die Tochter ernährt
und großgezogen, hatte nichts gespart, gab das ganze Leben dafür
hin, sie die französische Sprache, Tänze, Musik zu lehren, zog für sie
ein Dutzend Lehrer herbei, die besten Ärzte, hielt eine Gouvernante,
und jetzt konnte sie nicht begreifen, woher diese Tränen kamen, war-
um sie so viel litt, faßte es nicht und war wie verloren, und in ihrem
Gesicht erschien ein schuldbewußter, beunruhigter, verzweifelter
Ausdruck, so, als ob sie noch etwas sehr Wichtiges versäumt, etwas
noch nicht getan, irgend jemanden noch nicht herangezogen hätte,
aber wen - das wußte sie nicht.
»Lisanjka, schon wieder weinst du«, rief sie und preßte die Tochter an
sich. »Liebste, Teuerste, mein Kindchen, sage doch, was du hast? Er-
barme dich meiner und sage es.«
Beide weinten bitterlich. Koroljow setzte sich an den Bettrand und
ergriff Lisas Hand.
»Nun aber genug, lohnt es denn zu weinen?« sagte er freundlich. »Es
gibt in der Welt ja nichts, das diese Tränen verdiente. Nun wollen wir
nicht mehr weinen, es ist nicht nötig.«
Bei sich aber dachte er: »Es wäre an der Zeit, zu heiraten . . . «
»Unser Fabrikarzt gab ihr Kaliumbromid«, sagte die Gouvernante,
»aber danach wurde ihr, wie ich bemerken muß, nur schlechter. Nach
meiner Meinung sollte man ihr Tropfen geben, wenn überhaupt et-
was, gegen das Herz ... ich vergaß, wie sie heißen . . . Maiglöckchen-
tropfen oder so. «
Und wieder folgten alle Details. Sie unterbrach jeden Augenblick den
Arzt, hinderte ihn, zu sprechen, und in ihrem Gesicht war das Bemü-
hen zu lesen, als wenn sie meinte, sie sei als die gebildetste Person im
Hause verpflichtet, mit dem Doktor eine ununterbrochene Unterhal-
tung zu führen und unbedingt über medizinische Dinge.
Koroljow wurde das zuviel.
»Ich kann nichts Besonderes finden«, sagte er, das Schlafzimmer ver-
lassend zu der Mutter gewendet. »Wenn der Fabrikarzt Ihre Tochter
behandelt hat, so soll er es auch weiterhin tun. Die Behandlung war
175
Anton Tschechow
bisher ordentlich, und ich sehe keine Notwendigkeit, den Arzt zu
wechseln. Was hat das für einen Zweck? Es ist eine so gewöhnliche
Krankheit, nichts Ernsthaftes ...«
Er sprach, ohne zu hasten, und zog die Handschuhe an, Frau Ljalikow
aber stand unbeweglich da und sah ihn mit verweinten Augen an.
»Bis zum Zuge um neun Uhr ist noch eine halbe Stunde Zeit«, sagte
er, »hoffentlich komme ich nicht zu spät.«
»Können Sie denn nicht bei uns bleiben?« fragte sie, und von neuem
flössen Tränen über ihre Wangen. »Es ist wohl unrecht, Sie zu beun-
ruhigen, aber seien Sie so gut . . ., um Gottes willen«, fuhr sie leise fort
und sah sich nach der Türe um, »übernachten Sie doch bei uns. Es ist
mein einziges Kind . . . meine einzige Tochter ... Sie hat uns in der ver-
gangenen Nacht großen Schrecken eingejagt, so daß ich gar nicht zur
Besinnung kommen kann . . . Fahren Sie um Gottes willen nicht fort.«
Er wollte ihr sagen, daß ihn in Moskau viel Arbeit erwarte und seine
Familie seiner harre; es fiel ihm schwer, ohne besondere Not in einem
fremden Hause einen ganzen Abend und eine ganze Nacht zu ver-
bringen, aber als er ihr Gesicht sah, seufzte er und begann schwei-
gend die Handschuhe abzuziehen.
Man zündete im Saal und Salon für ihn alle Lampen und Kerzen an.
Er saß am Klavier und durchblätterte die Noten, dann besah er die
Bilder an den Wänden und die Porträts. Die Ölgemälde in Goldrah-
men stellten Ansichten der Krim dar, das stürmische Meer mit einem
Schiffchen, einen katholischen Mönch mit einem Weinglas, und alles
das war trocken, talentlos gemalt . . . Auf den Porträts nicht ein schö-
nes, interessantes Gesicht, alles breite Kinnladen, erstaunte Augen;
Ljalikow, Lisas Vater, hatte eine niedrige Stirn und ein selbstzufriede-
nes Gesicht, die Uniform saß sackartig auf seinem großen, nicht von
guter Rasse zeugenden Leib, auf der Brust hatte er eine Medaille und
das Zeichen des Roten Kreuzes. Eine dürftige Kultur, ein zufälliger
Luxus, der nicht durchdacht, der kein rechtes Maß hatte, wie diese
Uniform; die Fußböden reizten durch ihren Glanz, der Lüster reizte,
und unwillkürlich mußte man an die Anekdote von dem Kaufmann
denken, der mit einer Medaille am Hals ins Badehaus ging . . . Aus
dem Vorzimmer hörte man Flüstern, jemand schnarchte leise. Und
auf einmal waren von draußen scharfe, abgehackte, metallische
Klänge zu vernehmen, wie sie Koroljow früher niemals gehört hatte
und die er jetzt nicht begriff; sie hallten in seiner Seele seltsam und
unangenehm wider.
176
Ein Fall aus der Praxis
»Um keinen Preis möchte ich hier wohnen bleiben . . . «, dachte er und
griff wieder nach den Noten.
»Herr Doktor, bitte zum Essen zu kommen!«, rief halblaut die Gou-
vernante.
Er ging zum Abendessen. Der Tisch war groß, mit einer Menge Sa-
kuski und Wein bestellt; aber nur zwei aßen: er und Christina Dmitri-
jewna. Sie trank Madeira, aß rasch und sprach, durchs Pincenez ihn
anblickend: »Die Arbeiter sind mit uns sehr zufrieden. In unsrer Fa-
brik gibt es in jedem Winter Vorführungen; die Arbeiter selber spielen
dabei, dann gibt es Vorträge mit Lichtbildern, eine prachtvolle Tee-
stube und noch manches andere. Die Arbeiter sind uns sehr ergeben,
und als sie erfuhren, daß es Lisanjka schlechter ging, bestellten sie ein
Bittgebet. Sic sind ungebildet, haben aber auch Gefühle.«
»Es sieht so aus, als ob in Ihrem Hause kein einziger Mann ist«, sagte
Koroljow.
»Kein einziger. Pjotr Nikanorytsch starb vor anderthalb Jahren, und
wir blieben allein. So leben wir zu dreien. Im Sommer hier, im Winter
in Moskau auf der Poljanka. Ich lebe schon elf Jahre im Hause. Ich
fühle mich als zu ihnen gehörig.«
Als Abendessen gab es Sterlet, Hühnerkoteletts und Kompott; die
Weine waren kostspielig, französischer Herkunft.
»Doktor, essen Sie, ohne Umstände zu machen«, sagte Christina
Dmitrijewna, essend und sich den Mund mit der Hand abwischend,
und es war zu sehen, daß sie hier zu ihrer vollsten Zufriedenheit lebte.
»Essen Sie, bitte.«
Nach dem Essen führte man den Doktor in das Zimmer, wo für ihn
das Bett bereitet war. Aber ihn verlangte nicht nach Schlaf, es war
dumpf, und im Zimmer roch es nach Farbe; er zog den Paletot an und
ging hinaus.
Draußen war es kühl; es begann zu dämmern, und in der feuchten
Luft zeichneten sich alle fünf Fabrikgebäude mit ihren langen
Schornsteinen und die Baracken und Lager ab. Wegen des Feiertags
wurde nicht gearbeitet, in den Fenstern war es dunkel, und nur in
einem der Gebäude brannte noch ein Ofen, zwei Fenster waren pur-
purrot, und aus dem Schornstein schlug bisweilen mit dem Rauch
eine Flamme heraus. Weit hinter dem Hof quakten Frösche, sang
eine Nachtigall.
Indem er die Fabrik und die Baracken, in denen die Arbeiter schlie-
fen, ansah, dachte er wiederum darüber nach, worüber er immer
177
Anton Tschechow
nachdachte, wenn er Fabriken sah. Mag es hier Vorstellungen für die
Arbeiter, Lichtbildervorträge, Betriebsärzte und allerlei Verbes-
serungen geben, dennoch unterschieden sich die Arbeiter, denen er
heute auf dem Wege von der Bahnstation begegnete, dem Äußern
nach in nichts von den Arbeitern, wie er sie schon in seiner Kindheit
gesehen hatte, als es Verbesserungen und Vorstellungen in den Fabri-
ken nicht gab. Er als Arzt, der ein klares Urteil über chronische Lei-
den hatte, deren Grundursache unbekannt und unheilbar war, sah
auch die Fabriken als etwas Unnormales an, dessen Ursache ebenfalls
nicht zu erkennen und nicht zu beseitigen war, und alle Verbesserun-
gen im Leben der Fabrikarbeiter hielt er zwar nicht für überflüssig,
verglich sie aber mit dem Herumkurieren an unheilbaren Krankhei-
ten.
»Hier besteht etwas Unnormales, natürlich ...«, dachte er, wenn er
die purpurroten Fenster ansah. »Eintausendfünfhundert bis zweitau-
send Arbeiter arbeiten unaufhörlich, unter ungesunden Verhältnis-
sen, stellen schlechten Kattun her, leben halbhungrig und befreien
sich nur bisweilen in der Schenke von diesem Alpdruck; hundert Leu-
te überwachen die Arbeit, und das ganze Leben dieser hundert ver-
geht im Zudiktieren von Strafen, im Schelten, in Ungerechtigkeiten,
und nur zwei oder drei, die sogenannten Herren, genießen alle Vor-
teile, obwohl sie überhaupt nicht arbeiten und den schlechten Kattun
verachten. Aber was sind das für Vorteile, und wie machen sie von
ihnen Gebrauch? Frau LjtJikow und ihre Tochter sind unglücklich, es
ist ein Jammer, sie anzuschauen, allein Christina Dmitrijewna, dies
bejahrte, törichte Frauenzimmer mit Pincenez lebt zu ihrer vollen Zu-
friedenheit. Und so ergibt sich, daß alle diese fünf Fabrikgebäude nur
darum arbeiten und dttß auf den östlichen Märkten nur darum
schlechter Kattun verkauft wird, damit Christina Dmitrijewna Sterlet
essen und Madeira trinken kann.
Plötzlich ertönten wieder die seltsamen Laute, die Koroljow schon
vor dem Essen gehört hatte. Bei einem der Fabrikgebäude schlugje-
mand an eine Metallplatte, schlug und hielt sofort den Ton an, so daß
kurze, scharfe, unreine Töne, die wie »der . . . der . . . der . . .« klangen,
entstanden. Danach eine halbe Minute Stille, und dann erklangen an
einem anderen Gebäude dieselben Töne, ebenso abgerissen und un-
angenehm, aber tiefer, mehr zum Baß hin - »dryn . . . dryn . . . dryn
. . .« Elfmal. Augenscheinlich schlugen die Wächter elf Uhr.
Am dritten Gebäude hörte man; »shak ... shak ... shak ...« Und so
178
Ein Fall aus der Praxis
bei allen Gebäuden und dann hinter den Baracken und den Toren.
Und es machte den Eindruck, als wenn inmitten der nächtlichen Stil-
le das Ungeheuer mit den purpurroten Augen selber diese Töne
hervorbrächte, der Teufel selbst, der hier über Herren und Arbeiter
herrschte und die einen wie die andern betrog.
Koroljow ging vom Hof ins Feld.
»Wer da?« rief man ihn mit grober Stimme am Tore an.
»Ganz wie im Gefängnis ...«, dachte er und antwortete nicht.
Hier waren die Nachtigallen und Frösche besser zu hören, hier spürte
man die Mainacht. Von der Station drang der Lärm eines Zuges her;
irgendwo krähten verschlafene Hähne, aber im ganzen war die Nacht
still, friedlich schlief die Welt. Im Felde, nicht weit von der Fabrik,
stand ein Holzgebinde, Baumaterial war dort aufgestapelt. Koroljow
setzte sich auf die Bretter und dachte weiter nach.
»Nur die Gouvernante fühlt sich hier wohl, und die Fabrik arbeitet
für ihr Wohlbehagen. Aber das scheint nur so, sie ist nur der Stroh-
mann: die Hauptperson, um dessentwillen hier alles geschieht - ist
der Teufel.«
Und er dachte an den Teufel, an den er nicht glaubte, und blickte sich
nach den beiden Fenstern um, in denen das Feuer leuchtete. Und ihm
schien es, daß der Teufel selber mit diesen purpurroten Augen ihn
anblickte; diese unbekannte Kraft, die die Beziehungen zwischen
Starken und Schwachen, diesen groben Mißstand geschaffen hatte,
den man durch nichts mehr verbessern kann. Es ist nötig, daß der
Starke den Schwachen am Leben hindere, so will es das Naturgesetz -
aber all dies ist nur in einem Zeitungsartikel oder in einem Lehrbuch
verständlich und nur in ihnen leicht unterzubringen, weil sie derselbe
Brei, den das gewöhnliche Leben von sich aus darstellt, sind, dieselbe
Wirrnis lauter Kleinigkeiten, aus denen die menschlichen Beziehun-
gen gewebt sind. Das ist nun aber kein Gesetz mehr, sondern eine
logische Ungereimtheit, wenn der Starke wie der Schwache gleicher-
weise ihren gegenseitigen Beziehungen zum Opfer fallen, unfreiwillig
irgendeiner lenkenden, unbekannten, außerhalb des Lebens stehen-
den und dem Menschen fremden Kraft unterworfen.
So dachte Koroljow, als er auf den Brettern saß, und nach und nach
beherrschte ihn eine Stimmung, als sei diese unbekannte, geheimnis-
volle Kraft tatsächlich nahe und schaue zu. Inzwischen wurde der
Osten immer blasser und blasser, die Zeit floß schnell. Die fünf Ge-
bäude und Schornsteine auf dem großen Hintergrund der Morgen-
179
Anton Tschechow
dämmerung, als ringsum nicht eine Seele war und alles ausgestorben
schien, boten einen besonderen Anblick und sahen nicht so wie am
Tage aus; man vergaß völlig, daß es dort im Innern Dampfmotoren,
Elektrizität, Telephone gab, sondern dachte immer irgendwie an
Pfahlbauten, an Steinzeit, fühlte die Gegenwart einer rohen, unbe-
wußten Kraft . . .
Und wiederum vernahm man: »Der ... der ... der ... der ...«
Zwölfmal. Dann war es still, war eine halbe Minute still - und nun
ertönte es am andern Hofende: »Dryn . . . dryn . . . dryn . . .«
»Schrecklich unangenehm«, dachte Koroljow.
»Shak . . . shak . . .« erklang es an der dritten Stelle abgerissen, scharf,
gleichsam ärgerlich, »shak ... shak ...«
Und um zwölf Uhr zu schlagen, waren vier Minuten erforderlich.
Dann ward alles still; und wiederum hatte man den Eindruck, als sei
alles ringsumher ausgestorben.
Koroljow saß noch ein wenig da und kehrte ins Haus zurück, doch
legte er sich noch lange nicht schlafen. In den benachbarten Zim-
mern flüsterte man, hörte man das Schlurfen von Pantoffeln und
nackten Füßen.
»Ob sie nicht wieder einen Anfall hat?« dachte Koroljow.
Er ging, nach der Kranken zu sehen. In den Zimmern war es schon
ganz hell, und im Saale an der Wand und auf dem Fußboden zitterte
schwaches Sonnenlicht, das durch den Morgennebel hindurch hier
eingedrungen war. Die Türe zu Lisas Zimmer stand offen, und Lisa
selbst saß im Lehnstuhl am Bett, im Morgenkleid, in einen Schal ge-
hüllt und unfrisiert. Die Vorhänge an den Fenstern waren herunterge-
lassen.
»Wie fühlen Sie sich?« fragte Koroljow.
»Ich danke sehr.«
Er fühlte ihren Puls, ordnete ihr das Haar, das auf die Stirn gefallen
war.
»Sie schlafen nicht«, sagte er. »Draußen ist wunderschönes Wetter, es
ist Frühling, die Nachtigallen schlagen, und Sie sitzen im Dunkeln
und grübeln über irgend etwas nach.«
Sie hörte ihn an und blickte ihm ins Gesicht; ihre Augen waren trau-
rig, klug, und es was deutlich, daß sie ihm etwas sagen wollte.
»Geschieht das häufig mit Ihnen?« fragte er.
Sie bewegte die Lippen und antwortete: »Häufig. Mir ist fast jede
Nacht schwer.«
180
Ein Fall aus der Praxis
In diesem Augenblicke begannen die Wächter draußen zwei Uhr zu
schlagen. Man hörte das der »... der ... «; sie fuhr zusammen.
»Dieses Klopfen beunruhigt Sie?« fragte er.
»Ich weiß nicht. Hier beunruhigt mich alles«, antwortete sie und
dachte nach.
»Alles beunruhigt mich. Aus Ihrer Stimme höre ich Anteilnahme her-
aus, mir schien es aus irgendeinem Grunde, seit ich Sie das erstemal
sah, daß ich mit Ihnen über all das sprechen darf«
»So reden Sie, bitte.«
»Ich will Ihnen meine Meinung sagen. Mir scheint, daß ich nicht
krank bin, sondern daß ich nur in Unruhe bin und voller Angst, weil
es so sein muß und anders nicht sein kann. Sogar der gesündeste
Mensch muß in Unruhe geraten, wenn zum Beispiel unter seinem
Fenster ein Räuber herumgeht. Man behandelt mich häufig«, fuhr sie
fort und blickte auf ihre Knie, verschämt lächelnd, »natürlich bin ich
sehr dankbar dafür und leugne den Nutzen der Behandlung nicht,
aber ich möchte nicht mit einem Arzt, sondern mit einem naheste-
henden Menschen, mit einem Freund sprechen, der mich begreifen
und mich überzeugen könnte, daß ich recht oder unrecht habe.«
»Haben Sie denn keine Freunde?« fragte Koroljow.
»Ich bin ganz einsam. Ich habe eine Mutter, und ich liebe sie, aber
dennoch bin ich einsam. Mein Leben hat sich so gestaltet . . . Einsame
Menschen lesen viel, sprechen aber wenig und hören wenig, das Le-
ben ist für sie geheimnisvoll; sie sind Mystiker und sehen häufig den
Teufel dort, wo er nicht ist. Lermonoows Tamara war einsam und sah
den Teufel.«
»Und Sie lesen viel?«
»Ja. Ich habe ja immer Zeit, vom Morgen bis zum Abend. Am Tage
lese ich, nachts aber habe ich einen leeren Kopf, statt Gedanken erfül-
len mich allerhand Schatten.«
»Sehen Sie etwas in den Nächten?« fragte Koroljow.
»Nein, aber ich fühle ...«
Sie lächelte wiederum, blickte den Doktor an und sah so traurig, so
klug aus; und schien ihm, daß sie ihm vertraue, aufrichtig mit ihm
sprechen wolle, und daß sie genauso denke wie er. Aber sie schwieg
und wartete vielleicht, daß er zu reden begänne. Und er wußte, was
man ihr sagen mußte: für ihn war es klar, daß sie so schnell wie mög-
lich die fünf Fabrikgebäude und die Million, falls sie sie besaß, aufge-
ben und diesen Teufel fahrenlassen müsse, der in den Nächten schaut
181
Anton Tschechow
und schaut; für ihn war es auch klar, daß auch sie selber so dachte und
nur wartete, daß jemand, dem sie vertraute, ihr das bestätigte.
Aber er wußte nicht, wie er das sagen solle. Wie? Verurteilte scheut
man sich zu fragen, warum man sie verurteilt hat; so ist es auch pein-
lich, reiche Leute zu fragen, wozu sie so viel Geld brauchen, warum
sie ihren Reichtum so schlecht verwenden, warum sie ihn nicht aufge-
ben, selbst dann nicht, wenn sie in ihm ihr Unheil sehen; und wenn
man darüber ein Gespräch beginnt, so verläuft es meist schamhaft,
peinlich und langweilig.
»Wie soll ich es sagen?« zerbrach sich Koroljow den Kopf. »Und muß
man überhaupt sprechen?«
Und er sagte das, was er sagen wollte, nicht unmittelbar, sondern auf
Umwegen: »Sie sind als eine Fabrikbesitzerin und reiche Erbin unzu-
frieden, Sie glauben nicht an Ihr Recht und schlafen daher nicht; na-
türlich ist das besser, als wenn Sie zufrieden wären, fest schlafen und
denken würden, daß alles vortrefHich bestellt sei. Sie leiden an Schlaf-
losigkeit; wie dem auch sei, sie ist ein gutes Zeichen. In der Tat, bei
unseren Eltern wäre ein solches Gespräch, wie wir es jetzt führen,
nicht denkbar gewesen, nachts unterhielten sie sich nicht, sondern
schliefen fest, aber wir von unserer Generation schlafen schlecht, quä-
len uns ab, sprechen viel und untersuchen immer zu entscheiden, ob
wir im Rechte sind oder nicht. Für unsere Kinder oder Enkel aber
wird diese Frage - ob sie im Rechte sind oder nicht - bereits entschie-
den sein. Sie werden klarer sehen als wir. Das Leben wird schön sein
in fünfzig Jahren, nur schade, daß wir es nicht erleben werden. Es
wäre interessant, es anzusehen.«
»Was werden denn unsere Kinder und Enkel tun?« fragte Lisa.
»Ich weiß es nicht . . . Vielleicht geben sie alles auf und gehen fort.«
»Wohin werden sie gehen?«
»Wohin? . . . Nun, wohin sie woUen«, sagte Koroljow und lachte auf
»Gibt es denn so wenige Orte, wohin ein guter und kluger Mensch
gehen kann?«
Er sah nach der Uhr.
»Inzwischen ist die Sonne schon aufgegangen«, sagte er. »Für Sie ist
es an der Zeit, zu schlafen. Ziehen Sie sich aus und schlafen Sie sich
gesund. Ich freue mich sehr, daß ich Sie kennengelernt habe«, fuhr er
fort und drückte ihre Hand. »Sie sind ein trefßicher, interessanter
Mensch. Gute Nacht!«
Er ging in sein Zimmer und legte sich schlafen.
182
Kommentar
Am andern Tage morgens, als die Kutsche vorfuhr, gingen alle auf
die Veranda, ihn zu begleiten. Lisa war festtäglich in weißem Kleid,
mit einer Blume im Haar, blaß und matt; wie gestern sah sie ihn trau-
rig und klug an, lächelte, redete, und immer tat sie das mit einem
Ausdruck, als wolle sie etwas Besonderes, Wichtiges sagen ~ nur ihm
allein. Man hörte, wie die Lerchen sangen, wie man in der Kirche
läutete. Die Fenster in den Fabrikgebäuden glänzten heiter, und als er
über den Hof und dann zur Station fuhr, dachte er weder an die Ar-
beit noch an die Pfahlbauten, noch an den Teufel, sondern er dachte
an die vielleicht nahe Zeit, da das Leben ebenso licht und freudevoll
sein werde wie dieser stille Sonntagmorgen; und er dachte auch dar-
an, wie angenehm es sei, an einem solchen Morgen im Frühling in
einer Troika zu fahren, in einer schönen Kalesche, und sich in der
Sonne zu wärmen.
Kommentar
Diese Novelle handelt von einem russischen Arzt, der zur einzigen
Tochter einer verwitweten Fabrikbesitzerin gerufen wird, nachdem
andere Ärzte der Patientin nicht ausreichend helfen konnten. Die
Tochter »kränkelte« .schon lange. In der Nacht vor dem Arztbesuch
hatte .sie so starkes Herzklopfen, dass man fürchtete, sie könnte sterben. Weitere
Details der Erkrankung werden nicht berichtet, abgesehen davon, dass schon die
anderen zu Rate gezogenen Arzte ein »Nervenleiden« (d.h. ein »nervöses Leiden« im
Sinne der damaligen Medizin, also eine psychogene Störung aus heutiger Sicht)
diagnostiziert hatten.
Eine genauere diagnostische Einordnung im heutigen Sinne ist aufgrund unzurei-
chender Angaben nicht möglich. Die Diagnose könnte schwanken zwischen einer
depressiven Störung mit Somatisierung, einer Angststörung mit Panikattacken und
einer Somatisierungsstörung. Es geht Tschechow offensichtlich nicht um eine genaue
Beschreibung der Symptome der Erkrankung, sondern mehr um den psychogenen
Hintergrund der Symptomatik. Dieser wird vom Arzt aufgrund einer sich sehr
schnell einstellenden Sympathie und aufgrund der Eindrücke, die er bei dem Haus-
besuch im familiären Umfeld sammelt, sehr schnell diagnostiziert. Im Gespräch
mit der Patientin vermittelt diese Um ihre Einsamkeit und Abgeschlossenheit auf
dem abgelegenen Fabrikgelände sowie die enge Einbindung in die Restfamilie, d.h.
die enge Beziehung zur Mutter und zur Gouvernante, die ihr kaum die Möglichkeit
lässt, ihr Ixben frei zu entwickeln. Der Arzt vermittelt ihr in einem supportiven
183
Kommentar
Gespräch, dass sie sich b^eien muss und ihr Leben selber in die Hand nehmen
muss, und kann dadurch Beruhigung und gesunden Schlaf bewirken.
184
Hugo von Hoßnannsthül
Ein Brief
aus: Hugo von Hoßnannsthal, Der Brief des Lord Chandos.
© 2000 by Philipp Reclamjun. GmbH & Co., Stuttgart
Einführung
Hugo Laurenz August Hqfmann, Edler von Hofmannsthal, ge-
nannt Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) war ein österrei-
chischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker, Librettist (»Elektra«;
»Der Rosenkavalier«; »Ariadne auf Naxos«; »Die Frau ohne
Schatten«; »Arabella«) und Mitbegründer der Salzburger Festspiek, wo alljährlich
sein Mysterienspiel »Jedermann« (1911) aufgefuhrt wird. „Früh gereift und zart
und traurig“ betrat Hofmannsthal unter dem Pseudonym Loris die Szene der Wie-
ner Kaffeehausliteralur.
Von Privatlehrern erzogen, studierte Hojmannsthal zunächst Jura bis zur ersten
Staatsprüfung, diente dann bei den Dragonern in Mähren, um schließlich Roma-
nistik zu studieren und 1898 mit der Promotion abzuschließen. Der Freund Rilkes
und des Komponisten Richard Strauss habilitierte sich 1901 mit Studien über die
Entivicklung des Dichters Victor Hugo, entschied sich aber, freier Schrftsteller zu
werden. Seine Ehe betrachtete er als »erhabenes Irutitubs, Affären sind nicht be-
kannt.
Vielfache, intensiv gepflegte Freundschaften (z.B. mit Max Reinhardt oder Tho-
mas Mann) halfen ihm über psychische Krisen hinweg. Dm Erstm Weltkrieg über-
lebte er in Wien auf einer Stelle im Kriegsjursorgeamt des Innenministeriums, wo
er patriotische Aufsätze .schrieb. Das Ende der Donaumonarchie empfand der kon-
servative Patriot als schweren persönlichm Schlag. Obgleich er 1919 erstmals für
den Nobelpreis vorgeschlagm wurde, erhielt er diesm nie, zumal man ihm »Lüs-
ternheit« (»Rosenkavalier«), Antisemitismus und Sympathie mit dem Faschismus
vorwarf. Jwei Tage nach dem Suizid seines Sohnes Franz starb der viel gereiste
Hofmannsthal 1929 an einem Schlaganfall. Er wurde unter großer öffmtlicher
Anteilnahme in der Kutte eines Franziskanermönchs begraben.
»Ein Brief« (»Brief des Lord Chandos an Francis Bacon«, 1902) markiert nicht
nur eine persönliche Krise Hqfmannsthals, sondern giU als bedeutendes Dokument
der Sprachskepsis der literarischen Moderne. Seine viel diskutierte Paradoxie be-
185
Hugo von Hoßnannsthal
steht darin, auf höchstem sprachlichen Mweau den Topos des Unsagbaren zu re-
flektieren, um im beredten Verstummen ZM enden.
Weiteijuhrende Literatur:
Ulrich Weinzierl: Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild, fjolnaj 2005
Ein Brief
Dies ist der Brief, den Philipp Lord Chandos, jün-
gerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon,
später Lord Verulam und Viscount St. Albans,
schrieb, um sich bei diesem Freunde wegen des
gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung
zu entschuldigen.
Es ist gütig von Ihnen, mein hochverehrter
Freund, mein zweijähriges Stillschweigen zu
übersehen und so an mich zu schreiben. Es ist
mehr als gütig, Ihrer Besorgnis um mich, Ihrer Befremdung über die
geistige Starrnis, in der ich Ihnen zu versinken scheine, den Ausdruck
der Leichtigkeit und des Scherzes zu geben, den nur große Men-
schen, die von der Gefährlichkeit des Lebens durchdrungen und den-
noch nicht entmutigt sind, in ihrer Gewalt haben.
Sie schließen mit dem Aphorisma des Hippokrates: »Qui gravi mor-
bo correpti dolores non sentiunt, iis mens aegrotat« und meinen, ich
bedürfe der Medizin nicht nur, um mein Übel zu bändigen, sondern
noch mehr, um meinen Sinn für den Zustand meines Innern zu schär-
fen. Ich möchte Ihnen so antworten, wie Sie es um mich verdienen,
möchte mich Ihnen ganz aufschließen und weiß nicht, wie ich mich
dazu nehmen soll. Kaum weiß ich, ob ich noch derselbe bin, an
den Ihr kostbarer Brief sich wendet; bin denn ich‘s, der nun Sechs-
undzwanzigjährige, der mit neunzehn jenen »neuen Paris«, jenen
»Traum der Daphne«, jenes »Epithalamium« hinschrieb, diese unter
dem Prunk ihrer Worte hintaumelnden Schäferspiele, deren eine
himmlische Königin und einige allzu nachsichtige Lords und Herren
sich noch zu entsinnen gnädig genug sind? Und bin ich‘s wiederum,
der mit dreiundzwanzig unter den steinernen Lauben des großen
Platzes von Venedig in sich jenes Gefiige lateinischer Perioden fand,
dessen geistiger Grundriß und Aufbau ihn im Innern mehr entzückte
186
Ein Brief
als die aus dem Meer auftauchenden Bauten des Palladio und Sanso-
vin? Und konnte ich, wenn ich anders derselbe bin, alle Spuren und
Narben dieser Ausgeburt meines angespanntesten Denkens so völlig
aus meinem unbegreiflichen Innern verlieren, daß mich in Ihrem
Brief, der vor mir liegt, der Titel jenes kleinen Traktates fremd und
kalt anstarrt, ja daß ich ihn nicht als ein geläufiges Bild zusammenge-
faßter Worte sogleich auffassen, sondern nur Wort für Wort verstehen
konnte, als träten mir diese lateinischen Wörter, so verbunden, zum
ersten Male vors Auge? Allein ich bin es ja doch, und es ist Rhetorik in
diesen Fragen, Rhetorik, die gut ist für Frauen oder für das Haus der
Gemeinen, deren von unserer Zeit so überschätzte Machtmittel aber
nicht hinreichen, ins Innere der Dinge zu dringen.
Mein Inneres aber muß ich Ihnen darlegen, eine Sonderbarkeit, eine
Unart, wenn Sie wollen eine Krankheit meines Geistes, wenn Sie be-
greifen sollen, daß mich ein ebensolcher brückenloser Abgrund von
den scheinbar vor mir liegenden literarischen Arbeiten trennt, als von
denen, die hinter mir sind und die ich, so fremd sprechen sie mich an,
mein Eigentum zu nennen zögere.
Ich weiß nicht, ob ich mehr die Eindringlichkeit Ihres Wohlwollens
oder die unglaubliche Schärfe Ihres Gedächtnisses bewundern soll,
wenn Sie mir die verschiedenen kleinen Pläne wieder hervorrufen,
mit denen ich mich in den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung
trug. Wirklich, ich wollte die ersten Regierungsjahre unseres verstor-
benen glorreichen Souveräns, des achten Heinrich, darstellen! Die
hinterlassenen Aufzeichnungen meines Großvaters, des Herzogs von
Exeter, über seine Negoziationen mit Frankreich und Portugal gaben
mir eine Art von Grundlage. Und aus dem Sallust floß in jenen glück-
lichen, belebten Tagen wie durch nie verstopfte Röhren die Erkennt-
nis der Form in mich herüber, jener tiefen, wahren, inneren Form, die
jenseit des Geheges der rhetorischen Kunststücke erst geahnt werden
kann, die, von welcher man nicht mehr sagen kann, daß sie das Stoff-
liche anordne, denn sie durchdringt es, sie hebt es auf und schafft
Dichtung und Wahrheit zugleich, ein Widerspiel ewiger Kräfte, ein
Ding, herrlich wie Musik und Algebra. Dies war mein Lieblingsplan.
Was ist der Mensch, daß er Pläne macht!
Ich spielte auch mit anderen Plänen. Ihr gütiger Brief läßt auch diese
heraufschweben. Jedweder vollgesogen mit einem Tropfen meines
Blutes, tanzen sie vor mir wie traurige Mücken an einer düsteren
Mauer, auf der nicht mehr die helle Sonne der glücklichen Tage liegt.
187
Ht^o von Hoßnannsthal
Ich wollte die Fabeln und mythischen Erzählungen, welche die Alten
uns hinterlassen haben, und an denen die Maler und Bildhauer
ein endloses und gedankenloses Gefallen finden, aufschließen als
die Hieroglyphen einer geheimen, unerschöpflichen Weisheit,
deren Anhauch ich manchmal, wie hinter einem Schleier, zu spüren
meinte.
Ich entsinne mich dieses Planes. Es lag ihm, ich weiß nicht welche,
sinnliche und geistige Lust zu Grunde; wie der gehetzte Hirsch ins
Wasser, sehnte ich mich hinein in diese nackten, glänzenden Leiber,
in diese Sirenen und Dryaden, diesen Narcissus und Proteus, Perseus
und Actäon: verschwinden wollte ich in ihnen und aus ihnen heraus
mit Zungen reden. Ich wollte. Ich wollte noch vielerlei. Ich gedachte
eine Sammlung »Apophthegmata« anzulegen, wie deren eine Julius
Cäsar verfaßt hat: Sie erinnern die Erwähnung in einem Briefe des
Cicero. Hier gedachte ich die merkwürdigsten Aussprüche nebenein-
ander zu setzen, welche mir im Verkehr mit den gelehrten Männern
und den geistreichen Frauen unserer Zeit oder mit besonderen Leu-
ten aus dem Volk oder mit gebildeten und ausgezeichneten Personen
auf meinen Reisen zu sammeln gelungen wäre; damit wollte ich schö-
ne Sentenzen und Reflexionen aus den Werken der Alten und der
Italiener vereinigen, und was mir sonst an geistigen Zieraten in Bü-
chern, Handschriften oder Gesprächen entgegenträte; ferner die An-
ordnung besonders schöner Feste und Aufzüge, merkwürdige Verbre-
chen und Fälle von Raserei, die Beschreibung der größten und eigen-
tümlichsten Bauwerke in den Niederlanden, in Frankreich und Italien
und noch vieles andere. Das ganze Werk aber sollte den Titel Nosce te
ipsum führen.
Um mich kurz zu fassen; mir erschien damals in einer Art von andau-
ernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit: geistige
und körperliche Welt schien mir keinen Gegensatz zu bilden, ebenso
wenig höfisches und tierisches Wesen, Kunst und Unkunst, Einsam-
keit und Gesellschaft; in allem fühlte ich Natur, in den Verirrungen
des Wahnsinns ebensowohl wie in den äußersten Verfeinerungen ei-
nes spanischen Ceremoniells; in den Tölpelhaftigkeiten junger Bau-
ern nicht minder als in den süßesten Allegorien; und in aller Natur
fühlte ich mich selber; wenn ich auf meiner Jagdhütte die schäumen-
de laue Milch in mich hineintrank, die ein struppiges Mensch einer
schönen, sanftäugigen Kuh aus dem Euter in einen Holzeimer nie-
dermolk, so war mir das nichts anderes, als wenn ich, in der dem Fen-
188
Ein Brief
/
Ster eingebauten Bank meines Studio sitzend, aus einem Folianten
süße und schäumende Nahrung des Geistes in mich sog. Das eine war
wie das andere; keines gab dem andern weder an traumhafter überir-
discher Natur, noch an leiblicher Gewalt nach, und so ging‘s fort
durch die ganze Breite des Lebens, rechter und linker Hand; überall
war ich mitten drinnen, wurde nie ein Scheinhaftes gewahr: oder es
ahnte mir, alles wäre Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der
andern, und ich fühlte mich wohl den, der imstande wäre, eine nach
der andern bei der Krone zu packen und mit ihr so viele der andern
aufzusperren, als sie aufsperren könnte. So weit erklärt sich der Titel,
den ich jenem encyklopädischen Buch zu geben gedachte.
Es möchte dem, der solchen Gesinnungen zugänglich ist, als der
wohlangelegte Plan einer götdichen Vorsehung erscheinen, daß mein
Geist aus einer so aufgeschwollenen Anmaßung in dieses Äußerste
von Kleinmut und Krafdosigkeit zusammensinken mußte, welches
nun die bleibende Verfassung meines Innern ist. Aber dergleichen re-
ligiöse Auffassungen haben keine Kraft über mich; sie gehören zu den
Spinnennetzen, durch welche meine Gedanken durchschießen, hin-
aus ins Leere, während so viele ihrer Gefährten dort hangen bleiben
und zu einer Ruhe kommen. Mir haben sich die Geheimnisse des
Glaubens zu einer erhabenen Allegorie verdichtet, die über den Fel-
dern meines Lebens steht wie ein leuchtender Regenbogen, in einer
stetigen Ferne, immer bereit, zurückzuweichen, wenn ich mir einfal-
len ließe, hinzueilen und mich in den Saum seines Mantels hüllen zu
wollen.
Aber, mein verehrter Freund, auch die irdischen Begriffe entziehen
sich mir in der gleichen Weise. Wie soll ich es versuchen. Ihnen diese
seltsamen geistigen Qualen zu schildern, dies Emporschnellen der
Fruchtzweige über meinen ausgereckten Händen, dies Zurückwei-
chen des murmelnden Wassers vor meinen dürstenden Lippen?
Mein Fall ist, in Kürze, dieser: es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden
gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu
sprechen.
Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allge-
meineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund
zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig
zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die
Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand
es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vor-
189
Hvgo von Hofirumnsthal
kommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urteil her-
auszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgend welcher
Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Frei-
mut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge natur-
gemäß bedienen muß, um irgend welches Urteil an den Tag zu ge-
ben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze. Es begegnete mir,
daß ich meiner vierjährigen Tochter Catarina Pompilia eine kindi-
sche Lüge, deren sie sich schuldig gemacht hatte, verweisen und sie
auf die Notwendigkeit, immer wahr zu sein, hinführen wollte, und
dabei die mir im Munde zuströmenden Begriffe plötzlich eine solche
schillernde Färbung annahmen und so ineinander überflossen, daß
ich, den Satz, so gut es ging, zu Ende haspelnd, so wie wenn mir un-
wohl geworden wäre und auch tatsächlich bleich im Gesicht und mit
einem heftigen Druck auf der Stirn, das Kind allein ließ, die Tür hin-
ter mir zuschlug und mich erst zu Pferde, auf der einsamen Hutweide
einen guten Galopp nehmend, wieder einigermaßen herstellte.
Allmählich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich
fressender Rost. Es wurden mir auch im familiären und hausbacke-
nen Gespräch alle die Urteile, die leichthin und mit schlafwandelnder
Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, daß ich auf-
hören mußte, an solchen Gesprächen irgend teilzunehmen. Mit ei-
nem unerklärlichen Zorn, den ich nur mit Mühe notdürftig verbarg,
erfüllte es mich, dergleichen zu hören wie: diese Sache ist für den oder
jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein böser, Prediger
T. ein guter Mensch; Pächter M. ist zu bedauern, seine Söhne sind
Verschwender; ein anderer ist zu beneiden, weil seine Töchter haus-
hälterisch sind; eine Familie kommt in die Höhe, eine andere ist im
Hinabsinken. Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so
löcherig wie nur möglich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in
einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu
sehen: so wie ich einmal in einem Vergrößerungsglas ein Stück von
der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld
mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen
und ihren Handlungen. Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem verein-
fachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in
Teile, die Teüe wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem
Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie
gerannen zu Augen, die mich anstarrten und in die ich wieder hinein-
starren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt.
190
Ein Brief
die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere
kommt.
Ich machte einen Versuch, mich aus diesem Zustand in die geistige
Welt der Alten hinüberzuretten. Platon vermied ich; denn mir graute
vor der Gefährlichkeit seines bildlichen Fluges. Am meisten gedachte
ich mich an Seneca und Cicero zu halten. An dieser Harmonie be-
grenzter und geordneter Begriffe hoffte ich zu gesunden. Aber ich
konnte nicht zu ihnen hinüber. Diese Begriffe, ich verstand sie wohl;
ich sah ihr wundervolles Verhältnisspiel vor mir aufsteigen wie herrli-
che Wasserkünste, die mit goldenen Bällen spielen. Ich konnte sie
umschweben und sehen, wie sie zu einander spielten: aber sie hatten
es nur miteinander zu tun, und das Tiefste, das Persönliche meines
Denkens blieb von ihrem Reigen ausgeschlossen. Es überkam mich
unter ihnen das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zu Mut wie
einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen einge-
sperrt wäre; ich flüchtete wieder ins Freie.
Seither führe ich ein Dasein, das Sie, fürchte ich, kaum begreifen kön-
nen, so geistlos, so gedankenlos fließt es dahin; ein Dasein, das sich
freilich von dem meiner Nachbarn, meiner Verwandten und der mei-
sten landbesitzenden EdeUeute dieses Königreiches kaum unterschei-
det und das nicht ganz ohne freudige und belebende Augenblicke ist.
Es wird mir nicht leicht, Ihnen anzudeuten, worin diese guten Augen-
blicke bestehen; die Worte lassen mich wiederum im Stich. Denn es
ist ja etwas völlig Unbenanntes und auch wohl kaum Benennbares,
das, in solchen Augenblicken, irgend eine Erscheinung meiner alltäg-
lichen Umgebung mit einer überschwellenden Flut höheren Lebens
wie ein Gefäß erfüllend, mir sich ankündet. Ich kann nicht erwarten,
daß Sie mich ohne Beispiel verstehen, und ich muß Sie um Nachsicht
für die Alltäglichkeit meiner Beispiele bitten. Eine Gießkanne, eine
auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher
Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das
Gefäß meiner Offenbarung werden. Jeder dieser Gegenstände und
die tausend anderen ähnlichen, über die sonst ein Auge mit selbstver-
ständlicher Gleichgültigkeit hinweggleitet, kann für mich plötzlich in
irgend einem Moment, den herbeizuführen auf keine Weise in mei-
ner Gewalt steht, ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen,
das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen. Ja, es kann auch
die bestimmte Vorstellung eines abwesenden Gegenstandes sein, der
die unbegreifliche Auserwählung zu teil wird, mit jener sanft oder jäh
191
Hugo von Hoßnannsthal
steigenden Flut göttlichen Gefühles bis an den Rand gefüllt zu wer-
den. So hatte ich unlängst den Auftrag gegeben, den Ratten in den
Milchkellern eines meiner Meierhöfe ausgiebig Gift zu streuen. Ich
ritt gegen Abend aus und dachte, wie Sie vermuten können, nicht
weiter an diese Sache. Da, wie ich im tiefen, aufgeworfenen Ackerbo-
den Schritt reite, nichts Schlimmeres in meiner Nähe als eine aufge-
scheuchte Wachtelbrut und in der Ferne über den welligen Feldern
die große sinkende Sonne, tut sich mir im Innern plötzlich dieser Kel-
ler auf, erfüllt mit dem Todeskampf dieses Volks von Ratten. Alles
war in mir: die mit dem süßlich scharfen Geruch des Giftes angefüllte
kühl-dumpfe Kellerluft und das Gellen der Todesschreie, die sich an
modrigen Mauern brachen; diese ineinander geknäulten Krämpfe
der Ohnmacht, durcheinander hinjagenden Verzweiflungen; das
wahnwitzige Suchen der Ausgänge; der kalte Blick der Wut, wenn
zwei einander an der verstopften Ritze begegnen. Aber was versuche
ich wiederum Worte, die ich verschworen habe! Sie entsinnen sich,
mein Freund, der wundervollen Schilderung von den Stunden, die
der Zerstörung von Alba Longa vorhergehen, aus dem Livius? Wie
sie die Straßen durchirren, die sie nicht mehr sehen sollen . . . wie sie
von den Steinen des Bodens Abschied nehmen. Ich sage Ihnen, mein
Freund, dieses trug ich in mir und das brennende Karthago zugleich;
aber es war mehr, es war göttlicher, tierischer; und es war Gegenwart,
die vollste erhabenste Gegenwart. Da war eine Mutter, die ihre ster-
benden Jungen um sich zucken hatte und nicht auf die Verendenden,
nicht auf die unerbitdichen steinernen Mauern, sondern in die leere
Luft, oder durch die Luft ins Unendliche hin Blicke schickte und diese
Blicke mit einem Knirschen begleitete! - Wenn ein dienender Sklave
voll ohnmächtigen Schauders in der Nähe der erstarrenden Niobe
stand, der muß das durchgemacht haben, was ich durchmachte, als in
mir die Seele dieses Tieres gegen das ungeheure Verhängnis die Zäh-
ne bleckte.
Vergeben Sie mir diese Schilderung, denken Sie aber nicht, daß es
Mitleid war, was mich erfüllte. Das dürfen Sie ja nicht denken, sonst
hätte ich mein Beispiel sehr ungeschickt gewählt. Es war viel mehr
und viel weniger als Mitleid: ein ungeheures Anteilnehmen, ein Hin-
überfließen in jene Geschöpfe oder ein Fühlen, daß ein Fluidum des
Lebens und Todes, des Traumes und Wachens für einen Augenblick
in sie hinübergeflossen ist - von woher? Denn was hätte es mit Mitleid
zu tun, was mit begreiflicher menschlicher Gedankenverknüpfung,
192
Ein Brief
wenn ich an einem anderen Abend unter einem Nußbaum eine halb-
volle Gießkanne finde, die ein Gärtnerbursche dort vergessen hat,
und wenn mich diese Gießkanne und das Wasser in ihr, das vom
Schatten des Baumes finster ist, und ein Schwimmkäfer, der auf dem
Spiegel dieses Wassers von einem dunklen Ufer zum andern rudert,
wenn diese Zusammensetzung von Nichtigkeiten mich mit einer sol-
chen Gegenwart des Unendlichen durchschauert, von den Wurzeln
der Haare bis ins Mark der Fersen mich durchschauert, daß ich in
Worte ausbrechen möchte, von denen ich weiß, fände ich sie, so wür-
den sie jene Cherubim, an die ich nicht glaube, niederzwingen, und
daß ich dann von jener Stelle schweigend mich wegkehre und nun
nach Wochen, wenn ich dieses Nußbaums ansichtig werde, mit scheu-
em seitlichen Blick daran vorübergehe, weil ich das Nachgefühl des
Wundervollen, das dort um den Stamm weht, nicht verscheuchen
will, nicht vertreiben die mehr als irdischen Schauer, die um das
Buschwerk in jener Nähe immer noch nachwogen.
In diesen Augenblicken wird eine nichtige Kreatur, ein Hund, eine
Ratte, ein Käfer, ein verkrümmter Apfelbaum, ein sich über den Hü-
gel schlängelnder Karrenweg, ein moosbewachsener Stein mir mehr
als die schönste, hingebendste Geliebte der glücklichsten Nacht mir je
gewesen ist. Diese stummen und manchmal unbelebten Kreaturen
heben sich mir mit einer solchen Fülle, einer solchen Gegenwart der
Liebe entgegen, daß mein beglücktes Auge auch ringsum auf keinen
toten Fleck zu fallen vermag. Es erscheint mir alles, alles, was es gibt,
alles, dessen ich mich entsinne, alles, was meine verworrensten Ge-
danken berühren, etwas zu sein. Auch die eigene Schwere, die sonsti-
ge Dumpfheit meines Hirnes erscheint mir als etwas; ich fühle ein
entzückendes, schlechthin unendliches Widerspiel in mir und um
mich, und es gibt unter den gegeneinander spielenden Materien kei-
ne, in die ich nicht hinüberzufließen vermöchte. Es ist mir dann, als
bestünde mein Körper aus lauter Chiffern, die mir alles aufschließen.
Oder als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum gan-
zen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken.
Fällt aber diese sonderbare Bezauberung von mir ab, so weiß ich
nichts darüber auszusagen; ich könnte dann ebensowenig in vernünf-
tigen Worten darstellen, worin diese mich und die ganze Welt durch-
webende Harmonie bestanden und wie sie sich mir fühlbar gemacht
habe, als ich ein Genaueres über die inneren Bewegungen meiner
Eingeweide oder die Stauungen meines Blutes anzugeben vermöchte.
193
Hugo von Hoßnmnsthal
Von diesen sonderbaren Zufällen abgesehen, von denen ich übrigens
kaum weiß, ob ich sie dem Geist oder dem Körper zurechnen soll,
lebe ich ein Leben von kaum glaublicher Leere und habe Mühe, die
Starre meines Innern vor meiner Frau und vor meinen Leuten die
Gleichgültigkeit zu verbergen, welche mir die Angelegenheiten des
Besitzes einflößen. Die gute und strenge Erziehung, welche ich mei-
nem seligen Vater verdanke, und die frühzeitige Gewöhnung, keine
Stunde des Tages unausgefiillt zu lassen, sind es, scheint mir, allein,
welche meinem Leben nach außen hin einen genügenden Halt und den
meinem Stande und meiner Person an^messenen Anschein bewahren.
Ich baue einen Flügel meines Hauses um und bringe es zustande,
mich mit dem Architekten hie und da über die Fortschritte seiner Ar-
beit zu unterhalten; ich bewirtschafte meine Güter, und meine Päch-
ter und Beamten werden mich wohl etwas wortkarger, aber nicht un-
gütiger als früher finden. Keiner von ihnen, der mit abgezogener
Mütze vor seiner Haustür steht, wenn ich abends vorüberreite, wird
eine Ahnung haben, daß mein Blick, den er respektvoll aufzufangen
gewohnt ist, mit stiller Sehnsucht über die morschen Bretter hin-
streicht, unter denen er nach Regenwürmern zum Angeln zu suchen
pflegt, durchs enge, vergitterte Fenster in die dumpfe Stube taucht, wo
in der Ecke das niedrige Bett mit bunten Laken immer auf einen zu
warten scheint, der sterben will, oder auf einen, der geboren werden
soll; daß mein Auge lange an den häßlichen jungen Hunden hängt
oder an der Katze, die geschmeidig zwischen Blumenscherben durch-
kriecht, und daß es unter all den ärmlichen und plumpen Gegenstän-
den einer bäurischen Lebensweise nach jenem einen sucht, dessen
unscheinbare Form, dessen von niemand beachtetes Daliegen oder
-lehnen, dessen stumme Wesenheit zur Quelle jenes rätselhaften,
wortlosen, schrankenlosen Entzückens werden kann. Denn mein un-
benanntes seliges Gefühl wird eher aus einem fernen, einsamen Hir-
tenfeuer mir hervorbrechen als aus dem Anblick des gestirnten Him-
mels; eher aus dem Zirpen einer letzten, dem Tode nahen Grille,
wenn schon der Herbstwind winterliche Wolken über die öden Felder
hintreibt, als aus dem majestätischen Dröhnen der Orgel. Und ich
vergleiche mich manchmal in Gedanken mit jenem Crassus dem
Redner, von dem berichtet wird, daß er eine zahme Muräne, einen
dumpfen, rotäugigen, stummen Fisch seines Zierteiches, so über alle
Maßen lieb gewann, daß es zum Stadtgespräch wurde; und als ihm
einmal im Senat Domitius vorwarf, er habe über den Tod dieses Fi-
194
Ein Brief
sches Tränen vergossen, und ihn dadurch als einen halben Narren
hinstellen wollte, gab ihm Crassus zur Antwort: »So habe ich beim
Tod meines Fisches getan, was Ihr weder bei Eurer ersten noch Eurer
zweiten Frau Tod getan habt.«
Ich weiß nicht, wie oft mir dieser Crassus mit seiner Muräne als ein
Spiegelbild meines Selbst, über den Abgrund der Jahrhunderte her-
geworfen, in den Sinn kommt. Nicht aber wegen dieser Antwort, die
er dem Domitius gab. Die Antwort brachte die Lacher auf seine Sei-
te, so daß die Sache in einen Witz aufgelöst war. Mir aber geht die
Sache nahe, die Sache, welche dieselbe geblieben wäre, auch wenn
Domitius um seine Frauen blutige Tränen des aufrichtigsten Schmer-
zes geweint hätte. Dann stünde ihm noch immer Crassus gegenüber,
mit seinen Tränen um seine Muräne. Und über diese Figur, deren
Lächerlichkeit und Verächtlichkeit mitten in einem die erhabensten
Dinge beratenden, weltbeherrschenden Senat so ganz ins Auge
springt, über diese Figur zwingt mich ein unnennbares Etwas, in einer
Weise zu denken, die mir vollkommen töricht erscheint, im
Augenblick, wo ich versuche, sie in Worten auszudrücken.
Das Bild dieses Crassus ist zuweilen nachts in meinem Hirn, wie ein
eingeschlagener Nagel, um den herum alles schwärt, pulst und kocht.
Es ist mir dann, als geriete ich selber in Gärung, würfe Blasen auf,
wallte und funkelte. Und das Ganze ist eine Art fieberisches Denken,
aber Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühen-
der ist als Worte. Es sind gleichfalls Wirbel, aber solche, die nicht wie
die Wirbel der Sprache ins Bodenlose zu führen scheinen, sondern
irgendwie in mich selber und in den tiefsten Schoß des Friedens.
Ich habe Sie, mein verehrter Freund, mit dieser ausgebreiteten Schil-
derung eines unerklärlichen Zustandes, der gewöhnlich in mir ver-
schlossen bleibt, über Gebühr belästigt.
Sie waren so gütig, Ihre Unzufriedenheit darüber zu äußern, daß kein
von mir verfaßtes Buch mehr zu Ihnen kommt, »Sie für das Entbeh-
ren meines Umganges zu entschädigen«. Ich fühlte in diesem Augen-
blick mit einer Bestimmtheit, die nicht ganz ohne ein schmerzliches
Beigefühl war, daß ich auch im kommenden und im folgenden und in
allen Jahren dieses meines Lebens kein englisches und kein lateini-
sches Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund, dessen
mir peinliche Seltsamkeit mit ungeblendetem Blick dem vor Ihnen
harmonisch ausgebreiteten Reiche der geistigen und leiblichen Er-
scheinungen an seiner Stelle einzuordnen ich Ihrer unendlichen gei-
195
Kommentar
stigen Überlegenheit überltisse: nämlich weil die Sprache, in welcher
nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gege-
ben wäre, weder die lateinische noch die englische noch die italieni-
sche oder spanische ist, sondern eine Sprache, von deren Worten mir
auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die stummen
Dinge zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe
vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.
Ich wollte, es wäre mir gegeben, in die letzten Worte dieses voraus-
sichtlich letzten Briefes, den ich an Francis Bacon schreibe, alle die
Liebe und Dankbarkeit, alle die ungemessene Bewunderung zusam-
menzupressen, die ich für den größten Wohltäter meines Geistes, für
den ersten Engländer meiner Zeit im Herzen hege und darin hegen
werde, bis der Tod es bersten macht.
A. D. 1603, diesen 22. August.
Phi. Chandos
Kommentar
In diesem Brief an Francis Bacon entschuldigt sich der Brießchrei-
ber Lord Chandos zunächst für sein ztveijähriges Stillschweigen und
begründet dieses mit einer schweren persönlichen Krise. In dem
»Brief des Lord Chandos« wird mit großer Empathie und in subtiler
Sprache eine länger dauernde Phase depressiver Gestimmtheit dargestellt, nachdem
eingangs über eine kurz dauernde Hochgestimmtheit, offensichtlich im Sinne einer
hypomanischen oder gar manischen Phase, berichtet wurde. Diese Phase der Hoch-
gestimmtheit wird als eine Gßihlslage andauernder »Trunkenheit« dargestellt, in
der das »ganze Dasein als eine große Einheit«, bei der geistige und körperliche Welt
keinen Gegensatz mehr bildeten, erschien. In allem wurde die Natur gefühlt und in
aller Natur fühlte sich Lord Chandos selbst. Alks war durch innere Bezüge und
Symboliken miteinander verbunden, z-B. wurde die Milch einer Kuh mit der den
dicken Folianten entströmenden »Nahrur^< des Geistes assoziiert. In dieser Phase
war Lord Chandos voller Pläne, insbesondere auch in Bezug auf geistige Aktivitä-
ten und Arbeiten. Aus einer so »aufgeschwolknen Anmaßung< sank der Geist dann
in eine Situation äußerster »Kleinmut und Kraftlosigkeit«.
Diese mehr als zwei Jahre dauernde depressive Stimmung wird vorwiegend durch
Antriebsschwäche und durch eine kognitive Einengung charakterisiert. Im Rahmen
dieser Krise sei es Lord Chandos unmöglich geworden, allgemein gebrauchte Begrif-
196
Kommentar
je, wie »Geist«, »Seele«, »Körper« etc. auszusprechen. Abstrakte Worte dieser Art
»ze^elen ihm im Munde wie modrige Pilze«. Allmählich habe sich das so weit
ausgebreitet, dass er selbst im familiären Urrfeld alle ernstheften Gespräche unter-
lassen musste. Seither Jiihre er ein Dasein voller Geistlosigkeit und Gedankenlosig-
keit, ein Leben von kaum »glaublicher Leere« und er habe Mühe vor den ihm nahe
stehenden Personen, die »Gleichgültigkäbc, welche ihm Angelegenheiten des Besitzes
einflößen, zu verbergen. Diese Veränderung habe es ihm allmählich unmöglich ge-
macht, sich an der Welt zu beteiligen.
Vor lauter Detailwahrnehmung sah Lord Chandos das große Ganze nicht mehr.
Auch beschäftigten ihn in seinem Denken ausgeprägte skrupelhafte Vorstellungen,
wie es z-B. im Zusammenhang mit der Darstellung der Rattenvergftung zum Aus-
druck kommt. Auch Schuldgefühle khngen an, wenn Lord Chandos ausflihrt, dass
er sich im Grabe vor einem unbekannten Richter wird verantworten müssen und
dass das Elend auch über seinen Tod hinausgehen wird. Mehr als ein nebensächli-
cher Aspekt werden auch körperliche Symptome wie Unwohlsein, bleiches Gesicht
und Druck auf der Stirn dargestellt. Im letzten Absatz seines Briefes spricht er vom
»letzten Brief« und man ist geneigt daraus abzuleiten, dass er seinen Tod nahe sieht.
Insgesamt eine sehr eindrucksvolle literarische Darstellung einer depressiven Episo-
de, die auch zum Zeitpunkt des Briefschreibens noch nicht abgeklungen ist.
197
t
F4: Angststörungen, dissoziative Störungen,
somatoforme Störungen,
Somatisierungsstörung, hypochondrische
Störung, Depersonalisationsstörung
In diesem Großkapitel der ICD- 10 (F4) sind eine Reihe von Störun-
gen zusammengefasst, die nur in einem begrenzten Zusammenhang
stehen. Der innere Zusammenhang besteht, wenn man ihn denn
überhaupt suchen will, darin, dass diese Störungen in der traditio-
nellen Nosologie als Neurosen bezeichnet wurden und ursprünglich
im Sinne der psychoanalytischen Theorie pathogenetisch verstanden
wurden. Später wurden auch lerntheoretische Konzeptionen und
neurobiologische Ansätze eingebracht, um diese Störungen zu erklä-
ren. Heute werden diese Erkrankungen im Sinne einer multifaktoriel-
len Genese unter Berücksichtigung aller genannten Faktoren erklärt.
Die traditionell als »Symptomneurose« klassifizierten Störungen las-
sen sich aufgrund ihres Erscheinungsbildes in verschiedene Subtypen
untergliedern. Diese dürfen aber keinesfalls als scharf abgrenzbare
nosologische Syndrome verstanden werden, vielmehr handelt es sich
nur um typologische Differenzierungen mit starker Randunschärfe.
Häufig ist es deshalb nicht möglich, das Erscheinungsbild des Patien-
ten einem dieser Typen zuzuordnen, sondern man muss zwei oder
mehrere dieser Typen zur Beschreibung des Erscheinungsbildes he-
ranziehen, z.B. generalisierte Angststörung mit Panikstörung oder
Panikstörung mit Agoraphobie. Differentialdiagnostisch müssen die
so bezeichneten funktionellen Störungen jeweils sorgfältig gegenüber
gleichartigen klinischen Bildern bei organischen Erkrankungen abge-
grenzt werden.
Zu diesen Störungen gehören die Phobie (phobische Neurose), die
generalisierte Angststörung und die Panikstörung (beide ehemals un-
ter dem Begriff Angstneurose zusammengefasst), die Zwangsstörung
(Zwangsneurose), die hypochondrische Störung (hypochondrische
Neurose), die Somatosierungsstörung und die dissoziative Störung
(früher als hysterische Neurose oder Konversionsneurose bezeichnet).
199
F4
Diese Störungen sind sehr häufig, insbesondere die Phobie, die gene-
ralisierte Angststörung und die Somatisierungsstörung. Je nach Stö-
rung stehen psychotherapeutische oder psychopharmakologische
Therapieansätze im Vordergrund. Meistens ist ein kombinierter
Therapieansatz indiziert, bei dem psychotherapeutische Maßnah-
men im Vordergrund stehen. In der psychopharmakologischen Be-
handlung wurden Anxiolytika bei den meisten Indikationen, wie ge-
neralisierte Angststörung bzw. Panikstörung, weitgehend durch Anti-
depressiva, insbesondere moderne Antidepressiva, ersetzt.
200
Patrick Süskind
Die Taube
aus: Patrick Süsidnd. Die Taube.
© 1987 bj Diogenes Verlag AG, Zürich
Einführung
Der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Patrick Süskind
(Jahrgang 1949) ist der Sohn des Journalisten W. E. Süskind
(Milhemusgeber von »Das Wörterbuch des Unmenschen«, 1962)
und studierte Geschichte in München und Aix-en-Provence. Er
verweigert sich auf sympathische Weise den Erwartungen und Anforderungen des
Literaturbetriebes, lässt sich nicht fotografieren, gibt keine Interviews und nimmt
keine Literaturpreise entgegen. San Roman »Das Parfüm« (1985) wurde als Sen-
sation gefeiert, in über 20 Sprachen übersetzt und erreichte eine Weltauflage von
mehr als sechs Millionen Exemplaren. Die Filmrechte daran wurden angeblich mit
rund zehn Millionen Euro an die Constantin Film verkauft. Dem Fernsehpubli-
kum wurde Süskind als Drehbuchautor von »Monaco Franze« (1984), »Kir Roy-
al« (1986) sowie dem Spielfilm »Rossini« (1997) in Zusammenarbeit mit dem
Münchner Regisseur Helmut Dietl bekannt. Ein Welterfolg im Theater wurde das
Einpersonenstück »Der Kontrabafi< (1981).
Die stilistisch brillatite Novelle »Die Taube« (1987) erzählt, wie das einförmige
und unauffällige Leben des bereits über fünf zig Jahre alten Jonathan Noel, Wach-
mann bei einer Pariser Bank, jäh vom Erscheinen einer Taube in seiner bescheide-
nen Dachkammer in Frage ge.stellt und aus den Angeln gehoben wird. Dem Autor
gelingt es auf beeindruckende Weise, das namenlose Entsetzen sprachlich und er-
zählerisch zu gestalten, das der zurückgezogen lebende Wachmann angesichts der
Taube empfindet, die sich in den Flur des Dachgeschosses verirrt und die Dielen
verschmutzt. Dieses virtuose Sprachkunstwerk wird fieilich nur jenen Lesern zum
umfassenden literarischen Genuss, die auch mit Paul von Heyses Boccaccio-Falken
vertraut sind.
Weitefiihrende Literatur:
David Freudenthal: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstfiung und Sinnverweigerung
im Erzählen von Patrick Süskind. Kovac 2005
201
Patrick Säskind
Die Taube
Fast hätte er den Fuß schon über die Schwelle
gesetzt gehabt, er hatte den Fuß schon gehoben,
den linken, sein Bein war schon im Schritt begrif-
fen - als er sie sah. Sie saß vor seiner Tür, keine
zwanzig Zentimeter von der Schwelle entfernt,
im blassen Widerschein des Morgenlichts, das
durch das Fenster kam. Sie hockte mit roten, kral-
ligen Füßen auf den ochsenblutroten Fliesen des
Ganges, in bleigrauem, glattem Gefieder: die
Taube.
Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und glotzte Jonathan mit ihrem
linken Auge an. Dieses Auge, eine kleine, kreisrunde Scheibe, braun
mit schwarzem Mittelpunkt, war fürchterlich anzusehen. Es saß wie
ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos,
ganz nackt, ganz schamlos nach außen gewendet und ungeheuer of-
fen; zugleich aber war da etwas zurückhaltend Verschlagenes in dem
Auge; und zugleich wieder schien es weder offen noch verschlagen,
sondern ganz einfach leblos zu sein wie die Linse einer Kamera, die
alles äußere Licht verschluckt und nichts von ihrem Inneren zurück-
strahlen läßt. Kein Glanz, kein Schimmer lag in diesem Auge, nicht
ein Funken von Lebendigem. Es war ein Auge ohne Blick. Und es
glotzte Jonathan an.
Er sei zu Tode erschrocken gewesen - so hätte er den Moment wohl
im nachhinein beschrieben, aber es wäre nicht richtig gewesen, denn
der Schreck kam erst später. Er war viel eher zu Tode erstaunt.
Vielleicht fünf, vielleicht zehn Sekunden lang - ihm selbst kam es vor
wie für immer - blieb er, die Hand am Knauf, den Fuß zum Aus-
schreiten erhoben, wie angefforen auf der Schwelle seiner Türe ste-
hen und konnte nicht vor und nicht zurück. Dann geschah eine kleine
Bewegung. Sei es, daß die Taube von einem Fuß auf den anderen
trat, sei es, daß sie sich nur ein wenig plusterte - jedenfalls ging ein
kurzer Ruck durch ihren Körper, und gleichzeitig schnappten zwei
Lider über ihrem Auge zusammen, eines von unten, eines von oben,
keine richtigen Lider eigenthch, sondern eher irgendwelche gum-
miartigen Klappen, die wie zwei aus dem Nichts entstandene Lippen
das Auge verschluckten. Für einen Moment war es verschwunden.
Und jetzt erst durchzuckte Jonathan der Schreck, jetzt sträubten sich
202
Dk Taube
seine Haare vor blankem Entsetzen. Mit einem Satz sprang er zurück
ins Zimmer und schlug die Türe zu, eh noch das Auge der Taube sich
wieder geöffnet hätte. Er drehte das Sicherheitsschloß, wankte die
drei Schritte zum Bett, setzte sich zitternd, mit wild klopfendem Her-
zen. Seine Stirn war eiskalt, und im Nacken und das Rückgrat endang
spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach.
Sein erster Gedanke war, daß er nun einen Herzinfarkt erleiden wer-
de oder einen Schlaganfall oder mindestens einen Kreislaufkollaps,
für all das bist du im richtigen Alter, dachte er, ab Fünfzig genügt der
geringste Anlaß für so ein Malheur. Und er ließ sich seitlich aufs Bett
fallen und zog die Decke über seine fröstelnden Schultern und warte-
te auf den krampfartigen Schmerz, auf das Stechen im Brust- und
Schulterbcreich (er hatte einmal in seinem medizinischen Taschenle-
xikon gelesen, daß dies die untrüglichen Infarktsymptome seien) oder
auf das langsame Verdämmern des Bewußtseins. Aber dann geschah
nichts dergleichen. Der Herzschlag beruhigte sich, das Blut strömte
wieder gleichmäßig durch Kopf und Glieder, und Lähmungserschei-
nungen, wie sie für den Schlaganfall typisch sind, traten nicht auf
Jonathan konnte Zehen und Finger bewegen und sein Gesicht zu Gri-
massen verziehen, ein Zeichen, daß organisch und neurologisch alles
einigermaßen in Ordnung war.
Statt dessen wirbelte nun eine wüste Masse völlig unkoordinierter
Schreckensgedanken in seinem Hirn herum wie ein Schwarm von
schwarzen Raben, und es schrie und flatterte in seinem Kopf, und
»du bist am Ende!« krächzte es, »du bist alt und am Ende, du läßt
dich von einer Taube zu Tode erschrecken, eine Taube treibt dich in
dein Zimmer zurück, wirft dich nieder, hält dich gefangen. Du wirst
sterben, Jonathan, du wirst sterben, wenn nicht sofort, dann bald, und
dein Leben war falsch, du hast es verpfuscht, denn es wird von einer
Taube erschüttert, du mußt sie töten, aber du kannst sie nicht töten,
keine Fliege kannst du töten, doch, eine Fliege schon, gerade noch
eine Fliege oder eine Schnake oder einen kleinen Käfer, aber niemals
ein warmblütiges Ding, ein pfundschweres warmblütiges Wesen wie
eine Taube, eher schießt du einen Menschen über den Haufen, piff-
paff, das geht schnell, das macht nur ein kleines Loch, acht Millimeter
groß, das ist sauber und ist erlaubt, in Notwehr ist es erlaubt, Para-
graph eins der Dienstordnung für bewaffnetes Wachpersonal, es ist
sogar geboten, kein Mensch macht dir einen Vorwurf, wenn du einen
Menschen erschießt, im Gegenteil, aber eine Taube?, wie erschießt
203
Patrick Süskind
man eine Taube?, das flattert, eine Taube, das verfehlt man leicht, das
ist grober Unfug, auf eine Taube zu schießen, das ist verboten, das
führt zum Einzug der Dienstwaffe, zum Verlust des Arbeitsplatzes, du
kommst ins Gefängnis, wenn du auf eine Taube schießt, nein, du
kannst sie nicht töten, aber leben, leben kannst du auch nicht mit ihr,
niemals, in einem Haus, wo eine Taube wohnt, kann ein Mensch
nicht mehr leben, eine Taube ist der Inbegriff des Chaos und der
Anarchie, eine Taube, das schwirrt unberechenbar umher, das krallt
sich ein und pickt in die Augen, eine Taube, das schmutzt unablässig
und stäubt verheerende Bakterien aus und Meningitisviren, das bleibt
nicht allein, eine Taube, das lockt andere Tauben an, das treibt Ge-
schlechtsverkehr und zeugt sich fort, rasend schnell, ein Heer von
Tauben wird dich belagern, du kannst dein Zimmer nicht mehr ver-
lassen, wirst verhungern, wirst in deinen Exkrementen ersticken,
wirst dich zum Fenster hinausstürzen müssen und am Bürgersteig
zerschmettert liegen, nein, du wirst zu feige sein, du wirst in deinem
Zimmer eingeschlossen bleiben und um Hilfe schreien, nach der Feu-
erwehr wirst du schreien, damit man mit Leitern komme und dich vor
einer Taube rette, vor einer Taube!, zum Gespött des Hauses, zum
Gespött des ganzen Viertels wirst du werden, >seht Monsieur Noel!<
wird man rufen und mit Fingern auf dich zeigen, >seht, Monsieur
Noel läßt sich vor einer Taube retten!<, und man wird dich einweisen
in eine psychiatrische Klinik: o Jonathan, Jonathan, deine Lage ist
hoffnungslos, du bist verloren, Jonathan!«
Solcherart schrie und krächzte es in seinem Kopf, und Jonathan war
so verwirrt und verzweifelt, daß er etwas tat, was er seit seinen Kin-
dertagen nicht mehr getan hatte, er faltete nämlich in seiner Not die
Hände zum Gebet, und »mein Gott, mein Gott«, betete er, »warum
hast du mich verlassen? Warum werde ich so sehr gestraft von dir?
Vater unser, der du bist im Himmel, rette mich vor dieser Taube,
Amen!« Es war, wie wir sehen, kein ordentliches Gebet, es war eher
ein aus den Erinnerungsbruchstücken seiner rudimentären religiösen
Erziehung zusammengestückeltes Gestammel, das er da von sich gab.
Aber es half trotzdem, denn es verlangte ihm ein gewisses Maß geisti-
ger Konzentration ab und verscheuchte dadurch den Gedankenwirr-
warr. Etwas anderes half ihm noch stärker. Kaum hatte er nämlich
sein Gebet zu Ende gesprochen, da spürte er einen so unabweisbaren
Drang zu pissen, daß er wußte, er würde sein Bett, auf dem er lag,
besudeln, die schöne Federkernmatratze oder gar den schönen grau-
204
Kommentar
en Teppich, wenn es ihm nicht gelänge, sich innerhalb der nächsten
Sekunden anderweitig Erleichterung zu schaffen. Das brachte ihn
vollends zu sich. Ächzend stand er auf, warf einen verzweifelten Blick
zur Tür ... - nein, er könnte nicht durch diese Türe gehen, selbst
wenn der verfluchte Vogel jetzt weg wäre, er würde es nicht mehr bis
zur Toilette schaffen -, trat ans Waschbecken, riß den Bademantel
auf, riß die Pyjamahose herunter, öffnete den Wasserhahn und pißte
in das Becken.
Er hatte so etwas noch nie zuvor getan. Ein Horror allein der Gedan-
ke, in ein schönes, weißes, blankgeputztes, der Körperpflege und dem
Geschirrspülen dienendes Waschbecken einfach hineinzupissen! Nie-
mals hätte er geglaubt, daß er so tief würde sinken können, niemals,
daß er überhaupt physisch in der Lage wäre, ein solches Sakrileg zu
begehen. Und nun, da er sah, wie seine Pisse ohne jede Hemmung
und Verhaltung lief, sich mit dem Wasser vermischte und durch den
Abfluß davongurgelte, und da er das großartige Nachlassen des
Drucks in seinem Unterleib spürte, da liefen ihm zugleich die Tränen
aus den Augen, so sehr schämte er sich. Als er fertig war, ließ er das
Wasser noch eine Weile lang laufen und putzte das Becken gründlich
mit flüssigem Scheuerpulver, um auch die kleinsten Spuren der be-
gangenen Untat zu beseitigen. »Einmal ist keinmal«, murmelte er vor
sich hin, wie um sich vor dem Waschbecken, vor dem Zimmer oder
vor sich selbst zu entschuldigen, »einmal ist keinmal, es war eine ein-
malige Notlage, es wird gewiß nicht wieder Vorkommen . . .«
Kommentar
/Die Erzählung von Patrick Süsskind »Die Taube« sehildert in ein-
drucksvoller Weise eine phobische Reaktion auf dm Taube. Bd dem
Protagonisten kommt es zu dner extremen Angst vor einer Taube, die
Angst wird in allen psychischen und körperlichen Aspekten geschil-
dert. Der Protagonist macht verschiedene Versuche, diese Angst abzubauen. Auch
das Vermeidungsverhalten, z-B. nicht durch diese Türe gehen, »selbst wenn der
verfluchte Vogel jetzt weg wäre«, wird dargestellt.
Die Phobie ist eine sehr häufige Störung. Bd der Phobie wird die Angst eindeutig
durch bestimmte Situationen oder Objekte hervorgerufen, auch durch Objekte, die
ungefährlich sind, ln der Folge werden diese Objekte charakteristischerwdse vermie-
den. Phobische Angst ist subjektiv physiologisch von dem Verhalten bd anckren
205
Kommentar
Angstreaktionen nicht zu unterscheiden und reicht in der Schwere von leichtem Un-
behagen bis zu panikartigen Ansätzen- Das Erleben des Betreffenden kann sich auf
Einzelsymptome wie Herzklopfen oder Schwächegejuhl beziehen und tritt häufig
mit sekundären Ängsten vor dem Sterben, Konirollverlust oder dem Gefiihl wahn-
sinnig zu werden auf. Oft kommt es zu einer Generalisierung der Angstreaktion von
einem auslösenden Stimulus zu einem ähnlichen Stimulus. Es wird versucht, durch
an häufig extremes Vermeidungsverhalten den angstauslösenden Situationen zu
entgehen.
Das ursprüngliche Konzept Freuds der Angstneurose umfasste sowohl die Sympto-
matik, die heute in der ICD- 10 unter rgeneralisierte Angststörung<( beschrieben
wird, wie auch die in der ICD- 10 ab »Panikstörung« beschriebene Symptomatik.
Die igeneralbierte Angsbtörungt ut insbesondere durch anhaltende generalbierte
Ängstlichkeit und Besorgtheit charakterisiert. Die Symptome sind nicht auf be-
stimmte Umstände oder Situationen beschränkt. Die haupbächlichen Symptome
können individuell sehr unterschiedlich sein: Beschwerden bestehen in der ständigen
Nervosität, Zetern, Muskebpannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen
und Schwindelgeßihlen. Das wesentliche Kennzeichen der Panikstörung sind wie-
derkehrende schwere Panikattacken, die sich nicht auf eine spezifische Situation
oder Umstände beschränken und die deshalb auch nicht vorhersehbar sind. Die
einzelnen Anfälle dauern meist nur Minuten, manchmal auch länger. Die Anfälle
sind mit der Furcht vor dem Sterben, Kontrollverlust, Todesangst oder Ähnlichem
verbunden. Häufig kommt es zur Komorbidität von generalbierter Angsbtörung
und Panikstörung. Die Prävalenz, insbesondere der generalbierten Angsbtörung,
bt hoch.
206
Friederike Kempner
Finster und stumm
aus: Friederike Kempner. Gedichte. Noctorno.
© 2004 by Matthes & Seitz, Verlagsgesellschafl mbH, Berlin
Einführung
Friederike Kempner (1836—1904), ein »lebenslanges Fräulein«,
wie ihr Biograph G. H. Mostar anmerkt, gilt als »Genie der un-
freiwilligen Komik«. Ab sie achtundsechzigjährig auf ihrem Be-
sitztum Friederikenhof im schlesbchen Reichenthal starb, hatten
ihre Verse bereits acht Auflagen erreicht: sehr zum Kummer ihrer Verwandtschaft,
darunter ihr Neffe, der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr (1 867 bis 1948), der
sich eigens deshalb einen anderen Namen gab. Die gesamte Familie war eifrig be-
müht, sämtliche Auflagen sofort aufzukaufen, um sich das allseits peinliche Ge-
lächter zu ersparen, was jedoch die Dichterin - zur Freude ihres Verlegers - nur
noch mehr zu immer neuen Taten anspornte. Während die Novellen und Dramen
heute längst vergessen sind, werden die oft nur durch eine feile oder ein Wort grotesk
misslingenden Verse des Schlesbchen Schwans immer noch gerne zitiert.
Das Lachen verweht jedoch, sobald man sich das Mderuchcftliche Engagement der
Autorin für eine einzige Sache vergegenwärtigt: Schutz den Scheintoten! Ähnlich
wie etwa Schopenhauer oder Hans Christian Andersen war auch Friederike Kemp-
ner lebenslang von der panbcken Angst geplagt, lebendig begraben zu werden. Sie
litt überdies unter der Vorstellung eine Unzahl von Menschen liege lebendig im
Grab, weshalb sie verfugte, ihr eigenes Grab mit einer elektrischen Klingel auszu-
rüsten. Aufgrund dieser Angst wurde Friederike Kempner nicht müde, auf das
Schicksal scheintoter Kinder, Männer und Frauen mit geradezu wissenschaftlicher
Akribie und medienhewusster Penetranz aufmerksam zu machen. So forderte sie in
der Tradition von Goethes Leibarzt Htfeland immer wieder den Bau von Leichen-
häusern, um die (scheinbar?) Toten wenigstens drei Tage bei geöffnetem Sarg (!)
aufzubahren:
Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus,
Ruft er aus vollem Hake aus.
Für Tote haben Gelder wir.
207
Und um Lebendige handelt’s hier!
Ihr alle seid so schlecht und blind.
So lang nicht Lnchenhäuser sind.
Friederike Kmpner
Werner Bergengruen hat das Thema des Scheintods in seiner Novelle »Die wun-
derliche Herberge« (1939) literarisch so meisterhqfl gestaltet, daß auch Hermann
Burger in seinem Roman »Schiiten« noch 1976 darauf Bezug nimmt.
Weite führende Literatur:
Gerhard Köpf (Hrsg): Der Scheintod. Lang 1986
Finster und stumm
Nocturno
Stürmisch ist die Nacht,
Kind im Grab erwacht,
Seine schwache Kraft
Es zusammenrafft.
»Machet auf geschwind!«
Ruft das arme Kind,
Sieht sich ängstlich um:
Finster ist‘s und stumm.
Überall ist‘s zu,
»Mutter, wo bist Du?«
Stoßet aus den Schrei,
Horchet still dabei.
Und in seiner Qual
Klopft es noch einmal.
Sieht sich grausend um:
Finster ist‘s und stumm.
Streckt die Armlein bloß,
Hämmert schnell drauflos.
Ruft entsetzt und laut:
»Hört, ich bin nicht todt!«
Lehnt sein Haupt am Arm:
»Daß sich Gott erbarm“.
208
Kommentar
Lebt man ewig so?
Und wo stirbt man, wo?
Ach, man hört mich nicht,
Gott, ach nur ein Licht!«
Sieht sich nochmals um!
Finster bleibt's und stumm.
Stier und starr es tappt,
Und am Sarg‘ es klappt.
Horch, da strömt sein Blut
Durch des Nagels Hut.
Aus dem warmen Quell
Sprudelt‘s rasend schnell:
Endlich stirbt das Kind,
Froh die Engel sind!
Stürmisch ist die Nacht,
Blätter rauschen sacht,
Niemand sah sich um:
Finster blieb‘s und stumm.
Kommentar
/Das Gedicht schildert die schreckliche Situation eines scheintot be-
grabenen Kindes. Wie ekr literaturhistorische Kommentar berichtet,
war die Autorin sehr engagiert, sich dem Schutz der Scheintoten zu
widmen. Insofern ist das Gedicht offensichtlich Ausdruck einer sehr
spezifischen Angst, die aber schwer im Sinne der psychiatrischen Terminologie
fassbar ist. Vielleicht ist sie eine besondere Erscheinungsform der Tanatophobie,
also der Angst vor dem Sterben im Allgemeinen, sowohl im Hinblick auf den eige-
nen Tod als auch auf den Tod anderer, insbesondere nahe stehender Personen, die
bei einer Reihe von neurotischer Störungen, insbesondere Angststörungen, zu finden
ist.
209
Brüder Grimm
Märchen von einem, der auszog, das Fürchten
zu lernen
aus: Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm
in drei Bänden.
© 1984 by Insel Taschenbuch, Franl^rt
Einführung
Neben dem in mühevoller und lebenslanger Haus- und Arbeitsge-
meinschaft geschaffenen Deutschen Wörterbuch (begonnen 1852)
zählen die Kinder- und Haxtsmärchen (1812-1815) der Brüder
Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) zu den
heramragendsten Leistungen germanischer Altertumswissenschajkn und deutscher
Philolo^.
Nach dem fiühen Tod des Vaters in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, stu-
dierten die Brüder zunächst Jura in Marburg, bis sie sich, angeregt von Carl von
Savigny (1779-1861), mit alldeutscher Literatur beschäfligten. Beide wurden
Bibliothekare in Kassel und gingen 1830 nach Göttingen, wo sie zusammen mit
Jiirf weiteren Professoren (»Göttinger Sieben«) gegen die Aufhebung der Landesver-
fassungprotestierten und deshalb aus dem Staatsdienst entlassen wurden. Trotz der
Heirat von Wilhelm (1825) blieben sie in enger Arbeitsgemeinschaft zusammen
und erhielten einen Ruf nach Berlin, wo sie bis an ihr Lebensende an ihren Mam-
mutunternehmungen wissenschaftlich arbeiteten.
Die Kinder- und Hausmärchen enthalten etwa 60 Märchen unterschiedlichen Typs
(Schwänke, Scherz-, Lügen-, Grusel-, Her- und Naturerzählungen). Während
die Texte des ersten Bandes auf der Grundlage mündlicher und schriftlicher Quel-
len aus dem Hessischen beruhen, wurde eine Bäuerin zur Gewährsfrau des zweiten
Bandes. Das vorgesehene Ideal der getreuen Textwiedergabe ließ sich nicht halten.
Insbesondere Wilhelm Grimm gilt als verantwortlich für Eingriffe in Sprache und
Handlungsabläufe (Märchenton). Pädagogische und moralisch-didaktische Ab-
sichten waren zunächst zweitrangig. Im Mittelpunkt des Interesses stand vielmehr
die Suche nach Resten uralter, wenn auch umgestalteter und zerbröckelter Mythen
bis hin zu einer die Poesie selbst freilegenden Urform.
210
Märchen mn einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Der unerwartet große, nicht zuletzt vom Gedanken der Romantik beflügelte Eifolg
dieser Sammlung wirkte auf ganz Europa und regte zahlreiche Sammler im In-
und Ausland zur Nachahmung an. Die Brüder Grimm erlebten sieben Ausgaben,
eine von Wilhelm zusammengestellte kleinere Ausgabe brachte es auf immerhin
neun Auflagen.
Die der Textgattung Märchen inhärente selbstverständliche Verknüpfung des Realen
und Alltäglichen müdem Übernatürlichen und Phantastischen, dereirfache, volks-
tümliche Erzählduktus sowie der meist garantierte Triumph des Guten über das
Böse machten aus einer zunächst mindergeschätzten Gattung ein international ge-
läufiges literarisches Genre, das im romantischen Kunstmärchen, der Gothic Novel
sowie der Phantastischen Literatur bis hin zum Magischen Realismus seine Fort-
setzungen und Vollendungsformen erfuhr.
Weitefuhrende Literatur:
Heinz Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. Reclam 2004
Märchen von einem, der auszog, das Fürchten
zu lernen
EEin Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste
klug und gescheit und wußte sich in alles wohl zu
schicken, der jüngste aber war dumm, konnte
nichts begreifen und lernen: und wenn ihn die
Leute sahen, sprachen sie: mit dem wird der Va-
ter noch seine Last haben. Wenn nun etwas zu
tun war, so mußte es der älteste allzeit ausrichten:
hieß ihn aber der Vater noch spät oder gar in der
Nacht etwas holen, und der Weg ging dabei über
den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so antwortete er wohl:
»ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin, es gruselt mir!« denn er fürch-
tete sich. Oder, wenn abends beim Feuer Geschichten erzählt wur-
den, wobei einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhörer
manchmal: »Ach, es gruselt mir!« Der jüngste saß in einer Ecke und
hörte das mit an und konnte nicht begreifen, was es heißen sollte.
»Immer sagen sie, es gruselt mir! Es gruselt mir! Mir gruselt‘s nicht:
das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.«
Nun geschah es, daß der Vater einmal zu ihm sprach: »hör du, in der
211
Brii/kr Grimm
Ecke dort, du wirst groß und stark, du mußt auch etwas lernen, womit
du dein Brot verdienst. Siehst du, wie dein Bruder sich Mühe gibt,
aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.« - »Ei, Vater«, antwortete
er, »ich will gerne was lernen; ja, wenn‘s anginge, so möchte ich ler-
nen, daß mir‘s gruselte; davon verstehe ich noch gar nichts.« Der älte-
ste lachte, als er das hörte, und dachte bei sich: »du lieber Gott, was ist
mein Bruder ein Dummbart, aus dem wird sein Lebtag nichts: was
ein Häkchen werden will, muß sich beizeiten krümmen.« Der Vater
seufzte und antwortete ihm: »das Gruseln, das sollst du schon lernen,
aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.«
Bald danach kam der Küster zum Besuch ins Haus, da klagte ihm der
Vater seine Not und erzählte, wie sein jüngster Sohn in allen Dingen
so schlecht beschlagen wäre, er wüßte nichts und lernte nichts.
»Denkt Euch, als ich ihn fragte, womit er sein Brot verdienen wollte,
hat er gar verlangt, das Gruseln zu lernen.« - «Wenn‘s weiter nichts
ist«, antwortete der Küster, »das kann er bei mir lernen; tut ihn nur zu
mir, ich will ihn schon abhobeln.« Der Vater war es zufrieden, weil er
dachte: »der Junge wird doch ein wenig zugestutzt.« Der Küster
nahm ihn also ins Haus, und er mußte die Glocke läuten. Nach ein
paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht, hieß ihn aufstehen, in den
Kirchturm steigen und läuten. »Du sollst schon lernen, was Gruseln
ist«, dachte er, ging heimlich voraus, und als der Junge oben war und
sich umdrehte und das Glockenseil fassen wollte, so sah er auf der
Treppe, dem Schalloch gegenüber, eine weiße Gestalt stehen. »Wer
da?« rief er, aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte
sich nicht. »Gib Antwort«, rief der Junge, »oder mache, daß du fort-
kommst, du hast hier in der Nacht nichts zu schaffen.« Der Küster
aber blieb unbeweglich stehen, damit der Junge glauben sollte, es
wäre ein Gespenst. Der Junge rief zum zweitenmal: »was willst du
hier? sprich, wenn du ein ehrlicher Kerl bist, oder ich werfe dich die
Treppe hinab.« Der Küster dachte: »das wird so schlimm nicht ge-
meint sein«, gab keinen Laut von sich und stand, als wenn er von
Stein wäre. Da rief ihn der Junge zum drittenmale an, und als das
auch vergeblich war, nahm er einen Anlauf und stieß das Gespenst
die Treppe hinab, daß es zehn Stufen hinabfiel und in einer Ecke lie-
gen blieb. Darauf läutete er die Glocke, ging heim, legte sich, ohne
ein Wort zu sagen, ins Bett und schlief fort. Die Küsterfrau wartete
lange Zeit auf ihren Mann, aber er wollte nicht wiederkommen. Da
ward ihr endlich angst, sie weckte den Jungen und fragte: »weißt du
212
Märchen eon einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
nicht, wo mein Mann geblieben ist? er ist vor dir auf den Turm gestie-
gen.« - »Nein», antwortete der Junge, »aber da hat einer dem Schall-
loch gegenüber auf der Treppe gestanden, und weil er keine Antwort
geben und auch nicht Weggehen wollte, so habe ich ihn für einen
Spitzbuben gehalten und hinuntergestoßen. Geht nur hin, so werdet
Ihr sehen, ob er‘s gewesen ist, es soUte mir leid tun.« Die Frau sprang
fort und fand ihren Mann, der in einer Ecke lag und jammerte und
ein Bein gebrochen hatte.
Sie trug ihn herab und eilte dann mit lautem Geschrei zu dem Vater
des Jungen. »Euer Junge«, rief sie, »hat ein großes Unglück angerich-
tet, meinen Mann hat er die Treppe hinabgeworfen, daß er ein Bein
gebrochen hat: schafft den Taugenichts aus unserm Hause.« Der Va-
ter erschrak, kam herbcigelaufen und schalt den Jungen aus. »Was
sind das für gottlose Streiche, die muß dir der Böse eingegeben ha-
ben.« - »Vater«, antwortete er, »hört nur an, ich bin ganz unschuldig:
er stand da in der Nacht wie einer, der Böses im Sinne hat. Ich wußte
nicht, wcr‘s war, und habe ihn dreimal ermahnt, zu reden oder weg-
zugehen.« - »Ach«, sprach der Vater, »mit dir erleb* ich nur Unglück,
geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr ansehen.« - »Ja,
Vater, recht gerne, wartet nur, bis Tag ist, da will ich ausgehen und das
Gruseln lernen, so versteh* ich doch eine Kunst, die mich ernähren
kann.« - »Lerne, was du willst«, sprach der Vater, »mir ist alles einer-
lei. Da hast du fünfzig Taler, damit geh in die weite Welt und sage
keinem Menschen, wo du her bist, und wer dein Vater ist; denn ich
muß mich deiner schämen.« - »Ja, Vater, wie Ihr‘s haben wollt, wenn
Ihr nicht mehr verlangt, das kann ich leicht in acht behalten.«
Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine fünfzig Taler in die
Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sprach immer vor
sich hin: »wenn mir‘s nur gruselte! wenn mir's nur gruselte!« Da kam
ein Mann heran, der hörte das Gespräch, das der Junge mit sich sel-
ber führte, und als sie ein Stück weiter waren, daß man den Galgen
sehen konnte, sagte der Mann zu ihm: »siehst du, dort ist der Baum,
wo siebene mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten haben und jetzt
das Fliegen lernen: setz dich darunter und warte, bis die Nacht
kommt, so wirst du schon das Gruseln lernen.« - «Wenn weiter nichts
dazu gehört«, antwortete der Junge, »das ist leicht getan; lerne ich
aber so geschwind das Gruseln, so sollst du meine fünfzig Taler ha-
ben: komm nur morgen früh wieder zu mir.« Da ging der Junge zu
dem Galgen, setzte sich darunter und wartete, bis der Abend kam.
213
BrMer Grimm
Und weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an: aber um Mitternacht
ging der Wind so kalt, daß er trotz des Feuers nicht warm werden
wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegeneinander stieß, daß sie
sich hin und her bewegten, so dachte er: »du frierst unten bei dem
Feuer, was mögen die da oben erst frieren und zappeln.« Und weil er
mitleidig war, legte er die Leiter an, stieg hinauf, knüpfte einen nach
dem andern los und holte sie alle siebene herab. Darauf schürte er
das Feuer, blies es an und setzte sie rings herum, daß sie sich wärmen
sollten. Aber sie saßen da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff
ihre Kleider. Da sprach er: »nehmt euch in acht, sonst häng“ ich euch
wieder hinauf« Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und ließen
ihre Lumpen fort brennen. Da ward er bös und sprach: »wenn ihr
nicht acht geben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will nicht mit
euch verbrennen«, und hing sie nach der Reihe wieder hinauf Nun
setzte er sich zu seinem Feuer und schhef ein, und am andern Mor-
gen, da kam der Mann zu ihm, wollte die fünfzig Taler haben und
sprach: »nun, weißt du, was Gruseln ist?« — »Nein«, antwortete er,
»woher sollte ich‘s wissen? die da droben haben das Maul nicht aufge-
tan und waren so dumm, daß sie die paar alten Lappen, die sie am
Leibe haben, brennen ließen.« Da sah der Mann, daß er die fünfzig
Taler heute nicht davontragen würde, ging fort und sprach: »so einer
ist mir noch nicht vorgekommen.«
Der Junge ging auch seines Weges und fing wieder an vor sich hin zu
reden: »ach, wenn mir‘s nur gruselte! Ach, wenn mir nur gruselte!«
Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herschritt, und fragte: »wer
bist du?« “ »Ich weiß nicht«, antwortete der Junge. Der Fuhrmann
fragte weiter: „wo bist du her?“ - „Ich weiß nicht.“ - »Wer ist dein
Vater?« - »Das darf ich nicht sagen.« - »Was brummst du beständig
in den Bart hinein?« - »Ei«, antwortete der Junge, »ich wollte, daß
mir‘s gruselte, aber niemand kann mir‘s lehren.« - »Laß dein dum-
mes Geschwätz«, sprach der Fuhrmann, »komm, geh mit mir, ich will
sehen, daß ich dich unterbringe.« Der Junge ging mit dem Fuhr-
mann, und abends gelangten sie zu einem Wirtshaus, wo sie über-
nachten wollten. Da sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz
laut: »wenn mir‘s nur gruselte! wenn mir‘s nur gruselte!« Der Wirt,
der das hörte, lachte und sprach: »wenn dich danach lüstet, dazu soll-
te hier wohl Gelegenheit sein.« - »Ach, schweig stille«, sprach die
Wirtsfrau, »so mancher Vorwitzige hat schon sein Leben eingebüßt,
es wäre Jammer und Schade um die schönen Augen, wenn die das
214
Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Tageslicht nicht wieder sehen sollten.« Der Junge aber sagte: »wenn‘s
noch so schwer wäre, ich will's einmal lernen, deshalb bin ich ja
ausgezogen.« Er ließ dem Wirt auch keine Ruhe, bis dieser erzählte,
nicht weit davon stände ein verwünschtes Schloß, wo einer wohl ler-
nen könnte, was Gruseln wäre, wenn er nur drei Nächte darin wa-
chen wollte. Der König hätte dem, der's wagen wollte, seine Tochter
zur Frau versprochen, und die wäre die schönste Jungfrau, welche die
Sonne beschien; in dem Schlosse steckten auch große Schätze, von
bösen Geistern bewacht, die würden dann frei und könnten einen
Armen reich genug machen. Schon viele wären wohl hinein, aber
noch keiner wieder herausgekommen. Da ging der Junge am andern
Morgen vor den König und sprach: »wenn‘s erlaubt wäre, so wollte
ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schlosse wachen.« Der
König sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: »du darfst dir
noch dreierlei ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und das
darfst du mit ins Schloß nehmen.« Da antwortete er: »so bitt‘ ich um
ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.«
Der König ließ ihm das alles bei Tage in das Schloß tragen. Als es
Nacht werden wollte, ging der Junge hinauf, machte sich in einer
Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer
daneben und setzte sich auf die Drehbank. »Ach, wenn mir's nur
gruselte!« sprach er, »aber hier werde ich's auch nicht lernen.« Gegen
Mitternacht wollte er sich sein Feuer einmal aufschüren: wie er so
hineinblies, da schric‘s plötzlich aus einer Ecke: »au, miau! was uns
friert!« - »Ihr Narren«, rief er, »was schreit ihr? wenn euch friert,
kommt, setzt euch ans Feuer und wärmt euch.« Und wie er das gesagt
hatte, kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen
Sprunge herbei, setzten sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit
ihren feurigen Augen ganz wild an. Über ein Weilchen, als sie sich
gewärmt hatten, sprachen sie: »Kamerad, wollen wir eins in der Kar-
te spielen?« - »Warum nicht?« antwortete er, »aber zeigt einmal eure
Pfoten her.« Da streckten sic die Krallen aus. »Ei«, sagte er, »was habt
ihr lange Nägel! wartet, die muß ich euch erst abschneiden.« Damit
packte er sie beim Kragen, hob sie auf die Schnitzbank und schraub-
te ihnen die Pfoten fest. »Euch habe ich auf die Finger gesehen«,
sprach er, »da vergeht mir die Lust zum Kartenspiel«, schlug sie tot
und warf sie hinaus ins Wasser. Als er aber die zwei zur Ruhe ge-
bracht hatte und sich wieder zu seinem Feuer setzen wollte, da kamen
aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde
215
Brüder Grimm
an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, daß er sich nicht mehr
bergen konnte: die schrieen greulich, traten ihm auf sein Feuer, zerr-
ten es auseinander und wollten es ausmachen. Das sah er ein Weil-
chen ruhig mit an, als es ihm aber zu arg ward, faßte er sein Schnitz-
messer und rief: »fort mit dir, du Gesindel«, und haute auf sie los. Ein
Teil sprang weg, die andern schlug er tot und warf sie hinaus in den
Teich. Als er wiedergekommen war, blies er aus den Funken sein Feu-
er frisch an und wärmte sich. Und als er so saß, wollten ihm die Au-
gen nicht länger offen bleiben, und er bekam Lust zu schlafen. Da
blickte er um sich und sah in der Ecke ein großes Bett; »das ist mir
eben recht«, sprach er und legte sich hinein. Als er aber die Augen
Zutun wollte, so fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im
ganzen Schloß herum. »Recht so«, sprach er, »nur besser zu.« Da
rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwel-
len und Treppen auf und ab: auf einmal hopp hopp! warf es um, das
Unterste zu oberst, daß es wie ein Berg auf ihm lag. Aber er schleu-
derte Decken und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte: »nun
mag fahren, wer Lust hat«, legte sich an sein Feuer und schlief, bis es
Tag war. Am Morgen kam der König, und als er ihn da auf der Erde
liegen sah, meinte er, die Gespenster hätten ihn umgebracht, und er
wäre tot. Da sprach er: »es ist doch schade um den schönen Men-
schen.« Das hörte der Junge, richtete sich auf und sprach: »so weit
ist‘s noch nicht!« Da verwunderte sich der König, freute sich aber und
fragte, wie es ihm gegangen wäre. »Recht gut«, antwortete er, »eine
Nacht wäre herum, die zwei andern werden auch herumgehen.« Als
er zum Wirt kam, da machte der große Augen. »Ich dachte nicht«,
sprach er, »daß ich dich wieder lebendig sehen würde; hast du nun
gelernt, was Gruseln ist?« - »Nein«, sagte er, »es ist alles vergeblich:
wenn mir‘s nur einer sagen könnte!«
Die zweite Nacht ging er abermals hinauf ins alte Schloß, setzte sich
zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an: »wenn mir's nur grusel-
te!« Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Lärm und Gepolter hö-
ren, erst sachte, dann immer stärker, dann war's ein bißchen still, end-
lich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein
herab und fiel vor ihn hin. »Heda!« rief er, »noch ein halber gehört
dazu, das ist zuwenig.« Da ging der Lärm von frischem an, es tobte
und heulte, und fiel die andere Hälfte auch herab. »Wart«, sprach er,
»ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.« Wie er das getan hatte
und sich wieder umsah, da waren die beiden Stücke zusam-
216
Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
mengefahren, und saß da ein greulicher Mann auf seinem Platz. »So
haben wir nicht gewettet«, sprach der Junge, »die Bank ist mein.«
Der Mann wollte ihn wegdrängen, aber der Junge ließ sich‘s nicht
gefallen, schob ihn mit Gewalt weg und setzte sich wieder auf seinen
Platz. Da fielen noch mehr Männer herab, einer nach dem andern,
die holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe, setzten auf und
spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und fragte: »hört ihr,
kann ich mit sein?« - >Ja, wenn du Geld hast.« - »Geld genug«, ant-
wortete er, »aber eure Kugeln sind nicht recht rund.« Da nahm er die
Totenköpfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund. »So, jetzt
werden sie besser schüppeln«, sprach er, »heida! nun geht‘s lustig!« Er
spielte mit und verlor etwas von seinem Geld, als es aber zwölf Uhr
schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich nieder
und schlief ruhig ein. Am andern Morgen kam der König und wollte
sich erkundigen. »Wie ist dir‘s diesmal gegangen?« fragte er. - »Ich
habe gekegelt«, antwortete er, »und ein paar Heller verloren.« - »Hat
dir denn nicht gegruselt?« - »Ei was«, sprach er, »lustig hab‘ ich mich
gemacht. Wenn ich nur wüßte, was Gruseln wäre!«
In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sprach
ganz verdrießlich; »wenn es mir nur gruselte!« Als es spät ward, ka-
men sechs große Männer und brachten eine Totenlade hereingetra-
gen. Da sprach er: »ha, ha, das ist gewiß mein Vetterchen, das erst vor
ein paar Tagen gestorben ist«, winkte mit dem Finger und rief:
»komm, Vetterchen, komm!« Sie stellten den Sarg auf die Erde, er
aber ging hinzu und nahm den Deckel ab: da lag ein toter Mann
darin. Er fühlte ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. »Wart«,
sprach er, »ich will dich ein bißchen wärmen«, ging ans Feuer, wärm-
te seine Hand und legte sie ihm aufs Gesicht, aber der Tote blieb
kalt.
Nun nahm er ihn heraus, setzte sich ans Feuer und legte ihn auf sei-
nen Schoß und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Be-
wegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihm ein:
»wenn zwei zusammen im Bett liegen, so wärmen sie sich«, brachte
ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben ihn. Über ein Weil-
chen ward auch der Tote warm und fing an sich zu regen. Da sprach
der Junge: »siehst du, Vetterchen, hätt‘ ich dich nicht gewärmt!« Der
Tote aber hub an und rief: »jetzt will ich dich erwürgen.« - »Was«,
sagte er, »ist das dein Dank? Gleich sollst du wieder in deinen Sarg«,
hub ihn auf, warf ihn hinein und machte den Deckel zu; da kamen
217
Brüder Grimm
die sechs Männer und trugen ihn wieder fort. »Es will mir nicht gru-
seln«, sagte er, »hier lerne ich‘s mein Lebtag nicht.«
Da trat ein Mann herein, der war größer als alle andere und sah
fürchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen weißen Bart.
»O du Wicht«, rief er, »nun sollst du bald lernen, was Gruseln ist;
denn du sollst sterben.« - »Nicht so schnell«, antwortete der Junge,
»soll ich sterben, so muß ich auch dabei sein.« - »Dich will ich schon
packen«, sprach der Unhold. - »Sachte, sachte, mach dich nicht so
breit; so stark wie du bin ich auch und wohl noch stärker.« - »Das
wollen wir sehn«, sprach der Alte, »bist du stärker als ich, so will ich
dich gehn lassen; komm, wir wollen's versuchen.« Da führte er ihn
durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und
schlug den einen Amboß mit einem Schlag in die Erde. »Das kann ich
noch besser«, sprach der Junge und ging zu dem andern Amboß: der
Alte stellte sich neben hin und wollte Zusehen, und sein weißer Bart
hing herab. Da faßte derjunge die Axt, spaltete den Amboß auf einen
Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein.
»Nun hab‘ ich dich«, sprach derjunge, »jetzt ist das Sterben an dir.«
Dann faßte er eine Eisenstange und schlug auf den Alten los, bis er
wimmerte und bat, er möchte aufhören, er wollte ihm große Reichtü-
mer geben. Der Junge zog die Axt raus und ließ ihn los. Der Alte
führte ihn wieder ins Schloß zurück und zeigte ihm in einem Keller
drei Kasten voll Gold. »Davon«, sprach er, »ist ein Teil den Armen,
der andere dem König, der dritte dein.« Indem schlug es zwölfe, und
der Geist verschwand, also daß derjunge im Finstern stand. »Ich wer-
de mir doch heraushelfen können«, sprach er, tappte herum, fand den
Weg in die Kammer und schlief dort bei seinem Feuer ein. Am an-
dern Morgen kam der König und sagte: »nun wirst du gelernt haben,
was Gruseln ist?« — »Nein«, antwortete er, »was ist‘s nur? Mein toter
Vetter war da, und ein bärtiger Mann ist gekommen, der hat mir da
unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir keiner gesagt.«
Da sprach der König: »du hast das Schloß erlöst und sollst meine
Tochter heiraten.« ~ »Das ist all recht gut«, antwortete er, »aber ich
weiß noch immer nicht, was Gruseln ist.«
Da ward das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert, aber der
junge König, so lieb er seine Gemahlin hatte und so vernügt er war,
sagte doch immer: »wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte.«
Das verdroß sie endlich. Ihr Kammermädchen sprach: »ich will Hilfe
schaffen, das Gruseln soll er schon lernen.« Sie ging hinaus zum
218
Kommentar
Bach, der durch den Garten floß, und ließ sich einen ganzen Eimer
voll Gründlinge holen. Nachts, als der junge König schlief, mußte sei-
ne Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Was-
ser mit den Gründlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische
um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: »ach, was gruselt
mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.«
Kommentar
Das Märchen der Brüder Grimm »Von einem, der aus zog, das
Fürchten zu lernen« schildert genau das Gegenteil einer Angststö-
rung bziv. einer durch Angststörung geplagten Persönlichkeit bzw.
einer ängstlichen Persönlichkeitsstörung. Der naive und in seinem
Denken einfach strukturierte Protagonist wird als jemand dargestellt, der keinerlei
Angst vor etwas empfindet, der nie das »Gruseln« erlebt hat. Er wird von seinem
Vater in die Welt geschickt, um sich zu bewähren, um das »Gruseln« kennen zu
lernen. Der Protagonist geht in viele, bei anderen Menschen angstauslösende Situa-
tionen hinein. Es kommt zu leichten und schwierigen Bewährungsproben, die er
besteht. Er kann so schließlich eine Königstochter als seine Frau gewinnen. Weil er
so unängstlich ist, gelingt es ihm, diejeweiligen an ihn herangetragenen Aufgaben in
einer Jur alle anderen Beteiligten nicht erwarteten Weise zu lösen. Natürlich hätte
die ganze Geschichte auch schlimm ausgehen können, denn Angst und Furcht ist
entwicklungsgesckichtlich betrachtet ein sehr sinnvolles Verhaltensmuster, das den
Menschen schützt vor bedrohlichen Wesen/ Situationen. Ein völlig unängstlicher
Mensch kann in Situationen kommen, dk er nkht mehr bewältigen kann und die
für ihn lebensbedrohlich sind. In dem hier abgedruckten Märchen wird diese Alter-
native nicht dargestellt. Der Bezug zu dm phobischen Störungen bzw. Angststörun-
gen ergibt sich im Schlusstdl des Märchens, wmn es den Protagonisten erstmals
gruselt, als ihm die Königstochter Fische in sein Bett schüttet. In dieser Situation
reagiert er ojfmsichtlich phobisch auf Lebewesm, die an skh keine Gefahr bedeu-
ten, die aber wegen ihrer Kälte, Feuchtigkeit, Schleimigkeit und fappeligkeit doch
bei vielen Menschen unangenehme Gefühle hervorrufm.
219
Armin Ayren
Buhl oder Der Konjunktiv
aus: Armin Ayren. Buhl oder Der Konjunktiv.
© 1982 by Armin jfyren. Wunderlich, Tübingen
Einführung
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Armin Ayren (Jahrgang
1934), der viele Jahre als Lehrer und Hochschuldozent (Aix-en-
Provence, Toulouse, Mailand, (Nizza) tätig war, wurde nicht zu-
letzt vom allenthalben umfassend zu beklagenden Verfall des kor-
rekten Gebrauchs des Konjunktivs zu seinem Roman »Buhl oder Der Konjunktiv«
(1982) angeregt: Ein Mann fahrt an den Izigo Maggiore, um dort einen Roman
zu schreiben. Ein Bekannter namens Buhl, der Ex-Mann seiner Erau Else, hat
ihm einen Turm oberhalb von Cannobio zur Verfügung gestellt. Buhl selbst ist
verschwunden, hat aber auf dem Schreibtisch Hefte zurückgelassen, die wiederum
von einem Studienrat namens Mürzig erzählen, der mit seinen Schülern exzessiv
den Konjunktiv durchnimmt, was ihm zunächst Schwierigkeiten mit seinem Vorge-
setzten einträgt. Immer mehr verbeißt sich dieser Mürzig in die Probleme des Kon-
junktivs, der für ihn längst nicht mehr nur eine grammatische Form ist, sondern zur
fundamentalistischen Lebensphilosophie und omnipotenten Weltanschauung wird.
Mürzigfindet aus dem Korijunktw nicht mehr hinaus. Kortjunktiv I und Konjunktiv
II werden ihm zum alles beherrschenden fwang, denn Sprache und Existenz sind
ihm eins: der Konjunktiv als die Möglichkeit, das Leben nicht nur von indikativi-
schen Realitäten beherrscht zu erfahren. In der Zwanghaftigkeit wird fir Mürzig
der Konjunktiv jedoch auch zur Versuchung, formale Fragen bis ins Aberwitzige,
Absurd-Groteske hinein zu steigern.
Es gibt kaum einen Roman der zeitgenössischen Literatur, in dem Sprachkritik,
Linguistik, Sprachphilosophie und unterhaltsam-spannendes Erzählen auf derart
virtuose Weise verknüpft sind. Der über den Abenteuerroman promovierte Germa-
nist und Romanist Ayren ist eine der wenigen sprachwissenschcrftlichen Autoritäten
auf dem Gebiet des Konjunktivs.
Weiterführende Literatur:
Armin Agren: Uber den Konjunktiv. Isek 1992
220
Buhl oder Der Koryunktio
Buhl oder Der Konjunktiv
Mürzig will nicht mehr nur die Leute zum richti-
gen Sprechen bringen, er will die Sprache selbst
dorthin bringen, wohin sie, wie er findet, gehört,
Mürzig haßt die schwachen Verben.
Aber er gibt diesem Haß nicht einfach nach, er
läßt ihn nur langsam in sich wachsen, er sucht
sich Gründe dafür. Ein Grund ist, daß manche
schwachen Verben stark und die starken dafür
schwach sind. Stehen, sitzen, liegen, diese Verben drücken einen Zustand
aus, Passivität, mithin Schwächen; stellen, setzen, legen dagegen eine
Handlung, also etwas Aktives, Starkes. Ebenso ist es bei anderen Dop-
pelverben, bei hängen und bangen, bei stecken und erschrecken. Er erschreckte
ist schwach und müßte stark sein, er erschrak ist stark und müßte
schwach sein.
Aber da kann man nicht mehr viel machen. Das ist so widersinnig wie
der männliche Löffel und die weibliche Gabel. Seht sie euch doch an!
eifert Mürzig und streckt der Klasse sein mitgebrachtes Besteck ent-
gegen, seht euch diese Formen an!
In Buhls ersten Kapiteln hat sich Mürzig darauf beschränkt, für die
aussterbenden alten Konjunktiv II-Formen zu kämpfen, büke, schlüge,
mölke, stürbe, vor allem für die «-Formen, wo es auch die mit ä gibt: er
stünde ist tausendmal schöner als er stände, und wer dafür er würde stehen
sagt, gehört an einen Pranger mit einem riesigen Schild: Ich Sprachver-
hunzer
Jetzt geht Mürzig weiter. Er beginnt beim Sprechen darauf zu achten,
daß er keine schwachen Verben in der Vergangenheit mehr verwen-
det. Dieses kraftlose Zeug bleibt ihm im Halse stecken: er rechnete, er
wedelte, er wendete, redete, wechselte, werkelte, tätschelte. Leerlauf, Langeweile.
Auf die Miste damit. Aber selbst die zweisilbigen schwachen Verben
läßt Mürzig nicht mehr gelten. Er holte, sparte, nannte:
warum nicht er hal, .spur, nann?
Mürzig legt sich Listen an.
Fragen, frug; tragen, trug; sagen, sug; plagen, plug;
backen, buk; hacken, huk;
bieten, bot; mieten, mot;
die Konjunktivformen heißen dann süge, plüge, hüke, möte. Das muß nur
221
Armin Ayren
ganz konsequent durchgeführt werden, dann wird die Sprache wie-
der kräftig und schön.
Leiden, litt; weiden, witt; oder meiden, mied; weiden, wied. Schwellen, schwoll;
bellen, boll. Hüke der Bauer das Feld, wüchse dort mehr, und die Kuh
witte dort lieber. Dazu bölle der Hund.
Aber Mürzig begnügt sich nicht mit Analogiebildungen. Weg mit al-
len schwachen Verben. Mürzig macht sie stark. Reizen, ritz; heizen, hitz;
spreizen, spritz- Er rötze, h'ötze, Sprötze. Blitzen, blotz, geblotzen; schwitzen,
schwotz, geschwotzen, ebenso gehen erhitzen, flitzm, stibitzen, ritzen und so
weiter. Verschränken, verschränk, verschränke; verwehren, verwohr, verwahre;
sperren, sporr, spörre. Oder so: stützen, stauz, stäuze; nützen, nauz, nuuze. Die
Fremdwörter sind besonders häßlich, die deutscht Mürzig ein. Frieren,
fior, fröre, demnach auch integrieren, integrer, integröre. Annulöre jemand
diese Neuerungen, er pervertöre die Kraft der zu sich selbst gebrun-
genen Sprache. So einen, denkt Mürzig, spörre ich ins Gefängnis, der
hätte uns geschwochen.
Hier hält Buhl inne. Mürzig sperrt niemand ein, er wird höchstens
selbst eingesperrt, ins Irrenhaus. Buhl rettet ihn, er schickt ihn fort,
Mürzig wandert aus und gründet eine Konjunktiv-Republik, ein
Land weit droben im Gebirg, noch unentdeckt, noch auf keiner Kar-
te verzeichnet, Mürzig-Land. Mürzig wird dort Alleinherrscher sein,
wird das Land bevölkern, wird alle Kinder, die dort aufwachsen, in
der neuen Sprache erziehen; das werden glückliche Kinder sein und
ihre Sprache die reine Musik.
Kommentar
Die Zwangsstörung wird geprägt durch Zwangsgedanken, Zwangs-
befiirchtungen, Zwangshandlungen. Als Zwänge bezeichnet man
Inhalt oder Handlungen, die sich immer wieder aufdrängen, vom
Kranken als irrational erkannt werden, aber nicht unterdrückt wer-
den können. Sie werden vom Patienten als ihm zugehörig empfunden, sind also
nicht wie bei äner Psychose von außen gemacht. Beim Versuch sie zu unterdrücken,
kommt es meist zu unerträglicher Angst und Spannung. Der Kranke fühlt sich sei-
nen Zwängen in quälender Weise ausgeliefert. Die Zwänge beanspruchen oft einen
Großteil seiner Tageszeit.
Bei der Geschichte von Armin Ayren »Buhl oder Der Konjunktiv« handelt es sich
wahrscheinlich nicht um eine Zwangsstörung im eben dargestellten Sinne. Zwar
222
KomrmnUiT
kommt es zu zwangsartig anmutenden Umgangsweisen mit der Sprache, es fehlen
aber Hinweise darauf dass diese Verhaltensweisen vom Protagonisten als irratio-
nal erkannt werden. Ganz im Gegenteil, er findet seine Sichtweise der Spache, die
er mit Engagement und Nachdruck vermitteln möchte, und als eine Art imchtige
Lebensaufgabe eines von seiner erzieherischen Aufgabe begeisterten Lehrers; einer
Art Berufung.
Insgesamt scheint es sich bei dem Protagonisten eher um eine akzentuierte, kauzige
Persönlichkeit zu handeln, die vielleicht zjwanghafle Persönlichkeitszüge hat und
überwertige Ideen bezüglich seiner beruflichen Aufgaben im Hinblick auf die deut-
sche Sprache. Eine Zwangsstörung im oben diskutierten Sinne liegt nicht vor.
Ernst Weiß
Der Augenzeuge
aus: Ernst Weiß. Der Augenzeuge.
© 1982 by Suhrkamp Verlag, Franl^rt am Main
Einführung
Der Lyriker, Dramatiker und Romancier Ernst Weiß (1882 bis
1940) ist einer der wichtigsten Repräsentanten der pragerdeut-
Literatur. Vier Jahre nach der Geburt stirbt der Vater. Dieser
^ Verlust wird eines der zentralen Motive des späteren literarischen
Werks. Ernst Weiß studierte Medizin in Prag und Wien, hörte zeitweilig bei
Freud, arbeitete als Chirurg in Bern, Berlin und Wien unter Prof. Julius Schnitz-
ler, einem Bruder des Arztes und Schrftstellers Arthur Schnitzler (1862-1931).
Jur Ausheilung einer Lungentuberkulose fuhr der Freund Franz Kafkas 1913 als
Schiffsarzt nach Indien und Japan.
Pf ach Erscheinen seines ersten Romans »Die Galeere« (1913), der Geschichte eines
Röntgenologen und Strahlenphysikers, erlebte Weiß den Ersten Weltkrieg als Regi-
mentsarzt an der Ostfront und wurde mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Danach arbeitete er als Chirurg an einem Prager Krankenhaus und übersiedelte
1921 nach Berlin.
Es folgten literarisch produktive und effolgreiche Jahre. So erschien 1931 der Ro-
man »Georg Letham, Arzt und Mörder« (Dtham ist ein Anagramm von Hamlet).
Nach dem Reichstagsbrand 1933 reiste Weiß nach Prag und pflegte dort seine
sterbenskranke Mutter bis zu deren Tod 1934. Eigenen Angaben zufolge ist diese
Jeit mit einer schweren Depression verbunden. 1934 emigrierte der Autor nach
Paris. Der Roman »Der Gefdngnisarzt oder Die Vaterlosen« erschien.
Literarisch war Weiß vor allem mit Thomas Mann und Stefan Jweig verbunden.
Juletzt arbeitete er an seinem Roman »Der Augenzeuge«. In einer fiktiven Autobio-
graphie erzählt der namenlos bleibende süddeutsche Psychiater seine Lebensge-
schichte von der Jahrhundertwende bis zur Jeit des Spanischen Bürgerkriegs. Einer
seiner Patienten wird der kriegsblinde Gefreite A. H. Hinter dieser Abkürzung
verbirgt sich zwe fellos Adolf Hitler, dessen ihn einst behandelnder Psychiater Prof.
Edmund Förster dem Arzt Ernst Weiß seine eigenen Aufzeichnungen zu Hitler in
Paris zugespielt hatte, ehe er 1933 von der Ge.stapo zum Selbstmord gezwungen
224
Der Augenzeuge
wurde. Im Zentrum des Romans »Der Augenzeuge« steht ein Ereignis: Ein Psy-
chiater heilt durch Hypnose und Auto.suggestion im Lazarett zu P. anno 1918 den
Patienten A. H. von einer eingebildeten hysterischen Blindheit. Von seinen politi-
schen Vorstellungen und von seinem Hass kann der Arzt seinen Patienten nicht
befreien. Indem er ihm aber sein Selbstvertrauen zurückgibt, wird er - aus seiner
eigenen Sicht - mitverantwortlich an dessen fiirchtbarer Karriere. So jedenfalls in-
terpretiert es dieser Arzt. Und dies ist der Grund seines bohrenden Verzwefelns.
Am Tag des Einmarsches deutscher Truppen 1940 in Paris beging Ernst Weiß
Selbstmord. Sein Roman »Der Augenzeuge« erschien erst 1963.
Weiterfrihrende Literatur:
Gerhard Köpf: Hitlers psychogene Erblindung. In: Nervenheilkunde 24/2005
Der Augenzeuge
Das Los eines mit hysterischer Blindheit geschla-
genen Menschen ist immer sehr schwer. Er ist
mehr Krüppel als einer, der auf zwei Prothesen
daherhumpelt. Er ist unglücklicher als ein >ech-
ter Blinden. Ein solcher Mensch findet sich oft
sehr schnell mit seinem Unglück ab. Die echten
Blinden sehen nach innen. Sie arbeiten sehr ger-
ne, sind anstellig, bescheiden, lernen ein Blinden-
gewerbe ausüben, lernen Blindenschrift lesen.
Oft gründen sie eine Familie, und man ist überrascht von ihrem
zufriedenen Gesichtsausdruck. Man bemideidet sie, was sie gar nicht
wollen, und hilft ihnen. Anders ist es aber mit den hysterisch Blinden.
Hier im Lazarett hatte H. gut Sympathien sammeln. Er war hier
noch von Staats wegen und auf Staatskosten untergebracht, er litt
keine äußere Not, hatte sogar viel Gesellschaft, er war mit allem Nöti-
gen versehen. Der Krieg ging aber zweifellos seinem Ende entgegen.
Was konnte dann für diesen Mann kommen? Wer nahm ihn auf?
Nicht die Blindenanstalt, nicht die Heimatgemeinde, nicht einmal
eine Irrenanstalt. Er hatte keine Familie, seine Heimat war die Kaser-
ne. Er war nicht richtig avanciert, denn der Unteroffizier beginnt erst
beim Sergeanten, aber er war ein guter Soldat, der Gefreite. Er war
Soldat, Soldat, Soldat und sonst nichts.
Aber selbst wenn die alte Armee weiter bestünde, was sollte sie mit
225
Emst We^
einem Menschen beginnen, der nicht sehen konnte? Er, der schon
einmal beinahe gebettelt hatte, der auf Hausieren mit Postkarten an-
gewiesen war, er konnte weiter betteln; Postkarten zu bemalen war er
aber nicht mehr imstande.
War ihm zu helfen? Ich dachte lange nach, und endlich ging es mir
auf. Ich konnte versuchen, durch eine ingeniöse Verkuppelung seiner
zwei Leiden mit seinem Geltungstrieb, seinem Gottähnlichkeitstrieb,
seiner Überenergie einen Weg zu finden, ihn von seinen Symptomen
zu befreien. Daß ich ihn damit nicht von seiner Grundkrankheit hei-
len konnte, gestand ich mir nicht ein. Da war ich blind. Ich wollte es
nicht sehen, weil mich eine Art Leidenschaft ergriffen hatte. Auch ich
wollte wirken, ich mußte handeln. Ich wollte herrschen, und jedeTat
ist mehr oder weniger ein Herrschen, ein Verändern, ein Sich-über-
das-Schicksal-aktiv-Erheben. Auch H. hatte sich über das Schicksal
erhoben. Er wurde lieber blind, als daß er sich den Untergang
Deutschlands ansah. Seine Blindheit war ein Zeichen seines außerge-
wöhnlich starken Willens.
Ich mußte diesen Mann, der bei aller seiner Nüchternheit beim Wein
in seinem Größenwahn ein hemmungsloser Phantast war, mit der
Phantasie fassen. Er, der vielleicht im einzelnen nicht immer mit Ab-
sicht, Ziel und Zweck log, sondern im ganzen ein Stück gigantischer
Lüge war, für den es keine absolute Wahrheit gab, sondern nur die
Wahrheit seiner Phantasie, seines Strebens, seiner Triebe, ihm mußte
ich nicht mit logischen Überlegungen, sondern mit einer großartigen
Lüge kommen, um ihn zu überwältigen.
Ich ließ ihm durch den ihm so sehr gewogenen Unteroffizier mittei-
len, ich interessiere mich für seinen Fall, der etwas Außergewöhnliches
sei und der vielleicht in einer Stunde geheilt sein könne, und ich würde
ihn im Laufe des Tages sofort holen lassen, sobald ich eine freie Minu-
te hätte. Er setzte eine abweisende Miene auf, berichtete man mir,
vielleicht hatte er Angst, ich könnte ihn durchschaut haben. Ich ließ
ihn gar nicht erst kommen. Ich hatte tatsächlich andere Arbeit genug.
Er sollte gespannt sein. Er sollte nach mir rufen, er sollte mich
sehnsüchtig erwarten, und er war es, der eines Abends durch den ver-
lassenen Korridor angetappt kam und Einlaß begehrte. Ich ließ ihn
eintreten, schrieb aber seelenruh^ weiter, das Kritzeln der Feder
mußte er hören. Er wagte nicht, mich anzusprechen. Ich ließ ihn ste-
hen und ging aus dem Raum. Er kehrte erst viel später in den Korri-
dor zurück.
226
Der Augenzeuge
r
Ich ließ mir Zeit. Ich wußte, er schlief jetzt gar nicht mehr. Die Aus-
sicht, ich könne ihm den Schlaf wiedergeben, erregte ihn so, daß er
nicht einmal zwei bis drei Stunden schlief, was er vorher getan hatte.
Endlich glaubte ich, er sei vorbereitet. Ich ließ ihn eintreten, zündete
zwei Kerzen an und begann, seine Augen mit dem Augenspiegel zu
untersuchen. Die Hornhaut spiegelte, sie war glatt, die Bindehaut
war etwas gerötet, eine Folge der Schlaflosigkeit. Die Augen, etwas
hervorstehende, blaugraue Augen von merkwürdig stechendem, be-
stechendem Ausdruck, tränten ein wenig. In seinen Zügen drückte
sich furchtbare Spannung aus, ich sah, er fürchtete, ich würde ihm
sagen, was ihm bisher alle Ärzte und der jüdische Pfleger gesagt hatte,
daß er lüge, daß seine Augen gesund seien und daß er doch sehen
müsse, wenn er nur wolle.
Ich tat das Gegenteil. Aufseufzend tat ich den Augenspiegel wieder in
das Futteral zurück, löschte die Kerzen aus und sprach im Dunkel mit
ihm. Eigentlich war es ja nur für mich dunkel geworden, für ihn war
es immer so gewesen seit seinem Abgang oder seiner Flucht von der
Front. Ich sagte ihm, meine ursprüngliche Ansicht habe sich nach
verschiedenen Zweifeln doch als wahr erwiesen, seine Augen seien
durch das Gelbkreuz furchtbar geschädigt, er könnte tatsächlich
nichts sehen. Ich hörte ihn aufatmen. Ich fügte hinzu, ich hätte auch
niemals annehmen können, daß er, ein reiner Arier, ein guter Soldat,
ein Ritter des Eisernen Kreuzes Erster Klasse, lüge und etwas vortäu-
sche, das nicht bestehe.
Leider sei damit auch meine Möglichkeit, ihm zu helfen, abge-
schnitten. Es wäre mir ein leichtes gewesen, ihn von seiner Schlaflo-
sigkeit zu befreien, wenn er meinen Blick hätte aufnehmen können
oder wenn er seinen Blick auf irgendein glänzendes Objekt hätte kon-
zentrieren können. Die Hypnose wirke durch das Auge. Blinde könne
man nicht hypnotisieren, ich wenigstens könne es nicht. Jedermann
müsse sich in alles schicken, gegen das Schicksal sei nichts zu tun.
Außer diesen wenigen Sätzen sagte ich nichts. Er tat, als wolle er von
seinem Stuhl aufstehen und fortgehen, aber ich hatte ihn schon ge-
bannt, und er setzte sich wieder hin. Er schüttelte den Kopf Er wehr-
te sich gegen mich, aber jetzt war ich der Stärkere, da ich auf die
Unterseele dieses Menschen wirkte. Denn im Grunde seiner Seele
wollte er wieder sehen, und sein Wunsch war, ich sollte ihn mit Ge-
walt dazu zwingen. Voll Freude an meiner Übermacht fühlte ich, ich
hatte ihn in der Gewalt. Ohne es ihm zu befehlen, dachte ich mit aller
227
Ernst Weiß
Energie daran, er solle seine Hände über dem Schoß falten. Er tat es.
Er solle an seinem Eisernen Kreuz nesteln, als wollte er es abnehmen.
Er gehorchte. Ich befahl ihm, er solle mir sein Geheimnis mit den
Frauen mitteilen. Ich überwand den Widerstand, und er sprach. Ich
befahl ihm, er solle den rechten Arm ausstrecken, er zögerte, aber
dann tat er auch dies.
Kein Wort mehr, ich wußte, was ich wissen mußte. Alles ging jetzt
stumm vor sich, Geist gegen Geist. Ich sah, er hatte Durst. Ich brach-
te ihm kein Wasser, wozu auch? Es wäre Wahnsinn gewesen, die Sit-
zung jetzt zu unterbrechen.
Nachdem ich alles in Erfahrung gebracht hatte, hieß es wirken. »Es
geschehen keine Wunder mehr«, sagte ich. Er ließ den Kopf auf die
Brust sinken und antwortete nicht. »Aber«, setzte ich fort, »das gilt
bloß für Durchschnittsmenschen. Es sind an auserwählten Menschen
dennoch oft Wunder geschehen, es muß doch Wunder geben und
große Menschen geben, vor denen die Natur sich beugt, glauben Sie
nicht?« - »Wie Sie denken, Herr Stabsarzt«, sagte er heiser. ~ »Ich
selbst bin kein Scharlatan, kein Wundertäter«, sagte ich, »ich bin ein
einfacher Arzt, aber vielleicht haben Sie selbst die seltene, in allen
tausend Jahren einmal vorkommende Kraft, ein Wunder zu tun. Jesus
hat solche getan, Mohammed, die Heiligen.« Er antwortete nicht,
sondern starrte vor sich hin und atmete schwer. »Ich könnte Ihnen
nur die Methode angeben, mit deren HUfe Sie sehen würden, ob-
gleich Ihre Augen verätzt sind vom Gelbkreuz. Ein gewöhnlicher
Mensch wäre mit Ihrem Augenbefund blind auf Lebenszeit. Aber für
einen Menschen von besonderer Willenskraft und geistiger Energie
gibt es keine Grenzen, die naturwissenschaftliche Erkenntnis gilt für
ihn nicht mehr, und der Geist sprengt die Mauern, bei Ihnen die dik-
ke weiße Schicht in der Hornhaut, aber vielleicht haben Sie diese
Kraft zum Wunder nicht.« - »Wie kann ich es denn wissen?« fragte er.
»Das müssen Herr Stabsarzt wissen.« - »Trauen Sie sich aber den
Willen zu?« antwortete ich. »Dann versuchen Sie es, öffnen Sie die
Augen weit. Ich werde jetzt meine Kerze mit einem Zündhölzchen
anzünden. Haben Sie den Funken gesehen?« - »Ich weiß nicht«, sag-
te er, »ein Licht nicht, aber eine Art weißen runden Schimmers.« ~
»Das ist nicht genug«, sagte ich, »das reicht nicht. Sie müssen blind an
sich glauben, dann werden Sie aufhören, blind zu sein. Sie sind jung,
es wäre schade um Sie! Sie wissen, daß Deutschland jetzt Menschen
braucht, die Energie und blindes Vertrauen in sich haben. Mit Oster-
228
Der Augenzeuge
reich ist es zu Ende, aber mit Deutschland nicht.« ~ »Das weiß ich«,
sagte er mit ganz veränderter Stimme, stand auf und hielt sich an der
Tischkante fest. Aber er zitterte noch. »Hören Sie«, sagte ich fest, »ich
habe hier zwei Kerzen, eine rechts, eine links. Sie müssen sehen! Sehen
Sie sie?« - »Ich fange an zu sehen«, sagte er, »wenn es doch möglich
wäre! « - »Ihnen ist alles möglich! Gott hilft Ihnen, wenn Sie sich selbst helfen! In
jedem Menschen steckt ein Stück Gott, das ist der Wille, die Energie!
Fassen Sie alle Ihre Kraft zusammen. Noch mehr, noch mehr! Gut!
Jetzt genug! Was sehen Sie jetzt?« - »Ich sehe Ihr Gesicht, Ihren Voll-
bart, Ihre Hand und den Siegelring, Ihren weißen Kittel, die Zeitung
auf dem Tisch und die Aufzeichnungen über mich.« - »Setzen Sie
sich«, sagte ich, »ruhen Sie sich aus. Sic sind geheilt. Sie haben sich
selbst sehend gemacht.« Ich stand auf und ging im Zimmer umher.
H. folgte mir jetzt mit seinen Blicken, ganz wie es ein Mensch mit
normalem Auge tut. Er sah auch auf den Tisch und versuchte, meine
Aufzeichnungen über ihn zu entziffern. »Sie haben sich wie ein Mann
gehalten«, sagte ich, »und wenn Sie in Ihre Augen Licht gebracht
haben kraft Ihres Willens, so werde ich in Ihre Gehirnzellen kraft
meines Willens etwas wohltätige Dämmerung bringen, und Sie wer-
den von heute an wieder beginnen zu schlafen. Sie werden bis auf
Widerruf alles tun, was ich, zu Ihrem Wohl, befehle. Wollen Sie das?«
- »Wie Herr Stabsarzt befehlen. Schlafen! W'enn Sie aber das zustan-
de bringen könnten?!!« Ich sagte nun nichts mehr, ließ ihn nochmals
aufstehen, um sich von mir auf den Untersuchungstisch betten zu
lassen. Ich schob ihm die in die Stirn hereinfallende Stirnlocke zur
Seite, strich ihm über die feuchte kalte Stirn und suggerierte ihm,
ohne ein Wort, ihm unablässig in die Augen blickend, er werde die
Augen schließen und werde sic, auch wenn ich sie ihm auseinander-
zuziehen suche, nicht mehr öffnen können und werde dann ohne ei-
nen Traum bis zum nächsten Morgen schlafen.
Alles geschah, wie ich cs wollte. Ich hatte das Schicksal, den Gott ge-
spielt und einem Blinden das Augenlicht und den Schlaf wiedergege-
ben. Am nächsten Tag schrieb ich an Helmut, der im Kriegsministe-
rium diente, er möge versuchen, einem Gefreiten A. H. einen Druck-
posten zu t'erschaffen. Druckposten hieß leichter Posten, wo ein
solcher Mensch sich erholen konnte.
229
Kommentar
/Kommentar
Die dissoziative Störung in der Terminologie Freuds (Konversions-
neurose) ist geprägt durch p^chogene organische Befunde. Auch kog-
nitive Störungen wie z-B. Amnesie können aufireten. Alk dissoziati-
ven z(ustände tendieren dazu, nach einigen Wochen oder Monaten
zu remittieren, besonders wenn der Beginn mit einem traumatisierenden Lebenser-
eignis verbunden war und die Störung sehr plötzlich auftrat. Eher chronische Zu-
stände, besonders Lähmungen und Körpergejühbstärungen, entwickeln sich manch-
mal recht langsam, wenn der Begmn mit unlösbaren Problemen oder innerpersonel-
len Schwierigkeiten verbunden ist. Der appeUative Charakter der Störung ist
meistens zu ersehen: sie erfordert Beachtung und Aufmerksamkeit, ihre Dramatik
beeindruckt und beeinflusst das Umfeld.
In der Geschichte von Ernst Weiß »Der Augenzeuge« wird die Blindheit eines Sol-
daten geschildert. Dabei wird allerdings keine Ausßhrung zur Entstehung der
Blindheit gemacht. Man kann lediglich vermuten, dass schreckliche Kriegserkbnis-
se bei dem Soldaten die offensichtlich ßnktionelk Blindheit ausgelöst haben. Es
handelt sich wahrscheinlich um eine dissoziative Störung (Konversionsneurose).
Dem entspricht auch, dass die Störungen durch eine einfache suggestive Pgfchothe-
rapie behoben werden kann. Es wird dargestellt, wie ein Arzt in geschickter Weise
versucht, das Leiden des Patienten ernst nehmend, ihn wieder auf den Weg des
Sehens zu fihren. Das macht er in so geschickter und suggestiver Miise, dass die
Therapie erfolgreich ist.
230
Cees Nooteboom
Die folgende Geschichte
aus: Cees Nooteboom. Die folgende Geschichte.
© 1991 by Suhrkamp Verlag, FrarJfurt am Main
Einführung
Der niederländische Journalist, Lyriker, Essayist, Reisende und
Schriftsteller Cees Nooteboom Jahrgang 1933) zählt zu den he-
rausragenden Repräsentanten niederländischer Literatur nach dem
fweiten Weltkrieg. Bewundert werden vor allem psychologischer
Scharfsinn und stilistische Brillanz. Poetische Reiseberichte gehören ebenso zu sei-
nem Repertoire wie hautnahe Beschreibungen historischer Aufstände, wie etwa des
Ungarn-Aufstandes 1 956 oder der Pariser Studentenrevolte 1968. Seinen literari-
schen Durchbruch brachte der Roman »Rituale« (1 980).
Am Anfang von »Die folgende Geschichte« (1991), die ohne Gattungsbezeichnung
bleibt, wacht der Lehrer und Altphilologe Herman Mussert, von seinen Schülern
Sokrates gerufen, in Lissabon in einem ihm vertrauten rfimmer auf, obwohl er in
Amsterdam wohnt und sich dort am Vorabend zum Schlafen niedergelegt hat.
Das Reisen wird zum existentiellen Topos, das in der Erfahrung des Fremden, des
Unbekannten und Ungewohnten nicht nur eine Lebensphilosophie entdeckt, son-
dern auch die Chance, sän bisheriges Leben zu ändern und in neue, überraschende
Beziehungen und Wechselwirkungen mit anderen Biographien zu setzen, die jen-
seits realer Grenzen von feit und Raum vorstellbar und deshalb auch möglich sind.
Die Grenzen von Traum und Wirklichkeit werden aufgehoben, was einzig zählt,
ist die Möglichkeitsform, die aus philosophischer Reflexion und psychischer Sensi-
bilität erwächst.
Weiterfihrende Literatur:
Peter Fiedler: Dissoziative Störungen und Konversion. Beltz PVU 2001
231
Cees Nooteboom
Die folgende Geschichte
Meine eigene Person hat mich nie sonderlich in-
teressiert, doch das hieß nicht, daß ich auf
Wunsch einfach hätte aufhören können, über
mich nachzudenken - leider nicht. Und an jenem
Morgen hatte ich etwas zum Nachdenken, soviel
ist sicher. Ein anderer würde es vielleicht als eine
Sache von Leben und Tod bezeichnen, doch der-
lei große Worte kommen mir nicht über die Lip-
pen, nicht einmal, wenn niemand zugegen ist,
wie damals.
Ich war mit dem lächerlichen Gefühl wach geworden, ich sei viel-
leicht tot, doch ob ich nun wirklich tot war oder tot gewesen war, oder
nichts von alledem, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht feststellen.
Der Tod, so hatte ich gelernt, war nichts, und wenn man tot war, auch
das hatte ich gelernt, dann hörte Jegliches Nachdenken auf. Das also
traf nicht zu, denn sie waren noch da, Überlegungen, Gedanken,
Erinnerungen. Und ich war noch da, wenig später sollte sich sogar
heraussteilen, daß ich gehen konnte, sehen, essen (den süßen Ge-
schmack dieser aus Muttermilch und Honig zubereiteten Teigklöße,
die die Portugiesen zum Frühstück essen, hatte ich noch Stunden da-
nach im Mund). Ich konnte sogar mit richtigem Geld bezahlen. Und
dieser Umstand war für mich der überzeugendste. Man wacht in ei-
nem Zimmer auf, in dem man nicht eingeschlafen ist, die eigene
Brieftasche liegt, wie sich das gehört, auf einem Stuhl neben dem
Bett. Daß ich in Portugal war, wußte ich bereits, wenngleich ich am
Abend zuvor wie üblich in Amsterdam zu Bett gegangen war, aber
daß sich portugiesisches Geld in meiner Brieftasche befinden würde,
das hätte ich nicht erwartet. Das Zimmer selbst hatte ich auf Anhieb
erkannt. Hier hatte sich schließlich eine der bedeutsamsten Episoden
meines Lebens abgespielt, sofern in meinem Leben von derlei über-
haupt die Rede sein konnte.
Doch ich schweife ab. Aus meiner Zeit als Lehrer weiß ich, daß man
alles mindestens zweimal erzählen muß und damit die Möglichkeit
eröffnen, daß Ordnung sich einstellt, wo Chaos zu herrschen scheint.
Ich kehre also zur ersten Stunde jenes Morgens zurück, dem Augen-
blick, in dem ich die Augen, die ich demnach noch besaß, aufschlug.
»Wir werden spüren, wie es durch die Ritzen des Kausalgebäudes
232
Die folgende Geschichte
r
zieht«, hat jemand gesagt. Nun, an jenem Morgen zog es bei mir ganz
gehörig, auch wenn mein Blick als erstes auf eine Decke mit mehre-
ren äußerst stabilen, parallel zueinander verlaufenden Balken fiel,
eine Konstruktion, die durch ihre funktionale Klarheit den Eindruck
von Ruhe und Sicherheit erweckt, etwas, was jedes menschliche We-
sen, und mag es noch so ausgeglichen sein, braucht, wenn es aus dem
dunklen Reich des Schlafes zurückkehrt. Funktional waren diese Bal-
ken, weil sie mit ihrer Kraft das darüber liegende Stockwerk stützten,
und klar war die Konstruktion wegen der völlig gleichbleibenden Ab-
stände zwischen den Balken. Das hätte mich folglich beruhigen müs-
sen, doch davon war keine Rede. Zum einen waren es nicht meine
Balken, und zum anderen war von oben jenes für mich, in diesem
Zimmer, so schmerzliche Geräusch menschlicher Lust zu hören. Es
gab nur zwei Möglichkeiten: entweder war es nicht mein Zimmer,
oder es war nicht ich, und in diesem Fall waren es auch nicht meine
Augen und Ohren, denn diese Balken waren nicht nur schmaler als
die meines Schlafzimmers an der Keizersgracht, sondern dort wohn-
te auch niemand über mir, der mich mit seiner - oder ihrer - unsicht-
baren Leidenschaft belästigen konnte. Ich blieb ganz still liegen, und
sei es nur, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, meine Augen
seien möglicherweise nicht meine Augen, was natürlich eine um-
ständliche Art und Weise ist, zu sagen, daß ich totenstill dalag, weil ich
tödliche Angst hatte, ich sei jemand anders. Dies ist das erste Mal, daß
ich es zu erzählen versuche, und es fällt mir nicht leicht. Ich wagte
nicht, mich zu bewegen, denn wenn ich jemand anders war, dann
wußte ich nicht, wie das vor sich gehen sollte. So ungefähr. Meine
Augen, so nannte ich sie fürs erste weiter, sahen die Balken, die nicht
meine Balken waren, und meine Ohren oder die jenes möglichen an-
deren hörten, wie das erotische Crescendo über mir mit der Sirene
eines Krankenwagens draußen verschmolz, der auch nicht die richti-
gen Töne von sich gab.
Ich befühlte meine Augen und merkte, daß ich sie dabei schloß. Die
eigenen Augen wirklich befühlen ist nicht möglich, man schiebt im-
mer erst den Schutz davor, der dafür gedacht ist, nur: dann kann man
natürlich nicht die Hand sehen, die diese verschleierten Augen be-
fühlt. Kugeln, das fühlte ich. Wenn man sich traut, kann man sogar
vorsichtig hineinkneifen. Ich schäme mich, zugeben zu müssen, daß
ich nach all den vielen Jahren, die ich auf der Welt bin, noch immer
nicht weiß, woraus ein Auge eigendich besteht. Hornhaut, Netzhaut
233
Kommentar
sowie Iris und Linse, aus denen in jedem Kryptogramm eine Blume
und eine Hülsenfrucht wird, die kannte ich, aber das eigentliche
Zeug, diese zähe Masse aus erstarrtem Gelee, die hat mir immer
Angst eingejagt. Ich wurde unweigerlich ausgelacht, wenn ich von
Gelee sprach, und doch sagt der Herzog von Cornwall, als er in King
Lear dem Grafen von Gloucester die Augen ausreißt: out! vik jelly!, und
genau daran mußte ich denken, als ich in diese nichtssehenden Ku-
geln kniff, die meine Augen waren oder nicht waren.
Lange Zeit blieb ich so liegen und versuchte, mich an den vergange-
nen Abend zu erinnern. Es ist nichts Aufregendes an den Abenden
eines Junggesellen, wie ich einer bin, sofern ich zumindest derjenige
war, um den es hier ging. Manchmal sieht man das, einen Hund, der
sich in den eigenen Schwanz zu beißen versucht. Dann entsteht eine
Art hündischer Wirbelwind, der erst aufhört, wenn aus diesem Sturm
der Hund als Hund hervortritt. Leere, das ist es, was man dann in
diesen Hundeaugen sieht, und Leere war es, was ich in jenem frem-
den Bett empfand. Denn angenommen, daß ich nicht ich war und
folglich jemand anders (niemand zu sein, dachte ich, würde zu weit
gehen), dann würde ich bei den Erinnerungen jenes anderen doch
denken müssen, daß es meine Erinnerungen seien, schließlich sagt je-
der »meine« Erinnerungen, wenn er seine Erinnerungen meint.
Kommentar
Za den dissoziativen Störungen gehört auch die seltene Fugue und
die multipk Persönlichkeitsstörung. Bei dem Text von Cees Kook-
boom »Die folgende Geschichte« handelt es sich mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit um den Zustand des Sich-Wiedereinfindens in
die Realität nach einer dissoziativen Fugue.
Hauptmerkmal der dissoziativen Fugue ist ein plötzliches unerwartetes Weggehen
von zu Hause oder aus der gewohnten Umgebung, oft verbunden mit der Annahme
einer neuen Identität und der Unfähigkeit, sich an dk frühere Identität zu erinnern.
Typischerweise gehen der dissoziativen Fugue belastende Ereignisse oder Situatio-
nen voraus. Während der Zeit der Fugue werden häufig zielgerichtete Reisen unter-
nommen, eventuell zu Orten, dk für den Betroffenen von besonderer gefühlsmäßiger
Bedeutung sind. Nach außen erscheinen dk Patienten in dieser Zeit oft völlig geord-
net; Selbstversorgung (z.B. Essen, Waschen oder einfachere soziale Interaktionen,
auch der Kauf von Fahrkarten, Bestellung von Mahlzeiten) sind oft ungestört.
234
Kommentar
In dem Auszug der Geschichte von Nooteboom versucht sich der Protagonist müh-
selig zu reorientieren über seine Identität und seine Lebensumstände, die geographi-
sche Lokalisation und die eigentlkhen Hintergründe ßir seine Anwesenheit in einer
neuen, ßemden Situation. Die Hintergründe seines Hier-Seins sind ihm nicht erin-
nerlich, insbesondere weiß er nicht, wie er von Amsterdam nach Portugal gekommen
ist. Neben einer dissoziativen Fugue wäre differentialdiagnostisch u.a. an Ausnah-
mezustände, z.B. im Rahmen komplex-partieller epileptischer Anfälle zu denken.
Die Epilepsie wird im Text der ICD- 10 zur dissoziativen Fugue auch ausdrück-
lich als Differentialdiagnose genannt.
235
Robert Louis Stevenson
Henry Jekylls vollständige Erklärung
aus: Robert Louis Stevenson. Unheimliche Geschichten Bd. 1: Der seltsame Fall
des Dn Jet^ll und Mr. Hyde. AusgewähU und herausgegeben von Manfred Kluge.
© 1986 by Heyne, München
Einführung
Mit seinem Roman »Die SchatzinseL (1883) sicherte sich der
Schotte Robert Louis Stevenson (1850-1894) einen Platz im
Olymp der Jugendliteratur. In seinem kurzen Dben schuf er ein
vor Fabulierlust überbordendes Werk aus Romanen, Reiseberich-
ten, autobiographischen Skizzen, Essays und Gedichten fir Kinder. Seine Eltern
und Vorfahren waren namhafte schottische Leuchtturmbauer, doch eine frühe labile
gesundheitliche Konstitution verhinderte eine Karriere als Ingenieur. Stevenson stu-
dierte Jura in Edinburgh und reiste aufgrund seiner Tuberkulose hauptsächlich
durch südliche Länder. Zusammen mit seiner Ehefrau, der um zehn Jahre älteren
Amerikanerin Fanny van de Grift Osbourne, die ihn nachhaltig zum Schreiben
ermunterte, war er fast ständig auf Reisen, sammelte mit Eifer neue Eindrücke,
was allerdings immer mehr auf Kosten seiner angegriffenen Gesundheit ging. »Die
Schutzinsel« war zunächst nur an Achtungserfolg. Der literarische Durchbruch
kam mit der Erzählung »The Strange caserf Dr. Jelyll and Mr. Hyde« (1886; dt.
1889: »Der seltsame Eall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde«) niedergeschrieben nach
einem Traum in drei Tagen. Doch diese erste Fassung fand aufgrund eines man-
gelnden moralischen Schlusses nicht die Billigung seiner Ehefrau, woraufhin Ste-
venson die Story erneut in drei Tagen in die endgiltige Version brachte. Die vielfach
verfilmte Geschichte beruht auf dem keltischen Mythos des tfeth», des Doppelgän-
gers, der dem Menschen kurz vor seinem Tod erscheint. Eine artistisch komplexe,
auf wechselnden Perspektiven beruhende raffinierte Erzählstruktur verhindert vor-
sätzlich eine eindeutige Interpretation, obgleich eine intendierte Kritik an einer rigi-
den viktorianischen Doppelmoral nicht zu. verkennen ist. Literarhistorisch ist Ste-
vensons Erzählung dem Motivkreis des Doppelgängers verpflichtet, wie er seit der
Antike im Alkmene-Stojf geläufig ist und besonders in der Romantik von jener
großen antiaufklärerischer Attraktivität war (vgl. auch E. TA. HoJJmanns Roman
»Die Elixiere des Teufels«, 1815), die sich bis zur Jahrhundertwende hielt (vgl.
236
Henry Jekjlk mllständige Erklärung
Oscar Wilde: »Das Bildnis desDorian Gray«, 1890). Mit Stevenson erobert der
Stoff die moderne Vorstellung einer inkohärenten Persönlichkeit im Kontext spezff
scher gesellschaftlicher Bedingungen jenseits einer moralisch eindeutig gefestigten
Identität. Die Entdeckung der bedrohlichen, bislang ungekannten Abgründe im ei-
genen Ich, eine als beglückend und euphorisierend erlebte Amoralität sowie das
gesteigerte Interesse an den Verirrungen des indißerenten Sozialwesens Mensch in
einer zunehmend vom Kommerz, nicht aber von der Moral diktierten Gesellschaft
ermöglichten Stevenson eine Ver.schiebung der Akzente ins Psychopathologische, das
die Dissoziation des Individuums nicht zuletzt als Resultat desintegrativer sozialer
Prozesse deutet. Die Faszination an dieser Thematik hält bis in die Gegenwart an
(vgl. Bret Easton Ellis mit seinem Roman »American Psycho«, 1991).
In den ersten sechs Wochen wurden 40.000 Exemplare von »Dr. Jekyll und Mr.
Hyde« verkauf. Die Erzählung machte ihren Autor endlich finanziell unabhängig,
aber Stevenson, von den Eingeborenen als Geschichtenerzähler verehrt, starb im
Alter von erst 44 Jahren auf der Südseeinsel Opolu/ Samoa an einer Gehirnblu-
tung.
WeiterJuhrende Literatur:
Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne. Eine Vermutung. Knaus 2005
Henry Jekylls vollständige Erklärung
Ich wurde im Jahre 18.. geboren, besaß ein gro-
ßes Vermögen, erfreute mich der schönsten Ta-
lente, war von Natur aus fleißig, genoß die Ach-
tung der besten meiner Kameraden und hatte
also alle Aussicht auf eine ehrenvolle und glän-
zende Laufbahn. Mein schlimmster Fehler war
ein gewisses ungeduldiges, fröhliches Tempera-
ment, das sonst vielen Menschen zum Glück ge-
reicht, mir aber schadete, da ein hochfahrendes
Verlangen mich dazu trieb den Kopf hoch zu tragen und hochmütig
dreinzusehen, wenn ich mich öffentlich zeigte.
So kam es, daß ich meine Vergnügungen vor den andern Menschen
verbarg und bereits die Doppelnatur meines Wesens empfand, als ich
in das ,Alter kam, in dem man vernünftig zu überlegen beginnt und
ich mich in der Welt nach einem Berufe umsah. Viele Männer hätten
sich der Seitensprünge, die ich mir zuschulden kommen ließ, ge-
237
Robert Louis Stevenson
rühmt; aber im Hinblick auf die hohen Ziele, die mir vorschwebten,
betrachtete und verheimlichte ich diese Laster mit einer fast krank-
haften Scham. So war es also doch eher mein Streben nach dem Gu-
ten als meine Fehler, die mich zu dem machten, was ich wurde und
die mich stärker unter diesem Einfluß des Guten und des Bösen lei-
den ließ als die meisten andern Menschen. Das führte mich zu tiefen
quälenden Gedanken über das unbarmherzige Gesetz des Lebens, in
dem einerseits wohl die Religion wurzelt, das aber andererseits auch
die Ursache allen Elends ist. War ich solcherart ein Doppelwesen, so
war ich dennoch kein Heuchler. Beide Teile meiner Natur waren voll-
kommen wirklich. Warf ich aUe Hemmungen ab und überließ ich
mich dem Laster, so war ich nicht weniger ich, als wenn ich vor den
Augen aller Welt arbeitete, um die Wissenschaft zu fördern oder die
Sorgen und Leiden der Menschheit zu lindern.
So kam es, daß meine wissenschaftlichen Studien, die sich ganz und
gar dem Mystischen und Übersinnlichen zuwandten, ein helles Licht
auf die Kämpfe meines Innern warfen. Tag und Tag kam ich, sowohl
von der moralischen Seite her wie auch von der des Verstandes im-
mer mehr zu jener Erkenntnis, deren teilweise Entdeckung mich so
entsetzlich Schiflbruch leiden ließ, daß der Mensch nicht ein Wesen
ist, sondern aus zweien besteht. Ich sage zwei, weil mein augenblickli-
ches Wissen über diesen Punkt nicht hinausreicht. Andere werden
meinen Spuren folgen und mich auf diesem Gebiet überholen. Ich
glaube sogar Voraussagen zu können, daß der Mensch zu der Er-
kenntnis kommen wird, daß er im Grunde genommen aus einer Un-
zahl von einander unabhängiger und gänzlich widersinniger Wesen
besteht. Ich folgte freüich diesem Wege nur in einer Richtung. Von
der moralischen Seite her lernte ich in meiner eigenen Person diese
vollkommene Doppelnatur im Menschen erkennen. Ich begriff:
konnte ich von einer meiner beiden Naturen sagen, daß sie vollkom-
men mein eigenes Ich sei, so war ich nur deshalb dazu berechtigt, weil
ich in Wahrheit in beiden Naturen zugleich existierte.
Schon sehr früh, noch ehe der Gang meiner wissenschaftlichen Ar-
beiten mich dazu verführte, an die Möglichkeit eines solchen Wun-
ders zu glauben, spielte ich oft in wachen Träumen mit dem Gedan-
ken einer Trennung dieser beiden Naturen. Gelänge es mir, so sagte
ich, jeder der beiden einen eigenen Körper zu geben, so müßte das
Leben mit einem Schlag von allem befreit sein, das es uns jetzt so
unerträglich macht. Der böse Teil könnte, befreit von dem Streben
238
Henry Jekjlb vollständige Erklärung
und den Gewissensbissen seines besseren Zwillingsbruders, seinen ei-
genen Weg gehen; und der gute könnte seinen aufwärtsführenden
Pfad weiterverfolgen und das Gute, das seine Freude ist, tun, ohne
sich noch länger seines schlechteren Teiles schämen zu müssen. War
es doch der Fluch der Menschheit, daß diese beiden entgegengesetz-
ten Naturen so eng verbunden waren und diese feindlichen Brüder
einander im Innern eines jeden Menschen unaufhörlich bekämpften.
Nun war die Frage, was geschähe, wenn man diese beiden trennen
könnte.
So weit war die Sache, als meine Arbeit im Laboratorium mir das
Ganze von einer neuen Seite her beleuchtete. Mehr denn je war ich
überzeugt, daß der scheinbar so feste Körper, mit dem bekleidet wir
durch unser Dasein wandern, ganz zufällig, wesenlos und nebelhaft
ist. Nun entdeckte ich, daß gewisse Chemikalien die fleischliche Hülle
zu verdrängen vermögen, wie etwa der Wind die Vorhänge eines
Gartenhäuschen zurückschlägt. Aus zwei sehr guten Gründen will ich
mich nicht näher auf die wissenschaftliche Seite meiner Beichte ein-
lassen. Erstens, weil ich die Erfahrung machte, daß die ganze Bürde
und Last unseres Lebens in dem Buch unseres Schicksal vorgezeich-
net ist und das Geschick, will man ihm entfliehen, einen nur noch
unbarmherziger und mitleidloser umklammert. Zweitens, weil -
mein Bericht beweist es nur zu sehr - meine Entdeckungen sehr un-
vollkommen waren. Es möge daher genügen, daß ich meinen Körper
nicht nur als Materialisation gewisser Kräfte erkannte, sondern auch
auf ein Mittel stieß, diese Mächte zu entthronen, um sie in einer zwei-
ten menschlichen Gestalt in die Welt zu schicken. Diese neue Gestalt
mußte nicht weniger natürlich sein, weil sie ja alle Merkmale der
schlechten Eigenschaften meiner selbst in sich trüge.
Ich zögerte lange, ehe ich diese Theorie in die Praxis umsetzte. Ich
war mir dessen wohl bewußt, daß es mich das Leben kosten könnte.
Denn ein Mittel, das in dem Innersten des Menschen eine solche
Umwälzung hervorruft und es so sehr verändert, konnte leicht durch
den kleinsten Tropfen zuviel, oder durch das geringste Versehen in
der Zusammensetzung jene immaterielle Hülle, die ich verändern
wollte, gänzlich vernichten.
Längst schon hatte ich meine Tinktur bereitet. Ich hatte von einer
berühmten chemischen Firma eine große Menge eines besonderen
Salzes gekauft, das, wie ich durch meine Experimente wußte, die letz-
te noch erforderliche Substanz war. In einer unseligen Nacht mischte
239
Robert Louis Stevenson
ich diese Grundstoffe, sah sie in dem Glas kochen und dampfen und
stürzte, als sich die Lösung gesetzt hatte, mutig die ganze Dosis hinun-
ter.
Es folgten wahre Folterqualen: ein Ziehen in allen Knochen, tödliche
Übelkeit und eine Seelenangst, wie sie auch in der Stunde der Geburt
oder des Todes kaum gefühlt werden kann. Allmählich ließen diese
Qualen nach, und ich kam wieder zu mir, wie ein Mensch, der aus
schwerer Krankheit erwacht.
Meine Gefühle waren mir seltsam fremd, etwas unbeschreiblich Neu-
es und daher unendlich Wohltuendes war in ihnen. Ich fühlte mich
jünger, leichter, glücklicher. In meinem Innern empfand ich eine ge-
waltige Unruhe; ein Strom ungeordneter Vorstellungen wirbelte in
mir herum, ich fühlte mich losgelöst von allen Pflichten, und das Ge-
fühl einer mir unbekannten doch nicht unschuldigen Freiheit erfüllt
meine Seele. Vom ersten Augenblicke dieses neuen Lebens an er-
kannte ich, daß ich schlechter geworden sei, zehnmal schlechter als
zuvor. Ich war der Sklave meiner bösen Leidenschaften; allein dieser
Gedanke beglückte und berauschte mich in diesem Augenblick. Im
Gefühl dieser seelischen Frische breitete ich die Arme aus und merkte
plötzlich, daß ich kleiner geworden war.
Damals stand in meinem Zimmer noch kein Spiegel; der jetzt - da ich
dies schreibe - hier steht, wurde erst später und eben wegen dieser
Verwandlungen hierhergebracht. Die Nacht wurde zum Morgen und
auch dieser wurde, so düster er auch war, beinahe schon zum Tage;
doch alle Bewohner des Hauses lagen noch in tiefem Schlaf.
Von Hoffnung geschwellt und in dem Gefühl, gesiegt zu haben, ent-
schloß ich mich zu dem Wagnis, in dieser neuen Gestalt bis in mein
Schlafzimmer zu gehen. Ich eilte durch den Garten, wobei der Him-
mel, wie es mir schien, verwundert auf mich niedersah. Ich schlich,
ein Fremder in meinem eigenen Haus, durch die Gänge, und als ich
mein Zimmer betrat, sah ich im Spiegel zum erstenmale die Gestalt
Edward Hydes.
Ich kann darüber nur theoretisch sprechen und nicht etwas Sicheres
behaupten, sondern nur sagen, was ich für das Wahrscheinlichste hal-
te. Die schlechtere Hälfte meines Wesens, auf die ich ja diese neuent-
deckte Kraft verwandt hatte, war weniger kräftig und entwickelt als
die gute, die ich soeben verlassen hatte. Im Laufe meines Lebens, das
trotz allem durch Jahrzehnte hindurch ein unaufhörliches Arbeiten
der Tugend und der Selbstzucht gewesen ist, war das Schlechte nicht
240
Henry Jekylk vollständige Erklärung
r
so ausgebildet, doch auch nicht so erschöpft gewesen. Das war, glaube
ich, der Grund, warum Edward Hyde um soviel kleiner, schmächtiger
und jünger war als Henry Jekyll. Wie das Gute aus dem Antlitz des
einen Wesens leuchtete, so war aus den Zügen des anderen klar und
unverkennbar die Bosheit zu lesen. Das Böse, das, wie ich heute noch
glaube, der sterbliche Teil des Menschen ist, hatte seinen Körper ver-
unstaltet. Denn noch besah ich das Ungeheuer im Spiegel nicht mit
Widerwillen, sondern hieß es sogar willkommen. Denn auch dieses
war ich ja selbst. Es schien mir ganz natürlich und menschlich. Mei-
nen Augen erschien das andere Wesen lebhafteren Geistes zu sein
auch charakteristischer und in sich abgeschlossener als das ausdrucks-
lose und doppelte Wesen, das bisher mein eigenes Wesen war.
Solange ich Edward Hyde war, bemerkte ich, daß jeder Mensch, bei
der ersten Begegnung mit mir ein unwillkürliches Grauen empfand.
Dies kam, wie ich annehme, daher, daß alle Menschen, mit denen ich
in Berührung kam, ebenfalls aus einem guten und einem bösen We-
sen bestehen. Dieser Edward Hyde aber war der einzige Mensch auf
der Welt, der wirklich nur aus Bösem bestand.
Ich blieb nur einige Augenblicke vor dem Spiegel stehen, denn das
zweite und wichtigere Experiment mußte noch ausgeführt werden.
Ich mußte wissen, ob meine Persönlichkeit ganz verloren gegangen
war und ob ich deshalb bis Morgengrauen aus meinem Haus, das ja
dann nicht länger mein eigenes war, fliehen mußte. Ich eilte in mein
Arbeitszimmer zurück, braute und trank noch einmal diese Mixtur,
machte wieder die gleichen Qualen der Auflösung durch und erwach-
te mit der Persönlichkeit, der Gestalt und den Gesichtszügen Henry
Jekylls.
ln dieser Nacht war ich an dem verhängnisvollen Scheidewege ange-
langt. Es hätte alles anders kommen können und ich wäre aus diesen
Qualen des Todes und der Wiedergeburt als Engel statt als Teufel neu
erstanden, hätte ich meine Entdeckung in einem edleren Sinne weiter
verfolgt und meine Versuche unter einem besseren und gläubigeren
Stern ausgeführt. Das Getränk selbst war neutral; es war an sich we-
der teuflisch noch göttlich. Es erschütterte gleichsam nur die Türen
meines Gefängnisses. Zu dieser Zeit schlief meine Tugend; das Böse
in mir, durch Ehrgeiz erweckt, lauerte und ergriff gerne und rasch die
Gelegenheit; und das Wesen, das dadurch entstand, war Edward
Hyde. Wenngleich ich von nun an zwei Charaktere und zwei Gestal-
ten besaß, so war mein eines Wesen vollkommen böse, das andere
241
Robert Louis Stevenson
aber blieb der alte Henry Jekyll, jenes völlig ungereimte Gebilde, an
dessen Veredlung und Besserung ich bereits längst verzweifelt war.
Mein Werk war also ganz nach der bösen Seite geraten.
Sogar zu jener Zeit hatte ich meine Abneigung gegen das nüchterne
Leben des Gelehrten noch nicht ganz überwunden. Ich war bisweilen
noch genußsüchtig, und meine Verfügungen waren zum mindesten
nicht ehrbar. Da ich nicht nur sehr bekannt und geachtet war, son-
dern auch schon zu den älteren Herrn gezählt wurde, so waren mir
diese Widersprüche in meinem Leben täglich unwillkommener. Hier
trat die Versuchung durch die von mir entdeckte neue Macht an mich
heran, bis ich ihr verfiel. Ich brauchte ja nur das Mittel zu trinken, um
sogleich die Gestalt des berühmten Professors schwinden zu sehen
und mich wie mit einem dicken Mantel mit dem Körper Edward
Hydes zu umgeben. Als ich daran dachte, lachte ich. Es erschien mir
manchmal geradezu humoristisch, und ich traf meine Vorkehrungen
mit der größten Sorgfalt. Ich mietete und richtete jenes Haus in Soho
ein, wo Hyde durch die Pohzei gesucht wurde. Als Wirtschafterin
nahm ich eine Person, von der ich wohl wußte, daß sie verschwiegen
und gewissenlos sei. Überdies sagte ich meinen Dienstboten, daß ein
Mr. Hyde, den ich ihnen beschrieb, in meinem Hause tun und lassen
könne, was er wollte. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, kam
ich sogar manchmal in meiner zweiten Gestalt zu Besuch, so daß die
Leute im Haus mich genau kannten. Zunächst verfaßte ich jenes Te-
stament, über das Du so böse warst, damit, wenn mir als Dr. Jekyll
etwas zustieße, ich ohne einen materiellen Verlust als Edward Hyde
weiterleben könnte. Nachdem ich mich so nach allen Seiten gesichert
hatte, begann ich aus den seltsamen Vorrechten meiner Lage Nutzen
zu ziehen.
Es hat früher Männer gegeben, die sich Schurken mieteten, die ihre
Verbrechen ausführen mußten, während ihre eigene Person und ihr
Ruf ungefährdet blieben. Ich aber war der erste, der das Gleiche tat,
um seinen Lastern nachzugehen, der erste, der sich in dem einen Au-
genblick als ein ehrlicher Mann zeigen konnte, um im nächsten gleich
einem Schuljungen diese Fesseln abzuwerfen und die Freiheit in vol-
len Zügen zu genießen.
Ich war in dieser unkenntlichen Maske vollkommen sicher. Überlege
Dir doch nur, daß ich ja nicht einmal wirklich existierte. Ich brauchte
nichts anderes zu tun, als mich hinter die Tür meines Laboratoriums
zurückzuziehen; in ein bis zwei Minuten konnte ich meine Mixtur, die
242
Henry Jekylk vollständige Erklärung
stets bereit stand, mischen und austrinken; was auch immer Hyde
verbrochen haben mochte, es sank doch in ein Nichts zusammen wie
der Hauch auf einem Spiegel.
An seiner Stelle saß seelenruhig ein Mann um Mitternacht bei der
Lampe über seinen Studien, ein Mann, der über jeden Verdacht er-
haben lachen konnte: Henry Jekyll.
Die Freuden, denen ich in meiner Maske nachging, waren, wie ich
bereits sagte, meiner Stellung unwürdig; aber in der Gestalt Edward
Hydes wurden sie bald zu Verbrechen. Kehrte ich von solchen Ausflü-
gen heim, so wunderte ich mich hinterher oft selbst über die Schlech-
tigkeit meines Stellvertreters. Jener dienende Geist, den ich aus mei-
ner Seele herauflaeschwor und ausschickte, war durchaus schlecht
und böse; sein ganzes Handeln und seine Gedanken drehten sich nur
um seine eigene Person; an den Qualen anderer fand er in tierischer
Lust sein Vergnügen und war hartherzig wie ein Stein.
Bisweilen war Henry Jekyll über die Taten Edward Hydes entsetzt,
aber dieser stand so gänzlich außerhalb des Gesetzes, daß diese Tatsa-
che sein Gewissen beruhigte. Es war ja schließlich Hyde und nur
Hyde allein, der alle Schuld trug. Jekyll selbst war nicht schlechter
geworden, er erwachte stets unverändert mit allen seinen guten Ei-
genschaften und bemühte sich sogar nach Möglichkeit, das Böse, das
Hyde verbrochen hatte, wiedergutzumachen. Das schläferte sein Ge-
wissen ein.
Auf die Einzelheiten der Verbrechen, die ich auf diese Weise duldete
- denn selbst jetzt kann ich noch nicht zugeben, daß ich sie selbst
beging - will ich mich nicht weiter einlassen. Ich möchte nur von den
Warnungen erzählen und berichten, wie auch meine Strafe sich all-
mählich vorbereitete. Eine Grausamkeit, die ich an einem Kinde ver-
übte, erregte den Zorn eines zufällig Vorübergehenden, den ich am
nächsten Tage als einen Deiner Bekannten erkannte. Der Arzt und
die Angehörigen des Kindes nahmen für ihn Partei; eine Weile fürch-
tete ich sogar für mein Leben, und schließlich mußte Hyde, um ihre
nur allzu gerechte Entrüstung zu beschwichtigen, sie zu jener Tür
führen und ihnen einen auf den Namen Henry Jekyll lautenden
Scheck ausstellen. Für die Zukunft war diese Gefahr leicht zu bannen,
weil ich auf Edward Hydes Namen bei einer Bank ein Konto eröffnet
hatte.
Ungefähr zwei Monate vor dem Mord an Sir Danvers, als ich wieder
auf einem meiner Abenteuer gewesen und spät nach Hause gekom-
243
Robert Louis Stevenson
men war, erwachte ich am nächsten Tage mit einem merkwürdigen
Gefühl. Ich sah mich ratlos um, erkannte die vornehme Zimmerein-
richtung meines Hauses, betrachtete die Bettvorhänge und das Ma-
hagonigetäfel und es schien mir, als wäre ich nicht dort erwacht, wo
ich mich befand, sondern in dem viel kleineren Zimmer in Soho, wo
ich gewohnt war, in dem Körper Edward Hydes zu schlafen. Ich lach-
te über mich selbst, grübelte über dieses psychologische Rätsel nach
und verfiel darüber wieder in einen angenehmen Halbschlummer. So
lag ich da, als mein Blick auf meine Hand fiel. Wie Du oft bemerkt
haben wirst, war die Hand Henry Jekylls nach Form und Gestalt, wie
es mein Beruf mit sich bringt, groß und fest, doch weiß und wohlge-
staltet, während die auf der Bettdecke ruhende Hand, die ich trotz
der fahlen Beleuchtung eines londoner Morgens deutlich erkennen
konnte, mager, rauh und knochig, bräunlich und stark mit Haaren
bewachsen war. Es war die Hand Edward Hydes.
Etwa eine halbe Minute starrte ich dieses Wunder an, dann durchfuhr
mich ein tödlicher Schreck, ich sprang aus dem Bett und lief zum
Spiegel. Bei dem Anblick, der sich mir nun bot, überlief es mich eis-
kalt. Als Henry Jekyll war ich schlafen gegangen, als Edward Hyde
war ich aufgewacht. »Wie war das zu erklären?« so fragte ich mich
dann mit einem neuen Schrecken. »Wie konnte es wieder gut ge-
macht werden?« Es war schon spät am Morgen, die Dienstboten
längst auf, alle meine Geheimmittel waren im Arbeitsraum und bis
dorthin führte ein weiter Weg, zwei Treppen hinunter, durch den hin-
tern Durchgang über den offenen Hof und durch den anatomischen
Hörsaal. Ich konnte wohl mein Gesicht verhüllen, aber was nutzte
mir das, da ja auch meine Gestalt verändert war. Aber dann erinnerte
ich mich, daß ja meine Dienerschaft schon daran gewöhnt war, mich
in dieser zweiten Gestalt ein- und ausgehen zu sehen. Ich zog mich
darauf, so gut es ging, an, durcheilte schnell das Haus, wo Bradshaw
mich anstarrte und erschreckt zurücksprang und sich wohl wunderte,
Mr. Hyde zu so ungewohnter Stunde und dazu in diesem Aufzug zu
sehen. Zehn Minuten später saß Dr. Jekyll in seiner wirklichen Gestalt
in böser Laune beim Frühstück. Mein Appetit war allerdings ge-
ring.
Dieser unerklärliche Vorfall, der alle meine bisherigen Erfahrungen
umstürzte, schien mir, gleich dem babylonischen Finger auf der
Wand, mein Urteil zu verkünden. Ernsthafter als sonst dachte ich
über die Folgen nach, die dieses Doppelleben für mich haben konnte.
244
Henry Jekylk volktändige Erklärung
Der Teil meiner selbst, der durch meine Macht hervorgebracht wer-
den konnte, war in der letzten Zeit allzusehr geübt und verwöhnt
worden; es schien mir auch, als hätte Edward Hyde an Körper zuge-
nommen, und ich glaubte, wenn ich dessen Gestalt annahm, mein
Blut auch kräftiger durch die Adern strömen zu spüren. Ich fing an,
die Gefahr zu ahnen, daß meine eigentliche Natur völlig unterliegen
würde, wenn es noch lange so weiter ginge; daß die Macht der freiwil-
ligen Verwandlung von mir genommen werden könnte und ich dann
ganz Edward Hyde bleiben müßte. Auch schien die Wirkung der
Mixtur nicht immer die gleiche zu sein; einmal ziemlich zu Anfang
war mir die Sache ganz mißglückt. Von da ab mußte ich die Dosie-
rung verdoppeln und einmal, was mit der größten Todesgefahr ver-
bunden war, sogar verdreifachen. Diese Unregelmäßigkeiten hatten
bisher alle meine Freuden getrübt. Gelegentlich dieses Vorfalls mach-
te ich die Wahrnehmung, daß während anfangs die Schwierigkeit
daran lag, den Körper des Dr. Jekyll abzulegen, nun das Umgekehrte
der Fall war. Dies alles sprach dafür, daß ich nach und nach mein
besseres Ich verlor und allmählich ganz zu meinem andern und bösen
Wesen wurde.
Ich fühlte, daß ich nun zwischen diesen beiden Naturen wählen muß-
te. Meine beiden Wesen hatten das gleiche Gedächtnis, aber alle an-
dern Funktionen waren verschieden. Jekyll, der zuweilen sehr zart zu
empfinden vermochte, dann aber wieder sich lüsternen Begierden
hingab, entwarf und teilte die Vergnügungen und Abenteuer Hydes.
Hyde aber hatte keinerlei Interesse für Jekyll oder er erinnerte sich
seiner nur, wie der Räuber sich der Höhle erinnert, die ihm bei der
Verfolgung Unterschlupf gewährt. Jekyll hatte mehr das Interesse ei-
nes Vaters. Hyde wiederum w'ar gleichgültiger als ein Sohn. Wollte
ich ganzjekyll werden, so hieß das, allen diesen Reizen zu entsagen,
denen ich mich seit langem heimlich hingegeben und die ich in der
letzten Zeit auch in vollen Zügen genossen hatte. Ganz Hyde zu wer-
den aber hieß, auf alle meine Bestrebungen und Interessen zu ver-
zichten und fortan als ein Verachteter ohne Freunde in dieser Welt zu
leben. Die Vorteile mögen ungleich erscheinen, aber etwas anderes
gab den Ausschlag. Während Jekyll unter den sich selbst auferlegten
Entsagungen litte, wäre sich Hyde dessen, was er verloren hätte, gar
nicht bewußt. So seltsam nun meine Lage war, so war das Ergebnis
etwas ganz Alltägliches; dieselben Entschlüsse, die jeder reumütige
Sünder faßt, der der Versuchung erliegt, gewannen bei mir die Ober-
245
Robert Imm Stevenson
hand. Es erging mir wie den meisten Menschen: ich erwählte den
besseren Teil, hatte aber nachher nicht die Kraft, gut zu bleiben.
Ja, ich gab dem alternden, unbefriedigten Doktor, der, umgeben von
seinen Freunden, ehrliche Hoffnungen hegte, den Vorzug und sagte
der Freiheit, der zügellosen Jugend, den heimlichen Vergnügungen,
deren ich mich in der Gestalt Hydes erfreut hatte, ein entschiedenes
Lebewohl. Ich traf diese Wahl vielleicht mit einem mir unbewußten
Vorbehalt und gab weder das Haus in Soho auf, noch vernichtete ich
die Kleider Hydes, die noch in meinem Arbeitszimmer lagen.
Doch blieb ich zwei Monate lang meinem Entschluß treu; führte die-
se zwei Monate hindurch ein ernsteres und geordneteres Leben
als je zuvor und erfreute mich des besten Gewissens. Aber die
Zeit verscheuchte meine Befürchtungen; es ergriff mich ein Sehnen
und Verlangen, als dränge Hyde nach Freiheit, und schließlich braute
ich in einer schwachen Stunde wieder die geheimnisvolle Mischung
und trank sie.
Unter tausenden erkennt wohl kaum ein Säufer, wenn er mit sich
selbst über seine Laster abrechnet, die Gefahren, denen er sich durch
seine rohen Ausschweifungen aussetzt; ebensowenig hatte ich, so oft
ich auch schon meine Lage durchdacht hatte, das Fehlen jedes
moralischen Halts und die Bereitwilligkeit zu allem Bösen, das den
Charakter Edward Hydes ausmachte, erkannt. Und doch sollte ich
gerade dadurch gestraft werden. Der Teufel in mir war lange genug
gefesselt gewesen, jetzt trat er wie ein brüllender Löwe hervor. Als ich
den Trank nahm, fühlte ich eine noch weit ungezügeltere Neigung
zum Bösen als je vorher. So mag die unselige Ungeduld in meiner
Seele entstanden sein, mit der ich auf die höfliche Anrede eines un-
glücklichen Opfers hörte. Ich erkläre wenigstens, daß wahrhaftig kein
Mensch, der seines Verstandes mächtig ist, ein so schweres Verbre-
chen aus einem so unbedeutenden Anlaß hätte vollbringen können
und daß ich ebenso überlegt zuschlug, wie ein krankes Kind, das seine
Spielsachen zertritt. Aber ich hatte mich freiwillig aller dieser Hem-
mungen beraubt, durch die sonst sogar sehr böse Menschen in den
Stand gesetzt werden, den Versuchungen einigermaßen aussichtsvoll
zu begegnen; aber in meiner Lage war die Versuchung gleichbedeu-
tend mit dem Unterliegen.
Der böse Geist in mir erwachte sofort zu voller Wut. Mit einer wahren
Wollust mißhandelte ich den wehrlosen Körper; jeder einzelne
Schlag war für mich eine Freude, und erst als ich müde wurde, erfaßte
246
Henry Jekylls vollständige Erklärung
mich ein plötzliches Entsetzen. Ich sah mein Leben verloren, ich floh
von dem Schauplatz der Tat, indem ich zugleich triumphierte und
zitterte; mein Durst nach dem Bösen war befriedigt und gestillt, je-
doch mein Leben war in größter Gefahr. Ich lief nach dem Haus in
Soho, und um ganz sicher zu sein, vernichtete ich meine Papiere.
Dann ging ich durch die hellerleuchteten Straßen weiter und war
noch immer in derselben zwiespältigen Stimmung, in der ich noch
Gefallen an meinem Verbrechen fand und leichten Herzens andere
für die Zukunft erfand; doch zugleich eilte ich so schnell ich konnte
vorwärts, um einer Verfolgung zu entgehen. Hyde hatte noch ein Lied
auf den Lippen, als er den Trank mischte, und trank dem Ermorde-
ten zu.
Kaum waren die Qualen der Verwandlung vorüber, als Henry Jekyll
voll Dankbarkeit und Reue in die Knie sank und seine Hände betend
zu Gott erhob. Der Schleier des Selbstbetrugs zerriß, und ich sah
mein Leben als ein Ganzes vor mir. Ich verfolgte seinen Lauf von den
Tagen der Kindheit an, da ich noch von meinem Vater an der Hand
geführt wurde, und dann weiter durch alle Handlungen der Selbstver-
leugnung, die mein Beruf mit sich bringt, um dann wieder mit jenem
Schreckensabend zu enden. Ich hätte laut aufschreien können, mit
Tränen und Gebeten versuchte ich die furchtbare Stimme, mit der
mein Gedächtnis zu mir redete, zu übertönen und zu dämpfen, den-
noch sah selbst in meine Gebete das fratzenhafte Gesicht meiner
Schlechtigkeit herein.
Als die Heftigkeit der Gewissensbisse abnahm, folgte ein Gefühl der
Freude, denn jetzt lag der Weg klar vor mir. Hyde hatte sich nun un-
möglich gemacht; ob ich wollte oder nicht, ich war nun mit meinem
bessern Teil unlösbar verbunden. O wie freute ich mich! Lind mit wel-
cher Demut und Bereitwilligkeit fügte ich mich von Neuem in die
Schranken des natürlichen Lebens. Wie aufrichtig war doch die Ent-
sagung, mit der ich die Tür verschloß, durch die ich so oft ein- und
ausgegangen war; den Schlüssel warf ich zu Boden und zertrat ihn
mit den Füßen.
Am nächsten Tage hörte ich die Nachricht, daß der Mord beobachtet
worden sei, daß die Schuld Hydes aller Welt bekannt sei und das Op-
fer eine von allen hochgeachtete Persönlichkeit wäre. Ich war froh,
das zu erfahren und zugleich zu hören, daß auf diese Weise mein
besseres Selbst gestärkt wurde und vor dem Schrecken des Schafotts
bewahrt war. Nun war Jekyll meine einzige Zuflucht; Hyde brauchte
247
Robert Louis Stevenson
sich nur einen Augenblick sehen zu lassen und alle Hände würden
sich gegen ihn erheben, um ihn zu ergreifen oder zu töten.
Durch mein künftiges Leben wollte ich das Geschehene wiedergut-
machen; und ich kann wohl sagen, dtiß mir das auch einigermaßen
gelang. Du weißt ja selbst, wie ich mich in den letzten Monaten des
verflossenen Jahres bemühte, die Leiden meiner Mitmenschen zu
mildern. Du weißt, daß ich sehr viel für andere tat und daß mir die
Tage ruhig, ja beinahe glücklich verliefen. Ich kann auch nicht sagen,
daß dieses Leben voll Wohltaten mir überdrüssig geworden wäre; ich
freute mich im Gegenteil täglich mehr daran. Allein ich litt noch im-
mer unter dem Fluch eines Doppelwesens, und das Böse in mir, das
solange gefesselt war, rang nach Freiheit. Ich wollte nicht etwa wieder
die Gestalt Hydes annehmen — der Gedanke allein machte mich
schaudern -, nein, der Grund, daß ich versucht wurde gegen das gute
Gewissen zu handeln, lag in mir selbst, und schließlich unterlag ich
wie irgendein gewöhnlicher Sünder.
Jede Sache erreicht schließlich ihr Ende, und das größte Gefäß läuft
einmal über; dieser plötzhche Umschwung zerstörte mein inneres
Gleichgewicht. Doch noch beunruhigte mich das nicht; alles schien so
natürlich wie in jenen alten Tagen, da ich meine Entdeckung noch
nicht gemacht hatte. Es war ein schöner klarer Tag im Monat Januar,
und da der Frost gebrochen war, so war es feucht; doch war der Him-
mel wolkenlos, der Regent-Park bot zugleich ein winterliches Bild und
war doch schon von milden Frühlingslüften durchweht. Ich saß in der
Sonne auf einer Bank, das Tierische in mir versuchte mich, und die
reineren Gefühle schlummerten; nach alledem war ich überzeugt,
daß ich meinen Nächsten ähnlich war und ich lächelte, als ich mich
mit andern Menschen verglich. Um wievieles besser war ich, der ich
meinen guten Willen auch durch Taten bewies, als jene, die in den
Tag hineinlebten und deren Nachlässigkeit oft an Faulheit, ja selbst an
Grausamkeit grenzt.
In diesem Augenblick der Selbstverherrlichung erfaßte mich Todes-
angst und Grauen; doch war das bald vorüber und ich fiel in Ohn-
macht. Als ich wieder erwachte, war eine Veränderung in meinem
Innern vor sich gegangen; ich fühlte mich gehobener, verachtete die
Gefahr und fühlte mich frei von allen Pflichten. Ich sah an mir nieder;
die Kleidungsstücke hingen formlos um meine zusammenge-
schrumpften Glieder; die auf meinen Knien ruhende Hand war rauh
und behaart. Ich war wieder einmal Edward Hyde. Noch kurz zuvor
248
Henry JekyUs vollständige Erklärung
erfreute ich mich der Achtung aller Menschen, war reich und beliebt
- zu Hause wartete das Mittagessen auf mich, und nun war ich der
Abscheu der Menschheit, verfolgt und heimatlos, ein bekannter Mör-
der und reif für den Galgen.
Meine Sinne taumelten, aber verließen mich nicht ganz. Ich hatte
schon mehr als einmal bemerkt, daß ich in meiner zweiten Gestalt
meine geistigen Fähigkeiten mehr zu konzentrieren verstand. Daher
kam es auch, daß dort, wo Jekyll in entscheidenden Augenblicken den
Kopf hängen ließ, Hyde ihn aufrecht trägt. Meine Geheimmittel be-
fanden sich in einem der Wandschränke meines Arbeitsraums. Wie
konnte ich zu ihnen gelangen? Das war das Rätsel, das ich, den Kopf
in die Hände stützend, zu lösen versuchte.
Die Türe des Laboratoriums hatte ich versperrt; betrat ich mein
Haus, so würden mich meine eigenen Diener an den Galgen schlep-
pen. Ich begriff, daß mir dies nur mit Hilfe einer zweiten Person gelin-
gen könnte und dachte dabei an Lanyon. Aber wie konnte ich ihn
erreichen? Wie ihn dazu überreden? Wie sollte ich selbst, wenn ich
mich in den Straßen der Verfolgung entzöge, zu ihm gelangen? Und
wie konnte ich, ein ihm ja dann unbekannter, unwillkommener Gast,
den berühmten Physiker überreden, das Arbeitszimmer seines Kolle-
gen Dr. Jekyll zu berauben? Dann aber fiel mir ein, daß mir von mei-
nem eigentlichen Wesen noch die Handschrift geblieben war; und
weil mir dieser Hoffnungsstrahl aufleuchtete, so lag mit einem Mal
der Weg, den ich einzuschlagen hatte, klar vor mir.
Da brachte ich, so gut es ging, meinen Anzug in Ordnung, rief eine
Droschke an und fuhr in ein Hotel in die Portland Straße, dessen
Name mir gerade einfiel. Der Kutscher konnte beim Anblick meiner
Erscheinung, die allerdings belustigend genug war, so traurig auch
das Los dessen, dem sie gehörte, sein mochte, das Lachen nicht unter-
drücken. Ich knirschte vor Wut mit den Zähnen, und das Lächeln
verschwand zu seinem Glück - aus seinem Gesicht; für mich war es
noch ein größeres Glück, denn sonst hätte ich ihn im nächsten Au-
genblick von seinem Sitz gerissen und erwürgt. Als ich in das Gast-
zimmer trat, sah ich mich mit einem so düstern Blicke um, daß die
Kellner darüber erschraken; in meiner Gegenwart wagten sie einan-
der nicht anzusehen, nahmen still meine Befehle entgegen, führten
mich dann in ein abseits gelegenes Zimmer und brachten mir
Schreibzeug. Hyde in Lebensgefahr, das war mir ein unbekanntes
Gefühl; er fürchtete sich, er war als Mörder gezeichnet und dürstete
249
Robert Louis Stevenson
doch nach neuen bösen Taten. Doch das Geschöpf war schlau; es
unterdrückte mit aller Gewalt seine Wut und schrieb seine beiden
wichtigen Briefe an Lanyon und Poole. Um ganz sicher zu sein, ließ er
sie einschreiben.
Dann saß er den ganzen Tag in seinem Zimmer, kaute an den Nägeln,
nahm sein Mittagessen ein und hatte niemanden zur Gesellschaft als
die Angst. Die Kellner benahmen sich ihm gegenüber sichtlich ge-
drückt. Als die Nacht hereinbrach, nahm er einen geschlossenen Wa-
gen und ließ sich durch alle Straßen der Stadt fahren.
Ich sage stets er, denn ich kann nicht ich sagen: Jene Höllengeburt
hatte kaum etwas Menschliches an sich; in diesem Menschen gab es
nichts als Furcht und Haß. Schließlich glaubte er, der Kutscher habe
Verdacht geschöpft, entließ deshalb den Wagen und wagte es, zu Fuß
weiter zu gehen. Mit seinen schlechtsitzenden Kleidern zog er die
Blicke der nächtlichen Passanten auf sich, indessen in seiner Seele die
beide früher genannten Leidenschaften wie ein Sturmwind tobten.
Von der Furcht gejagt, schritt er eiligst vorwärts, sprach mit sich selbst
und zählte, durch die entlegensten Gassen gehend, die Minuten bis
Mitternacht. Einmal sprach ihn eine Frau an, die ihm, wie ich glaube,
eine Schachtel Streichhölzer anbot; er warf sie ihr ins Gesicht und
lief davon.
Als ich zu Lanyon kam, packte mich auf das tiefste das Entsetzen, das
meinen alten Freund vor mir ergriff; aber es war nur wie ein Tropfen
im Meer, verglichen mit dem Grauen, das ich empfand, wenn ich an
die letzten Stunden dachte. In meiner Seele war eine Veränderung
vor sich gegangen. Mich quälte nicht länger die Angst vor dem Gal-
gen, sondern der Ekel, Hyde zu sein. Wie im Traum horchte ich auf
die Strafpredigt Lanyons, kam halb träumend nach Hause und legte
mich zu Bett. Nach den Erlebnissen dieses Tages verfiel ich in einen
festen und tiefen Schlaf, den selbst die Schreckensbilder, die mich um-
schwebten, nicht zu stören vermochten. Am andern Morgen fühlte
ich mich schwach, aber dennoch frischer. Ich fürchtete und haßte
noch immer die in mir schlummernde Bestie und hatte durchaus
nicht die Gefahren vergessen, denen ich ausgesetzt war; aber ich war
froh, zu Hause und in der Nähe meiner Geheimmittel zu sein. Mein
Herz war so von Dankbarkeit erfüllt, daß ich wieder hoffte.
Nach dem Frühstück schlenderte ich im Hofe umher und freute mich
an der frischen Luft, als ich wieder von jenen nicht zu beschreibenden
Empfindungen befallen wurde, die stets die Wandlung meines Wesens
250
Henry Jekylb vollständige Erklärung
r
ankündigten. Ich hatte gerade noch Zeit, in mein Arbeitszimmer zu
flüchten, ehe mich wieder die wütenden Leidenschaften Hydes befie-
len. Diesmal mußte ich die doppelte Dosis nehmen, um mein eigent-
liches Wesen wieder zu gewinnen und sechs Stunden später saß ich
abermal traurig am Feuer, die Schmerzen kehrten wieder und ich
mußte mein Mittel nochmals anwenden.
Kurzum, ich konnte von jenem Tag an nur noch mit größter Anstren-
gung, und indem ich fortwährend mein Mittel anwandte, die Gestalt
Dr. Jekylls beibehalten. Zu allen Tages- und Nachtzeiten erfaßte mich
dieses Grauen, und wenn ich nur wenige Minuten schlief, so erwachte
ich stets als Hyde. Durch die Anstrengung und die Schlaflosigkeit
magerte ich ab, wie vom Fielter verzehrt, wurde schwach an Geist
und Körper und hatte nur noch einen Gedanken: die Furcht vor dem
bösen Teil meines Ich. Aber im Schlaf, oder wenn die Wirkung des
Mittels nachließ, wurde ich fast unmerklich (denn die Schmerzen der
Verwandlung verschwanden nach und nach) zu Mr. Hyde. Meine
Fantasie verfolgte mich mit gespenstischen Gestalten, mein Herz war
von unbegreiflichem Haß erfüllt und der Körper schien kaum stark
genug, um dies alles zu ertragen. Mit Jekylls Schwäche wuchs die
Macht Hydes. Der Haß, der diese beiden Wesen voneinander trenn-
te, war bei beiden gleich groß. Jekyll hatte nun die volle Mißgestalt
dieser Kreatur, die ihm bis in den Tod folgte, und zum Teil das Be-
wußtsein mit ihm teilte, gesehen. Über dieses Band hinaus, das ihn
vollkommen zur Verzweiflung brachte, dachte er an Hyde, nicht nur
als an etwas, das der Hölle entstammte, sondern hielt ihn auch gera-
dezu für unorganisch. Es war gräßlich, daß dieser Unhold Sprache
und Stimme besaß und daß dieses unvollkommene Gebilde Mienen
und Gebärden hatte, ja ihm sogar die Macht zu sündigen gegeben
war.
Und dieses Ungeheuer war mit ihm enger verbunden als ein Weib, ja
sogar enger als sein eigenes Auge, es war in seinem Fleisch, er fühlte,
wie es sich in ihm regte und nach Geborenwerden drängte. In jeder
schwachen Stunde, im leisesten Schlaf, stand es gegen ihn auf und
verdrängte ihn aus dem Leben. Der Haß Hydes gegen Jekyll war an-
derer Art. Die Angst vor dem Galgen drängte ihn dazu, Jekyll als sein
Versteck zu benutzen, doch er fluchte dieser Notwendigkeit, fluchte
der Abhängigkeit, in die er geraten war und vergalt den Haß, der ihm
entgegengebracht wurde, doppelt. Daher auch die Streiche, die er
mir spielte, indem er Lästerungen in meiner Handschrift auf die Sei-
251
Robert Louis Stevenson
ten meiner Bücher schrieb, diese verbrannte und auch das BUd mei-
nes Vaters vernichtete.
Hätte er den Tod nicht so sehr gefürchtet, so hätte er sich getötet, um
auch mich zu vernichten. Aber seine Lust am Leben war erstaunlich,
ja noch mehr als das; ich, der ich krank bin und der ich bei dem blo-
ßen Gedanken an ihn friere, ich habe Mitleid mit ihm, wenn ich an
dieses leidenschaftliche Anklammern denke, und seine Angst sehe, die
ihn befällt, wenn er daran denkt, daß ich Selbstmord begehen könnte.
Es wäre zwecklos, und es fehlt mir auch, so furchtbar das ist, die Zeit,
um diesen Bericht fortzusetzen. Es mag genügen, daß niemand je sol-
che Leiden ausgestanden hat. Und selbst diese brachten durch die
Gewohnheit - nein, ich will dieses Wort nicht aussprechen - eine ge-
wisse Unempfindlichkeit, ein Vertrautsein mit der Verzweiflung in
meine Seele, und meine Strafe hätte wohl noch viele Jahre gedauert,
wenn nicht jener Umstand eingetreten wäre, der mich nun ganz mei-
nes eigentlichen Wesens und meiner Natur beraubt.
Mein Vorrat an dem notwendigen Salz, den ich nie erneuert hatte,
ging allmählich zur Neige. Ich ließ mir ein frisches Quantum holen
und braute die Mixtur. Die Aufwallung und der erste Farbenwechsel
erfolgten, doch schon der zweite nicht mehr; ich trank alles aus, aber
ohne Erfolg, Du wirst durch Poole erfahren, wie ich in ganz London
danach suchen ließ, aber vergebens. Und heute bin ich überzeugt,
daß die erste Portion chemisch nicht rein war und eben diese mir un-
bekannte Unreinheit der Mischung solche Kraft verlieh.
Seither ist eine Woche vergangen und ich schließe meinen Bericht,
während ich unter der Wirkung des letzten Restes meines alten Mit-
tels stehe. Das ist also das letzte Mal, daß Henry Jekyll seine eigenen
Gedanken fassen oder sein eigenes, jetzt so trauriges Gesicht im Spie-
gel sehen kann. Noch darf ich zögern, dieses Schreiben zu beenden.
Denn wenn mein Bericht bisher noch der Zerstörung entging, so ver-
danke ich dies dem Zufall und meiner Klugheit. Überkäme mich die
Verwandlung, während ich schreibe, so würde Hyde alles in Stücke
zerreißen. Wenn aber einige Zeit darüber vergangen ist und ich es
beiseite gelegt habe, so hält sein wunderbarer Trieb der Selbsterhal-
tung und die Beschränkung des Augenblicks ihn wohl nochmals von
dieser Handlung ab. Und in der Tat hat ihn schon das Verderben, das
uns beiden droht, ein wenig geändert und gebeugt.
Wenn eine weitere halbe Stunde vergeht, so weiß ich, daß ich wieder,
und diesmal für immer, die Gestalt dieses scheußlichsten Wesens an-
252
Kommentar
genommen haben werde. Dann werde ich schauernd und weinend in
meinem Stuhle sitzen oder mit der gespanntesten und entsetzlichsten
Aufmerksamkeit in diesem Zimmer auf und abgehen, um auf jedes
verdächtige Geräusch zu horchen. Wird Hyde auf dem Schafott ster-
ben? Oder wird er den Mut finden, sich im letzten Augenblick selbst
zu erlösen? Gott weiß es, und mir ist es gleich. Dies ist meine ei-
gentliche Todesstunde, und was nun folgt, betrifft einen andern und
nicht mich.
Jetzt eben, da ich die Feder niederlege und diese Beichte versiegle, ist
auch das Leben des unglücklichen Henry Jekyll zu Ende . . .
Nach einer älteren anonymen Übersetzung
/'■ Kommentar
Die Geschichte von Robert Louis Stevenson »Henry Jekylls vollstän-
dige Erklärungr schildert wahrscheinlich eine multiple Persönlich-
keitsstörung (dissoziative Identitätsstörungen). Das Merkmal der
multiplen Persönlichkeitsstörung ist die Existenz von zwei oder mehr
unterschiedlichen Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszuständen innerhalb eines
Individuums. Dabei ut zu einem bestimmten Jeitpunktjeweik nur eine der Persön-
lichkeiten nachweisbar, wobei jede in der Regel eigene Persönlichkeitszüge, Erinne-
rungen und Verhaltensweisen besitzt. In typischen Fallen sind diese vollständig
voneinander getrennt, keiner hat Zugang zu den Erhebungen der anderen, und eine
Persönlichkeit ist sich der Existenz der anderen selten bewusst. Der Wechsel von
einer Persönlichkeit zur anderen vollzieht sich beim ersten Mal gewöhnlich plötz-
lich und ist eng mit traumatischen Erlebnissen verbunden. Spätere Wechsel sind oft
begrenzt auf traumatische oder belastende Ereignisse. Die multiple Persönlichkeit
ist, auch wenn sie in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit in der Laienpresse,
u.a. im Zusammenhang mit forensisch-psychiatrischen Fällen gewonnen hat, eine
eher sehr seltene Störung.
Der in der Geschichte dargestellte Fall kommt diesem Konzept sehr nahe, allerdings
sieht es so aus, als ob, zumindest über einen langen Zeitraum, der jeweilig handeln-
den Person die Freiheit bleibt, sich in die jeweils andere Person erneut zu verwan-
deln. Erst im weiteren Verlauf wird diese Möglichkeit erschwert und schlussendlich
genommen bleibt nur der eine Teil der Person, „das scheußliche Wesen “, übrig. In
der Geschichte vollzieht sich der Wandel von dner zur anderen Persönlichkeit durch
ein chemisches Gemisch, das der Protagonist selber nach geheimnisvollen Rezepten
253
Kommentar
zusammmgestellt hat, und das an akhemistische Traditionen erinnert. Insgesamt
entsteht so eine interessante Parabel von den guten und schlechten Persönlichkeitsan-
teilen eines Menschen.
254
Thomas Mann
Buddenbrooks
aus: Thomas Mann. Buddenbrooks.
© 1901 by S. Fischer Verlag, Berlin
Einführung
Die ^ahl wissenschaftlicher Abhandlungen zu Themen und Mo-
tiven der Medizin im Werk des Nobelpreisträgers (1929) Tho-
mas Mann (1875-1955) ist mittlerweile Legion, gleichviel, ob
sie sich mit »Der Tod in Venedig<< (1912), »Der ^auberberg«
(1924), »Doktor Faustus« (1947) oder mit »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix
Krull« (1954) beschäftigen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich Thomas
Mann häufig von namhcfiten Medizinern ausgiebig beraten ließ und sich nicht
scheute, deren Auskünfte produktiv in sein Werk aufzunehmen und sie situations-
oderpersonenadäquat literarisch zu verarbeiten.
Im Mittelpunkt des Romans »Buddenbrooks« (1901) stehen der Gedanke und das
Phänomen des Verfalls, wcrrauf im Untertitel (Vefall einer Familie) ausdrücklich
hingewiesen wird. Dabei vollzieht sich dieser Vefall nicht nur als gesellschaftlicher
und ökonomischer Abstieg, sondern auch ah wesenhüfk und charakterliche Degene-
ration, die sich wiederum in den deutlich zur Sprache kommenden physischen und
psychischen Problemen nahezu sämtlicher Romanjiguren spiegelt: Mit Jeans pietis-
tischem Frömmlertum zeichnet sich die Dekadenz bereits ab, Thomas stirbt noch
vor seinem 50. Geburtstag an einem eitrigen ^ahn, sein Sohn Hanno 1 6-jährig an
Typhus, Bendix Grünlich ist ein Hochstapler und Pseudologe, Alois Permaneder
säift, die ungebrochen naive Tony scheitert in zwei Ehen und bleibt reflektorisch
erheblich defizitär.
Der Roman, der geschickt auf ausländische Muster des generationenübergrefenden
Familienromans (z.B. bei fplu) zuräckgreiß, wurde zum Welte folg, dreimal ver-
filmt (zuletzt 1979) und vom Bildungsbürgertum nicht zuletzt wegen seiner gedie-
gen realistischen Darstellungsweise (vgl. Buddenbrook-Haus in Lübeck) überwie-
gend genüsslich rezipiert, was oft zu Lasten der Dekadenz-Thematik ging und
somit Thomas Manns Intention (siehe Untertitel) partiell verfehlte.
Der vorliegende Textauszug rückt nicht den zerbrechlichen, früh kränkelnden,
schließlich an Typhus sterbenden letzten Spross Hanno, sondern den arbeitsunfdhi-
255
Thomas Mann
gen, obeiflächlich hypochondrisch anmutenden, deutlich selbstreflexiven und dandy-
haft antibürgerlichen Christian Buddenbrook ins Zentrum, dessen eigentümliches
Verhalten selbst von seinen engsten Familienangehörigen als bloß exzentrisch abge-
tan wird und tragisch unverstanden bleibt.
Weiteflihrende Literatur:
Helmut Koopmann: Thomas Mann Handbuch. S. Fischer 2005
Buddenbrooks
Es war anders mit Christian. Er vermochte bei
den naiven und kindlichen Ergüssen seiner
Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung
zu bewahren; er bückte sich über seinen Teller,
wandte sich ab, zeigte das Bedürfnis, sich zu ver-
kriechen, und unterbrach sie mehrere Male sogar
mit einem leisen und gequälten: »Gott . . . Tony
...«, wobei seine große Nase in unzählige Fält-
chen gezogen war.
Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Ge-
spräch sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er
nicht nur die undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle,
sondern auch die Gefühle selbst fürchtete und mied.
Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen
sehen. Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merk-
würdige aber war, daß er, im Gegensätze zu seinem sonstigen Wider-
willen gegen derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester
Tony ganz allein beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes
fürchterlichen Sterbenachmittages so recht anschaulich und im ein-
zelnen erzählen zu lassen: denn Madame Grünlich erzählte am leb-
haftesten.
»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male . . . »Was schrie das
Mädchen, als es zu euch hereinstürzte? Er sah also ganz gelb aus? . . .
Und hat nichts mehr sagen können, bevor er starb? . . . Was sagte das
Mädchen? Wie hat er nur noch machen können: >Ua . . . ua<? . . .« Er
schwieg, schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegen-
den Augen schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »Gräß-
lich», sagte er plötzlich, und man sah, daß ein Schauer ihn überlief.
256
Buddenbrooks
während er aufstand. Und immer mit unruhigen und grübelnden Au-
gen ging er auf und nieder, während Tony sich wunderte, daß ihr
Bruder, der sich aus unbegreiflichen Gründen zu schämen schien,
wenn sie laut den Vater betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nach-
denklichkeit ganz laut die Todeslaute desselben wiederholen mochte,
die er mit vieler Mühe von Line, dem Mädchen, erfragt hatte . . .
Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und
bleich. Die Haut umspannte straff seinen Schädel, zwischen den
Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase
scharf und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich
gelichtet. Sein Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine
zeigten eine starke Krümmung nach außen . . . Übrigens schien sein
Londoner Aufenthalt ihn am nachhaltigsten beeinflußt zu haben,
und da er auch in Valparaiso am meisten mit Engländern verkehrt
hatte, so hatte seine ganze Erscheinung etwas Englisches angenom-
men, was nicht übel zu ihr paßte. Es lag etwas davon in dem beque-
men Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff seines Anzuges, in der
breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in der Art, wie sein
rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem Ausdruck ihm
über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem matten
und porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten mit
ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgend-
welchen Gründen einen englischen Eindruck.
»Sage mal . . .«, fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl ... es ist
schwer zu beschreiben . . . wenn man einen harten Bissen verschluckt
und es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wie-
der seine ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.
»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen
Schluck Wasser . . .«
»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir das-
selbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
Gesichte hin und her . . .
Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer abge-
wandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft
stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach
dem Stadttheater ... ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde
»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben
257
Thomas Mann
gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich
jetzt nicht darum.«
Christian aber überhörte dies vöUig und fing an, vom Theater zu
sprechen . . . »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin!
Schon das Wort >Theater<, macht mich geradezu glücklich ... Ich
weiß nicht, ob jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stun-
denlang stUlsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen . . . Dabei
freue ich mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbe-
scherung gingen ... Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente!
Ich würde ins Theater gehen, nur um das zu hören! ... Besonders
gern habe ich die Liebesszenen . . . Einige Liebhaberinnen verstehen
es, den Kopf des Liebhabers so zwischen beide Hände zu nehmen . . .
Überhaupt die Schauspieler . . . ich habe in London und auch in Val-
paraiso viel mit Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaf-
tig stolz, mit ihnen so im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu kön-
nen. Im Theater achte ich auf jede ihrer Bewegungen . . . das ist sehr
interessant! Einer sagt sein letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um
und geht ganz langsam und sicher und ohne Verlegenheit zur Tür,
obgleich er weiß, daß die Augen des ganzen Theaters auf seinem
Rücken liegen . . . wie man das kann! Früher habe ich mich fortwäh-
rend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu kommen - ja, jetzt bin ich
da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen. Stellt euch vor ... in einem
Operettentheater - es war in London - ging eines Abends der Vor-
hang auf, als ich noch auf der Bühne stand . . . Ich unterhielt mich mit
Miss Watercloose ... einem Fräulein Watercloose ... ein sehr hüb-
sches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der Zuschauerraum . . .
mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne heruntergekommen
bin!«
Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort.
Er sprach von englischen Cafe-Konzertsängerinnen, er erzählte von
einer Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit
einem langen Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens
>That‘s Maria!< gesungen habe ... »Maria, wißt ihr, Maria ist die
Schändlichste von allen ... Wenn eine das Sündhafteste begangen
hat: that‘s Maria! Maria ist die Allerschlimmsk, wißt ihr ... das Laster
...« Und das letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, in-
dem er die Nase krauste und die rechte Hand mit gekrümmten Fin-
gern erhob.
258
Buddenbrooks
»Assez, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns durch-
aus nicht.«
Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte
auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn während
seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien
er in ein tiefes, unruhiges Nachdenken über Maria und das Laster
versunken.
Plötzlich sagte er: »Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schluk-
ken! Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt
ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es
wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der
Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem
Willen nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es or-
dentlich zu wollen.«
Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes
Zeug! Du wagst nicht, schlucken zu wollen . . . Nein, du machst dich ja
lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles ...!«
Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven,
Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Kli-
ma drüben hätte dich noch krank gemacht.« -
Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale
stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins
Zimmer; dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte
durchaus nicht spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die mei-
sten Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu
bearbeiten, vollführte wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blick-
te entzückt nach oben und griff mit beiden Händen machtvoll und
sieghaft in die Fasten ... Selbst Clara geriet ins Lachen. Sein Spiel
war täuschend, voll von Ixidenschaft und Charlatanerie, voll von un-
widerstehlicher Komik, die den burlesken und exzentrischen eng-
lisch-amerikanischen Charakter trug und weit entfernt war, einen
Augenblick unangenehm zu berühren, denn er selbst fühlte sich allzu
wohl und sicher darin.
»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich
sehe es gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten beneh-
men! . . . Ja, es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«
Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz
unvermittelt wurde er ernst; so überraschend, daß es aussah, als ob
259
Thomas Mann
eine Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit
der Hand durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen
Platz und blieb dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen
und einem Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimli-
ches Geräusch.
Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die Schluckbe-
schwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und neuerdings
war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel hinzugetreten,
das Christian während längerer Wochen für Lungenschwindsucht
hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner Familie mit gekrau-
ster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen bemüht war.
Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß Herz und
Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche Atemman-
gel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen sei,
und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Ge-
brauch eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man ent-
zünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers be-
diente Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des
Chefs antwortete er, daß in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hit-
ze wegen einen Fächer besessen habe: »Johnny Thunderstorm ... du
lieber Gott!« Als er aber eines Tages, nachdem er längere Zeit ernst
und unruhig auf seinem Sessel hin und her gerückt, auch sein Pulver
im Kontor aus der Tasche zog und einen so starken und übelriechen-
den Qualm entwickelte, daJ5 mehrere Leute zu husten begannen und
Herr Mareus sogar ganz blaß wurde ... da gab es einen öffentlichen
Eklat, einen Skandal, eine fürchterliche Auseinandersetzung, die zum
sofortigen Bruch geführt haben würde, hätte nicht die Konsulin noch
einmal alles vertuscht, mit Vernunft besprochen und zum Guten ge-
wandt.
[...]
»Nun?« fragte der Konsul.
»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich,
Hut und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einem der
hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.
»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
führt?« sagte der Konsul, der stehen blieb.
»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit
260
Buddenbrooks
fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt drei-
unddreißigjahre, aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar
war so stark gelichtet, daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag.
Über den tief eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf her-
vor; dazwischen aber buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in unge-
heurer Wölbung seine große Nase . . .
»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an
seiner linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren
. . . »Es ist kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige,
unbestimmte Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt,
daß an dieser Seite alle Nerven zu kurz sind . . . Stelle dir vor, an der
ganzen linken Seite sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonder-
bar . . . manchmal ist mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf
oder eine Lähmung stattfinden müßte, eine Lähmung für immer . . .
Du hast keine Vorstellung ... Keinen Abend schlafe ich ordentlich
ein. Ich fahre auf, weil plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich
einen ganz entsetzlichen Schreck bekomme . . . Das geschieht nicht
einmal, sondern zehnmal, bevor ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du
es kennst . . . ich wül es dir ganz genau beschreiben ... Es ist . . .«
»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du
hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«
»Nein, Thomas, wenn es nur das wäre; aber das ist es nicht allein! Es
ist mit dem Geschäft . . . Ich kann es nun nicht mehr.«
»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf,
er wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen
Bruder von der Seite mit einer müden Kälte ansah.
»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen - es ist ja nun doch
gleich - ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
zehntausend damals nicht, wie du selbst weißt . . . Die waren eigent-
lich nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist
die - Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee - und
bei dem Bankerott in Antwerpen . . . Das ist wahr. Aber dann habe ich
eigentlich gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man
muß doch leben . . . und nun sind da Wechsel und andere Schulden . . .
fünftausend Taler . . . Ach, du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin!
Und zu allem diese Qual ...«
261
Kommentar
/Kommentar
In der dargeskUten Episode aus Thomas Manns »Buddenbrooks«
geht es um eine eigenartige krankhcfie Veränderung Christians, die
auch äußerlich den beteiligten Bezugspersonen auffällt, ganz beson-
ders den Protagonisten aber sehr zu beschäftigen scheint. Er klagt
u.a. über eigenartige Schluckbeschwerden, die sogar bis in den Rücken ausstrahlen,
dass die Muskeln des Halses beim Schlucken nicht seinem Willen gehorchen wür-
den, dass unbestimmk Qualen im linken Bein schon fiüher aufgetrekn, in letzter
Zeit aber besser geworden seien. Zeitweilig habe er Atemnot, weshalb er auch an
Lungenschwindsucht gedacht habe. Der Doktor fand bei entsprechender Untersu-
chung keine organischen Hintergründe und rät zu eitmr symptomatischen Behand-
lung. Dem Kontext der Geschichte ist zu entnehmen, dass die Symptomatik sich
möglicherweise als Reaktion auf den Tod des Großvaters entwickelk. Am Ende der
hier ausgewählten Textepisode wird deutlich, dass wahrscheinlich auch geschäflli-
che und finanzielle Schwierigkeiten den situativen Hintergrund für die Störung
abgeben. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Somatisierungsstörung. Differen-
tialdiagnostisch ist eine hypochondrische Störung zu erwägen.
Funktionelle Krankheitszustände, bei denen das Auftreten meist multipler körperli-
cher Symptome beobachkt wird, für die sich keine ausreichenden organischen Ursa-
chenfinden lassen, gehört zum ärztlichen Alltag. Jedes Organ und jede Körperfimk-
tion kann von der Störung betroffen sein. Die Folgen sind oft gravierend, da die
dargebotene Symptomatik mit ihrer Vielgestaltigkeit und Inknsität immer wieder
Anlass zu umfangreichen körperlichen Untersuchungen, evtl, sogar zu Operationen
gibt An eine funktionelle Störung wird oft erst sehr spät gedacht und der Psychiater
wird ebenfalb oft erst sehr spät einbezogen. In der ICD-10 werden diese funktio-
nellen Störungen, fir die eine orgattische Ursache nicht nachwebbar bt, ab »soma-
toforme Störungen« klassifiziert, die je nach klinbcher Ausgestaltung in weitere
Sub typen unkrteilt werden können, u.a. in die Somatbierungsstörung. Im 19.
Jahrhundert wurden dbse Störungen im Gesamtkontext des Hysterbkontextes gese-
hen. Paul Briquet beschrieb eine Hysterieform ab polysymptomatbche Störung, bei
der eine Vielzahl von funktionellen körperlichen Symptomen auftrat. Sein Konzept
gilt ab Ursprung der ab »Somatbierungsstörung< benannten Erkrankung. Kenn-
zeichen der Somatbierungsstörung sind multiple, meist viele Jahre bestehende Kör-
perymptome, du umfangreiche diagnostische und therapeutbche Maßnahmen zur
Folge haben. Eine körperliche Verursachung wird trotz intensiver diagnostbcher
Maßnahmen nicht gefunden. Eine psychogene Verursachung wird unterstellt, kann
aber häufig nicht bewiesen werden, da die Patienten meist wenig introspektionsfähig
sind und ihnen bestimmte Korflikte bzw. Belastungen nicht ausreichend bewusst
262
Kommentar
sind (Alexithymie). Nach psychoanalytischer Auffassung liegt den Somatisierungs-
störungen wie überhaupt den somatqformen Störungen, ähnlich wie den dissoziati-
ven Störungen, eine Übersetzung unbewusster Konflikte in die Körpersprache zu-
grunde. Innerpsychische Konflikte werden auf der »Bühne des Körpers« ausagiert.
Dabei spielt das Auftreten einer diffusen Ar^st (besonders Schuldängste) eine be-
sondere Rolle. Durch den entstehenden primären (inneren) und sekundären (äuße-
ren) Krankheitsgewinn kann eine Entlastung von der Aflfektspannung erreicht wer-
den. Die Somatisierungsstörung ist relativ häufig, in der allgemeinen Bevölkerung
liegt die Prävalenz bei etwa 4 Prozent, in der Primärversorgung leiden etwa 10
Prozent der Patienten an dieser Störung. Sie ist eine chronisch verlaufende Erkran-
kung mit fluktuierender Symptomatik.
263
Molihe
Der eingebildete Kranke
aus: Moliere. Der eingebildete Kranke. Kommödie in drei Aufzügen.
Übersetzung und Machmort von Doris Distelmaier-Haas.
© 1981 by Philipp Redamjun. GmbH & Co., Stuttgart
Einführung
»Der eingebildete Kranke« (1673) des fianzösischen Theater-
direktors, Schauspielers und Dichters Moliere (eigentlich Jean
Baptiste Poquelin, 1622-1673) ist eine der unsterblichen Komö-
dien der Weltliteratur.
Argan, Hypochonder, Meurotiker und Haustyrann zugleich, der sich und smer
Umgebung das Leben zur Hölle macht, stellt sich als angeblich Schwerkranker tot,
entlarvt die Gattin, gibt am Ende seiner Tochter doch die Erlaubnis, den Mann zu
heiraten, den sie liebt, und verspottet die Arzte (wie schon in Molieres Satiren
»L’Amour Medecin« und »Medecin malgre hi«, 1672) als digenigen, welche Ge-
sunde krank machen.
Im Stück lässt der Autor seinen beklagenswerten Helden sagen: »Der Moliere ist
doch ein unverschämter Kerl . . . Wenn ich Arzt wäre - ich würde mich schon
rächen, und wenn er krank würde, dann ließe ich ihn ohne Hilfe sterben.«
Makabre Ironie der Geschichte: Moliere starb während der vierten Aufführung sei-
nes Stückes, in dem er seine Lieblingsrolle, nämlich die Hauptrolle, spielte. Im
dritten Akt brach er auf offener Bühne im Kostüm des eingebildeten kranken Argan
zusammen. Das Publikum hielt’s für eine schauspielerische Glanzleistung und
amüsierte sich köstlich.
Weite führende Literatur:
Jürgen von Stackeiberg: Moliere. Eine Eirtßhrung. Reclam 2005
264
Der eingebildete Kranke
Der eingebildete Kranke
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Argon
Argan [sitzt allein in seinem Zimmer an einem Tisch,
rechnet mit Spielmarken die Aufstellungen seines Apothe-
kers nach und hält folgendes Z^i^S^sp^hch). Drei und
zwei macht fünf, und fünf macht zehn, und zehn
macht zwanzig. Drei und zwei macht fünf »Ferner, am vierundzwan-
zigsten, ein gleitfreudiges, vorbereitendes, beruhigendes Klistierchen
zwecks Erweichung, Befeuchtung und Erfrischung der Eingeweide des
gnädigen Herrn.« Was mir an meinem Apotheker, Herrn Fleurant,
gefällt, ist der höfliche Ton seiner Rechnungen. »Für die Eingeweide
des gnädigen Herrn dreißig Sous.« Ja, aber Herr Fleurant, Höflich-
keit ist nicht alles, man muß auch vernünftig bleiben und darf den
Kranken nicht das Fell über die Ohren ziehen. Dreißig Sous für eine
Spülung! Ergebenster Diener, noch einmal! Aber Ihr habt in den an-
deren Rechnungen nur zwanzig Sous dafür angesetzt, und zwanzig
Sous, das heißt bei euch Apothekern zehn Sous; da habt Ihr sie, zehn
Sous! »Ferner, am gleichen Tage, ein gutes, reinigendes Klistier, nach
ärztlicher Verordnung zusammengestellt aus einer doppelten Dosis
Latwerge von Sennesstrauch und Rhabarber, Rosenhonig und ande-
ren Ingredienzien, um den Unterleib des gnädigen Herrn auszufe-
gen, zu spülen und zu säubern, dreißig Sous.« Mit Eurer Erlaubnis,
zehn Sous. »Ferner, am Abend des gleichen Tages, einen beruhigen-
den, sedierenden Trank für die Leber, um dem gnädigen Herrn
Schlaf zu schenken, fünfunddreißig Sous.« Dagegen will ich nichts
sagen, denn ich konnte gut darauf schlafen. Zehn, fünfzehn, sech-
zehn und siebzehn Sous, sechs Deniers. »Ferner, am fünfundzwanzig-
sten, eine gute reinigende und kräftigende Arznei, nach der Verord-
nung des Herrn Purgon zusammengestellt aus frischer Kassie, le-
vantinischen Sennesblättern und anderen Ingredienzien, um die
Galle des gnädigen Herrn in Fluß zu bringen und abzuführen, vier
Livres.« Oh, Herr Fleurant, Ihr scherzt wohl! Man muß leben und
leben lassen. Herr Purgon hat Euch nicht aufgetragen, vier Francs
dafür anzusetzen. Schreibt, schreibt drei Livres, wenn es beliebt!
265
Molike
Zwanzig und dreißig Sous, »Ferner, am gleichen Tage, einen
schmerzlindernden und adstringierenden Heiltrank, um dem gnädi-
gen Herrn Ruhe zu verschaffen, dreißig Sous.« Also, zehn, fünfzehn
Sous. »Ferner, am sechsundzwanzigsten, ein Beruhigungsldistier, um die
Winde des gnädigen Herrn zu vertreiben, dreißig Sous. » Zehn Sous,
Herr Fleurant. »Ferner, am Abend, eine Wiederholung des oben ge-
nannten Klistiers, dreißig Sous.« Herr Fleurant, zehn Sous. »Ferner,
am siebenundzwanzigsten, eine gute Arznei, eigens zusammenge-
stellt, um den Stuhlgang zu beschleunigen und die bösen Säfte des
gnädigen Herrn auszuscheiden, drei Livres.« Also, zwanzig, dreißig
Sous, Es gefällt mir, daß Ihr vernünftig seid. »Ferner, am acht-
undzwanzigsten, etwas geklärte und gesüßte Molke, um das Blut des
gnädigen Herrn zu besänftigen, zu beruhigen, zu mäßigen und auf-
zufrischen, zwanzig Sous.« Gut, zehn Sous. »Ferner, einen herzstär-
kenden, vorbeugenden Trank, der Verordnung entsprechend zu-
sammengesetzt aus zwölf Gran Bezoar, Sirup von Zitronen und
Granatäpfeln und aus anderen Ingredienzien, fünf Livres.« Immer
langsam, Herr Fleurant, wenn ich bitten darf! Wenn Ihr es derge-
stalt treibt, mag ja niemand mehr krank sein; begnügt Euch mit vier
Francs! Zwanzig, vierzig Sous. Drei und zwei macht fünf, und fünf
macht zehn, und zehn macht zwanzig. Dreiundsechzig Livres, vier
Sous, sechs Deniers. So habe ich also in diesem Monat eins, zwei,
drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Arzneien erhalten und eins, zwei,
drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf Einläufe;
im vorigen Monat waren es zwölf Arzneien und zwanzig Einläufe.
Da wundere ich mich nicht, daß es mir in diesem Monat nicht so gut
geht wie im vorhergehenden. Das muß ich Herrn Purgon sagen, da-
mit er das ein wenig in die Reihe bringt. Vorwärts, schafft dies alles
weg. (Da er sieht, daß niemand kommt und daß keiner seiner Leute im ^immer
ist.) Da ist ja niemand. Ich kann sagen, was ich will, sie lassen mich
immer allein. Um nichts in der Welt wollen sie hierbleiben. (Er klin-
gelt mit einer Glocke, um seine Leute herheizurufen.) Die hören nicht, und
meine Glocke ist nicht laut genug. Klingling, klingling, klingling.
(iMachdem er zum zweiten Mal geläutet hat.) Da rührt sich nichts! Kling-
ling, klingling, klingling. (Nachdem er nochmals geläutet hat.) Die sind
taub. Toinette! Klingling, klingling, klingling. (Nachdem er mit aller
Kraft geklingelt hat.) Das ist ja so, als ob ich überhaupt nicht klingelte.
Du Biest, du Luder! Klingling, klingling, klingling. (Er sieht, daß er
weiterhin vergeblich läutet.) Ich werde rasend. (Er läutet nicht mehr, sondern
266
Kommentar
schreit.) Du Rabenaas, zum Teufel mit dir! Ist denn das die Möglich-
keit? Einen armen Kranken so allein zu lassen! Klingling, klingling,
klingling. Das schreit doch zum Himmel! Klingling, klingling, kling-
ling. O mein Gott, die lassen mich hier sterben. Klingling, klingling,
klingling.
Kommentar
Der kurze Auszug aus Moliires »Der eingebildete Kranke« be-
schreibt die absurden und übertriebenen Therapiemaßnahmen, die
das Ausmaß der Störung des Protagonisten verdeutlichen sollen.
Deutlich klagt der »eingebildete Kranke« darüber, dass noch immer
nicht genügend Jur ihn getan wird, und dass er viel zu viel allein gelassen wird.
„Der eingebildete Kranke“ gilt als klassische Darstellung des Hypochonders. Es ist
aber die Frage, ob er das wirklich im Sinne der modernen psychiatrischen Diagno-
stik ist. Demnach ist ein „eingebildeter Kranker“, also ein Simulant, jemand, der
aus dem Simulieren von Krankheitssymptomen positive Konsequenzen zieht wie
ständige Beachtung etc.
Die »hypochondrische Störunge gehört zu den eben bereits genannten »somatoformen
Störungen«. Es handelt sich bd dieser Störung um eine anhaltende übermäßige
Angst oder Befürchtung, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden, ob-
wohl Jur die weitgehend unspezifischen körperlichen Symptome keine organischen
Ursachen gefunden werden können. Die Überzeugung, dass eine ernsthafte körper-
liche Erkrankung bestehen könnte, gründet sieh auf die in der Regel subjektive
Interpretation von vermeintlichen oder tatsächlichen funktionellen Organstörungen.
Das Wesentliche in der hypochondrischen Störung besteht aber nicht in dem Vor-
handensein dieser funktionellen Störung, sondern in der übermäßigen gedanklichen
Beschäftigung damit und den daraus resultierenden, teilweise gravierenden sozialen
Folgen. Die sozialen Beziehungen sowie die berufliche Leistungsfähigkeit sind oft
gestört, da der Betreffende fast ausschließlich mit seinen Beschwerden und der da-
hinter vermuteten Erkrankung beschäftigt ist. fum Verhaltensmuster dieser Patien-
ten wird u.a. der häufige Arztwechsel, da die Patienten sich von keinem Arzt richtig
behandelt fühlen und immer fiirchtm, fehldiagnostiziert zu werden. Hypochondri-
sche Störungen sind häufig, ihre Prävalenz in der Bevölkerung liegt bei ca. 4 bis 6
Prozent, in der primärärztlichen Versorgung ist die Inzidenz natürlich deutlich hö-
her. Die hypochondrische Störung verläuft meist chronisch, kann jedoch Intensitäts-
schwankungen der Symptomatik zeigen.
267
Franz Kafia
Die Verwandlung
aus: Franz Kaßa. Erzählungen. Herausgegeben von Max Brod.
© 1986 by S. Fischer Verlag GmbH, Franlßrt am Main
Einführung
Wu kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts hat Franz
Kaßa (1883-1924) die Moderne beeinflusst und geprägt. Die
wissenschaftliche Literatur zum Werk des pragerdeutschen
Schriftstellers ist von einem Einzelnen längst nicht mehr zu be-
wältigen. Der schon in fiäher Jugend schriftstellerisch tätige Kafka verbrachte seine
Ferien gerne bei seinem Onkel, einem Landarzt. Nach der Matura studierte er in
Prag zunächst Chemie, daneben Germanistik und Kunstgeschichte, hauptsächlich
aber Jura (Promotion 1906). Nach einem Rechtspraktikum am Zivil- und Straf-
gericht arbeitete Kafka von 1908 bis 1922 in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-
anstalt fir das Königreich Böhmen und fand Zugang zu Prager Schriftstellerkxd-
sen. Maßgeblich gefördert wurde er von seinem späteren Nachlassverwalter Max
Brod (1884-1968). Anhaltende Familienkonßikte insbesondere mit dem Vater,
schwer wiegende Selbstzweifel und Depressionen sowie tragfche Liebesbeziehun-
gen ßssen zwar in das Werk ein, überschatteten aber auch das Lieben des Autors.
Die 1917 diagnostizierte, 1924 schließlich zum Tode ßhrende Tuberkulose domi-
nierte schließlich die Biographie. Das Gesamtwerk Kafkas wurde erst durch Max
Brod der Öffentlichkeit zugänglich, weil sieh dieser dem ausdrücklichen Wunsch
des Autors, das Werk ungesehen zu vernichten, widersetzt hatte. Die Romane »Der
»Prozeß< (1925) und »Das Schloß< (1926) wurden mehrfach (u. a. von Orson
Weites und Maximilian Schell) verfilmt, der Schriftsteller Martin Waker Jahr-
gang 1927) promovierte 1951 mit der LHssertation »Beschreibung einer Form.
Versuch über Kaßa«.
Ln der Erzählung »Die Verwandlung« (1915) erwacht der Handlungsreisende
Gregor Samsa eines Morgens ab ein auf dem Rücken liegendes monströses Lnsekt.
Seine Eamilie wendet sich angeekelt und entsetzt ab, Samsa verwahrlost und ver-
endet Klassische Parabeform und Diagnose der Moderne verschmelzen in eins.
Ln alle Weltsprachen übersetzt und mehrmab verfilmt wirkte diese in schier jede
Richtung deutbare Parabel nachhaltig auf die Literatur des 20. Jahrhunderts. Es
268
Zfe Verwandhmg
gibt nur wenige wissenschaßliche Disziplinen, die sieh aus ihrer Perspektive nicht
am Versuch einer Deutung eines Werkes von Franz Kafia beteiligt hätten. Vielfach
wurden daher die Texte Kcfkas auch missbraucht oder unter einem Wust von Se-
kundärliteraturverschüttet. Der Nobelpreisträger Elias Canetti (1905-1994) ur-
teilte dagegen: »Franz Kafka ist der Dichter, der unser Jahrhundert am reinsten
ausgedrückt hat.»
Weiterjuhrende Literatur:
Hartmut Binder: Kafkas Erzählung »De Verwandlung<. Entstehung, Deutung,
Wirkung. Stroerrfeld 2004
Die Verwandlung
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen
Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu
einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er
lag auf seinem panzerartig harten Rücken und
sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen ge-
wölbten, braunen, von bogenförmigen Verstei-
fungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die
Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit,
kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Ver-
gleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmer-
ten ihm hilflos vor den Augen.
>Was ist mit mir geschehen?< dachte er. Es war kein Traum. Sein Zim-
mer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig
zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf
dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren aus-
gebreitet war - Samsa war Reisender -, hing das Bild, das er vor kur-
zem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem
hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine
Dame dar, die, mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, auf-
recht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unter-
arm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter -
man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen - machte
ihn ganz melancholisch. >Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig wei-
terschliefe und alle Narrheiten vergäße<, dachte er, aber das war
269
Franz Kafka
gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite
zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht
in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte
Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er
versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden
Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen
noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
>Ach Gott<, dachte er, >was für einen anstrengenden Beruf habe ich
gewählt! Tagaus, tagein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufre-
gungen sind viel größer als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und
außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen
um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein im-
mer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschli-
cher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!< Er fühlte ein leichtes
Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam
näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand
die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt
war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die
Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung
umwehten ihn Kälteschauer.
Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. >Dies frühzeitige Auf-
stehent, dachte er, >macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß
seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen.
Wenn ich zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zu-
rückgehe, um die erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese
Herren erst beim Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versu-
chen; ich würde auf der Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob
das nicht sehr gut für mich wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner
Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef
hingetreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens
aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen! Es ist auch eine sonder-
bare Art, sich auf das Pult zu setzen und von der Höhe herab mit dem
Angestellten zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des
Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung ist noch nicht
gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die
Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen - es dürfte noch fünf bis sechs
Jahre dauern -, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große
Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn mein
Zug fährt um fünf.<
270
Die Verwandlung
Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte.
>Himmlischer Vater!< dachte er. Es war halb sieben Uhr, und die Zei-
ger gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich
schon drei Viertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah
vom Bett aus, daß er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte
er auch geläutet. Ja, aber war es möglich, dieses möbelerschütternde
Läuten ruhig zu verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen,
aber wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der
nächste Zug ging um sieben Uhr; um den einzuholen, hätte er sich
unsinnig beeilen müssen, und die Kollektion war noch nicht einge-
packt, und er selbst fühlte sich durchaus nicht besonders frisch und
beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte, ein Donnerwettter
des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der Geschäftsdiener hatte
beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versäumnis
längst erstattet. Er war eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und
Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre aber äu-
ßerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines fünf-
jährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde
der Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern
wegen des faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch
den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja
überhaupt nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und
hätte er übrigens in diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich
tatsächlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich
überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen beson-
ders kräftigen Hunger.
Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu
können, das Bett zu verlassen - gerade schlug der Wecker drei Viertel
sieben -, klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes.
»Gregor«, rief es - es war die Mutter -, »es ist drei Viertel sieben.
Wolltest du nicht wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak,
als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine
frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unter-
drückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich
nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im
Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht
gehört hatte. Gregor hatte ausführlich antworten und alles erklären
wollen, beschränkte sich aber bei diesen Umständen darauf, zu sagen:
»Ja, ja, danke Mutter, ich stehe schon auf« Infolge der Holztür war
271
Franz K/^t
die Veränderung in Gregors Stimme draußen wohl nicht zu merken,
denn die Mutter beruhigte sich mit dieser Erklärung und schlürfte
davon. Aber durch das kleine Gespräch waren die anderen Familien-
mitglieder darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider Erwar-
ten noch zu Hause war, und schon klopfte an der einen Seitentür der
Vater, schwach, aber mit der Faust. »Gregor, Gregor«, rief er, »was ist
denn?« Und nach einer kleinen Weile mahnte er nochmals mit tiefe-
rer Stimme: »Gregor! Gregor!« An der anderen Seitentür aber klagte
leise die Schwester: »Gregor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas?«
Nach beiden Seiten hin antwortete Gregor: »Bin schon fertig«, be-
mühte sich, durch die sorgfältigste Aussprache und durch Einschal-
tung von langen Pausen zwischen den einzelnen Worten seiner Stim-
me alles Auffallende zu nehmen. Der Vater kehrte auch zu seinem
Frühstück zurück, die Schwester aber flüsterte: »Gregor, mach auf,
ich beschwöre dich.« Gregor aber dachte gar nicht daran aufzuma-
chen, sondern lobte die vom Reisen her übernommene Vorsicht,
auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu versperren.
Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und
vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn,
das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem
vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett
irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten
Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als rei-
ne Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heu-
tigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Daß die Verände-
rung der Stimme nichts anderes war als der Vorbote einer tüchtigen
Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er
nicht im geringsten.
Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein
wenig aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es
schwierig, besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme
und Hände gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte
er nur die vielen Beinchen, die ununterbrochen in der verschieden-
sten Bewegung waren und die er überdies nicht beherrschen konnte.
Wollte er eines einmal einknicken, so war es das erste, daß er sich
streckte; und gelang es ihm endlich, mit diesem Bein das auszuführen,
was er wollte, so arbeiteten inzwischen alle anderen, wie freigelassen,
in höchster, schmerzlicher Aufregung. »Nur sich nicht im Bett unnütz
aufhalten«, sagte sich Gregor.
272
Die Verwandlung^
Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett
hinauskommen, aber dieser untere Teü, den er übrigens noch nicht
gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung ma-
chen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam;
und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft,
ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch ge-
wählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennen-
de Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil
seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.
Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu be-
kommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies ge-
lang auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich
die Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den
Kopf endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er
Angst, weiter auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließ-
lich so fallen ließ, mußte geradezu ein Wunder geschehen, wenn der
Kopf nicht verletzt werden sollte. Und die Besinnung durfte er gerade
jetzt um keinen Preis verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.
Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie frü-
her, und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander
kämpfen sah und keine Möglichkeit fand, in diese W'illkür Ruhe und
Ordnung zu bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett
bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn
auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu
befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran
zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und
ruhigste Überlegung sei. In solchen Augenblicken richtete er die Au-
gen möglichst scharf auf das Fenster, aber leider war aus dem Anblick
des Morgcnnebels, der sogar die andere Seite der engen Straße ver-
hüllte, wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen. »Schon sieben
Uhr<, sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers, »schon
sieben Uhr und noch immer ein solcher Nebel. < Und ein Weilchen
lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von
der völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständli-
ehen Verhältnisse. [...]
273
Kommentar
Kommentar
Die Erzählung von Franz Kafia »Die Verwandlung« schildert einen
jungen Mann, der nach dem Aufivachen feststellt, dass er in seiner
Körperlichkeit verändert ist, dass er zu einem »ungeheuren« Ungezie-
fer verwandek ist. Dies alles kann er in vielen Details reflektieren,
seine sonstigen kognitiven und Bewusstsänsprozesse scheinen unverändert zu sein.
Er reagiert mit großer Gelassenheit auf die Veränderung und wartet auf eine Wen-
de. Sein Bezug zur Außenwelt, z-B. die Aufaahme der Mahnung von Mutter und
Vater, er müsse aufstehen, sind ungestört. Man kann in dieser Geschichte die Dar-
stellung eines Depersonalisationssyndroms vermuten.
Unter einem Depersonalisationssyndrom wird die Veränderung der Wahrnehmung
der eigenen Person oder des eigenen Körpers verstanden. Die Patienten berichten in
der Regel über ein Gefühl des Losgelöstseins von den eigenen psychischen Prozessen
oder ihrem eigenen Körper. Auch wird über ein Gefihl der Leere im Kopf oder ein
stumpfes Druckgefühl geklagt. Das Gefiihlserleben wird ab unpersönlich beschrie-
ben, die eigenen Handlungen erscheinen dem Patienten mechanuch. Manche Pati-
enten geben an, sie fühlten sich wie ein Roboter oder »wie im Traum«. Dabei bleibt
zwar das Wbsen über die Integrität des eigenen Körpers erhalten, aber dieser ratio-
nale Vorgang löst sich vom gfuhbmäßigen Erleben. Oft geht das Erlebnis der
Depersonalbation mit dem Erlebnb der Derealisation, abo der Veränderung der
Wahrnehmung der Umgebung als fiemd und eigenartig einher. Das Syndrom der
Depersonalbation ist unspezifisch und kommt bei einer Vielzahl von Erkrankungen
vor, so Z-B. im Rahmen von Störungen, Depressionen und Schizophrenien. Ab
Depersonalbationsstörung im Rahmen der ICD- 10 werden nur die Depersonali-
sationssyndrome gefasst, die ab eigenständige funktionelle Störungen anzusehen
sind. Traditionellerwebe wurde sie ab neurotbche Störung im Sinne der psf/chody-
nambchen Theorie erklärt. Die Abgrenzung zu wohnhafter Depersonalbation (au-
topsychbcher Wahn) kann schwierig sein. Bei einer Depersonalbationsstörung er-
kennt der Betreffende in der Regel, dass eine subjektiv empfundene Veränderung
stattgefunden hat, die nicht von äußeren Kräften oder anderen Personen verursacht
worden bt Die Realitätsprüfung bleibt intakt.
274
t
F5; Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen
Störungen und Faktoren
Unter diesem Kapitel werden u.a. Essstörungen und Schlafstörungen
subsumiert. Ess- und Schlafstörungen sind sehr häufig Störungen, die
als isolierte Störung Vorkommen, oder aber, wie insbesondere die
Schlafstörung, oft im Rahmen anderer Erkrankungen als Teilsympto-
matik bestehen.
Essstörungen sind u.a. durch ein verändertes Essverhalten und die
daraus resultierende Veränderung des Körpergewichts nach oben
oder unten gekennzeichnet. Die Anorexia nervosa (Magersucht) ist
gekennzeichnet durch erheblich reduzierte Nahrungsaufnahme ver-
bunden mit z.T. exzessivem, lebensbedrohlichem Gewichtsverlust.
Damit verbunden sind typische Symptome wie Körper-Wahrneh-
mungsstörungen (die Patienten empfinden den Körper als zu dick
u.a.) und einer Reihe körperlicher Folgesymptome. Die Bulimia ner-
vosa (Ess-Brech-Sucht) ist durch Heißhunger-Attacken und selbst-
induziertes Erbrechen gekennzeichnet. Beide Störungen sind häufig
assoziiert. Die Anorexia ner\'Osa und die Bulimia nervosa kommen
hauptsächlich im jungen Alter vor und vorzugsweise bei jungen Frau-
en zwischen 15 und 25 Jahren. Die Häufigkeit in dieser Risikogruppe
liegt bei etwa 1 Prozent bei der Anorexie und 1 bis 3 Prozent bei der
Bulimie. Atiopathogenetisch besteht ein komplexes Zusammenspiel
prädisponierender Faktoren und Faktoren, die wechselseitig die Stö-
rung aufrechterhalten. Neben den neurobiologischen und psycho-
sozialen wie auch soziokulturellen Faktoren kommt auch der Fami-
lienstruktur oft eine wichtige Rolle zu. Es scheint in den Familien
essgestörter Patienten häufig ein bestimmtes Interaktionsmuster
vorzuliegen, im Sinne von gesteigerter Rigidität, Überbehütung,
Konfliktv'ermeidung und geringer Konfliktlösungsfähigkeit. Essge-
störte Patienten versuchen die Kontrolle über seelische und körperli-
che Funktionen zu behalten. Nahrungsaufnahme wird in diesem Zu-
275
F5
sammenhang oft als Kontrollverlust erlebt. Auch setzen Essgestörte
ihre Symptomatik zur Kontrolle der Umgebungsbedingungen ein,
z.B. im Hinblick auf die Interaktion mit den unmittelbaren Bezugs-
personen.
Bei der primären Insomnie spielen offensichtlich eine erhöhte Ange-
spanntheit („Nicht-Abschaltenkönnen“), schlafbehindernde Gedan-
ken sowie ungünstige Schlafgewohnheiten (z.B. zu frühes Zubettge-
hen) eine wichtige Rolle. Weitere Ursachen sind emotionale Belastun-
gen und Stresssituationen. Schlafstörungen sind sehr häufig, die
Prävalenz liegt zwischen 15 bis 30 Prozent in der Allgemeinbevölke-
rung, behandlungsbedürftige Insomnien dürften bei 1 0 bis 1 5 Prozent
vorliegen, wobei primär psychogene Insomnien dominieren. Über 1
Million Bundesbürger (1,5 %) nehmen regelmäßig ein Schlafmittel.
Bei über drei Viertel der Schlafgestörten lassen sich organische,
psychiatrische oder neurologische Störungen und Erkrankungen fest-
steilen. Bei ca. 10 Prozent bestehen Missbrauch bzw. Abhängigkeit
von Alkohol oder Medikamenten, die auch ursächlich für die beste-
hende Schlafstörung sein können. Schlafstörungen sind ein häufiges
Symptom psychischer Erkrankungen. So weisen z.B. 90 Prozent an
einer Depression Erkrankte Schlafstörungen auf
276
Franz Hohler
Bedingungen für die Nahrungsaufnahme
aus: Franz Hohler. Der Rand von Ostermundigen. Geschichten.
© 1975 by Luchterhand, Darmstadt und Neuwied
Einführung
Der Schweizer Schriftsteller, Kabarettist und Musiker Franz
Hohler (Jahrgang 1943) studierte Germanistik und Romanistik
in Zürich, bis er nach finf Semestern aufgrund eines ersten erfolg-
reichen Soloprogramms sein Studium abbrach und seither - meist
als Ein-Mann-Show, nur in Begleitung seines Cellos - durch Europa und Übersee
tourt. Hohler publizierte sozialkritisch-pfiffige Erzählungen, Romane, Gedichte,
Portäts und Kinderbücher, schrieb Theaterstücke, Hörspiele und Eernsehfilme, ver-
öffentlichte Schallplatten mit seinen Soloprogrammen, übersetzte Moliere und wur-
de mehrfach ausgezeichnet (u. a. Kunstpreis der Stadt Zürich 2005).
Hehlers niemals denunziatorischer, sondern stets zutiefst humanistischer und
sprachartistisek ausgefeüter Humor gibt sich nicht mit oberflächlicher Effektha-
scherei zufrieden, sondern basiert auf tiefen Einsichten in die menschliche Psyche,
deren Verletzbarkeit, aber auch deren Absurdität und Lächerlichkeit.
Weiterführende Literatur:
Corinna Jacobi: Essstörungen. Hogrefe 2004
Bedingungen für die Nahrungsaufnahme
Mir ist der Fall eines Kindes bekannt, das, knapp
nachdem es ein Jahr alt geworden war, nichts
mehr essen woUte. Wenn man ihm seine Nah-
rung, die meistens aus einem Brei bestand, einge-
ben wollte, verwarf es die Hände vor dem Ge-
sicht, schüttelte den Kopf und wand sich, so daß
es unmöglich war, ihm auch nur einen Löffel da-
von in den Mund zu bringen. War man doch ein-
277
Franz Hohler
mal so weit vorgedrungen, spuckte es sofort alles wieder aus und be-
gann zu schreien. Das einzige, was es zu sich nahm, war etwas Wasser,
aber schon wenn man ihm statt dessen Milch hinhielt, wollte es nichts
mehr davon wissen.
Die Eltern waren beunruhigt und konnten sich diese plötzliche Ände-
rung nicht erklären. Sie versuchten das Kind zuerst mit Zureden,
dann mit Drohungen und Schlägen zur Annahme des Breis zu bewe-
gen, aber es war vergebens; sie legten ihm eine Banane hin, die es
sonst unter allen Umständen gegessen hätte, doch das Kind nahm sie
nicht. Erst ein Zufall führte zu einer Lösung. Das Zimmer des Kindes
war mit einem Gatter, das man in den Türrahmen einklemmte, abge-
sperrt, so daß das Kind bei offener Türe im Zimmer gelassen werden
konnte und man hörte, was drinnen vorging, ohne daß es die Mög-
lichkeit hatte hinauszurennen. Am dritten Tag der Nahrungsverwei-
gerung wollte der Vater der Mutter, die sich schon im Zimmer be-
fand, um das Kind zu Bett zu bringen, den Brei hineinreichen, da
kam das Kind an das Gatter gelaufen und schaute begierig zum Teller
hinauf. Sogleich beugte sich der Vater hinunter und begann, ihm
über das Gatter hinweg den Brei einzulöffeln, und das Kind, das sich
mit den Händen an den Stäben hielt und mit dem Kopf gerade über
den Gatterrand hinausreichte, schien sehr zufrieden und aß den gan-
zen Brei auf Am nächsten Morgen fütterte der Vater, bevor er zur
Arbeit ging, das Kind auf dieselbe Weise, und es zeigte nicht die ge-
ringsten Widerstände. Als aber die Mutter am Mittag dem Kind den
Brei über das Gatter geben wollte, lief es weg und schlug den Deckel
seiner Spieltruhe solange auf und zu, bis sich die Mutter aus dem
Türrahmen entfernte. Vom Vater nahm es am Abend wieder ohne
Umstände den Brei über das Gatter.
Nun aß das Kind zwar wieder, aber die Tatsache, daß es nur von
seinem Vater gespeist werden wollte, machte den Eltern zu schaffen.
Abgesehen davon, daß es so nur zwei Mahlzeiten am Tag bekam, war
es für den Vater nicht einfach, jeden Abend pünktlich dazusein, um
dem Kind sein Essen zu verabreichen, er mußte sich von Berufs we-
gen öfters von seinem Wohnort wegbegeben. Einmal erschien er
leicht verspätet und hörte das Kind schon schreien, warf den Mantel
rasch über einen Stuhl, ging zum Kinderzimmer und gab dem Kind
sein Essen. Erst nachher merkte er, daß er vergessen hatte, seinen Hut
dazu abzunehmen. Als er am andern Morgen wieder zum Kind ging,
wollte es nicht essen, zeigte ihm jedoch unablässig auf den Kopf Da
278
Bedingungen ßir dk Nahrur^saujnahme
erinnerte sich der Vater an den vorigen Abend, holte seinen Hut und
setzte ihn auf, und befriedigt ließ sich das Kind nun seinen Brei ge-
ben. Von nun an mußte der Vater immer einen Hut anhaben, wenn
er wollte, daß das Kind aß.
Bisher war die Mutter stets zugegen gewesen, wenn das Kind sein
Essen erhielt, nun blieb sie einmal am Morgen, als sie schlecht ge-
schlafen hatte, im Bett, da sich der Vater anerboten hatte, das Kind
allein zu besorgen. Das Kind weigerte sich aber, den Brei ohne die
Gegenwart der Mutter zu essen, und so blieb dem Vater nichts ande-
res übrig, als die Mutter herzuholen, welche sich im Nachthemd auf
ein Kinderstühlchen setzte.
Am selben Abend wehrte sich das Kind schreiend gegen die Zumu-
tung, seinen Brei zu essen, dabei war alles in Ordnung. Der Vater
stand außerhalb des Gatters und hatte seinen Hut an, und die Mutter
war auch dabei. Allerdings trug sie jetzt ihre Tageskleidung, und da
das Kind immer wieder auf die Mutter zeigte, zog sie schließlich ihr
Nachthemd an und kam wieder ins Zimmer. Das Kind war aber erst
zufrieden, als sie sich wieder auf das Kinderstühlchen setzte und von
dort aus zuschaute, wie es aß.
Von jetzt an mußte sich die Mutter immer zur Essenszeit des Kindes
das Nachthemd anziehen, sonst war an eine Nahrungsaufnahme gar
nicht zu denken.
Bald ließ sich das Kind nicht mehr von zufällig eingetretenen Ereig-
nissen leiten, die es wiederholt haben wollte, sondern begann, sich
selbst neue Forderungen auszudenken. So deutete es als nächstes auf
den Schrank, der im Zimmer stand und schaute dazu seine Mutter
an. Die Mutter ging auf den Schrank zu und wollte ihn öffnen, doch
da heulte das Kind auf und zeigte auf die Decke des Schranks. Die
Mutter sagte, nein, das mache sie nicht, da legte sich das Kind auf
den Boden und strampelte mit Händen und Füßen in der Luft, indem
es gellende Schreie von besonderer Widerlichkeit dazu ausstieß.
Trotzdem beschlossen die Eltern, auf diesen Wunsch des Kindes
nicht einzugehen, und so mußte es ohne Essen ins Bett. Bis zum Mor-
gen, so hofften sie, hätte es den Gedanken bestimmt wieder vergessen.
Als die Mutter am andern Morgen im Nachthemd auf dem Kinder-
stühlchen saß und der Vater im Hut vor dem Gatter stand und dem
Kind das Essen eingeben wollte, lehnte es wieder ab und zeigte auf
die Decke des Schranks. Die Eltern erfüllten ihm den Wunsch nicht,
aber das Kind aß nichts.
279
Franz Hohler
Nach zwei Tagen, als es bereits Schwächeerscheinungen zeigte, weil
es außer Wasser nichts zu sich genommen hatte, gaben die Eltern
nach, die Mutter kletterte im Nachthemd auf den Schrank und legte
sich flach hin, worauf das Kind sofort und mit großer Begeisterung
seinen Brei aß, sich aber immer wieder mit Blicken versicherte, ob die
Mutter ihm auch wirklich beim Essen zuschaue. Die Eltern waren
nach dieser Niederlage sehr geschlagen und schauten geängstigt dem
entgegen, was noch kommen würde. Man kann sich fragen, ob ihr
Verhalten richtig war, aber sie sahen keinen andern Weg, um das
Kind nicht verhungern zu lassen. Die Kinderärztin, die immer für die
Kinder und gegen die Eltern entschied, empfahl dringend, den Wün-
schen des Kindes nachzugeben, da es wichtiger sei, daß das Kind esse,
als daß die Eltern möglichst sorglos lebten, und ein Kinderpsycholo-
ge, mit dem der Vater bekannt war, konnte auch nicht helfen, sprach
von einer etwas verfrühten Trotzphase und machte vage Hoffnungen,
daß sie vorübergehend sei.
Dafür gab es aber noch keine Anzeichen, denn als das Kind das näch-
stemal essen sollte, rannte es zum Fenster und war nicht mehr davon
wegzubringen. Der Vater wies das Kind auf die Mutter hin, die ord-
nungsgemäß im Nachthemd auf dem Schrank lag, deutete auf seinen
Hut und wollte ihm das Essen über das Gatter geben, aber das Kind
schüttelte sich am ganzen Körper und griff mit beiden Händen nach
dem Fenstersims. Der Vater wollte es zwar nicht wahrhaben, aber er
wußte, was das bedeutete. Das Zimmer lag im ersten Stock, er holte
also eine Leiter im Keller, stellte sie außen an das Haus, stieg darauf
zum Kinderzimmer hoch und reichte dem Kind den Brei durch das
offene Fenster. Das Kind strahlte und aß alles auf
Am folgenden Tag regnete es, und der Vater erstieg die Leiter zum
Kinderzimmer mir einem Regenschirm. Von nun an mußte er immer
mit dem Regenschirm ans Fenster kommen, unabhängig vom Wetter,
sonst wurde der Brei nicht gegessen.
Inzwischen hatten die Eltern, um sich etwas zu entlasten, ein Dienst-
mädchen genommen. Das Kind jedoch lehnte dieses gänzlich ab und
wollte sich nur von der Mutter betreuen lassen. Auch die Hoffnung,
das Dienstmädchen könne sich im Nachthemd der Mutter auf den
Schrank legen, erwies sich als falsch, das Kind verfiel fast in Tobsucht
ob des plumpen Täuschungsversuches. Als aber das Dienstmädchen
das Zimmer verlassen wollte, war es auch wieder nicht recht. Es muß-
te am Gatter stehenbleiben und ebenfalls Zusehen, wie das Kind aß.
280
Kommentar
und auch das reichte noch nicht. Es aß erst, wenn das Dienstmädchen
bei jedem Löfi’el, den es schluckte, einmal eine Rasselbüchse schüt-
telte.
Das, hätte man annehmen können, war nun fast das äußerste, aber
jetzt fing das Kind an, den Vater wegzustoßen, wenn er sich über den
Sims lehnte und auch denTeller mit dem Brei hinunterzuwerfen, den
der Vater jeweils aufs Fensterbrett stellte. Dem Vater fiel nichts ande-
res mehr ein als sich eine sehr hohe Bockleiter zu kaufen. Die stellte er
in einiger Entfernung von der Hausmauer auf, stieg dann hoch und
verabreichte dem Kind den Brei mit einem Löffel, den er an einem
Bambusrohr befestigt hatte. Um mit diesem Löffel in den Brei ein tau-
chen zu können, mußte er den linken Arm mit dem Teller ganz aus-
strecken, konnte also den Brei nicht auf der Leiter abstellen. Da er
aber nicht ohne Schirm auftreten durfte und ihn nicht wie bisher in
der Hand halten konnte, hatte er sich ein Drahlgestell angefertigt, das
er auf die Schultern nehmen konnte und in welches der Schirm ein-
gesteckt wurde, so daß er ihn etwa in derselben Höhe über sich trug,
wie wenn er ihn in der Hand gehabt hätte.
Ein Nachbar, der zu diesem Zeitpunkt seinen Feldstecher auf das
Haus gerichtet hat, sieht also folgendes:
Der Vater reicht dem Kind den Brei in einem an einer Bambusstange
befestigten Löffel von einer Bockleiter außerhalb des ersten Stockes
durchs Fenster. Dazu trägt er einen Hut und einen Regenschirm, den
er an einem Drahtgestell über den Schultern festgemacht hat. Die
Mutter liegt im Nachthemd auf dem Schrank, und das Dienst-
mädchen steht vor dem Gatter, das im Türrahmen eingeklemmt ist.
Beide schauen zu, wie das Kind ißt, und das Dienstmädchen schüttelt
zusätzlich beijedem Löffel, den das Kind schluckt, eine Rasselbüchse.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, und nur dann, dann ißt das
Kind.
Kommentar
Die Geschichte von Franz Flohler schildert fast protokollarisch die
J Geschichte eines Konditionierungsprozesses, der dazu fuhrt, dass die
Nahrungsaufnahme eines 1 -jährigen Kindes gekoppelt wird an im-
mer komplexere situative Bedingungen, die zunächst zufällig sind,
dann aber vom Kind zunehmend gestaltet werden. Das Kind isst nur, wenn die
jeweiligen .situativen Elemente erfüllt .sind. Die Eltern geraten dadurch in eine im-
281
Kommentar
mer groteskere Rolle, wagen es aber rächt mit ausreichender Kraft, sich zur Wehr zu
setzen, zumal die Kinderärztin rät, dem Kind mehr oder weniger zu Willen zu
sein. Die Geschichte schildert mögliche Entstehungsmechanismen von Essverhalten
und auch die Machtausübung, die durch gestörtes Essverhalten auf die Umgebung
282
Jean Paul
Die Kunst, einzuschlafen
am: Jean Paul. Sämtliche Werke, Band. 6. Herausgegeben von Norbert Miller.
Nachwort von Walter Hollerer.
© 1963 by Carl Hanser Verlag, München - Wien
Einführung
Der deutsche Schriftsteller Jean Paul (1763-1825) hieß eigent-
lich Johann Paul Friedrich Richter und wählte seinen »Nom de
plume» aus Bewunderungßir Jean Jacques Rousseau (1712 bis
1778). Er war der Sohn eines Lehrers und Organisten und wuchs
in ärmlichen Verhältnissen auf, denen er seine Lesewut entgegensetzte. In Leipzig
studierte er lustlos Theolofe, musste vor seinen Gläubigern fliehen und kehrte als
gescheiterte Existenz Zu seiner Mutter nach Hof zurück. Der Tod eines Freundes
(1 786) sowie der Suizid seines Bruders Heinrich ( 1 789) überschatteten die Jahre
der Armut zusätzlich. Erst das Romanflagment »Die unsichtbare Loge« (1793)
brachte aufgrund des überschwänglichen Lobes von Karl Philipp Moritz (1756 bis
1793) den Durchbruch. Schlagartig berühmt jedoch wurde Jean Paul durch den
Roman »Hesperus« (1795), dem größten literarischen Erfolg nach Goethes Wert-
her. Herder, Wieland und Gleim äußerten sich enthusiastisch, Goethe und Schiller
ablehnend. Auf Einladung seiner glühenden Verehrerin Charlotte von Kalb besuch-
te Jean Paul 1796 Weimar, Goethe und Schiller jedoch blieben höchst distanziert.
Seine Berliner Blütezeit als Lieblingsautor insbesondere der gebildeten Damenwelt,
darunter auch die. preußische Königin Luise, ist mit den Romanen »Siebenkäs«
(1796/97), »Titan« (1800-1803) und »Flegeljahre« (1804/05) verbunden.
Er verlobte sich mit Karoline von Feuchtersieben, was wegen der Standesunterschie-
de problematisch war. Als die Hindernisse endlich überwunden schienen, entlobte
sich Jean Paul wieder und heiratete 1801 Karoline Meyer, mit der er in Begleitung
ihrer beiden Kinder 1805 nach Bayreuth übersiedelte. Dort führte er fortan ein
zurückgezogenes Leben, wegen häufigen häuslichen Janks bevorzugte er allerdings
das Landgasthaus Rollwenzelei vor den Toren der Stadt und sprach tüchtig dem
Braunbier zu. Im Jahre 1823 erkrankte Jean Paul am grauen Star und erblindete,
1825 kam eine Brustwassersucht hinzu, an der er 1825 verstarb und in Bayreuth
unter großer Anteilnahme beigesetzt wurde.
283
Jean Paul
Erzähltechnik, Stilistik und Sprachmtistikjem Pauls zeigen deutliche Wirkungen
bis hinein in die Gegenwartsliteratur (z.B. Arno Schmidt, Günter Grass, Hanns-
Josef Ortheil, Günter de Bruyn), obgleich viele seiner Romane heute ohnephilolo-
gischen Kommentar kaum mehr genussvoll lesbar sind. Die Bewunderungßir seine
Werke ist dennoch ungebrochen.
Weitefuhrende Literatur:
Hanns -Josef Ortheil: Jean Paul. Rowohlt 198
Die Kunst, einzuschlafen
Nicht Einschlafen, sondern Wiedereinschlafen ist
schwer.
Dies ist ungemein verdrießlich, besonders wenn
man keine Mittel dagegen weiß.
Ich weiß und gebe sie aber; sämtlich laufen sie in
der Kunst zusammen, sich selber Langweile zu
machen, eine Kunst, die bei gedachten logischen
Köpfen auf die unlogische Kunst, nicht zu den-
ken, hinauskommt.
1) Das erste Mittel, das schon Leibniz als ein gutes vorschlug, ist
Zählen. Denn die ganze Philosophie, ja die Mathematik hat keine ab-
strakte Größe, die uns so wenig interessiert als die Zahl; nur aber kann
man einem Einschläfer nicht genug einschärfen, das Zählen äußerst
langsam und schläfrig zu verrichten. Indes diese Beobachtung höchst-
möglicher Faultierlangsamkeit ist wohl Kardinalregel aller Einschlä-
fermittel überhaupt.
2) Töne, sagt Bako, schläfern mehr ein als ungegliederte Schälle.
Auch Töne zählen und werden gezählt. Da aber hier nicht von frem-
den, sondern von Selbendadungen - das Einschläfern ist der einzige
schöne Seibermord - die Rede ist: so gehören nur Töne her, die man
in sich selber hört und macht. Es gibt kein süßres Wiegenlied als die-
ses innere Hören des Hörens. Wer nicht musikalisch phantasieren
kann, der höre sich wenigstens iigendein Lieblingslied oder eine
Trauermusik in seinem Kopfe ab; der Schlaf wird kommen und viel-
leicht den Traum mitbringen, dessen Saiten in keiner Luft mehr zit-
tern, sondern im Äther.
3) Vom zweiten Mittel ist das dritte nicht sehr verschieden, sich
284
Die Kunst, änzuschla/en
r
nämlich in gleichem Silben-Dreschen leere Schilderungen langsam
innen vorzusagen, wie ich z.B. mir: wenn die Wolken fliegen, wenn
die Nebel fliehen, wenn die Bäume blühen etc. Darauf lass* ich aufs
Wenn kein So folgen, sondern nichts, nämlich Entschlafen; denn die
kleinste Rücksicht auf Sinn oder Zusammenhang oder Silbenzahl
würde, wie ein Nachtwächter-Gesang, alles wieder einreißen, was das
poetische Seiberwiegenlied aufgebaut. Da aber nicht jeder Talent
zum Dichten hat - zumal so spät im Bette so kommen ja dem
Nicht-Dichter zu Tausenden Bett-Lieder mit diesem poetischen fau-
len Trommelbaß entgegen, wovon er nur eines auswendig zu lernen
braucht, um für alle Nächte damit sein Glück zu machen.
4) Ein gutes Mittel, einzuschlafen nicht sowohl als wieder einzu-
schlafen, ist, falls man aus einem Traum erwacht, sich in diesen mit
den schläfrigen Augen, indem man ihm unaufhörlich nachschaut,
wieder einzusenken; bald wird die Welle eines neuen Traumes wieder
anfallen und dich in ihr Meer fortspülen und eintauchen. Der Traum
sucht den Traum. Im großen Schatten der Nacht spielt jeder Schatten
mit uns Sterblichen und hält uns für seinesgleichen.
5) Hefte dein inneres Nachtauge lange auf einen optischen Gegen-
stand, z.B. auf eine Morgenaue, auf einen Berggipfel, es wird sich
schließen. Überhaupt sind Landschaften - weil sie unserm innern
Menschen, der mehr Augen hat als Ohren, leicht zu erschaffen wer-
den, und weil sie uns in keine mit Menschen bevölkerte und er-
weckende Zukunft ziehen - die beste Schaukel und Wiege des unru-
higen Geistes.
6) Das sechste Mittel half mir mehrere Nachmitternächte durch,
aber es fordert Übung; man schaut nämlich bloß unverrückt in den
leeren schwarzen Raum hinein, der sich vor den zugeschloßnen Augen
ausstreckt. Nach einigen Minuten, wenn nicht Sekunden, wird sich
das Schwarze färben und erleuchten und so den Chaos-Stoff zu den
bunten Traum- oder Empfmdbildern liefern, welche in den Schlaf
hinüberführen.
7) Wer seine Augen schließen will, mache an seinem innern Janus-
kopfe zuerst das Paar, das nach der Zttkunfl blicket, zu; das zweite,
nach der Vorzeit gerichtet, lasse er immer offen. Am Tage vor einer
Reise oder Haupttat schläft man so schwer als am Tage nachher so
leicht; die Zukunft ergreift uns (so wie den Traum) mehr als die Ge-
genwart und Vergangenheit.
8) Für manche geübte gewandte Geister im Kopfe mag das wildeste
285
Jean Paul
Springen von Gegen- zu Gegenstand - aber ohne Vergleichungzweck
mit welchem der Verfasser sich sonst einschläferte, von einiger
Brauchbarkeit sein. Eigendich ist dieses Springenlassen nichts anders,
wenn es gut sein will, als das obige Gehenlassen des Gehirns; der
Geist läßt das Organ auszucken in Bildern.
9) Seelenlehrer und deren Seelenschüler schläfern sich ein - falls sie
wollen - wenn sie geradezu jede Gedankenreihe ganz vorn abbre-
chen, die neue wieder und so fort, indem sie sich fragen bei jedem
Mächtigen, was sie ausdenken und vollenden möchten: »Kann ich
denn nicht morgen eine Stunde länger wach liegen und meine Kopf-
arbeit auf dem Kopfkissen verrichten? Und warum denn nicht?« -
Wer aber so wenig Denkkraft hat, daß er sie damit nicht einmal hem-
men kann, wo er will, der höre hier wieder ein Ausmittel; nämlich er
horche sich innen zu, wie ihm ohne sein Schaffen ein Substantivum nach
dem andern zutönt und zufliegt, z. B. mir gestern: »Kaiser - Rotman-
tel - Purpurschnecke — Stadtrecht — Donnersteine - Hunde - Blut-
scheu - atque - panis - piscis - crinis - Karol magnus -Partebona - et
so weiter.«
10) Niemand merkte noch scharf genug darauf, daß er zwei der be-
sten Säemaschinen der Schlummerkörner an seinem eignen Kopfe
herumtrage, nämlich seine beiden Gehörgänge, nach außenhin Oh-
ren genannt. Höchstens nahm vielleicht einer und der andere wahr,
daß ihm Einschläferndes zufließe durch die Gehörgänge in Hofkir-
chen, in Redesälen akademischer Mitglieder, in Freimaurerlogen und
in Theaterlogen, wiewohl er am hellen Tage wenig Gebrauch davon
zu machen wußte; aber ich darf wohl mich als den Erfinder ansehen,
welcher die eignen Gehörwerkzeuge, auch ohne alle Unterstützung
fremder Sprachwerkzeuge und folglich in der Einsamkeit der Nacht
und der Bettstelle, als die besten Schltiftrunkzubringer zuerst beob-
achtet hat. Wie nämlich Mäzen sich durch Wasserfälle einschläferte
oder wie in den achtziger Jahren der Wunderdoktor Schlippach in der
Schweiz ein besonderes Schlafzimmer hatte, worin alle Kranke ent-
schliefen an den um dasselbe niederrauschenden Strömen: so tragen
wir alle ja ähnliche Wasserfalle in uns, ich meine die Pulsadern-
Springbrunnen und Blutadern-Wasserfälle, welche unaufhörlich
dicht neben unsern Ohrnerven rauschen, und die jeder - sogar am
Tage mit einiger Aufmerksamkeit nach Innen, aber noch lauter in der
Nacht auf dem Kopfkissen - vernehmen kann. Nun auf dieses innere
Rauschen richte ein Beflißner des Wiedereinschlafens recht bestimmt
286
Die Kunst, einzuschlafen
sein Seelenohr; - und er wird mir danken, wenn er erwacht, und es
rühmen, daß er durch mich früher eingeschlafen. Noch trefQicher
wirkt dieses zehnte Mittel ein, wenn man ihm noch das sechste als ein
adjuvans beimischt, was ich in meiner nächtlichen Praxis selten ver-
gesse.
1 1) Das eilfte Einschlafmittel ist irgendeine Historie, die man sich me-
trisch in den freiesten Silbenmaßen vorerzählt. Gewöhnlich nehm'
ich des biblischen Josephs Geschichte dazu und halte damit gut sie-
ben, ja bis zwölf Nächte Haus;
1 2) Kein gemeines Einschlafmittel - sondern vielmehr ein neues und
das zwölfte - ist Buchstabieren unendlich langgestreckter Wörter, wie sie
die Kanzleien des Reichstags, des Bundtags, die wienerischen sämt-
lich, ja die meisten deutschen als höhere bureaux des longitudes uns
hinlänglich zulangen und schenken.
1 3) Das dreizehnte Seelen- und Bett-Laudanum kann jeder gebrau-
chen, er habe so viele Ideen, als er will, oder so wenige oder gar keine.
Ich schäme mich, es aber anzugeben, da es in nichts Geistigerem be-
steht als darin, daß man die fünf Finger, einen nach dem andern,
langsam auf oder unter dem Deckbette auf- und niederbewegt und
fortfährt und daran so lange denkt, bis man, ohne daran zu denken,
an kein Aufheben oder Achtgeben mehr denkt, sondern schnarcht. Es
ist erbärmlich, daß unser Geist so oft der Mitbelehnte des Leibes ist
und besonders hier das Faustrecht der toten Hand und deren Finger-
setzung hat, und daß sein geistiger oder geistlicher Arm in der Arm-
röhre des weltlichen steckt. Schlafdurstige, also Schlaftrunkene, z.B.
Soldaten, Postillione, schlummern im Reiten und Marschieren halb
ein, bloß weil gleiche Bewegungen des Körpers dieselben langweilig-
geistigen, die das Gehirn wenig mehr reizen, in sich schließen. Läßt
man aber den schlafenden Postillion die Pferde abspannen, ein-
ziehen, abschirren und füttern: so wird und bleibt der Mann ganz
wach; bloß weil seine (körperlichen und geistigen) Bewegungen jetzt
immer etwas anderes anzufangen und abzusetzen haben. Der Grund
ist: die Einförmigkeit fehlt. Wenn man in Tangotaboo (nach Förster)
die Großen dadurch einschläfert, daß man lange und linde auf ihrem
Leibe trommelt: so ist der Grund gar nicht von diesem vorletzten Mit-
tel verschieden. Denn das
1 4) ist das letzte. Da die Kunst, einzuschlafen, nichts ist als die Kunst,
sich selber auf die angenehmste Weise Langweile zu machen - denn
im Bette oder Leibe findet man doch keinen andern Gesellschafter als
287
Kommentar
sich so taugt alles dazu, was nicht aufhört und ohne Absätze wie-
derkehrt. Der eine stellt sich auf einen Stern und wirft aus einem Kor-
be voll Blumen eine nach der andern in den Weltabgrund, um ihn
(hofft er) zu füllen; er entschläft aber vorher. Ein anderer stellt sich an
eine Kirchentüre und zählt und sieht die Menge ohne Ende, die her-
auszieht. Ein dritter, z. B. ich selber, reitet um die Erde, eigentlich auf
der Wolkenbergstraße des Dunstkreises, auf der wahren, um uns hän-
genden Bergkette von Riesengebirgen, und reitet (indem er unauf-
hörlich selber das Roß bewegt) von Wolke zu Wolke und zu Pol-Schei-
nen und Nebelfeldern, und dann schwimmt er durch langes Blau und
durch Äquator-Güsse, und endlich sprengt er zum andern Pole wie-
der zu uns herauf - Ein vierter Schlaflustiger setzt irgendeinen Geni-
us bis an den halben Leib in eine lichte Wolke und will ihn mit Rosen
rund umlegen und überdecken, die aber alle in die weiche Wolke un-
tersinken; der Mann läßt indes nicht ab und umblümet weiter - in die
Runde - und immer fort - und die Blumen weichen - und der Genius
ragt - wahrhaftig ich schliefe hier, hielte mich nicht das Schreiben
munter, unter demselben selber ein. So wird uns nun der Schlaf -
dieses schöne Stilleben des Lebens - von allem zugeführt, was einför-
mig so fortgeht. So schlafen Menschen über dem Leben selber ein,
wenn es kaum acht oder neun Jahrzehende gedauert hat. So könnte
sogar dieser muntere Aufsatz den Lesern die Kunst, einzuschlafen,
mitteilen, wenn er ganz und gar nicht aufhörte.
Kommentar
Die Einschlqfregeln, die Jean Paul in seinem Beitrag »Die Kunst,
einzuschlqfen« gibt, erscheinen größtenteils als sinnvoll, wenn sie
auch in einer etwas poetischen bzw. z- T. parodierenden Weise for-
muliert sind.
Gerade bei der Therapie der primären Insomnie, also der nicht durch andere Er-
krankungen bedingten Schlaflosigkeit, spielen verschiedene »diätetische« MqßnaJi-
men (diätetisch im Sinne von Hippokrates als Kunst der Lebensführung) der
Schlqfförderung eine zentrale Rolle. Dazu gehört eine Veränderung der Lebensfüh-
rung in dem Sinne, dass man am Abend vor dem Schlcfengehen ermüdet genug ist
und dass Umgebungsfaktoren, wie die Schlafzimmertemperatur, akustische Bedin-
gungen, Lichtverhältnisse so modifiziert sind, dass sie das Schiefen befördern.
Schließlich gehört dazu auch, dass man sich mit verschiedenen Maßnahmen so
288
Kommentar
»beruhigt«, dass der Schlafiorgang einsetzen kann, bzm. dass man beim nächtli-
chen Wieder aujwachen erneut zum Schlafen kommt.
August Strindberg
Inferno
aus: August Strindberg. Werke. Deutsche Gesamtausgabe. Inferno. Legende.
Deutsch von Emil Schering.
© 1920 ly Georg Müller Verlag, München
Einführung
Der schwedische Schriflsteller Augist Strindberg (1849-1912)
ist als Dramatiker mit der von ihm erstmals verwendeten traumar-
tig assoziativen Stationentechnik einer der Wegbereiter der literari-
schen Moderne. Nach dem Verlust der Mutter im Alter von 13
Jahren (Lungentuberkulose) folgen schwere Vaterkoriflikte. Das Medizinstudium
bricht Strindberg ab und scheitert als Hifslehrer und Schauspielaspirant, was in
einen Suizidversuch mündet. Danach verdirgte sich der Hochsensible als Journalist
und Bibliothekar, hielt sich die meiste ^eit im Ausland auf, lebte in der Schweiz
und in Paris, ehe er 1899 endgültig nach Stockholm zurückkehrte. Die Trennung
von seiner zweiten Frau durchlebte er 1894—1896 als seine Inferno-Krise. Alk
drei Ehen wurden unglücklich geschieden und endeten in einem Desaster. Seine späte
Beschäfligung mit Religion, Theokgjie und Okkultismus antizipierk Grundzüge
des literarischen Expressionismus.
Ju seinen wichtigsten Prosawerken zählen der Roman »Das rok Jimmer« (1879),
der vierteilige autobiographische Romanzyklus »Der Sohn einer Magd«, »Entwick-
lung einer Seele« (1886-1909) sowie der Rottum »Am offenen Meer« (1890).
Gemeinsam ist all dusen Texten an soHaUcritischer Impetus, da dk zeitgenössi-
schen Efahrungen von der En^renzung und Dissoziation des Ich sowu den nicht
atfhebbaren Konflikt zwischen den Geschkchtem thematisiert.
Obgleich lange Jeit als Dichkr der Triebhfftigkeit, des Weiberhasses und Ge-
schkchterkampfes vaschrien, zählen seine Dramen »Da Vater« (1887), »Fräulein
Julie« (1888), »Ein Traumspkl« (1902), »Der Totentanz« (1901) und »Ge-
spenstersonate« (1907) zur Weltlitaatur
Der nachfolgende Text stammt aus dem autobiographischen Roman Inferno
(1897), da Strindbags schwae pychische Krise darstellt, du a zwischen 1894
und 1896 nach der Trennung von sauer zweiten Frau Frida Uhl (seiner schönen
Gefdngniswärterin) in Paris durchlitt. In dem umgearbeiteten Tagebuch wird da
290
Inferno
überreizte Nervenzustand Strindbergs deutlich: übersteigerte Hysterie, belastende
Träume, Angstzustände, Verfolgungswahn, Flucht- und Selbstmordgedanken
wechseln mit religiöser Trostsuche undMetzsches Idee mm Ubermenschentum. Die
Forschung sieht jedoch in der Form der Bearbeitung des Tagebuchs bereits eine
therapeutische Veräußerlichung seines Schuldkomplexes (siehe zur Psychopathologie
Strindbergs: Karl Jaspers: Strindberg und van Gogh, 1922).
Strindberg starb 1912 in Stockholm an Magenkrebs und wurde unter der Anteil-
nahme einer vieltausendköpfigen Trauergemeinde beigesetzt.
Weiterfiihrende Literatur:
Peter Schütze: August Strindberg. Rowohlt 2002
Inferno
August Strindberg hat in einer Lebenskrise das Schreiben
aufgegeben und ist nach Paris gezogen, wo er in wechseln-
den Hotelzimmern chemische Versuche anstellt, in dieser
Ztil befällt ihn ein schwerer Verfolgungswahn, der in der
Vision gipfelt, ein »Unbekannter« attackiere ihn jede Nacht
mit einer »Elektrisiermaschine«. Es dauert lange, bis er
wieder schlafen kann.
Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien
und lassen das Hotel leer.
Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem
Arbeitstisch einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht nie-
mals; er scheint sich hinter der Wand, die uns trennt, mit Schreiben
zu beschäftigen. Seltsam ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurück-
schiebt, wenn ich meinen bewege; dass er meine Bewegungen wieder-
holt, als wolle er mich durch seine Nachahmung necken.
Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung;
wenn ich schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben
meinem Tisch nieder; bin ich aber im Bett, so höre ich, wie er sich in
das andere Zimmer begibt und das Bett neben meinem Bett ein-
nimmt. Ich höre ihn, wie er sich parallel mit mir ausstreckt: er blättert
in einem Buch, löscht dann die I^ampe, holt tief Atem, dreht sich auf
die Seite und schläft ein.
Eine vollständige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem
291
August Strindberg
Tisch. Er bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei
Seiten belagert zu werden.
Abends wage ich aus Furcht nicht mehr an meinem Tisch zu bleiben.
Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich getraue einzuschlafen. Es ist
Nacht, und die Lampe ist angesteckt. Auf der Mauer, meinem Fenster
gegenüber, sehe ich den Schatten einer menschlichen Gestalt sich ab-
zeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wusste es nicht zu sagen, aber der
Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines Weibes. Als ich aufste-
he, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen Geräusch
herabgelassen. Dann höre ich den Unbekannten in das Zimmer ein-
treten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.
Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst
nicht auf sich warten lässt.
Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefühl durch meinen Körper:
ich bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden
benachbarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotzdem
ich Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken
besessen:
- Man tötet mich! Ich will mich nicht töten lassen!
Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korri-
dors zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt,
geheimer Mitschuldiger, gekauft.
Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den
Pensionsvorsteher zu wecken.
Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht für fähig gehalten,
schütze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdünstungen der Che-
mikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer für die Nacht.
Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigeführt hat,
liegt das einzige verfügbare Zimmer unter dem meines Feindes. So-
bald ich allein bin, öffne ich das Fenster und atme die frische Luft
einer sternklaren Nacht ein. Über den Dächern der Rue d' Assas und
der Rue Madame leuchten der große Bär und der Polarstern.
- Gegen Norden also! Omen accipiol
Als ich die Vorhänge des Alkovens zurückziehe, höre ich über mir
meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Ge-
genstand in einen Koffer fallen lässt, dessen Deckel er mit einem
Schlüssel abschließt.
Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.
292
Infirno
Ich erwache; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemacht, und . . .
ich bin aus dem Bett, wie gehoben durch eine Säugpumpe, die mir
das Herz aussaugt. Als ich auf den Füßen bin, trifft eine elektrische
Dusche meinen Nacken und drückt mich zu Boden.
Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und stürze in den Garten
hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.
Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die
Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.
Aber die Haustür ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe
mich im Finstern vorwärts, öffne eine Tür rechts und trete in die Kü-
che, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stoße es um und stehe in tiefster
Dunkelheit.
Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedan-
ken, wenn ich mich täusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in
mein Zimmer zurück.
Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewöl-
be sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.
Eine Krankheit? Unmöglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkogni-
to lüftete. - Ein Attentat? Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen
gesehen habe. Übrigens, hier in diesem Garten, außer Bereich meiner
Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert voll-
kommen normal.
Während ich diese Überlegungen anstelle, höre ich in dem Zimmer,
das an meines stößt, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises
Husten im Zimmer; das darüber liegt. Wahrscheinlich sind es Zei-
chen und sie gleichen genau denen, die ich in der letzten Nacht im
Hotel Orfila gehört hatte.
Ich mache mich an die Glastür des Zimmers im Erdgeschoss, um das
Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.
Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermüdet, sinke ich in
den Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner; ich schlummere
ein, unter den Sternen einer schönen Sommernacht, während die
Stockrosen sich im lauen Juliwind wiegen.
Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde haben
ihr Möglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen
alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Bo-
den untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer
Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tür einer Rumpelkam-
293
At^l Strindberg
mer öffnet, macht ein an sich gleichgültiger Gegenstand einen ent-
mutigenden Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbär, der als Teppich
dient; aber der gähnende Rachen, die drohenden Eckzähne, die fun-
kelnden Augen reizen mich. Warum muss dieses Tier gerade in die-
sem Augenblick dort liegen?
Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den
verhängnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.
Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschäftigt.
Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schläft ruhig.
Endlich schlägt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall
von Anmaßung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, viel-
leicht auch in der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen,
stehe ich auf, öffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich
setze mich an den Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbe-
deckter Brust als Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten her-
aus.
- Hier bin ich, ihr Einfältigen!
Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fühlbar, zuerst
schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge aufge-
stellt habe; aber nicht die Spur einer Abweichung: also keine Elektri-
zität.
Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlägt kräftig; ich wider-
stehe, aber schnell wie ein Blitz erfüllt ein Fluidum meinen Körper,
erstickt mich und saugt an meinem Herzen . . .
Ich stürze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu er-
reichen, wo man mir für den Fall der Not ein provisorisches Bett be-
reitet hat. Da liege ich fünf Minuten und denke nach. Ist es strahlende
Elektrizität? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat. Eine
Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde? Auch
nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum
musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum,
dessen Opfer ich war, anzogen?
Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt,
zwinge ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entla-
dung an, gleich einem Zyklon, reißt mich aus dem Bett, und die Jagd
beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich unter
das Gesims der Türen, vor die Kamine. Überall, überall finden mich
die Furien. Die Seelenangst nimmt überhand, der panische Schre-
cken vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu
294
Inferno
Zimmer fliehe; schließlich flüchte ich mich auf den Balkon, wo ich
mich zusammenkauere.
1 7. September. - Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorf-
kirche dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische
Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Ge-
räusch hervorgebracht.
19. September. - Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein
Dutzend Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen
erinnern. Ich öffne einen großen Koffer; er ist beinahe leer und ent-
hält nur fünf schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbe-
kannt ist; in der Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden.
Wer hat mir diesen Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich
wage nicht danach zu fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.
In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht
und zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit
und zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen.
Ich empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf
mich, ohne mich zu treffen.
An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwär-
tige Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien,
häuslicher und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse,
Mord, Diebstahl, Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die
Schlösser, die Villen, die Hütten bergen Unglückliche aller Art, Bett-
ler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der großen Landstraße
besetzt, zu Füßen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines Märty-
rers kniend.
In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit und
Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um
die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen
Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene
Damen, sogar ein Pfarrer.
Ein junger Mensch besucht mich.
- Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?
- Was ist geschehen?
- Ich weiß es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schre-
cken vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen
aus.
295
Kommentar
-Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?
~ Als ich heute nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich
jemand beim Arm und schüttelte mich.
- Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?
- Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand
gesehen.
-Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.
- Wer ist das?
- Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben Sie Sulfonal, Brom-
kalium, Morphium, Chloral genommen?
- Ich habe alles versucht!
- Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig
schlafen und Sie verlangen von mir ein Mittel. Hören Sie, junger
Mann, ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sün-
der, der Buße tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiun-
gen von einem Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu pre-
digen. Ich habe an Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten,
ich habe Körper an Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich
habe endlich Schlaf und Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie,
wie? Raten Sie?
Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.
- Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!
Kommentar
In der Geschichte von August Strindberg »Inferno« wird von einer
schweren Schlaflosigkeit berichtet, die als Folge psychotischen Erle-
bens aufiritt. Der Erzähler, offenbar Strindberg selbst, berichtet über
einen schweren Verfolgungswahn, der in der Überzeugung gipfelt, ein
Unbekannter attackiere ihn jede Nacht mit einer »Elektrisiermaschine«. Die psycho-
tischen Vorstellungswelten entwickeln sich immer mehr zu einem komplexen syste-
matischen Wahngebilde. Es handelt sich um einen Eall von sekundärer Insomnie
im Rahmen eines psychotischen Erkrankungsprozesses.
296
t
F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
In diesem Großkapitel der ICD- 10 werden mehrere psychische Stö-
rungen zusammengefasst, u.a. Persönlichkeitsstörungen, Störungen
der Impulskontrolle und Störungen der Geschlechtsidentität und se-
xuellen Präferenz. Unter Persönlichkeitsstörungen versteht man tief
verwurzelte, anhaltende und weitgehend stabile Verhaltensmuster,
die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und
soziale Lebenslagen zeigen. Gegenüber der Mehrheit der Bevölke-
rung zeigen sich deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken,
Fühlen und in Beziehung zu anderen. In vielen Fällen gehen diese
Störungen mit persönlichem Leiden und gestörter sozialer Funktions-
fähigkeit einher. Die einzelnen Formen der Persönlichkeitsstörung
werden nach den vorherrschenden Verhaltensmustern klassifiziert:
in paranoide, schizoide, schizotype, dissoziale (meistens wird in
Deutschland dafür der Psychopathie-Begriff verwendet), emotional
instabile, histrionische, anankastische, zwanghafte, ängstlich/vermei-
dende und abhängige/asthenische Persönlichkeitsstörung. Bei allen
Persönlichkcitsslörungen handelt es sich um Extremvarianten der
Normalverteilung von Persönlichkeitszügen, die wiederum zu indivi-
duellen Persönlichkeitslypen zusammengefasst werden können. Die
individuelle Persönlichkeit zeichnet sich durch das Bestehen unter-
schiedlicher Persönlichkeitszüge aus und kann verstanden werden als
ein Muster von charakteristischen Gedanken, Gefühlen und Verhal-
tensweisen, die eine Person von einer anderen unterscheiden und die
über Zeit und Situation fortdauern. Verschiedene Persönlichkeits-
züge können einen Persönlichkeitstyp charakterisieren, wie z.B. die
ängstlich/vermeidende, die abhängig/ asthenische, die zwanghafte,
die emotional instabile, die histrionische Persönlichkeit. Eine starke
Ausprägung eines solchen Persönlichkeitstypus bezeichnet man als
akzentuierte Persönlichkeit, eine noch weitergehende Abweichung
297
F6
von den »normalen« Persönlichkeitstypen als Persönlichkeitsstörung.
Insgesamt ist die Abgrenzung zwischen akzentuierter Persönlichkeit
bzw. Persönlichkeitsstörung zu noch ungestörtem Verhalten nicht
leicht und sehr stark von normativen Vorannahmen abhängig, die in
bestimmten gesellschaftlichen Kontexten unterschiedlich sein kön-
nen.
Eine frühe Persönlichkeitstypologie ist die von Hippokrates (ca. 400 v.
Chr.) entwickelte Temperamendehre, die auf der Basis seiner Humo-
ralpathologie (»Säfte-Lehre«) entstand. Hippokrates unterschied
Sanguiniker (leichtblütig, wechselhafte Stimmung), Melancholiker
(schwerblütig, schwermütig), Choleriker (heftig, leicht erregbar) und
Phlegmatiker (kaltblütig, schwer erregbar). In der Neuzeit wurde die
Persönlichkeitslehre lange Zeit durch das Werk des Tübinger Psychia-
ters Ernst Kretschmer (1888-1964) geprägt. Er entwarf eine so ge-
nannte Konstitutionslehre. Darin wurden drei Körperbautypen von-
einander unterschieden, die eine biologisch determinierte Beziehung
zu jeweils bestimmten psychischen Krankheitsformen aufweisen soll-
ten:
Pykniker: breitwüchsiger, gedrungener Körperbau »zyklo-
thymes« Temperament, Neigung zu affektiven Beschwer-
den
Leptosomer Typ: schmal, Neigung zu »Schizothymie« (In-
trovertiertheit mit Nähe zur Schizophrenie)
Athletischer Typ: breitschultrig, muskulös, besondere Affi-
nität zu Epilepsie
Eine den heutigen Ansichten schon sehr nahe stehende Auffassung
zur Persönlichkeitslehre wurde durch Kurt Schneider (1887-1967)
dargestellt. Nach seiner Ansicht beruht die Abnormität der Persön-
lichkeit nicht auf einem Krankheitsvorgang, sondern bezieht sich auf
»Abweichungen von einer uns vorschwebenden Durchschnittsbreite
von Persönlichkeiten«. Dem entsprechend wurden abnorme Persön-
lichkeiten von ihm als Extremvarianten einer bestimmten Wesensart
aufgefasst. Von Kurt Schneider wurden folgende Formen der abnor-
men Persönlichkeit unterschieden: Hyperthymisch, depressiv, selbst-
unsicher, fanatisch, geltungsbedürftig, stimmungslabil, gemüdos und
asthenisch. Persönlichkeitsstörungen haben eine komplexe Genese.
Der Mensch ist immer mehr als d^is Produkt von Anlagen und Um-
welt. Er ist immer auch das, was er selbst aus den Anlagen und Um-
298
F6
Welteinflüssen macht. Hinsichtlich der detaillierten Ätiopathogenese
gibt es, je nach Schulrichtung unterschiedliche Vorstellungen, die
mehr psychologische oder mehr biologische Aspekte in den Vorder-
grund stellen.
Zu den Störungen der ImpulskontroUe gehören das pathologische
Stehlen (Kleptomanie), die pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
und das pathologische Spielen. Diese Erkrankungen weisen große
Überschneidungen zu den nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten
auf. Das gemeinsame Merkmal dieser Störungen ist das wiederholte,
vollständige oder teilweise Versagen der (willentlichen) Beherrschung
eines Wunsches oder Antriebs (Impuls). Durch das daraus resultieren-
de Verhalten kommt es meist zur Schädigung der eigenen Person
oder anderer. Die Störungen beziehungsweise der Verlust der Impuls-
kontrolle ist nicht in jedem Fall eine eigenständige psychische Stö-
rung, sondern kommt als Symptom auch bei anderen psychischen Er-
krankungen vor. Die heute noch gebräuchlichen Bezeichnungen für
einzelne Störungen der Impulskontrolle (Kleptomanie, Pyromanie)
gehen auf das Konzept der so genannten (instinktiven) Monomanien
zurück, das besonders in der französischen Psychiatrie des 19. Jahr-
hunderts vertreten wurde. Dieser Bezeichnung lag die Vorstellung
zugrunde, dass die Psyche nur in einem Punkt krankhaft verändert
sei, während Urteilsvermögen und affektive (gefühlsmäßige) Schwin-
gungsfähigkeit ansonsten erhalten bleiben. Zeitweise wurden über
100 verschiedene Formen von Monomanien in dem so definierten
Sinne beschrieben. Anklänge an diese Begriffsdefmition finden sich
noch heute in der umgangssprachlichen Verwendung, wonach eine
etwas übertriebene Leidenschaft für einen bestimmten Gegenstand
oder seltsame Gewohnheiten als »Manie« bezeichnet werden.
Als Störungen der Geschlechtsidentität bezeichnet man eine tiefe
Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht sowie den dringenden
und anhaltenden Wunsch, die Rolle des anderen Geschlechts teilwei-
se oder vollständig anzunehmen. Dazu gehören der Transsexualis-
mus, also der Wunsch, als Angehöriger des anderen anatomischen
Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden, sowie der Transvesti-
tismus, also die Vorliebe für das Tragen der jeweils gegengeschlechtli-
chen typischen Kleidung. Als Störungen der sexuellen Präferenz, im
allgemeinen Sprachgebrauch auch als »sexuelle Perversion« bezeich-
net, versteht man weitgehend fixierte Formen der Erlangung sexuel-
299
F6
1er Befriedigung, die an außergewöhnliche Bedingungen geknüpft
sind. Dazu gehören u.a. der Fetischismus, der Exhibitionismus, der
Voyeurismus sowie der Sadomasochismus.
300
Heinrich von Kleist
Michael Kohlhaas
aus: Heinrich von Kleist. Die Erzählungen.
Mit einer Einleitung von Thomas Mann.
© 1956 by S. Fischer Verlag GmbH, Franl^rt am Main
Einführung
Heinrich von Kleist (1 777-1811) blieb sein Lebtag ein Außen-
seiter. Weder wollte er die preußische Offizierstradition seiner Fa-
milie fortsetzen, noch gelang es ihm, eine solide bürgerliche Exis-
tenz aufzubauen. Sein Studium (Mathematik, Physik, Jura,
Volkswirtschaft) brach er ebenso ab wie seine Tätigkeiten in der Berliner und Kö-
nigsberger Finanzverwaltung, .sane Dramen (»Penthesilea», 1 808; »Käthchen von
Heilbronn», 1810; »Der zerbrochene Krug», 1811; »Prinz Friedrich von Hom-
burg<, 1821) fielen durch, die Novellen erzielten besterfalls Achtungserfolge. Den
literarischen Zeitgenossen war er zu experimentell und zu radikal, mit seinen The-
men von Missverständnissen und zerbrechenden familiären und gesellschaftlichen
Ordnungen sowie seiner subtilen Ironie passte er weder in die Klassik noch in die
Romantik. Dazu kamen private Niederlagen in Liebesbeziehungen: zwei Ehen
scheiterten. Verarmt und verkmmt nahm sich Kleist im Alter von erst 34 Jahren
zusammen mit seiner Geliebten Henriette Vogel 181 1 am Wannsee bei Berlin das
Leben. In seinem Abschiedsbrief schreibt er: »Die Wahrheit ist, dass mir auf Er-
den nicht zu helfen war.»
Kleists bekannteste und zugleich bedeutendste Novelle »Michael Kohlhaas« (1810)
basiert auf einer realen Geschichte eines Hans Kahlhase, vermerkt in der Maercki-
schen Chronik (um 1595). Erzählt wird von einem Iferdehändler, der aus einem
gekränkten Rechtsgefühl heraus derart hartnäckig um sein Recht kämpft, bis er
dabei alle Grenzen der Vernuriß überschreitet, ins Maßlose des Unrechts gerät und
brandschatzend das Land überzieht, ehe er aufs Rad geflochten wird.
Die literarische Vielschichtigkeit des Textes provozierte zu vielfältigen, z-T hetero-
genen Deutungen aus recktsphilosophischer, rechtshistorischer, religiöser, sozialkriti-
scher, ideologiekritischer und nicht zuletzt psychologischer Sicht. Die Novelle wurde
insbesondere von der 68er Generation neu rezipiert, am überzeugendsten in dem
Roman »Kohlhaas« von Elisabeth Plessen (1979). Unter dem Titel »Michael
301
Heinrich von Kleist
Kohlhaas - Der Rebelh wurde Kleists Novelle 1969 von Volker Schlöndorff ver-
filmt.
In Peters’ Lexikon »Psychiatrie« (2000) wird die (literarische und historische) Fi-
gur Kohlhaas ab »Paradigma des Kampfparanoikers« bezeichnet.
Wüterfiihrende Literatur:
Günter Hagedorn: Heinrich von Kleist. Michael Kohlhaas. Erläuterungen und
Dokumente. Reclam 2003
Michael Kohlhaas
Unter diesen Umständen übernahm der Doktor
Martin Luther das Geschäft, den Kohlhaas,
durch die Kraft beschwichtigender Worte, von
dem Ansehn, das ihm seine Stellung in der Welt
gab, unterstützt, in den Damm der menschlichen
Ordnung zurückzudrücken, und auf ein tüchti-
ges Element in der Brust des Mordbrenners bau-
end, erließ er ein Plakat folgenden Inhalts an ihn,
das in allen Städten und Flecken des Kurfürsten-
tums angeschlagen ward:
»Kohlhaas, der du dich gesandt zu sein vorgibst, das Schwert der
Gerechtigkeit zu handhaben; was unterfängst du dich, Vermessener,
im Wahnsinn stockblinder Leidenschaft, du, den Ungerechtigkeit
selbst, vom Wirbel bis zur Sohle, erfüllt? Weil der Landesherr dir, dem
du untertan bist, dein Recht verweigert hat, dein Recht in dem Streit
um ein nichtiges Gut, erhebst du dich. Heilloser, mit Feuer und
Schwert und brichst, wie der Wolf der Wüste, in die friedliche Ge-
meinheit, die er beschirmt. Du, der die Menschen mit dieser Angabe,
voll Unwahrhaftigkeit und Arglist, verführt: meinst du, Sünder, vor
Gott dereinst, an dem Tage, der in die Falten aller Herzen scheinen
wird, damit auszukommen? Wie kannst du sagen, daß dir dein Recht
verweigert worden ist, du, dessen grimmige Brust, vom Kitzel schnö-
der Selbstrache gereizt, nach den ersten, leichtfertigen Versuchen, die
dir gescheitert, die Bemühung gänzlich aufgegeben hat, es dir zu ver-
schaffen? Ist eine Bank voll Gerichtsdienern und Schergen, die einen
Brief, der gebracht wird, unterschlagen oder ein Erkenntnis, das sie
abliefern sollen, zurückhalten, deine Obrigkeit? Und muß ich dir sa-
302
Michael KohUmas
gen, Gottvergessener, daß deine Obrigkeit von deiner Sache nichts
weiß ~ was sag ich? daß der Landesherr, gegen den du dich auflehnst,
auch deinen Namen nicht kennt, dergestalt, daß, wenn dereinst du
vor Gottes Thron trittst, in der Meinung, ihn anzuklagen, er, heiteren
Antlitzes, wird sprechen können: diesem Mann, Herr, tat ich kein Un-
recht, denn sein Dasein ist meiner Seele fremd? Das Schwert, wisse,
das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust, ein Re-
bell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes, und dein Ziel auf
Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die Verdammnis, die über die
Missetat und die Gottlosigkeit verhängt ist.
Wittenberg, usw. Martin Luther.«
Kohlhaas wälzte eben auf dem Schlosse zu Lützen einen neuen Plan,
Leipzig einzuäschern, in seiner zerrissenen Brust herum - denn auf
die in den Dörfern angeschlagene Nachricht, daß der Junker Wenzel
in Dresden sei, gab er nichts, weil sie von niemand, geschweige denn
vom Magistrat, wie er verlangt hatte, unterschrieben war -, als Stern-
bald und Waldmann das Plakat, das zur Nachtzeit an den Torweg des
Schlosses angeschlagen worden war, zu ihrer großen Bestürzung be-
merkten. Vergebens hofften sie durch mehrere Tage, daß Kohlhaas,
den sie nicht gern deshalb antreten wollten, es erblicken würde; fin-
ster und in sich gekehrt, in der Abendstunde, erschien er zwar, aber
bloß um seine kurzen Befehle zu geben, und sah nichts; dergestalt,
daß sie an einem Morgen, da er ein paar Knechte, die in der Gegend
wider seinen Willen geplündert hatten, aufknüpfen lassen wollte, den
Entschluß faßten, ihn darauf aufmerksam zu machen. Eben kam er,
während das Volk von beiden Seiten schüchtern auswich, in dem Auf-
zuge, der ihm seit seinem letzten Mandat gewöhnlich war, von dem
Richtplatz zurück: ein großes Cherubsschwert, auf einem rotleder-
nen Kissen, mit Quasten von Gold verziert, ward ihm vorangetragen,
und zwölf Knechte mit brennenden Fackeln folgten ihm; da traten
die beiden Männer, ihre Schwerter unter dem Arm, so, daß es ihn
befremden mußte, um den Pfeiler, tm welchem das Plakat angeheftet
war, herum. Kohlhaas, als er, mit auf dem Rücken zusammengeleg-
ten Händen, in Gedanken vertieft, unter das Portal kam, schlug die
Augen auf und stutzte; und da die Knechte bei seinem Anblick ehrer-
bietig auswichen: so trat er, indem er sie zerstreut ansah, mit einigen
raschen Schritten an den Pfeiler heran. Aber wer beschreibt, was in
seiner Seele vorging, als er das Blatt, dessen Inhalt ihn der Ungerech-
303
Heinrich von Kleist
tigkeit zieh, daran erblickte: unterzeichnet von dem teuersten und
verehrungswürdigsten Namen, den er kannte, von dem Namen Mar-
tin Luthers! Eine dunkle Röte stieg in sein Antlitz empor; er durchlas
es, indem er den Helm abnahm, zweimal von Anfang bis zu Ende;
wandte sich, mit ungewissen Blicken, mitten unter die Knechte zu-
rück, als ob er etwas sagen wollte, und sagte nichts; löste das Blatt von
der Wand los, durchlas es noch einmal und rief: »Waldmann! laß mir
mein Pferd satteln!«, sodann: »Sternbald! folge mir ins Schloß!«, und
verschwand. Mehr als dieser wenigen Worte bedurfte es nicht, um ihn
in der ganzen Verderblichkeit, in der er dastand, plötzlich zu entwaff-
nen. Er warf sich in die Verkleidung eines thüringischen Landpäch-
ters; sagte Sternbald, daß ein Geschäft von besonderer Wichtigkeit
ihn nach Wittenberg zu reisen nötige; übergab ihm in Gegenwart ei-
niger der vorzüglichsten Knechte die Anführung des in Lützen zu-
rückbleibenden Haufens und zog unter der Versicherung, daß er in
drei Tagen, binnen welcher Zeit kein Angriff zu fürchten sei, wieder
zurück sein werde, nach Wittenberg ab.
Er kehrte unter einem fremden Namen in ein Wirtshaus ein, wo er,
sobald die Nacht angebrochen war, in seinem Mantel und mit einem
Paar Pistolen versehen, die er in der Tronkenburg erbeutet hatte, zu
Luthern ins Zimmer trat. Luther, der unter Schriften und Büchern an
seinem Pulte saß und den fremden, besonderen Mann die Tür öffnen
und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: wer er sei und was er wolle,
und der Mann, der seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte
nicht so bald, mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den
er verursachen würde, erwidert: daß er Michael Kohlhaas, der Roß-
händler, sei, als Luther schon: »Weiche fern hinweg!« ausrief und,
indem er, vom Pult erstehend, nach einer Klingel eilte, hinzusetzte:
»Dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!« Kohlhaas, indem
er, ohne sich vom Platz zu regen, sein Pistol zog, sagte: »Hochwürdi-
ger Herr, dies Pistol, wenn Ihr die Klingel rührt, streckt mich leblos zu
Euren Füßen nieder! Setzt Euch und hört mich an; unter den Engeln,
deren Psalmen Ihr aufschreibt, seid Ihr nicht sicherer als bei mir.«
Luther, indem er sich niedersetzte, fragte: »Was willst du?« Kohlhaas
erwiderte: »Eure Meinung von mir, daß ich ein ungerechter Mann
sei, widerlegen! Ihr habt mir in Eurem Plakat gesagt, daß meine Ob-
rigkeit von meiner Sache nichts weiß: wohlan, verschafft mir freies
Geleit, so gehe ich nach Dresden und lege sie ihr vor.« - »Heilloser
und entsetzlicher Mann!« rief Luther, durch diese Worte verwirrt zu-
304
Michael Kohlhaas
gleich und beruhigt: »wer gab dir das Recht, den Junker von Tronka,
in Verfolg eigenmächtiger Rechtsschlüsse, zu überfallen und, da du
ihn auf seiner Burg nicht fandst, mit Feuer und Schwert die ganze
Gemeinschaft heimzusuchen, die ihn beschirmt?« Kohlhaas erwider-
te: »Hochwürdiger Herr, niemand, fortan! Eine Nachricht, die ich
aus Dresden erhielt, hat mich getäuscht, mich verführt! der Krieg,
den ich mit der Gemeinheit der Menschen führe, ist eine Missetat,
sobald ich aus ihr nicht, wie Ihr mir die Versicherung gegeben habt,
verstoßen war!« »Verstoßen!« rief Luther, indem er ihn ansah.
»Welch eine Raserei der Gedanken ergriff dich? Wer hätte dich aus
der Gemeinschaft des Staats, in welchem du lebtest, verstoßen? Ja, wo
ist, solange Staaten bestehen, ein Fall, daß jemand, wer es auch sei,
daraus verstoßen worden wäre?« - »Verstoßen«, antwortete Kohl-
haas, Indem er die Hand zusammendrückte, »nenne ich den, dem der
Schutz der Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen
meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich
mich mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft
flüchte; und wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den Wilden der
Einöde hinaus; er gibt mir, wie wollt Ihr das leugnen, die Keule, die
mich selbst schützt, in die Hand.« - »Wer hat dir den Schutz der Ge-
setze versagt?« rief Luther. »Schrieb ich dir nicht, daß die Klage, die
du eingereicht, dem Landesherrn, dem du sie eingereicht, fremd ist?
Wenn Staatsdiener hinter seinem Rücken Prozesse unterschlagen
oder sonst seines geheiligten Namens, in seiner Unwissenheit, spot-
ten: w'er anders als Gott darf ihn wegen der Wahl solcher Diener zur
Rechenschaft ziehen, und bist du, gottverdammter und entsetzlicher
Mensch, befugt, ihn deshalb zu richten?« - »Wohlan«, versetzte
Kohlhaas, »wenn mich der Landesherr nicht verstößt, so kehre ich
auch wieder in die Gemeinschaft, die er beschirmt, zurück. Verschafft
mir, ich wiederhol“ cs, freies Geleit nach Dresden: so lasse ich den
Haufen, den ich im Schloß zu Lützen versammelt, auseinandergehen
und bringe die Klage, mit der ich abgewiesen worden bin, noch ein-
mal bei dem Tribunal des Landes vor.« - Luther, mit einem verdrieß-
lichen Gesicht, warf die Papiere, die auf seinem Tische lagen,
übereinander und schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser Mensch
im Staat einnahm, verdroß ihn; und den Rechtsschluß, den er von
Kohlhaasenbrück aus an den Junker erlassen, erwägend, fragte er:
was er denn \ on dem Tribunal zu Dresden verlange? Kohlhaas ant-
wortete: »Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gemäß; Wiederher-
305
Heinrich von Kleist
Stellung der Pferde in den vorigen Stand; und Ersatz des Schadens,
den ich sowohl als mein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse durch
die Gewalttat, die man an uns verübte, erlitten.« - Luther rief: »Er-
satz des Schadens! Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen,
auf Wechseln und Pfändern, hast du, zur Bestreitung deiner wilden
Selbstrache, aufgenommen. Wirst du den Wert auch auf der Rech-
nung, wenn es zur Nachfrage kommt, ansetzen?« -
»Gott behüte!« erwiderte Kohlhaas. »Haus und Hof und den Wohl-
stand, den ich besessen, fordere ich nicht zurück; so wenig als die
Kosten des Begräbnisses meiner Frau! Hersens alte Mutter wird eine
Berechnung der Heilkosten und eine Spezifikation dessen, was ihr
Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen; und den Schaden,
den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung
durch einen Sachverständigen abschätzen lassen.« - Luther sagte:
»Rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher Mensch!« und sah ihn
an. »Nachdem dein Schwert sich an dem Junker Rache, die grimmig-
ste, genommen, die sich erdenken läßt: was treibt dich, auf ein
Erkenntnis gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn es zuletzt
fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit nur trifft?«
- Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Träne über die Wangen rollte:
»Hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas wiU
der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekom-
men ist. Fügt Euch in diesen Stücken meinem Willen und laßt den
Gerichtshof sprechen; in allem anderen, was sonst noch streitig sein
mag, füge ich mich Euch.« - Luther sagte: »Schau her, was du for-
derst, wenn anders die Lfmstände so sind, wie die öffentliche Stimme
hören läßt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigenmäch-
tig zur Selbstrache geschritten, zu des Landesherrn Entscheidung zu
bringen gewußt, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt
vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht, alles wohl erwo-
gen, besser getan, du hättest, um deines Erlösers wiUen, dem Junker
vergeben, die Rappen, dürre und abgehärmt, wie sie waren, bei der
Hand genommen, dich aufgesetzt und zur Dickfütterung in deinen
Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten?« - Kohlhaas antwortete:
»Kann sein!«, indem er ans Fenster trat; »kann sein, auch nicht! Hätte
ich gewußt, daß ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau
würde auf die Beine bringen müssen: kann sein, ich hätte getan, wie
Ihr gesagt, hochwürdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht ge-
scheut! Doch weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind,
306
Mkfmel Kohlhaas
r
so habe es denn, meine ich, seinen Lauf: laßt das Erkenntnis, wie es
mir zukömmt, sprechen und den Junker mir die Rappen auffüttern.«
Luther sagte, indem er unter mancherlei Gedanken wieder zu
seinen Papieren griff: er wolle mit dem Kurfürsten seinethalben in
Unterhandlung treten. Inzwischen möchte er sich auf dem Schlosse
zu Lützen still halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so
werde man es ihm auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt-
machen. - »Zwar«, fuhr er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine
Hand zu küssen, »ob der Kurfürst Gnade für Recht ergehen lassen
wird, weiß ich nicht; denn einen Heerhaufen, vernehm' ich, zog er
zusammen und steht im Begriff, dich im Schlosse zu Lützen aufzu-
heben: inzwischen, wie ich dir schon gesagt habe, an meinem Bemü-
hen soll cs nicht liegen.« Und damit stand er auf und machte Anstalt,
ihn zu entlassen. Kohlhaas meinte, daß seine Fürsprache ihn über
diesen Punkt völlig beruhige; worauf Luther ihn mit der Hand grüß-
te, jener aber plötzlich ein Knie vor ihm senkte und sprach: er habe
noch eine Bitte auf seinem Herzen. Zu Pfingsten nämlich, wo er an
den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die Kirche, dieser sei-
ner kriegerischen Unternehmung wegen, versäumt; ob er die Gewo-
genheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung seine Beichte zu
empfangen und ihm, zur Auswechselung dagegen, die Wohltat des
heiligen Sakraments zu erteilen? Luther, nach einer kurzen Be-
sinnung, indem er ihn scharf ansah, sagte: »Ja, Kohlhaas, das will ich
tun! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind. -
Willst du«, setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu, »dem Junker,
der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben, nach der Tronkenburg
gehen, dich auf deine Rappen setzen und sie zur Dickfütterung nach
Kohlhaasenbrück heimreiten?« - »Hochwürdiger Herr«, sagte Kohl-
haas errötend, indem er seine Hand ergriff - »Nun?« -, »der Herr
auch vergab allen seinen Feinden nicht. Laßt mich den Kurfürsten,
meinen beiden Herren, dem Schloßvogt und Verwalter, den Herren
Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben
mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann, nötigen, daß er
mir die Rappen wieder dickfüttere.« - Bei diesen Worten kehrte ihm
Luther, mit einem mißvergnügten Blick, den Rücken zu und zog die
Klingel. Kohlhaas, während, dadurch herbeigerufen, ein Famulus
sich mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich
die Augen trocknete, vom Boden auf; und da der Famulus vergebens,
weil der Riegel vorgeschoben war, an der Türe wirkte, Luther aber
307
Kommmtar
sich wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte; so machte Kohl-
haas dem Mann die Türe auf. Luther, mit einem kurzen, auf den
fremden Mann gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus: »Leuch-
te!«, worauf dieser, über den Besuch, den er erblickte, ein wenig be-
fremdet, den Hausschlüssel von der Wand nahm und sich, auf die
Entfernung desselben wartend, unter die halboffene Tür des Zim-
mers zurückbegab. - Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt
zwischen beide Hände nahm: »Und so kann ich, hochwürdigster
Herr, der Wohltat, versöhnt zu werden, die ich mir von Euch erbat,
nicht teilhaftig werden?« Luther antwortete kurz: »Deinem Heiland,
nein! dem Landesherrn - das bleibt einem Versuch, wie ich dir ver-
sprach, Vorbehalten!« und damit winkte er dem Famulus, das Ge-
schäft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren Aufschub abzumachen.
Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher Empfindung, seine
beiden Hände auf die Brust; folgte dem Mann, der ihm die Treppe
hinunter leuchtete, und verschwand.
Kommentar
Der von Heinrich von Kleist geschilderte »Michael Kohlhaas« wird
als Prototyp der querulatorischen Persönlichkeitsstörung beschrieben.
Der Begriff der Persönlichkeitsstörung kennzeichnet Persönlichkei-
ten mit einer extremen Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerk-
male, welche im Allgemeinen zu Störungen und Beeinträchtigungen fihren. Es
handelt sich dabei um andauernde, situationsübergreifende Persönlichkeitseigen-
schqften, die bereits in der Jugendzeit oder dem frühen Erwachsenenalter erkennbar
werden. Die Betroffenen leiden entweder an sich selber oder die Gesellschaft leidet
an ihrer Abnormität. Es bestehen fließende Übergänge von bestimmten, noch im
Normbereich anzusiedelnden Persönlichkeitsausprägungen bzw. Charaktereigen-
schaften und den Persönlichkeitsstörungen. Die Definition der Persönlichkeitsstö-
runggeht vor allem von den sozialen Auswirkungen, der beeinträchtigten Selbstver-
wirklichung und/ oder dem persönlichen Leidensdruck aus.
Bei der in der traditionellen Symptomatologie als querulatorisch /fanatisch be-
schriebenen Persönlichkeit handelt es sich um rechthaberische Menschen, die meist
sehr selbstbewusst und expansiv sind, durch Feldschläge nicht belehrbar sind und
ihre meist überwertigen Ideen der Umwelt aufzwingen wollen. Bei kleineren Rück-
schlägen oder Benaehtäligungen können sie meist einen unverhältnismäßigen
Kampf gegen die gesamte Welt beflnnen.
308
Kommentar
r
Schon in der traditionellen Psychopathologie gab es von der querulatorischen Per-
sönlichkeit enge Überlappungen mit der paranoiden Persönlichkeit, die durch starke
Empfindlichkät gegenüber Misserfolgen oder vermeintlichen Demütigungen ge-
kennzeichnet ist, wobei hier eine Tendenz besteht, neutrale oder sonstige Handlun-
gen anderer als feindlich oder verächtlich zu missdeuten.
In der ICD- 1 0 wird beides unter dem Konzept dn »paranoiden Persönlichkeitsstö-
rung« zusammengefasst. Die wesentlichen Merkmale dafür sind ein ausgeprägtes
Misstrauen, übertriebene Empfindlichkeit und ein rigides und streitsüchtiges Be-
harren auf vermeintlichen eigenen Rechten. Eher unbedeutende Erlebnisse werden
als feindselige Handlungen und gegen die eigene Person gerichtet missdeutet. Sie
werden zornig und mit anhaltendem Groll beantwortet. Richtet sich die situations-
angemessene Reaktion auf eine überwertige Idee, so spricht man auch von fanati-
scher Persönlichkeit. Steht der Kampf gegen ein wirkliches oder vermeintliches Un-
recht im Mittelpunkt, wird auch von querulatorischer Persönlichkeit gesprochen.
Diese Begriffe tauchen in der ICD- 10 aber nur noch als Unterbegriffe zur parano-
iden Persönlichkeitsstörung auf.
309
Graham Greene
Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben-Party
aus: Graham Greene. Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben-Partji. Roman.
Aus dem Englischen von Peter Michael und Hans W. Polak.
© 1980 by Paul ^solnay Verlag, Wien
Einführung
Über kaum einen zeitgenössischen Autor ist mehr geschrieben wor-
den, von kaum einem weiß man weniger: Der englische Schriftstel-
ler Graham Greene (1904-1991) gehört mit seinem umfangrei-
chen, weltweit millionerfach aufgelegten Werk zu jenen Autoren,
denen der Nobelpreis zu Unrecht verweigert wurde. Seine Romane erreichten nicht
zuletzt aufgrund zahlreicher Vefilmungen (z- B. »Der dritte Mann«; »Die Stunde
der Komödianten«; »Der Honorarkonsul«; »Unser Mann in Havannas:; »Der stille
Amerikaner«) eine ungeheure Popularität.
Sein Biograph Michael Shelden (»Graham Greene. The Man Within«, 1994)
beschreibt Greene als Menschen mit einer »^extravaganten Phantasie und einer lei-
denschaftlichen Illoyalität«. Zeitlebens hat der weitgereiste und stets polyglotte, sich
inmitten internationaler Krisenherde bewegende Greene mehr von seinem Leben ver-
schleiert, als er in seinen Romanen preisgibt: seine anhaltenden Depressionen und
Suizidgefdhrdungen, die latente Neigung zur Homosexualität, Experimente mit
Drogen, die Faszination Alkohol, ausschwefende Liebesabenteuer.
Die jahrzehntelange Agententätigkeit rechfertigte Greene mit der Begründung, der
britische Geheimdienst sei »das beste Reisebüro der Welt«. Auch den Katholizis-
mus, als dessen globaler literarischer Repräsentant er lange missverstanden wurde,
hat der Agent und Autor nie ernst genommen, zumal er bekannte, er sei nur deshalb
konvertiert, um sich leichter einer jungen Katholikin nähern zu können. Die kom-
plexe und stets gfährdete eigene Psyche offenbart Graham Greene in seinen auto-
biographischen Aufzeichnungen »A Sort of Life» (1971, dt.: »Eine Art Lxben«,
2004) sowie in seinem Traumjournal »In meiner eigenen WelU< (1995).
In dem Roman »Doktor Fischer aus Genf oder Die Bomben-Party» (1980) er-
weist sich Graham Greene als GeseUschqßskritiker mit beißendem Sarkasmus, der
mit den psychologisch subtilen Mitteln des tiefschwarzen Humors die Welt der
raffgierigen und habsüchtigen Rüchen (The beautijul People) geißelt, die ohne
310
Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben-Party
Skrupel bereit sind, sich für Platinuhren und Millionenschecks von dem satanisch
zynischen und menschenverachtenden Genfer Krösus Doktor Fischer auf dessen
exklusiven Partys demütigen zu lassen.
Graham Greene starb 1991 in Vevey über dem Genfer See. Die Todesursache ist -
nach Schweizer Recht - der Öffentlichkeit unzugänglich. Beschrieben wird aller-
dings eine Krankheit des Blutes, bei der das Knochenmark nicht mehr genügend rote
Blutkörperchen produziert. Der Biograph Shelden meint: »Leukämie war es nicht.«
Weiterfihrende Literatur:
Michael Shelden: Graham Greene. Eine Biographie. Steidl 1995
Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben-Party
Der übellaunige Diener, den nie wiederzusehen
ich gehofft hatte, öffnete mir die Tür. Fünf kost-
spielige Autos rekelten sich auf dem Zufahrtsweg
zur Villa, zwei davon mit Chauffeur, und ich
spürte, wie er meinen kleinen Fiat 500 mit Ge-
ringschätzung musterte. Dann betrachtete er
meinen Anzug, und seine Augenbrauen schossen
hinauf. »Wie ist Ihr Name?« fragte er, obwohl ich
überzeugt war, daß er sich ganz gut erinnern
konnte. Er sprach Englisch mit einem leichten Vorstadtakzent. Meine
Nationalität konnte er also nicht vergessen haben.
»Jones«, sagte ich,
»Dr, Fischer ist beschäftigt.«
»Er erwartet mich«, sagte ich.
»Dr, Fischer speist heute mit Freunden.«
»Zufällig speise ich auch mit ihm.«
»Haben Sie eine Einladung?«
»Natürlich habe ich eine.«
»Bitte zeigen Sie die Karte vor.«
»Geht leider nicht. Ich habe sie zu Hause gelassen.«
Er knurrte etwas, aber seine Selbstsicherheit war erschüttert, das sah
ich. Ich sagte: »Dr. Fischer würde kaum schätzen, daß ein Platz bei
Tisch unbesetzt bliebe. Vielleicht fragen Sie ihn doch lieber.«
»Wie, sagten Sie, war Ihr Name?«
»Jones.«
311
Graham Greene
»Folgen Sie mir.«
Ich marschierte hinter seiner weißen Jacke her, durch die Halle und
die Stiegen hinauf. Auf dem Treppenabsatz drehte er sich zu mir um
und sagte: »Wenn Sie mich angelogen haben . . . wenn Sie nicht einge-
laden waren . . . « Mit den Fäusten machte er eine Bewegung wie ein
Boxer beim Sparring.
»Wie heißen Sie?« fragte ich.
»Was kümmert Sie das?«
»Ich möchte nur dem Doktor mitteilen, wie Sie seine Freunde begrü-
ßen.«
»Freunde«, sagte er. »Er hat keine Freunde. Ich sag es Ihnen noch
einmal, wenn Sie nicht eingeladen sind . . .«
»Ich bin eingeladen.«
Wir gingen nicht in die Richtung zum Arbeitszimmer, wo ich Dr. Fi-
scher zuletzt gesehen hatte, sondern in die entgegengesetzte, und er
stieß eine Tür auf »Mr. Jones«, grunzte der Mensch, und ich trat ein.
Da standen sie alle, die Kriechtiere, und starrten mich an. Die Herren
trugen Smoking und Mrs. Montgomery ein Abendkleid.
»Kommen Sie rein, Jones«, sagte Dr. Fischer. »Sie können servieren.
Albert, sobald alles fertig ist.«
Der Tisch war kostbar gedeckt: Im Schliff der Kristallgläser blitzte
das Licht des Lüsters, selbst die Suppenteller sahen teuer aus. Ich war
ein bißchen überrascht, sie vorzufinden - schließlich war es nicht die
Jahreszeit für kalte Suppen. »Das ist Jones, mein Schwiegersohn«,
sagte Dr. Fischer. »Seien Sie nachsichtig wegen seines Handschuhs.
Die Hand darunter ist verkrüppelt. Mrs. Montgomery, Mr. Kips,
Monsieur Beimont, Mr. Richard Deane, Divisionär Krueger.« (Ihm
wäre nicht eingefallen, Krueger einen falschen Titel zu geben.) Ich
spürte, daß mir Schwaden von Feindseligkeit entgegenströmten wie
Tränengas. Warum wohl? Vielleicht meines dunklen Anzugs wegen.
Ich war ein Eindringling in ihrem exklusiven Zirkel, ein Straßenköter
unter Rassehunden.
»Ich bin Monsieur Jones schon begegnet«, meldete sich Beimont wie
ein Zeuge der Anklage, der den Beschuldigten identifizierte.
»Ich auch«, sagte Mrs. Montgomery, »ganz kurz.«
»Jones ist ein bedeutender Sprachgelehrter«, erklärte Dr. Fischer. »Er
übersetzt Briefe über Pralinen«, und dabei dämmert mir, daß er bei
meinem Arbeitgeber Erkundigungen über mich eingezogen haben
mußte. «Hier, Jones, bei unseren kleinen Parties, ist Englisch die Um-
312
Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben- Party
gangssprache, weil Richard Deane, obwohl er als großer Star gilt, kei-
ne andere Sprache spricht, obwohl er sich manchmal an eine Art
Französisch wagt, sobald er bezecht ist - frühestens nach dem dritten
Glas. Das Französisch, das Sie von ihm am Fernsehschirm hören kön-
nen, ist synchronisiert.«
Alle lachten wie auf ein Stichwort, ausgenommen Deane, der freud-
los lächelte. »Wenn er einen oder zwei Drinks intus hat, vermag er
sogar den Falstaff zu spielen, nur fehlen ihm dazu der Humor und
das Gewicht. Letzteren Mangel werden wir uns heute abend bemü-
hen zu mildern. Was den Humor anlangt, sind wir leider überfordert.
Sie werden fragen, was dann noch bleibt. Nur sein rasch dahin-
schwindendes Renommee bei Frauen und Teenagern. Kips, Sie se-
hen aus, als amüsierten Sie sich nicht. Paßt Ihnen etwas nicht? Viel-
leicht fehlt Ihnen unser sonst üblicher Aperitif, aber heute abend
wollte ich Ihre Geschmacksnerven wegen der kommenden Gaumen-
freuden nicht abstumplen.«
»Nein, nein. Mir ist alles recht, Dr. Fischer, be.stimmt. Alles.«
«Ich bestehe nämlich darauf«, erklärte Dr. Fischer, »daß sich jeder bei
meinen kleinen Parties unterhält.«
»Saus und Braus sind sie«, versicherte Mrs. Montgomery, »Saus und
Braus.«
»Dr. Fischer ist ein besonders aufmerksamer Gastgeber«, klärte mich
Divisionär Krueger ein wenig herablassend auf
»Und so großzügig«, sagte Mrs. Montgomery. »Diese Halskette, sie
war ein Preis bei unserer letzten Party.« Sie trug ein Halsband aus
Goldmünzen - von weitem hielt ich sie für Krügerrands.
»Jeder gewinnt immer einen kleinen Preis«, brabbelte der Divisionär.
Er war wirklich ein müder alter Mann und wahrscheinlich erfüllt von
einem gewaltigen Schlafbedürfnis. Mir gefiel er noch am besten von
allen, denn er schien mich noch am ehesten in diesem Kreis gelten zu
lassen.
»Dort drüben sind ja die Preise«, rief Mrs. Montgomery. »Ich hab ge-
holfen, sie auszusuchen.« Sie ging zu einer Anrichte, wo ich jetzt ei-
nen Berg Pakete erblickte, die in Geschenkpapier gewickelt waren. In
eines bohrte sie die Fingerspitze, wie ein Kind, das eine Weihnachts-
überraschung durch das Papier hindurch zu erkennen versucht.
»Preise wofür?« fragte ich.
»Nicht für Intelligenz«, antwortete Dr. Fischer, »sonst könnte der Di-
visionär nie gewinnen.«
313
Graham Greene
Jeder einzelne starrte auf die Pakete.
»Wir haben nur eine Aufgabe zu lösen: Wir müssen uns mit seinen
kleinen Launen abfinden«, erklärte Mrs. Montgomery, »und dann
verteilt er die Preise. Wir hatten einmal einen Abend, da ließ er - ob
Sie es glauben oder nicht - lebende Hummer auftragen und dazu
jedem einen Topf mit kochendem Wasser hinstellen. Jeder mußte ei-
nen fangen und selber kochen. Ein Hummer zwickte den General in
den Finger.«
»Die Narbe sieht man immer noch«, maulte Divisionär Krueger.
»Die einzige Narbe, die er je im Gefecht davongetragen hat«, sagte
Dr. Fischer.
»Saus und Braus war es«, erklärte mir Mrs. Montgomery, als hätte ich
nichts verstanden.
»Jedenfalls verdanken wir diesem Abend Ihre blauen Haare«, sagte
Dr. Fischer. »Vorher waren sie ein unappetitliches Grau mit Nikotin-
flecken.«
»Nicht grau - naturblond - und doch nicht mit Nikotinflecken.«
»Denken Sie an die Spielregeln, Mrs. Montgomery«, mahnte Dr. Fi-
scher. »Wenn Sie mir noch einmal widersprechen, bekommen Sie kei-
nen Preis.«
»Mr. Kips ist das einmal bei einer unserer Parties passiert«, sagte
Monsieur Beimont. »Damit ist er um ein achtzehnkarätiges goldenes
Feuerzeug gekommen. So eines«, er zog ein Lederetui aus der Tasche.
»Da habe ich nicht viel verloren«, sagte Mr. Kips. »Ich bin Nichtrau-
cher.«
»Seien Sie vorsichtig, Kips. Verunglimpfen Sie meine Gaben nicht,
oder Sie werden heute wieder einmal leer ausgehen.«
Ich dachte: Aber das ist doch ein Tollhaus hier, mit einem wahnsinni-
gen Doktor als Leiter. Nur Neugier hielt mich dort, gewiß nicht der
Wunsch, irgendeinen »Preis« zu bekommen.
»Und nun«, sagte Dr. Fischer, »ehe wir uns zum Abendessen setzen -
ein Essen, von dem ich sehr hoffe, dsiß es Ihnen Vergnügen bereitet
und Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn ich habe über die
Speisenfolge viel nachgegrübelt - sollte ich unserem neuen Gast viel-
leicht das Zeremoniell erklären, dtis wir bei diesen Dinners einhalten.«
»Absolut«, sagte Beimont. »Ich glaube ja - wenn Sie gestatten Sie
hätten vielleicht doch - sollen wir sagen, hm — über sein Erscheinen
hier bei uns - hm, abstimmen lassen sollen? Immerhin sind wir doch
so eine Art Klub.«
314
Dr. Fischer aus Gerif oder Die Bomben-Party
Mr. Kips sagte: »Ich bin der gleichen Meinung wie Beimont. Wir alle
wissen, wo wir stehen. Wir akzeptieren gewisse Bedingungen. Im
Sinn von Spiel und Spaß. Ein Fremder könnte manches mißverstehen.«
»Mr. Kips auf der Suche nach einem Dollar«, sagte Dr. Fischer. »Sie
fürchten, daß sich durch einen neu hinzukommenen Gast der Wert
der Preise verringern könnte, so wie Sie auch hoffen, ihr Wert könnte
durch den Tod von zweien aus unserem Kreis steigen.«
Es herrschte Schweigen. Nach dem Ausdruck in seinen Augen zu
schließen, erwartete ich eine ärgerliche Antwort von Mr. Kips, aber er
gab sie nicht. Er sagte nur: »Sie mißverstehen mich.«
Nun könnte jemand, der an der Party nicht teilnahm, denken, all dies
wäre nicht mehr als ein fröhliches Geplänkel unter Klubmitgliedern
gewesen, die einander zuerst herzhaft beflegeln und sich dann zu ei-
nem guten Abendessen und einer gewaltigen Trinkerei mit kamerad-
schaftlichen Gesprächen an einen gemeinsamen Tisch setzen. Ich
aber, der ich ihre Gesichter beobachtete und sah, wie knapp die Sti-
cheleien bis an die Grenze des Erträglichen gingen, bemerkte, wie
schal und heuchlerisch diese humorvoll scheinenden Wechselreden
waren und daß Haß sich wie eine Regenwolke im Zimmer ausbreitete
- Haß vom Hausherrn gegen seine Gäste und Haß gegen den Gast-
geber von seinen Besuchern. Ich fühlte mich ganz und gar als Ein-
dringling, denn wenn mir auch jeder einzelne von ihnen mißfiel, wa-
ren meine Gefühle doch noch nicht stark genug, um sie als Haß zu
bezeichnen.
»Dann bitte ich Sie also zu Tisch«, verkündete Dr. Fischer, »und ich
will dem neuen Gast in unserer Mitte den Sinn meiner kleinen
Abendgesellschaft erklären, während Albert das Essen aufträgt.«
Mein Platz war neben Mrs. Montgomery, die rechts vom Gastgeber
saß. Rechts von mir hatte ich Beimont als Nachbar und den Schau-
spieler Richard Deane als Gegenüber. Neben jedem Teller stand eine
Flasche mit ausgezeichnetem Yvorne, außer bei unserem Gastgeber,
der, wie ich merkte, polnischen Wodka bevorzugte.
«Zunächst«, hob Dr. Fischer an, »bitte ich Sie, mit mir Ihr Glas zu
erheben, um auf das Andenken unserer beiden - Freunde, soll ich sie
aus diesem Anlaß so nennen? - anläßlich ihres Todestages vor zwei
Jahren zu trinken. Ein seltsames Zusammentreffen. Ich habe den
heutigen Tag aus diesem Grund gewählt. Madame Faverjon starb
von eigener Hand. Ich glaube, sie vermochte sich selbst nicht mehr
länger zu ertragen - sogar mir fiel es schwer genug, sie zu ertragen.
315
Graham Greene
obwohl ich anfangs fand, daß sie ein interessantes Studienobjekt war.
Von allen Menschen um diesen Tisch war sie die habgierigste - und
das will schon etwas heißen. Sie war auch die wohlhabendste unter
Ihnen. Wenn ich jeden beobachtete, gab es Augenblicke, da zeigten
Sie alle Anzeichen von Auflehnung, weil ich Kritik an Ihnen übte,
sodaß ich mich gezwungen sah. Sie an die Preise nach unserem
Abendessen zu erinnern, die Sie Gefahr liefen zu verwirken. Bei Ma-
dame Faverjon war dies niemals der Fall. Sie nahm alles und jedes
hin, um ihre Eignung als Empfänger eines Geschenks nachzuweisen,
obwohl sie es sich ohne weiteres hätte leisten können, etwas von glei-
chem Wert selbst zu kaufen. Sie war eine abscheuliche Person, eine
unbeschreibliche Person, und doch muß ich zugeben, daß sie zuletzt
einen gewissen Mut zeigte. Ich bezweifle, daß irgendjemand von Ih-
nen ein solches Ausmaß an Mut aufbrächte, nicht einmal unser tapfe-
rer Divisionär. Ja, ich zweifle sogar, daß irgend jemand von Ihnen
auch nur erwogen hat, die Welt von der eigenen unnötigen Gegen-
wart zu befreien. Deshalb also bitte ich Sie, mit mir das Glas auf den
Geist von Madame Faveijon zu erheben.«
Ich gehorchte wie alle anderen auch.
Albert kam mit einem Silbertablett herein, auf dem eine große Schale
Kaviar stand sowie kleine süberne Schüsselchen mit Ei, Zwiebel und
Zitronenscheiben.
»Ich darf um Nachsicht bitten, daß Albert mir zuerst serviert«, sagte
Dr. Fischer.
»Ich liebe Kaviar«, sagte Mrs. Montgomery. »Ich brauchte über-
haupt nichts anderes zu essen.«
»Sie könnten es sich leisten, überhaupt nichts anderes zu essen, wenn
Sie nur bereit wären, dafür Ihr eigenes Geld auszugeben.«
»Ich bin nicht so reich.«
»Schade um die Mühe, mich anzulügen. Wären Sie nicht so reich,
wie Sie sind, dann säßen Sie nicht an meinem Tisch. Ich lade nur die
ganz Reichen ein.«
»Und was ist mit Mr. Jones?«
»Er ist hier mehr als Beobachter und nicht als Gast, aber als mein
Schwiegersohn wird er sich vielleicht vorstellen, daß er einmal viel zu
erwarten hat. Auch Erwartungen sind eine Art Reichtum. Ich bin
überzeugt, Mr. Kips könnte für ihn beträchtliche Kredite erwirken,
und Hoffnungen unterliegen nicht der Steuer - er brauchte daher
Monsieur Beimonts Rat nicht. Albert, die Lätzchen.«
316
Dr. Fischer aus Gerrf oder Die Bomben-Partji
Jetzt erst entdeckte ich, daß bei keinem von uns Servietten gedeckt
waren. Albert befestigte ein Lätzchen um Mrs, Montgomerys Hals.
Sie kreischte vor Vergnügen. »Ecremses! Ich liebe erevisses!«
»Wir haben noch nicht auf das Andenken des verstorbenen und be-
trauerten Monsieur Groseli getrunken«, sagte der Divisionär und
schob sein Lätzchen zurecht. »Ich kann nicht behaupten, daß ich den
Menschen je leiden mochte.«
»Dann schnell, während Albert Ihr Dinner holt. Auf Monsieur Gro-
seli. Er nahm nur an zweien unserer Abendessen teil, ehe er an Krebs
starb, und deshalb hatte ich nicht genug Zeit, seinen Charakter zu
studieren. Hätte ich von seinem Krebs gewußt, dann hätte ich ihn nie
eingeladen, sich uns anzuschließen. Ich erwarte von meinen Gästen,
daß sie mich viel länger unterhalten. Ah, da kommt schon Ihr Essen,
also kann ich mit meinem beginnen.«
Mrs. Montgomery stieß einen schrillen Schrei aus. »Aber, das ist ja
Porridge, kaltes Porridge.«
»Echtes schottisches Porridge. Gerade Sie sollten es zu schätzen wis-
sen, mit Ihrem schottischen Namen.« Dr. Fischer bediente sich von
seinem Kaviar und goß sich ein Glas Wodka ein.
»Das wird uns den Appetit ganz verderben«, sagte Deane.
»Keine Sorge, es gibt nichts anderes.«
»Das geht wirklich zu weit, Dr. Fischer«, sagte Mrs. Montgomery.
»Kaltes Porridge. Das ist ja völlig ungenießbar.«
»Dann essen Sie es nicht, Mrs. Montgomery. Nach den Spielregeln
verlieren Sie dadurch nur Ihr kleines Geschenk. Ehrlich gesagt, ich
habe extra Porridge bestellt, Jones zuliebe. Ich hatte zuerst an Reb-
hühner gedacht, aber wie hätte er sie mit nur einer Hand essen sol-
len?«
Zu meinem Erstaunen sah ich, daß der Divisionär und Richard Dea-
ne zu essen begonnen hatten, während Mr. Kips wenigstens den Löf-
fel aufnahm.
»Wenn wir um ein bißchen Zucker bitten dürften«, sagte Beimont.
»Das würde vielleicht den Geschmack verbessern.«
»Wie ich höre, halten es die Waliser - nein; nein, ich weiß schon,
Jones - ich meine die Schotten - für Blasphemie, ihr Porridge durch
Zucker zu verderben. Sie essen es sogar, sagt man mir, mit Salz. Salz
soll Ihnen nicht vorenthalten werden. Bringen Sie den Herrschaften
Salz, Albert. Mrs. Montgomery hat beschlossen, heute abend hungrig
zu bleiben.«
317
Graham Greem
»Ach nein, Dr. Fischer, ich werde Ihnen doch nicht den Spaß verder-
ben. Geben Sie mir das SsJz. Schlechter kann das Porridge damit
auch nicht schmecken als ohne.«
Ein oder zwei Minuten später löffelten alle zu meiner Überraschung
schweigend und grimmig entschlossen ihr Porridge. Vielleicht ver-
schlug es ihnen die Sprache. »Sie scheinen es nicht versuchen zu wol-
len, Jones?« fragte mich Dr. Fischer und nahm noch ein wenig Kaviar.
»So hungrig bin ich nicht.«
»Auch nicht so reich«, sagte Dr. Fischer. »Mehrere Jahre lang studiere
ich jetzt schon die Habgier der Reichen. >Gib, auf daß dir gegeben
werde<, diesen zynischen Ausspruch von Christus nehmen sie sehr,
sehr wörtlich. >Geben< heißt es, beachten Sie das wohl, nicht werdie-
nen<. Die Geschenke, die ich verteile, sobald das Essen vorüber ist,
können sie sich alle selbst machen, aber dann hätten sie sie verdient,
wenn auch nur dadurch, daß sie einen Scheck unterschrieben haben.
Die Reichen hassen es, Schecks zu unterschreiben. Darauf beruht der
Erfolg von Kreditkarten. Eine Karte ersetzt hundert Schecks. Diese
Leute würden alles tun, nur um ihre Präsente zu bekommen. Das war
heute einer der härtesten Tests bisher, und schauen Sie nur, wie
schnell sie ihr kaltes Porridge aufessen, damit sie endlich ihre Ge-
schenke erhalten. Sie, fürchte ich, werden gar nichts bekommen,
wenn Sie nicht essen.«
»Auf mich wartet zu Hause etwas von größerem Wert als Ihr Ge-
schenk.«
»Sehr chevaleresk gesagt«, meinte Dr. Fischer, »aber seien Sie nicht
gar zu selbstsicher. Frauen warten nicht immer. Ich bezweifle, daß
eine Handprothese romantische Gefühle stärkt. Albert, Mr. Deane
kann schon nachserviert werden.«
»Also nein«, sagte Mrs. Montgomery, »nicht noch ein zweites Mal.«
»Das geschieht Mr. Deane zuliebe. Ich will ihn aufluttern, damit er
einen besseren Falstaff abgibt.«
Deane schoß ihm einen wütenden Blick zu, aber er ließ sich noch
einmal auflegen.
»Ich habe natürlich nur Spaß gemacht. Deane könnte ebensowenig
den Falstaff geben wie Britt Ekland die Cleopatra. Deane ist kein
Schauspieler, er ist Gegenstand sexueller Begierden. Mädchen unter
zwanzig beten ihn an, Jones. Wie enttäuscht die wären, wenn sie ihn
einmal ohne Kleider sehen würden. Ich habe Grund zu der Annah-
me, daß er unter vorzeitigem Samenerguß leidet. Vielleicht bremst
318
Dr. Fischer aus Genf oder Die Bomben-Party
r
Sie das Porridge ein wenig, Deane, meine armer Junge. Albert, einen
frischen Teller für Mr. Kips, und ich sehe gerade, Mrs. Montgomery
hat fast aufgegessen. Schnell, Divisionär, beeilen Sie sich, Beimont.
Die Geschenke gibt es erst, wenn alle ihre Teller geleert haben.« Mich
erinnerte die Szene an einen Jäger, der seine Hundemeute mit dem
Knall der Peitsche dirigiert.
»Beobachten Sie sie, Jones. Sie sind so bedacht, fertig zu werden, daß
sie das Trinken vergessen.«
»Ich glaube nicht, daß Yvorne zu Porridge schmeckt.«
»Lachen Sie ruhig über sie, Jones. Die werden es nicht übelnehmen.«
»Ich finde sie nicht komisch.«
»Ich gebe natürlich zu, daß eine Party wie die heutige ihre ernsten
Seiten hat, aber trotzdem . . . Müssen Sie nicht auch ein bißchen an
Schweine denken, die aus einem Trog fressen? Beinahe hat man den
Eindruck, sie genießen es. Mr. Kips hat ein wenig Porridge auf sein
Hemd gekleckert. Säubern Sie ihn, Albert.«
»Sie widern mich an, Dr. Fischer.«
Er wandte sich mir zu und sah mich an: seine Augen waren wie glän-
zende Splitter aus blaßblauem Stein. Ein paar graue Kaviarkörner
hatten sich in seinen roten Schnurrbart verirrt.
»Ja, ich verstehe, was Sie empfinden. Manchmal geht es mir genauso,
aber ich werde nicht ablassen von meiner Untersuchung, bis zum bit-
teren Ende. Ich werde nicht aufgeben. Bravo, Divisionär. Sie holen
auf. Sie schwingen einen tollen Löffel, Deane, mein Junge, ich
wünschte, Ihre Bewunderinnen könnten Sie jetzt sehen, wie Sie
schlingen.«
»Warum tun Sie das?« fragte ich.
»Warum sollte ich Ihnen das auf die Nase binden? Sie sind keiner der
Unsrigen. Sie werden es auch nie sein. Zählen Sie mit Ihren Erwar-
tungen nur nicht auf mich.«
»Das sowieso nicht.«
»Sie haben den Stolz der Armen, aha. Schließlich, warum sollte ich es
Ihnen nicht sagen. Sie sindp. eine Art Sohn. Ich möchte feststellen,
Jones, ob die Habgier unserer reichen Freunde irgendwelche Gren-
zen hat. Ob es so was gibt: bis hierher und nicht weiter. Ob der Tag
kommt, an dem sie sich weigern, ihre Geschenke anzunehmen. Stolz
ist sicher keine Hürde für ihre Habgier. Weil er sich Vorteile erhofft,
würde Mr. Kips sich ebensogern, wie Herr Krupp das getan hat, an
einen Tisch mit Herrn Hitler setzen, was immer ihm auch vorgesetzt
319
Graham Greene
wird. Dem Divisionär ist Porridge über das Lätzchen geflossen. Ge-
ben Sie ihm ein sauberes, Albert. Ich glaube, heute abend kann ich
ein Experiment abschließen. Ich habe neue Pläne.«
»Sie sind selbst ein reicher Mann. Hat Ihre Habgier Grenzen?«
»Vielleicht werde ich es eines Tages wissen. Aber meine Gier ist von
anderer Art. Ich bin nicht gierig auf Schmuck.«
»Schmuck ist ohnehin etwas Harmloses.«
»Ich stelle mir vor, daß meine Gier etwas von der Art ist, wie Gott sie
empfindet.«
»Ist Gott gierig?«
»Ach, glauben Sie doch ja nicht, daß ich von seiner Existenz mehr
überzeugt bin als von der des Teufels, aber ich fand immer schon,
Theologie ist ein amüsantes intellektuelles Spiel. Albert, Mrs. Mont-
gomery hat ihr Porridge aufgegessen. Sie können ihren Teller abser-
vieren. Was wollte ich sagen?«
»Daß Gott gierig ist.«
»Nun, die Gläubigen und die Empfindsamen sagen, daß er nach un-
serer Liebe giert. Betrachtet man die Welt, die er angeblich geschaf-
fen hat, dann, meine ich, kann er wohl nur danach gieren, uns zu
erniedrigen, und diese Gier, wie kann er die je stillen? Sie ist bodenlos.
Die Welt wird immer elender und elender, während er die Schraube
ohne Ende noch ein Stückchen weiterdreht, obwohl er uns Gaben
anbietet - denn ein allumfassender Selbstmord würde seine Absich-
ten verhindern -, um die Demütigungen zu lindern, die wir erleiden.
Ein Darmkrebs, eine rinnende Nase, Geilheit. Sie, zum Beispiel, Sie
sind ein armer Mann, also gibt er Ihnen ein kleines Geschenk, meine
Tochter, um Sie ein bißchen länger zufriedenzustellen.«
»Sie ist eine sehr große Linderung«, sagte ich. »Wenn es Gott war, der
sie mir geschenkt hat, dann bin ich dankbar dafür.«
»Und doch wird vielleicht Mrs. Montgomerys Halskette länger wäh-
ren als Ihre sogenannte Liebe.«
»Weshalb sollte er wünschen, uns zu erniedrigen?«
»Wünsche ich das nicht auch? Und man sagt doch, er habe uns nach
seinem Bilde geschaffen. Vielleicht hat er entdeckt, daß er ein ziem-
lich elender Handwerker ist, und er ist von dem Ergebnis enttäuscht.
Ein fehlerhaftes Produkt wirft man in den Abfalleimer. Sehen Sie sich
sie doch an, und lachen Sie darüber, Jones. Haben Sie keinen Hu-
mor? Jeder von ihnen hat seinen Teller geleert, nur Mr. Kips nicht.
Und wie ungeduldig sie jetzt alle werden. Da, Beimont hilft ihm sogar
320
Kommentar
und ißt für ihn von seinem Teller. Ich bin nicht ganz sicher, daß die
Spielregeln das gestatten, aber ich will es hingehen lassen. Haben Sie
noch einen Augenblick Geduld mit mir, meine Freunde, bis ich mit
meinem Kaviar fertig bin. Sie können ihnen die Lätzchen abnehmen.
Albert.«
/Kommentar
Im Roman von Graham Greene »Doktor Fischer aus Genf oder Die
Bomben-Party« wird eine eigenartige, groteske Party geschildert, im
Rahmen derer der einladende »Doktor Fischer« seine Partygäste he-
rabsetzend, demütigend, zynisch und missachtend behandelt. Er be-
gründet sein ungewöhnliches Vorgehen damit, dass er experimentieren möchte, wie
weit die Menschen seinen Wünschen /Befehlen folgen, fynisch geht er davon aus,
dass er fast alles von diesen sogar größtenteils wohlhabenden Menschen haben
kann, wenn diese dqßr durch ein Geschenk belohnt werden. Insgesamt tritt er herz-
los, egoistisch auf und erfreut sieh an der Demütigung der von ihm Eingeladenen.
Man kann das Verhaltensmuster des Protagonisten als eine - wenn auch unge-
wöhnliche - Ausbildungsform einer »dissozialen Persönlichkeitsstörungr sehen.
Hauptmerkmal dieser Persönlichkeitsstörung ist sein verantwortungsloses und anti-
soziales Verhalten. Die Betroffenen können sich gesellschaftlichen Normen nicht
anpassen. Sie können sich meist nicht oder nur sehr unzureichend in die Gefühle
anderer hineinuersetzen. Die Fähigkeit, emotional vertrauensvolle und tagende Be-
ziehungen aufzubauen, ist gering. Normen werden ungenügend internalisiert, die
innere Verhaltenskontrolle wird unzureichend ausgebildet. Die Schuld Jur eigenes
Fehlverhalten wird bei anderen gesucht. Mit »Acting-out« bezeichnet man das un-
kontrollierte Ausafreren und Ausleben von Antrieben und Gefühlen. Häufig ist die-
se Persönlichkeitsstörung bei chronisch rezidivierenden Straftätern zu finden. Bei
dem Protagonisten handelt es sich insofern um eine besondere Gegebenheit, als er
durch seinen finanziellen Wohlstand sich offenbar antisoziale Verhaltensweisen
erlauben kann, die nicht im Sinne des Strafgesetzbuches bewertet werden können.
321
Hamito von Doderer
Die Heilungen
aus: Heimito von Doderer. Die Merowinger oder Die totale Familie.
© 1963 by Verlag C.H. Beck, München.
Die erste Auflage dieses Werkes ist im Biederstein Verlag erschienen.
Einführung
Der österreichische Erzähler Franz Carl Heimito Ritter von Do-
derer (1896-1966) zählt vor allem wegen seiner Werke »Die
Strudlhofstiege» (1951) und »Die Dämonen» (1956) zu den be-
deutendsten Romanautoren der österreichischen Literatur des 20.
Jahrhunderts. Doderer war Historiker und Psychologe und schloss seine Studien
mit der Promotion ab. Im Ersten Weltkrieg diente er bä den Dreier-Dragonern,
geriet 1916 in russische Gefangenschaft. In dnem sibirischen Straflager beschloss
er, Schriftsteller zu werden. Erst 1920 kehrte er nach Wien zurück. Seine Schwes-
ter Helga, Vorbild der Etelka in der Strudlhofstiege, beging 1927 Selbstmord.
Doderer trat bereits 1933 der NSDAP bä, schrieb aber nie dne ^dle ßr die
Nazis, konvertierte 1940 zum Katholizismus, diente als Reserveoffizier bei der
Luftwaffe und erlebte das Kriegsende 1945 in Oslo. Sdt 1942 litt er verstärkt an
Neuralgien. Nachdem (auch jüdische) Freunde ßr ihn bürgten sowie nach Bezah-
lung dner »Sühneabgabe» wurde er 1947 von der Liste der »Belasteten» gestrichen.
Der vielfach geehrte, frdlich auch verbitterte und zur Paranoia wie zum Sadismus
nagende Autor gab sich gerne als aristokratischer Dandy und starb in Wien 1966
nach einer erfolglosen Operation (Morbus Crohn).
Der Erzählduktus seiner umfangreichen Arbeiten ist bestimmt von der präzisen
Erfassung des Jeitpanoramas, von dnem ausgeprägtem Sinn ßr Humor und Gro-
teske sowie von dnem hohen Rrflexionsgrad bd der Darstellung psychischer Pro-
zesse und Befindlichkeiten. Sdne ebenso penibel wie kontinuierlich geßhrten Ta-
gebücher »Tangenten» (1964) und »Commentarn» (1976186) stellen dies ein-
drucksvoll unter Beweis.
Der Roman »Die Merowinger oder Die totale Familie» (1962) erzählt diegrotes-
ke, Zeitgeschichte und barocke Schnurren amüsant verdnigende Geschichte des letz-
ten Merowinger-Sprösslings Freiherr Childerich von Bartenbruch, Majoratsherr in
Mittelfranken.
322
Die Heilungen
Der zu plötzlich auftretenden, schweren Wutanfällen neigende schmächtige und
kleinwüchsige Mann fuhrt nicht zufällig eine Keule in seinem Wappen. Childerich
III. will - mit neidvollem Blick auf die über Jahrhunderte erfolgreiche habsburgi-
sche Heiratspraxis ( ... tu felix Austria nube) - durch eine ausgetüf teile, wissen-
schaftlich systematisch betriebene Familien- und Heiratspolitik sein eigener Vater,
Großvater, Sohn, Enkel, Neffe und vor allem Alleinerbe des Bartenbruchschen Ver-
mögens werden. Die beiden ersten familiären Positionen erreicht er dadurch, dass er
jene jungen Damen, die sein Großvater und Vater in hohem Alter in zweiter Ehe
geheiratet hatten, nach dem Tode der betagten Ahnen selbst heimfuhrt.
Sein Ideal einer »totalen Familie« lautet: La famille, c’est moi.
Weiterführende Literatur:
Heinz Ludwig Arnold (Hrsg): Heimito von Doderer. Edition Text und Kritik
2001
Die Heilungen
Bachmeyer, ein kleiner, lebhafter, sehr gut geklei-
deter Mann mit schwarzem Spitzbarte, stieg die
Treppen zur Privat-Ordination des Direktors der
neurologischen und psychiatrischen Klinik, Pro-
fessor Dr. Horn, hinauf und ließ dabei einen
spürbaren Duft-Streifen von Lavendelwasser hin-
ter sich: bitter und rundlich zugleich, ein sozusa-
gen comfortabler Geruch. Als ihm geöffnet war,
betrat er die weiten Vor-Räume und, auf die Mi-
nute bestellt, auf die Minute gekommen, hatte er nicht lange Zeit,
sich in dieser neuen Umgebung umzusehen; schon erschien eine
weißgekleidete, blond überschopfte, hübsche, große Krankenschwe-
ster - ihre Augen konnte Bachmeyer nicht recht sehen, wegen ihrer
Brillen, zu seinem Glücke! - und sagte, der Herr Professor lasse
Herrn Bachmeyer bitten. Im Ordinationsraume selbst ward der Pa-
tient alsbald vom Arzte sozusagen überwölbt, wie von einem vorhän-
genden Felsen: der Professor trug ebenfalls reinstes Weiß, einen Arz-
tekittel, wovon aber ungeheuer viel vorhanden war, ganz oben erst
gekrönt vom Antlitze, vom runden, breiten Barte, von den blinkenden
goldnen Brillen. Es gehörte Horn zu jenen Leuten, die ständig vor
Wohlwollen schnaufen und, auch wenn sie nichts reden, immer
irgendwelche kleine Töne von sich geben, eine Art asthmatisches lei-
323
Heimito von Doderer
ses Piepsen, das in seltsamer Weise an jenes feine Getön erinnern
kann, wie es eine gewisse Art von Schmetterlingen zu erzeugen ver-
mag, die zwar in Europa einheimisch, aber doch selten ist: wir meinen
den dicken, samtigen >Totenkopf<. So piepste denn Horn, wenn er
nicht gerade schnaufte oder sprach. Bachmeyer hatte Platz genom-
men und Horn ließ seine gletscherweißen Massen ihm gegenüber nie-
der, rückte die Brillen, sah auf Bachmeyers elegante Schuhe hinab
und sagte: »Nun, Herr Bachmeyer, wo fehlt‘s denn, was haben Sie
denn für Beschwerden?«
Bachmeyers intelligente Augen, glänzend wie facettierte schwarze
Jettknöpfe, bewegten sich lebhtift, während er antwortete, korrekt
sprechend, urban und wohlerzogen:
»Die Wut, Herr Professor. Ich leide unter schweren Wutanfällen, die
mich entsetzlich anstrengen und sehr mitnehmen.«
»Hm«, sagte Horn mit leichtem Schnauben und Schnaufen, den
Blick immer auf Bachmeyers Schuhspitzen geheftet, »können Sie mir,
Herr Bachmeyer, vielleicht sagen, welchen Grund diese Wutanfälle
haben?«
Bachmeyers Augen blickten auf wie das Mündungsfeuer bei einer
Schußwaffe; zugleich beobachtete der Professor, wie die Spitzen sei-
ner Schuhe sich immer weiter voneinander entfernten, so daß die
auseinander gedrehten Füße jetzt schon einen stumpfen Winkel bil-
deten. Zugleich begannen beide Füße eine Art verhaltenen Tretens
und Stampfens, ohne daß freilich die Sohlen sich eigentlich vom Bo-
den lösten. Wenngleich Bachmeyer die folgenden Worte urban und
höflich wie das Frühere sprach, schien doch sein Grimm jäh zu
schwellen, und er zerrieb geradezu, was er sagte, zwischen den Zäh-
nen. Zugleich wurde seine Stimmlage jetzt hoch, fast fistelnd:
»Wenn ich den Grund wüßte, Herr Professor, wäre ich vielleicht gar
nicht zu Ihnen gekommen.«
Horn hielt sich dabei nicht auf; er hätte wohl sagen können, daß er
nicht eigentlich nach dem Grunde, sondern nur nach den Anlässen
der Wutanfälle habe fragen wollen und daß der Ausdruck >Grund<
von ihm versehentlich gewählt worden sei. Inzwischen aber hatten
sich Bachmeyers Fußspitzen noch erheblich weiter auseinander ge-
dreht und der Professor sagte beiseite und halblaut zu der
Ordinationsschwester Helga, die herangetreten war:
»Hundertunddreißig Grad. Nasenzange.«
Schon saß das Instrument, etwa von der Größe eines kleinen Schmet-
324
Die Heilungen
terlings - es sah auch ähnlich aus ~ auf Bachmeyers Nase (dem Horn
durch einen Augenblick sanft die Hände festhielt), in der Art eines
Kneifers, nur erheblich weiter unten. Es war eine feine und lange
Schnur daran befestigt, deren Ende Schwester Helga in der Hand
hatte; jedoch war die Schnur nicht etwa gespannt, sondern locker und
durchhängend.* Die Schwester blickte auf den Patienten; ihre
schmalgeschlitzten Äuglein hinter den Brillengläsern aber zeigten ei-
gentlich keinen richtigen Blick, sondern nur die dünne und wäßrige
Substanz einer fast unbegreiflichen, alleräußersten Frechheit, und ei-
ner sanften Befriedigung eben darüber.
»Wir beginnen nun gleich mit der Behandlung«, sagte Horn zu dem
perplexen Bachmeyer und schnaufte begütigend. »Bitte jetzt keinerlei
heftigere oder plötzliche Bewegung zu machen, es könnten sonst
leicht Beschwerden eintreten. Und langsam aufstehen, ja, so, Herr
Bachmeyer.« Er drehte ihn sanft herum, so daß Bachmeyer mit dem
Rücken gegen den Arzt stand. Die Schwester betätigte einen elek-
trischen Kontakt: im nächsten Augenblicke schmetterte der Krö-
nungsmarsch aus Giacomo Meyerbeers Oper >Der Prophet<, von ei-
nem Lautsprecher machtvoll verstärkt, in den Raum. Dieser gewalti-
ge Rhythmus löste endlich Bachmeyers Sohlen ganz vom Boden. Die
Fußspitzen weit auseinandergestellt - der Fußwinkel mochte jetzt
bald 140 Grad betragen - begann er zu treten, ja, bald zu stampfen,
und bewegte sich so, immer die Fußspitzen seitwärts, mit kleinen
Schritten fort, bald in ein noch kraftvolleres Stampfen übergehend:
rhythmisierter, geordneter Grimm. Helga schwebte voran. Sie glich
einem Botticelli-Engel, aus dessen Augen jedoch äußerster Hohn
blinzle. So leitete sie Bachmeyern, das Ende der Schnur, die zur Na-
senzange lief, leicht emporhaltend, den anderen Arm tänzerisch in
die Hüfte gestützt. So leitete sie Bachmeyern wie einen Bären. Die
* Die Nasenzange gehört zur Gruppe der sogenannten Blattzangen. Es sind
dies Flachzangen mit sehr verbreiterter Dmckfläche, zu deren Fertigung das
Material dünner genommen wird. Den Sitz am Nasenrücken bewirkt ein
Feder-Bügel. Handhaben fehlen. Jedoch läßt ein kleines Hebelwerk bei ge-
ringer Spannung der Schnur drei scharfe Nadeln durch jedes Blatt treten,
welche sogleich bis in die Beinhaut dringen, und dadurch auch schwerst to-
bende Individuen mühelos bändigen. Die Nasenzange ist nicht zu verwech-
seln mit dem gleichnamigen, bei der Jagd beim Ausheben des Dachses ge-
brauchten Instrument, wenn die Hunde jenen in der Röhre gestellt haben.
Eine gewisse Analogie zur Daehszange besteht allerdings.
325
Heimito von Doderer
Schnur hing durch. Eine geringste Anspannung nur hätte, vermöge
des sinnreichen, kleinen Hebelwerkes der Nasenzange, dem Wüten-
den einen äußersten, ja, fast betäubenden Schmerz zugefügt und ihn
unverzüglich gebändigt, wenn er etwa versuchen wollte, aus dem
rhythmisch geordneten Wutmarsch seitwärts auszubrechen. Der Pro-
fessor hatte indessen aus zahlreichen Pauken- und Trommelschlö-
geln, Klöppeln, Klöpfeln und hölzernen Hämmern, die in Taschen
an der Wand gereiht waren, zwei Instrumente gewählt ~ lange
Paukenschlögel, vorne gut umwickelt - und schritt hinter Bach-
meyern drein, den Rhythmus mäßig auf dessen Schädel paukend,
wobei er die Schlögel elegant und routiniert aus dem Handgelenke
fallen ließ. So bewegte sich dieses dreigliedrige therapeutische Wut-
Element unter Trompetenschall durch das weite Ordinations-Zim-
mer, sodann durch eine im Hintergründe offen stehende Flügeltüre
und den benachbarten Raum, um schließlich in ein sehr ausgedehn-
tes Gemach einzutreten, welches völlig leer war, bis auf den lang
ausgezogenen Tisch in der Mitte - es war ein solcher, wie man ihn oft
in sehr groß dimensionierten Eßzimmern sehen kann - welcher, ganz
nach Art der Schaukasten oder Schaugestelle in den Museen, mehre-
re Stufen von rotem Samt zeigte. Sie waren in Abständen mit billigen
Porzellan- oder Steingutfiguren besetzt: Mädchen mit Harfen, Tän-
zerinnen mit Tamburins, Knaben mit Hirtenflöten, weiblichen Figu-
ren, die Krüge auf der Schulter hielten, und ähnlichem Unfug mehr.
Bachmeyers Stampfen hatte sich während des Wutmarsches er-
heblich gesteigert, zur Befriedigung des Professors, der ja nur bei kräf-
tigem Durchkochen und Durchtreiben des Grimms etwas für seine
therapeutischen Ziele hoffen durfte; als man in den letzten, großen
Raum kam, trat Bachmeyer bereits derart machtvoll auf, daß der Bo-
den zitterte und mit ihm alle Figuren auf dem Tische. Der Professor,
nachdem er sich durch einen kurzen Blick davon überzeugt hatte, daß
Bachmeyers Fußwinkel noch keineswegs abnahm, sondern eher grö-
ßer zu werden im Begriffe war, vertauschte blitzschnell die Pauken-
schlögel gegen zwei hölzerne Hämmer, welche in den Taschen seines
weißen Kittels staken: die rhythmische Applikation wurde zudem
jetzt noch bedeutend kräftiger als vorher erteilt, was angesichts der
dicken, schwarzen Haarwirbel Bachmeyers dem Arzte als angängig
erschien; allerdings waren die Hämmer an der Schlagfläche mit Le-
der gepolstert. Man war noch keine zwei Schritte an dem Tische mit
den roten Samtstufen entlang gegangen, als Bachmeyer blitzschnell.
326
Dü Heilungen
ja, geradezu mit Gier, eine der Figuren ergriff und sie zu Boden
schmetterte, so daß die Scherben weithin über das glatte Parkett
sprangen. »Eins«, sagte der Professor laut, und Schwester Helga wie-
derholte; »Eins!« Während des weiteren Umganges consumierte
Bachmeyer noch zwei Figuren, darunter einen Faun mit Spitzbart
und Bocksbeinen. Jedesmal wurde laut mitgezählt. Schon nach der
zweiten Figur begann der Fußwinkel rapid zu sinken und das Stamp-
fen Bachmeyers schwächte sich mehr und mehr ab. Nach der dritten
Figur sagte der Professor laut »neunzig«, die Schwester wiederholte,
die Applikation ward neuerlich modifiziert, von den Hämmern wie-
der zurück auf die Schlögel, welche Horn jetzt nur leicht auf Bach-
meyers Haupt tanzen ließ; dieser langte schließlich vorne im Or-
dinationszimmer mit dem Fußwinkel eines normalen und menschli-
chen Ganges an. Noch blieb die Nasenzange am Ort. Erst nachdem
der Arzt durch einen kurzen, mäßig starken Riss an Bachmeyers Bart
- es erfolgte darauf keinerlei Reaktion - sich von der nunmehr einge-
tretenen Harmlosigkeit dieses Patienten überzeugt hatte, ward sie
entfernt.
»Ich danke vielmals, Herr Bachmeyer«, sagte Professor Horn, sich
mit seiner ganzen Masse langsam verbeugend (während im Blick der
Schwester Helga die Frechheit gallertig wie Eierklar stand), »Sie wer-
den jetzt zweifellos ein Nachlassen der Beschwerden während der
nächsten Tage beobachten können; die Reaktionen waren ja sehr
günstig, durchaus erfolgversprechend. Doch möchte ich empfehlen,
in zehn Tagen wieder vorzusprechen; wie Sic wissen, ordiniere ich für
solche speziale Fälle jeden 1., 10. und 20. des Monates; das wäre also
das nächste Mal am 20.«
Schon hatte Schwester Helga in einem Buche nachgeschlagen und
rief Bachmeyern, freundlich lächelnd, die genaue Uhrzeit seines Er-
scheinens zu. Horn verbeugte sich nochmals, vor Wohlwollen schnau-
fend. Und damit ging Bachmeyer ab: in tiefstem Staunen, leicht
schwitzend - dies trieb den Lavendelduft noch mehr heraus - und in
glücklicher Benommenheit. In tiefstem Staunen: nicht so sehr über
alles, was ihm jetzt widerfahren war, sondern über das Fehlen der
Wut, ja, mehr als das, über das augenblickliche Fehlen jedes Verhält-
nisses, jeder Beziehung, jeder Möglichkeit zur Wut oder zum Grim-
me. In Bachmeyer war die unschuldige Freundlichkeit und Sanftmut
eines gutgearteten Jünglings, während er leichten Schrittes über den
Treppenabsatz vor der Ordination des Professors Horn ging. Eben als
327
Heindto von Doderer
er dann die ersten Stufen betrat, kam von unten ein kleiner, sehr bär-
tiger Herr, den er im Vorbeipassieren versehentlich leicht streifte;
Bachmeyer lüftete den Hut, entschuldigte sich rasch und lief leichtfü-
ßig die Treppen hinab, voll tiefer Bewunderung für den Arzt, von
dem er eben kam, und beflügelt von der Aussicht, daß ihm wirklich
könnte geholfen werden.
Hätte Bachmeyer sich umgewandt — zu seinem Glücke tat er‘s nicht -
dann wäre ihm vielleicht das Mark gefroren vor Entsetzen über den
Blick, welchen das vielfach bärtige Wesen, das er auf der obersten
Stufe leicht gestreift hatte, ihm nun nachsandte: beispiellose Wut,
gräßlicher Grimm brachen als gelblich-grün aufleuchtender Strahl
aus den Augen des Kleinen: ja, die Wut stand wie in bebenden Tür-
men ob seinem Haupte. Er schritt über den Treppenabsatz auf
Horns Türe zu, indem er die Knie weit höher hob, als zum Gehen
erforderlich gewesen wäre, er ging im Hahnentritt; und einem kundi-
gen Auge hätte sein Fußwinkel allein schon gesagt, daß hier eine be-
denkliche Lage herrschte. Der Professor, als er des Kleinen ansichtig
wurde - welcher den Namen eines Freiherrn Childerich von Barten-
bruch trug und Chüderich III. gentmnt wurde, zum Unterschiede von
seinem Vater und Großvater, die ebenso geheißen - der Professor also
erkannte sogleich die Gefährlichkeit des Zustandes, in welchem sich
dieser ihm schon lange bektmnte Patient heute befand; und Horn
wußte auch sehr wohl um die bestehende Möglichkeit, daß zwei oder
drei Sekunden später das kleine, bärtige Wesen tief in seine Schulter
verbissen sein konnte, mit einem ungeheuren Satze ihn anspringend.
Jedoch der Professor dosierte meist richtig und rechtzeitig. Seine fla-
chen Hände gebrauchend, die ungefähr die Größe von Suppentellern
haben mochten, begann er sofort, dem Herrn von Bartenbruch der-
art kräftige Ohrfeigenpaare zu applizieren, daß der Kleine bald mit
rotem Gesicht im Ordinationszimmer nur so herumtaumelte: nach
dem sechsten Ohrfeigenpaar konnte schon die Nasenzange gesetzt
und der Baron auf den Trab, das heißt auf den Wutmarsch, gebracht
werden. Helga schwebte voran. Immerhin erst nach der fünften Figur
- im ganzen consumierte Herr von Bartenbruch heute deren neun -
begann der Fußwinkel zu sinken, so daß Professor Horn einen zwei-
ten Umgang vornahm, an dessen Beginn man noch auf 100-110
Grad stand; und erst ganz am Ende trat die Normalisierung ein und
wurde das Maß eines menschlichen Ganges erreicht. Bartenbruch
328
Kommentar
mußte sofort gebadet und in einem für solche Zwecke neben der
Ordination befindlichen Ruhe-Raume gebettet werden.
Kommentar
In der Geschichte von Heimito von Doderer »Die Heilungen« wird
eine eigenartige, sadistisch anmutende »ärztliche Kur« ßir aggressive,
gereizte Persönlichkeiten dargestellt, im Verlauf derer es schließlich
zu einem kathartischen Abreagieren der Wut und der Erregungspo-
tenziale dieser Personen kommt.
Offensichtlich geht es um Personen, die in der traditionellen Psychopatholo^e als
»erregbare Persönlichkeiten« beschrieben werden. Diese Persönlichkeitsstörung ist
dadurch gekennzeichnet, dass bereits geringßgige Anlässe zu expressiven Ausbrü-
chen von Arger, Hass oder Gewalttätigkeit fuhren können. Insgesamt besteht bei
diesen Menschen meist eine starke Unbeständigkeit in der Stimmungslage. Diese
Störung taucht in der ICD- 10 nicht auf. Es gibt aber Überschneidungen mit der
dissozialen Persönlichkeitsstörung, in die auch die geringe Frustrationstoleranz ein-
gehen kann und die niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten.
329
Arthur Schnitzler
Fräulein Else
aus: Arthur Schnitzler. Die erzählenden Schriflen. 2. Band.
© 1961 by S. Fischer Verlag GmbH, Franl^rt am Main
Einführung
Der Wiener Romancier und Dramatiker Arthur Schnitzler
(1862-1931) war der älteste Sohn des Medizinprofessors Jo-
hann Schnitzler (Laryngologe), schrieb schon als Gymnasiast
Theaterstücke, studierte Medizin und eröffhete nach dem Tod des
Vaters 1893 eine eigene Praxis und experimentierte mit Hypnose. Ermutigt nicht
zuletzt von der Schauspielerin Adele Sandrock (1864-1937) und dem Kajfee-
haus-Literatenkreis Jung- Wien um Hermann Bahr, Felix Salten, Peter Altenberg,
Hugo von Hqfmannsthal und Karl Kraus widmete ersieh zunehmend seinen litera-
rischen Werken und entwickelte seine Meisterschafl als wohl bedeutendster P^cho-
loge der deutschsprachigen Literatur und skeptisch ironischer Chronist der vom
Wertezerfall (Fröhliche Apokalypse) gezeichneten Gesellschqfi im Wiener Fin de
Siede. Sän zunächst wegen Pornographie von der Jensur verbotenes Theaterstück
»Der Reigen« (1897, Uraufführung 1920) machte Schnitzler zum so genannten
»Skandalautor«. Aufsehen erregte er eberrfalls mit seiner Novelle »Leutnant Gustlt<
(1900), dem ersten, an französischem Vorbild (Dujardin) geschulten inneren Mo-
nolog in der deutschsprachigen Literatur. Er dient der unmittelbaren Darstellung des
Bewusstseinsstroms. Wegen angeblicher Verunglimpfung der k.u.k.-Armee wurde
Schnitzler daraufhin sein Reserveoffiziersrang aberkannt. Seine Ehe mit der
Schauspielerin Olga Gussmann scheiterte und wurde geschieden. Nach dem Suizid
seiner Tochter Lili (1928) vereinsamte der von Sigmund Freud »aus einer Art Dop-
pelgängerscheu gemiedene« Schnitzler und erlag 1931 in Wien einer Gehirnblu-
tung.
Stanley Kubrkk verfilmte 1999 unter dem Titel »Eyes Wide Shut« Schnitzlers
»Traumnovellen. Die Novelle »Fräulein Else« (1924), eberrfalls im inneren Mono-
loggehalten, erzählt die Geschichte der neunzehnjährigen Else, die sich dem altern-
den Kunsthändler und Lebemann Herrn von Dorsday eine Viertelstunde lang nackt
zeigen soll, um ihren in Schulden verstrickten Vater vor dem Offenbarungseid und
dem Grfdngnis zu bewahren. Else schwankt zwischen Scham und dem koketten
330
Fräulein Else
Impuls, jedwede Moral hinter sich zu lassen. »Ein Luder will ich sein, aber nicht
eine Dirne.« In immer größerer Zerrissenheit zeigt sie sich schließlich Dorsday nicht
allein, sondern vor dem versammelten Musiksalon eines Hotels nackt, bricht zu-
sammen, wird auf ihr Zimmer gebracht, wo sie sich mit dem schon bereit gestellten
Veronal vergftet.
Weiterfiihrende Literatur:
Konstanze Fliedl: Arthur Schnitzler. Reclam 2005
Fräulein Else
»Du willst wirklich nickt mehr weiterspielen, Else?« -
»Nein, Paul, ich kann nicht mehr. Adieu. - Auf
Wiedersehen, gnädige Frau.« ~ »Aber, Else, sagen
Sie mir doch: Frau Ciss)i. Oder lieber noch: Cissy, ganz
einfach.«- »Auf Wiedersehen, Frau Cissy.« - »Aber
warum gehen Sie denn schon? Es sind noch volle zwei
Stunden bis zum Dinner.«- »Spielen Sie nur Ihr Sin-
gle mit Paul, Frau Cissy, mit mir ist‘s doch heut‘
wahrhaftig kein Vergnügen.« - »Lassen Sie sie, gnä-
dige Frau, sie hat heut‘ ihren ungnädigen Tag. — Steht dir übrigens ausgezeichnet zu
Gesicht, das Ungnädigsein, Else. - Und der rote Sweater noch besser.« - »Bei
Blau wirst du hoffentlich mehr Gnade finden, Paul. Adieu.«
Das war ein ganz guter Abgang. Hoffendich glauben die Zwei nicht,
daß ich eifersüchtig bin. - Daß sie was miteinander haben, Cousin
Paul und Cissy Mohr, darauf schwör“ ich. Nichts auf der Welt ist mir
gleichgültiger. - Nun wende ich mich noch einmal um und winke ih-
nen zu. Winke und lächle. Sehe ich nun gnädig aus? - Ach Gott, sie
spielen schon wieder. Eigendich spiele ich besser als Cissy Mohr; und
Paul ist auch nicht gerade ein Matador. Aber gut sieht er aus - mit
dem offenen Kragen und dem Bösen-Jungen-Gesicht. Wenn er nur
weniger affektiert wäre. Brauchst keine Angst zu haben, Tante Emma
Was für ein wundervoller Abend! Fleut“ wär“ das richtige Wetter ge-
wesen für die Tour auf die Rosetta-FIütte. Wie herrlich der Cimone in
den Himmel ragt! - Um fünf Uhr früh wär“ man aufgebrochen. An-
fangs war“ mir natürlich übel gewesen, wie gewöhnlich. Aber das ver-
liert sich. - Nichts kösdicher als das Wandern im Morgengrauen. -
331
Arthur Schnitzler
Der einäugige Amerikaner auf der Rosetta hat ausgesehen wie ein
Boxkämpfen Vielleicht hat ihn beim Boxen wer das Aug‘ ausgeschla-
gen. Nach Amerika würd‘ ich ganz gern heiraten, aber keinen Ameri-
kaner. Oder ich heirat‘ einen Amerikaner und wir leben in Europa.
Villa an der Riviera. Marmorstufen ins Meer. Ich liege nackt auf dem
Marmor. - Wie lang ist‘s her, daß wir in Mentone waren? Sieben oder
acht Jahre.
Ich war dreizehn oder vierzehn. Ach ja, damals waren wir noch in
besseren Verhältnissen. - Es war eigendich ein Unsinn die Partie auf-
zuschieben. Jetzt wären wir jedenfalls schon zurück. - Um vier, wie
ich zum Tennis gegangen bin, war der telegraphisch angekündigte
Expreßbrief von Mama noch nicht da. Wer weiß, ob jetzt. Ich hätt‘
noch ganz gut ein Set spielen können. - Warum grüßen mich diese
zwei jungen Leute? Ich kenn* sie gar nicht.
Seit gestern wohnen sie im Hotel, sitzen beim Essen links am Fenster,
wo früher die Holländer gesessen sind. Hab* ich ungnädig gedankt?
Oder gar hochmütig? Ich bin*s ja gar nicht. Wie sagte Fred auf dem
Weg vom >Coriolan< nach Hause? Frohgemut. Nein, hochgemut.
Hochgemut sind Sie, nicht hochmütig, Eise. Ein schönes Wort. Er fin-
det immer schöne Worte. - Warum geh* ich so langsam? Fürcht* ich
mich am Ende vor Mamas Brief? Nun, Angenehmes wird er wohl
nicht enthalten. Expreß! Vielleicht muß ich wieder zurückfahren. O
weh. Was für ein Leben — trotz rotem Seidensweater und Seiden-
strümpfen. Drei Paar! Die arme Verwandte, von der reichen Tante
eingeladen. Sicher bereut sie*s schon. Soll ich*s dir schriftlich geben,
teuere Tante, daß ich an Paul nicht im Traum denke? Ach, an nie-
manden denke ich. Ich bin nicht verliebt. In niemanden. Und war
noch nie verliebt. Auch in Albert bin ich*s nicht gewesen, obwohl ich
es mir acht Tage lang eingebildet habe. Ich glaube, ich kann mich
nicht verlieben. Eigentlich merkwürd%. Denn sinnlich bin ich gewiß.
Aber auch hochgemut und ungnädig Gott sei Dank. Mit dreizehn
war ich vielleicht das einzige Mal wirklich verliebt. In den Van Dyck -
oder vielmehr in den Abbe Des Grieux, und in die Renard auch. Und
wie ich sechzehn war, am Wörthersee. - Ach nein, das war nichts.
Wozu nachdenken, ich schreibe ja keine Memoiren. Nicht einmal ein
Tagebuch wie die Bertha. Fred ist mir sympathisch, nicht mehr. Viel-
leicht, wenn er eleganter wäre. Ich bin ja doch ein Snob. Der Papa
findet* s auch und lacht mich aus. Ach, lieber Papa, du machst mir viel
Sorgen. Ob er die Mama einmal betrogen hat? Sicher. Öfters. Mama
332
Fräulein Ehe
ist ziemlich dumm. Von mir hat sie keine Ahnung, Andere Menschen
auch nicht. Fred? - Aber eben nur eine Ahnung. - Himmlischer
Abend. Wie festlich das Hotel aussieht. Man spürt: Lauter Leute, de-
nen es gut geht und die keine Sorgen haben. Ich zum Beispiel. Haha!
Schad“. Ich wär‘ zu einem sorgenlosen Leben geboren. Es könnt' so
schön sein. Schad‘. -- Auf dem Cimone liegt ein roter Glanz. Paul
würde sagen: Alpenglühen. Das ist noch lang' kein Alpenglühen. Es
ist zum Weinen schön. Ach, warum muß man wieder zurück in die
Stadt!
»Guten Abend, Fräulein Else.« - »Küss‘ die Hand gnädige Frau.« - »Vom
Tennis?«- Sie sieht's doch, warum fragt sie? >Ja, gnädige Frau. Beinah
drei Stunden lang haben wir gespielt. - Und gnädige Frau machen
noch einen Spaziergang?« - »Ja, meinen gewohnten Abendspaziergang. Den
Rolleweg. Der geht so schön zwischen den Wiesen, bei Tag ist er beinahe zu son-
nig.«- »Ja, die Wiesen hier sind herrlich. Besonders im Mondenschein
von meinem Fenster aus.«- »Guten Abend, Fräulän Else. - Küss‘ die Hand,
gnädige Frau.« - »Guten Abend, Herr von Dorsday.« - »Vom Tennis,
Fräulein Else?« - »Was für ein Scharfblick, Herr von Dorsday.« - »Spot-
ten Sie nicht, Else.« - Warum sagt er nicht >Fräulein Else?< - »Wem man
mit dem Rakett so gut ausschaut, darf man es gewissermcfen auch als Schmuck
tragen.« - Esel, darauf antworte ich gar nicht. »Den ganzen Nachmit-
tag haben wir gespielt. Wir waren leider nur Drei. Paul, Frau Mohr
und ich.« - »Ich war früher ein enragierter Tennisspieler.«- »Und jetzt nicht
mehr?« -- »Jetzt bin ich zu alt dazu.« - »Ach, alt, in Marienlyst, da war
ein fünfundsechzigjähriger Schwede, der spielte jeden Abend von
sechs bis acht Uhr. Und im Jahr vorher hat er sogar noch bei einem
Turnier mitgespielt.« - »Jlun, fünjundsechzig bin ich Gott sei Dank noch
nicht, aber leider auch kein Schwede.« - Warum leider? Das hält er wohl für
einen Witz. Das Beste, ich lächle höflich und gehe. »Küss‘ die Hand,
gnädige Frau. Adieu, Herr von Dorsday«. Wie tief er sich verbeugt
und was für Augen er macht. Kalbsaugen. Hab ich ihn am Ende ver-
letzt mit dem fünfundsechzigjährigen Schweden? Schad't auch
nichts. Frau Winawer muß eine unglückliche Frau sein. Gewiß schon
nah an fünfzig. Diese Tränensäcke, - als wenn sie viel geweint hätte.
Ach wie furchtbar, so alt zu sein. Herr von Dorsday nimmt sich ihrer
an. Da geht er an ihrer Seite. Er sieht noch immer ganz gut aus mit
dem graumelierten Spitzbart. Aber sympathisch ist er nicht. Schraubt
sich künstlich hinauf Was hilft Ihnen Ihr erster Schneider, Herr von
Dorsday? Dorsday! Sie haben sicher einmal anders geheißen. - Da
333
Arthur Schnitzler
kommt das süße kleine Mädel von Cissy mit ihrem Fräulein. - »Grüß
dich Gott, Fritzi. Bon soir, Mademoiselle. Vous allez bien?« - »Merci,
Mademoiselle. Et vous?» - »Was seh‘ ich, Fritzi, du hast ja einen Berg-
stock. Willst du am End‘ den Cimone besteigen?« - »Aber nein, so hoch
hinauf darf ich noch nicht»- »Im nächsten Jahr wirst du es schon dürfen.
Pah, Fritzi. A bientöt, Mademoiselle.« - »Bon soir, Mademoiselle.»
Eine hübsche Person. Warum ist sie eigentlich Bonne? Noch dazu bei
Cissy. Ein bitteres Los. Ach Gott, kann mir auch noch blühen. Nein,
ich wüßte mir jedenfalls was Besseres. Besseres? - Köstlicher Abend.
>Die Luft ist wie Champagner<, sagte gestern Doktor Waldberg. Vor-
gestern hat es auch einer gesagt. - Warum die Leute bei dem wunder-
vollen Wetter in der Halle sitzen? Unbegreiflich. Oder wartet jeder
auf einen Expreßbrief? Der Portier hat mich schon gesehen; - wenn
ein Expreßbrief für mich da wäre, hätte er mir ihn sofort hergebracht.
Also keiner da. Gott sei Dank. Ich werde mich noch ein bißl hinlegen
vor dem Diner. Warum sagt Cissy >Dinner<? Dumme Affektation.
Passen zusammen, Cissy und Paul. - Ach, war der Brief lieber schon
da. Am Ende kommt er während des >Dinner<. Und wenn er nicht
kommt, hab‘ ich eine unruhige Nacht. Auch die vorige Nacht hab‘ ich
so miserabel geschlafen. Freilich, es sind gerade diese Tage. Drum
hab‘ ich auch das Ziehen in den Beinen. Dritter September ist heute.
Also wahrscheinlich am sechsten. Ich werde heute Vcronal nehmen.
O, ich werde mich nicht daran gewöhnen. Nein, lieber Fred, du mußt
nicht besorgt sein. In Gedanken bin ich immer per Du mit ihm. -
Versuchen sollte man alles, - auch Haschisch. Der Marinefähnrich
Brandei hat sich aus China, glaub' ich, Haschisch mitgebracht. Trinkt
man oder raucht man Htischisch? Man soll prachtvolle Visionen ha-
ben. Brandei hat mich eingeladen mit ihm Haschisch zu trinken oder
- zu rauchen - Frecher Kerl. Aber hübsch. -
»Bitte sehr, Fräulein, ein Brief.» - Der Portier! Also doch! - Ich wende
mich ganz unbefangen um. Es könnte auch ein Brief von der Karoli-
ne sein oder von der Bertha oder von Fred oder Miß Jackson? »Danke
schön.« Doch von Mama. Expreß. Warum sagt er nicht gleich: ein
Expreßbrief? »O, ein Expreß!« Ich mach' ihn erst auf dem Zimmer
auf und les' ihn in aller Ruhe. - Die Marchesa. Wie jung sie im Halb-
dunkel aussieht. Sicher fünfundvierzig. Wo werd' ich mit fünfundvier-
zig sein? Vielleicht schon tot. Hoffentlich. Sie lächelt mich so nett an,
wie immer. Ich lasse sie vorbei, nicke ein wenig, - nicht als wenn ich
mir eine besondere Ehre daraus machte, daß mich eine Marchesa
334
Fräulein Ehe
anlächelt. - »Buona sera.«— Sie sagt mir buona sera. Jetzt muß ich mich
doch wenigstens verneigen. War das zu tief? Sie ist ja um so viel älter.
Was für einen herrlichen Gang sie hat. Ist sie geschieden? Mein Gang
ist auch schön. Aber - ich weiß es. Ja, das ist der Unterschied. - Ein
Italiener könnte mir gefährlich werden. Schade, daß der schöne
Schwarze mit dem Römerkopf schon wieder fort ist. >Er sieht aus wie
ein Filou<, sagte Paul. Ach Gott, ich hab‘ nichts gegen Filous, im Ge-
genteil. - So, da wär‘ ich. Nummer siebenundsiebzig. Eigentlich eine
Glücksnummer. Hübsches Zimmer. Zirbelholz. Dort steht mein jung-
fräuliches Bett. - Nun ist es richtig ein Alpenglühen geworden. Aber
Paul gegenüber werde ich es abstreiten. Eigentlich ist Paul schüch-
tern. Ein Arzt, ein Frauenarzt! Vielleicht gerade deshalb. Vorgestern
im Wald, wie wir so weit voraus waren, hätt‘ er schon etwas unterneh-
mender sein dürfen. Aber dann wäre es ihm übel ergangen. Wirklich
unternehmend war eigentlich mir gegenüber noch niemand. Höch-
stens am Wörthersee vor drei Jahren im Bad;. Unternehmend? Nein,
unanständig war er ganz einfach. Aber schön. Apoll vom Belvedere.
Ich hab‘ es ja eigentlich nicht ganz verstanden damals. Nun ja mit -
sechzehn Jahren. Meine himmlische Wiese! Meine-! Wenn man sich
die nach Wien mitnehmen könnte. Zarte Nebel. Herbst? Nun ja, drit-
ter September, Hochgebirge.
Nun, Fräulein Else, möchten Sie sich nicht doch entschließen, den
Brief zu lesen? Er muß sich ja gar nicht auf den Papa beziehen.
Könnte es nicht auch etwas mit meinem Bruder sein? Vielleicht hat er
sich verlobt mit einer seiner Flammen? Mit einer Choristin oder ei-
nem Handschuhmädel. Ach nein, dazu ist er wohl doch zu gescheit.
Eigentlich weiß ich ja nicht viel von ihm. Wie ich sechzehn war und er
einundzwanzig, da waren wir eine ZeiÜang geradezu befreundet. Von
einer gewissen Lotte hat er mir viel erzählt. Dann hat er plötzlich
aufgehört. Diese Lotte muß ihm irgend etwas angetan haben. Und
seitdem erzählt er mir nichts mehr. — Nun ist er offen, der Brief, und
ich hab‘ gar nicht bemerkt, daß ich ihn aufgemacht habe. Ich setze
mich aufs Fensterbrett und lese ihn. Achtgeben, daß ich nicht hinun-
terstürze. Wie uns aus San Martino gemeldet wird, hat sich dort im
Hotel Fratazza ein beklagenswerter Unfall ereignet. Fräulein Else T.,
ein neunzehnjähriges bildschönes Mädchen, Tochter des bekannten
Advokaten . . . Natürlich würde es heißen, ich hätte mich umgebracht
aus unglücklicher Liebe oder weil ich in der Hoffnung war. Unglück-
liche Liebe, ah nein.
335
Arthur Schnitzler
>Mein liebes Kind< - Ich will mir vor allem den Schluß anschaun. -
>Also nochmals, sei uns nicht böse, mein liebes gutes Kind und sei
tausendmah - Um Gottes willen, sie werden sich doch nicht umge-
bracht haben! Nein, - in dem Fall wär‘ ein Telegramm von Rudi da. -
>Mein liebes Kind, du kannst mir glauben, wie leid es mir tut, daß ich
dir in deine schönen Ferialwochen< - Als wenn ich nicht immer Ferien
hält“, leider - >mit einer so unangenehmen Nachricht hineinplatze. < -
Einen furchtbaren StU schreibt Mama - >Aber nach reiflicher Überle-
gung bleibt mir wirklich nichts anderes übrig. Also, kurz und gut, die
Sache mit Papa ist akut geworden. Ich weiß mir nicht zu raten, noch
zu helfen.< - Wozu die vielen Worte? — >Es handelt sich um eine ver-
hältnismäßig lächerliche Summe - dreißigtausend Gulden<, lächer-
lich? - >die in drei Tagen herbeigeschafft sein müssen, sonst ist alles
verloren,< Um Gottes willen, was heißt das? - >Denk dir, mein gelieb-
tes Kind, daß der Baron Höning<, - wie, der Staatsanwalt? - >sich
heut früh den Papa hat kommen lassen. Du weißt ja, wie der Baron
den Papa hochschätzt, ja geradezu liebt. Vor anderthalb Jahren, da-
mals, wie es auch an einem Haar gehangen hat, hat er persönlich mit
den Hauptgläubigern gesprochen und die Sache noch im letzten
Moment in Ordnung gebracht. Aber diesmal ist absolut nichts zu ma-
chen, wenn das Geld nicht beschafft wird. Und abgesehen davon, daß
wir alle ruiniert sind, wird es ein Skandal, wie er noch nicht da war.
Denk“ dir, ein Advokat, ein berühmter Advokat, - der, - nein, ich
kann es gar nicht niederschreiben. Ich kämpfe immer mit den Trä-
nen. Du weißt ja, Kind, du bist ja klug, wir waren ja, Gott sei's ge-
klagt, schon ein paar Mal in einer ähnlichen Situation und die Familie
hat immer herausgeholfen. Zuletzt hat es sich gar um hundertzwan-
zigtausend gehandelt. Aber damals hat der Papa einen Revers unter-
schreiben müssen, daß er niemals wieder an die Verwandten, speziell
an den Onkel Bernhard, herantreten wird.< - Na weiter, weiter, wo
will denn das hin? Was kann denn ich dabei tun? - >Der Einzige, an
den man eventuell noch denken könnte, wäre der Onkel Viktor, der
befindet sich aber unglücklicherweise auf einer Reise zum Nordkap
oder nach Schottland< -Ja, der hat‘s gut, der ekelhafte Kerl - >und ist
absolut unerreichbar, wenigstens für den Moment. An die Kollegen,
speziell Dr. Sch., der Papa schon öfter ausgeholfen hat< - Herrgott,
wie stehn wir da - >ist nicht mehr zu denken, seit er sich wieder ver-
heiratet hat< - also was denn, was denn, was wollt ihr denn von mir? -
>Und da ist nun dein Brief gekommen, mein liebes Kind, wo du unter
336
Fräulein Else
andern Dorsday erwähnst, der sich auch im Fratazza aufhält, und das
ist uns wie ein Schicksalswink erschienen. Du weißt ja, wie oft Dors-
day in früheren Jahren zu uns gekommen ist< - na, gar so oft - >es ist
der reine Zufall, daß er sich seit zwei, drei Jahren seltener blicken läßt;
er soll in ziemlich festen Banden sein - unter uns, nichts sehr Feines< -
warum >unter uns?< - >Im Residenzklub hat Papa jeden Donnerstag
noch immer seine Whistpartic mit ihm, und im verflossenen Winter
hat er ihm im Prozeß gegen einen andern Kunsthändler ein hübsches
Stück Geld gerettet. Im übrigen, warum sollst du es nicht wissen, er ist
schon früher einmal dem Papa beigesprungen.< - Hab‘ ich mir ge-
dacht - >Es hat sich damals um eine Bagatelle gehandelt, achttausend
Gulden, - aber schließlich - dreißig bedeuten für Dorsday auch kei-
nen Betrag. Darum hab‘ ich mir gedacht, ob du uns nicht die Liebe
erweisen und mit Dorsday reden könntest< - Was? - >Dich hat er ja
immer besonders gern gehabt< - Hab“ nichts davon gemerkt. Die
Wange hat er mir gestreichelt, wie ich zwölf oder dreizehn Jahre alt
war. >Schon ein ganzes Fräulein.< - >Und da Papa seit den achttau-
send glücklicherweise nicht mehr an ihn herangetreten ist, so wird er
ihm diesen Liebesdienst nicht verweigern. Neulich soll er an einem
Rubens, den er nach Amerika verkauft hat, allein achtzigtausend ver-
dient haben. Das darfst du selbstverständlich nicht erwähnen. < -
Hältst du mich für eine Gans, Mama? - >Aber im übrigen kannst du
ganz aufrichtig zu ihm reden. Auch, daß der Baron Höning sich den
Papa hat kommen lassen, kannst du erwähnen, wenn es sich so erge-
ben sollte. Und daß mit den dreißigtausend tatsächlich das Schlimm-
ste abgewendet ist, nicht nur für den Moment, sondern, so Gott will,
für immer.< - Glaubst du wirklich, Mama? - >Denn der Prozeß Erbes-
heimer, der glänzend steht, trägt dem Papa sicher hunderttausend,
aber selbstverständlich kann er gerade in diesem Stadium von den
Erbesheimers nichts verlangen. Also, ich bitte dich, Kind, sprich mit
Dorsday. Ich versichere dich, es ist nichts dabei. Papa hätte ihm ja
einfach telegraphieren können, wir haben es ernstlich überlegt, aber
es ist doch etwas ganz anderes, Kind, wenn man mit einem Menschen
persönlich spricht. Am sechsten um zwölf muß das Geld da sein,
Doktor F.< - Wer ist Doktor E? Ach ja, Fiala. - »ist unerbittlich. Natür-
lich ist da auch persönliche Rancune dabei. Aber da es sich unglück-
licherweise um Mündelgelder handelt< - Um Gottes willen! Papa, was
hast du getan? - »kann man nichts machen. Und wenn das Geld am
fünften um zwölf Uhr mittags nicht in Fialas Händen ist, wird der
337
Arthur Schnitzler
Haftbefehl erlassen, vielmehr so lange hält der Baron Höning ihn
noch zurück. Also Dorsday müßte die Summe telegraphisch durch
seine Bank an Doktor E überweisen lassen. Dann sind wir gerettet. Im
andern Fall weiß Gott was geschieht. Glaub‘ mir, du vergibst dir nicht
das Geringste, mein geliebtes Kind. Papa hatte ja anfangs Bedenken
gehabt. Er hat sogar noch Versuche gemacht auf zwei verschiedenen
Seiten. Aber er ist ganz verzweifelt nach Hause gekommen.< - Kann
Papa überhaupt verzweifelt sein? - >Vielleicht nicht einmal so sehr
wegen des Geldes, als darum, weil die Leute sich so schändlich gegen
ihn benehmen. Der eine von ihnen war einmal Papas bester Freund.
Du kannst dir denken, wen ich meine.<~Ich kann mir gar nichts den-
ken; Papa hat so viel beste Freunde gehabt und in Wirklichkeit keinen.
Warnsdorf vielleicht? - >Um ein Uhr ist Papa nach Hause gekom-
men, und jetzt ist es vier Uhr früh. Jetzt schläft er endlich, Gott sei
Dank.< - Wenn er lieber nicht aufwachte, das wär‘ das beste für ihn. ~
>lch gebe den Brief in aller früh selbst auf die Post, expreß, da mußt
du ihn vormittag am dritten haben. < - Wie hat sich Mama das vorge-
stellt? Sie kennt sich doch in diesen Dingen nie aus. - >Also sprich
sofort mit Dorsday, ich beschwöre dich und telegraphiere sofort, wie
es ausgefallen ist. Vor Tante Emma laß dir um Gottes willen nichts
merken, es ist ja traurig genug, daß man sich in einem solchen Fall an
die eigene Schwester nicht wenden kann, aber da könnte man ja
ebensogut zu einem Stein reden. Mein liebes, liebes Kind, mir tut es
ja so leid, daß du in deinen jungen Jahren solche Dinge mitmachen
mußt, aber glaub“ mir, der Papa ist zum geringsten Teil selber daran
schuld.< - Wer denn, Mama? - >Nun, hoffen wir zu Gott, daß der
Prozeß Erbesheimer in jeder Hinsicht einen Abschnitt in unserer Exi-
stenz bedeutet. Nur über diese paar Wochen müssen wir hinaus sein.
Es wäre doch ein wahrer Hohn, wenn wegen der dreißigtausend Gul-
den ein Unglück geschähe?< - Sie meint doch nicht im Ernst, daß
Papa sich selber . . . Aber wäre - das andere nicht noch schlimmer? -
>Nun schließe ich, mein Kind, ich hoffe, du wirst unter allen Umstän-
den< - Unter allen Umständen? >noch über die Feiertage, wenigstens
bis neunten oder zehnten in San Martino bleiben können. Unseret-
wegen mußt du keineswegs zurück. Grüße die Tante, sei nur weiter
nett mit ihr. Also nochmals, sei uns nicht böse, mein liebes gutes Kind,
und sei tausendmah - ja, das weiß ich schon.
Also, ich soll Herrn Dorsday anpumpen . . . Irrsinnig. Wie stellt sich
Mama das vor? Warum hat sich Papa nicht einfach auf die Bahn ge-
338
Fräulein Else
setzt und ist hergefahren? - Wär‘ grad‘ so geschwind gegangen wie
der Expreßbrief. Aber vielleicht hatten sie ihn auf dem Bahnhof we-
gen Fluchtverdacht - - Furchtbar, furchtbar! Auch mit den dreißig-
tausend wird uns ja nicht geholfen sein. Immer diese Geschichten!
Seit sieben Jahren! Nein - länger. Wer möcht‘ mir das ansehen? Nie-
mand sieht mir was an, auch dem Papa nicht. Und doch wissen es alle
Leute. Rätselhaft, daß wir uns immer noch halten. Wie man alles ge-
wöhnt! Dabei leben wir eigentlich ganz gut. Mama ist wirklich eine
Künstlerin. Das Souper am letzten Neujahrstag für vierzehn Perso-
nen - unbegreiflich. Aber dafür meine zwei Paar Ballhandschuhe, die
waren eine Affäre. Und wie der Rudi neulich dreihundert Gulden
gebraucht hat, da hat die Mama beinah' geweint. Und der Papa ist
dabei immer gut aufgelegt. Immer? Nein. O nein. In der Oper neu-
lich bei Figaro sein Blick, - plötzlich ganz leer - ich bin erschrocken.
Da war er wie ein ganz anderer Mensch. Aber dann haben wir im
Grand Hotel soupiert und er war so glänzend aufgelegt wie nur je.
Und da halte ich den Brief in der Hand. Der Brief ist ja irrsinnig. Ich
soll mit Dorsday sprechen? Zu Tod' würde ich mich schämen.
Schämen, ich mich? Warum? Ich bin ja nicht schuld. - Wenn ich
doch mit Tante Emma spräche? Unsinn. Sie hat wahrscheinlich gar
nicht so viel Geld zur Verfügung. Der Onkel ist ja ein Geizkragen.
Ach Gott, warum habe ich kein Geld? Warum hab' ich mir noch
nichts verdient? Warum habe ich nichts gelernt? O, ich habe was ge-
lernt! Wer darf sagen, daß ich nichts gelernt habe? Ich spiele Klavier,
ich kann französisch, englisch, auch ein bißl italienisch, habe kunstge-
schichtliche Vorlesungen besucht - Haha! Und wenn ich schon was
Gescheiteres gelernt hätte, was hülfe es mir? Dreißigtausend Gulden
hätte ich mir keineswegs erspart. —
Aus ist es mit dem Alpenglühen. Der Abend ist nicht mehr wunder-
bar. Traurig ist die Gegend. Nein, nicht die Gegend, aber das Leben
ist traurig. Und ich sitz' da ruhig auf dem Fensterbrett. Und der Papa
soll eingesperrt werden. Nein. Nie und nimmer. Es darf nicht sein.
Ich werde ihn retten. Ja, Papa, ich werde dich retten. Es ist ja ganz
einfach. Ein paar Worte ganz nonchalant, das ist ja mein Fall, >hoch-
gemut<, - haha, ich werde Herrn Dorsday behandeln, als wenn es
eine Ehre für ihn wäre, uns Geld zu leihen. Es ist ja auch eine. - Herr
von Dorsday, haben Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich? Ich
bekomme da eben einen Brief von Mama, sie ist in augenblicklicher
Verlegenheit, - vielmehr der Papa — >Aber selbstverständlich, mein
339
Arämr Schnitzler
Fräulein, mit dem größten Vergnügen. Um wieviel handelt es sich
denn?< - Wenn er mir nur nicht so unsympathisch wäre. Auch die Art,
wie er mich ansieht. Nein, Herr Dorsday, ich glaube Ihnen Ihre Ele-
ganz nicht und nicht Ihr Monokel und nicht Ihre Noblesse. Sie könn-
ten ebensogut mit alten Kleidern handeln wie mit alten Bildern. -
Aber Else! Else, was fällt dir denn ein. - O, ich kann mir das erlauben.
Mir sieht's niemand an. Ich bin sogar blond, rötlichblond, und Rudi
sieht absolut aus wie ein Aristokrat. Bei der Mama merkt man es frei-
lich gleich, wenigstens im Reden. Beim Papa wieder gar nicht. Übri-
gens sollen sie es merken. Ich verleugne es durchaus nicht und Rudi
erst recht nicht. Im Gegenteil. Was täte der Rudi, wenn der Papa ein-
gesperrt würde? Würde er sich erschießen? Aber Unsinn! Erschießen
und Kriminal, all die Sachen gibt‘s ja gar nicht, die stehn nur in der
Zeitung.
Die Luft ist wie Champagner. In einer Stunde ist das Diner, das >Din-
ner<. Ich kann die Cissy nicht leiden. Um ihr Mäderl kümmert sie sich
überhaupt nicht. Was zieh“ ich an? Das blaue oder das schwarze?
Heut“ wär vielleicht das schwarze richtiger. Zu dekolletiert? Toilette
de circonstance heißt es in den französischen Romanen. Jedesfalls
muß ich berückend aussehen, wenn ich mit Dorsday rede. Nach dem
Dinner, nonchalant. Seine Augen werden sich in meinen Ausschnitt
bohren. Widerlicher Kerl. Ich hasse ihn. Alle Menschen hasse ich.
Muß es gerade Dorsday sein? Gibt es denn wirklich nur diesen Dors-
day auf der Welt, der dreißigtausend Gulden hat? Wenn ich mit Paul
spräche? Wenn er der Tante sagte, er hat Spielschulden, - da würde
sie sich das Geld sicher verschaffen können.
- Beinah schon dunkel. Nacht, Grabesnacht. Am liebsten möcht“ ich
tot sein. - Es ist ja gar nicht wahr. Wenn ich jetzt gleich hinunterginge,
Dorsday noch vor dem Diner spräche? Ah, wie entsetzlich! - Paul,
wenn du mir die dreißigtausend verschaffst, kannst du von mir haben,
was du willst. Das ist ja schon wieder aus einem Roman. Die edle
Tochter verkauft sich für den geliebten Vater, und hat am End“ noch
ein Vergnügen davon. Pfui Teufel! Nein, Paul, auch für dreißigtau-
send kannst du von mir nichts haben. Niemand. Aber für eine Mil-
lion? - Für ein Palais? Für eine Perlenschnur? Wenn ich einmal heira-
te, werde ich es wahrscheinlich billiger tun. Ist es denn gar so
schlimm? Die Fanny hat sich am Ende auch verkauft. Sie hat mir sel-
ber gesagt, daß sie sich vor ihrem Manne graust. Nun, wie wär‘s,
Papa, wenn ich mich heute Abend versteigerte? Um dich vor dem
340
Fräulein Else
Zuchthaus zu retten. Sensation -! Ich habe Fieber, ganz gewiß. Oder
bin ich schon unwohl? Nein, Fieber habe ich. Vielleicht von der Luft.
Wie Champagner. - Wenn Fred hier wäre, könnte er mir raten? Ich
brauche keinen Rat. Es gibt ja auch nichts zu raten. Ich werde mit
Herrn Dorsday aus Eperies sprechen, werde ihn anpumpen, ich die
Hochgemute, die Aristokratin, die Marchesa, die Bettlerin, die Toch-
ter des Defraudanten. Wie komm‘ ich dazu? Wie komm“ ich dazu?
Keine klettert so gut wie ich, keine hat so viel Schneid, - sporting girl,
in England hätte ich auf die Welt kommen sollen, oder als Gräfin.
Da hängen die Kleider im Kasten! Ist das grüne Loden überhaupt
schon bezahlt, Mama? Ich glaube nur eine Anzahlung. Das schwarze
zieh“ ich an. Sie haben mich gestern alle angestarrt. Auch der blasse
kleine Herr mit dem goldenen Zwicker. Schön bin ich eigentlich
nicht, aber interessant. Zur Bühne hätte ich gehen sollen. Bertha hat
schon drei Liebhaber, keiner nimmt es ihr übel ... In Düsseldorf war
es der Direktor. Mit einem verheirateten Manne war sie in Hamburg
und hat im Atlantic gewohnt, Appartement mit Badezimmer. Ich
glaub“ gar, sie ist stolz darauf Dumm sind sie alle. Ich werde hundert
Geliebte haben, tausend, warum nicht? Der Ausschnitt ist nicht tief
genug; wenn ich verheiratet wäre, dürfte er tiefer sein. - Gut daß ich
Sie treffe, Herr von Dorsday, ich bekomme da eben einen Brief aus
Wien . . . Den Brief stecke ich für alle Fälle zu mir. Soll ich dem Stu-
benmädchen läuten? Nein, ich mache mich allein fertig. Zu dem
schwarzen Kleid brauche ich niemanden. Wäre ich reich, würde ich
nie ohne Kammerjungfer reisen.
Ich muß Licht machen. Kühl wird es. Fenster zu. Vorhang herunter?
- Überflüssig. Steht keiner auf dem Berg drüben mit einem Fernrohr.
Schade. - Ich bekomme da eben einen Brief, Herr von Dorsday. -
Nach dem Dinner wäre es doch vielleicht besser. Man ist in leichterer
Stimmung. Auch Dorsday - ich könnt ja ein Glas Wein vorher trin-
ken. Aber wenn die Sache vor dem Diner abgetan wäre, würde mir
das Essen besser schmecken. Pudding a la merveille, fromage et fruits
divers. Und wenn Herr von Dorsday Nein sagt? - Oder wenn er gar
frech wird? Ah nein, mit mir ist noch keiner frech gewesen. Das heißt,
der Marineleutnant Brandl, aber es war nicht bös gemeint. - Ich bin
wieder etwas schlanker geworden. Das steht mir gut. - Die Dämme-
rung starrt herein. Wie ein Gespenst starrt sie herein. Wie hundert
Gespenster. Aus meiner Wiese herauf steigen die Gespenster. Wie
weit ist Wien? Wie lange bin ich schon fort? Wie allein bin ich da! Ich
341
Arlhir Schnitzler
habe keine Freundin, ich habe auch keinen Freund. Wo sind sie alle?
Wen werd‘ ich heiraten? Wer heiratet die Tochter eines Defraudan-
ten? - Eben erhalte ich einen Brief, Flerr von Dorsday. - >Aber es ist
doch gar nicht der Rede wert, Fräulein Else, gestern erst habe ich
einen Rembrandt verkauft, Sie beschämen mich, Fräulein Else.< Und
jetzt reißt er ein Blatt aus seinem Scheckbuch und unterschreibt mit
seiner goldenen Füllfeder; und morgen früh fahr“ ich mit dem Scheck
nach Wien. Jedenfalls; auch ohne Scheck. Ich bleibe nicht mehr hier.
Ich könnte ja gar nicht, ich dürfte ja gar nicht. Ich lebe hier als elegan-
te junge Dame und Papa steht mit einem Fuß im Grab - nein im
Kriminal. Das vorletzte Paar Seidenstrümpfe. Den kleinen Riß grad
unterm Knie merkt niemand. Niemand? Wer weiß. Nicht frivol sein,
Else. - Bertha ist einfach ein Luder. Aber ist die Christine um ein
Haar besser? Ihr künftiger Mann kann sich freuen. Mama war gewiß
immer eine treue Gattin. Ich werde nicht treu sein. Ich bin hochge-
mut, aber ich werde nicht treu sein. Die Filous sind mir gefährlich.
Die Marchesa hat gewiß einen Filou zum Liebhaber. Wenn Fred mich
wirklich kennte, dann wäre es aus mit seiner Verehrung. - >Aus Ihnen
hätte alles Mögliche werden können, Fräulein, eine Pianistin, eine
Buchhalterin, eine Schauspielerin, es stecken so viele Möglichkeiten
in Ihnen. Aber es ist Ihnen immer zu gut gegangen. < Zu gut gegan-
gen. Haha. Fred überschätzt mich. Ich hab“ ja eigentlich zu nichts
Talent.< Wer weiß? So weit wie Bertha hätte ich es auch noch ge-
bracht. Aber mir fehlt es an Energie. Junge Dame aus guter Familie.
Ha, gute Familie. Der Vater veruntreut Mündelgelder. Warum tust du
mir das an, Papa? Wenn du noch etwas davon hättest! Aber an der
Börse verspielt! Ist das der Mühe wert? Und die dreißigtausend wer-
den dir auch nichts helfen. Für ein Vierteljahr vielleicht. Endlich wird
er doch durchgehen müssen. Vor anderthalb Jahren war es ja fast
schon so weit. Da kam noch Hilfe. Aber einmal wird sie nicht kom-
men - und was geschieht dann mit uns? Rudi wird nach Rotterdam
gehen zu Vanderhulst in die Bank. Aber ich? Reiche Partie. O, wenn
ich es darauf anlegte! Ich bin heute wirklich schön. Das macht wahr-
scheinlich die Aufregung. Für wen bin ich schön? Wäre ich froher,
wenn Fred hier wäre? Ach Fred ist im Grunde nichts für mich. Kein
Filou! Aber ich nähme ihn, wenn er Geld hätte. Und dann käme ein
Filou - und das Malheur wäre fertig. - Sie möchten wohl gern ein
Filou sein, Herr von Dorsday? - Von weitem sehen Sie manchmal
auch so aus. Wie ein verlebter Vicomte, wie ein Don Juan - mit Ihrem
342
Fräulein Ehe
blöden Monocle und Ihrem weißen Flanellanzug. Aber ein Filou sind
Sie noch lange nicht. - Habe ich alles? Fertig zum >Dinner<? - Was
tue ich aber eine Stunde lang, wenn ich Dorsday nicht treffe? Wenn er
mit der unglücklichen Frau Winawer spazieren geht? Ach, sie ist gar
nicht unglücklich, sie braucht keine dreißigtausend Gulden. Also ich
werde mich in die Halle setzen, großartig in einen Fauteuil, schau mir
die Illustrated News an und die Vie parisienne, schlage die Beine
übereinander, - den Riß unter dem Knie wird man nicht sehen. Viel-
leicht ist gerade ein Milliardär angekommen. - Sie oder keine. - Ich
nehme den weißen Schal, der steht mir gut. Ganz ungezwungen lege
ich ihn um meine herrlichen Schultern. Für wen habe ich sie denn,
die herrlichen Schultern? Ich könnte einen Mann sehr glücklich ma-
chen. Wäre nur der rechte Mann da. Aber Kind will ich keines haben.
Ich bin nicht mütterlich. Marie Weil ist mütterlich. Mama ist mütter-
lich, Tante Irene ist mütterlich. Ich habe eine edle Stirn und eine
schöne Figur. - >Wenn ich Sie malen dürfte, wie ich wollte, Fräulein
Else.< - Ja, das möchte Ihnen passen. Ich weiß nicht einmal seinen
Namen mehr. Tizian hat er keineswegs geheißen, also war es eine
Frechheit. - Eben erhalte ich einen Brief, Herr von Dorsday. - Noch
etwas Puder auf den Nacken und Hals, einen Tropfen Verveine ins
Taschentuch, Kasten zusperren, Fenster wieder auf, ah, wie wunder-
bar! Zum Weinen. Ich bin nervös. Ach, soll man nicht unter solchen
Umständen nervös sein. Die Schachtel mit dem Veronal hab‘ ich bei
den Hemden. Auch neue Hemden brauchte ich. Das wird wieder
eine Affäre sein. Ach Gott.
Unheimlich, riesig der Cimone, als wenn er auf mich herunterfallen
wollte! Noch kein Stern am Himmel. Die Luft ist wie Champagner.
Und der Duft von den Wiesen! Ich werde auf dem Land leben. Einen
Gutsbesitzer werde ich heiraten und Kinder werde ich haben. Doktor
Froriep war vielleicht der Einzige, mit dem ich glücklich geworden
wäre. Wie schön waren die beiden Abende hintereinander, der erste
bei Kniep, und dann der auf dem Künstlerball. Warum ist er plötz-
lich verschwunden - wenigstens für mich? Wegen Papa vielleicht?
Wahrscheinlich. Ich möchte einen Gruß in die Luft hinausrufen, ehe
ich wieder hinuntersteige unter das Gesindel. Aber zu wem soll der
Gruß gehen? Ich bin ja ganz allein. Ich bin ja so furchtbar allein, wie
es sich niemand vorstellen kann. Sei gegrüßt, mein Geliebter. Wer?
Sei gegrüßt, mein Bräutigam! Wer? Sei gegrüßt, mein Freund! Wer? -
Fred? - Aber keine Spur. So, das Fenster bleibt offen. Wenn‘s auch
343
Arthur Schnitzler
kühl wird. Licht abdrehen. So. - Ja richtig, den Brief. Ich muß ihn zu
mir nehmen für alle Fälle. Das Buch aufs Nachtkastel, ich lese heut‘
Nacht noch weiter in >Notre Coeur<, unbedingt, was immer ge-
schieht. Guten Abend, schönstes Fräulein im Spiegel, behalten Sie
mich in gutem Angedenken, auf Wiedersehen . . .
Warum sperre ich die Tür zu? Hier wird nichts gestohlen. Ob Cissy in
der Nacht ihre Türe offen läßt? Oder sperrt sie ihm erst auf, wenn er
klopft? Ist es denn ganz sicher? Aber natürlich. Dann liegen sie zu-
sammen im Bett. Unappetitlich. Ich werde kein gemeinsames Schlaf-
zimmer haben mit meinem Mann und mit meinen tausend Gelieb-
ten. - Leer ist das ganze Stiegenhaus! Immer um diese Zeit. Meine
Schritte hallen. Drei Wochen bin ich jetzt da. Am zwölften August bin
ich von Gmunden abgereist. Gmunden war langweilig. Woher hat der
Papa das Geld gehabt, Mama und mich aufs Land zu schicken? Und
Rudi war sogar vier Wochen auf Reisen. Weiß Gott wo. Nicht zwei-
mal hat er geschrieben in der Zeit. Nie werde ich unsere Existenz
verstehen. Schmuck hat die Mama freilich keinen mehr. - Warum
war Fred nur zwei Tage in Gmunden? Hat sicher auch eine Geliebte!
Vorstellen kann ich es mir zwar nicht. Ich kann mir überhaupt gar
nichts vorstellen. Acht Tage sind es, daß er mir nicht geschrieben hat.
Er schreibt schöne Briefe. - Wer sitzt denn dort an dem kleinen
Tisch? Nein, Dorsday ist es nicht. Gott sei Dank. Jetzt vor dem Diner
wäre es doch unmöglich, ihm etwas zu sagen. - Warum schaut mich
der Portier so merkwürdig an? Hat er am Ende den Expreßbrief von
der Mama gelesen? Mir scheint, ich bin verrückt. Ich muß ihm näch-
stens wieder ein Trinkgeld geben. - Die Blonde da ist auch schon zum
Diner angezogen. Wie kann man so dick sein! - Ich werde noch vor‘s
Hotel hinaus und ein bißchen auf und abgehen. Oder ins Musikzim-
mer? Spielt da nicht wer? Eine Beethovensonate! Wie kann man hier
eine Beethovensonate spielen! Ich vernachlässige mein Klavierspiel.
In Wien werde ich wieder regelmäßig üben. Überhaupt ein anderes
Leben anfangen. Das müssen wir alle. So darf es nicht weitergehen.
Ich werde einmal ernsthaft mit Papa sprechen - wenn noch Zeit dazu
sein sollte. Es wird, es wird. Warum habe ich es noch nie getan? Alles
in unserem Haus wird mit Scherzen erledigt, und keinem ist scherz-
haft zu Mut. Jeder hat eigentlich Angst vor dem Andern, jeder ist
allein. Die Mama ist allein, weU sie nicht gescheit genug ist und von
niemandem was weiß, nicht von mir, nicht von Rudi und nicht vom
Papa. Aber sie spürt es nicht und Rudi spürt es auch nicht. Er ist ja ein
344
Fräulan Else
netter eleganter Kerl, aber mit einundzwanzig hat er mehr verspro-
chen. Es wird gut für ihn sein, wenn er nach Holland geht. Aber wo
werde ich hingehen? Ich möchte fortreisen und tun können was ich
will. Wenn Papa nach Amerika durchgeht, begleite ich ihn. Ich bin
schon ganz konfus . . . Der Portier wird mich für wahnsinnig halten,
wie ich da auf der Lehne sitze und in die Luft starre. Ich werde mir
eine Zigarette anzünden. Wo ist meine Zigarettendose? Oben. Wo
nur? Das Veronal habe ich bei der Wäsche. Aber wo habe ich die
Dose? Da kommen Cissy und Paul. Ja, sie muß sich endlich umklei-
den zum >Dinner<, sonst hätten sie noch im Dunkeln weitergespielt. -
Sie sehen mich nicht. Was sagt er ihr denn? Warum lacht sie so blitz-
dumm? Wär‘ lustig, ihrem Gatten einen anonymen Brief nach Wien
zu schreiben. Wäre ich so was imstande? Nie. Wer weiß? Jetzt haben
sie mich gesehen. Ich nicke ihnen zu. Sie ärgert sich, daß ich so
hübsch aussehe. Wie verlegen sie ist.
»Wie, Else, Sie sind schon fertig zum Diner ?«- Warum sagt sie jetzt Diner
und nicht Dinner. Nicht einmal konsequent ist sie. ~ »Wie Sie sehen,
Frau Cissy.« - »Du siehst wirklich entzückend aus, Else, ich hätte große Lust, dir
den Hof zu machen.« - »Erspar* dir die Mühe, Paul, gib mir lieber eine
Zigarette.« - »Aber mit Wonne.«- »Dank* schön. Wie ist das Single aus-
gefallen?« - »Frau Cissy hat mich dreimal hinkreinander geschlagen.«- »Er war
nämlich zerstreut. Wissen Sie übrigens, Else, daß morgen der Kronprinz von Grie-
chenland hier ankommt?« - Was kümmert mich der Kronprinz von Grie-
chenland? »So, wirklich?« O Gott, - Dorsday mit Frau Winawer! Sie
grüßen. Sie gehen weiter. Ich habe zu höflich zurückgegrüßt. Ja, ganz
anders als sonst. O, was bin ich für eine Person. - »Deine figarette brennt
ja nicht, Else?« - »Also, gib mir noch einmal Feuer. Danke.« - »Ihr Schal
ist sehr hübsch, Else, zu dem schwarzen Kleid steht er Ihnen fabelhafi. Übrigens
muß ich mich jetzt auch umziehen.« - Sie soll lieber nicht Weggehen, ich
habe Angst vor Dorsday. - » Und für sieben habe ich mir die Friseurin bestellt,
sie ist famos. Im Winter ist sie in Mailand. Also adieu, Else, adieu, Paul.« -
»Küss‘ die Hand, gnädige Frau.« »Adieu, Frau Cissy.« - Fort ist sie. Gut,
daß Paul wenigstens da bleibt. »Darf ich mich einen Moment zu dir setzen,
Else, oder .stör‘ ich dich in deinen Träumen?« - »Warum in meinen Träu-
men? Vielleicht in meinen Wirklichkeiten.« Das heißt eigentlich gar
nichts. Er soll lieber fortgehen. Ich muß ja doch mit Dorsday spre-
chen. Dort steht er noch immer mit der glücklichen Frau Winawer, er
langweilt sich, ich seh* es ihm an, er möchte zu mir herüberkommen.
- »Gibt es denn solche Wirklichkeiten, in denen du nicht gestört sein willst?« -
345
Arthur Schnitzler
Was sagt er da? Er soll zum Teufel gehen. Warum lächle ich ihn so
kokett an? Ich mein ihn ja gar nicht. Dorsday schielt herüber. Wo bin
ich? Wo bin ich? »Hits hast du denn heute, Ehe?« — »Was soll ich denn
haben?« - »Du bist geheimnisvoll, dämonisch, verführerisch.« »Red‘ keinen
Unsinn, Paul.« »Man konnte geradezu toll werden, wenn man dich ansieht.« -
Was fällt ihm denn ein? Wie redet er denn zu mir? Hübsch ist er. Der
Rauch meiner Zigarette verfangt sich in seinen Haaren. Aber ich
kann ihn jetzt nicht brauchen. - »Du siehst so über mich hinweg. Warum
denn, Else?« - Ich antworte gar nichts. Ich kann ihn jetzt nicht brau-
chen. Ich mache mein unausstehlichstes Gesicht. Nur keine Konver-
sation jetzt. - »Du bist mit deinen Gedanken ganz wo anders.« - »Das dürfte
stimmen.« Er ist Luft für mich. Merkt Dorsday, daß ich ihn erwarte?
Ich sehe nicht hin, aber ich weiß, daß er hersieht. - »Also, leb‘ wohl,
Else.« - Gott sei Dank. Er küßt mir die Hand. Das tut er sonst nie.
»Adieu, Paul.« Wo hab‘ ich die schmelzende Stimme her? Er geht,
der Schwindler. Wahrscheinlich muß er noch etwas abmachen mit
Cissy wegen heute Nacht. Wünsche viel Vergnügen. Ich ziehe den
Schal um meine Schulter und stehe auf und geh‘ vors Hotel hinaus.
Wird freilich schon etwas kühl sein. Schad‘, daß ich meinen Mantel ~
Ah, ich habe ihn ja heute früh in die Portierloge hineingehängt. Ich
fühle den Blick von Dorsday auf meinem Nacken, durch den Schal.
Frau Winawer geht jetzt hinauf in ihr Zimmer. Wieso weiß ich denn
das? Telepathie. »Ich bitte Sie, Herr Portier - « »Fräulein wünschen den
Mantel?«- »Ja, bitte.« - »Schon etwas kühl dü Abende, Fräulein. Das kommt
bei uns so plötzlich.« - »Danke.« Soll ich wirklich vors Hotel? Gewiß,
was denn? Jedenfalls zur Türe hin. Jetzt kommt einer nach dem an-
dern. Der Herr mit dem goldenen Zwicker. Der lange Blonde mit der
grünen Weste. Alle sehen sie mich an. Hübsch ist diese kleine Genfe-
rin. Nein, aus Lausanne ist sie. Es ist eigentlich gar nicht so kühl.
»Guten Abend, Fräulein Else.«- Um Gotteswillen, er ist es. Ich sage nichts
von Papa. Kein Wort. Erst nach dem Essen. Oder ich reise morgen
nach Wien. Ich gehe persönlich zu Doktor Fiala. Warum ist mir das
nicht gleich eingefallen? Ich wende mich um mit einem Gesicht, als
wüßte ich nicht, wer hinter mir steht. »Ah, Herr von Dorsday.« - »Sie
wollen noch einen Spaziergang machen, Fränkin Else?« - »Ach, nicht gerade
einen Spaziergang, ein bißchen auf und abgehen vor dem Diner.« -
»Es ist fast noch eine Stunde bis dahin.« - »Wirklich?« Es ist gar nicht so
kühl. Blau sind die Berge. Lustig wär‘s, wenn er plötzlich um meine
Hand anhielte. - »Es gibt doch auf der Welt keinen schöneren Fleck als diesen
346
Fröjddn Else
r
hier.» - »Plnden Sie, Herr von Dorsday? Aber bitte, sagen Sie nicht,
daß die Luft hier wie Champagner ist.« - »Nein, Fräulein Else, das sage
ich erst von zweitausend Metern an. Und hier stehen wir kaum sechzehnhundert-
ßinfzig über dem Meeresspiegel.» ~ »Macht das einen solchen Unter-
schied?« - »Aber selbstverständlich. Waren Sie schon einmal im Engadin?» -
»Nein, noch nie. Also dort ist die Luft wirklich wie Champagner?« -
»Man könnte es beinah' sagen. Aber Champagner ist nicht mein Lieblingsgetränk.
Ich ziehe diese Gegend vor. Schon wegen der wundervollen Wälder.« - Wie lang-
weilig er ist. Merkt er das nicht? Er weiß offenbar nicht recht, was er
mit mir reden soll. Mit einer verheirateten Frau wäre es einfacher.
Man sagt eine kleine Unanständigkeit und die Konversation geht wei-
ter. - »Bleiben Sie noch längere ^dt hier in San Martina, Fräulein Else?» -
Idiotisch. Warum schau' ich ihn so kokett an? Und schon lächelt er in
der gewissen Weise. Nein, wie dumm die Männer sind. »Das hängt
zum Teil von den Dispositionen meiner Tante ab.« Ist ja gar nicht
wahr. Ich kann ja allein nach Wien fahren. »Wahrscheinlich bis zum
zehnten.« - »Die Mama ist wohl noch in Gmunden?» - »Nein, Herr von
Dorsday. Sie ist schon in Wien. Schon seit drei Wochen. Papa ist auch
in Wien. Er hat sich heuer kaum acht Tage Urlaub genommen. Ich
glaube, der Prozeß Erbesheimer macht ihm sehr viel Arbeit.« - »Das
kann ich mir denken. .Aber Ihr Papa ist wohl der Einzige, der Erbesheimer heraus-
reißen kann ...Es bedeutet ja schon einen Erfolg, daß es überhaupt eine Zivilsache
geworden ist.» - Das ist gut, das ist gut. »Es ist mir angenehm zu hören,
daß auch Sie ein so günstiges Vorgefühl haben.« - »Vorgeßhl? Inwie-
fern?» - »Ja, daß der Papa den Prozeß für Erbesheimer gewinnen
wird.« - »Das will ich nicht dnmal mit Bestimmtheit behauptet haben.» - Wie,
weicht er schon zurück? Das soll ihm nicht gelingen. »O, ich halte
etwas von Vorgefühlen und von Ahnungen. Denken Sie, Herr von
Dorsday, gerade heute habe ich einen Brief von zu Hause bekom-
men.« Das war nicht sehr geschickt. Er macht ein etwas verblüfftes
Gesicht. Nur weiter, nicht schlucken. Er ist ein guter alter Freund von
Papa. Vorwärts. Vorwärts. Jetzt oder nie. »Herr von Dorsday, Sie ha-
ben eben so lieb von Papa gesprochen, es wäre geradezu häßlich von
mir, wenn ich nicht ganz aufrichtig zu Ihnen wäre.« Was macht er
denn für Kalbsaugen? O weh, er merkt was. Weiter, weiter. »Nämlich
in dem Brief ist auch von Ihnen die Rede, Herr von Dorsday. Es ist
nämlich ein Brief von Mama.« — »So.»— »Eigentlich ein sehr trauriger
Brief. Sie kennen ja die Verhältnisse in unserem Haus, Herr von
Dorsday.« - Um Himmels willen, ich habe ja Tränen in der Stimme.
347
Arthur Schnitzler
Vorwärts, vorwärts, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Gott sei Dank.
»Kurz und gut, Herr von Dorsday, wir wären wieder einmal so weit.«
-Jetzt möchte er am liebsten verschwinden. »Es handelt sich - um
eine Bagatelle. Wirklich nur um eine Bagatelle, Herr von Dorsday.
Und doch, wie Mama schreibt, steht alles auf dem Spiel.« Ich rede so
blöd‘ daher wie eine Kuh. - »Aber beruhigen Sie sich doch, Fräulein Else.« -
Das hat er nett gesagt. Aber meinen Arm brauchte er darum nicht zu
berühren. - »Also, was gibt‘s denn eigentlich, Fräulein Ehe? Was steht denn in
dem traurigen Brief von Mama!« - »Herr von Dorsday, der Papa« - Mir
zittern die Knie. »Die Mama schreibt mir, daß der Papa« - »Aber um
Gottes willen, Else, was ist Ihnen denn? Wollen Sie nicht lieber - hier ist eine
Bank. Darf ich Ihnen den Mantel umgeben? Es ist etwas kühl.« — »Danke,
Herr von Dorsday, o, es ist nichts, gar nichts besonderes.« So, da sitze
ich nun plötzlich auf der Bank. Wer ist die Dame, die da vorüber
kommt? Kenn‘ ich gar nicht: Wenn ich nur nicht weiterreden müßte.
Wie er mich ansieht! Wie konntest du das von mir verlangen, Papa?
Das war nicht recht von dir, Papa. Nun ist es einmal geschehen. Ich
hätte bis nach dem Diner warten sollen. - »Nun, Eräulein Else?« - Sein
Monokel baumelt. Dumm sieht das aus. Soll ich ihm antworten? Ich
muß ja. Also geschwind, damit ich es hinter mir habe. Was kann mir
denn passieren? Er ist ein Freund von Papa. »Ach Gott, Herr von
Dorsday, Sie sind ja ein alter Freund unseres Hauses.« Das habe ich
sehr gut gesagt. »Und es wird Sie wahrscheinlich nicht wundern,
wenn ich Ihnen erzähle, daß Papa sich wieder einmal in einer recht
fatalen Situation befindet.« Wie merkwürdig meine Stimme klingt.
Bin das ich, die da redet? Träume ich vielleicht? Ich habe gewiß jetzt
auch ein ganz anderes Gesicht als sonst. - »Es wundert mich allerdings
nicht übermäßig. Da haben Sie schon recht, liebes Fräulein Else, - wenn ich es
auch lebhaft bedauere.« - Warum sehe ich denn so flehend zu ihm auf?
Lächeln, lächeln. Geht schon. - »Ich empfinde Jur Ihren Papa eine so auf-
richtige Ereundschaft,für Sie alle.« - Er soll mich nicht so ansehen, es ist
unanständig. Ich will anders zu ihm reden und nicht lächeln. Ich muß
mich würdiger benehmen. »Nun, Herr von Dorsday, jetzt hätten Sie
Gelegenheit, Ihre Freundschaft für meinen Vater zu beweisen.« Gott
sei Dank, ich habe meine alte Stimme wieder. »Es scheint nämlich,
Herr von Dorsday, daß alle unsere Verwandten und Bekannten - die
Mehrzahl ist noch nicht in Wien - sonst wäre Mama wohl nicht auf
die Idee gekommen. - Neulich habe ich nämlich zufällig in einem
Brief an Mama Ihrer Anwesenheit hier in Martino Erwähnung getan
348
Fräukin Else
- unter anderm natürlich.« »Ick vermutete gleich, Fräulein Else, daß ich nicht
das einzige Thema Ihrer Korrespondenz mit Mama vorstelle. «- Warum drückt
er seine Knie an meine, während er da vor mir steht. Ach, ich lasse es
mir gefallen. Was tut‘s! Wenn man einmal so tief gesunken ist. - »Die
Sache verhält sich nämlich so. Doktor Fiala ist es, der diesmal dem
Papa besondere Schwierigkeiten zu bereiten scheint.« - »Ach, Doktor
Fiala.« - Er weiß offenbar auch, was er von diesem Fiala zu halten hat.
»Ja, Doktor Fiala. Und die Summe, um die es sich handelt, soll am
fünften, das ist übermorgen um zwölf Uhr Mittag, vielmehr, sie
muß in seinen Händen sein, wenn nicht der Baron Höning - ja, den-
ken Sie, der Baron hat Papa zu sich bitten lassen, privat, er liebt ihn
nämlich sehr.« Warum red‘ ich denn von Höning, das wär‘ ja gar
nicht notwendig gewesen. - »Sie wollen sagen, Else, daß andernfalls eine
Verhaftung unausbleiblich wäre?«- Warum sagt er das so hart? Ich antwor-
te nicht, ich nicke nur. >Ja.« Nun habe ich doch Ja gesagt. - »Hm, das
ist ja - schlimm, das ist ja wirklich sehr - dieser hochbegabte geniale Mensch. -
Und um welchen Betrag handelt es sich denn eigentlich, Fräulein Else?« - Wa-
rum lächelt er denn? Er findet es schlimm und er lächelt. Was meint
er mit seinem Lächeln? Daß es gleichgültig ist wieviel? Und wenn
er Nein sagt! Ich bring‘ mich um, wenn er Nein sagt. Also, ich soll die
Summe nennen. »Wie, Herr von Dorsday, ich habe noch nicht gesagt,
wieviel? Eine Million.« Warum sag‘ ich das? Es ist doch jetzt nicht der
Moment zum Spassen? Aber wenn ich ihm dann sage, um wieviel
weniger es in Wirklichkeit ist, wird er sich freuen. Wie er die Augen
aufreißt? Hält er es am Ende wirklich für möglich, daß ihn der Papa
um eine Million - »Entschuldigen Sie, Herr von Dorsday, daß ich in
diesem Augenblick scherze. Es ist mir wahrhaftig nicht scherzhaft
zumute.« - Ja, ja, drück‘ die Knie nur an, du darfst es dir ja erlauben.
»Es handelt sich natürlich nicht um eine Million, es handelt sich im
ganzen um dreißigtausend Gulden, Herr von Dorsday, die bis über-
morgen Mittag um zwölf Uhr in den Händen des Herrn Doktor Fiala
sein müssen. Ja. Mama schreibt mir, daß Papa alle möglichen Versu-
che gemacht hat, aber wie gesagt, die Verwandten, die in Betracht
kämen, befinden sich nicht in Wien.« - O, Gott, wie ich mich ernied-
rige. - »Sonst wäre es dem Papa natürlich nicht eingefallen, sich an
Sie zu wenden, Herr von Dorsday, respektive mich zu bitten -« - Wa-
rum schweigt er? Warum bewegt er keine Miene? Warum sagt er nicht
Ja? Wo ist das Scheckbuch und die Füllfeder? Er wird doch um Him-
mels willen nicht Nein sagen? Soll ich mich auf die Knie vor ihm wer-
349
Arthur Schnitzler
fen? O Gott! O Gott - »Am ßiriflen sagtm Sie, Fräulein Ehe?« - Gott sei
Dank, er spricht. »Jawohl übermoi^en, Herr von Dorsday, um zwölf
Uhr mittags. Es wäre also nötig - ich glaube, brieflich ließe sich das
kaum mehr erledigen.« - »J^atürHch nicht, Fräulein Ehe, das müßten wir
wohl auf telegraphischem Higetr- >Wir<, das ist gut, das ist sehr gut. »Mtn,
das wäre das wenigste. Wieviel sagten Sie, Else?«- Aber er hat es ja gehört,
warum quält er mich denn? »Dreißigtausend, Herr von Dorsday. Ei-
gentlich eine lächerliche Summe.« Warum habe ich das gesagt? Wie
dumm. Aber er lächelt. Dummes Mädel, denkt er. Er lächelt ganz
liebenswürdig. Papa ist gerettet. Er hätte ihm auch fünfzigtausend ge-
liehen, und wir hätten uns allerlei anschaffen können. Ich hätte mir
neue Hemden gekauft. Wie gemein ich bin. So wird man. - »Nicht ganz
so lächerlich, liebes .föW«- Warum sagt er >liebes Kind<? Ist das gut oder
schlecht? - »wie Sie sich das vorstellen. Auch dreißigtausend Gulden wollen ver-
dient sein.« - »Entschuldigen Sie, Herr von Dorsday, nicht so habe ich
es gemeint. Ich dachte nur, wie traurig es ist, daß Papa wegen einer
solchen Summe, wegen einer solchen Bagatelle« - Ach Gott, ich ver-
hasple mich ja schon wieder. »Sie können sich gar nicht denken, Herr
von Dorsday, - wenn Sie auch einen gewissen Einblick in unsere Ver-
hältnisse haben, wie furchtbar es für mich und besonders für Mama
ist« - Er stellt den einen Fuß auf die Bank. SoU das elegant sein - oder
was? - »0, ich kann mir schon denken, liebe Else.« - Wie seine Stimme
klingt, ganz anders, merkwürdig. - »Und ich habe mir selbst schon manches-
mal gedacht: schade, schade um diesen genialen Menschen.« - Warum sagt er
>schade<? Will er das Geld nicht hergeben? Nein, er meint es nur im
allgemeinen. Warum sagt er nicht endlich Ja? Oder nimmt er das als
selbstverständlich an? Wie er mich ansieht! Warum spricht er nicht
weiter? Ah, weil die zwei Ungarinnen Vorbeigehen. Nun steht er we-
nigstens wieder anständig da, nicht mehr mit dem Fuß auf der Bank.
Die Krawatte ist zu grell für einen älteren Herrn. Sucht ihm die seine
Geliebte aus? Nichts besonders Feines >unter uns<, schreibt Mama.
Dreißigtausend Gulden! Aber ich lächle ihn ja an. Warum lächle ich
denn? O, ich bin feig. »Und wenn man wenigstens annehmen düfte, mein
liebes Fräulein Else, daß mit dieser Summe wirklich etwas getan wäre? Aber- Sie
sind doch ein so kluges Geschöpf, Else, was wären diese dreißigtausend Gulden?
Ein Tropfen auf einen heißen Stein.«— Um Gottes willen, er will das Geld
nicht hergeben? Ich darf kein so erschrockenes Gesicht machen. Alles
steht auf dem Spiel. Jetzt muß ich etwas Vernünftiges sagen und ener-
gisch. »O nein, Herr von Dorsday, diesmal wäre es kein Tropfen auf
350
Fräulein Else
einen heißen Stein. Der Prozeß Erbesheimer steht bevor, vergessen
Sie das nicht, Herr von Dorsday, und der ist schon heute so gut wie
gewonnen. Sie hatten ja selbst diese Empfindung, Herr von Dorsday.
Und Papa hat auch noch andere Prozesse. Und außerdem habe ich
die Absicht, Sie dürfen nicht lachen, Herr von Dorsday, mit Papa zu
sprechen, sehr ernsthaft. Er hält etwas auf mich. Ich darf sagen,
wenn jemand einen gewissen Einfluß auf ihn zu nehmen imstande ist,
so bin es noch am ehesten ich.« - »Sie sind ja ein rührendes, ein entzückendes
Geschöpf, Fräulein Ehe.«- Seine Stimme klingt schon wieder. Wie zuwi-
der ist mir das, wenn es so zu Idingen anfangt bei den Männern. Auch
bei Fred mag ich es nicht. - »Ein entzückendes Geschöpf in der Tat.« -
Warum sagt er >in der Tat<? Das ist abgeschmackt. Das sagt man doch
nur im Burgtheater. - »Aber so gern ich Ihren Optimismus teilen möchte -
wenn der Karren einmal so verfahren ist.« - »Das ist er nicht, Herr von Dors-
day. Wenn ich an Papa nicht glauben würde, wenn ich nicht ganz
überzeugt wäre, daß diese dreißigtausend Gulden« - Ich weiß nicht,
was ich weiter sagen soll. Ich kann ihn doch nicht geradezu anbetteln.
Er überlegt. Offenbar. Vielleicht weiß er die Adresse von Fiala nicht?
Unsinn. Die Situation ist unmöglich. Ich sitze da wie eine arme Sün-
derin. Er steht vor mir und bohrt mir das Monokel in die Stirn und
schweigt. Ich werde jetzt aufstehen, das ist das beste. Ich lasse mich
nicht so behandeln. Papa soll sich umbringen. Ich werde mich auch
umbringen. Eine Schande dieses Leben. Am besten wär‘s, sich dort
von dem Felsen hinunterzustürzen und aus wär‘s. Geschähe euch
recht, allen. Ich stehe auf. - »Fräulein Else«- »Entschuldigen Sie, Herr
von Dorsday, daß ich Sie unter diesen Umständen überhaupt bemüht
habe. Ich kann Ihr ablehnendes Verhalten natürlich vollkommen ver-
stehen« - So, aus, ich gehe. - »Bleiben Sie, Fräulein Else.« - Bleiben Sie,
sagt er? Warum soll ich bleiben? Er gibt das Geld her. Ja. Ganz be-
stimmt. Er muß ja. Aber ich setze mich nicht noch einmal nieder. Ich
bleibe stehen, als wär's nur für eine halbe Sekunde. Ich bin ein biß-
chen größer als er. -»Sie haben meine Antwort noch nicht abgewartet. Ehe. Ich
war ja schon einmal, verzeihen Sie, Else, daß ich das in diesem Zusammenhang
erwähne« - Er müßte nicht so oft Else sagen - »in der Lage, dem Papa aus
einer Verlegenheit zu helfen. Allerdings mit einer - noch lächerlicheren Summe als
diesmal, und schmeichelte mir keineswegs mit der Hoffnung, diesen Betrag jemals
Wiedersehen zu dürfen, und so wäre eigentlich kein Grund vorhanden, meine
Hilfe diesmal zu verweigern. Und gar wenn ein junges Mädchen wie Sie, Else,
wenn Sie selbst als Fürbitterin vor mich hintreten — « - Worauf will er hinaus?
351
Arthur Schnitzler
Seine Stimme >klingt< nicht mehr. Oder anders! Wie sieht er mich
denn an? Er soll acht gehenW— »Abo, Ehe, ich bin bereit - Doktor Fiala soll
übermorgen um zuiölf Uhr mittags die dreißigtausend Gulden haben - unter einer
Bedingung« - Er soll nicht weiterreden, er soll nicht. »Herr von Dors-
day, ich, ich persönlich übernehme die Garantie, daß mein Vater die-
se Summe zurückerstatten wird, sobald er das Honorar von Erbeshei-
mer erhalten hat. Erbesheimers haben bisher überhaupt noch nichts
gezahlt. Noch nicht einmal einen Vorschuß - Mama selbst schreibt
mir« - »Lassen Sie doch, Ehe, man soll niemab eine Garantie ßir einen anderen
Menschen übernehmen, - nicht einmal ßir sieh selbst.« - Was will er? Seine
Stimme klingt schon wieder. Nie hat mich ein Mensch so angeschaut.
Ich ahne, wo er hinaus will. Wehe ihm! - »Hätte ich es vor einer Stunde ßir
möglich gehalten, daß ich in einem solchen Falk überhaupt mirjemab einfallen
lassen würde, eine Bedingung zu stellen? Und nun tue ich es doch. Ja, Else, man ist
eben nur ein Mann, und es ist nicht meine Schuld, daß Sie so schön sind, Else.« -
Was will er? Was will er -? — »Vielleicht hätte ich heute oder morgen das
Gkiche von Ihnen erbeten, was ich jetzt erbitten will, auch wenn Sie nicht eine
Million, pardon - dreißigtausend Gulden vor mir gewünscht hätten. Aber fieilich,
unter anderen Umständen hätten Sie mir wohl kaum Gelegenheit vergönnt, so lange
Zeit unter vier Augen mit Ihnen zu reden.«
- »O, ich habe Sie wirklich allzu lange in Anspruch genommen, Herr
von Dorsday.« Das habe ich gut gesagt. Fred wäre zufrieden. Was ist
das? Er faßt nach meiner Hand? Was fällt ihm denn ein? - »Wbsen Sie
es denn nicht schon lange, Ebe.«- Er soll meine Hand loslassen! Nun, Gott
sei Dank, er läßt sie los. Nicht so nah, nicht so nah. - »Sie müßten keine
Frau sein, Ebe, wenn Sie es nicht gemerkt hätten. Je vous desire.« - Er hätte es
auch deutsch sagen können, der Herr Vicomte. - »Muß ich noch mehr
sagen?« - »Sie haben schon zu viel gesagt, Herr Dorsday.« Und ich
stehe noch da. Warum denn? Ich gehe, ich gehe ohne Gruß. - »Ebe!
Ebe!« - Nun ist er wieder neben mir. - »Verzeihen Sie mir, Ebe. Auch ich
habe nur einen Scherz gemacht, geradeso wie Sie vorher mit der Million. Auch
meine Forderung stelk ich nicht so hoch - ab Sie gejurchtet haben, wie ich leider
sagen muß, - so daß die geringere Sie vielleicht angenehm überraschen wird. Bitte,
bleiben Sie doch stehen, Ebe.«- Ich bleibe wirklich stehen. Warum denn?
Da stehen wir uns gegenüber. Hätte ich ihm nicht einfach ins Gesicht
schlagen sollen? Wäre nicht noch jetzt Zeit dazu? Die zwei Engländer
kommen vorbei. Jetzt wäre der Moment. Gerade darum. Warum tu‘
ich es denn nicht? Ich bin feig, ich bin zerbrochen, ich bin erniedrigt.
Was wird er nun wollen statt der Million? Einen Kuß vielleicht? Dar-
352
Fräulein Ebe
über ließe sich reden. Eine Million zu dreißigtausend verhält sich wie
— Komische Gleichungen gibt es. - »Wmn Sie wirklich einmal eine Mil-
lion brauchen solllen, Ebe, - ich bin zjuar kein reicher Mann, dann wollen wir
sehen. Aber ßir diesmal will ich genügsam sein, wie Sie. Und för diesmal will ich
nichts anderes, Ebe, als - Sie sehen.« ~ Ist er verrückt? Er sieht mich doch.
- Ah, so meint er das, so! Warum schlage ich ihm nicht ins Gesicht,
dem Schuften! Bin ich rot geworden oder blaß? Nackt willst du mich
sehen? Das möchte mancher. Ich bin schön, wenn ich nackt bin. War-
um schlage ich ihm nicht ins Gesicht? Riesengroß ist sein Gesicht.
Warum so nah, du Schuft? Ich will deinen Atem nicht auf meinen
Wangen. Warum lasse ich ihn nicht einfach stehen? Bannt mich sein
Blick? Wir schauen uns ins Auge wie Todfeinde. Ich möchte ihm
Schuft sagen, aber ich kann nicht. Oder will ich nicht? - »Sie sehen mich
an, Else, ab wenn ich verrückt wäre. Ich bin es vielleicht ein wenig, denn es geht ein
Zauber von Ihnen aus, Ebe, den Sie selbst wohl nicht ahnen. Sie müssen fühlen,
Ebe, daß meine Bitte keine Beleidigung bedeutet. Ja, >Bitte< sage ich, wenn sie auch
einer Erpressung zum Verzweifeln ähnlich sieht. Aber ich bin kein Erpresser, ich
bin nur ein Mensch, der mancherlei Erfahrungen gemacht hat, - unter andern die,
daß alles auf der Welt seinen Preb hat und daß einer, der sein Geld verschenkt,
wenn er in der Lage bt, einen Gegenwert dcrfür zu bekommen, ein ausgemachter
Narr ist. Und - was ich mir diesmal kaufen will, Ebe, so viel es auch bt. Sie
werden nicht ärmer dadurch, daß Sie es verkaufen. Und daß es ein Geheimnb
bleiben würde zwischen Ihnen und mir, das schwöre ich Ihnen, Ebe, bä - bä all
den Reizen, durch deren Enthüllung Sie mich beglücken würden.«- Wo hat er so
reden gelernt? Es klingt wie aus einem Buch. - »Und ich schwöre Ihnen
auch, daß ich - von der Situation keinen Gebrauch machen werde, der in unserem
Vertrag nicht vorgesehen war. Mchb anderes verlange ich von Ihnen, ab eine Vier-
tebtunde dastehen dürfen in Andacht vor Ihrer Schönheit. Mein Zimmer liegt im
gleichen Stockwerk wie das Ihre, Ebe, Nummer Jünfundsechzig, leicht zu merken.
Der schwedische Tennisspieler, von dem Sie heut‘ sprachen, war doch gerade fiinf
undsechzig Jahre alt?« - Er ist verrückt! Warum lasse ich ihn weiterre-
den? Ich bin gelähmt. - »Aber wenn es Ihnen aus irgendänem Grunde nicht
paßt, mich auf Zimmer Nummer fiirrfimdsechzig zu besuchen, Else, so schlage ich
Ihnen einen kleinen Spaziergang nach dem Diner vor. Es gibt äne Lichtung im
Walde, ich habe sie neulich ganz zu entdeckt, kaum fünf Minuten weit von unse-
rem Hotel. - Es wird eine wundervolle Sommernacht heute, beinahe warm, und
das Sternenlicht wird Sie herrlich kleiden.«- Wie zu einer Sklavin spricht er.
Ich spucke ihm ins Gesicht. ~ »Sie sollen mir nicht gleich antworten, Ebe.
Überlegen Sie. Nach dem Diner werden Sie mir gütigst Ihre Entscheidung kund-
353
Arthur Schnitzler
tun.«- Warum sagt er denn >kundtun<. Was für ein blödes Wort: kund-
tun. - » Überlegen Sie in aller Ruhe. Sie werden vielleicht spüren, daß es nicht
einfach ein Handel ist, den ich Ihnen vorschlage.«- Was denn, du klingender
Schuft! - »Sie werden möglicherweise ahnen, daß ein Mann zu Ihnen spricht, der
ziemlich einsam und nicht besonders glücklich ist und der vielleicht einige Nachsicht
Affektierter Schuft. Spricht wie ein schlechter Schauspieler.
Seine gepflegten Finger sehen aus wie Krallen. Nein, nein, ich will
nicht. Warum sag‘ ich es denn nicht. Bring* dich um, Papa! Was will
er denn mit meiner Hand? Ganz schlaff ist mein Arm. Er führt meine
Hand an seine Lippen. Heiße Lippen. Pfui! Meine Hand ist kalt. Ich
hätte Lust, ihm den Hut herunter zu blasen. Ha, wie komisch wär*
das. Bald ausgeküßt, du Schuft? - Die Bogenlampen vor dem Hotel
brennen schon. Zwei Fenster stehen offen im dritten Stock. Das, wo
sich der Vorhang bewegt, ist meines. Oben auf dem Schrank glänzt
etwas. Nichts liegt oben, es ist nur der Messingbeschlag. - »Also auf
Wiedersehen, Else.« - Ich antworte nichts. Regungslos stehe ich da. Er
sieht mir ins Auge. Mein Gesicht ist undurchdringlich. Er weiß gar
nichts. Er weiß nicht, ob ich kommen werde oder nicht. Ich weiß es
auch nicht. Ich weiß nur, daß alles aus ist. Ich bin halbtot. Da geht er.
Ein wenig gebückt. Schuft! Er fühlt meinen Blick auf seinem Nacken.
Wen grüßt er denn? Zwei Damen. Als wäre er ein Graf, so grüßt er.
Paul soll ihn fordern und ihn totschießen. Oder Rudi. Was glaubt er
denn eigentlich? Unverschämter Kerl! Nie und nimmer. Es wird dir
nichts anderes übrig bleiben, Papa, du mußt dich umbringen. - Die
Zwei kommen offenbar von einer Tour. Beide hübsch, er und sie.
Haben sie noch Zeit, sich vor dem Diner umzukleiden? Sind gewiß
auf der Hochzeitsreise oder vielleicht gar nicht verheiratet. Ich werde
nie auf einer Hochzeitsreise sein. Dreißigtausend Gulden. Nein, nein,
nein! Gibt es keine dreißigtausend Gulden auf der Welt? Ich fahre zu
Fiala. Ich komme noch zurecht. Gnade, Gnade, Herr Doktor Fiala.
Mit Vergnügen, mein Fräulein. Bemühen Sie sich in mein Schlafzim-
mer. - Tu mir doch den Gefallen, Paul, verlange dreißigtausend Gul-
den von deinem Vater. Sage, du hast Spielschulden, du mußt dich
sonst erschießen. Gern, liebe Kusine. Ich habe Zimmer Nummer so-
undsoviel, um Mitternacht erwarte ich dich. O, Herr von Dorsday,
wie bescheiden sind Sie. Vorläufig. Jetzt kleidet er sich um. Smoking.
Also entscheiden wir uns. Wiese im Mondenschein oder Zimmer
Nummer fünfundsechzig? Wird er mich im Smoking in den Wald be-
gleiten?
354
Kommentar
/Kommentar
Die Novelle schildert die inrwren Spannungen und Ambivalenzen der
neunzehnjährigen Tochter eines Advokaten aus der Wiener »Fin de
Siede«- Szenerie. Wegen der Spielschulden ihres Vaters muss sie sich
in Abhän^gkeit zu einem aMerndm Lebemann begeben, der diese
Situation im erotischen Sinne ausnutzen will. Fräuldn Else stirbt kurz darauf
wegen der erlittenen Demütigung durch Suizid. Diese im Prinzip verständliche
Reaktionsweise ist vorwiegend als Folge der besonderen Moralvorstellungen der
damaligen feit zu verstehen, obendrein wahrscheinlich auch im Kontext einer sehr
sensiblen und labilen Persönlichkeit.
355
I^odor Dostqjewsky
Der Spieler
aus: Fjodor Dostyewsky. Der Spieler.
Aus den Aufzekhnimgen eines jungen Mannes.
Übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Markstein.
© 1992 by Philipp Reclamjun. GmbH & Co., Stuttgart
Einführung
Fjodor M. Dostojewski (1821-1881), Sohn eines Moskauer
Armenarztes und laut Nietzsche der einzige Psychologe, von dem
man etwas lernen kann, zählt zu den bedeutendsten Roman-
schriftstellern der Weltliteratur. In seinem Roman >Der Spieler«
(1867) thematisiert und verarbeitet der Autor seine eigene Spielleidenschqft, die ihn
wiederholt zur Flucht vor seinen Gläubigern ins Ausland (u.a. Deutschland)
zwingt.
Der Roman gilt als Musterbeispiel Jur die Darstellung des Psychogramms eines
Spielsüchtigen. Dostojeweskij war nicht mir zeitlebens von schwacher Gesundheit,
sondern litt auch unter epileptischen Ajfallen (wie Fürst Myschkin, der Held seines
Romanes »Der Idiot«, 1868/ 69), von denen er (ßlschlicherweise) behauptete, sie
seien erst nach seiner Verurteilung zum Tode und der begnadigenden Verbannung
nach Sibirien (1849) aufgetreten. Sein zxvegähriger Sohn Aljoscha starb 1878 an
Epilepsie. Dostojewskij selbst erlag 1881 in Sankt Petersburg den Folgen eines
Lungenleidens. Dem öffentlichen Trauerzug faxten sechzigtausend Menschen.
Weitefuhrende Literatur:
Birgit Harreß: Dostojewskis Romane. Interpretaüonen. Reclam 2005
356
Der Spieler
Der Spieler
Die Großmutter befand sich in ungeduldiger und
gereizter Gemütsverfassung; es war ihr anzuse-
hen, daß sich das Roulette in ihrem Kopf festge-
setzt hatte. Sie fand für nichts anderes Interesse
und war überhaupt sehr zerstreut. Auch gab's
kein neugieriges Fragen unterwegs, ganz anders
als noch einige Stunden zuvor. Wohl hob sie die
Hand, als eine überaus prunkvolle Kutsche an
uns vorbeijagte, und wollte wissen, wer das sei,
doch meiner Antwort hörte sie, scheint‘s, nicht mehr zu; ihre Nach-
denklichkeit wurde in einem fort von schroffen und ungeduldigen
Gesten und Ausfällen unterbrochen. Und als ich ihr, schon fast beim
Kurhaus, von weitem Baron und Baronin Wurmerheim zeigte, sah sie
nur flüchtig hin und murmelte ein völlig gleichgültiges »Aha!«, drehte
sich rasch zu Potapytsch und Marfa hinter uns um und fauchte;
»Was zottelt ihr uns nach?! Soll ich euch am Ende jedesmal mitneh-
men? Nach Hause mit euch! Mir reicht schon deine Begleitung«, füg-
te sie, an mich gewandt, hinzu, nachdem die beiden mit einer eiligen
Verbeugung kehrtgemacht hatten.
Im Kurhaus wurde die Großmutter bereits erwartet. Sofort machte
man für sie den alten Platz frei, jenen neben dem Croupier. Ich glau-
be, daß diese allemal steifen und manierlichen Croupiers, die sich den
schlichten Anschein von Amtspersonen geben, denen es beinahe egal
ist, ob die Bank gewinnt oder verliert - daß sie in Wahrheit gar nicht
so gleichgültig gegenüber den Verlusten der Bank sind und zweifels-
ohne ihre Instruktionen hinsichtlich der Spielerbetreuung und Wah-
rung geschäftlicher Interessen haben, wofür sie gewißlich auch Prä-
mien und Auszeichnungen einstecken. Die Großmutter jedenfalls war
bereits als Opferlämmchen auserkoren. Danach geschah, was die
Unsrigen vorausgesagt hatten.
Und zwar so:
Die Großmutter stürzte sich geradezu auf das Zero und ließ mich von
Anbeginn jedesmal zwölf Friedrichsdor darauf setzen. Einmal, zwei-
mal, dreimal - kein Zero. »Weiter, weiter«, stieß mich die Großmutter
ungeduldig an. Ich gehorchte.
»Wie oft haben wir gesetzt?« fragte sie endlich, vor Ungeduld mit den
Zähnen knirschend.
357
Ijodor Dostyewskg
»Zwölfmal schon, Großmutter. Hundertvierundvierzig Friedrichsdor
sind dahin. Glauben Sie mir, Großmutter, bis zum Abend wird wohl
. . .«
»Schweig!« unterbrach sie. »Setze auf Zero und auch noch tausend
Gulden auf Rot. Da hast du ...«
Das Rot kam, aber das Zero war abermals geplatzt; sie erhielt tausend
Gulden.
»Siehst du, siehst du!« zischelte die Großmutter. »Fast alles ist wieder
zurück. Setze wieder auf Zero, wir wollen‘s noch zehnmal versuchen,
und dann ist Schluß.«
Doch beim fünften Mal war‘s die Großmutter leid.
»Schick das verfluchte Zero zum Teufel. Da hast du, setz viertausend
Gulden auf Rot«, befahl sie.
»Großmutter! Es ist zuviel; was, wenn Rot nicht kommt?« flehte ich;
beinah hätte sie mich geschlagen. (Im übrigen stieß sie mich dauernd
so heftig in die Seite, daß man‘s durchaus als Hiebe verstehen konnte.)
Was sollte ich tun? Ich setzte alle am Vormittag gewonnenen viertau-
send Gulden auf Rot. Die Kugel rollte. Die Großmutter saß ruhig
und stolz aufgerichtet da, nicht im geringsten am Erfolg zweifelnd.
»Zero«, verlautete der Croupier.
Zunächst begriff die Großmutter nicht, doch als sie sah, wie der
Croupier ihre viertausend Gulden samt allem, was sonst am Tisch
lag, einkassierte, als sie erfuhr, daß das Zero, das so lange auf sich
warten gelassen und fast zweihundert Friedrichsdor unsres Einsatzes
verschlungen hatte, wie zum Fleiß gerade jetzt, nachdem sich die
Großmutter schimpfend von ihm abgewandt hatte, gekommen war,
schlug sie mit einem laut vernehmlichen Aufstöhnen die Hände zu-
sammen.
»Gott im Himmel! Das verflixte Ding mußte just jetzt kommen!«
brüUte die Großmutter. »Vermaledeite Null! Du, du bist schuld!« fiel
sie wütend über mich her. »Du hast's mir ausgeredet.«
»Großmutter, ich hab Ihnen zur Vernunft geraten, wie soll ich für alle
Chancen haften?«
»Papperlapapp, ich werd's dir schon zeigen!« zischte sie drohend.
»Fort mit dir!«
»Leben Sie wohl, Großmutter.« Ich machte Anstalten, mich zurück-
zuziehen.
»Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch, wohin willst du denn? Ach
bleib doch! Was denn? Bist gar böse? Dummkopf! Na, bleib schon.
358
Der Spieler
bleib, und ärgere dich nicht, bin selbst ein dummes Weibsbild! Sag
mir lieber, was wir jetzt tun solln?«
»Ich will Ihnen keinen Rat geben, Großmutter, weil Sie mir hernach
Vorwürfe machen. Spielen Sie aus eignem; Sie befehlen - ich setze.«
»Schon gut, schon gut. Wieder viertausend Gulden auf Rot! Da hast
du meine Brieftasche, nimm.« Sie zog das Geld hervor und reichte es
mir. »Na, nimm schon, es sind zwanzigtausend Rubel in Scheinen
drin.«
»Großmutter«, flüsterte ich, »solche Einsätze . . .
»Daß mich der Blitz trifft - ich will alles zurückgewinnen. Setze!« Wir
setzten und verloren.
»Setze, setze, die ganzen achttausend!«
»Das geht nicht, Großmutter, viertausend ist der Höchsteinsatz . . .«
»Dann nimm viertausend!«
Diesmal gewannen wir. Großmutters Gesicht hellte sich auf. »Siehst
du, siehst du!« stieß sie mich an. »Nimm nochmals vier!«
Wir setzten und verloren. Verloren immer wieder.
»Großmutter, die ganzen zwölftausend sind futsch«, meldete ich.
»Ich seh‘s Ja selbst«, sagte sie - wie soll ich es ausdrücken? - gefaßt
und ruhig vor Wut. »Ich sehe, mein Lieber, ich sehe«, murmelte sie
mit stierem Blick und scheinbar ganz in Gedanken. »Naja, auf Teufel
komm raus - setze nochmals viertausend Gulden!«
»'s ja kein Geld mehr übrig, Großmutter, in der Brieftasche sind
Wertpapiere und irgendwelche Überweisungen, bloß kein Geld.«
»Und in der Börse?«
»Nur Kleingeld, Großmutter.«
»Gibt‘s hier Wechselstuben?« fragte sie kurz entschlossen.
»Man hat mir gesagt, sie nehmen alle unsre Papiere zum Wechseln.«
»O, soviel Sie wollen. Aber was Sie beim Wechseln verlieren, darüber
würde sich selbst ein Jud grausen!«
»Unsinn! Ich gewinn‘s ja zurück! Los! Ruf diese Tölpel herbei!«
Ich schob sie vom Tisch weg, die Träger erschienen, und wir verlie-
ßen die Spielsäle. »Schneller, schneller!« kommandierte die Groß-
mutter. »Zeig ihnen den Weg, Alexej Iwanowitsch, etwas in der Nähe.
Ist‘s weit?«
»Sind gleich da, Großmutter.«
Als wir jedoch in die Allee einbogen, kam uns die ganze Partie entge-
gen: der General, des Grieux, Mademoiselle Blanche samt Mütter-
chen. Polina Alexandrowna war nicht dabei, auch Mister Astley fehlte.
359
Fjodor Dostqjewskij
»He, he, nicht stehenbleiben«, rief die Großmutter. »Was gibt‘s denn?
Hab keine Zeit für euch!«
Ich ging hinter ihr, des Grieux sprang auf mich zu.
»Sie hat alles vom Vormittag verspielt und zwölftausend Gulden
dazu. Jetzt sind wir auf dem Weg, die Wertpapiere einzuwechseln«,
raunte ich ihm hastig zu.
Des Grieux stampfte auf und stürzte mit der Neuigkeit zum General.
Wir schoben die Großmutter an.
»Halt, halt!« flüsterte mir der General außer sich zu.
»Versuchen Sie mal, sie aufzuhalten«, flüsterte ich zurück.
»Tantchen! Tantchen! ...« Seine Stimme zitterte und brach. »Wir
wollten . . . wollten eben . . . Pferde mieten und ins Grüne fahren . . .
Ein herrlicher Ausblick ... die Aussichtswarte . . . wir wollten gerade
zu Ihnen, Sie einladen.«
»Ach, laß mich mit deinem Ausblick!« Die Großmutter winkte un-
gnädig ab.
»Dort ist ein Dorf ... Wir werden eine Jause ... « fuhr der General
vollends verzweifelt fort.
»Nous boirons du lait, sur l'herbe fraiche«, fügte des Grieux mit zäh-
neknirschender Wut hinzu.
Du lait, de l'herbe fraiche - das ist, was sich ein Pariser Bourgeois als
Idylle vorstellt; seine allseits bekannte Auffassung von »la nature et la
verite.«
»Ach, laß mich mit deiner Milch in Frieden! Sauf sie selbst, ich krieg
Bauchgrimmen davon. Und rückt mir überhaupt vom Leib«, brüllte
die Großmutter. »Sagte ich nicht, daß wir‘s eilig haben?«
»Angekommen, Großmutter«, schrie ich. »Wir sind da!«
Wir waren an einem Haus angelangt, in dem sich eine Bank befand.
Ich ging wechseln; die Großmutter wartete vor dem Eingang; des
Grieux, der General und Mademoiselle Blanche standen abseits, un-
entschlossen, was sie tun sollten. Die Großmutter warf ihnen einen
zornigen Blick zu, worauf sie sich in Richtung Kurhaus in Bewegung
setzten.
Mir wurde in der Bank ein so lausiges Angebot gemacht, daß ich
zögerte und zurückging, um von Großmutter Anweisungen zu erbit-
ten.
»So eine Räuberbande!« schrie sie und schlug die Hände zusammen.
»Naja, macht nichts! Geh nur . . . Nein, halt, hol mir den Direktor raus!«
»'s sind nur Angestellte da, Großmutter.«
360
Der Spieler
»Na dann einen Angestellten, ist egal. So eine Räuberbande!«
Als ich drinnen verlautete, daß eine alte, geschwächte und gehbehin-
derte Gräfin vor der Tür wartete, erklärte sich ein Angestellter bereit,
herauszukommen. Die Großmutter erging sich lange in zornigen und
lauten Beschuldigungen, nannte ihn einen Gauner und verhandelte
in einem Mischmasch von Russisch, Französisch und Deutsch, wobei
ich bei der Übersetzung helfen mußte. Der gestrenge Angestellte sah
von einem zum andren und schüttelte stumm den Kopf. Die Groß-
mutter musterte er sogar mit geradezu penetranter Neugier, es war
bereits unhöflich; schließlich feixte er.
»Dann verschwinde!« rief die Großmutter. »Erstick an meinem Geld!
Wechsle bei ihm, Alexej Iwanowitsch. Wenn wir Zeit hätten, könnten
wir's anderswo versuchen ...«
»Er sagt, woanders kriegen wir noch weniger.«
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wieviel man uns abknöpfte, aber
es war schrecklich. Ich bekam zwölftausend Florin in Gold und Bank-
noten, nahm die Quittung und trat zur Großmutter hinaus.
»Na schön, brauchst nicht nachzählen«, winkte sie mit beiden Hän-
den. »Schnell, schnell zurück!«
»Ich will nie wieder auf das verfluchte Zero setzen und auf Rot auch
nicht«, sagte sie, als wir uns dem Kurhaus näherten.
Diesmal bemühte ich mich aus Kräften, ihr weiszumachen, daß sie
zunächst wenig setzen möge, da es im Falle einer Glückswende noch
immer Zeit war, größere Einsätze zu placieren. Doch sie war so unge-
duldig, daß sie zwar fürs erste zustimmtc, sich aber während des
Spiels nicht und nicht bremsen ließ. Kaum begann sie Einsätze von
zehn, zwanzig Friedrichsdor zu gewinnen, stieß sie mich sofort an:
»Siehst du! Siehst du! Wir gewinnen. Hätten bloß viertausend statt
zehn setzen müssen - und viertausend wären gewonnen, nicht so wie
jetzt. Du, nur du bist schuld!«
Und so sehr mich ihr Spiel auch ärgerte, beschloß ich schließlich, den
Mund zu halten und ihr keine Ratschläge mehr zu geben.
Plötzlich trat des Grieux zu uns. Sie hatten alle drei in der Nähe ge-
standen; ich bemerkte, daß sich Mademoiselle Blanche samt Mütter-
chen etwas abseits hielt und mit dem kleinen Fürsten flirtete. Der
General war eindeutig in Ungnade gefallen, geradezu mit Bann be-
legt. Blanche mochte ihn nicht mal ansehen, obwohl er um sie
scharwenzelte und aus der Haut fuhr, ihr zu gefallen. Der arme Gene-
ral! Er erbleichte, er errötete, er erbebte und beachtete nicht einmal
361
Fjodor Dostqjewskij
mehr Großmutters Spiel. Blanche und der Fürst verließen schließlich
den Saal, der General trottete ihnen nach.
»Madame, Madame«, flötete des Grieux, der sich bis zu Großmutters
Ohr vorgezwängt hatte. »Madame, so man nicht setzt . . . nein, nein,
nicht möglich ...« radebrechte er auf russisch. »Njet!«
»Wie denn? Bring‘s mir htJt bei!« gab die Großmutter zurück. Des
Grieux begann plötzlich hastig schnell auf französisch zu sprechen,
gab Ratschläge, unter anderem den, auf eine bessere Chance zu war-
ten, drehte sich ungeduldig dahin und dorthin, rechnete ihr etwas vor
. . . , die Großmutter verstand gar nichts. Er wandte sich jeden Augen-
blick zu mir, auf daß ich übersetzte; deutete mit dem Finger auf den
Tisch; schnappte schließlich einen Bleistift und kritzelte Zahlen auf
ein Stück Papier. Die Großmutter verlor schließlich die Geduld.
»Geh mir aus den Augen! Nichts als dummes Geplapper. Madame,
Madame - aber verstehn tut er rein gar nichts! Fort!«
»Mais, Madame«, zwitscherte des Grieux und hob wiederum an zu
stoßen und zu deuten. Die Sache setzte ihm doch sehr zu.
»Na, mach mal, wie er‘s sagt«, befahl mir die Großmutter, »wir wer-
den ja sehen: vielleicht klappt's wirklich.«
Des Grieux wollte sie lediglich von den großen Einsätzen abbringen:
er schlug vor, auf Zahlen zu spielen, einzeln und kombiniert. Ich setz-
te nach seinen Anweisungen je einen Friedrichsdor auf einige Impair
aus dem ersten Dutzend und je fünf Friedrichsdor auf Zahlengrup-
pen in Pair; insgesamt machte es sechzehn Friedrichsdor.
Die Kugel rollte. »Zero«, schrie der Croupier. Wir hatten alles verloren.
»Hohlkopf!« herrschte die Großmutter des Grieux an. »Fieser Franz-
mann, der du bist. Ratschläge will er geben, der Halsabschneider.
Mach, daß du fortkommst! Versteht keinen Deut und gibt groß an!«
Aufs tiefste gekränkt, zog des Grieux die Schultern hoch, warf der
Großmutter einen kurzen Blick zu und ging. Es dauerte ihn bereits
selbst, sich dreingemischt zu haben; die Versuchung war zu groß ge-
wesen.
Nach einer Stunde hatten wir, so sehr wir auch dagegen anrannten,
alles verloren.
»Nach Hause!« kommandierte die Großmutter.
Bis zur Allee sagte sie kein Wort. In der Allee dann und schon kurz vor
dem Hotel brachen Verwünschungen aus ihr hervor.
»Hat man schon eine solche Idiotin gesehen!?! Ein solches altes, altes
blödes Weibsbild!?«
362
Der Spieler
r
Kaum waren wir in ihrem Appartement angelangt, ließ sie Tee auf-
tragen und sofort zu packen beginnen. »Wir fahren!«
[•••]
O ja, mitunter kann sich einem der wildeste, der scheinbar unmög-
lichste Gedanke so stark im Gehirn festsetzen, daß man ihn schließ-
lich erfüllbar glaubt . . . Mehr noch; Wenn sich die Idee mit einem
mächtigen, leidenschaftlichen Wollen vereint, nimmt man sie bald als
etwas Fatales an, etwas, was notwendig und vorausbestimmt ist, als
etwas unbedingt zu Geschehendes! Vielleicht fügt sich noch anderes
hinzu, eine Kombination von Ahnungen, eine ungewöhnliche Wil-
lensanstrengung, die Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie
oder noch etwas - ich weiß es nicht; wie immer, mir war an diesem
Abend (den ich mein Leben lang nicht vergessen werde) Wunderbares
geschehen. Obgleich ganz und gar durch die Arithmetik begründbar,
bleibt es für mich bis heute wunderbar. Von woher denn, von woher
kam damals diese Sicherheit, die sich so tief und seit so langer Zeit in
mir festgesetzt hatte? Und ich versichere Ihnen nochmals: Ich habe
darin wahrhaftig nicht eine Episode gesehen, die sich neben mehre-
ren anderen ereignet (folglich geschehen kann oder auch nicht), son-
dern als etwas Besonderes, was sich ereignen muß\
Es war viertel nach zehn; ich betrat das Kurhaus mit einer so festen
Hoffnung und zugleich einer solchen Erregung, wie ich sie noch nie
erfahren hatte. In den Spielsälen tummelte sich noch reichlich viel
Publikum, allerdings halb soviel wie vormittags.
Nach zehn Uhr bleiben an den Spieltischen die wahren, die verbisse-
nen Spieler zurück, für sie besteht das Kurbad allein aus dem Rou-
lette, dem zuliebe sie allein hergekommen sind, und sie nehmen kaum
wahr, was um sie herum geschieht, und haben während der ganzen
Saison für nichts anderes Interesse als für das Spiel von früh bis spät,
das sie gerne, wäre dies bloß möglich, die ganze Nacht lang bis zum
Morgengrauen fortsetzen würden. Und nur widerwillig brechen sie
auf, wenn um zwölf die Säle geschlossen werden. Und sobald der
Chefcroupier kurz vor der Sperrstunde sein »Les trois derniers coups,
messieurs« kundtut, sind sie gerüstet, bei diesen letzten drei Spielen
auch mal alles zu setzen, was sie in der Tasche haben - und eben dann
wird am meisten verloren. Ich steuerte auf den Tisch zu, an dem die
Großmutter gesessen hatte, und konnte, weil‘s kein Gedränge gab,
rasch einen Platz - stehend - am Tisch ergattern. Direkt vor mir
stand auf dem grünen Tuch das Wort »Passe« geschrieben. Das Wort
363
J^odor Dostojewskij
»Passe« bedeutet die Zahlenreihe von neunzehn bis einschließlich
sechsunddreißig. Die erste Reihe hingegen, von eins bis einschließlich
achtzehn, heißt Manque. Allein - was kümmerte es mich? Ich kalku-
lierte nicht, hatte nicht mal gehört, auf welche Zahl die Kugel vorher
gefallen war, und fragte nicht danach, als ich das Spiel begann, wie es
jeder auch nur ein bißchen kalkulierende Spieler getan hätte. Ich zog
meine zwanzig Friedrichsdor aus der Tasche und warf sie auf das
Passe vor mir.
»Vingt-deux«, verlautbarte der Croupier.
Ich hatte gewonnen und setzte abermals das ganze, das frühere Geld
und den Gewinn, ein.
»Trente-et-un«, rief der Croupier. Wieder gewonnen! Ich besaß so-
mit bereits achtzig Friedrichsdor! Ich schob alle achtzig auf das mitt-
lere Dutzend (dreifacher Gewinn, aber eine Chance gegen zwei) - die
Scheibe drehte sich, die Kugel fiel auf vierundzwanzig. Mir wurden
drei Bündel zu fünfzig Friedrichsdor und zehn Goldmünzen zugeteilt;
alles in allem fand ich mich als Besitzer von zweihundert Friedrichs-
dor wieder.
Ich war wie von Fieber geschüttelt und schob den ganzen Haufen
Geld auf Rot - und kam plötzlich zur Besinnung! Ein einziges Mal an
diesem Abend, bei diesem Spiel, fuhr mir kalter Schrecken durch die
Glieder und ließ Hände und Beine erzittern. Mit Entsetzen wurde
mir plötzlich bewußt, was es für mich jetzt bedeuten würde, zu verlie-
ren! Der Einsatz war mein Leben!
»Rouge!« verlautete der Croupier - und ich konnte wieder atmen,
spürte ein feuriges Prickeln am ganzen Körper. Man zahlte mir Bank-
noten aus; somit waren es bereits viertausend Florin und achtzig
Friedrichsdor! (Da vermochte ich noch mitzuzählen.)
Danach setzte ich, wie ich mich erinnere, zweitausend Florin wieder
auf das mittlere Dutzend - und verlor; setzte mein Gold und achtzig
Friedrichsdor - und verlor. Wut packte mich: Ich schnappte die übri-
gen letzten zweitausend Florin und setzte auf das erste Dutzend, ein-
fach so, auf gut Glück, ohne lange zu überlegen! Nein, doch: es gab
einen Augenblick des Wartens, der vielleicht - Eindruck vom Ein-
druck - mit dem zu vergleichen ist, was Madame Blanchard emp-
fand, als sie damals in Paris mit dem Luftballon zur Erde stürzte.
»Quatre!« rief der Croupier. Wieder besaß ich samt dem Vorigen
sechstausend Florin. Schon blickte ich in Siegerpose um mich, schon
fürchtete ich nichts, aber auch gar nichts mehr, und warf viertausend
364
Der Spieler
/
Florin auf Schwarz. Gut ein halbes Dutzend Spieler beeilten sich, mir
gleichzutun, und setzten ebenfalls auf Schwarz. Die Croupiers war-
fen sich Blicke zu und tuschelten. Die Umsitzenden unterhielten sich
und warteten.
Es kam Schwarz. Von nun an erinnere ich mich an nichts mehr, we-
der an meine Kalkulationen noch an die Reihenfolge der Einsätze.
Ich erinnere mich lediglich wie im Traum, daß ich bereits etwa sech-
zehntausend Florin gewonnen hatte, ehe ich durch dreimal Pech auch
schon wieder zwölftausend verlor; danach setzte ich die letzten vier-
tausend auf Passe (kaum etwas dabei empfindend; ich wartete bloß,
stumpf, ohne einen Gedanken im Kopf) - und gewann wieder; da-
nach gewann ich abermals, viermal hintereinander. Ich erinnere
mich nur, daß ich das G(dd zu Tausenden an mich zog; erinnere mich
noch, daß am häufigsten das mittlere Dutzend kam, das ich mir denn
auch zu eigen machte. Es kam irgendwie regelmäßig, immerzu drei-
bis viermal hintereinander, blieb danach zweimal aus und tauchte
wieder auf - drei-, viermal. Derlei Regelmäßigkeit beobachtet man
mitunter in Serien, und eben dadurch werden notorische Spieler,
jene, die mit dem Bleistift in der Hand Berechnungen anstellen, ver-
wirrt. Und was für grausame Streiche einem das Schicksal hier
manchmal spielt!
Ich glaube, seit meiner Ankunft war nicht mehr als eine halbe Stunde
vergangen. Plötzlich teilte mir der Croupier mit, daß ich dreißig-
tausend Florin gwonnen hatte und das Roulette, weil die Bank für
nicht mehr als einmal hafte, bis morgen früh geschlossen werde. Ich
verstaute mein Gold in der Tasche, packte alle Banknoten und mach-
te mich unverzüglich zu einem anderen Roulettetisch in einem an-
deren Saal auf; die ganze Meute lief mir nach; dort wurde wiederum
ein Platz für mich freigemacht, und ich legte los, ohne zu überlegen,
ohne zu rechnen. Ich verstehe nicht, wie ich da heil davongekommen
bin!
Im übrigen flackerten in meinem Kopf manchmal doch so was wie
rechnerische Überlegungen auf Ich hielt mich an bestimmte Zahlen
und Chancen, ließ sie jedoch bald wieder fallen und setzte von neuem
aufs Geratewohl. Ich muß sehr zerstreut gewesen sein; weiß noch,
daß die Croupiers mehrmals Fehler von mir, grobe Fehler, korrigier-
ten. Meine Schläfen waren schweißnaß, die Hände zitterten. Immer
wieder drängte sich diensteifrig das Polengelichter an mich heran,
doch ich hörte auf niemand. Das Glück riß nicht ab! Plötzlich kam
365
Fjodor Dostqjewskij
rundum lautes Gemurmel und Gelächter auf. »Bravo! Bravo!«
schrien alle, manch einer klatschte gar in die Hände. Ich habe auch
hier dreißigtausend Florin eingeheimst, und die Bank wurde wieder
bis morgen geschlossen.
»Schluß, machen Sie Schluß!« flüsterte mir eine Stimme von rechts
ins Ohr. Es war ein Frankfurter Jude, er hatte die ganze Zeit neben
mir gestanden und mir, glaub ich, manchmal beim Spielen geholfen.
»Um Himmels willen, machen Sie Schluß« flüsterte mir eine andere
Stimme ins linke Ohr. Ich sah kurz hin. Es war eine äußerst beschei-
den und züchtig gekleidete Dame um die dreißig, mit einem krank-
haft blassen, müden Gesicht, das jedoch durchaus erahnen ließ, wie
wunderbar schön es früher gewesen sein mußte. Ich war eben dabei,
das Gold vom Tisch aufzuklauben und mir die Taschen mit hastig
zusammengeknüllten Banknoten voUzustopfen. Als ich beim letzten
Bündel mit fünfzig Friedrichsdor ankam, gelang es mir, das Geld ganz
unauffällig der blassen Dame zuzustecken; ich hatte ein ganz starkes
Verlangen damals, dies zu tun, und weiß noch, wie ihre zarten, dün-
nen Finger zum Zeichen tiefster Dankbarkeit meine Hand drückten.
Es dauerte nicht länger als einen Augenblick.
Sobald alles eingesammelt war, machte ich mich zum Trente-et-qua-
rante auf
Beim Trente-et-quarante spielt das erlauchte Publikum. Es ist etwas
anderes als Roulette, es sind Karten. Hier haftet die Bank für hun-
derttausend Taler auf einmal. Der Höchsteinsatz ist ebenfalls mit
viertausend Florin festgesetzt. Ich kannte mich bei diesem Spiel und
den Einsätzen überhaupt nicht aus, wußte nur von Rot und Schwarz,
die es auch dabei gab. Daran hielt ich mich denn auch. Alles, was
noch im Kurhaus war, drängte sich um mich. Ich weiß nicht, ob ich
während der ganzen Dauer auch nur einmal an Polina dachte. Ich
erfuhr damals den unüberwindlichen Genuß am Geldnehmen und
Geldeinstecken - die Banknoten türmten sich vor mir auf
Wahrhaftig, es war, als drängte mich mein Schicksal an den Tisch.
Diesmal ereignete sich wie absichtlich ein Vorkommnis, wie es im üb-
rigen recht oft beim Spielen passiert. Da wählt sich die Fortüne sagen
wir Rot aus und bleibt zehn-, ja fünfzehnmal hintereinander dabei.
Schon vor zwei Tagen hörte ich, daß es in der Vorwoche zwanzigmal
hintereinander Rot gegeben hat; es wurde mit Verwunderung
herumerzählt. Klarerweise wendet sich alsbald alles vom Rot ab,
nach dem zehnten Mal gibt es kaum noch jemanden, der darauf zu
366
Der Spieler
setzen wagt. Doch auch auf Schwarz, den Widerpart des Rot, werden
erfahrene Spieler nicht setzen. Ein erfahrener Spieler weiß, was er
von dieser »Laune des Zufalls« zu halten hat. Man sollte doch bei-
spielsweise meinen, daß nach sechzehnmal Rot beim siebzehnten
Mal unbedingt Schwarz kommen müsse. Neulinge stürzen sich en
masse darauf, verdoppeln und verdreifachen die Einsätze - und ver-
lieren haushoch.
Ich aber folgte einer seltsamen Laune und hängte mich absichdich
ans Rot, nachdem es siebenmal gekommen war. Ich bin überzeugt,
daß eine gute Portion Eitelkeit mit dabei war; die Zuschauer sollten
meinen wahnwitzigen Wagemut bewundern. Und dann, o seltsames
Empfinden, ich erinnere mich genau, bemächtigte sich meiner plötz-
lich ein schrecklich starkes und wirklich durch keinerlei Eitelkeit
hervorgerufenes Verlangen, einen großen Coup zu wagen. Mag sein,
daß die Seele nach einer solchen Kette von Empfindungen nicht ge-
sättigt wird, sondern nur gereizt und nach immer neueren und stärke-
ren Empfindungen verlangt, ehe am Ende die vollkommene Erschöp-
fung eintritt. Glauben Sie mir, 's ist wahr: Wenn es die Spielregeln
erlaubt hätten, fünfzigtausend Florin auf einmal zu setzen - ich hätte
cs zweifellos getan. Von rundherum wurde mir zugerufen, es sei
Wahnsinn, und Rot käme bereits zum vierzehnten Mal!
»Monsieur a gagne dejä Cent mille florins«, vernahm ich eine Stimme
neben mir.
Plötzlich kam ich zur Besinnung. Wie? Ich habe an diesem Abend
hunderttausend Florin gewonnen! Ja wozu brauche ich mehr? Ich
beugte mich über die Banknoten, stopfte sie, ohne zu zählen, in die
Tasche, raffte mein ganzes Gold und alle Geldbündel auf und stürzte
zum Ausgang. Alles lachte, als ich durch die Säle ging: mit prallvollen
Taschen und wankenden Schritts — wegen des Goldgewichts, gut ein
halbes Pud wird es gewesen sein. Etliche Hände streckten sich mir
entgegen; ich teilte aus, soviel ich auf einmal greifen konnte. Zwei
Juden hielten mich am Ausgang an.
»Sie sind kühn! Sehr kühn«, sagten sie, »aber beeilen Sie sich abzurei-
sen, morgen früh, möglichst zeitig, sonst verspielen Sie alles. . .«
367
Kommentar
/Kommentar
Bei dem Textemzug aus dem Roman »Der Spieler» von Dostojews-
kij wird in geradezu paradigmatischer Weise die Spielsucht zweier
Personen geschildert und insbesondere das Süchtige des Verhaltens,
dargestellt an zwei verschiedenen Protagonisten, herausgearbeitet.
Der Roman beschreibt die vielen Facetten der Spielsucht mit den finanziellen und
sozialen Konsequenzen einer nicht kontrollierten Spielsucht und deren Faszination
und Gefahren fir die davon Befallenen. Die Spielsucht wird zusammen mit dem
pathologischen Stehlen (Kleptomanie) und der pathologischen Brandstiftung (Pyro-
manie) unter die übergeordnete Kategorie »abnorme Gewohnheiten und Störungen
der Impulskontrolle» gefasst. Das gemeinsame Merkmal dieser Störungen ist das
wiederholte, vollständige oder teilweise Versagen der »willentlichen» Kontrolle eines
dranghafien Impulses. Durch das resultierende Verhalten kommt es meist zur Schä-
digungen der eigenen Person oder anderer.
Die heute noch gebräuchliche Bezeichnung ßir eine Störung der Impubkontrolle
(Kleptomanie, Pyromanie) ging auf das Konzept der so genannten (instinktiven)
Monomanien zurück, das besonders in der französbchen Psychiatrie des vorletzten
Jahrhunderts vertreten wurde. Dieser Bezeichnung lag die Vorstellung zugrunde,
dass die Psyche dabei in nur einem Punkt krankhaft verändert sei, während Urteib-
vermögen und gefihbmäßige Sckwingungsfdhigkeiten ansonsten erhalten bleiben.
Das Hauptmerkmal des pathokfischen Spielens bt eine chronuche Unfähigkeit,
der Versuchung zu Glücksspielen und anderem Spielverhalten zu widerstehen. Die
Triebfeder zum Spielen bt dabei nicht der Wunsch nach Freizeitgestaltung. Auch
die Chance auf einen finanzbllen Gewinn bt eher sekundär. Im Vordergrund ste-
hen vblmehr du Anspannung und Erregung, du mit dem Spulen verbunden sind.
Die Störung webt viele Ähnlichkeiten mit süchtigem Verhalten auf So kommt es
mebtens zu einer Steigerung der Einsätze oder einer ^unahrru der Spulhäufigkeit,
um weiterhin du gewünschte Erregung zu erreichen. Ruhelosigkeit oder Reizbarkeit
treten auf, wenn nicht gespult werden kann. Wiederholte Versuche, das Spielen
einzuschränken oder zu beenden, mbslingen in der Regel. Häufige Folgen dieses
Verhaltens sind totale Verschuldung, gestörte Familienverhältnbse, Vernachlässi-
gung beruflicher Tätigkeiten sowie gegebenenfalls strqßare Handlungen, um Geld
für das Spielen zu beschaffen. Die Häufigkeit des pathologbchen Spulens scheint
deutlich höher zu sein als die der aruieren rStörungen der Impulskontrollei. Größere
Studien geben eine Häufigkeit zwbchen 1 bb 3 Prozent in der Erwachsenenbevöl-
kerung an. Heute steht dabei unter den Arten des Glücksspielens das Spulen an
einem Geldspielautomaten bei weitem im Vordergrund. Die Jahl der behandlungs-
bedüftigen Glücksspuler dürfte in Deutschland bei ca. 100.000 liegen.
368
Gerhard Roth
Das Labyrinth
aus: Gerhard Roth. Das Labyrinth.
© 2005 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Einführung
Der österreichische Schrifisteller, Dramatiker und Filmemacher
Gerhard Roth Qahrgang 1942), Sohn eines Argtes, studierte
Medizin, war dann Angestellter im Rechenzentrum von Graz and
lebt seit 1978 als freier Autor. Er erhielt zahlreiche namhafte Li-
teraturpreise und arbeitet in fast obsessiv zu nennender Art und Weise an einem
riesigen epischen Kosmos, in dessen Zentrum nicht nur die Geschichte Österreichs
steht, sondern alle denkbaren Abgründe und Verwerfungen der menschlichen
Psyche.
Krankheit, Medizin und Psychiatrie durchziehen Roths Erzählkosmos ebenso ar-
tistisch wie leitmotivisch thematisch, woba der Autor immer wieder neu versucht,
auch experimentelle Erzählweisen als adäquate Formen für die epische Vergegen-
wärtigung dieses hochkomplexen und heterogenen Themenkreises auf deren Eig-
nung hin zu reflektieren. Zu Roths Hauptwerken zählt »Der Wille zur Krankheit«
(1973), »Landläufiger Tod« (1984), der 1991 abgeschlossene siebenbändige Zy-
klus »Die Archive des Schweigens« sowie der ebenfalb siebenteilige Zyklus »Orkus«,
von dem mittlerweile mit »Das Labyrinth« (2005) sechs Bücher vorliegen.
Am Anfang des Romanes »Das Labyrinth« steht - nach einem Motto aus Tsche-
chows Novelle »Krankenzimmer 6« - im Prolog und Krankenbericht der Verdacht
des Psychiaters Heinrich Pollanzy, Leiter der Anstalt zu Gugging, sein pyromani-
scher Patient Philipp Stourzh könne die Wiener Hofiurg in Brand gesetzt haben.
Damit beginnt eine erzählerische Odyssee auf der stets changierenden Grenze zwi-
schen Wahn und Wirklichkeit, die durch halb Europa und quer durch hbtorische
Epochen führt. Dabei werden die konventionellen Grenzen des Romangenres so oft
ausgeweitet und schließlich gesprengt, bu sich der Leser einem kaum mehr über-
und durchschaubaren Kompendium von Kunst, Religion, Geschichte, vor allem aber
eben auch von Psychiatrie und nicht auslotbarer menschlicher Seelenpein ausgesetzt
sieht.
369
Gerhard Roth
Weiterßhrende Literatur:
Uwe Wittstock: Gerhard Roth. Materialien zu »Die Archive des Schweigens.«
S. Fischer 1992
Das Labyrinth
Prolog
Krankenbericht
aMein Name ist Heinrich Pollanzy. Als Psychiater
und Leiter der Anstalt Gugging bin ich es ge-
wohnt, seltsame Lebensläufe und Ansichten zu
hören. Meinen ehemaligen Patienten und heuti-
gen PflegegehUfen Philipp Stourzh kenne ich seit
mehr als fünfzehn Jahren. Er wurde mit einem
epileptischen Anfall in meine Abteilung eingelie-
fert, der auf den Schuß aus einem Flobertgewehr
zurückzuführen war. Das Projektil war in den
Hinterkopf des Patienten eingedmngen und, ohne das Gehirn zu ver-
letzen, in einem Bogen unter der knöchernen Schädeldecke bis zur
Nasenwurzel gelangt.
Auf der Röntgenaufnahme ist das steckengebliebene Geschoß deut-
lich zu erkennen. Hunderte Ärzte haben es auf Kongressen gesehen.
Die Neurologen sind sich jedoch darüber einig, daß eine Operation
ausgeschlossen ist, da die Gefährlichkeit eines Eingriffes in keinem
Verhältnis zum Resultat steht. Zudem ist der Status quo für den Pati-
enten nicht bedrohlich. Jedenfalls konnten keine Anzeichen festge-
stellt werden, daß das Projektil wandert, und auch der epileptische
Anfall blieb ein einmaliges Ereignis.
Die Erinnerung an den Unfall ist vollständig aus dem Gedächtnis des
Patienten gelöscht.
Philipp Stourzh hatte seinen Vater, einen Sportschützen, in das Über-
schwemmungsgebiet an der Donau begleitet und auf der Zielscheibe,
wie er es immer tat, gerade die Treffer abgelesen, als sich aus dem
Flobertgewehr der verhängnisvolle Schuß löste.
Der unglückliche Vater hatte bis vor kurzem das größte Briefmarken-
geschäft von Wien besessen, in dem Philipp sechs Jahre nach dem
Ereignis einen Brand legte, der aber keinen großen Schaden verur-
sachte und daher von den Eltern vertuscht wurde. Sie bestanden je-
370
Das Labyrinth
doch auf einer therapeutischen Behandlung ihres Sohnes, aus der
sich ein gewisses Nahverhältnis zwischen Philipp und mir entwickelte.
Ich fand heraus, daß er schon seit seiner Pubertät ein heftiges pyro-
manisches Verlangen verspürte.
Wann immer sich die Gelegenheit ergab, »zündelte« er an der Alten
Donau. Dabei trug er eine Flugtasche der Austrian Airlines aus rotem
Kunststoff mit sich, in die er alte Zeitungen, Kartonstücke und eine
Flasche Petroleum gestopft hatte. Am Ufer eines versteckten Ne-
benarmes legte er dann Feuer. Der pyromanische Drang steht also
nicht in Zusammenhang mit dem Kopfschuß. Ich halte Philipps Be-
sessenheit vielmehr für das Ergebnis von unterdrücktem Haß auf die
eigene Familie. Er warf seinen Eltern vor, daß ihr Briefmarkenge-
schäft vom Großvater Johann Stourzh nach dem Einmarsch Hitlers
in Österreich dem jüdischen Eigentümer geraubt worden sei. Johann
war ein sogenannter »Illegaler« gewesen, das heißt Mitglied der
NSDAP, als sie in Österreich verboten war. Nach der Verschleppung
des jüdischen Besitzers, der später in Dachau ermordet wurde, hatte
er das Geschäft mit seltenen und kostbaren Postwertzeichen wie der
British Guiana IC aus dem Jahr 1856, der Bayerischen Schwarzen Einser
mit Mühlradstempd »3 1 7« und der schwarzen One Penny mit Malteserstem-
pel zugesprochen erhalten. Sein Großvater log später, daß es sich bei
den Raritäten um Fälschungen gehandelt hätte, die er nach der
»Übernahme« des Geschäftes in den Ofen geworfen habe. Ich führe
Philipps versuchte Brandstiftung auf diesen Vorfall zurück und auch
seine pyromanische Leidenschaft, die etwas mit Rache zu tun hat,
denn sein Vater hat ihm stets eine Antwort auf die Frage, woher der
Reichtum der Familie komme, verweigert. Außerdem war Johann
Stourzh in die »beschlagnahmte« Wohnung des jüdischen Besitzers
eingezogen und hatte dessen Bücher, Ölbilder, Silbergeschirr und
Teppiche geraubt, die er seinem einzigen Sohn Adolf weitervererbt
hatte.
Ich vermittelte Philipp als Therapie gegen seine pyromanische Lei-
denschaft in den Sommerferien an eine Feuerversicherung (ein ris-
kantes Experiment, wie ich zugebe), wo er in der Schadensabteilung
aushalf Dort lernte er Wolfgang Unger kennen. Unger ist von Beruf
Restaurator im Kunsthistorischen Museum und arbeitet nur ne-
benbei als Fotograf für Brandschäden. Er zeigte Philipp das Archiv
mit über 700 Ordnern, von dem Stourzh so fasziniert war, daß er
stundenlang Akten und Fotografien studierte. Noch immer fuhr er an
371
Kommentar
die Alte Donau, um alles mögliche anzuzünden und Zigaretten zu
rauchen. Unger zeigte auch mir die ungewöhnliche Sammlung von
Aufnahmen ausgebrannter Wohnungen und verkohlter Leichen, Rui-
nen von Gebäuden und verrußter Autowracks. Auf die Frage, warum
die vom Feuer beschädigten und zerstörten Gegenstände auch ein-
zeln fotografiert würden, Kleidungsstücke, Möbel, Uhren, Flaushalts-
geräte, Bücher, Bilder, Füllhalter oder Brillen, erklärte er, dies sei not-
wendig, um die Höhe des Schadensersatzes zu bestimmen.
Kommentar
Der kurzf Auszug am der Geschichte von Roth »Das Labyrinth«
beschreibt eine Pyromanie, ihre möglichen biographischen Hinter-
gründe und einen ungewöhnlichen Therapieversuch. Die pyromanen
Verhaltensmuster Philipps teten schon im Kindesalter auf und
werden u.a. ab das Ergebnu von unterdrücktem Hass auf die eigene Familie inter-
pretiert.
Bei der Ifromanü handelt es sich um eine krankhafte Störung, bei der wiederholt
vorsätzlich Feuer gelegt wird. Die Paßenten sind in der Regel von Feuer und damit
zusammenhängenden Situationen stark fasziniert. The Brandstiflung erfolgt, zu-
mindest oberflächlich betrachtet, nicht am Wut, Rache oder um bestimmte fiele
durchzusetzen. Das Legen von Feuer bt mit einer intensiven Spannung und Erre-
gung, teilweise mit Vergnügen und Brfriedigung verbunden. Obgleich das Feuerle-
gen aus der Unfähigkeit resultiert, einem Impub zu widerstehen, können dem Feu-
erlegen dennoch eventuell sogar unrfangreiche Vorbereitungen vorangehen. Personen
mit dieser Störung werden häufig ab regelmäßige »Beobachter« angetroffen, wenn es
in ihrer JVachbarschaß brennt Oft geben sie fabchen Alarm oder zeigen auffälliges
Interesse an der Feuerbekämpfung. Die Faszination an allem, was mit Feuer zu tun
hat, kann einige Betroffene sogar dazu bringen, im Rahmen der freiwilligen Feuer-
wehr tätig zu sein. Den Folgen, die am ihrer Brandstiftungßir das Leben oder den
Besitz anderer Menschen resultieren, stehen sie ofl gleichgültig gegenüber. Die Stö-
rung beginnt gewöhnlich in der Kindheit und verläuft periodbch mit Exazerbatio-
nen mebt während Krbensituationen. Die patholoßsche Brandstiftung (Pyroma-
nie) ist auf die Allgemeinbevölkerung bezogen zwar eine seltene Störung, unter
Brandstiftern bt sie jedoch relativ häufig anzutrrffen.
372
Leopold Günther-Scimerin
Der Kleptomane
aus: Leopold Günther-Schwerin. Der Kleptomane.
© 2002 by Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg, Bombay, Friesland
Einführung
Der Autor Leopold Karl Gustav Günther-Schwerin (1865 bis
1945) ist ein Unbekannter. Daher kann hier nur referiert werden,
was die ebenso verdienstvolle wie liebevoll gestaltete Ausgabe von
»Der Kleptomane« der Achilla Presse vermerkt.
Diesen Angaben zufolge besuchte der in Hamburg geborene Günther-Schwerin
1885 bis 1888 die Kunstakademie in Düsseldorf und lebte seit 1893 als akade-
mischer Kunstmaler und Bildhauer in Wiesbaden, fwischen 1891 und 1903
fanden Ausstellungen seiner Werke in Berlin und Wiesbaden statt. Er war Mitbe-
gründer der Renten- und Pensionsarutalt Jur deutsche bildende Künstler und betä-
tigte sich unter dem .Namen Leopold von Schwerin auch als Schriftsteller (»Chris-
tentum und Spiritismus und die Gleichartigkeit ihrer Beweise«, 1895). Sein Er-
zählungsband »Wahr oder Wahn? Seltsame Geschichten« erschien 1910 in einem
Wiesbadener Kleinverlag und wurde kaum wahrgenommen. Man weiß außerdem,
dass der Künstler mit Emilie Pfefferkorn verheiratet war.
Die Literaturkritikerin Kristina Maidt- finke schreibt in der Süddeutschen feitung
vom 1 0. Mai 2003, es handle sich bei »Der Kleptomane« um eine Geschichte, die
»irgendwo zwischen Krimi, Krankenakte und Kleinstadtsatire irrlichtert und stilis-
tisch mal mehr, mal weniger elegant am Sonntagsschreibertum vorbeischrammt,
unter Verwendung vieler expressionistischer Gedankenstriche«.
Gelegentlich ist in Literatenkreisen auch die These zu hören, Günther- Schwerin sei
ein Pseudonym (von wem?), oder der Autor sei in Wirklichkeit eine hübsche Fik-
tion. Mit Karl Valentin formuliert: »Mchts Genaues weiß man nicht.«
Weiterjuhrende Literatur:
Fehlanzeige
373
Leopold Günther-Schwerin
Der Kleptomane
»Mit seiner Verhaftung hörten alle jene rätsel-
haften, unbegreiflichen Diebstähle in unserer
Stadt auf« - Beweis genug, hieß es, daß er, wenn
man auch die Brillanten nicht bei ihm gefunden
hatte, der Täter gewesen sein mußte, mit einem
Raffinement und einer Fingerfertigkeit begabt,
V die kein Gegenstück in der modernen Verbre-
cherwelt fand - und das will was heißen!
Es handelte sich um Brillanten von größerem
Wert, nur solche ließ der Herr verschwinden, und wie sich unsere
Goldschmiede und Juweliere auch zu schützen suchten, es gelang die-
sem Meisterdieb doch, diese oder jene Steine an sich zu bringen. Si-
milibrillanten wußte er, scheinbar auf den ersten Blick, als solche zu
erkennen. Man stellte ihm Fallen damit, aber er fiel nicht darauf her-
Man versah Türen und Auslagekasten mit elektrischer Leitung, ein
IClingelzeichen verkündete ihre Berührung. Sogar die wertvollen
Schmuck enthaltenden Kästchen wurden auf diese Weise gesichert,
schon die geringste Verminderung des Gewichtes eines Schmuckes
hätte genügt, die Klingel in Bewegung zu setzen - alles das half kurze
Zeit, doch in dem Maße, wie das Gefühl der Sicherheit zunahm und
die Wachsamkeit sich dagegen abschwächte, begannen die Diebstäh-
le aufs neue und blieben jahrelang an der Tagesordnung. Unsere Poli-
zei war außer sich, wurde sie doch zum Gespött des Publikums, der
Nachbarstädte, ja des ganzen Landes!
Von auswärts kamen Privatdetektive - aber auch ihre Kunst scheiter-
te an der Geschicklichkeit des Diamantendiebes, der sich nicht scheu-
te, sogar in Gesellschaften und auf Bällen der oberen Zehntausend
sein Gewerbe zu treiben - wenigstens schob man seiner Tätigkeit die
bei solchen Gelegenheiten vielleicht verlorenen Schmuckstücke in die
Schuhe, wie sich denn auch schon eine Legende um die Person des
Diebes zu ranken begann.
[•■■]
Jedenfalls aber war er - soweit man ihn in der Öffentlichkeit kannte -
ein harmloser Mensch, ein großer Tierfreund, der keinem etwas zu-
leide tat. In punkto Weiber, überhaupt irgendeines dahin zielenden
Gefühls, schien er ein vollkommenes Neutrum zu sein. Gleich kon-
374
Der Kleptomane
ventionell höflich und phrasenhaft gegen Frauen wie Männer - auch
letzteren keine stärkere Zuneigung beweisend, wie manche Leute wis-
sen wollten.
Seine Mutter war, wie gesagt, als reiche Frau stadtbekannt, hielt Pfer-
de und Wagen, Dienerschaft, gab große Gesellschaften, kurz, sie führ-
te ein Leben, wie es einer Dame von Stand zukam. Wo sie in einen
Laden trat, wurde sie mit Freude begrüßt und mit ausgesuchtester
Flöflichkeit bedient, denn ihr Besuch bedeutete stets ein gutes Ge-
schäft.
Ihr Sohn also - Fritzchen -, wie er trotz seiner 3 1 Jahre von groß und
klein, hoch und gering genannt wurde, erschien also eines Nachmit-
tags vor der Auslage Nathans und betrachtete den dort alles beherr-
schenden Brillantschmuck mit scheinbar größtem Interesse, während
der Eigentümer in seinem Versteck wie eine Kreuzspinne auf ihr
Opfer lauerte.
Als er Fritzchen sah, begann sein Gesicht sich in schmunzelnde Falten
zu legen, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre er - wie er später nicht
oft genug erzählen konnte — hinausgeeilt und hätte den »jungen
Herrn Baron« - er nannte ihn selbstverständlich nur andern gegen-
über Fritzchen - in den I^den komplimentiert. Aber er beherrschte
sich und gab diesem Impuls zu seinem und seiner Kollegen Glück,
wie wir sehen werden, nicht nach.
Währenddessen betrachtete Fritzchen den Schmuck weiter mit gro-
ßen Augen. - Seine Augen waren überhaupt etwas hervorgequollen -
gestielt, wie man es nennt - und von einem eigentümlichen Ausdruck,
den man mit dem Wort verschwommen bezeichnen konnte, aber das
war nicht ganz richtig - sie waren vielmehr denen der Hypnotisierten
gleich, sie besaßen etwas Vages, Unbestimmtes, In-sich-Gekehrtes -
ja es ist schwer, ihren Ausdruck zu beschreiben!
Voller Freude bemerkte nun Nathan, daß Fritzchens Augen immer
größer zu werden schienen, immer stierer, daß er den Schmuck or-
dentlich mit den Augen verschlang und sich dabei die Nase an der
Scheibe platt drückte! - Das bedeutete vielleicht den Verkauf des Ge-
schmeides an die Frau Mama, zumindest ihren Besuch im Geschäft -
und das war auch schon etwas, dabei blieb dann immer etwas hän-
gen!
So kalkulierte Nathan, als er plötzlich zusammenfuhr! War‘s ihm
doch gewesen, als sei - ganz leise - das Klingelzeichen ertönt, welches
unter dem Schmuck Wache hielt! Mit schnellem Blick umfaßte er den
375
Leopold Günther-Schwerin
Laden, das Schaufenster, nichts - kein Mensch - die reine Nervosität
also!
Aufatmend schaute er nun wieder nach Fritzchen aus, aber dieser war
inzwischen fortgegangen - hinter dem Schaufenster standen andere
Menschen - schade!
Nach Ladenschluß nahm Nathan den Schmuck aus dem Fenster und
untersuchte ihn noch einmal, besonders den großen Diamanten, wel-
cher das Mittelstück bildete, und fand diesen ein wenig locker in der
Fassung. War er das schon immer gewesen? Er glaubte nicht. - Ko-
misch! - Mit diesem Wort schloß er den Schmuck in den diebessiche-
ren Schrank, um ihn am anderen Morgen wieder an seinen Platz, auf
den elektrischen Kontakt, zu legen und um sein Versteck aufs neue zu
beziehen.
Um dieselbe Zeit wie am Tage vorher erschien nun, zu seiner größten
Freude, Fritzchen wieder vor dem Schaufenster und betrachtete den
Schmuck. Während dies geschah und Nathan doppelte Hoffnungen
an das wiederholte Erscheinen des jungen Mannes knüpfte, kam eine
Dame in den Laden, um etwas zu kaufen.
Nathan schoß voll Eifer aus seinem Versteck hervor, klingelte schnell
dem Gehülfen, doch entweder hatte die Leitung versagt, oder er hatte
in der Eile nicht richtig auf den Knopf gedrückt, kurz, der Gehülfe
kam nicht, und so mußte der dadurch etwas nervöse Juwelier der ihm
gut bekannten Dame - der alten Gräfin Rosen - das Gewünschte
selber vorlegen.
Zu diesem Zwecke mußte er auf einen Tritt steigen, um oben aus
dem Auslageschrank die gewünschten Gegenstände - kostbare
Prunkgläser - herabzunehmen, und mußte so lange dem Laden und
dem Schaufenster den Rücken zuwenden.
In dem Augenblicke, als er hinaufstieg, entstand draußen auf der
Straße ein Volksauflauf - Nathan hörte gleich darauf die Ladentür
klingeln, und ehe er Zeit fand, sich auf dem kleinen wackelnden Tritt,
in jeder Hand eines der zerbrechlichen Gläser, herumzudrehen, hörte
er jemand in den Laden treten.
Von Mißtrauen erfaßt, sprang er nun vom Tritt, wobei ihm eines der
Gläser aus der Hand und zu Boden fiel. Total verwirrt vor Schreck
darüber, bückte er sich danach hinter den Ladentisch, stieß sich heftig
den Kopf an und - in diesem Augenblick erscholl zu seinem Entset-
zen das Klingelzeichen unter dem Brillantschmuck.
Nathan fuhr empor und überflog mit seinen Blicken den Laden und
376
Der Kleptomane
das Schaufenster. - Die alte halbtaube Gräfin saß ganz ruhig auf dem
Stuhl und hatte scheinbar nichts von allem gehört - aber in dem Au-
genblick seines Aufrichtens sah Nathan jemanden aus dem Laden
verschwinden, denjenigen, dessen Hereintreten die Türglocke ver-
kündet hatte, und dieser jemand war - wenn ihn nicht alles täuschte -
der junge Herr Baron - Fritzchen!
Ein Blick nach dem Schmuck belehrte Nathan zu seiner Beruhigung,
daß dieser noch auf seinem Platze stand; als er ihn aber, nachdem die
alte Dame den Laden verlassen hatte, näher betrachtete, fehlte der
große kostbare Mittelstein!
[•••]
. . . der Haussuchung, und war sie ergebnislos, Fritzchen unschuldig,
dann war es um die gute Kundschaft und um die ihres Bekanntenkrei-
ses geschehen!
Aber es kam anders! - Man fand bei Fritzchen, oberflächlich in einer
Pappschachtel versteckt, den Nathan'schen Diamanten. Fritzchen
selbst leugnete bei seiner Verhaftung absolut nicht, ihn im Besitz zu
haben, und führte die Beamten selber zu seinem Versteck, ihnen den
Stein ausliefernd. Andere ihn belastende Funde machte man, trotz-
dem kein Winkelchen undurchsucht blieb, nicht.
Er wurde abgeführt. - Seine Mutter war außer sich und schwur, sich
von diesem Menschen, der nicht wert sei, ihr Kind zu sein, loszusa-
gen, wie sie sich denn auch von Stund an vorläufig nicht mehr als wie
sie unbedingt zur Regelung der Verhältnisse nötig hatte, um ihn küm-
merte.
Fritzchen nun brachte bei seinen Verhören nichts als konfuses Zeug
vor: Er sei kein Dieb - er habe den Diamanten nicht gestohlen!
Wo er ihn denn her habe?
Er sei zu ihm gekommen - Das sei wohl nicht gut möglich!
Ja - er sei zu ihm gekommen!
Dann Schweigen, kein Wort mehr - oder so merkwürdige, unmögli-
che Erklärungen, in abgerissenen, unzusammenhängenden Sätzen
vorgebracht, daß sie das Gegenteil dessen erzeugten, als was er offen-
bar wünschte, nämlich, daß sie ihn um so mehr belasteten, je mehr er
sich scheinbar Mühe gab, seine Schuld hinter allerhand mystischem
Unsinn, den er den Richtern zu glauben zumutete, zu verstecken.
Nach Ansicht der Herren hatte man es mit einem abgefeimten, ver-
stockten Dieb zu tun, und die ganze Ausführung des Diebstahls, bei
welchem er erwischt wurde, ließ darauf schließen, daß er wohl auch
377
Leopold Günther-Schwerm
die früheren ausgeführt habe, mithin der lange gesuchte Diamanten-
dieb sei!
Die Verhandlung begann - aber sein Rechtsbeistand beantragte, den
jungen Mann, der doch in seiner gesellschaftlichen Stellung und Ver-
mögenslage, bei seiner einfachen, soliden Lebensführung, kein ge-
wöhnlicher Dieb sein könne, auf seinen Geisteszustand hin untersu-
chen zu lassen. Er hielte ihn für einen Kleptomanen! - Weiter führte
der Justizrat aus, daß Fritzchen sicher nicht ganz normal sei und daß
man gerade bei solchen Kranken bewunderungswürdige Gaben fän-
de, die sich auf Kosten der anderen, zurückgebliebenen zu einer
ungeahnten Blüte entwickelten. So könne man vielleicht seine Ge-
schicklichkeit, sein Raffinement bei diesem letzten Diamanten-
diebstahl erklären, denn, daß die anderen ihm auch zur Last fallen
sollten, sei unbewiesen und fraglich - er glaube in letzterer Beziehung
nicht an die Schuld seines Klienten. Auch könne nach den Erfahrun-
gen des Hypnotismus, durch das Beschauen der glitzernden Steine
eine Auto-Hypnose bei ihm eingetreten sein - hypnotisierte doch
Hansen mit sogenannten Theaterbrillanten und in diesem Zustand
habe er wohl unbewußt seine diebischen Fähigkeiten entwickelt, die
allerdings erstaunlich seien.
Dank der eindringlichen Verteidigung des geschulten und belesenen
Juristen gelang es, sein Gesuch durchzusetzen, und so wurde Fritz-
chen zwecks Beobachtung und Feststellung seines Geisteszustandes in
meine Irrenanstalt gesandt.
Was ich dort mit ihm erlebte, meine Herren, soll, nach dieser orientie-
renden Einleitung, meine eigentliche Erzählung abgeben, welche ich
Ihnen neulich versprach, als wir über den mittelalterlichen Aberglau-
ben wie über Inkubation und ihre Möglichkeit stritten. Also hören
Sie:
Als Fritzchen eingeliefert wurde, ließ ich ihn einige Tage beobachten,
aber sonst noch persönlich in Ruhe. Er trug ein gedrücktes Wesen zur
Schau, war still, benahm sich aber, oberflächlich betrachtet, normal.
Es ist meine Art, zuerst einmal das Vertrauen der Kranken zu gewin-
nen, wenn dies auch nicht immer gelingt. — Für krank hielt ich ihn, er
war meiner Überzeugung nach geistig nicht normal und dazu Klep-
tomane.
Indem ich ihm freundlich begegnete und ihn nicht vom ersten Augen-
blick an mit Fragen belästigte oder mich ihm durch prüfende Blicke
und dergleichen verdächtig machte, verlor sich nach und nach auch
378
Der Kleptomane
bei ihm jene Vorsicht gegen mich, die namendich den in Untersu-
chung befindlichen Kranken eigen ist. Jenes Mißtrauen und die
Furcht fielen fort, durch eine unbedachte Äußerung oder Handlung
sich - so oder so - bloßzustellen. - Man muß trotzdem noch äußerst
individuell Vorgehen, und besonders war es bei Fritzchen schwerer,
die richtige Art und Weise des Benehmens zu finden als bei manchem
anderen, denn auch ich hatte mich vorläufig auf den Standpunkt zu
stellen, daß er Komödie spielte, Geisteskrankheit vorspiegelte, um die
Verfolgung wegen bewußten Diebstahls von sich abzuwälzen.
Die chronologische Reihenfolge meiner Fragen und seiner Antworten
ist mir natürlich entfallen. Ich vermag Ihnen also nur ein Bild dessen
zu geben, was ich mit ihm erreichte.
In der ersten Zeit war er, wie gesagt, wortkarg und gedrückt. Die ver-
änderten Lebensbedingungen gingen ihm scheinbar nahe. Er war,
trotz seiner verhältnismäßig jungen Jahre, ein ganzer Gewohnheits-
mensch, vermißte die herrische egoistische Mutter, die täglichen Spa-
zierfahrten mit ihr, das Theater - ja sogar die Dienstleistungen, zu
welchen sie ihn heranzuziehen liebte, die aber immerhin sein Gehirn
ein wenig ausgefüllt hatten.
Den Alkohol vermißte er nicht, er hatte ihn nie oder beinahe damen-
haft mäßig in Gestalt von - Sekt - getrunken. Sekt war sein Lieblings-
getränk, wie mir die Mutter auf meine Frage gesagt hatte. Raucher
war er auch nicht, aber es fiel auf, daß er viel aß, namentlich viel
Süßigkeiten, immerfort, ohne Ende, bis man ihn schließlich am Wei-
teressen hindern mußte. - Das ließ bereits, mit den anderen Anzei-
chen zusammen, auf einen Gehirndefekt schließen! Als er sich einmal
unbeobachtet glaubte, nahm er ein Stück Fleisch mit den Fingern aus
der Suppe, um es zu essen - fehlte da vielleicht der Bändigerblick der
Mutter?
Er war auch nicht reinlich, man mußte ihn, wenn auch nicht gerade
dazu zwingen, so doch an Waschen und Baden ständig erinnern, und
häufiger passierten ihm in meiner oder in Gesellschaft Kranker -
Damen und Herren - Dinge, die auf einen Mangel an Selbstbeherr-
schung schließen ließen und die in ärgster Weise gegen jede gesell-
schaftliche Form verstießen!
Das alles genügte mir wie gesagt schon, um ihn für nicht normal zu
erklären, trotzdem er zuzeiten - später -, als er mehr Vertrauen zu
mir gefaßt hatte, ruhig, ja auf seine Art unterhaltend sein konnte. Er
zeigte eine gewisse oberflächliche Bildung und Belesenheit, klassische
379
Leopold Günther-Schwerin
Verse rezitierte er wie ein Papagei, so, als habe er sie nur dem Wort-
laut, nicht dem Inhalt nach auswendig gelernt. Er konnte auch
manchmal mit herrischer Gebärde und lauter Stimme die Wärter
anfahren, die ihn bedienten, plötzlich in Wut geratend über Dinge,
die ihn sonst gleichgültig ließen.
Es las viel, schrieb ein Tagebuch, unklar, unfertig wie ein Sextanerauf-
satz - kurz, für mich stand es nach den ersten paar Wochen fest, daß
ich in ihm einen geistig nicht normalen Menschen vor mir hatte, von
harmloser Art - wenn die Kleptomanie nicht gewesen wäre -, von
der Sorte, wie sie vielfach frei umherlaufen, ohne ihren Mitmenschen
gefährlich zu werden.
Das letztere war ja nun durch Fritzchens Diebstahl anders. Er war
jedenfalls ein Mensch - vielleicht durch die strenge Erziehung und
Konsequenz der Mutter erst dazu gemacht -, der die gesellschaftli-
chen Formen, namentlich solange er sich unbeobachtet wußte, äußer-
lich wahrte. Es gab aber, wie schon erwähnt, Augenblicke, wo ihm
dies nicht gelang, wo seine ureigene Natur mit ihm durchging, und
dann fiel dieser künstliche gesellschaftliche Firnis, welchen ihm die
Erziehung - besser Dressur - gegeben hatte, ab, und er sank ins Kin-
derstadium zurück.
So war der Mensch beschaffen, welcher mit der jenen Kranken oft
eigenen Schlauheit den - vielleicht auch die - Diebstähle ausgeführt
hatte, unter den schwierigsten Verhältnissen.
- Wie? - Das mögen die Götter wissen, ich weiß es heutigen Tags
noch nicht, denn was er angab, war eitel Phantasterei, Dinge, die er
irgendwo mal gelesen oder aufgeschnappt haben mochte und die ihm
nun vielleicht helfen sollten, seine Kunstgriffe, auf die er offenbar
stolz war und die ein ihm liebes Geheimnis bildeten, zu verschleiern.
Unser Gutachten hatte ihn außer strafrechtliche Verfolgung gesetzt,
er verblieb aber in der Anstalt auf Wunsch der Mutter, um Heilung
von seinen kleptomanischen Anfallen zu finden. Vom ersten Augen-
blick an hatte er geleugnet, gestohlen zu haben.
Er sei kein Dieb - der Stein sei zu ihm gekommen!
Wie?-
Ja, dann schwieg er oder erzählte jenes konfuse Zeug. - Als ich dann
endlich sein Vertrauen erworben hatte, suchte ich, mehr aus Neugier-
de, ihm sein Geheimnis zu entlocken, nicht einmal, häufiger machte
ich einen Anlauf dazu, - aber stets ohne Erfolg!
Da änderte ich meine Maxime:
380
Der Kleptomane
Ich lud ihn eines Tages zu mir zu Tisch!
Er war hoch erfreut und begann sich, wie mir die Wärter erzählten,
zu putzen und zurechtzumachen, wie er dies von den häufigen ähnli-
chen Gelegenheiten und Anlässen von zu Hause her gewohnt war.
Mit einigen konventionellen, gesellschaftlichen - scheinbar auswen-
dig gelernten - Redensarten trat er bei uns ein, erkundigte sich nach
meiner noch nicht anwesenden Frau und meinte dann, es sei schreck-
lich heiß bei uns, ob wir uns nicht die Röcke ausziehen wollten, so
lange, bis die Dame des Hauses erschiene?
Ich versicherte ihm, daß ich ihr Kommen jeden Augenblick erwarte -
und so behielt er glücklich den Rock an.
Sie kam. Er war sehr liebenswürdig, küßte ihr sogar die Hand und
dankte auch ihr noch einmal für die Einladung.
Das Essen wurde aufgetragen. - Die Suppe schien ihm nicht scharf
genug, und er entnahm mit den Fingern dem Salzfaß eine Prise, sie in
seinen Teller werfend.
Ich bot ihm ein Glas Wein an; »Danke, ja!« - Ich goß ein, aber er
trank nicht, Selterswasser dagegen in Menge.
Beim Essen schmatzte er häufig laut und kaute schnell und kurz wie
ein Kaninchen.
Auf alle Fragen antwortete er — manchmal ganz richtig - und unter-
hielt uns viel vom Theater, seiner Leidenschaft.
Da fiel mir mein Kneifer zur Firde und in seine Nähe. Er hob ihn auf,
und anstatt ihn mir zu reichen, schleuderte er ihn in hohem Bogen
über den Tisch, so daß er auf meinen Teller fiel und dort zerbrach! -
Ein »Ohhh« war alles, und dann griff er das durch diesen Zwischen-
fall unterbrochene Gespräch wieder auf.
So verlief das Essen, und Fritzchen fühlte sich sichtlich wohl.
Er begann lebhafter zu werden und redseliger.
Ich hatte mit meiner Frau verabredet, daß sie verschwinden solle, so-
bald das Essen vorüber sei, an dessen Schluß ich eine Flasche Sekt
aufmachen ließ und, beim Dessert angekommen, Henkelf s edles Naß
in den Gläsern perlte.
Meine Frau entschuldigte sich gleich darauf damit, daß sie nach unse-
rem leicht erkrankten Töchterchen sehen müsse, und hob die Tafel auf
So saßen Fritzchen und ich uns denn allein gegenüber. Er nippte nur
am Glase, aber ich animierte ihn fortgesetzt zu trinken - allein mit
wenig Erfolg.
Er wurde jedoch lustiger, gab allerhand pfeifende oder zischende
381
Leopold Günther-Schwerin
Töne von sich, ungefähr wie sie der aus der Karpenterbremse entwei-
chende Dampf erzeugt, und amüsierte sich sichtlich selber königlich
über seine Künste! -
Dann stieß er mit mir auf das Wohl meiner Frau an. - Wir tranken -
»Hören Sie, mein lieber Freund, Sie sind ja, wie Sie wissen, jetzt au-
ßer Verfolgung gesetzt wegen jener Geschichte da - bei Nathan -, die
Sache ist also erledigt. Trotzdem sind Sie aber noch nicht wieder frei.
Sie werden noch einige Zeit bei uns bleiben müssen, wir woUen sehen,
ob wir Sie nicht heilen können von Ihrem Diamantenfieber - oder Sie
vielmehr von den Besuchen der letzteren bei Ihnen befreien - Sie
verstehen, nicht wahr?«
Fritzchen sah mich groß an - förmlich durchdringend, als wollte er in
meiner Seele lesen dann nickte er eifrig mit dem Kopf:
»Ja gesund machen - von ihrem Zumirkommen heilen und dann
darf ich wieder nach Hause zur Mama, nicht wahr?« -
»Gewiß«, sagte ich, »aber dazu gehört, daß Sie uns einmal beichten,
wie Sie jenen Stein erlangt haben, ganz ehrlich und offen, durch wel-
che - sagen wir - Kunstgriffe -«
Fritzchen blickte mich starr an:
»Ich sagte doch - ich bin kein Dieb - habe keine Kunstgriffe -«
Ich hob die Hand beschwichtigend und sagte:
»Nun ja, wenn Sie aber wollen, daß wir letzteres nicht mehr glauben,
dann müssen Sie einmal im Zusammenhang erzählen, wie es denn
ging - wie die Steine - zu Ihnen kamen - Sie verstehen, man kann
sich doch keinen Begriff davon machen?«
»Keinen Begriff davon machen«, sagte er mit großen Augen vor sich
hinblickend. Plötzlich raffte er sich aber auf, blies die Luft zischend
zwischen den Zähnen durch, seufzte, schlug die Augen zu mir empor
und sagte:
»Nun ja, dann will ich‘s Ihnen erzählen, so gut ich‘s kann. Ich weiß
nicht, ob ich‘s noch so zusammenbringe, aber ich wilfs erzählen.«
Geräuschvoll machte er die Karpenterbremse, rückte sich in seinem
Stuhl zurecht, aufrecht sitzend mit geradem Rücken und indem er
sich die Weste herunterzog, begann er in abgebrochenen Sätzen mit
wenig Erzählertalent, schwerfällig im Ausdruck und vielfach nach
Worten suchend, folgendes zu erzählen:
»Das erste Mal - wissen Sie - das erste Mal - wann das war?
-Ja, das weiß ich nicht mehr - da machte mir ein Diamant, den eine
382
Der Kleptomam
/
Bekannte von Mama als Brosche trug, Übelkeit. - Mein Magen be-
gann - während mir die Augen überliefen und schmerzten und ich
nichts mehr um mich herum sah wie den Diamanten, der riesengroß
wurde - wie eine Sonne - sich zusammenzuziehen und wieder aus-
einander - zusammen und auseinander - wie eine Harmonika, wie
eine Hand, die etwas greifen will, und das machte mich so übel, daß
ich aus dem Zimmer gehen mußte.
Ich entsinne mich nur noch ganz dunkel - aber ich glaube, von da ab
konnte ich keine glitzernden Diamanten mehr sehen, sie machten
mich furchtbar übel - ich hatte Furcht vor ihnen - und ich versteckte
deshalb einmal Mamas Brillantschmuck und bekam Schläge dafür -
ja, jetzt weiß ich‘s -, ich war damals noch ein Junge.
Ich sah von da ab immer weg, wenn jemand in meiner Nähe Brillan-
ten trug, ich konnte sonst nicht mehr los von ihnen, wenn sie mir ein-
mal in die Augen geflimmert hatten - und dann wurde mir wieder so
übel - ich haßte diese ekligen Steine!
Und wer die Steine trug, der konnte mit mir alles anfangen, dem
mußte ich nachlaufen, ob Mann oder Frau, das war egal - ich mußte
zu ihm und fürchtete mich doch davor.
Später -- ich war wohl älter - wohl 1 5 Jahre - da war es einmal eine
junge Französin, die so schrecklich glitzernde Steine trug und bei uns
zu Besuch war. Da wurde mir nicht mehr allein übel, sondern wie
ohnmächtig - es verging mir alles - ganz leicht wurd‘s mir - es war
schön und übel zugleich. Die Steine, besonders ein großer in der Bro-
sche, glitzerten so scheußlich - so, daß ich ihn nicht mehr aus den
Augen lassen konnte - ich mußte ihn ansehen - sie meinte immer, ich
sähe sie so an, aber es war der Stein - und da wurde mir auf einmal,
als ob meine Augen in ihn übergingen, sich in ihm träfen - eins mit
ihm wurden - es gab mir einen Ruck im Kopf - mein Magen krampf-
te auf und zu, und dann war der Stein fort - weg aus der Brosche! Ich
war froh - aber mir wurd's wieder übel. Ich mußte in mein Zimmer,
mich übergeben und - da kam etwas Glitzerndes mit heraus — ein
Stein - ein Diamant ~ wohl jener der Dame! - Ich versteckte ihn
schnell - wenn ich ihn ansah, wurd‘s mir wieder so komisch - daher
versteckte ich ihn, damit ich ihn nicht mehr sah. Ich war froh, daß ich
diesen gräßlichen Stein nun beherrschte, ihn unschädlich gemacht
hatte - er war nun mein Gefangener - nun war‘s umgekehrt!
Am andern Morgen hörte ich, daß die Französin ihren prachtvollen
Stein aus der Brosche verloren habe. Sie habe es am Abend, als sie
383
Leopold Gänther-Schwerin
von uns nach Hause kam, bemerkt, es sei ihr aber nicht klar, ob sie ihn
vielleicht schon auf dem Wege zu uns, bei uns oder auf dem Nach-
hausewege verloren habe. Er hätte sich jedenfalls aus der Fassung ge-
löst, schrieb sie, wir sollten mal suchen!
Ich freute mich, daß ich ihn hatte und daß er mich nicht mehr krank
machen konnte, und ich sagte nichts.
Man fand ihn natürlich nie wieder!
Das war das erste Mal. - Es kamen neue Steine dazu. Ich habe auch
sie nicht gestohlen - ich bin kein Dieb! Sie kamen zu mir, wie der erste
zu mir kam ~ in mich ~ in meinen Magen - immer in meinen Magen
- ich habe von ihnen zu leiden gehabt und mich dann gefreut, wenn
sie da waren und ich sie in der dunklen Schachtel verstecken konnte.
Es ging aber nicht immer: Manchmtil hat mich so ein Ding gequält
und immer gequält und konnte doch nicht zu mir. - Oh, wenn‘s im-
mer gegangen wäre, hätte ich viele!« - Fritzchen schwieg und stieß
zischend die Luft aus.
»Warum haben Sie denn niemandem - nicht einmal Ihrer Mutter
oder Ihrem Hausarzt diese — merkwürdigen - Phänomene mitge-
teilt?«, fragte ich.
»J^., weil ich nie was sagte — das Ganze war mir auch egal, wenn ich
den Stein erst hatte -«
»Und Sie«, fragte ich weiter, »was dachten Sie sich denn nun dabei? -
Waren Sie denn gar nicht verwundert, erschrocken - das war doch
nichts Natürliches? - Haben Sie sich nie vor den daraus entstehenden
Konsequenzen gefürchtet?«
»Ich? - Nein! - Es war mal so, und da habe ich mir auch weiter nichts
dabei gedacht - auch später nicht - ich wollte auch gar nicht! Wenn
ich darüber nachdenke, wird‘s mir drehend - so leer im Kopf - ich
denke über nichts mehr nach - auch nicht darüber, weshalb mein
Arm manchmal so lang wurde - das ist eben alles da - ja -«
»Ihr Arm wurde lang«, fragte ich - neugierig, was die blühende Phan-
tasie dieses eigentümlichen Menschen mir wohl noch alles vorzau-
bern würde. - »Wieso?«
»Nun, einmal ging ich an einem Juwelierladen vorüber, und da mußte
ich wieder einen großen Diamanten ansehen, der, in einen Schmuck
gefaßt, im Schaufenster lag. - Meine Augen zogen sich zusammen -
ich sah ihn doppelt - konnten nicht mehr weg, ob ich auch wollte, sie
wurden eins mit dem Stein - ich wartete auf den Ruck - aber er kam
nicht - der Stein blieb, wo er war. Der Magen krampfte auf und zu -
384
Der Kleptomane
mir wurde trotzdem nicht übel, und doch konnte ich nicht von der
Stelle! - Da - auf einmal merke ich, wie sich mein Arm ganz von
selber hebt und meine Hand mit gespreizten Fingern, zum Greifen
bereit, gegen die Scheibe fährt - und - durch diese hindurch - den
Stein erfaßt - nur den Stein - nicht den Schmuck — «
»Sie haben also die Scheibe zertrümmert?«, fragte ich.
»Nein - ach wo - ich bin doch kein Dieb?! - Zertrümmert? Durch die
Scheibe hindurch langte mein Arm - eine dünne Verlängerung von
ihm - oder war‘s ein dritter Arm aus der Magengrube heraus mit
meinem Magen als Hand? - Ach, ich weiß nicht. Er ging durch die
Scheibe wie durch Luft, und dann hatte ich den Stein in mir. Ich fühl-
te ihn, wie er drückte und brannte - ich wurde auch frei, konnte Weg-
gehen und erbrach mich nachher - So mußten häufiger Steine in
mich - durch doppeltes Glas hindurch - durch dreifaches - wenn ich
sie nur sehen konnte -«
»Sie wollen also damit sagen«, unterbrach ich ihn, »daß Sie die Steine
nicht mit Absicht, mit Gewalt, nicht mit Fingerfertigkeit oder Kunst-
griffen sich angecignet haben, sondern daß dieselben ganz von selber
- wie durch die Art magnetische Kraft, die von Ihren Augen, Ihrem
Magen, Ihrem - verlängerten - Arm ausging zu Ihnen kamen - ange-
zogen wurden durch Sie - wie ein Magnet Eisen anzieht - in Ihren
Organismus hinein, nicht auf dem gewöhnlichen Wege - sondern
quasi durch die Augen?!«
»Ja«, sagte Fritzchen - mich harmlos ansehend und die leise Ironie in
meinen Fragen nicht verstehend oder absichtlich überhörend. - »Ge-
wiß - so ungefähr war es wohl - sie wollten zu mir - mußten zu mir -
sonst machten sie mir Unruhe. - Ich konnte sie nicht hindern - sie
kamen eben - mußten eben, und ich versteckte sie. Ich hatte große
Furcht vor ihnen, und eines Tages warf ich sie ins Klosett. Da wurd‘s
mir mit einem Mal ganz frei!
»Sehen Sie«, fuhr er nach einer Pause fort, »sehen Sie, Herr Doktor -
so ging‘s mit allen. Ich wollte mich auch einmal zwingen, nicht hinzu-
sehen, wo Diamanten lagen oder getragen wurden, wollte Juwelier-
auslagen vermeiden, aber es zog mich dahin - die Steine zogen mich
auf weite Entfernung - bis ich sie in mich sog. - So war‘s auch bei
Nathan. - Aber Stimmung mußte dafür sein, es ging nicht immer -
meine Augen mußten erst eins sein mit dem Stein - dann kam er -
dann kam er mit einem Ruck in mich - dann war er unschädlich für
mich« - und bei diesen Worten begannen seine Augen größer zu wer-
385
Leopold Günther-Schwerin
den, zu schielen und auf einen Punkt hinzustieren, als ob dort ein
Diamant läge.
Ein Erzschauspieler - sagte ich mir - halb Idiot, mit der diesen Men-
schen eigenen Phantasie ausgestattet - und eigensinnig dabei! Ver-
stockt! - Nicht um die Welt gab er sein Geheimnis preis, die natürli-
che Erklärung, wie er die Brillanten an sich gebracht hatte. - Oder! -
Oder waren diese Fähigkeiten, war dieser Teil der Diebstähle unbe-
wußt vor sich gegangen? - Schlafwandler tun und vollbringen auch
Kunststücke unbewußt, die z.B. nur geübte Seiltänzer vollbringen
können?! - Vielleicht war es so - und er hatte sich zur Erklärung der
Tatsachen, die er erlebte, dies alles nur zusammengereimt und glaub-
te nun selber daran? Fast schien es so - und vielleicht war er auch gar
nicht der Dieb der anderen Diamanten, machte sich nur interessant
damit, wie es hysterische Menschen manchmal tun?! - Jedenfalls war
mir dieser Mensch ein Rätsel! Ich gab aber die Lösung desselben
noch nicht auf und nahm mir vor, ihn noch einmal zu mir einzuladen
und ihn dann auf eine Probe zu stellen. Ich entließ ihn für heute -
Arbeit vorschützend und er entfernte sich dankend mit der Bitte,
doch nichts von seinen Mitteilungen anderen Leuten zu erzählen -
nicht einmal seiner »Mama«.
Der Kerl mußte - das wurde mir bei längerem Nachdenken immer
klarer - einmal was von den wüsten Hexengeschichten des Mittelal-
ters, von Besessenheit, von Inkubation - jener mystischen Einsaugung
von Gegenständen durch die Augen in den Organismus - gelesen ha-
ben, vielleicht in einem Hexenroman verwendet oder in den Akten
eines solchen Prozesses, die von ähnlichem Blödsinn wimmeln. Die
damaligen hochgelehrten Herrn Doktores haben sich von diesen
Schwindlern schon an der Nase herumführen lassen - das sollte Fritz-
chen in unserem Fall nicht gelingen, soviel er auch phantasierte, ab-
sichtlich oder unabsichtlich jenes Gelesene reproduzierte und es zur
Verschleierung des natürlichen Vorganges benutzte! - Die Probe soll-
te gemacht werden, und bald!
Zu diesem Zwecke kaufte ich einen glitzernden Similibrillantschmuck
und bat meine Frau, ihn an dem Tag, an welchem Fritzchen wieder
bei uns essen würde, anzulegen.
Es war an einem Sonntag, als er - in seinem Gesellschaftsanzug glän-
zend - mit den gleichen konventionellen Redensarten wie damals
mich begrüßte und dann auf meine später hinzukommende Frau zu-
schoß, um ihr sein Kompliment zu machen.
386
Der Kleptomane
In dem Augenblick, als ihm der glitzernde Schmuck in die Augen fiel,
stutzte er einen Moment — seine Augen bohrten sich schielend in den
großen Stein in der Mitte -, dann verlor sich diese Augenstellung wie-
der, sein Blick wurde normal - und er redete nun und aß, ohne weiter
von dem Schmuck Notiz zu nehmen, - er ließ ihn offenbar absichtlich
oder unabsichtlich - kalt!
War das nun wieder Schauspielerei? - Er konnte allerdings viele
Gründe - sehr gewichtige Gründe - dazu haben, wenn er mich - und
es schien mir, daß es so sei - durchschaut hatte.
Das Essen ging vorüber, wir hatten uns zum Kaffee in das Zimmer
neben dem Salon begeben und meine Frau uns bereits verlassen - als
mir eine Dame gemeldet wurde, die beruflich zu mir kam.
Ich bat Fritzchen, ruhig im Zimmer zu bleiben, und ging in das Emp-
fangszimmer der Dame entgegen.
Der Durchgang von letzterem zu dem Raum, in dem Fritzchen sich
befand, war nun durch eine Portiere abgeschlossen, die seitlich gerafft
einen Durchblick gestattete.
Die Dame, welche mit einer Frage wegen eines in unserer Anstalt be-
findlichen, ihr verwandten Herren zu mir kam, war dunkel gekleidet
und trug, als einzigen Schmuck, einen großen Brillanten, welcher am
Halsbund steckte. -- Leider konnte ich ihr keine guten Mitteilungen
machen, im Gegenteil - ich konnte ihr sogar den Hinweis auf das
Schlimmste nicht ersparen - sie bekam Weinkrämpfe und dann einen
plötzlichen tiefen Ohnmachtsanfall.
Ich eilte hinaus, um ein Glas Wasser zu holen, da die Bedienung auf
mein Klingeln nicht gleich erschien, und sah noch im Vorbeigehen,
daß Fritzchen mit langem Hals und großen Augen aus dem Neben-
zimmer, beinahe im Türrahmen stehend, die Dame neugierig an-
stierte.
Ich winkte ihm zurückzubleiben, und als ich, das Wasser in der Hand,
den Salon wieder betrat, sah ich, daß er ruhig im Nebenzimmer am
Tische saß und in einem Buche blätterte.
Die Dame erholte sich langsam, entfernte sich dann, und - nach
Fritzchen sehend -- bemerkte ich, daß das Zimmer leer war, er sich
also wohl - aus Langeweile - entfernt hatte.
Abends wurde ich zu ihm gerufen. Eine plötzliche Blinddarm-
entzündung mit vorhergehendem Erbrechen hatte ihn befallen, und
zwar so heftig, daß sofort zur Operation geschritten werden mußte.
Dieselbe wurde ausgeführt, und im Wurmfortsatz fand man einen
387
Kommentar
harten Gegenstand - einen Stein oder so etwas den der Operateur
zur näheren Untersuchung fortlegte.
Leider starb Fritzchen - nachdem alles glücklich vorüber war - an
einem Anfall von Herzschwäche.
Am andern Morgen kam der Arzt zu mir und brachte mir jenen bei
Fritzchens Operation gefundenen Gegenstand - es war ein Stein -
ein großer geschliffener Diamant! - Wo kam er her?
Einige Stunden später traf ein Brief Jener Dame vom Tag vorher ein,
in welchem sie anfragte, ob sie wohl bei ihrem gestrigen Besuch, viel-
leicht während ihrer Ohnmacht, einen großen Brillanten, den sie am
Halsbund getragen habe, bei mir verloren hätte, ich möchte doch die
Güte haben und nachsehen lassen, da sie dieses Wertstück seitdem
vermisse.
Also ihr Diamant war's, den man bei Fritzchen gefunden hatte!
Ihr Diamant - von Fritzchen gestohlen? - Verschluckt? Oder
durch die Augen eingesogen??! - Das Rätsel wird ungelöst bleiben
wie so vieles!« -
Kommentar
Die Geschichte »Der Kleptomane« von Leopold Günther-Schwerin
schildert in einer faszinierenden Hhse das Schicksal eines jungen
Mannes aus bester Familie, der mit 31 Jahren noch bei seiner Mut-
ter lebt und offenbar keine Neigung zu. Männern oder Frauen ver-
spürt. Allerdings ist der Akt der Aneignung von begehrten Gegenständen, in seinem
Fall ausschließlich wertvollen Diamanten, mysteriös. Er berichtet, dass diese Dia-
manten - nur echte - von ihm in einem geheimnisvollen Vorgang und ohne sein
intentionales Dazutun »aufgesaugt« werden. Auch seine Arme haben offenbar be-
sondere Fähigkeiten, indem sie sogar durch Schaufensterglas gehen können, ohne
dies zu zerbrechen, und so Diamanten entwenden. Dies mag eine geschickte Ratio-
nalisierung von hochqualifizierten Fähigkeiten eines Trickdiebes sein; der Autor
lässt diese Möglichkeit offen. Interessant ist auch die Motivation des Täters. Er
berichtet, dass die Diamanten in ihm eine eigenartige, größtenteils unangenehme
Körpersensation hervorrufen, andererseits aber aueh eine große Anziehung auf ihn
ausüben, selbst in der Fernwirkung. Er hat die Tendenz, alle Diamanten an sich zu
bringen, nicht aber, um sich an ihrem Besitz zu fieuen, sondern größtenteils, um sie
dann über die Toilette zu entsorgen. Die Steine interessieren ihn offenbar nicht mehr,
nachdem er sie an sich genommen hat. Die eigenartige Faszination der Diamanten
388
Kommentar
mrd mit dem Hinweis darauf, dass manche Hypnotiseure glitzernde Steine ver-
wenden, erklärt. Offenbar soll hier eine Art hypnotisdws Geschehen suggeriert wer-
den.
Auch wenn einiges an dieser Geschichte mysteriös klingt, so bleiben doch einige
Charakteristika typisch fiir das kkptorrume Stehlverhalten: u.a. das blitzschnelle
Sichaneignen der Gegenstände, die vorausgehende und damit verbundene Anspan-
nung und Erregung, das Desinteresse an der »Beute« nach dem kleptomanen Stehl-
akt sowie auch der persönliche Hintergrund eines eher unreifen, auch in sexueller
Hinsicht unerfahrenen Menschen. Es sei darauf verwiesen, dass insbesondere die
französische Psychiatrie die Kleptomanie auch mit sexuellen Problemen in Verbin-
dunggebracht hat und eine quasisexuelle Befnediging beim Stehlakt als ein wich-
tiges Motiv sieht.
Kennzeichen des pathologischen Stehlens (Kleptomanie) ist der unwiderstehliche
Impuls, Dinge zu .stehlen, die in der Regel nicht dem persönlichen Gebrauch oder
der Bereicherung dienen. Die Gegenstände werden häufig weggeworfen, weggegeben
oder gehortet. Die Betroffenen beschreiben gewöhnlich eine steigende Spannung vor
der Handlung und ein Geßhl der Befriedigung während und sofort nach der Tat.
Im Allgemeinen wird versucht, die Tat zu verbergen, dies geschieht aber oft nicht
.sehr konsequent. Der Diebstahl wird alleine und ohne Komplizen durchgefiihrt.
fwischen den einzelnen Diebstahlsdelikten kann es zu Angst, Verzagtheit oder
Schuldgefühlen kommen, wodurch jedoch die Wiederholung in der Regel nicht ver-
hindert wird. Die genaue Häufigkeit des patholofischen Stehlens ist nicht bekannt.
Es ist jedoch davon auszugehen, dass bei weniger als 5 Prozent der Personen, die
Z.B. wegen Ladendiebstahls angezeigt werden, eine entsprechende Motivation oder
Vorgeschichte besteht. In einigen Fällen von Ladendiebstahl wird durch die Betrof-
fenen versucht, die Umstände des Diebstahls so darzustellen, dass die Kriterien
einer Kleptomanie erfüllt werden, um negative forensische Konsequenzen des Dieb-
stahlverhaltens zu vermeiden.
Virginia Woolf
Orlando
aus: Virginia Woolf. Orlando. Gesammelte Werke. Prosa 7.
Deutsch von Brigitte Walizek.
© 1990 by S. Fischer Verlag GmbH, Franifurt am Main
Einführung
Die englische Schriflstellerin Virginia Woolf (1882-1941) zog
nach dem frühen Tod der Eltern mit ihren Geschwistern in ein
Haus im Londoner Stadtteil Bloomsbury, das rasch zum Treff-
punkt von Künstlern, Literaten, Verlegern und Bohemiens wurde.
Woolf, geborene Stephen, gilt heute als bedeutende, richtungweisende Erzählerin
spezifisch weiblicher psychischer Prozesse, deren konversationelle Erörterung auch
im Zentrum der Bloomsbury Group stand.
Der Roman Orlando (1928) wurde erst spät von der Literaturkritik gewürdigt und
lange Zeit als bloß historische Biographie missverstanden. Er gilt aber mittlerweile
aufgrund seiner Idee einer sowohl die Zeit wie auch die Geschlechtereigenschafien
tibergreifenden Icbensgeschichte sowie der virtuosen Unterscheidung zwischen ob-
jektiv messbarer Zeit (clock-time) und innerlich, psychisch erlebter Zeit (mind-
time), die erst das subjektive Empfinden einer Person erzählerisch verdeutlichen, ab
avantgardistuches Mebterwerk der Romanbiographie, die dennoch traditionell
chronologbch sowie unter Verwendung der konvenlionalisierten Muster des histori-
schen Romans und des Entwicklungsromans ein immerhin über 400 Jahre umfas-
sendes Leben epbch ausbreitet.
Das literarische Ideal der Androgynität bt zugleich das private Ideal der Autorin
Virginia Woof, db in Orlando deutlich erkennbare Teile der Familiengeschichte der
englischen Schrftstellerin und Freundin Vita Sackville-West (1892-1962) in
spezfisch britisch humorvoll-ironischem Erzählduktus verarbeitet.
Virginia Woof war von höchst fiagjler psychischer Konstitution und nahm sich
während einer schweren Depression 1941 im Fluß Ouse bei Rodmell das Leben.
Weite führende Literatur:
Hermione Lee: Virginia Woof. Ein Leben. S. Fbcher 1999
390
Orlando
Orlando
_ Der Klang der Trompeten erstarb, und Orlando
stand splitternackt da. Kein menschliches Wesen,
seit Anbeginn der Welt, sah je hinreißender aus.
' » Seine Gestalt vereinigte in sich die Kraft eines
V Mannes und die Anmut einer Frau. Während er
■< V da stand, verlängerten die silbernen Trompeten
\ ihren Ton, als zögerten sie, den lieblichen Anblick
zu lassen, den ihre Fanfare hervorgerufen hatte;
und Keuschheit, Reinheit und Sittsamkeit, zwei-
fellos von der Neugier getrieben, spähten durch die Tür und warfen
ein Kleidungsstück wie ein Handtuch nach der nackten Gestalt, wel-
ches jedoch, unglücklicherweise, mehrere Zoll davor zu Boden fiel.
Orlando betrachtete sich von Kopf bis Fuß in einem hohen Spiegel,
ohne auch nur die geringste Spur von Fassungslosigkeit zu zeigen,
und ging, vermutlich, in sein Bad.
Wir mögen uns diese Unterbrechung der Erzählung zunutze machen,
um gewisse Feststellungen zu treffen. Orlando war eine Frau gewor-
den - das ist nicht zu leugnen. Aber in jeder anderen Hinsicht blieb
Orlando genauso, wie er gewesen war. Der Wechsel des Geschlechts,
wenn er auch die Zukunft der beiden änderte, tat nicht das ge-
ringste, ihre Identität zu ändern, Ihre Gesichter blieben, wie ihre
Porträts beweisen, praktisch dieselben. Seine Erinnerung - aber
in Zukunft müssen wir der Konvention zuliebe »ihre« statt »sei-
ne« und »sie« statt »er« sagen ihre Erinnerung also reichte
durch alle Ereignisse ihres bisherigen Lebens zurück, ohne auf
ein Hindernis zu stoßen. Eine leichte Diesigkeit mag es gegeben
haben, als seien einige dunkle Tropfen in den klaren Teich der
Erinnerung gefallen; gewisse Dinge waren ein wenig verschwom-
men geworden; aber das war alles. Der Wechsel schien sich
schmerzlos und vollständig und auf eine Art vollzogen zu haben,
daß Orlando selbst keine Überraschung darüber zeigte. Dies be-
rücksichtigend und mit der Behauptung, ein solcher Wechsel des
Geschlechts widerspreche der Natur, haben viele Menschen kei-
ne Mühen gescheut, zu beweisen, 1.) daß Orlando immer eine
Frau gewesen sei, 2.) daß Orlando auch in diesem Augenblick ein
Mann sei. Sollen Biologen und Psychologen dies entscheiden. Für
uns genügt es, die schlichte Tatsache festzuhalten; Orlando war ein
391
Virginia Woolf
Mann bis zum Alter von dreißigjahren; als er eine Frau wurde und es
seitdem geblieben ist.
Doch mögen andere Federn sich mit Geschlecht und Geschlecht-
lichkeit befassen, wir verlassen derart odiose Themen, sobald wir kön-
nen. Orlando hatte sich jetzt gewaschen und sich in jene türkischen
Jacken und Hosen gekleidet, die unterschiedslos von beiden Ge-
schlechtern getragen werden können; und war gezwungen, ihre Lage
zu überdenken. Daß sie über die Maßen gefährlich und befremdlich
war, muß der erste Gedanke eines jeden Lesers sein, der ihrer Ge-
schichte mit Anteilnahme gefolgt ist. Jung, adlig, schön, war sie aufge-
wacht, um sich in einer Situation wiederzufinden, wie wir uns keine
heiklere für eine junge Dame von Stand vorstellen können. Wir hät-
ten ihr keinen Vorwurf gemacht, hätte sie geklingelt oder geschrien
oder wäre sie in Ohnmacht gefallen. Aber Orlando zeigte keine der-
artigen Zeichen der Verstörung. All ihre Handlungen waren über die
Maßen überlegt, und man hätte meinen können, sie zeigten Zeichen
von Vorbedacht. Zunächst sah sie die Papiere auf dem Tisch sorgfäl-
tig durch; nahm jene, die in Versform geschrieben schienen, an sich,
und verbarg sie an ihrer Brust; als nächstes rief sie ihren Seleukiden-
hund zu sich, der all diese Tage nicht von ihrem Bett gewichen war,
obwohl er vor Hunger fast gestorben wäre, fütterte und kämmte ihn;
steckte dann zwei Pistolen in ihren Gürtel; wand dann um ihren Leib
mehrere Schnüre von Smaragden und Perlen von feinstem Glanz, die
zu ihrer Ausstattung als Gesandter gehört hatten. Als dies erledigt
war, beugte sie sich aus dem Fenster, stieß einen leisen Pfiff aus und
stieg die zertrümmerte und blutbesudelte Treppe hinunter, die nun
mit dem Abfall aus Papierkörben, mit Verträgen, Depeschen, Siegeln,
Siegellack etc. übersät war, und betrat so den Hof Dort, im Schatten
eines riesigen Feigenbaums, wartete ein alter Zigeuner auf einem
Esel. Er führte einen weiteren am Zügel. Orlando schwang ihr Bein
darüber; und auf diese Weise, gefolgt von einem mageren Hund, auf
einem Esel reitend, in Begleitung eines Zigeuners, verließ der Ge-
sandte Großbritanniens am Hofe des Sultans Konstantinopel.
392
Kommentar
Kommentar
/In der Geschichte »Orlando« von Virginia Woolf wird die geheim-
nisvolle Verwandlung eines Diplomaten vom Mann zu einem
Transsexuellen dargestellt und die Faszination des Transsexuellen -
»seine Gestalt vereinte in sich die Kraft eines Mannes mit der Anmut
eines Weibes« - gerühmt.
Der Transsexualismus gehört vak der Transvestitismus zu den Störungen der Ge-
schlechtsidentität. Charakteristisch ßir beides ist die tiefe Unzufriedenheit mit dem
eigenen Geschlecht .sowie dringender und anhaltender Wunsch, die Rolle des ande-
ren Geschlechts teilweise (in der Kleidung) oder vollständig zu übernehmen. Beim
Transsexualismus besteht der Wunsch, als Angehöriger des anderen anatomischen
Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden. Durch eine hormonelle und chirur-
gische Behandlung soll der eigene Körper dem bevorzugten Geschlecht so weit wie
möglich angeglichen werden. Die »Mann-zu-Frau-Transsexualität« kommt etwa
zwei bis drei Mal häufiger vor als die »Frau-zu-Mann-Transsexualitäb<.
393
Pauline Reage
Geschichte der O
aus: Pauline Reage. Geschichte der 0. Rückkehr nach Roissy.
Aus dem Französischen von Simon Saint Honore.
© 2000 by F.A. Herbig Verlagsbucfdiandlung GmbH, München
Einführung
Jahrzehntelang war unbekannt, wer hinter der Autorin Pauline
Reage des Skandalbuches »Geschichte der 0« (1954) wohl ste-
cken mochte. Wilde Spekulationen benannten immer wieder an-
dere Namen, der Romanist H. T. Siepe (Universität Düsseldorf)
glaubte sogar, mit seiner abenteuerlichen Beweisführung den fianzösischen Schrifi-
steller Alain Robbe-Grillet (geh. 1922) identifiziert zu haben. Feministische Lite-
raturwissenschqftlerinnen wie Andrea Dworidn dagegen behaupteten, das weibliche
Pseudonym diene bloß der primitiven Bfriedigung von Männerphantasien, tat-
sächlich könne dieses Werk, das in Frankreich rasch mit mehreren angesehenen
Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, nur von änem Mann stammen. In Deutsch-
land erfolgte kurz nach dem Erscheinen 1967 die Indizierung, nachdem das Buch
zuvor nur gegen Personalausweis und Verpfiicktungsschein verkau ft werden durfte.
1991 erschien unter dem Titel »Die 0 hat mir erzählt« eine abgemilderte Fassung
mit einem Apparat wissenschaftlicher Dokumentationen.
Die Autorschaft jedoch blieb weiterhin ungeklärt. Schließlich lüftete die ftanzösische
Schriftstellerin Dominique Aury in einem Interview mit »The New Yorker« 1994
ihr Geheimnis: Unter dem Pseudonym Pauline Reage hatte sie den Roman über
sadomasochistische Praktiken ab artmymen Liebesbrief verfasst, weil ihr Liebha-
ber und Arbeitgeber, der fianzösbche Schriftsteller und Literaturorganisator Jean
Paulhan sie mit der chauvinistischen Bemerkur^ provoziert habe, eine Frau könne
keinen erotbchen Roman schreiben. Paulhan habe das Vorwort ve fasst Der richti-
ge Name der Autorin war jedochnicht Pauline Reage, sondern Anne Desclos (1907
bis 1998): zwebprachig (französbch/ engtisch) aufgewachsen, Studium an der
Sorbonne, bb 1946 Journalistin, danach bei Gallimard Publbhers unter dem
Pseudonym Dominique Aury, Literaturkri&erin und Jury-Mitglied bei Literatur-
preben.
Der in über 60 Sprachen übersetzte und von Eric Rochat 1994 in fünf Epboden
394
Geschichte der O
r
verfilmte Roman »Geschichte der 0« erzählt die homo- und heterosexuelle, stets aber
sadomasochistische Beziehung einer jungen Frau namens 0 zu ihrem bzw. ihren
Geliebten. Wie vom Anfang so gibt es auch vom Eruk zwei Fassungen. Der zweite
Schluss lautet: »Als 0 sah, dass Sir Stephen sie verlassen würde, wünschte sie sich
den Tod. Sir Stephen erteilte seine Stimmung.»
Weiterfiihrende Literatur:
Regine Deforges: Die 0 hat mir erzählt. Hintergründe eines Bestsellers. Charon
2000
Geschichte der O
Ich weiß nun, daß sie O die Hände losbanden,
die noch immer hinter ihrem Rücken gefesselt
waren, und ihr sagten, daß sie sich ausziehen
müsse und daß man sie baden und schminken
werde. Sie wurde also entkleidet und ihre Kleider
wurden in einem der Wandschränke verwahrt.
Sic durfte sich nicht allein baden, sie wurde fri-
siert wie beim Friseur, indem man sic in einem
dieser großen Sessel Platz nehmen ließ, die beim
Kopfwäschen nach hinten gekippt und wieder gerade gestellt werden,
wenn man, nach dem Einlegen, unter der Trockenhaube sitzt. Das
dauert immer mindestens eine Stunde. Es hat tatsächlich über eine
Stunde gedauert, sie war nackt auf diesem Stuhl gesessen, und man
verbot ihr, die Beine überzuschlagen oder die Knie zu schließen. Und
da sie vor einem großen Spiegel saß, der die Wandfläche von oben bis
unten bedeckte und von keiner Konsole unterbrochen wurde, sah sie
sich, weit klaffend, so oft ihr Blick den Spiegel traf.
Als sie fertig geschminkt war, die Lider leicht umschattet, den Mund
sehr rot, Spitze und Hof der Brüste rosig, den Rand der Schamlippen
rötlich, den Flaum der Achselhöhlen und des Schoßes, die Furche
zwischen den Schenkeln und die Furche unter den Brüsten und die
Handflächen lange mit Parfüm bestäubt, wurde sie in einen Raum
geführt, wo ein dreiteiliger Spiegel und ein vierter Spiegel an der
Wand dafür sorgten, daß sie sich genau sehen konnte. Sie wurde an-
gewiesen, sich auf den Puff in der Mitte zwischen den Spiegeln zu
setzen und zu warten. Der Puff war mit schwarzem Pelz bezogen, der
sic ein bißchen stach, und der Teppich war schwarz, die Wände rot.
39.5
Pauline Rmge
Sie hatte rote Pantöffelchen an den Füßen. An einer Wand des klei-
nen Boudoirs war ein großes Fenster, das auf einen schönen dunklen
Park hinausging. Es hatte zu regnen aufgehört, die Bäume bewegten
sich im Wind, der Mond lief hoch oben zwischen den Wolken hin. Ich
weiß nicht, wie lange sie in dem roten Boudoir gewartet hat, auch
nicht, ob sie wirklich allein war, wie sie annahm, oder ob jemand sie
durch eine verborgene Öffnung in der Wand beobachtete. Dagegen
weiß ich, daß eine der beiden Frauen, als sie wiederkamen, ein Maß-
band trug, die andere ein Körbchen. Ein Mann begleitete sie; er trug
ein langes violettes Gewand mit Ärmeln, die oben weit und am
Handgelenk eng waren, das Gewand öffnete sich beim Gehen von
der Taille an. Man sah, daß er darunter eine Art anliegender
Strumpfhosen trug, die Beine und Schenkel bedeckten, das Ge-
schlecht jedoch freiließen. Dieses Geschlecht sah O als erstes beim
ersten Schritt des Mannes, dann die Peitsche aus Lederschnüren, die
im Gürtel steckte, dann, daß der Mann eine schwarze Kapuze übers
Gesicht gezogen hatte - ein Netz aus schwarzem Tüll verbarg sogar
die Augen -, und schließlich, daß er auch Handschuhe trug, ebenfalls
schwarz und aus feinem Ziegenleder. Er sagte ihr, sie solle Sitzenblei-
ben, dutzte sie dabei, und befahl den Frauen, sich zu beeilen. Die mit
dem Zentimeterband nahm nun von Os Hals und Gelenken die
Maße, die zwar klein, aber doch gängig waren. Es war leicht, in dem
Korb, den die andere Frau trug, ein passendes Halsband und Armrei-
fen zu finden. Sie waren folgendermaßen gearbeitet: aus mehreren
Lederschichten (jede Schicht sehr dünn, das Ganze nicht mehr als
einen Finger dick), mit einem Schnappverschluß, der automatisch
einklickte wie ein Vorhängeschloß, wenn man ihn zumachte, und nur
mit einem kleinen Schlüssel wieder zu öffnen war. An der dem Ver-
schluß genau gegenüberliegenden Stelle, in der Mitte der Leder-
schichten und beinah ohne Spiel, war ein Metallring angebracht, der
es erlaubte, das Armband irgendwo zu befestigen, wenn man das
wollte, denn es schloß, wenn es auch gerade so viel Spielraum gab, um
keine Verletzung zu bewirken, zu eng am Gelenk an, und das Hals-
band zu eng um den Hals, als daß man einen noch so dünnen Riemen
hätte durchziehen können. Man befestigte nun Halsband und Arm-
reifen an Hals und Gelenken, dann befahl der Mann ihr, aufzustehen.
Er setzte sich auf ihren Platz auf den Pelzpuff und zog sie zwischen
seine Knie, ließ die behandschuhte Hand zwischen ihre Schenkel und
über ihre Brüste gleiten und erklärte ihr, daß sie noch an diesem
396
Gechkhte der 0
Abend vorgeführt werden solle, nach dem Essen, das sie allein ein-
nehmen werde. Sie nahm es wirklich allein ein, noch immer nackt, in
einer Art Kabine, in die eine unsichtbare Hand ihr die Speisen durch
einen Schalter zuschob. Nach dem Essen kamen die beiden Frauen
und holten sie ab. Im Boudoir schlossen sie gemeinsam die beiden
Ringe ihrer Armreifen hinter ihrem Rücken zusammen, legten ihr
einen langen Umhang um die Schultern, der an ihrem Halsband be-
festigt wurde und der sie ganz bedeckte, sich jedoch beim Gehen öff-
nete; sie konnte ihn ja nicht Zusammenhalten, weil ihre Hände auf
dem Rücken gefesselt waren. Sie durchschritten ein Vorzimmer, zwei
Salons, und kamen in die Bibliothek, wo Her Männer beim Kaffee
saßen. Sie trugen die gleichen wallenden Gewänder, wie der erste,
aber keine Masken. Doch O hatte nicht Zeit, ihre Gesichter zu sehen
und festzustellen, ob ihr Geliebter unter ihnen sei (er war unter ih-
nen), denn einer der Vier richtete den Strahl einer Lampe auf sie, die
sie blendete. Alle Anwesenden verhielten sich regungslos, die beiden
Frauen rechts und links von ihr und die Männer vor ihr, die sie mu-
sterten. Dann erlosch die Lampe; die Frauen entfernten sich. Man
hatte O aufs neue die Augen verbunden. Nun mußte sie näherkom-
men, sie schwankte ein bißchen und spürte, daß sie vor dem Kamin-
feuer stand, an dem die vier Männer saßen: sie fühlte die Hitze, sie
hörte die Scheite leise in der Stille knistern. Sie stand mit dem Gesicht
zum Feuer. Zwei Hände hoben ihren Umhang hoch, zwei weitere
glitten an ihren Hüften endang, nachdem sie sich überzeugt hatten,
daß die Armreifen festgemacht waren: sie trugen keine Handschuhe
und eine von ihnen drang von beiden Seiten zugleich in sie ein, so
abrupt, daß sie aufschrie. Ein Mann lachte. Ein anderer sagte: »Dre-
hen Sie sich um, damit man die Brüste und den Leib sieht.« Sie mußte
sich umdrehen, und die Hitze des Feuers schlugjetzt an ihre Lenden.
Eine Hand ergriff eine ihrer Brüste, ein Mund packte die Spitze der
anderen. Plötzlich verlor sie das Gleichgewicht und taumelte nach
rückwärts; sie wurde aufgefangen, von welchem Arm? während je-
mand ihre Beine öffnete und sanft die Lippen auseinanderzog; Haare
strichen über die Innenseite ihrer Schenkel. Sie hörte jemanden sa-
gen, man müsse sie niederknien lassen. Was auch geschah. Das Knien
tat ihr sehr weh, zumal man ihr verbot, die Knie zu schließen und ihre
Hände so auf den Rücken gebunden waren, daß sie sich Vorbeugen
mußte. Nun erlaubte man ihr, sich zurücksinken zu lassen, bis sie fast
auf den Fersen saß, wie es die Nonnen tun. »Sie haben sie nie ange-
397
Pauline Seage
bunden? - Nein, nie. - Auch nicht gepeitscht? - Auch das nie. Sie
wissen ja ...« Diese Antworten kamen von ihrem Geliebten. »Ich
weiß, sagte die andere Stimme. Wenn man sie nur gelegentlich anbin-
det, wenn man sie nur ein bißchen peitscht, könnte sie Geschmack
daran finden, und das wäre falsch. Man muß über den Punkt hinaus-
gehen, wo es ihr Spaß macht, man muß sie zum Weinen bringen.«
Einer der Männer befahl O jetzt, aufzustehen, er wollte gerade ihre
Hände losbinden, zweifellos, damit man sie an einen Pfosten oder
eine Mauer fesseln könnte, als ein anderer protestierte, er wolle sie
zuerst nehmen und zwar sofort - so daß man sie wieder niederknien
ließ, aber diesmal mußte sie, noch immer mit den Händen auf dem
Rücken, den Oberkörper auf den Puff legen und die Hüften hochrek-
ken. Der Mann packte mit beiden Händen ihre Hüften und drang in
ihren Leib ein. Er überließ seinen Platz einem zweiten. Der dritte
wollte sich an der engsten Stelle einen Weg bahnen und ging so brutal
vor, daß sie aufschrie. Als er von ihr abließ, glitt sie, stöhnend und
tränennaß unter ihrer Augenbinde, zu Boden: nur um zu spüren, daß
Knie sich gegen ihr Gesicht preßten und auch ihr Mund nicht ver-
schont würde. Schließlich blieb sie, hilflos auf dem Rücken, in ihrem
Purpurmantel vor dem Feuer liegen. Sie hörte, wie Gläser gefüllt und
ausgetrunken, wie Sessel gerückt wurden. Im Kamin wurde Holz
nachgelegt. Plötzlich nahm man ihr die Augenbinde ab. Der große
Raum mit den Büchern an den Wänden war schwach erleuchtet
durch eine Lampe auf einer Konsole und durch den Schein des Feu-
ers, das wieder aufflammte. Zwei Männer standen und rauchten. Ein
dritter saß, eine Peitsche auf den Knien, und der vierte, der sich über
sie beugte und ihre Brust streichelte, war ihr Geliebter. Aber alle vier
hatten sie genommen, und sie hatte ihn nicht von den anderen unter-
scheiden können.
Man erklärte ihr, daß es immer so sein werde, so lange sie sich im
Schloß aufhalte, daß sie die Gesichter der Männer nicht sehen werde,
die sie vergewaltigen oder foltern würden, niemals jedoch bei Nacht,
und daß sie niemals wissen werde, wer ihr das Schlimmste angetan
hatte. Desgleichen wenn sie gepeitscht würde, nur wolle man dann,
daß sie sehen könne, wie sie gepeitscht wurde, daß sie also zum ersten
Mal keine Augenbinde tragen werde, daß die Männer dagegen ihre
Masken anlegen würden und sie sie nicht unterscheiden könne. Ihr
Geliebter hatte sie aufgehoben und in ihrem roten Umhang auf die
Armlehne eines Sessels an der Kaminecke gesetzt, damit sie hören
398
Gechichte der 0
sollte, was man ihr zu sagen hatte und sehen sollte, was man ihr zei-
gen wollte. Sie hatte noch immer die Hände auf dem Rücken. Man
zeigte ihr den Reitstock, der schwarz war, lang und dünn, aus feinem
Bambus, mit Leder bezogen, wie man sie in den Auslagen der großen
Ledergeschäfte sieht; die Lederpeitsche, die der erste der Männer,
den sie gesehen hatte, im Gürtel trug, sie war lang, bestand aus sechs
Riemen mit je einem Knoten am Ende; dann eine dritte Peitsche aus
sehr dünnen Schnüren, die an den Enden mehrere Knoten trugen
und ganz steif waren, als hätte man sie in Wasser eingeweicht, was
auch der Fall war, wie sie feststellen konnte, denn man berührte damit
ihren Schoß und spreizte ihre Schenkel, damit sie besser fühlen kön-
ne, wie feucht und kalt die Schnüre sich auf der zarten Haut der In-
nenseite anfühlten. Blieben noch auf der Konsole stählerne Ketten
und Schlüssel. An einer Wand der Bibliothek lief in halber Höhe eine
Galerie, die von zwei Säulen getragen wurde. In eine Säule war ein
Haken eingelassen, in einer Höhe, die ein Mann auf Zehenspitzen
mit gestrecktem Arm erreichen konnte. Man sagte O, die ihr Gelieb-
ter in die Arme genommen hatte, eine Hand unter ihren Schultern
und die andere, die sie verbrannte, zwischen ihren Schenkeln, um sie
zum Nachgeben zu zwingen, man sagte ihr, daß man ihre gefesselten
Hände nur löse, um sie sogleich, mittels der Armreifen und einer der
Stahlketten, an diesen Pfeiler zu binden. Daß aber nur die Hände
über ihrem Kopf festgehalten würden, sie sich aber sonst frei bewe-
gen könne und die Schläge kommen sähe. Daß man im allgemeinen
nur Hüften und Schenkel peitsche, also von der Taille bis zu den
Knien, genauso, wie sie im Wagen, der sie hierhergebracht hatte, vor-
bereitet worden sei, als sie sich nackt hatte auf die Bank setzen müs-
sen. Daß jedoch einer der vier anwesenden Männer vielleicht Lust
haben werde, ihre Schenkel mit dem Rcitstock zu zeichnen, was schö-
ne, lange und tiefe Striemen gebe, die man lange sehen werde. Es
werde ihr nicht alles zugleich angetan werden, sie werde schreien
können, soviel sie wolle, sich winden und weinen. Man werde sie
Atem schöpfen lassen, aber weitermachen, sobald sie wieder Kräfte
gesammelt habe, wobei die Wirkung nicht nach ihren Schreien oder
Tränen beurteilt werde, sondern nach den mehr oder minder lebhaf-
ten und anhaltenden Spuren, die die Peitschen auf ihrer Haut zu-
rücklassen würden. Man wies sie darauf hin, daß diese Methode, die
Wirkung der Schläge zu beurteilen, nicht nur gerecht sei und alle Ver-
suche der Opfer, durch übertriebenes Stöhnen Mitleid zu wecken.
399
Pauline Reage
nichtig mache, sondern darüber hinaus auch erlaube, die Peitsche
außerhalb des Schlosses anzuwenden, im Park, was häufig geschehe,
oder in irgendeiner Wohnung oder einem beliebigen Hotelzimmer,
vorausgesetzt natürlich, daß man einen Knebel verwende (den man
ihr sogleich zeigte), der nur den Tränen freien Lauf läßt, aber alle
Schreie erstickt und kaum ein Stöhnen erlaubt. An diesem Abend je-
doch sollte der Knebel nicht verwendet werden, im Gegenteil. Sie
wollten O brüllen hören, und so schnell wie möglich. Der Stolz, den
sie darein setzte, sich zu beherrschen und zu schweigen, hielt nicht
lange an: sie hörten sie sogar betteln, man möge sie losbinden, einen
Augenblick einhalten, nur einen einzigen. Sie wand sich so konvulsi-
visch, um dem Biß der Lederriemen zu entgehen, daß sie sich vor
dem Pfosten beinah um die eigene Achse drehte, denn die Kette, die
sie fesselte, war lang und daher nicht ganz straff. Die Folge war, daß
ihr Bauch und die Vorderseite der Schenkel und die Seiten beinah
ebenso ihr Teil abbekamen, wie die Lenden. Man entschloß sich nun,
einen Augenblick aufzuhören und erst wieder anzufangen, nachdem
ein Strick um ihre Taille und zugleich um den Pfosten geschlungen
worden war. Da man den Strick fest anzog, damit der Körper in der
Mitte gut am Pfosten anlag, war der Oberkörper notwendig ein wenig
zur Seite gebeugt, so daß auf der anderen Seite das Hinterteil stärker
hervortrat. Von nun an verirrten die Hiebe sich nicht mehr, es sei
denn mit Absicht. Nach der Art und Weise zu urteilen, wie ihr Gelieb-
ter sie ausgeliefert hatte, hätte O sich denken können, daß ein Appell
an sein Mitleid die beste Methode sein würde, seine Grausamkeit zu
verdoppeln, daß er größtes Vergnügen daran finden würde, ihr diese
unzweifelhaften Beweise seiner Macht zu entreißen oder entreißen zu
lassen. Tatsächlich war er derjenige, der als erster bemerkte, daß die
Lederpeitsche, unter der sie zuerst gestöhnt hatte, sie weit weniger
zeichnete, als die eingeweichte Schnur der neunschwänzigen Katze
und der Reitstock, und daher erlaube, die Qual zu verlängern und
mehrmals von neuem anzufangen, fast unverzüglich, wenn man Lust
dazu hatte. Er bestand darauf, daß man nur noch diese Peitsche ver-
wendete. Verführt von diesem hingereckten Hinterteil, das sich unter
den Schlägen wand und sich in dem Bemühen, ihnen auszuweichen,
nur umso mehr aussetzte, verlangte nun derjenige der Vier, der an
den Frauen nur das liebte, was sie mit den Männern gemeinsam ha-
ben, daß man ihm zuliebe eine Pause einlegen solle, und er teilte die
beiden Hälften, die unter seinen Händen brannten, und drang nicht
400
Kommentar
ohne Mühe ein, wobei er die Überlegung anstellte, daß man diese
Pforte leichter zugänglich machen müsse. Man kam überein, daß das
zu machen sei und daß man entsprechende Maßnahmen ergreifen
werde.
Kommentar
ln der Geschuhte von Pauline Reage »Die Geschichte der 0« wird
recht detailliert ein sado-masochistisches Szenario geschildert, in de-
ren Mittelpunkt eitu wehrlose Frau ist, die durch mehrere Männer,
u.a. durch den »Geliebten« der Frau in sadistischer Weise behandelt
wird und die sich dem in offensichtlich masochistischer Weise unterzieht.
Der Sadomasochismus hat offensichtlich viele Literaten als Thema interessiert und
ist wohl die am häufigsten in der Literatur beschriebene Störung der sexuellen Prä-
ferenz (Paraphilie). Unter Störung der sexuellen Präferenz werden weitgehend fi-
xierte Formen sexueller Befriedigung verstanden, die an außergewöhnliche Bedin-
gungen geknüpft sind. fu diesen Störungen gehört der Fetischismus, der Exhibitio-
nismus, der Voyeurismus, die Pädophilie und auch der Sadomasochismus. Beim
Sadomasochismus werden sexuelle Aktivitäten als fußgen von Schmerzen, Er-
niedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betrffende Person diese Art der Sti-
mulation gerne erleidet, handelt es sich um Masochismus, wenn sie sie jemand
anderem zufügt, um Sadismus. Häufigfinden sich Partner zusammen, die sich in
komplementärer Weise hinsichtlich ihrer sadomasochistischen Neigungen ergänzen.
401
Patricia Highsmith
Der Schrei der Eule
aus: Patricia Highsmith. Der Schrei der Eule.
Aus dem Amerikanischen von Irene Rumler.
© 2002 ly Diogenes Verlag AG, Zürich
Einführung
Schon mit neun Jahren studierte Patricia Highsmith, geh. Plang-
man (1921-1995), die texarüsche Schriftstellerin und hochbe-
gabte Absolventin (Englische Literaturwissenschaft und Latein)
des nur Frauen offen stehenden Barnard College die Werke des
amerikanischen Psychiaters Karl A. Metminger (»The Human Mind«, 1930),
unter dessen und Dostojewskijs Eirftuss sie hereiis während des Studiums erste
Kurzgeschichten verfasste. Ihr erster Roman »rfwa. Fremde im Jug« ( 1 950) wurde
von Alfred Hitchcock verflmt und machte die Autorin, die seit 1951 zwischen dm
USA und Europa pendelte, sofort berühmt. Seit 1983 lebte sie bis zu ihrem Tod im
schweizerischen Tessin.
Patricia Highsmith schrieb (auch unter dem Pseudonym Claire Morgan) mehr als
zwanzig Romane und Bände mit Kurzgeschichten und g)lt heute als die Grande
Dame des psychologisch ausgrfeilten Kriminalromanes (vgl. »Der talentierte Mr.
Ripley«, 1955), der sich weniger um die Aufklämng von Verbrechen (whodunnit)
als deren psychologische Motive (vohydunnit) kümmert. Ein dem »Lon-
doner Observer« charakterisiert ihren Stil kurz und prägnant: Patricia Highsmith
beschreibt die Menschm, wie eine Spinne eitle Fliege beschreiben würde.
Im Jahre 1991 tauchte ihr Name auf der Liste potenzieller Nobelpreisträger auf.
Ihr Roman »The Cry of the Owb< (1962, dt. zuerst unter dem Titel »Das Mäd-
chen hinterm Fenster«, 1964), verfilmt von Claude Chabrol (1987), erzählt die
Geschichte des psychisch labilen Robert Forester, der auf seinen einsamen Spazier-
gängen in einem Haus ein Mädchen beobachtet, von deren Anblick er immer stärker
angezogen wird. Als der Voyeur eines Tages Jenny kennen lernt, verliebt sie sich in
ihn und löst seinetwegen ihre Verlobung mit Greg. Dieser jedoch will sie zurück-
gewinnen, denn Forester magjenry zwar, liebt sie aber nicht. Das Drama nimmt
seinen Lauf
Patricia Highsmith lebte zurückgezogen, mied Interviews und Auftritte, litt unter
402
Der Schrei der Euk
misslingenden Lesbischen Beziehungen, die sie nervlich zerrütkten, wurde immer
misanthropischer, sprach zunehmend dem Alkohol zu und starb vereinsamt in Lo-
carno 1995 an einem Krebsleiden.
Weiterfiihrende Literatur:
Franz Cavigelli/ Fritz Senn: Über Patricia Highsmith. Diogenes 2002
Der Schrei der Eule
Die Nacht brach schnell herein, so schnell, daß
man fast Zusehen konnte, und legte sich wie ein
düsteres Tuch über die Erde. Als Robert an den
Motels und Würstchenbuden am Stadtrand von
Langley vorbeifuhr, spürte er einen fast kör-
perlichen Ekel bei dem Gedanken, jetzt in diese
Stadt, zu seiner Straße fahren zu müssen. An ei-
ner Tankstelle wendete er und fuhr den Weg zu-
rück, den er gekommen war. Es ist nur die Däm-
merung, dachte er. Sogar im Sommer mochte er die Dämmerung
nicht, wenn sie langsam hereinbrach und darum erträglicher schien.
Im Wdnter kam sie in der öden Landschaft von Pennsylvanien, die
ihm so wenig vertraut war, erschreckend, bedrückend schnell. Es war
wie ein jähes Sterben. Samstags und sonntags, wenn er nicht arbeite-
te, ließ er die Jalousien schon um vier Uhr nachmittags herunter und
machte Licht, und wenn er dann später wieder aus dem Fenster sah,
lange nach sechs, dann war die Dunkelheit schon hereingebrochen.
Sie war da; alles war vorüber. Robert fuhr nach Humbert Corners,
einer kleinen Stadt, ungefähr neun Meilen von Langley entfernt. Von
dort aus schlug er eine schmale Asphaltstraße ein, die in die Umge-
bung führte.
Er wollte das Mädchen Wiedersehen. Vielleicht zum letztenmal,
dachte er. Aber das hatte er schon oft gedacht, und dann war er doch
immer wieder hingefahren. Er fragte sich, ob er nicht überhaupt we-
gen des Mädchens länger im Werk geblieben war. Hatte er vielleicht
nur so lange gearbeitet, um sicher zu sein, daß es dunkel war, wenn er
das Werk verließ?
Robert parkte den Wagen auf einem Waldweg in der Nähe des Hau-
ses, in dem das Mädchen wohnte, und ging zu Fuß weiter. An der
403
Patricia Highsndth
Einfahrt verlangsamte er seine Schritte. Er bog um die alte Basket-
ballwand am Ende der Einfahrt und ging auf die dahinterliegende
Wiese.
Das Mädchen war wieder in der Küche; die erleuchteten Rechtecke
der Küchenfenster schimmerten hell an der Rückseite des Hauses.
Hin und wieder glitt ihr Schatten durch eines dieser Rechtecke, aber
sie hielt sich meistens im linken auf, wo der Tisch stand. Von Roberts
Platz aus wirkte das Fenster wie die Linse einer Kamera. Nur selten
wagte er sich näher an das Haus heran. Zu sehr fürchtete er, von ihr
gesehen zu werden. Doch heute war es sehr dunkel. Vorsichtig schlich
er dichter an die Fenster heran.
Es war das vierte oder fünfte Mal, daß er hierherkam. Das erste Mal
hatte er das Mädchen an einem Samstag gesehen, einem strahlenden,
sonnigen Samstag im September, als er mit seinem Wagen planlos
durch die Gegend gefahren war. Sie hatte vor der vorderen Veranda
einen kleinen Teppich ausgeschüttelt, als er vorbeikam, und er hatte
sie höchstens zehn Sekunden lang gesehen. Und doch war ihm der
Anblick schon damals vertraut erschienen, wie ein Bild oder eine Per-
son, die er irgendwo schon einmal gesehen hatte. Aus den Pappkar-
tons, die auf der Veranda standen, und den gardinenlosen Fenstern
schloß er, daß sie erst vor kurzem eingezogen sein mußte. Das Haus
war zweistöckig, weiß mit braunen Läden, und brauchte dringend ei-
nen neuen Anstrich. Das Gras war lange nicht gemäht worden, und
der weiße Zaun entlang der Einfahrt hing schief und drohte umzufal-
len. Das Mädchen hatte lichtbraunes Haar und war verhältnismäßig
groß. Mehr hatte er aus den etwa zwanzig Metern Entfernung nicht
feststellen können. Ob sie hübsch war, vermochte er nicht zu sagen,
und das war ihm auch unwichtig gewesen. Aber was war denn wich-
tig? Robert hätte es nicht in Worte fassen können. Doch als er sie das
zweite und dritte Mal sah, in zwei- bis dreiwöchigen Abständen, hatte
er erkannt, was ihn so faszinierte: die ruhige Gelassenheit, die dieses
Mädchen ausstrahlte, ihre deutlich spürbare Liebe zu diesem her-
untergekommenen Haus, die sichtliche Zufriedenheit mit dem Le-
ben, das sie führte. All das konnte er durch das Küchenfenster sehen.
Etwa drei bis vier Meter vor dem Haus machte er halt und stellte sich
neben den Lichtschein, der aus dem Fenster kam. Er sah sich vorsich-
tig um. Das einzige Licht, das er entdecken konnte, schimmerte direkt
hinter ihm, eine halbe Meile entfernt, jenseits der großen Wiese; ein
einsames Licht im Fenster eines Farmhauses. In der Küche deckte das
404
Der Schrei der Eule
Mädchen gerade den Tisch. Für zwei. Das bedeutete vermutlich, daß
ihr Freund zum Essen kam. Robert hatte ihn schon zweimal gesehen
- ein großer Bursche mit welligem, schwarzem Flaar. Einmal hatten
sie sich geküßt. Er nahm an, daß sie sich liebten und heiraten wollten,
und er hoffte, daß das Mädchen glücklich werden würde. Robert
schlich sich noch näher heran. Vorsichtig rutschte er vorwärts, um
nicht auf einen Zweig zu treten. Dann blieb er stehen und hielt sich
mit einer Fland am Ast eines Bäumchens fest.
Heute abend gab es Brathuhn. Auf dem Tisch stand eine Flasche
Weißwein. Sie trug eine Schürze, um sich nicht schmutzig zu machen,
aber während Robert zusah, fuhr sie zurück und rieb sich das Hand-
gelenk, auf das heißes Fett gespritzt war. Er konnte hören, daß das
kleine Radio in der Küche Nachrichten brachte. Das letzte Mal, als er
hier gewesen war, hatte das Mädchen eine Melodie, die das Radio
spielte, mitgesungen. Ihre Stimme war weder gut noch schlecht, nur
natürlich und unverbildet. Sie war ungefähr ein Meter siebzig groß,
hatte lange Glieder und angenehm proportionierte Hände und Füße.
Er schätzte sie auf etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre. Ihr Ge-
sicht war glatt und klar, und niemals schien sie die Stirn zu runzeln.
Das lichtbraune Haar hing leicht gewellt bis auf die Schultern herab.
Es war über den Ohren mit zwei Goldspangen zurückgehalten und in
der Mitte gescheitelt. Ihr Mund war groß und schmal und trug ge-
wöhnlich einen Ausdruck kindhaften Ernstes, genau wie ihre grauen
Augen. Die Augen waren ziemlich klein. Auf Robert wirkte sie wie
aus einem Guß, wie eine geschickt geformte Statue. Wenn ihre Augen
auch zu schmal waren, sie paßten zu ihr, und er fand den Gesamtein-
druck schön.
Immer, wenn Robert sie nach zwei bis drei Wochen wiedersah, traf es
ihn wie ein Schlag, so stark, daß sein Herz fast Stillstand, um gleich
darauf sekundenlang wie rasend zu klopfen. Eines Abends, etwa vor
einem Monat, war es ihm vorgekommen, als sähe sie ihn durch das
Fenster hindurch direkt an, und er hatte sich kaum zu atmen getraut.
Er hatte zurückgestarrt, ohne Angst, ohne auch nur zu versuchen,
durch Regungslosigkeit einer Entdeckung zu entgehen, in jenen kur-
zen Sekunden die unangenehme Erkenntnis vor Augen, daß er in Pa-
nik geraten würde, wenn sie ihn sähe, und daß im nächsten Moment
alles aus sein konnte: sie würde die Polizei rufen, sie würde ihn genau
ansehen können, er würde als Voyeur verhaftet werden, und damit
wäre dann die unwürdige Geschichte zu Ende. Glücklicherweise je-
405
Patricia Highsmith
doch hatte sie ihn doch nicht gesehen und offenbar nur rein zufällig
aus dem Fenster in seine Richtung gestarrt.
Sie hieß Thierolf - der Name stand auf dem kleinen Briefkasten an
der Straße. Das war alles, was er über sie wußte. Und daß sie einen
hellblauen Volkswagen fuhr. Er war in der Einfahrt abgestellt, denn
das Haus hatte keine Garage. Nie war Robert ihr am Morgen nachge-
fahren, um herauszubringen, wo sie arbeitete. Es hing mit dem Haus
zusammen, daß er ihr so gerne zusah. Ihr häusliches Wesen gefiel
ihm, es machte ihm Freude, wenn sie so vergnügt Vorhänge aufsteckte
und Bilder an die Wand hängte. Am liebsten sah er sie in der Küche
herumwirtschaften, und es traf sich gut, daß die Küche drei Fenster
hatte, vor denen Bäume standen, die ihm Deckung boten. Außerdem
gab es auf dem Grundstück einen kleinen, zwei Meter hohen Geräte-
schuppen und die baufällige Basketballwand am Ende der Einfahrt,
hinter der er sich einmal verborgen hatte, als ihr Freund mit voll
aufgeblendeten Scheinwerfern hereingebraust kam.
Einmal hatte Robert gehört, wie sie ihm nachrief, als er das Haus
verließ: »Greg! Greg! Ich brauche auch noch Butter! Mein Gott, wo
habe ich nur meine Gedanken!« Und Greg war mit seinem Wagen
losgefahren, um das Vergessene zu besorgen.
Robert lehnte die Stirn gegen seinen Arm und warf einen letzten
Blick auf das Mädchen. Sie war jetzt mit ihrer Arbeit fertig und lehn-
te mit gekreuzten Füßen an der Arbeitsplatte neben dem Herd. Sie
starrte auf den Boden, mit einem Ausdruck, als sähe sie weit in die
Ferne. Ihre Hände, schlaff, fast leblos, hielten ein blauweißes Ge-
schirrtuch. Dann lächelte sie plötzlich, stieß sich von der Platte ab,
faltete das Tuch und hängte es über eine der drei roten Stangen, die
über dem Spülstein an der Wand befestigt waren. Robert hatte zuge-
sehen, als sie den Handtuchhalter eines Abends an der Wand befestigt
hatte. Jetzt kam das Mädchen direkt auf das Fenster zu, vor dem Ro-
bert stand, und er konnte gerade noch hinter den kleinen Baum tre-
ten.
Er haßte es, sich wie ein Verbrecher zu benehmen, und da - ausge-
rechnet jetzt! - trat er auf einen dieser verdammten Zweige. Er hörte
ein Klicken am Fenster und wußte sofort, was es war - eine ihrer
Haarspangen hatte die Scheibe berührt. Vor Scham schloß er einen
Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, daß das Mäd-
chen dem Fenster ihr Profil zuwandte und in die andere Richtung
blickte, der Einfahrt zu. Robert warf einen raschen Blick zur Basket-
406
Der Schrei der Eule
ballwand hinüber und überlegte, ob er hinlaufen sollte, ehe sie aus
dem Hause kam. Dann hörte er, daß das Radio lauter gestellt wurde,
und lächelte. Sie hatte Angst, nahm er an, also drehte sie das Radio
lauter, um sich nicht so allein zu fühlen. Eine sehr unlogische und
doch wiederum sehr logische und rührende Reaktion. Es tat ihm leid,
daß er ihr Angst eingejagt hatte. Und es war nicht das erste Mal, das
wußte er. Er war ein äußerst ungeschickter Einschleicher. Einmal war
er mit dem Fuß an einen alten Kanister neben dem Haus gestoßen,
und das Mädchen, allein im Wohnzimmer und mit der Pflege ihrer
Nägel beschäftigt, war aufgesprungen und hatte vorsichtig die Haus-
tür aufgemacht. Sie hatte gerufen: »Wer ist da? Ist da jemand?« Dann
war die Tür wieder geschlossen und der Riegel vorgelegt worden.
Und dann, das letzte Mal, an jenem windigen Abend, als ein Ast an
den Fensterläden gekratzt hatte. Das Mädchen hatte das Geräusch
gehört, war ans Fenster gekommen, hatte dann wohl beschlossen,
nichts zu unternehmen, und war wieder zu ihrem Fernsehapparat zu-
rückgekehrt. Doch das Kratzen hatte nicht aufgehört, und schließlich
hatte Robert den Zweig gepackt und ihn zurückgebogen. Dabei hat-
ten die Spitzen ein letztes Mal über die Hauswand gekratzt. Dann
war er fortgegangen und hatte den Zweig so zurückgelassen, abgebo-
gen, jedoch nicht gebrochen. Angenommen, sie hatte den Zweig spä-
ter gesehen und ihren Freund darauf aufmerksam gemacht . . . ?
Die Schmach, als Voyeur erwischt zu werden, erschien ihm so uner-
träglich, daß er gar nicht daran denken mochte. Ein Voyeur ist ein
Mann, der Frauen heimlich beim Ausziehen beobachtet und, wie Ro-
bert gehört hatte, noch andere anstößige Gewohnheiten besitzt. Was
er fühlte, was ihn trieb, war eher wie ein großer Durst, der gestillt
werden mußte. Er mußte sie sehen, mußte sie beobachten. Diese Er-
kenntnis brachte ihm auch zu Bewußtsein, daß er durchaus willens
war, das Risiko einer eventuellen Entdeckung einzugehen. Er würde
seine Stellung verlieren. Mrs. Rhoads, seine freundliche Vermieterin
in den Gamelot Apartments, würde ihm entsetzt auf der Stelle kündi-
gen. Die Kollegen im Büro? Nun ja, mit Ausnahme von Jack Nielson
hörte Robert sie jetzt schon sagen: »Habe ich nicht gleich gesagt, daß
mit dem Kerl was nicht stimmt? . . . Nicht ein einziges Mal hat er mit
uns gepokert, hab ich recht?« Dieses Risiko mußte er eingehen. Selbst
wenn kein Mensch je verstand, daß er, wenn er diesem Mädchen zu-
sah, wie es ruhig seinen Haushaltspflichten nachging, selbst ruhiger
wurde, daß er dabei erkannte, wie für manche Menschen das Leben
407
Patricia Highsmith
noch Sinn und Freude barg, und daß er dann fast wieder daran glau-
ben konnte, diesen Sinn und diese Freude auch für sich selbst wieder-
zufinden. Das Mädchen half ihm.
Robert schauderte es, wenn er an seinen Gemütszustand im vergan-
genen September dachte, als er nach Pennsylvanien gekommen war.
Er war nicht nur deprimierter gewesen ds je zuvor, er hatte tatsäch-
lich geglaubt, daß das letzte Restchen Optimismus, das er besaß, das
letzte Restchen Willenskraft, ja sogar das letzte Restchen Verstand
verrann wie die Sandkörner eines Stundenglases. Er war gezwungen
gewesen, alles nach einem genauen Zeitplan zu tun, als wäre er eine
kleine Ein-Mann-Armee; essen, Stellung suchen, schlafen, baden,
sich rasieren, und wieder von vorne, wieder nach Zeitplan - sonst
wäre er zusammengeklappt. Sein Psychotherapeut, Dr. Krimmler in
New York, hätte das vermutlich gutgeheißen. Sie hatten sich so man-
ches Mal darüber unterhalten. Robert: »Ich habe das bestimmte Ge-
fühl, wenn nicht jeder seine Mitmenschen beobachtete, würden alle
überschnappen. Ohne Verhaltensregeln wüßte kein Mensch, wie er
leben sollte.« Dr. Krimmler, feierlich und mit Überzeugung: »Diese
Verhaltensregeln, von denen Sie sprechen, sind gar keine Verhal-
tensregeln. Es sind die Gewohnheiten, die die menschliche Rasse im
Laufe der Jahrhunderte angenommen hat. Wir schlafen bei Nacht
und arbeiten bei Tage. Drei Mahlzeiten sind besser als eine oder sie-
ben. Diese Gewohnheiten halten uns geistig gesund, insofern haben
Sie recht.« Aber ganz zufriedenstellend war das nicht.
Was verbirgt sich dahinter, wollte Robert wissen. Das Chaos? Das
Nichts? Das Böse, Pessimismus und Depressionen, die vielleicht zu
rechtfertigen wären? Oder einfach der Tod, das Ende, eine Leere, so
schrecklich, daß niemand davon zu sprechen wagte? Er hatte sich
wohl doch nicht so klar ausgedrückt bei Krimmler, obwohl es ihm
vorkam, als hätten sie geredet und geredet, ohne Unterbrechung,
und kaum einmal geschwiegen. Doch andererseits war Krimmler
Psychotherapeut und kein Analytiker. Und außerdem hatten seine
Ratschläge geholfen, weil Robert sich daran gehalten und genau nach
Vorschrift gelebt hatte. Und es war sicher, daß sie ihm sogar bei Nik-
kies Anrufen geholfen hatten. Nickie hatte ihn irgendwie aufgespürt,
möglicherweise durch die Telefongesellschaft oder durch einen von
ihren gemeinsamen Freunden in New York, denen er seine Nummer
gegeben hatte.
Ohne sich umzusehen verließ Robert die Deckung, die das Bäum-
408
Kommentar
r
chen gewährte, machte einen Bogen um das helle Rechteck, das das
Licht aus dem Fenster auf den Boden warf, und trat in die Einfahrt.
In diesem Augenblick kam auf der Straße von rechts langsam ein
Paar Scheinwerfer näher. Mit zwei Sätzen war Robert wieder hinter
der Basketballwand, als der Wagen in die Einfahrt einbog. Das Licht
der Scheinwerfer fiel zu beiden Seiten der zwei Meter breiten Holz-
wand an Robert vorbei, und da die alten Planken rissig waren, hatte
Robert das Gefühl, als werfe sein Körper ein schwarzes Schattenbild
auf die Bretterwand.
Kommentar
Die Geschichte von Patricia Highsmith »Der Schrei der Eule« be-
schreibt einen Mann, der wiederholt eine junge, verlobte Frau bä
Tätigkeiten in der Küche oder in der Wohnung beobachtet. Er fühlt
sich sehr zu dieser Frau und dem gesamten Szenario hingezogen. Es
war »wie ein großer Durst«, der gestillt werden musste. Er musste sie sehen, musste
sie beobachten, selbst wenn er dabei Risiken einging. Als möglicher psychodynami-
scher Hintergrund wird angegeben, dass diese Handlungsweise aus einer Sehnsucht
nach geordneten bürgerlichen Lebensverhältnissen im Sinne einer festen Partner-
schaft entspringt.
Es handelt sich also nicht um Voyeurismus im klassischen Sinne, der ausschließlich
sexuell motiviert ist, sondern um äne voyeuristische Neigung, die im engen Sinne
nicht der piychopathologischen Definition des Voyeurismus entspricht. Der Voyeu-
rismus im psychopathologischen Sinne ist gekennzeichnet durch einen wiederholt
auftretenden oder ständigen Drang, anderen Menschen bei sexuellen Aktivitäten
oder Intimitäten, wie z-B. dem Entkleiden zuzusehen. Dies passiert in der Regel
heimlich und fihrt zu sexueller Erregung und meistens auch zu Selbstbefriedigung
durch Masturbation.
Leopold von Sacher-Masoch
Zwei Verträge
aus: Leopold von Sacher-Masoch. Venus im Pelz. Mit einer Studie über den
Masochismus von Gilles Deleuze.
© L968 by Lnsel Verlag, Franl^rt am Main
Einführung
Der österreichische SchriflsteUer Leopold (Ritter) von Sacher-
Masoch (1836-1895), Sohn des Polizeidirektors von Lemberg,
wurde nach dem Studium von Jura, Mathematik und Geschichte
Professor fiir Geschichte an der Universität Lemberg, ehe er seinen
akademischen Beruf aufgab, um (auch unter den Pseudonymen Charlotte Arand
und J(o von Rodenbach) Romane und Novellen zu schreiben. Er wurde zu einem
europäischen Erfolgsschriftsteller seiner IJeit, bewundert von Victor Hugo, Emile
Jpla, Henrik Ibsen, aber auch von König Ludwig LL. von Bayern. Auf dem Höhe-
punkt seiner Popularität wurde er 1886 in Paris triumphal empfangen und mit
einem Orden ausgezeichnet.
Im selben Jahr veröffentlichte der österreichische Psychiater und Neurologe Wil-
helm Kraffi-Ebing seine »Psychopathia sexualis«, in der er die Symptome einer
krankhaften Neigung zu Schmerz- und Unterwerfungsverlangen als Perversion un-
ter dem Namen Masochismus zusammerrfasste. Die ungeheuere Popularität des
Werkes von Kraffi-Ebing ließ die Einsprüche Sacher-Masochs und seiner Leserge-
meinde rasch verblassen, denn der Begriff Masochismus setzte sich durch.
Von der Vielzahl von Romanen und Novellen Sacher-Masochs ist nur noch »Venus
im Pelz« (1870) bekannt, 1968 verfilmt von Massimo Dallamano mit Laura
Antonelli sowie 1994 von den Niederländern Nieuwenhuys und Seyferth.
Die heute bedeutendste kulturwissenschaftüche Auseinandersetzung mit Sacher-
Masoch stammt von dem fianzösischen Philosophen Gilles Deleuze (siehe tjuellen-
angabe).
Weiterfuhrende Literatur:
Lisbeth Emer: Leopold von Sacher-Masoch. Rowohlt 2003
410
Verträge
Zwei Verträge
Vertrag von Frau Fanny Pistor und Leopold von Sacher-Masoch.
Herr Leopold von Sacher-Masoch verpflichtet
sich bei seinem Ehrenwort, der Sklave der Frau
von Pistor zu sein, unbedingt jeden ihrer Wün-
sche und Befehle zu erfüllen und das sechs Mona-
te hindurch.
Frau Fanny von Pistor dagegen darf nichts Uneh-
renhaftes von ihm verlangen (was ihn als Mensch
und Bürger ehrlos macht). Ferner muß sie ihm
täglich 6 Stunden für seine Arbeiten einräumen,
seine Briefe und Schriften niemals ansehen. Bei jedem Vergehen oder
Versäumnis oder - Majestätsverbrechen darf die Herrin (Fanny Pi-
stor) ihren Sklaven (Leopold Sacher-Masoch) nach ihrem Sinne und
Gutdünken strafen. Kurz ihr Untertan Gregor hat seiner Herrin mit
sklavischer Untertänigkeit zu begegnen, ihre Gunstbezeugungen als
eine entzückende Gabe hinzunehmen, keine Anforderung an ihre
Liebe, kein Recht als ihr Geliebter geltend zu machen. Fanny Pistor
dagegen verspricht, so oft als tunlich Pelze zu tragen, und besonders
wenn sie grausam ist.
Nach Ablauf der sechs Monate ist von beiden Seiten dies Sklaven-
intermezzo als ungeschehen zu betrachten, keine ernste Anspielung
zu machen. Alles, was geschehen, zu vergessen und in das frühere
Liebesverhältnis zu treten. (Später wieder gestrichen.)
Diese sechs Monate müssen nicht in Reihenfolge sein, sie können gro-
ße Unterbrechungen erleiden, enden und beginnen nach der Herrin
Laune.
Zur Bekräftigung dieses Vertrages der Beteiligten
Unterschrift.
Begonnen, den 8. Dezember 1869.
Fanny Pistor Bagdanow.
Leopold Ritter von Sacher-Masoch.
411
Leopold von Sacher-Masoch
Vertrag zwischen Sacher-Masoch und Wanda von Dunajew.
»Mein Sklave!
Die Bedingungen, unter welchen ich Sie als Sklave annehme und an
meiner Seite dulde, sind folgende:
Ganz bedingungsloses Aufgeben Ihres Selbst. Sie haben keinen Wil-
len außer mir.
Sie sind in meinen Händen ein blindes Werkzeug, das ohne Wider-
rede alk meine Befehle vollzieht. Sollten Sie vergessen, daß Sie Sklave
sind und mir nicht in allen Dingen unbedingten Gehorsam leisten,
steht mir das Recht zu, Sie ganz nach meinem Belieben zu strafen und zu
züchtigen, ohne daß Sie wagen dürfen, sich darüber zu beklagen.
Alles, was ich Ihnen Angenehmes und Glückliches gewähre, ist Gnade
von mir und muß nur aAro/cAe dankend von Ihnen angenommen wer-
den; ich habe käne Schuld, keim lyiicht gegen Sie.
Sie dürfen weder Sohn, Bruder noch Freund sein, nichts als mein im
Staub liegender Sklave.
So wie Ihr Leib, gehört auch Ihre Seele mir und mögen Sie noch so sehr
darunter leiden, so müssen Sie doch Ihre Empfindungen, Ihre Gefüh-
le, meiner Herrschaft unterordnen.
Die größte Grausamkeit ist mir gestattet, und wenn ich Sie verstümmle,
so müssen Sie es ohne Klage tragen. Sie müssen arbeiten für mich wie
ein Sklave, und wenn ich im Überflüsse schwelge und Sie entbehren
lasse und Sie mit Füßen trete, müssen Sie ohne zu murren, den Fuß
küssen, der Sie getreten.
Ich kann Sie jede Stunde entlassen, Sie aber dürfen ohne meinen Willen
nie von mir, und wenn Sie mir entfliehen sollten, so gestehen Sie mir
die Macht und das Recht zu, Sie durch alle erdenklichen Qualen bis zu
Tode zu martern.
Sie haben außer mir Nichts, ich bin Ihnen alles, Ihr Leben, Ihre Zu-
kunft, Ihr Glück, Ihr Unglück. Ihre Qual und Ihre Lust.
Was ich verlange, Gutes oder Schlechtes, müssen Sie vollziehen, wenn ich
ein Verbrechen von Ihnen fordere, müssen Sie auch Verbrecher y/trAtn,
um meinem Wülen zu gehorchen.
Ihre Ehre gehört mir, wie Ihr Blut, Ihr Geist, Ihre Arbeitskraft, ich
bin Ihre Herrin über Leben und Tod.
Wenn Sie je meine Herrschaft nicht mehr ertragen könnten, daß Ih-
nen die Ketten zu schwer werden, dann müssen Sie sich töten, die Frei-
heit gebe ich Ihnen niemals wieder.«
412
Kommentar
»Ich verpflichte mich mit meinem Ehrenworte, der Sklave der Frau
Wanda von Dunajew zu sein, ganz so, wie sie es verlangt, und mich
Allem, was sie über mich verhängt, ohne Widerstand zu unterwerfen.
Dr. Leopold Ritter von Sacher-Masoch.«
(Aus Krafft- Ebing, Psychopathia sexualis, hrsg. von A. Moll, 1924, S.
213-15)
Kommentar
Die »Zwei Verträge« von Sacher-Masoch stellen in einer quasijuris-
tischen Weise die gegenseitige Berechtigung bzw. Duldung zweier
Sexualpartner im Sinne sadomasochistischer Aktivitäten dar.
413
Günter Grass
Die Blechtrommel
Günter Grass. Die Bkchtrommel. Werkausgabe Bd. 3.
Erstausgabe September 1959.
© 1993 by Steidl, Göttingen
Einführung
Der sich politisch mmischende, vielfach international ausgezeich-
nete, häufig umstrittene Bildhauer, Grafiker, Lyriker, Dramatiker,
Essayist und Romancier Günter Grass Qahrgang 1927) ist mit
seinem urrfangreichen literarischen und bildkünstlerischen Werk
einer der wenigen lebenden deutschen Schriftsteller von Weltrang (Nobelpreis 1999).
Global berühmt wurde er mit sänem Roman »Die Blechtrommel« (1959), der
1978/79 von Volker Schlöndorff vefilmt und mit einem Oscar ausgezeichnet
wurde. Der Roman erreichte bis heute eine Weltauflage von mehr als drei Milli-
onen.
Der Bezug des Romans »Die Blechtrommel« zur Psychiatrie ist bereits in den ersten
Sätzen enthalten. Zugleich wird hier die (häufig übersehene) Grundsituation des
gesamten Romangeschehens erschlossen: »Ifugegeben: ich bin Insasse einer Heil-
and Pflegeanstall, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge;
denn in der Tür ist dn Guckloch, und meines Iflegers Auge ist von jenem Braun,
welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann. Man Pfleger kann also
gar nicht mein Feind sein. Liebgewonnen habe ich ihn, erzähle dem Gucker hinter
der Tür, sobald er mein flimmer betritt, Begebenheiten aus meinem Leben, damit er
mich trotz des ihn hindernden Guckloches kennenlernt. Der Gute scheint meine
Erzählungen zu schätzen . . .«
Anders ausgedrückt: Ein Patient dner psychiatrischen Anstalt erzählt seinem
Tfleger sdn Leben. Das pychopathoUfische Interesse an der Hauptfigur Oskar
Matzerath erklärt sich aus dessen Erdschluss, an sdnem dritten Geburtstag durch
einen vorsätzlich herbdgeführten Sturz von der Kellertreppe sein Wachstum einzu-
stellen.
Weitefiihrende Literatur:
Dieter Stolz: Günter Grass. Der Schriftsteller. Eine Einführung. Steidl 2005
414
Die Blechtrommel
Die Blechtrommel
Beschrieb ich soeben ein Foto, das Oskars ganze
Figur mit Trommel, Trommelstöcken zeigt und
gab gleichzeitig kund, was für längstgereifte Ent-
schlüsse Oskar während der Fotografiererei und
angesichts der Geburtstagsgesellschaft um den
Kuchen mit den drei Kerzen faßte, muß ich
jetzt, da das Fotoalbum verschlossen neben mir
schweigt, jene Dinge zur Sprache bringen, die
zwar meine anhaltende Dreijährigkeit nicht
erklären, sich aber dennoch - und von mir herbeigeführt - ereig-
neten.
Von Anfang an war mir klar: die Erwachsenen werden dich nicht be-
greifen, werden dich, wenn du für sie nicht mehr sichtbar wächst, zu-
rückgeblieben nennen, werden dich und ihr Geld zu hundert Ärzten
schleppen, und wenn nicht deine Genesung, dann die Erklärung für
deine Krankheit suchen. Ich mußte also, um die Konsultationen auf
ein erträgliches Maß beschränken zu können, noch bevor der Arzt
seine Erklärung abgab, meinerseits den plausiblen Grund fürs aus-
bleibende Wachstum liefern.
Ein sonniger Septembertag, mein dritter Geburtstag. Zarte, nach-
sommerliche Glasbläserei, selbst Gretchen Schefflers Gelächter ge-
dämpft. Mama am Klavier aus dem Zigeunerbaron intonierend, Jan
hinter ihr und dem Schemelchen stehend, ihre Schulter berührend,
die Noten studieren wollend. Matzerath schon das Abendbrot vorbe-
reitend in der Küche. Großmutter Anna mit Hedwig Bronski und
Alexander Schefller zum Gemüsehändler Greif hinrückend, weil
Greif immer Geschichten wußte, Pfadfindergeschichten, in deren
Verlauf sich Treue und Mut zu beweisen hatten; dazu eine Standuhr,
die keine Viertelstunde des feingesponnenen Septembertages ausließ;
und da alle gleich der Uhr so beschäftigt waren und sich vom Un-
garnland des Zigeunerbarons, über Greifs Vogesen durchwandernde
Pfadfinder eine Linie an Matzeraths Küche vorbei, wo kaschubische
Pfifferlinge mit Rührei und Bauchfleisch in der Pfanne erschraken,
zum Laden hin durch den Korridor zog, folgte ich, leichthin auf mei-
ner Trommel dröselnd der Flucht, stand schon im Laden hinter dem
Ladentisch: fern das Klavier, die Pfifferlinge und Vogesen, und be-
merkte, daß die Falltür zum Keller offen stand; Matzerath, der eine
415
Günter Grass
Konservendose mit gemischtem Obst für den Nachtisch hochgeholt
hatte, mochte vergessen haben, sie zu schließen.
Es bedurfte doch immerhin einer Minute, bis ich begriff, was die Fall-
tür zu unserem Lagerkeller von mir verlangte. Bei Gott, keinen
Selbstmord! Das wäre wirklich zu einfach gewesen. Das andere je-
doch war schwierig, schmerzhaft, verlangte ein Opfer und trieb mir
schon damals, wie immer, wenn mir ein Opfer abverlangt wird, den
Schweiß auf die Stirn. Vor allen Dingen durfte meine Trommel kei-
nen Schaden nehmen, wohlbehalten galt es, sie die sechzehn ausge-
tretenen Stufen hinab zu tragen und zwischen den Mehlsäcken, ihren
unbeschädigten Zustand motivierend zu placieren. Dann wieder hin-
auf bis zur achten Stufe, nein, eine tiefer, oder die fünfte täte es auch.
Aber Sicherheit und glaubwürdiger Schaden ließen sich von dort her-
ab nicht verbinden. Wieder hinauf, zu hoch hinauf auf die zehnte
Stufe, und endlich von der neunten Stufe hinab stürzte ich mich, ein
Regal voller Flaschen mit Himbeersirup mitreißend, kopfvoran auf
den Zementboden unseres Lagerkellers.
Noch bevor sich meinem Bewußtsein die Gardine vorzog, bestätigte
ich mir den Erfolg des Experimentes: die mit Absicht herabgerissenen
Himbeersirupflaschen lärmten genug, um Matzerath aus der Küche,
Mama vom Klavier, den Rest der Geburtstagsgesellschaft aus den
Vogesen in den Laden zur offenen Falltür und die Treppe hinunter zu
locken.
Bevor sie kamen, ließ ich noch den Geruch des fließenden Him-
beersirups auf mich wirken, nahm auch wahr, daß mein Kopf blutete
und überlegte mir noch, während sie schon auf der Treppe waren, ob
wohl Oskars Blut oder die Himbeeren so süß und müdemachend ro-
chen, war aber heilfroh, daß alles geklappt und die Trommel dank
meiner Vorsicht keinen Schaden genommen hatte.
Ich glaube, Greff trug mich hoch. Im Wohnzimmer erst tauchte Os-
kar wieder aus jener Wolke auf, die wohl zur Hälfte aus Himbeersirup
und zur anderen Hälfte aus seinem jungen Blut bestand. Der Arzt
war noch nicht da, Mama schrie und schlug Matzerath, der sie beru-
higen wollte, mehrmals und nicht nur mit der Handfläche, auch mit
dem Handrücken, ihn einen Mörder nennend, ins Gesicht.
Da hatte ich also - und die Arzte haben es immer wieder bestätigt -
mit einem einzigen, zwar nicht harmlosen, aber doch von mir wohl-
dosierten Sturz nicht nur den für die Erwachsenen so wichtigen
Grund des ausbleibenden Wachstums geliefert, sondern als Zugabe
416
Kommentar
und ohne es eigentlich zu wollen, den guten harmlosen Matzerath zu
einem schuldigen Matzerath gemacht. Er hatte die Falltür offen gelas-
sen, ihm wurde von Mama alle Schuld aufgebürdet, und er hatte Ge-
legenheit, Jahre an dieser Schuld, die ihm Mama zwar nicht oft, aber
dann unerbittlich vorwarf, zu tragen.
Mir brachte der Sturz vier Wochen Krankenhausaufenthalt ein und
danach, bis auf die späteren Mittwochbesuche bei Dr. Hollatz, ver-
hältnismäßige Ruhe vor den Ärzten; schon anläßlich meines ersten
Trommlertages war es mir gelungen, der Welt ein Zeichen zu geben,
mein Fall war geklärt, bevor die Erwachsenen ihn dem wahren, von
mir bestimmten Sachverhalt nach begriffen hatten. Fortan hieß es: an
seinem dritten Geburtstag stürzte unser kleiner Oskar die Kellertrep-
pe hinunter, blieb zwar sonst beieinander, nur wachsen wollte er nicht
mehr.
Kommentar
Das Textsegment aus »Die Blechtrommel« von Günter Grass be-
schreibt eine kurze Szene des Kindes Oskar, der absichtlich men
Sturz von einer Kellertreppe mit entsprechenden Verletzungsfolgen
herbeiführt, der seinen Kleinwuchs und seine »anhaltende Drei-Jäh-
rigkeit« begründen soll. Man könnte dies als autoaggressioes bzw. parasuizidales
Verhalten einstufen, wenn es nur darum ginge, eine Aufmerksamkeit zu erregen oder
gegen eine Konfliktsituation zu »protestieren« bzw. in einem konflikthafien Zusam-
menhang appellativ um Hilfe zu suchen. In dem geschilderten Fall geht es aber
offensichtlich um andersartige Motivationen und Begründungszusammenhänge, in
dem Sinne, dass der Protagonist seinen Kleinwuchs durch diesen »Unfall« langfri-
stig erklären möchte. Insofern ist der Sachverhalt eher als »artifizielle Störung« zu
klassifizieren. Die artfiziellen Störungen umfassen Krankheitsbilder mit körperli-
chen und/ oder psychischen Symptomen, die durch die Beroffenen selbst herbeige-
führt, vorgetäuscht oder ernsthaft übertrieben werden. In ausgeprägten Fällen zie-
hen Patienten mit .solchen erfundenen oder inszenierten Beschwerden von einer
Klinik in die nächste, immer bereit sieh auch aufwändigen und risikoreichen dia-
gnostischen oder therapeutischen Maßnahmen zu unterziehen. Die Phantasie der
mit dieser Störung Belasteten ist ofigrenzenbs, so dass das Artfizielle der indu-
zierten Krankheitsbilder über lange Jahre und manchmal gar nicht erkannt wird.
Insbesondere Personen aus dem Kreis der Medizinberufe sind hierbei sehr erfin-
dungsreich. Die Motivation ist unklar, vermutlich besteht das Zfk dauerhaft die
Krankenrolle einzunehmen. Von der Psychoanalyse wird eine Reinszenierung realer
417
Kommentar
früherer Traumata als psychodynamischer Erklärungsgrund diskutiert. Die Störung
steht meistens in komorbidem Zusammenhang mit Persönlkhkeits- und/ oder Bezie-
hungsstörungen.
418
I
F7 : Intelligenzminderung
Intelligenzmindemng im psychopathologischen Sinne ist eine von
Kindheit an bestehende, deutlich unterdurchschnittliche allgemeine
intellektuelle Leistungsfähigkeit mit unterschiedlicher Ätiologie, hete-
rogener Ausprägung und einem von fakultativen, sozialen und neu-
rologischen Zusatzsymptomen abhängenden Schweregrad. Der IQ,
liegt unter 70. Die Intelligenz menschlicher Merkmale verteilt sich in
der Bevölkerung näherungsweise wie eine Gauß-Kurve (Normalver-
teilung). Etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung weisen eine Minde-
rung der Intelligenz auf Die leichteren Formen der Intelligenzminde-
rung (Debilität) machen (^twa 3 bis 4 Prozent, die schweren Formen
(Inbizilität, schwere geistige Behinderung und Idiotie) weniger als 1
Prozent aus. In vielen Fällen bleibt die Ursache der Intelligenzminde-
rung unbekannt. Dabei handelt es sich oft um die so genannte idiopa-
thische Intelligenzminderung, die unterschiedliche Schweregrade ha-
ben kann. Bei einem beachtlichen Anteil der Intelligenzminderung -
der durch die genetische Forschung zukünftig stark zunehmen wird -
sind Ursachen aber zumindest teilweise bekannt. Neben genetischen
Prädispositionen sind als weitere wichtige organische Ursachen von
Intelligenzminderung Infektionen des ZNS, toxische Schädigung des
ZNS, traumatische Schädigungen und hypoxische Schädigungen zu
nennen. Diese Schädigungen können während der Schwangerschaft
oder der Perinatalphase oder aber in der frühen Kindheit auftreten.
Eine kausale Behandlung ist meistens nicht möglich. Wichtig ist die
bestmögliche Frühförderung im Entwicklungsalter in Zusammenar-
beit mit der Familie und später in Schaffung von geeigneten Arbeits-
und Lebensbedingungen, die Schutz und Rehabilitation bieten.
419
John Steinbeck
Von Mäusen und Menschen
aus: John Steinbeck.Von Mäusen und Menschen. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Rotten.
© 1992 by Paul JJolnay Verlag, Wien
Einführung
«Der amerikanische Nobelpreisträger der Literatur (1962) John
Steinbeck (1902-1968) war studierter Meeresbiologe und Gei-
1^*^ steswissenschqftler (Stanford University) und verdiente sich, ob-
gleich aus wohl situierten Verhältnissen stammend, schon wäh-
rend seines Studiums als Wanderarbeiter und Erntehelfer seinen Lebensunterhalt.
Die Not der aus Oklahoma und Arkansas vertriebenen Farmer rückte bald ins
Zentrum seines Interesses und bildete schließlich den Stoff für seinen Roman
»Früchte des Zorns» (1939), der zugleich seinen literarischen Durchbruch (Pulit-
zerpreis 1940) bedeutete. Weltruhm erlangte der von gesellschaftlichen Ranclfigu-
ren, Verlierern, Huren, Kupplern, Stromern und Spielern sowie vom Leben Betro-
genen faszinierte, unentwegt für ein menschliches und gerechtes Miteinander kämp-
fende Steinbeck mit seinem Roman »Jenseits von Eden» (1952), der von Elia
Kazan mit James Dean in der Rolle des Caleb Trask (1955) kongenial verfilmt
wurde. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Steinbeck als Kriegsberichter-
statter in Europa, das er später mehrfach bereiste und dessen Mythos von König
Artus ihn im Alter zunehmend beschäftigte.
Von einer Reise nach Südostasien kehrte Steinbeck 1967 als kranker Mann zurück
und erlag ein Jahr später in New York einem Herzversagen.
Der kurze, mehrfach verfilmte Roman » Von Mäusen und Menschen» (1937) greft
wiederum die Thematik der Wanderarbeiter auf. Erzählt wird die Geschichte
zweier Freunde, die sich in Kalifornien als Erntehelfer durchschlagen und davon
träumen, einst eine eigene kleine Farm zu besitzen. George muss jedoch immer auf
den bärenstarken, gutmütigen aber geistig zurückgebliebenen Lennie aufpassen, da-
mit dieser mit seinen enormen Kräften nicht ungewollt Unheil stftet. Iwnnie liebt
alles, was sich zart anfühlt und weich: Kaninchen, tote Mäuse . . . Als er jedoch
auch gegenüber der Frau des Farmers zärtliche Gefühle entwickelt und diese ihn
verführt, ist das Unheil nicht mehr aifzuhalten, denn Lennie tötet sie mit seiner
421
John Steinbeck
unkontrollierten Krafi, ohne es zu beabsichtigen oder überhaupt richtig zu begreifen.
Die Freunde müssen fliehen, denn Lennie wird bereits von einer wilden Truppe des
Farmers gesucht. George sieht nur noch einen Ausweg, seinen Freund vor der
Lynchjustiz zu retten.
Weitefuhrende Literatur:
Annette PehnUjohn Steinbeck. DTV 1998
Von Mäusen und Menschen
Am Abend eines heißen Tages setzte ein leichter
Wind ein und säuselte leise zwischen den Blät-
tern. Der Schatten war schon hügelan die Höhe
hinaufgeklettert. Auf den Sandbänken saßen
eben noch die Hasen so unbeweglich wie graue
behauene Steine. Da ertönte von der staaüichen
Landstraße her ein Geräusch von Fußtritten auf
dem dürren Laub der Maulbeerblätter. Eilends
und unhörbar suchten die Hasen nach Deckung.
Ein stelzfüßiger Reiher arbeitete sich in die Luft empor und bewegte
sich flußabwärts. Einen Augenblick lang regte sich nichts mehr. Dann
tauchten die Gestalten zweier Männer von dem Pfad her auf und
kamen auf die Lichtung an dem grünen Teich zu. Sie kamen im Gän-
semarsch den Weg herunter, und auch wo dieser sich lichtete, ging
einer hinter dem anderen. Sie trugen Drillichhosen und ebensolche
Röcke mit Messingknöpfen. Beide hatten schwarze zerknitterte Hüte
und über den Schultern trugen sie fest zusammengerollte Decken.
Der erste war klein und behend, mit dunklem Gesicht, unruhigen
Augen und scharf geprägten Gesichtszügen. Alles an ihm war be-
stimmt: kleine, kräftige Hände, schlanke Arme, eine schmale knochi-
ge Nase. Hinter ihm erschien sein Gegenbild: ein hochgewachsener
Mann mit ausdruckslosem Gesicht, großen farblosen Augen und brei-
ten, herabhängenden Schultern; er ging schwer, mit schleppenden
Füßen, wie ein Bär, der die Pfoten hinter sich her zieht. Seine Arme
schwangen nicht am Körper, sie hingen lose herab und bewegten sich
nur nach der Pendelbewegung der Hände.
Der Vordermann hielt in der Lichtung kurz an, so daß ihn sein Hin-
termann fast überrannt hätte. Er nahm seinen Hut ab und wischte
422
Von Mäusen und Menschen
mit dem Zeigefinger über das Schweißband, die Feuchtigkeit ab-
schüttelnd. Sein großer Gefährte warf seine Decken ab, stürzte sich
der Länge nach hin und trank von der Oberfläche des grünen Teichs;
trank in langen Zügen und schnaufte ins Wasser hinein wie ein Pferd.
Der Kleinere trat hastig neben ihn.
»Lennie«, sagte er scharf »Lennie, um Gottes willen, trink nich so
viel. Lennie schnaufte weiter in den Teich hinein. Der andere lehnte
sich über ihn und rüttelte ihn an der Schulter. »Lennie! Dir wird
schlecht werden wie gestern abend.«
Lennie tauchte seinen Kopf unter, samt Hut und allem. Dann setzte
er sich ans Ufer, und es tropfte vom Hut auf seinen blauen Kittel und
lief ihm den Rücken hinunter, »'s gut«, sagte er. »Trink auch, George.
Nimm 'nen guten großen Schluck.« Er lächelte glücklich.
George legte sein Bündel ab und ließ es sanft ans Ufer fallen. »Bin
nich sicher, daß es gutes Wasser is. Sieht mir so schaumig aus.«
Lennie tauchte seine große Pfote ins Wasser und schnappte mit den
Fingern, so daß es in kleinen Spritzern emporschnellte. Uber den
Teich zogen sich immer größere Ringe und kamen zur Ursprungsstel-
le zurück. Lennie sah ihrem Spiel zu. »Guck George. Guck, was ich
gemacht hab.«
George kniete neben dem Teich und trank aus der hohlen Hand in
kurzen Zügen. »Schmeckt ganz ordentlich«, gab er zu. »Scheint aber
doch nicht richtig zu fließen. Solltest nie Wasser trinken, das nich
fließt, Lennie. Würdest aus dem Rinnstein trinken, wenn du durstig
wärst«, sagte er mutlos. Dann warf er sich eine Handvoll Wasser ins
Gesicht und verrieb es mit der Hand bis unters Kinn und hinten den
Nacken hinunter. Dann setzte er seinen Hut wieder auf, rückte ein
Stück weg vom Fluß, zog die Knie hoch und umschlang sie mit den
Armen. Lennie hatte ihn beobachtet und machte nun George alles
genau nach. Er rückte ein Stück vom Wasser ab, zog die Knie hoch,
umschlang sie und blickte zu George hinüber, um zu sehen, ob alles
stimmte. Seinen Hut zog er etwas tiefer ins Gesicht, so wie George.
George starrte trübsinnig ins Wasser. Seine Augenränder waren von
der grellen Sonne gerötet. Ärgerlich sagte er: »Wir hätten geradeso-
gut direkt bis hin zur Farm fahren können, wenn der vertrackte Bus-
fahrer Bescheid gewußt hätte. Wußte nich, was er redete. >Ja, ‘n
Stückchen auf der Landstraße<, sagte er. >Ja, ‘n kleines Stück.< Gott
verdamm“ mich, fast vier Meilen, so viel is es. Wollte nich am Farmtor
halten, das war's. Zu verflixt faul, um zu stoppen. Wundert mich, daß
423
John Steinbeck
er die Gnade hat, überhaupt in Soledad zu halten. Schmeißt uns raus,
sagt: >Ja, ‘n Stückchen auf der Straße.< Wetten, daß es mehr als vier
Meilen is. Verdammt heißer Tag heute.«
Lennie sah schüchtern zu ihm hinüber. »George?« »Ja, was wülste?«
»Wohin gehn wir, George?«
Der Kleine zog mit einem Ruck seine Hutkrempe hinunter und
schaute finster zu Lennie. »Haste das schon wieder vergessen, was?
Muß ich dir's nochmals sagen, ja? Jesus Christus, du bist ein elender
Bastard!«
»Ich hab‘s vergessen«, sagte Lennie sanft. »Hab versucht, es nich zu
vergessen. So wahr mir Gott helfe, George.«
»Schon recht, schon recht. Werd's dir nochmal sagen. Hab ja nix zu
tun. Könnte meine ganze Zeit damit zubringen, dir was zu sagen, und
du vergißt es, und ich sag dir's wieder.«
»Hab‘s probiert und probiert«, sagte Lennie. »Half nichts. Weiß aber
von den Kaninchen, George.«
»Zum Teufel mit den Kaninchen. Alles an was du dich je besinnen
kannst, sind de Kaninchen. Schon recht! Diesmal paß auf und
behalt‘s gut, daß wir nich ins Unglück kommen. Weißte noch, wie wir
auf der Howard Street am Rinnstein saßen und auf das Anschlage-
brett guckten?«
Auf Lennies Gesicht zeigte sich ein verzücktes Lächeln. »Aber gewiß,
George. Weiß noch gut. Aber was dann? Weiß noch, da kamen 'n
paar Mädchen vorbei, und du sagst ... du sagst . . .«
»Zum Teufel mit dem, was ich gestigt hab. Weißte nich, wie wir zu
Murray und Ready hineingingen, und wie sie uns Arbeitsbücher und
Buskarten gaben?«
»Doch, doch, George. Jetzt weiß ich wieder.« Seine Hand schlüpfte
schnell in die seitlichen Rocktaschen. Zaghaft sagte er. »George - ich
hab meins nich. Muß es verloren ha‘m.« Er schaute verzweifelt zu
Boden.
»Hast nie eins gehabt, verrückter Bastard. Hab se beide hier. Meinste,
ich ließe dich dein eignes Arbeitsbuch bei dir tragen?«
Lennie grinste erleichtert. »Ich ... ich dachte, ich hätte meins in de
Rocktasche gesteckt.« Seine Hand glitt in die Tasche zurück.
George blickte ihn scharf an. »Was haste da aus der Tasche genom-
men?«
»Nix is in meiner Tasche«, sagte Lennie schlau. »Stimmt. Hast‘s in
der Hand. Was versteckste da in der Hand?«
424
Mm Mäusen und Menschen
»Nix, gar nix, George. Ehrlich.«
»Komm, gib‘s her.«
Lennie zog die geschlossene Hand von George weg. »Bloß 'ne Maus,
George.«
»Eine Maus? Eine lebendige Maus?«
»Mm ... mm. Bloß ne tote Maus, George. Hab se nich getötet. Hab
se gefunden. Ehrlich! Tot gefunden.«
»Gib her«, sagte George.
»Ach, laß mich se haben, George.«
»Gib sie her!«
Langsam gehorchte Lennies geschlossene Hand. George nahm die
Maus und warf sie quer über den Teich an die andere Seite, ins Ge-
büsch hinein. »Wozu brauchste überhaupt 'ne tote Maus?«
»Ich konnte se im Gehn mit dem Daumen streicheln«, sagte Lennie.
»Naja, solang du mit mir gehst, wirste keine Maus streicheln. - Be-
sinnste dich jetz, wohin wir gehn?«
Lennie fuhr hoch - dann barg er verlegen das Gesicht zwischen den
Knien. »Habs‘ wieder vergessen.«
»Jesus Christus«, sprach George mit einem Stoßseufzer. »Also paß
auf. Wir gehn auf einer Farm arbeiten, ähnlich wie die, von der wir
kommen oben im Norden.«
»Oben im Norden?« »In Weed.«
»O ja doch. Ich besinn mich. In Weed.«
»Die Farm, zu der wir gehn, is da unten, etwa eine viertel Meile von
hier. Müssen uns dem Chef vorstellen. Jetz gib acht. Ich werd‘ ihm
unsre Arbeitsbücher geben, aber du wirst einfach kein Mucks sagen.
Mußt einfach dastehen und 's Maul nich aufmachen. Wenn er raus-
kriegt, was für'n verrückter Bastard du bist, dann kriegen wir keine
Arbeit, aber wenn er dich schaffen sieht, eh du redest, dann sind wir
gemachte Leute. Kapiert?«
»Jawoll, George. Hab‘ s bestimmt kapiert.«
»Gut so. Also wenn wir zum Chef gehn, was tuste dann?«
»Ich ... ich . , . «, Lennie dachte nach. Sein Gesicht wurde straff unter
der Anstrengung des Denkens. »Ich werde kein Mucks sagen. Bloß so
dastehn.«
»Guter Kerl. Großartig. Nu sag das zwei-, dreimal vor dich hin, daß
de‘s nich vergißt.«
Lennie brummelte leise zu sich selbst: »Kein Mucks sagen. Kein
Mucks sagen. Kein Mucks sagen.«
425
John Steinbeck
»Recht so«, sagte George. »Und wirst nix Schlimmes anstellen wie in
Weed - verstehste?«
Lennie sah verdutzt drein. »Wie in Weed?«
»Oh - haste das auch vergessen, was? Na, ich werd dich nich dran
erinnern, sonst möchtest es nochmal machen.«
Ein Schimmer von Verständnis zog sich über Lennies Gesicht. »Sie
haben uns rausgesetzt in Weed«, platzte er triumphierend heraus.
»Uns rausgesetzt, zum Teufel«, sagte George entrüstet. »Wir haben
uns davongemacht. Sie waren hinter uns her, aber sie konnten uns
nicht kriegen.«
Lennie kicherte glückselig. »Das hab ich nich vergessen, wetten?«
George lehnte sich in den Sand zurück und kreuzte seine Hände im
Nacken. Lennie machte es ihm nach und hob den Kopf ein wenig,
um zu schauen, ob er es richtig machte.
»Mein Gott, was machste für Mühe. Ich könnte so leicht und so gut
vorwärtskommen, wenn ich dich nich im Schlepptau hätte. Könnte so
bequem leben und vielleicht eine Liebste haben.«
Einen Augenblick lag Lennie stUl, dann sagte er hoffnungsvoll: »Wir
gehn auf einer Farm arbeiten, George.«
»Richtig. Das haste kapiert. Aber wir schlafen hier. Hab‘ meine Grün-
de dafür.«
Der Tag neigte sich schnell seinem Ende zu. Nur noch die Gipfel des
Gabilan-Gebirges flammten im Sonnenlicht, welches das Tal verlas-
sen hatte. Eine Wasserschlange schlüpfte über den See, das Köpfchen
hochhaltend wie ein kleines Periskop. Das SchUf bog sich leicht in der
Strömung. Weit weg auf der Landstraße rief ein Mann etwas, und ein
anderer rief etwas zurück. Die Äste des Maulbeerbaumes raschelten
unter einem Windhauch, der sich aber gleich darauf legte.
»George, warum geh‘n wir nich zu der Farm un krieg‘n was zu essen.
Es gibt Nachtessen auf der Farm.«
George rollte auf ihn zu. »Das is gar nicht sicher. Hier gefällt‘s mir.
Morgen wer‘n wir arbeiten geh‘n. Hab schon Dreschmaschinen auf
dem Weg hinunter gesehn. Das bedeutet, daß wir Kornsäcke laden
werden, bis uns die Gedärme platzen. Heut abend will ich hier liegen
un hoch gucken. Gefällt mir so.«
Lennie hockte auf den Knien und blickte zu George hinunter. »Ha‘m
wir dann kein Nachtessen?«
»Doch, natürlich, wenn du 'n paar dürre Weidenzweige sammelst.
Hab‘ drei Büchsen Bohnen im Bündel. Mach du das Feuer. Wenn du
426
Mm Mäusen und Menschen
die Zweige zusammen hast, geh ich dir ein Zündholz. Dann machen
wir de Bohnen warm und essen zu Nacht.«
Lennie bemerkte: »Ich eß gern Bohnen mit Ketchup.«
»Schön, aber wir haben halt kein Ketchup. Nu geh un such Holz. Un
bummle nich rum. Nich mehr lang, un 's is finster.«
Lennie machte sich schwerfällig auf die Füße und verschwand im
Gebüsch. George blieb liegen und pfiff leise vor sich hin. Plötzlich
hörte er Wassergeplätscher vom Fluß her, aus der Richtung, in der
Lennie davon war. George hörte auf zu pfeifen und lauschte. »Armer
Bastard», sagte er leise, und er fuhr fort zu pfeifen.
Einen Augenblick später kam Lennie geräuschvoll durch die Büsche
zurück. Er trug eine kleine Weidengerte in der Hand. George richtete
sich auf. »Na«, sagte er schroff »Gib mir die Maus.«
Aber Lennie machte eine wohleinstudierte Geste der Unschuld. »Was
für 'ne Maus, George? Hab keine Maus.«
George streckte seine Hand aus. »Komm, komm. Gib se her. Du be-
schwindelst mich nich.«
Lennie zögerte, trat zurück und blickte wild die Buschlinien entlang,
als überlege er, in die Freiheit zu entrinnen. George sagte kühl: »Gib-
ste mir die Maus, oder muß ich dich erst versohlen?«
»Was soll ich dir geben?«
»Verflucht, du weißt wohl, was. Die Maus will ich haben.«
Widerstrebend griff Lennie in seine Tasche. Seine Stimme brach fast.
»Weiß nich, warum ich se nich behalten darf. Is doch niemands
Maus. Hab se nich gestohlen. Hab se dicht am Weg liegen sehn.
Georges Hand blieb befehlend ausgestreckt. Langsam, wie ein Terri-
er, der keine Lust hat, seinem Herrn den Ball zu bringen, näherte sich
Lennie, zog sich zurück, kam wieder näher. George schnappte scharf
mit den Fingern. Daraufhin legte Lennie die Maus in seine Hand.
»Wollte doch nix Schlechtes damit machen, George. Bloß streicheln.«
George erhob sich und schleuderte die Maus, so weit er konnte, ins
dunkle Gebüsch, und dann ging er zum Teich und wusch sich die
Hände. »Narr, verrückter. Denkst, ich konnte nich sehn, daß deine
Füße naß waren, wo du über den Fluß gegangen bist, um se zu ho-
len?« Er hörte Lennies wimmernde Schreie und ging erregt umher.
»Flennst wie 'n Baby! Jesus Christus! Ein großer Bursche wie du!«
Lennies Lippen bebten, Tränen stürzten in seine Augen. »Ach, Len-
nie!« George legte die Hand auf seine Schulter. »Hab‘ se dir nich aus
Gemeinheit weggenommen. Sieh, die Maus war nich frisch, Lennie.
427
John Steinbeck
Außerdem haste se beim Streicheln durchgebrochen. Find dir 'ne an-
dre Maus, und wenn se frisch is, darfst du se 'n bißchen behalten.«
Lennie hockte auf den Boden nieder und ließ den Kopf niederge-
schlagen hängen. »Weiß doch nich, wo eine andre Maus is. Ich erin-
ner‘ mich, eine Dame gab mir immer welche - jede Maus, die sie
kriegen konnte. Aber die Dame is nich hier.«
George blickte spöttisch drein. »Dame? Puh - besinnst dich nich mal,
wer die Dame war. War deine eigne Tante Klara. Und schließlich hat
se dir keine mehr gegeben. Weil du se immer tot machtest.«
Lennie sah traurig zu ihm auf. »Se waren so klein«, sagte er entschul-
digend. »Ich hab se gestreichelt, und bald bissen se mich in de Finger
und dann zwickte ich se 'n bissei am Kopf -- und schon war‘n se tot -
weil se so klein war'n. Ich wünschte, wir könnten bald ein paar Ka-
ninchen fangen, George. Die sind nich so klein.«
»Zum Teufel mit den Kaninchen. Und dir kann man keine lebende
Maus anvertrauen. Deine Tante Klara gab dir eine Gummimaus,
aber du wolltest nix damit zu tun haben.«
»War nich gut zu streicheln«, erklärte Lennie.
Das flammende Licht des Sonnenuntergangs verschwand hinter den
Berggipfeln, und Dämmerung schlich sich ins Tal. Halbdunkel legte
sich um die Weiden und die Maulbeerbäume. Ein großer Karpfen
tauchte an der Oberfläche des Teiches auf, schnappte Luft und ver-
sank geheimnisvoll wieder ins dunkle Wasser, während oben sich Rin-
ge bildeten und immer größere Kreise zogen. Oben fegten die Blätter
wieder dahin, und kleine Bäuschchen Weidenwolle schwebten nieder
und landeten an der Oberfläche des Wassers.
»Gehste jetz das Holz holen?« fragte George.
»Gibt'n Haufen dort gradewegs hinter dem Maulbeerbaum. Ange-
schwemmtes Holz. Nu geh und hol‘s.«
Lennie ging hinter den Baum und brachte einige trockene Blätter und
kleine Zweige. Er schichtete sie auf einen Haufen über der alten
Asche und ging nochmals und holte immer mehr. Es war beinahe
Nacht geworden. Ein Paar Taubenflügel glitt übers Wasser. George
ging zur Feuerstelle und zündete die dürren Blätter an. Die Flamme
prasselte durch die Zweige und breitete sich aus. George schnürte sein
Bündel auf und förderte drei Büchsen Bohnen zutage. Er stellte sie
ans Feuer, dicht gegen die Glut, doch so, daß die Flamme sie nicht
berührte.
»Genug Bohnen für vier Mann«, sagte George. Lennie beobachtete
428
M>n Mäusen und Menschen
r
ihn über das Feuer hinweg. »Ich esse sie gern mit Ketchup«, wieder-
holte er gelassen. »Na, wir ha‘m aber keins«, brauste George auf;
»immer was wir nich ha‘m, das willste. Allmächt‘ger Gott, wär ich
alleine, wie leicht könnt ich leben. Könnte Arbeit kriegen und schaf-
fen, und keine Sorgen. Und Ende des Monats könnt ich meine fünfzig
Dollar oder mehr einstreichen und zur Stadt gehn und damit ma-
chen, was ich wollte. Könnte die ganze Nacht ausbleibcn. Könnte es-
sen, wo ich wollte, im Hotel oder wo's mir einfiele, und bestellen,
worauf ich Lust hätte. Jeden verflixten Monat könnt ich das alles
machen. Könnte eine Gallone Whisky haben oder in einer Spielhalle
sitzen und Karten oder Billard spielen.« Lennie kniete und blickte
über das Feuer auf den erbosten George. Sein Gesicht verzog sich vor
Schrecken. »Und was hab ich?« fuhr George wütend fort. »Dich hab
ich! Du kannst bei keiner Arbeit bleiben, und durch dich verlier ich
jede Arbeit, die ich kriege. So schieb ich die ganze Zeit übers ganze
Land. Und das is noch nich das Schlimmste. Du rennst ins Unglück.
Du stellst schlimme Sachen an, und ich muß dich raushauen.« Seine
Stimme erhob sich fast zum Schreien. »Du verrücktes Mannsbild.
Dank dir macht man mir immer die Hölle heiß.« Er schlug um in den
gezierten Ton kleiner Mädchen, wenn sie einander nachmachen.
»Wollte bloß das Kleid des Mädchens anfühlen - bloß es streicheln,
als ob's 'ne Maus wär -- wie zum Teufel konnte se wissen, daß du bloß
ihr Kleid anfühlen wolltest? Sie prallt zurück und du hältst sie fest, als
wär's wahrhaftig eine Maus. Sie schreit, und wir müssen uns in einem
Abzugsgraben verstecken, und den lieben langen Tag suchen uns die
Burschen, und wir müssen uns im Dunkeln rausschleichen und aus
dem Staube machen. Und immer so was - immerfort. Wollt, ich
könnt dich in einen Käfig stecken mit einer Million Mäuse und dich
deinen Spaß haben lassen.«
Sein Ärger war plötzlich verflogen. Er stih durch das Feuer hindurch
Lennies angstverzerrtes Gesicht, und beschämt starrte er in die Flam-
men.
Es war jetzt stockdunkel, aber das Feuer erleuchtete die Baumstämme
und die gebogenen Äste zu ihren Häupten. Langsam und vorsichtig
kroch Lennie um das Feuer herum, bis er dicht bei George war. Dann
setzte er sich rücklings auf die Fersen. George drehte die Bohnen-
büchsen um, so daß eine andere Seite zum Feuer gekehrt war. Er tat,
als bemerkte er nicht, daß Lennie so nah bei ihm war.
»George«, tönte es sanft. Keine Antwort.
429
John Stein beck
»George!«
»Was willste?«
»Ich habe nur Unsinn gemacht, George. Ich will gar kein Ketchup.
Ich würde keins essen, wenn es hier neben mir stünde.«
»Wenn welches hier wäre, könnste‘s haben.«
»Aber ich würde keins nehmen, George. Ich würde dir alles lassen.
Könntest deine Bohnen ganz damit bedecken, und ich würde nix da-
von anrühren«.
George starrte immer noch trübsinnig auf das Feuer. »Wenn ich den-
ke, wie flott ich‘s ohne dich haben könnte, dann werd ich verrückt. Ich
komm nie zur Ruhe.«
Lennie kniete noch immer. Er schaute zum Fluß hin ins Dunkel.
»George, möchtst du, daß ich weggehe und dich allein lasse?«
»Wo, zum Teufel, könntest du hingehn?«
»Könnte schon. Könnte dort in die Berge gehn. Irgendwo würd ich
'ne Höhle finden.«
»Ja was! Was würdste essen? Hast nicht Verstand genug, um was zu
essen zu finden!«
»Würde schon finden, George. Brauch kein feines Essen mit Ketchup.
Würde in der Sonne liegen und keiner würde mir weh tun. Un wenn
ich 'ne Maus fände, könnt ich se behalten. Keiner würde se mir neh-
men.«
George blickte ihn ruhig und forschend an. »Ich war gemein, was?«
»Wenn de mich nich mehr willst, kann ich in die Berge fortgehn und
'ne Höhle finden. Kann jederzeit fortgehn.«
»Nein, sieh, Lennie, ich hab bloß dummes Zeug geredet. Ich will
doch, daß de bei mir bleibst. Das Elend mit den Mäusen is, daß de se
immer umbringst.« Er hielt inne. »Weißte was, Lennie. Sobald es
geht, geb ich dir 'n jungen Hund. Den würdste vielleicht nich töten.
Der wär besser als Mäuse. Und du könntest ihn doller streicheln.«
Lennie ließ sich nicht ködern. Er spürte seinen Vorteil. »Wenn de
mich nich mehr willst, brauchst es bloß zu sagen, und weg bin ich dort
zwischen den Hügeln - da kann ich für mich leben. Und keiner stiehlt
mir keine Maus nich.«
George antwortete: »Ich will, daß de bei mir bleibst. Jesus Christus,
wenn de allein wärst, würd dich jemand niederschießen, als wärste 'n
Präriewolf Nein, du bleibst bei mir. Deine Tante Klara möcht‘s nich
ha‘m, daß du alleine losliefst, selbst wenn se tot is.«
Lennie sagte pfiffig: »Erzähl mir — wie früher.«
430
Von Mäusen und Menschen
»Was erzählen?«
»Von den Kaninchen.«
George ging hoch. »Du sollst mir nichts weismachen.« Lennie bettel-
te: »Komm, George. Erzähl mir. Bitte, George. Wie früher.«
»Das macht dir Spaß, wie? - Meinetweg‘n. Ich will dir erzählen, und
dann woU‘n wir zu Nacht essen.«
Georges Stimme bekam einen tieferen Klang. Er sagte die Worte
rhythmisch her, als hätte er schon viele Male das gleiche gesagt. »Leu-
te wie wir, die auf Farmen arbeiten, sind die einsamsten Geschöpfe
auf der Welt. Haben keine Familie. Gehören nirgends hin. Sie kom-
men auf eine Farm und legen was auf die hohe Kante, und dann
gehn se zur Stadt und hui fliegt das auf, was se verdient ha‘m. Das
nächste is, daß se‘s auf ner andern Farm probieren. Se sehn nix vor
sich.«
Lennie war wie verzückt. »So is es - so is es. Nu sag, wie‘s mit uns is«.
George fuhr fort. »Nich so mit uns. Wir ham ne Zukunft. Wir ha‘m
jemand, mit dem wir reden können, das tut verflucht gut. Wir brau-
chen nich im Wirtshaus zu sitzen un unsern Verdienst in de Luft zu
blasen, bloß weil wir nich wissen, wohin sonst. Wenn so‘n Bursche ins
Kittchen kommt, dann geht er zugrund, und jeder verdammt ihn.
Aber mit uns is es nich so.«
Hier fiel Lennie ein. »Nich so mit uns! Un warum? Weil . . . weil du fiir mich
sorgst, und du hast mich, um fiir dich zu sorgen, und darum ...« Er lachte vor
Seligkeit.
»Weiter, George.«
»Du kannst's auswendig. Kannst selber weiter machen.«
»Nein, du. Ich hab ‘n paar Sachen vergessen. Erzähl, wie‘s sein wird.«
»Also gut. Eines Tages schmeißen wir unsern Verdienst zusammen un
kaufen ‘n kleines Haus und ‘n paar Acker Land und ‘ne Kuh und ‘n
paar Schweine un . . .«
mn leben vom Fett der Erde«, rief Lennie aus. »Un ha‘m Kaninchen. Wei-
ter, George. Erzähl, was wir im Garten ha‘m werden un von den Ka-
ninchenställen un v'om Regen im Winter und dem Ofen, und wie dick
der Rahm auf der Milch is, daß man‘n kaum schneiden kann. Erzähl
davon, George.«
»Na tu‘s doch selbst. Weißt es alles.«
»Nein - erzähl du. Is nich dasselbe, wenn ich erzähle. Weiter, George.
Wie ich de Kaninchen versorgen werde!«
»Also«, sagte George. »Wir werden ‘n großes Gemüsebeet ha‘m und
431
John Stänbeck
‘n Kaninchenstall und Hühner. Un wenn‘s im Winter regnet, dann
sagen wir: >zum Teufel mit der Arbeiu, un machen uns ‘n Feuer im
Ofen und sitzen drum rum un hörn auf den Regen, wie er aufs Dach
platscht ... Ach Quatsch.« Er nahm sein Taschenmesser heraus.
»Hab keine Zeit mehr.« Er trieb sein Messer durch den Deckel der
einen Bohnenbüchse, sägte diesen aus und reichte Lennie die Büchse.
Dann öffnete er die zweite. Aus der Seitentasche zog er zwei Löffel
heraus und gab Lennie den einen.
Sie saßen am Feuer und stopften sich den Mund voll Bohnen und
kauten mächtig. Ein paar Bohnen schlüpften Lennie zum Mund her-
aus. George machte ihm ein Zeichen mit dem Löffel. - »Was sagste
morgen, wenn der Chef dich ausfragt?«
Lennie hielt mit Kauen und Schlucken inne. Man sah die Konzentra-
tion auf seinem Gesicht. »Ich ... ich ... werd nich ‘n Mucks sagen.«
»Braver Junge! Das is gut, Lennie! Kann sein, daß es besser mit dir
wird. Wenn wir die paar Acker Land krieg'n, dann kann ich dich die
Kaninchen versorg'n lassen. Besonders, wenn du so ein gutes Ge-
dächtnis hast wie jetz.«
Lennie schnappte nach Luft vor Stolz. »Ich kann's behalten«, sagte er.
George fuchtelte wieder mit dem Löffel umher. »Paß auf, Lennie. Ich
möchte, daß du dich hier gut umsiehst. Kannst du dir diesen Platz
merken, he? Die Farm liegt etwa eine Viertelmeile von hier in dieser
Richtung. Immer den Fluß entlang. Kapiert?«
»Bestimmt«, sagte Lennie. »Das kann ich behalten. Hab ich‘s nich
auch behalten wegen kein Mucks nich sag‘n ?«
»Freilich. Nu gib acht. Wenn‘s wieder passieren sollte, daß du ins
Unglück rennst, wie bis jetz immer, dann möcht ich, daß de genau
nach hier kommst und dich im Gebüsch verstecken tust.«
»Im Gebüsch verstecken«, sprach Lennie langsam nach.
»Im Gebüsch verstecken, bis ich dir nachkomme. Kannste das behal-
ten?«
»Bestimmt, George. Im Gebüsch verstecken, bis du mir nach-
kommst.«
»Aber de wirst nich ins Unglück rennen, denn wenn‘s so kommt,
dann laß ich dich nich de Kaninchen versorgen.« Er schmiß die leere
Bohnenbüchse ins Gebüsch.
»Ich werd nich ins Unglück rennen, George. Ich werd kein Mucks
nich sagen.«
»Recht so. Bring dein Bündel hierher zum Feuer, ‘s wird fein sein, hier
432
Kommentar
zu schlafen. Hochgucken. Und de Blätter. Schichte kein Feuer mehr
auf. Wollen‘s ausgehn lassen.«
Sie richteten sich im Sand ihr Lager her, und wie die Glut zusammen-
fiel, wurde der Lichtkreis des Feuers kleiner. Die Blätter kräuselten
sich und verschwanden, und nur noch ein schwacher Schimmer ließ
erkennen, wo die Baumstämme waren. Aus der Dunkelheit tönte
Lennies Stimme: »George, schläfst du?«
»Nein. Was willste?«
»Wir wolln Kaninchen von verschiedner Farbe ha‘m, George.«
»Klar«, murmelte George schläfrig. »Rote und blaue und grüne Ka-
ninchen. Millionen, wenn de wülst.«
»Mit dickem Fell, George, wie ich auf dem Markt in Sacramento ge-
sehn hab.«
»Ja, ja, mit dickem Fell.«
»Denn ich kann grad so gut fortgehn, George, und in ‘ner Höhle leben.«
»Kannst grad so gut zum Teufel gehn«, sagte George. »Jetz halt‘s
Maul.«
Der rote Schein auf den Kohlen verglomm. Auf dem Hügel am Ufer
heulte ein Präriewolf, und von der anderen Seite des Flusses gab ein
Hund Antwort. Die Maulbeerbäume säuselten unter einem leisen
nächtlichen Windhauch.
Kommentar
Im Roman »Von Mäusen und Menschen» von John Steinbeck wird
das teilweise abenteuerliche Zusammenleben zweier Freunde, von
denen der jüngere offensichtlich intelligenzgemindert ist, in einer z- T.
sehr liebenswürdigen und verständnisvollen Weise geschildert, ohne
die Jur den älteren Freund entstehenden Belastungen auszusparen. Eine genaue
graduelle Einordnung der Intelligenzmnderung ist aufgrund der zu geringen
Informationen nicht möglich. Es besteht aber sicherlich eine deutliche intellektuelle
Minderbegabung, u.a. kenntlich daran, dass bereits einfache Problemlösungen und
Handlungsstrategien von dem jüngeren Freund nicht erbracht werden können, und
dass er auch dazu neigt, Wünschen bzw. triebhaften Durchbrüchen nicht in ausrei-
chendem Maße standhalten zu können. Gleichzeitig wird die überstarke Sehnsucht
nach JSähe erkennbar. Es ist schön, dass in der Geschichte nicht nur der Belastungs-
aspekt für den älteren, in verantwortlicher Weise sorgenden Freund beschrieben
wird, sondern auch das positive solidarische Gefiihl der Gemeinsamkeit und Mit-
menschlichkeit.
433
t
F8: Entwicklungsstörungen
Umschriebene Entwicklungsstörungen wurden im deutschen Sprach-
raum bislang als Teilleistungsstörungen bezeichnet, die lange Zeit mit
verschiedenen emotionalen Störungen unter den Begriffen »minimal
cerebral dysfunction« bzw. »minimal brain dysfunction« subsumiert
wurden. Diese Begriffe sind überholt und sollten nur für die kleine
Gruppe von Kindern verwendet werden, die tatsächlich eine neuro-
logische, neuroradiologische oder neurophysiologisch nachweisbare
Schädigung des Gehirns aufweisen. Die umschriebenen Entwick-
lungsstörungen sind als eigenständige Bereiche herausgelöst worden
und können in allen Leistungsbereichen auftreten. Von klinischer und
kultureller Bedeutung sind insbesondere Störungen, die zu Schwie-
rigkeiten in der Schule oder anderen Leistungsbereichen führen.
Bei der umschriebenen Entwicklungsstörung der motorischen Funk-
tionen ist das Hauptmerkmal eine Entwicklungsbeeinträchtigung der
motorischen Koordination, die nicht allein durch eine Intelligenz-
minderung oder eine spezifische angeborene oder erworbene neuro-
logische Störung erklärbar ist. In den meisten Fällen zeigt eine sorg-
fältige klinische Untersuchung dennoch deutliche entwicklungsneu-
rologische unreife Zeichen, ebenso wie Zeichen einer mangelhaften
fein- oder grobmotorischen Koordination.
435
Sten Nadolny
Das Dorf
aus: Sten Nadohy. Die Entdeckung der Langsamkeit.
© 1983, 2003 by Piper Verlag GmbH, München
Einführung
Der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny Qahrgang 1942), Sohn
des Schriftstellerehepaares Burkhard und Isabella Nadolny, ist
promomerter Historiker, war zeitweilig Studienrat und Außiah-
meleiter beim Film, ehe er 1980 freier Autor wurde. Er debütierte
mit dem ursprünglich auf einem von ihm verfassten Drehbuch basierenden Roman
»Netzkarte« (1981). Schon sein zweiter Roman »Die Entdeckung der Langsam-
keit« ( 1 983), für dessen fünftes Kapitel er bereits 1 980 den Ingeborg-Bachmann-
Preis erhielt, wurde in alle Weltsprachen übersetzt.
»Die Entdeckung der Langsamkeit« erzählt in einer sympathisch gekonnten Kreu-
zung aus Abenteuer- und Entwkkliingsroman die Geschichte des englischen Sefah-
rers, Nordpolforschers und Entdeckers der Nordwest-Passage John Franklin (1786
bis 1847), der es bis zum Gouverneur Australiens brachte, ehe er an einem Schlag-
anfall auf seiner dritten Expedition ins ewige Eis starb. Fiktion und historische
Realität werden dabei ebenso souverän wie unaufdringlich ineinander verwoben.
Zwar bieten historisch verbürgte biographische Fakten Franklins das Bett des Er-
zählflusses, entscheidend ist jedoch die literarische Zutat Nadolnys: Er macht sei-
nen Protagonisten langsam - im Denken, im Sprechen und im Handeln. Auf diese
Weise widersetzt sich Franklin dem Zeitgeist einer auf Beschleunigung ausgerichte-
ten Epoche der Industrialisierung und der Suche nach dem schnellen Erfolg. Die
vermeintliche Schwäche des Außenseiters, der als Kind nicht einmal einen Ball
fangen kann, erweist sich schließlich als Stärke, die auf Ausdauer, Gründlichkeit
und Gelassenheit beruht. Das erst macht die Humanität dmer hinreißend sympa-
thischen Figur aus. Dies ist jedoch keine scharf ideologische Zkilisationskritik,
sondern der Beweis dafür, dass man Forscher, Entdecker und Mensch zugleich sein
kann. Franklin zeigt mit säner Langsamkeit, welche Voraussetzungen eine humane
Gesellschaft haben könnte, die zugleich auf Verantwortung aufbaut. Bestraft wird
er nur von der Politik, die er nicht von den Grundlagen seines humanen Gesell-
schaftsideales überzeugen kann. Die bedächtige Art John Franklins jedoch beweist
437
Sten Nadobiy
zuktit, dass Vita activa uni Vita contemplatwa keine unvereinbaren Gegensätze
San müssen, solange man sich auf Humanität und Vernunfi besinnt.
Weiterfuhrende Literatur:
Ralph Kopeiß: Sten Nadolny »Die Entdeckung der Langsamkeit«. Interpretationen.
Oldenbourg 1995
Das Dorf
John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch
immer so langsam, daß er keinen Ball fangen
konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom
tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in
seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut
wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem
Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet
wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in
Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah
der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend.
Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur
stehen und eine Schnur halten konnte. Er stand so ruhig wie ein
Grabkreuz, ragte wie ein Denkmal. »Wie eine Vogelscheuche!« sagte
Tom Barken
Dem Spiel konnte John nicht folgen, also nicht Schiedsrichter sein. Er
sah nicht genau, wann der Ball die Erde berührte. Er wußte nicht, ob
es wirklich der Ball war, was gerade einer fing, oder ob der, bei dem er
landete, ihn fing oder nur die Hände hinhielt. Er beobachtete Tom
Barken Wie ging denn das Fangen? Wenn Tom den Ball längst nicht
mehr hatte, wußte John: das Entscheidende hatte er wieder nicht ge-
sehen. Fangen, das würde nie einer besser können als Tom, der sah
alles in einer Sekunde und bewegte sich ganz ohne Stocken, fehlerlos.
Jetzt hatte John eine Schliere im Auge. Blickte er zum Kamin des
Hotels, dann saß sie in dessen oberstem Fenster. Stellte er den Blick
aufs Fensterkreuz ein, dann rutschte sie herunter auf das Hotelschüd.
So zuckte sie vor seinem Blick her immer weiter nach unten, folgte
aber höhnisch wieder hinauf, wenn er in den Himmel sah.
438
Kommentar
/Kommentar
In der Einleitungsgeschichte am Stan Nadolnys Roman »Die Ent-
deckung der Langsamkeibr luird das Schicksal eines 10-jährigen
Jungen geschildert, der ojfenbar unter einer motorischen Störung lei-
det, die es ihm unmöglich rrmcht, einen Ball zu fangen, was das
Spielen beeinträchtigt. OJfensichtlich ist der Junge, soweit dem kurzen Textauszug
entnommen werden kann, nicht durch andere Störungen beeinträchtigt, insbesondere
scheint sein Sozialverhalten unaijjallig zu sein. Aufgrund der sehr geringen Irfor-
mationsbasis muss aber offen bleiben, ob es sich um eine isolierte Störung der Psy-
chomotorik handelt, oder ob noch andere Störungen vorliegen. Auch bleibt unklar, ob
es sich um eine umschriebene Entwieklungsstörung handelt oder um eine spezielle
neurologische Erkrankung im engeren Sinn des Wortes.
439
t
F9: Verhaltens- und emotionale Störungen mit
Beginn der Kindheit und Jugend
Zu dieser heterogenen Gruppe von Störungen gehört u.a. das Auf-
merksamkeits- und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). ADHS gehört
zu den häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen.
Sie setzt meist vor dem 6. Lebensjahr ein, erreicht aber oft erst nach
der Einschulung eindeutig störende Ausmaße, da erst dann die Kin-
der damit konfrontiert sind, wesentliche Teile des Tages im Sitzen
verbringen zu müssen. In unselektierten Populationen sind Jungen
dreimal häufiger, in Klinikpopulationen sogar sechs- bis neunmal
häufiger betroffen als Mädchen. In den meisten Fällen bleibt die Ur-
sache ungeklärt. Ein einheitliches Erklärungskonzept fehlt. Orga-
nische Faktoren sind in Form von diskreter Hirnfunktionsstörung be-
teiligt sowie mit pränatalen Traumen oder genetischen Faktoren
vorstellbar. Sie sind dann anhand von zerebralen Dysfunktionen, um-
schriebenen Entwicklungsstörungen und feinen neurologischen Aus-
fällen erkennbar (Koordinierungsstörungen, assoziierte Bewegung).
Auf genetische Einflüsse verweisen das ungleiche Geschlechterver-
hältnis und der Befund über die in der Familie vorkommende Häu-
fung von hyperaktivem Verhtilten und kognitiven Defiziten. Das
ADHS gehört zu den klassischen Indikationen für eine modale The-
rapie, bei der psychopharmakologische Ansätze (Stimulanzien wie
z.B. Methylphenidat und neuerdings Atomoxetin) verbunden werden
mit psychosozialen Maßnahmen. Bei einem Teil der Kinder bildet
sich die Symptomatik im Jugendalter zurück und ist später nicht er-
kennbar. Bei einem anderen Teil bleibt die Störung im Erwachsenen-
alter persistent.
441
Heinrich Hqffmann
Die Geschichte vom Zappel-Phüipp
aus: Heinrich Hqfjrnmn. Der Stnmmelpeter. Lustige Geschichten.
© o.J. by Xenos Verlagsgesdlschqß, Hamburg
Einführung
Heinrich Hoffirmnn (1809-1894) war nicht nur der erste Kin-
derbilderbuchautor von Rang und Verfasser des allseits bekannten
»Struwwelpeter« (1845), sondern ein politisch leidenschaßlich
engagiertes Mitglied der ersten deutschen Nationalversammlung in
der Fran/ßirter Paulskirche. In erster Linie aber war er Arzt, der in Heidelberg,
Halle und Paris studiert hatte. Neben seiner politischen Tätigkeit, die ihn mit einer
Vielzahl von Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten in Verbindung brachte,
machte er Karriere als angesehener Psychiater, deren Höhepunkt die 1851 über-
nommene Leitung der Franißurter Anstalt ßir Irre und Epileptische war. Die
grundlegende und zukunftsbeslimmende Reformierung dieser Klinik darf als
Glanzleistung seines Lebens betrachtet werden.
Erst 1888 ging der ambitionierte Arzt und vom Reformgedanken durchdrungene
Anstaltsplaner, nach dessen Vorstellungen schließlich auch das weltberühmte Zür-
cher Burghölzli erbaut wurde, im Alter von 79 Jahren in Pension. Wenige Wochen
später wird Alois Alzheimer für ein Jahresgehalt von 1200 Mark Assistent der
Klinik (vgl. Konrad und Ulrike Maurer: Alzheimer, 1998).
Der »Struwwelpeter» begründete nicht nur die Gattung des Kinderbilderbuchs im
deutschsprachigen Raum, sondern formulierte auch erstmals aus der Perspektive des
Kindes dessen Rechte. Seine Entstekurg verdankte das Buch der entrüsteten Ableh-
nung Hoffmanns dessen, was er an zeitgenössischen gelehrten und moralisierend
ideal typisierenden Kinderbüchern vorfand. Der Familienvater griff daraufhin kurz
entschlos.sen selbst zur Feder und zeichnete und reimte für seinen Sohn Carl eine
Reihe von Geschichten, die rasch für Aufsehen sorgten. Die Erstausgabe unter dem
Titel »Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 kolorierten Tafeln für Kinder
von 3 bis 6 Jahren« erschien noch unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb, ehe
es der angesehene Arzt wagte, sich ab Autor zu bekennen.
Heute ist der »Struwwelpeter« in einer Auflage von mehr als 15 Millionen Exem-
plaren in allen wichtigen Sprachen weltweit bekannt.
443
Heinrich Hqffmann
Weikijuhrmde LiUratur:
Marie Luise Konneker: Dr. Heinrich Hqffmanns »Struwwelpeter«. Untersuchun-
gen zur Entstehungs- und Funktionsgeschichte eines bürgerlichen Bilderbuchs.
Metzler 1977
Die Geschichte vom Zappel-Philipp
mul (lii- Mutier liliekle slumm
auf «lern i^aii/en I Im h Itemin.
Dih H der l’hili|)|> horte nii hl.
\\a' /u ihm der \’al< r ^prieht.
I.r t'atikell imd 'a'liaukell.
er lrap|M-ll und /ap|H-ll
auf dem Stuhli* hin und her.
'd’hilip)). <ko miilfalll mir 'ehrl-
444
■Die Geschichte vom Rappel-Philipp
bis der Stuhl nach liintrn f^llt:
da ist nichts mehr, was ihn hält;
nach dem Tischtuch
greift er, schreit.
Otx-h was hilft 's?
Zu gleicher Zeit
fallen Teller. Flasch und Brot.
\ater ist in gntßer Not
und die Mutter blicket stumm
auf dem gatizen Tisch herum.
445
Heinrich Hqffinann
Nun ist der Philipp
g!u\z versteckt
und der Tisch ist abgedeckt,
was der Vater essen wollt,
unten auf der Erde rollt;
Suppe, Brot und alle Bissen,
alles ist heral)gerissen;
.Suppenschüssel ist entzwei
und die Eltern stehn dabei.
Beide sind gar zornig sehr,
haben nichts zu essen mehr.
446
Kommentar
Kommentar
»Die Geschichte vom ^ppd-Philipp« des Arztes und Familienva-
ters Heinrich Hoffinann fflt als paradigmatisches Beispiel ßir das
Hyperkinetische Syndrom bzw. das Außnerksamkeits- und Hyper-
aktivitäts-Syndrom (ADHS) im Kindes- und Jugendalter. Als hy-
peraktiv wird ein Kind bezeichnet, das eine ßir sein Alter inadäquat ausgeprägte
motorische Hyperaktivät, erhöhte Impulsivität sowie emotional und sozial störende
Verhaltensweisen, wie erhöhte Erregbarkeit oder Irritierbarkeit, aufweist.
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Fotonachweis
Archiv Verlag C.H. Beck (S. 323); Armin Ayren (S. 221); Jerry Baur
(S. 38); Carl Hanser Verlag (S. 118); Philipp Horak (S. 370); Interfoto
Büdverlag (S. 105, 202, 225, 277, 3 1 1 , 33 1 , 403, 4 1 1 , 4 1 5, 42 1 , 438,)
Rowohlt Verlag (S. 46, 78); Suhrkamp Verlag/ Simone Sassen (S. 232);
Carl van Vechten (S. 256)
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